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Liebeswunder in Italien

Rebecca Winters

Liebeswunder in Italien

1. KAPITEL

Clara Rossetti lief die steile Treppe zwischen den alten Häusern hinunter, die auf die Piazza Gaspare führte. Sie musste sich beeilen, wenn sie den letzten Bus noch erreichen wollte. Plötzlich rief eine tiefe, männliche Stimme hinter ihr: „Hallo, bella, weißt du, dass du eine bemerkenswert schöne Frau bist?“

Die verführerisch klingende Stimme kam ihr irgendwie bekannt vor. Sie nahm jedoch an, dass der Typ eine andere Frau meinte. Deshalb eilte sie weiter über den belebten Platz zur Bushaltestelle. Zu Hause würde sie sich ein leichtes Abendessen zubereiten und danach ins Bett gehen, denn sie war müde und erschöpft. Morgen würde sie sich wieder besser fühlen.

„Clarissima, du hast mich doch hoffentlich nicht vergessen!“

Vor Überraschung schrie sie leise auf. Natürlich kannte sie diese Stimme. War etwa Tino, der beste Freund, den sie in ihrer Kindheit gehabt hatte, nach neun Jahren zurückgekommen? Valentino Casali war der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der sie jemals Clarissima genannt hatte, eine Kombination aus Clara und Belissima. Sie hatte es eigentlich immer für einen Scherz gehalten, denn sie war als Kind und Teenager etwas rundlich gewesen, so wie alle Rossettis.

Sie drehte sich um und blickte in die dunkelbraunen Augen des attraktivsten Playboys ganz Italiens. Für sie war er jedoch der verlässlichste Partner in den schwierigen Jahren des Erwachsenwerdens gewesen. Mit achtzehn hatte er Monta Correnti verlassen und bei ihr eine Lücke hinterlassen, die kein anderer hatte füllen können.

Jetzt war er ein bekannter und berühmter Rennfahrer und Abenteurer, dessen Foto regelmäßig auf den Titelseiten der Regenbogenpresse erschien und der immer wieder Anlass gab zu Gerüchten in den Klatschspalten.

„Nein, natürlich nicht“, erwiderte sie schließlich heiser. Schon als Jugendlicher hatte er unglaublich gut ausgesehen. Außerdem hatten seine Intelligenz, sein Wagemut und seine Kühnheit bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen. „Hallo, Valentino! Wie geht es dir?“

Er stutzte sekundenlang, als hätte er eine andere Reaktion erwartet. „Besser, nachdem ich meine beste Freundin wiedergefunden habe.“

Zur Begrüßung küsste er sie auf beide Wangen und ließ dann den Blick bewundernd über ihr feines Gesicht und ihre schlanke Gestalt gleiten.

„Deine beste Freundin?“, wiederholte sie belustigt. „Was ist denn aus den vielen Postkarten und Geschenken geworden, die du mir von überallher schicken wolltest? Und besucht hast du mich auch kein einziges Mal in all den Jahren, obwohl du es mir hoch und heilig versprochen hattest. Behandelt man so seine beste Freundin?“, fragte sie scherzhaft.

Er zuckte die breiten Schultern und lenkte dadurch ihren Blick auf sein teuer aussehendes helles Freizeithemd mit dem geöffneten Kragen und die perfekt sitzenden Designerjeans. Mit dem Zeigefinger fuhr er ihr über die Lippen, eine Geste, die völlig natürlich wirkte. Dennoch war Clara leicht schockiert, denn so hatte er sie damals nie berührt.

„Ich wollte dir schreiben, das musst du mir glauben“, flüsterte er. Seinem Charme und seiner sinnlichen Ausstrahlung konnte sich wahrscheinlich kaum eine Frau entziehen.

Clara lächelte, während sie versuchte, sich ihre Reaktion auf seine Berührung nicht anmerken zu lassen. „Mit deinen guten Absichten kann man wahrscheinlich mittlerweile ganze Straßen pflastern“, neckte sie ihn. Sie kannten sich viel zu gut und zu lange, um einander etwas vorzumachen. Außerdem hatte sie ihm nie böse sein können. Trotz seiner sorglosen Art war er immer ein guter und treuer Freund gewesen.

In der Schule waren sie und ihre jüngere Schwester Bianca von den anderen Kindern gehänselt worden. Valentino hatte sich jedoch nie daran beteiligt.

Da er hier geboren und aufgewachsen war, hatte er Monta Correnti weithin bekannt gemacht. Immer mehr Touristen besuchten den Ort, und einige Promis hatten sich sogar hier ein Haus gebaut. Er war jedoch der berühmteste Bürger des Ortes, auch wenn er jetzt in Monaco lebte, und er war der Schwarm aller jüngeren und älteren Frauen.

In den letzten neun Jahren hat er sich zu einem atemberaubend attraktiven Mann entwickelt, dachte sie, als er den Kopf leicht zur Seite neigte.

„Ist dir bewusst, dass du eine gewisse Ähnlichkeit mit Catherine Zeta-Jones hast, als sie noch jünger war?“

Clara vermutete, dass es ein großes Kompliment sein sollte. „Nein, das ist mir nicht bewusst. Kennst du sie persönlich?“

Er nickte. „Du bist noch viel schöner als sie.“ Sein Lächeln verschwand, und er musterte sie ungeniert von oben bis unten. „Was hast du mit deinem langen Haar gemacht?“

Damals hatte sie gehofft, mit dem langen Haar, das ihr fast bis zur Taille reichte, kaschieren zu können, dass sie nicht so schlank war wie andere Mädchen.

Überrascht, dass er es überhaupt bemerkte, und verblüfft über den Themenwechsel, antwortete sie: „Der April war außergewöhnlich heiß, außerdem brauchte ich eine andere Frisur.“ Ihr seidenweiches Haar, das eher schwarz als dunkelbraun war, hatte sie kaum noch bändigen können. Deshalb hatte sie es kinnlang schneiden lassen.

„Es steht dir gut, obwohl mir das andere noch besser gefiel.“

„Ah ja.“ Sie wünschte, ihr Herz würde in seiner Gegenwart nicht so heftig klopfen. „Du trägst dein braunes Haar ja auch viel kürzer.“ Es war jetzt gewellt statt lockig. „Weißt du noch, als du es schulterlang hast wachsen lassen? Signor Cavallo hielt dich für die ideale Besetzung der Rolle des Prinzen Valiant in der Theateraufführung in der Schule.“

Er musste lachen. „Und weißt du noch, wie du es mir gestutzt hast?“

„Das war deine Schuld. Du hast mich dazu aufgefordert, damit du in dem Stück King Arthur nicht mitmachen musstest. Ich konnte nichts dafür, dass du dann eine unmögliche Frisur hattest. Die Geflügelschere aus der Küche eures Restaurants war nicht zum Kappen geeignet. Als du am nächsten Morgen in die Schule gekommen bist, dachte ich, Signor Cavallo würde einen Tobsuchtsanfall bekommen.“

„Dank deiner Hilfe brauchte ich dann wirklich nicht mitzuspielen“, erinnerte er sich immer noch lachend. „Was hätte ich ohne dich gemacht? Du hast mir doch ständig aus irgendwelchen Schwierigkeiten geholfen.“ Seine Miene wurde ernst. „Lass uns den Abend zusammen verbringen“, meinte er. „Ich lade dich zum Essen ein, dann können wir unser Wiedersehen feiern und uns über alte Zeiten unterhalten.“

Der Vorschlag klang verlockend, doch sie brauchte unbedingt Ruhe. „Es wäre eine nette Abwechslung, und ich würde gern mitkommen. Es ist jedoch leider unmöglich. Trotzdem vielen Dank. Ich habe mich sehr gefreut, dich wiederzusehen, Valentino.“

Sie war froh, dass in dem Moment der Bus kam. Die Begegnung mit Valentino hatte zu viele Erinnerungen geweckt und Clara emotional mitgenommen. Da die Leute schon anfingen einzusteigen, stellte sie sich ans Ende der Schlange.

Valentino legte Clara die Hand auf die Schulter. „Warte. Wohin willst du?“ Sie spürte, wie angespannt er plötzlich war. So kannte sie ihn gar nicht. Irgendetwas schien ihn zu beunruhigen.

„Nach Hause. Meine Familie erwartet mich.“

„Ich bin aber gerade erst zurückgekommen, wir haben viel nachzuholen. Weshalb musst du unbedingt jetzt schon nach Hause?“

Wie hartnäckig er sein konnte, wusste sie noch sehr genau. Meist war sie diejenige gewesen, die nachgegeben hatte.

„Meine Mutter hat eine kleine Feier für meine Großmutter geplant, und ich habe versprochen, ihr zu helfen.“

„Dann fahre ich dich. Ich hole rasch meinen Wagen, es dauert nicht lange.“

Sie konnte sich jedoch kaum noch auf den Beinen halten und sehnte sich danach, sich hinzusetzen, sonst würde sie vor Erschöpfung zusammenbrechen. „Danke, das ist nett von dir, aber ich nehme den Bus. Wenn du länger hierbleibst, begegnen wir uns vielleicht noch einmal. Dann können wir irgendwo eine Kleinigkeit essen. Ciao, Valentino.“

Er ließ sie los, und sie stieg ein. Sie rechnete damit, dass er schon morgen Monta Correnti wieder verlassen würde, um an irgendeinem Rennen teilzunehmen. Wahrscheinlich würde ihn seine neueste Freundin begleiten.

Clara hatte einen Videoclip über ihn und seine Begleiterin Giselle Artois, ein französisches Starlet, gesehen. Der Reporter hatte ihn gefragt, ob es stimme, dass die Hochzeit schon geplant sei und sie in einem kleinen Palast in einem Pariser Nobelviertel wohnen würden.

Charmant lächelnd hatte er eine nichtssagende Antwort gegeben, Clara war allerdings das geheimnisvolle Lächeln der jungen Frau nicht entgangen. Die beiden passten gut zusammen. Vielleicht hatte sie es geschafft, Valentino so sehr zu fesseln, dass er bereit war, seine Freiheit aufzugeben. Bisher hatte er seine Begleiterinnen mehr oder weniger regelmäßig gewechselt.

Ganz hinten im Bus fand sie einen freien Platz. Als sie aus dem Fenster rechts neben ihr blickte, sah sie, dass Valentino sie mit gerunzelter Stirn beobachtete. Seine Miene wirkte seltsam finster. Sie ließ ihren Gedanken freien Lauf und erinnerte sich an die vielen Poster, die von ihm existierten, wie er in einem Katamaran allein über den Indischen Ozean segelte oder wie er in Dubai auf der Rennstrecke den neuesten Rennwagen testete.

Schon als Jungendlicher war er geradezu besessen gewesen von Geschwindigkeiten und dem Wunsch, Rekorde zu brechen. Nach der Schule hatte er viel Zeit damit verbracht, an seinem Motorscooter herumzubasteln.

Sein Freund Luigi hatte ihm dafür extra einen Platz in der Garage seines Vaters zur Verfügung gestellt. Valentino war der Meinung, keine der verfügbaren Maschinen sei schnell genug. Clara hatte ihm stundenlang zugehört, wenn er mit ihr über seinen Traum redete, eines Tages ein Motorrad zu entwickeln, das alle anderen Modelle in den Schatten stellte.

Als er als Rennfahrer nach Monaco ging, hatte er den Entwurf eines neuen Motors in der Tasche, der der Prototyp der späteren Serienfertigung wurde. Mit einundzwanzig gründete er das Unternehmen „Violetta Rapidita“, das Motorräder herstellte und ihm ein Vermögen einbrachte.

Er war unaufhörlich auf der Suche nach neuen Herausforderungen gewesen. Wenn Clara ihm lauschte, verspürte sie sogar selbst zuweilen einen Nervenkitzel. Oft genug fragte sie sich allerdings, ob er nur deshalb ein so hektisches Leben führte, um irgendwelchen Dämonen in seinem Innern zu entfliehen.

Obwohl sie keine Ahnung hatte, womit er sich herumquälte, vermutete sie, dass es mit familiären Problemen zusammenhing. Auch sein älterer Bruder Cristiano hatte Monta Correnti verlassen und kam nur noch selten nach Hause. Nur seine Schwester Isabella war noch zu Hause und half ihrem Vater im Restaurant.

Da war ihre eigene Familie ganz anders. Die Rossettis hielten eisern zusammen. Sie hatte unzählige Tanten, Onkel, Cousinen und Cousins, die alle beim Bewirtschaften des Gutshofs halfen. Auch ihre vier verheirateten Geschwister machten keine Anstalten, das Anwesen zu verlassen, das seit mehreren Generationen im Besitz der Familie war.

Dass sie ausgerechnet jetzt Valentino wiedergesehen hatte, empfand sie als ungerecht und unfair. Sie war entschlossen gewesen, sich von den Schwierigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatte, nicht unterkriegen zu lassen. Doch das sah plötzlich ganz anders aus. Sie lehnte den Kopf zurück und wünschte, das Leben wäre für sie etwas leichter.

Nachdem der Bus abgefahren war, ging Valentino mit besorgter Miene langsam zum Restaurant seines Vaters, das direkt neben dem seiner Tante lag.

Das „Sorella“ war von seiner Großmutter Rosa eröffnet worden. Jetzt gehörte es seiner Tante Lisa Firenzi, unter deren Leitung es sich zu dem schicksten, elegantesten und mondänsten Restaurant mit internationaler Küche in und um Monta Correnti herum entwickelt hatte. Sein Vater Luca Casali war mit seiner Schwester Lisa zerstritten. Ihm gehörte das „Rosa“, wo er seine Gäste mit italienischen Spezialitäten verwöhnte.

Valentino hatte den Kontakt mit seinem Vater und Isabella nie abgebrochen, doch in den letzten neun Jahren war er nur selten nach Hause gekommen. Sein letzter Besuch lag allerdings erst wenige Wochen zurück. Er war zum Geburtstag seines Vaters da gewesen und noch am selben Abend wieder abgereist.

Wenn er nur daran dachte, schauderte ihm. Er hasste Streitigkeiten und verstand einfach nicht, warum zwei intelligente Menschen wie sein Vater und dessen Schwester Lisa ihre Differenzen nicht beilegen konnten oder wollten.

Die unangenehme Auseinandersetzung zwischen den beiden würde er so leicht nicht vergessen. Seine Tante hatte die Beherrschung verloren und in ihrem Zorn ein von Luca ängstlich gehütetes Geheimnis gelüftet.

Der Schmerz schnürte Valentino die Kehle zu. Aus Enttäuschung über seinen Vater hatte er Monta Correnti beinah fluchtartig verlassen. Nur weil es seinem Vater momentan ziemlich schlecht ging und Isabella ihn um Hilfe gebeten hatte, war er jetzt wieder hier und verzichtete auf die Teilnahme an mehreren Rennen.

Dass er allerdings so besorgt war an diesem Abend, hatte nichts mit seinem Vater zu tun, sondern mit Clara Rossetti. Dass sie ihm heute über den Weg gelaufen war, ersparte ihm, zu ihren Eltern zu fahren und sich nach ihr zu erkundigen. Die Aussicht, sie wiederzusehen, war das Einzige, worauf er sich gefreut hatte, als er nach Hause gekommen war. Sie hatte ihn immer trotz all seiner Fehler und Schwächen akzeptiert.

Bei ihrer Begegnung war ihm bewusst geworden, wie sehr er sich danach sehnte, mit ihr zu reden. Niemand hatte so viel Verständnis für ihn gehabt wie sie. Er hätte sie jedoch beinah nicht wiedererkannt.

Nur ihre wunderschönen leuchtend grünen Augen hatten sich nicht verändert. Sie war nicht mehr der übergewichtige Teenager mit dem hübschen Gesicht von damals, sondern eine hinreißend attraktive Frau mit einer fantastischen Figur.

Ihn irritierte allerdings, wie sehr sie auf Distanz bedacht gewesen war. Statt ihn wie früher Tino zu nennen, hatte sie ihn mit Valentino angeredet und ihn wie einen flüchtigen Bekannten behandelt. Dabei waren sie doch die allerbesten Freunde gewesen und hatten alle Streiche gemeinsam ausgeheckt.

Die Clara, wie er sie kannte, die für jeden Spaß und jedes Abenteuer zu haben gewesen war, wäre bestimmt nicht mit dem Bus gefahren, sondern hätte sein Angebot angenommen.

Vielleicht hatte sie die Wahrheit gesagt und wollte wirklich ihrer Mutter helfen, dennoch war sie nicht mehr das warmherzige, mitfühlende Mädchen, das er in seiner Kindheit und Jugend so gerngehabt hatte. Sie war der einzige Mensch gewesen, der ihm zuhörte, und hatte ihn nie ausgelacht wegen seiner kühnen Ideen. Dass sie sich so sehr verändert hatte, schockierte ihn.

In seiner Arroganz hatte er geglaubt, ihre Freundschaft sei für sie so wertvoll und einmalig, dass sie sogar sein jahrelanges Schweigen und seine Abwesenheit überstehen würde. Offenbar hatte er sich getäuscht. Sie wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Davon musste er jedenfalls ausgehen.

Früher hatte sie sich gern von ihm nach Hause bringen lassen. Sie war die erste Frau, die eine Fahrt in seinem Sportwagen ausschlug. Wahrscheinlich fühlte er sich in seinem Stolz verletzt, weil sie nicht beeindruckt war von dem, was er erreicht hatte, und ihm ihre damalige Freundschaft offensichtlich nichts mehr bedeutete.

Als sie ihn gesehen hatte, hatte es in ihren Augen mit den dunklen Rändern aufgeleuchtet, doch während des kurzen Gesprächs hatte er das Gefühl gehabt, sie blicke durch ihn hindurch. Das hatte ihn ratlos gemacht. Geradezu schmerzlich vermisste er die Lebenslust und -freude, die sie damals versprüht hatte. Nur ein einziges Mal zuvor, als Fünfjähriger, hatte er sich so verzweifelt und hilflos gefühlt.

Er betrat jetzt das „Rosa“, in dem gerade die Tische für das Abendessen gedeckt wurden. Ohne zu zögern, eilte er weiter in die Küche zu seiner Schwester. Eigentlich hatte er vorgehabt, hier etwas zu sich zu nehmen. Doch nach der Begegnung mit Clara war ihm der Appetit vergangen.

In dem Restaurant, das nach seiner Großmutter benannt worden war und mit dem sein Vater sich einen Traum erfüllt hatte, wurden traditionelle italienische Gerichte angeboten, die selbstverständlich frisch zubereitet wurden. Die mit Fresken geschmückten Wände und der Terrakottaboden vermittelten eine behagliche Atmosphäre.

Gern erinnerte er sich an den ganz besonderen Duft der Tomatensauce, der Spezialität des Hauses. Sein englischer Großvater hatte das Rezept seiner Großmutter, die seine Geliebte gewesen war, anvertraut. Sie hatte es später an ihren Sohn Luca, Valentinos Vater, weitergegeben. Luca hatte es noch verbessert, und genau das war der Grund für die Popularität seines Lokals, auch wenn er momentan hoch verschuldet war.

Valentino konnte ihm finanziell helfen und war deshalb auf Isabellas mehrfache Bitten nach Hause gekommen. Doch was er über seinen Vater erfahren hatte, hatte ihn sehr enttäuscht. Er kam nur schwer damit zurecht. Zu allem Überfluss musste er auch noch Rücksicht auf die angeschlagene Gesundheit und den Stolz seines Vaters nehmen.

Claras Zurückweisung schmerzte jedoch mehr als alles andere. Am liebsten wäre er sofort nach Monaco zurückgefahren, um sich auf das in Kürze in Amerika stattfindende Rennen vorzubereiten. Aber er konnte Isabella nicht schon wieder enttäuschen. Er hatte ihr versprochen, dieses Mal etwas länger zu bleiben. Heute Abend würde er ihr seine Vorschläge unterbreiten, wie er seinem Vater helfen wollte. Je eher er die Sache regelte, desto schneller konnte er sich verabschieden.

Als er die Küche betrat, begrüßte seine Schwester ihn erfreut und sagte dem Koch, dass sie kurz wegmüsse. Dann bedeutete sie Valentino mit einer Kopfbewegung, ihr zur Hintertür zu folgen. Sie gingen zu einer der Brücken des Flusses, der vor vielen Jahren in einen befestigten Kanal umgeleitet worden war, und lehnten sich an das Geländer.

„Hast du dich mit Max geeinigt wegen der Villa?“, begann Isabella ohne Einleitung. „Sie steht schon lange leer, und er hat gehofft, dass du interessiert bist.“

Valentino nickte. „Ja, ich habe mit ihm vereinbart, sie für einen Monat zu mieten und den Vertrag zu verlängern, falls ich länger hierbleibe. Sie ist sehr geräumig und die perfekte Lösung in meiner derzeitigen Situation.“

„Ich dachte, du wolltest den ganzen Sommer hier verbringen“, sagte sie betrübt.

Das hatte er auch beabsichtigt – ehe er sich durch Claras Zurückweisung in seinem Stolz gekränkt fühlte. Niemals hätte er erwartet, dass sie ihn einmal verletzen würde, weder absichtlich noch unabsichtlich. Eigentlich konnte es ihm egal sein, doch es schmerzte viel zu sehr.

„Du weißt doch, ich lasse mich nicht gern festnageln“, erwiderte er. Isabella hörte das natürlich nicht gern. Sie hatte für ihn und Cristiano so viele Jahre Mutterersatz gespielt, dass sie immer noch glaubte, ihn und seinen Bruder bevormunden zu müssen.

Sie hatte ihm zunächst vorgeschlagen, in das leer stehende Haus der Casalis am See „Clarissa“, das jetzt nur noch als Ferienquartier diente, zu ziehen. Es war leicht und schnell zu erreichen, dennoch hatte er erklärt, es sei ihm zu weit weg. In Wahrheit wollte er es jedoch nie wieder betreten nach allem, was vor vielen Jahren dort geschehen war. Damit quälte er sich sowieso schon sein Leben lang herum.

„Es tut mir leid, dass du nicht bei uns wohnen willst. Papà hätte sich gefreut.“

Seine Schwester verschloss die Augen vor den Tatsachen, sonst hätte sie so etwas gar nicht in Erwägung gezogen. Ihr Harmoniebedürfnis brachte ihn zum Wahnsinn. Er nahm es ihr immer noch übel, dass sie ihre älteren Zwillingsbrüder Alessandro und Angelo kennenlernen wollte, von deren Existenz er und seine Geschwister nichts geahnt hatten.

Doch dank seiner Tante Lisa, die immer wieder Unfrieden stiftete, war Lucas sorgsam gehütetes Geheimnis vor Kurzem gelüftet worden. Jetzt war Isabella entschlossen, die Zwillinge in die Familie zu integrieren, wofür Valentino kein Verständnis hatte.

„Ich lebe schon zu lange allein, Izzy“, erklärte er. „Außerdem kümmerst du dich doch um unseren Vater, deshalb kann er auf meine Gesellschaft verzichten. Ich wäre nur im Weg. Versteh mich bitte nicht falsch.“

„Das tue ich auch nicht.“

„Ich finde es wirklich bewundernswert, wie sehr du ihm hilfst“, stellte er wahrheitsgemäß fest. Sie war auf ihre Art ein wunderbarer Mensch und mit dem langen gewellten dunklen Haar und der leicht gebräunten Haut eine schöne Frau. Und sie hielt die Familie zusammen. „Ohne dich würde unser Vater schon lange nicht mehr zurechtkommen.“

„Danke“, antwortete sie ruhig.

„Das wollte ich dir schon immer sagen.“ Tag für Tag arbeitete sie viel und hart, ohne sich jemals zu beschweren, und er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er daran gedacht hatte, schon wieder abzureisen.

Sie sah ihn aufmerksam an. „Du bist in einer seltsamen Stimmung, finde ich. So nachdenklich kenne ich dich gar nicht. Was ist passiert?“

Wie einer Mutter blieb auch Isabella kaum etwas verborgen. Die zufällige Begegnung mit Clara Rossetti war ganz anders verlaufen, als er es sich gewünscht hätte, und deshalb war er beunruhigt und aufgewühlt.

„Ich habe bestimmte Vorstellungen, wie er seine finanzielle Situation verbessern kann. Unser Vater ist allerdings recht unflexibel, und ich bezweifle, dass er mir überhaupt zuhört. Wahrscheinlich bin ich sowieso der letzte Mensch, von dem er Ratschläge annehmen würde.“

„Wieso das denn? Du bist ein erfolgreicher Geschäftsmann.“

„Das beeindruckt ihn doch nicht.“

„O doch.“

Valentino schüttelte den Kopf. „Machen wir uns doch nichts vor, Izzy. Du weißt genau, was los ist. Ich bin nicht sein leiblicher Sohn, sondern erinnere ihn immer wieder an die Liebesaffäre unserer Mutter mit einem anderen Mann.“

„Unser Vater hat dich wie ein eigenes Kind großgezogen und dich genauso behandelt wie Cristiano und mich.“

„Ja. Aber jedes Mal, wenn im Fernsehen über mich berichtet wird, fragt er sich wahrscheinlich, welcher Typ für meine Existenz verantwortlich ist. Dieser Mensch will allerdings nichts mit mir zu tun haben und ist mir deshalb völlig egal.“

Isabella blickte ihn skeptisch an.

„Er hätte mit unserer Mutter ein Besuchsrecht vereinbaren können, wenn er es gewollt hätte. Unser, besser gesagt, euer Vater hat mich einfach akzeptiert, als unsere Mutter zu ihm zurückgekommen ist. Nach ihrem Tod musste er wohl oder übel weiter für mich sorgen. Da er noch nicht einmal seine beiden Ältesten bei sich haben wollte, bin ich doch für ihn nur ein lästiges Übel.“

„Nein, Valentino, das siehst du völlig falsch.“ Sie umarmte ihn.

„Lass uns das Thema lieber beenden, Izzy. Das ist Schnee von gestern.“ Die schockierende Enthüllung, dass ihr Vater zwei Söhne aus erster Ehe hatte, die irgendwo in Amerika lebten, beschäftigte ihn immer noch viel zu sehr.

„Verrat mir, wie du dir die finanzielle Rettung vorstellst“, bat Isabella ihn.

„Ich weiß nicht, ob es funktioniert, man könnte es wenigstens versuchen. Das Restaurant war der Traum unseres Vaters, und wir alle wollen, dass es erhalten bleibt.“

„So ist es.“

„Ich meine, wir könnten Werbung machen und Busreiseveranstalter in Rom, Neapel, Florenz und Mailand ansprechen, damit sie hier für ihre Touristen eine Mittagspause einlegen.“

„Das ist eine glänzende Idee“, erwiderte sie begeistert.

„Ich befürchte allerdings, papà wird es rundweg ablehnen.

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