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Lilli und das Drachenei

Über dieses Buch

Von knurrenden Kuckucksuhren, singenden Salzstreuern und Drachen, die aus Eiern schlüpfen: Am liebsten verbringt Lilli ihre Zeit in Theos magischem Zauberladen, wo sie dem launischen Hausschwein Ida Kunststücke beibringt. Doch an diesem Tag ist alles anders. Im nahegelegenen Wald findet Lilli ein riesiges Ei, das dort wie vergessen herumliegt. Schon bald schlüpft daraus ein echter Drache, und Lilli ist außer sich vor Freude: Endlich hat sie ihr eigenes Haustier – und ein ganz besonderes noch dazu! Denn Igor kann nicht nur sprechen und fliegen, sondern auch Feuer spucken. Da werden der blöden Benita, dieser Angeberin, vor Neid bestimmt die Augen aus dem Kopf fallen, denkt sich Lilli. Doch wer hätte gedacht, dass das Zusammenleben mit einem Drachen gar nicht so einfach ist, denn auch Feuerspucken will schließlich gelernt sein!

Über die Autorin

Sandra Klocke wurde im Ruhrgebiet geboren, wo sie auch heute noch lebt. Mit ihrem Mann und ihren Kindern flüchtet sie aber regelmäßig aus der Stadt an die Nordsee. Sie hat Sozialwissenschaften studiert, ihre wahre Leidenschaft gehört jedoch dem Schreiben. Lilli und das Drachenei ist ihr erstes Kinderbuch.

Über die Illustratorin

Franziska Harvey wurde 1968 in Frankfurt am Main geboren und verbrachte einen großen Teil ihrer Kindheit in Buenos Aires. Sie studierte Grafikdesign mit den Schwerpunkten Illustration und Kalligrafie. Seither arbeitet sie als freie Illustratorin und hat bereits weit über hundert Bücher für viele bekannte Autoren und Verlage bebildert. Sie lebt mit ihren Kindern, Hund und Katze in Frankfurt.

BASTEI ENTERTAINMENT

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Wie Lilli etwas findet, das sie gar nicht gesucht hat

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Draußen brach schon die Dämmerung an. In der Zauberbude aber lag Lilli auf einem großen Sofa und fütterte Ida mit bunten Schokolinsen. Die Zauberbude war ein kleines Geschäft, das Theo gehörte, dem Freund von Lillis Mutter. Und Ida war ein sprechendes Schwein, das einzige, das es weit und breit gab.

Lilli selbst war neun Jahre alt. Sie hatte langes braunes Haar, das in großen Locken über ihre Schultern fiel. Ihr Gesicht war übersät mit Sommersprossen, die so aussahen, als wäre ein kleiner Käfer darüber gelaufen und hätte dort seine Fußspuren hinterlassen.

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Morgens war Lilli immer fürchterlich müde, abends aber war sie stets hellwach. Ihre Haare kämmte sie nur, wenn Mama darauf bestand, und meistens trug sie ziemlich bunte Kleidung. Lilli liebte Kaugummi mit Erdbeergeschmack, Sommerferien und Vanillepudding. Hausaufgaben und ihre Mathematiklehrerin konnte sie dagegen nicht leiden.

Am allermeisten aber mochte Lilli den kleinen Laden in der Pfefferkuchengasse, in dem Theo Zauberbedarf verkaufte: von Anti-Fledermaus-Spray bis Zungenjuckpulver. Theo sagte ihr nie, sie solle endlich ihre Hausaufgaben machen. Bei ihm konnte sie tun und lassen, was sie wollte.

Lilli verbrachte viel Zeit in der Zauberbude, die spannender war als jeder Abenteuerspielplatz. Hier gab es ein kleines Trampolin, das bei jedem Sprung bunte Plastikblumen in die Luft schleuderte, und ein Schaukelpferd, das muhte. Und hier konnte sie mit Arthur spielen. Arthur war ein Hase, der noch keine Arbeit als Zaubergehilfe gefunden hatte. Die meisten Zuschauer wollten nämlich lieber weiße Kaninchen aus Zylindern hüpfen sehen, keine braunen Feldhasen, wie er einer war. Deshalb wohnte Arthur nun bei Theo in der Zauberbude. Dort ließ er sich mit Vorliebe von Lilli das Fell kraulen.

Manchmal bekam Lilli hier auch Besuch von ihrem besten Freund Max, der mit ihr zusammen Zaubertricks übte oder Mensch ärgere dich nicht spielte.

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Im Moment aber versuchte Lilli, Ida ein paar Kunststücke beizubringen.

»Also«, sagte sie, »ich werfe die Schokolinse, du fängst sie mit der Nase auf, schleuderst sie noch einmal in die Höhe und schnappst sie dir danach mit dem Mund.«

»Schweinverstanden«, grunzte Ida.

Im Hintergrund pfiff ein Teekessel und schoss dabei ein Stück Würfelzucker quer durchs Zimmer.

Lilli fischte eine rosa Schokolinse aus der Packung und zielte mit der Süßigkeit genau auf Idas Rüssel. Das Schwein verfolgte die fliegende Linse mit dem Blick, hob in letzter Sekunde den Kopf ein Stück in die Höhe und sperrte sein Maul weit auf. Die Schokolinse landete genau auf Idas Zunge – ohne irgendeinen Salto.

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»Falsch«, stöhnte Lilli, während das Schwein zufrieden kaute. »Ganz falsch.«

Es war genau vier Uhr nachmittags. Ein kleines Krokodil schaute aus der Kuckucksuhr hervor, knurrte und streckte Lilli dabei vier Mal hintereinander die Zunge heraus.

Theo schlurfte gemächlich in den Verkaufsraum. Ein Dutzend Kristallkugeln kullerten kreuz und quer über den Boden und hüpften kichernd zur Seite, als er an ihnen vorüberging. Mitleidig beobachtete er Lillis Bemühungen.

»Ich fürchte, das wird nichts«, meinte er dann. »Ich will Ida schon seit Jahren ein paar Kunststücke beibringen, aber bisher weigert sie sich hartnäckig.«

Bevor Ida Theo begegnet war, hatte sie im Stadtpark gelebt und Abstand zu allen Tieren gehalten, die es dort gab, sogar zu Hasen und Maulwürfen. Und zu Menschen sowieso. Dann aber war Theo eines Tages in den Park gestapft, mit einem großen Korb in der Hand, um Pilze zu suchen. Gefunden hatte er allerdings nur Ida.

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Sie hatte an seinen Schuhen geschnüffelt, einen kritischen Blick auf seine Haare geworfen, sich vor Lachen auf dem Boden gewälzt und war ihm dann nach Hause gefolgt. Dort hatte sie lautstark einen Teller Spaghetti verlangt und das einzige Bett im ganzen Haus. Und da war sie dann geblieben.

»Bisher hast du mich ja auch noch nie mit Süßigkeiten bestochen«, entgegnete das Schwein jetzt schmatzend. Dann wandte es sich wieder an Lilli. »Nun hätte ich gern noch ein paar Wurzeln«, sagte es. »Die findet man draußen. Im Wald.«

Lilli warf einen Blick aus dem Fenster und stöhnte leise. Sie hatte nicht die geringste Lust, zwischen den Bäumen nach Schweinefutter zu suchen. Aber sie musste Ida bei Laune halten, und das war einzig und allein Benitas Schuld.

Benita und Lilli besuchten dieselbe Klasse, konnten einander aber nicht ausstehen. Benita war die Tochter des Zoodirektors und einen ganzen Kopf größer als Lilli. Sie wohnte im Tiergarten, in einem großen Haus, das direkt neben dem Affengehege lag. Dort feierte sie jeden ihrer Geburtstage. Dabei gab sie immer so fürchterlich an, dass alle anderen Kinder Bauchweh vor Neid bekamen.

Ihre Gäste durften auf Elefanten und Kamelen reiten, Zuckerwatte und Popcorn essen, Waschbären füttern und Krokodile beobachten, bis sie glaubten, den schönsten und spannendsten Tag ihres ganzen Lebens erlebt zu haben. Lillis eigene Geburtstage, auf denen es nur Luftschlangen gab, keine echten, fielen dagegen wesentlich langweiliger aus.

»Wie schade, dass du keine Eisbären hast«, sagte Benita immer, wenn sich alle Kinder zum Topfschlagen versammelten. »Wirklich ein Jammer! Faultiere gibt es hier auch nicht, wie ich sehe. Und auch keinen einzigen Schimpansen, nicht wahr?«

In den letzten Jahren hatte Lilli in diesen Momenten mit zusammengebissenen Zähnen gelächelt und insgeheim gebrodelt vor Wut. Diesmal aber wollte sie ihren Freunden Ida präsentieren: das einzige Schwein, das nicht nur Schokolinsen fangen, sondern auch mit seinem Ringelschwanz Klavier spielen konnte! Zumindest eine ziemlich langsame Version von Alle meine Schweinchen.

Dummerweise musste Ida für derartige Vorführungen gute Laune haben, und gut gelaunt war sie nur, wenn sie vollgefressen war.

Also stapfte Lilli nun grummelnd aus dem Haus und wäre fast über Theos rosa Ente Mathilda gestolpert. Auf den ersten Blick sah Mathilda so aus, als wäre sie aus Plüsch. Doch in Wirklichkeit stellte sie sich nur schlafend und zwickte mit Vorliebe jeden in den Po, der an ihr vorüberging.

Mit einem lauten »Mjam!« schnappte die Ente auch jetzt nach Lilli. Doch die war zum Glück schneller und zog die Tür hinter sich zu, bevor das nächste Stück Würfelzucker aus dem Teekessel dagegenprallte.

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Die Zauberbude lag direkt am Waldrand, nur einen Steinwurf von Idas geliebten Wurzeln entfernt. Lilli schob sich durch Sträucher und Gestrüpp, über Moos und Pilze hinweg, zwischen Tannen und Fichten hindurch, bis sie auf einmal etwas entdeckte. Neugierig blieb sie stehen. Es war keine Wurzel und auch kein Kiefernzapfen. Es war überhaupt nichts, das man normalerweise im Wald finden würde. Es war … ein Ei. Ein großes Ei. Es war viel größer als ein Hühnerei. Ja, sogar größer als ein Straußenei! Es war rosa, übersät mit goldenen Punkten, und es schillerte in den letzten Strahlen der untergehenden Nachmittagssonne.

Lilli ließ sich auf die Knie sinken und strich ganz vorsichtig darüber. Die Oberfläche war glatt und kühl wie bei einem Stein. Behutsam klopfte sie dagegen.

»Ist da etwas drin?«, fragte sie flüsternd, aber niemand antwortete. Ein paar Sekunden lang wusste Lilli nicht, was sie mit diesem sonderbaren Ding anstellen sollte. Dann hob sie das Ei vorsichtig hoch. Mit gleichmäßigen Schritten trug sie es in die Zauberbude und ließ es langsam zu Boden gleiten.

»Theo!«, rief sie. »Theo! Schau mal, was ich gefunden habe!«

Theo bemühte sich gerade, seine Kristallkugeln einzusammeln, die quer durch die ganze Zauberbude rollten. In einem wilden Zickzacklauf versuchte er, ihnen zu folgen.

»Gänseblümchen!«, antwortete er, ohne auch nur in Lillis Richtung zu blicken.

Dann warf er sich bäuchlings auf den Boden und angelte mit einem Regenschirm nach einer Kristallkugel, die sich unter einem Sessel versteckte. Die anderen Kugeln beobachteten ihn und glucksten dabei vor Lachen.

»Nein«, erwiderte Lilli atemlos.

»Einen Handschuh?«

»Auch nicht.«