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Liebeserwachen am Taj Mahal

1. KAPITEL

Tamara Rayne eilte durch die Straßen von Melbourne. Die Absätze ihrer hochhackigen Stiefel klapperten laut auf dem Pflaster. Sie konnte es kaum erwarten, zum Ambrosia zu kommen, dem angesagtesten Restaurant der ganzen Stadt, einem wahren Gourmettempel, und gleichzeitig der Ort, an dem sie ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen hoffte.

Es regnete in Strömen, doch sie hatte keine Hand frei für einen Schirm, da sie mit zahllosen Taschen und Tüten beladen war.

Jetzt könnte ich einen Ritter in schimmernder Rüstung brauchen, dachte sie. Früher einmal hatte sie geglaubt, in Richard, ihrem verstorbenen Ehemann, so jemanden gefunden zu haben. Aber das war ein großer Irrtum gewesen! Schnell blinzelte sie ein paar Tränen des Ärgers über die verschwendeten Jahre mit ihm fort.

Sie erreichte das Ambrosia und drückte die schwere Eingangstür mit ihrem Po auf. Dabei wäre sie fast mit einem Ritter zusammengestoßen, der ihr von drinnen zu Hilfe entgegengeeilt kam.

Im Designeranzug, mit regenfeuchtem dunklem Haar, tiefblauen Augen und einem umwerfenden, verwegenen Lächeln wirkte er eher wie ein Pirat – ein Pirat der Geschäftswelt.

„Brauchst du Hilfe?“

Tamara vermutete, dass Ethan Brooks, ein stadtbekannter Frauenschwarm, dieses verwirrende Lächeln häufig und immer mit großem Erfolg einsetzte.

„Du bist wieder zurück!“, begrüßte sie ihn verhalten.

„Hast du mich vermisst?“

Sie war sich unsicher, wie sie auf seinen Flirtversuch reagieren sollte, denn genau dafür hielt sie die Frage. Deshalb antwortete sie schroffer als beabsichtigt: „Eigentlich nicht.“

Sie kannte Ethan nur flüchtig, hatte ihn im letzten Jahr höchstens dreimal in geschäftlichen Angelegenheiten getroffen. Warum behandelte er sie auf einmal so vertraulich?

„Zu schade.“ Er zuckte nur beiläufig die Schultern, lächelte breit und deutete auf ihre vielen Taschen.

„Soll ich dir damit helfen?“

Schnell unterdrückte sie den Impuls, auf dem Absatz kehrtzumachen und davonzulaufen. Stattdessen nickte sie. „Gern.“

Er nahm ihr etliche Taschen ab und stöhnte erstaunt auf. „Was trägst du da mit dir herum? Ziegelsteine für einen neuen Tandoor-Ofen?“

„Etwas fast ebenso Wichtiges.“ Tamaras Stimme schwankte leicht, nur eine Spur, und sie musste, von Erinnerungen überwältigt, erneut gegen Tränen ankämpfen.

Ihre Mutter kam ursprünglich aus Indien und hatte Tandoori-Hähnchen geliebt, delikat marinierte Fleischspieße, die im Tan-door-Ofen gegrillt werden. Bei ihrer Heirat hatte sie damals den gemauerten Ofen im indischen Goa zurücklassen müssen und diesen Verlust oft beklagt.

Ja, selbst nach dreißig glücklichen Jahren in Australien hatte ihre Mutter ihre Heimat immer noch schmerzlich vermisst. Aus diesem Grund hatten sie gemeinsam eine ganz spezielle Reise geplant. Khushi wollte an die Stätten ihrer Kindheit und Jugend zurückkehren und dabei ihrer Tochter die Kultur Indiens nahebringen.

Richard aber hatte ihr die Reise nicht gestattet, was Tamara ihm nie verzieh. Denn bald darauf war ihre Mutter gestorben.

In den vergangenen schweren Monaten war ihr der Verlust der Mutter erneut bewusst geworden. Ihr allein hätte sie die Wahrheit über Richard anvertrauen können. Sie hätte ihr geholfen, nach seinem Tod zu sich selbst zurückzufinden und ein neues Leben zu beginnen.

Wieder brannten Tränen in ihren Augen, und sie wich Ethans forschendem Blick aus.

„Kannst du auch die restlichen Taschen nehmen? Meine Arme tun schrecklich weh“, bat sie ihn.

Er würde sie nicht fragen, was mit ihr los sei, da war sie sicher.

Als sie sich nach Richards Tod ganz in sich selbst zurückzog, hatte er sie auch nicht bedrängt, sondern ihr geduldig geholfen, die komplizierten rechtlichen Fragen im Zusammenhang mit Richards Geschäftsanteil am Restaurant zu regeln.

Genauso viel Zurückhaltung hatte er aufgebracht, als sie ihn vor sechs Monaten gebeten hatte, das Ambrosia als Basis für ihren Wiedereintritt ins Berufsleben nutzen zu dürfen. Allerdings hatte sie ihn in der Zeit danach kaum mehr zu Gesicht bekommen, da er eine mehrmonatige Geschäftsreise unternommen hatte.

Manchmal hegte sie sogar den Verdacht, er könne sie nicht leiden, denn in ihrer Gegenwart verhielt er sich äußerst reserviert.

Letztlich hatte Tamara jedoch keinen weiteren Gedanken an ihn verschwendet. Er war Richards Freund gewesen, das allein war Grund genug, Distanz zu wahren. Wie alle anderen hatte auch Ethan ihren Mann bewundert. In den Augen seiner Freunde war der berühmte Koch Richard Rayne ein amüsanter Gastgeber und Prachtkerl gewesen.

Wenn sie alle nur wüssten!

Hilfsbereit nahm Ethan ihr nun auch die letzten Taschen ab und hielt ihr mit dem Fuß die Tür einladend auf. „Kommst du jetzt herein?“

Tamara ließ sich nicht zweimal bitten und betrat rasch den einzigen Ort, an dem sie sich derzeit zu Hause fühlte.

Ambrosia – die Speise der Götter – und meine Seelennahrung, dachte sie.

Das Restaurant war in den letzten Monaten zu ihrem Zufluchtsort, ihrem sicheren Hafen geworden. Das hätte sie nie für möglich gehalten, denn immerhin war Richard hier vom ersten Tag an Küchenchef gewesen und später sogar Teilhaber geworden, und hier hatte sie ihn kennengelernt, als sie in ihrer Eigenschaft als Restaurantkritikerin gekommen war, um über den neuesten Stern am kulinarischen Himmel von Melbourne zu berichten.

Aus all diesen Gründen hätte sie das Restaurant verabscheuen müssen.

Aber die Wärme, die ihr im Ambrosia entgegenschlug, die blank polierten Mahagonitische, der offene Kamin und die bequemen Polsterstühle zogen sie magisch an. Im letzten halben Jahr hatte sie jeden Montag hier verbracht, und sie hätte keinen besseren Ort finden können, um sich in Ruhe auf ihre Rückkehr ins Berufsleben vorzubereiten.

Tamara half Ethan, die Taschen auf einem Tisch abzuladen, dann streckte sie die schmerzenden Arme aus. Ethan war zwischenzeitlich zum Kamin gegangen und versuchte nun, ein Feuer zu entfachen.

Was macht er eigentlich hier? überlegte sie.

Dass er im Allgemeinen als unberechenbar galt, war ihr bekannt. Selbst seine Angestellten, die ihn sehr schätzten, wussten nie, wann genau er im Restaurant auftauchte.

Im Gegensatz zum Personal und den Gästen, die jeden Abend in Scharen ins Ambrosia strömten, hatte Tamara ihn nicht vermisst. Denn bei den seltenen Begegnungen mit dem Mann, der im Ruf stand, ein unerbittlicher, gerissener Geschäftsmann zu sein, war ihr jedes Mal seltsam unbehaglich zumute gewesen.

Woran das lag, hätte sie nicht sagen können. Vielleicht an der unterschwelligen Härte, die er ausstrahlte, an der fast greifbaren Elektrizität, die ihn ständig knisternd umgab. Er war der geborene Anführer, der Beste seiner Branche, und er verteidigte diese Spitzenstellung energisch und erfolgreich.

Jetzt stand Ethan auf, und Tamara ertappte sich dabei, wie sie seinen knackigen Hintern bewunderte. Rasch sah sie weg und errötete.

Sie staunte über sich selbst, denn nie zuvor hatte sie ihn als Mann wahrgenommen. Wenn sich bislang ihre Wege gekreuzt hatten, war er höflich, aber distanziert gewesen. Er war Richards Geschäftspartner – mehr nicht.

Warum also wurde ihr auf einmal heiß, warum fühlte sie einen Anflug von Schuldgefühl?

Seit Richards Tod war ein Jahr vergangen, zwei Jahre war es her, dass ein Mann sie berührt hatte. Vielleicht waren mit dieser Tatsache ihre hungrigen Blicke zu entschuldigen. Sie fühlte sich innerlich erstarrt und wie betäubt, aber sie war gewiss nicht tot, und jede Frau hätte die Gelegenheit genutzt, Ethans attraktiven Po eingehend zu betrachten.

„Verrätst du mir, was in den Taschen ist, wenn ich dir einen Drink hole?“, fragte er jetzt.

Tamara schlüpfte aus ihrem nassen Kamelhaarmantel und hängte ihn über eine Stuhllehne. Einen Moment zögerte sie. Ihr war die Vorstellung unangenehm, ihm die Ergebnisse ihrer Arbeit zu präsentieren.

Heute war sie ins Ambrosia gekommen, um ungestört Ideen zu entwickeln. Das war ihr jetzt nicht mehr möglich. Schließlich gehörte ihm das Restaurant, und es stand ihm frei zu kommen und zu gehen, wann er wollte. Doch insgeheim ärgerte sie sich noch immer über die vertrauliche Begrüßung, sein verwirrendes Lächeln und seine Anwesenheit.

„Eine heiße Schokolade wäre prima, danke.“

„Kommt sofort.“

Herausfordernd ließ er seinen Blick über die Taschen schweifen. „Ich gebe nicht auf, ehe ich nicht weiß, was du da mit dir herumträgst. Du kannst es mir also auch gleich verraten.“

Ohne einen Funken von Unsicherheit im Blick sah er ihr in die Augen. Seine Hartnäckigkeit bewies Tamara, dass er daran gewöhnt war, genau das zu bekommen, was er wollte.

Nervös strich sie mit der Hand über eine der Taschen, in denen buchstäblich ihre Zukunft lag. Nur zu gern hätte sie Ethan gebeten, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Seine unverblümte Neugier ärgerte sie. Andererseits war sie ihm dankbar für seine Unterstützung, für die Erlaubnis, im Ambrosia zu trainieren. Also sollte sie zumindest höflich zu ihm sein.

„Wenn du noch ein paar Marshmallows in den Kakao gibst, zeige ich es dir.“

„Abgemacht.“

Einen militärischen Gruß andeutend, berührte er kurz mit der Hand die Stirn und zwinkerte ihr zu, bevor er an die Bar ging.

Aha, er spielt wieder den ruchlosen Piraten, stellte Tamara amüsiert fest. Zum Glück war sie immun gegen diese Art von Charme, wenngleich sie es für den Bruchteil einer Sekunde lang genoss, Gegenstand seiner ungeteilten Aufmerksamkeit zu sein.

Während Ethan die Espressomaschine betätigte, ließ sie sich auf einen der Stühle sinken, streckte die Beine aus und wackelte mit den Zehen. Sie liebte ihre Stiefel, aber jetzt schmerzten ihre Füße, ebenso wie ihr Rücken, wie sie bemerkte, als sie sich streckte.

Das kommt von den schweren Taschen, die ich durch die Straßen geschleppt habe. Aber sie hatte keine Wahl gehabt. In den Ordnern lag ihre Zukunft, und obwohl sie allein bei dem Gedanken daran Lampenfieber bekam, war sie fest entschlossen, endlich durchzustarten. Es konnte nicht schaden, vorher Ethans Meinung zu ihren Ausarbeitungen zu hören. Schließlich verstand er mehr vom Gastronomiegewerbe als jeder andere.

„Bitte schön! Heiße Schokolade mit einer doppelten Portion Marshmallows.“

Ethan stellte eine große Tasse auf den Tisch, sich selbst hatte er einen starken Espresso mitgebracht. Dann nahm er auf einem Stuhl Tamara gegenüber Platz und betrachtete sie halb amüsiert, halb neugierig.

„Nachdem ich meinen Teil der Abmachung eingehalten habe, bist du jetzt dran. Also: Was ist in den Taschen?“

„Lass mich erst trinken.“

Sie nahm den Becher in beide Hände, spürte die Wärme an ihren Handflächen und sog den bittersüßen Duft der Schokolade ein, dann schloss sie die Augen und trank genüsslich einen großen Schluck.

Ethan gab ein seltsames Geräusch von sich, und sie schlug die Augen wieder auf. Verwirrt beobachtete sie, wie für einen winzigen Moment ein finsterer, geheimnisvoller Ausdruck seine Miene verdüsterte.

„Gut. Jetzt zeig, was du da hast.“ Neugierig deutete er auf eine der Taschen.

„Erfolgreiche Geschäftsleute sind doch alle gleich: viel zu ungeduldig!“, beklagte Tamara sich, doch sie stellte die Tasse ab, öffnete die Tasche und zog einen dicken Aktenordner heraus.

Ethan neigte den Kopf zur Seite, um die Beschriftung auf dem Ordnerrücken lesen zu können. „Was ist das?“

„Eine vollständige Aufstellung aller Restaurants in Melbourne. Ich habe sie erstellt.“

„Du wirst also wieder einsteigen.“

In seinem Blick lag so viel echtes Verständnis, dass Tamara staunte. Richard hatte selbst nach drei Jahren Ehe keine Ahnung gehabt hatte, wie es in ihr aussah, aber Ethan konnte auf Anhieb nachempfinden, was in ihr vorging.

„Ja. Ich habe an den fantastischen Menüs, die dein Küchenchef mir vorgesetzt hat, geübt, und denke, dass ich inzwischen wieder in der Lage bin, Restaurantkritiken zu schreiben. Hältst du die Idee für verrückt?“

Erstaunt zog er die Brauen hoch. „Verrückt? Im Gegenteil, das ist ein ausgezeichneter Plan! Du brauchst etwas, auf das du dich konzentrieren kannst, etwas, das dich von Richards Tod ablenkt.“

Seinen mitleidigen Blick konnte Tamara kaum ertragen. Sie hasste es, immer noch Trauer oder gar Liebe zu ihrem Mann heucheln zu müssen, der an einem Herzinfarkt plötzlich verstorben war.

Geliebt hatte sie ihn schon lange nicht mehr – genaugenommen seit einem Vorfall vier Monate nach der Hochzeit, als ihr frisch angetrauter Mann ihr einen Furcht einflößenden Ausblick in die Zukunft gewährt hatte.

Am Anfang ihrer Ehe hatte sie geglaubt, Richard würde sie nie im Stich lassen und ihr das bieten, was sie sich am meisten wünschte: Sicherheit und Beständigkeit. Beides hatte sie seit dem Tod ihres Vaters, damals war sie gerade zehn Jahre alt gewesen, schmerzlich vermisst.

Aber Richard war nicht der, für den sie ihn gehalten hatte. Kunden, Kollegen und Mitarbeiter mochten ihn bewundern, sie allein kannte die Wahrheit.

Richard Rayne, Australiens berühmter Starkoch, war ein Schuft durch und durch gewesen. Jedes Mal, wenn Tamara vor seinen Freunden die liebende Ehefrau spielen musste, war sie von einer alles verzehrenden Wut ergriffen worden. Selbst über den Tod hinaus hatte er ihr Kummer bereitet.

„Das hat nichts mit Richard zu tun. Ich mache es nur für mich!“

Tatsächlich hatte sie viel zu viel Zeit damit vergeudet zu analysieren, mit sich zu hadern und sich selbst anzuklagen. Sie hatte seit Richards Tod vor einem Jahr fast nichts anderes gemacht – nur gegrübelt und über die Frage „Was wäre, wenn?“ nachgedacht: Was wäre, wenn sie früher von seiner Geliebten erfahren hätte?

Was wäre, wenn sie ihm die Stirn geboten hätte, anstatt seinem beruflichen Erfolg zuliebe den Schein zu wahren?

Was wäre, wenn sie mit ihrer Mutter nach Indien gereist wäre, als sie sie vor Jahren darum gebeten hatte?

„Ich wollte wirklich kein Salz in alte Wunden streuen“, entschuldigte sich Ethan.

Tamara schüttelte den Kopf. Wie schön wäre es gewesen, hätte sie mit dieser Bewegung auch die schmerzhaften Erinnerungen abstreifen können!

„Das hast du nicht. Ich denke sowieso jeden Tag an ihn.“

Nach dieser Bemerkung musterte Ethan sie eindringlich.

Überlegt er, ob ich meinen Kummer überwunden habe und fähig bin, wieder zu arbeiten? fragte sich Tamara.

Schließlich schien er zu einem Schluss gekommen zu sein.

„Ich finde, du solltest verreisen. Nimm dir eine Auszeit, bevor du dich wieder in die Tretmühle stürzt. Glaub einem erfahrenen Workaholic! Hast du erst angefangen zu arbeiten, bleibt dir keine einzige freie Minute mehr.“

Sie setzte zu einem Protest an, schließlich kannte er sie kaum. Doch er hielt einen Zeigefinger an ihre Lippen, weil er noch nicht zu Ende gesprochen hatte.

Diese harmlose Berührung verschlug Tamara die Sprache und fuhr ihr bis ins Mark. Ihr Herz setzte einen Moment lang aus, um dann viel zu schnell weiterzupochen. Sicher eine Folge ihres dringenden Wunsches, ihn in seine Schranken zu verweisen.

„Hör mir zu: Du hast dich in dem vergangenen halben Jahr wirklich gut gehalten, wenn man berücksichtigt, was du durchgemacht hast. Aber jetzt ist die Zeit reif“, fuhr Ethan fort.

„Wofür?“

„Dir Zeit für dich selbst zu gönnen. Zeit, deinen Kummer beiseite zu schieben und weiterzugehen.“

Er wies auf den Aktenordner und die Taschen auf dem Tisch zwischen ihnen. „Soviel ich weiß, warst du früher eine erstklassige Restaurantkritikerin, eine der besten in ganz Melbourne. Aber willst du meine ehrliche Meinung hören? Im Moment bist du noch zu labil für den Job: Wenn ich eine beiläufige Bemerkung über einen Ofen fallen lasse, weinst du beinahe, du denkst jeden Tag an Richard. Es wird dir schwerfallen, diesen anstrengenden Beruf auszuüben. Am Ende kannst du ein einfaches Hacksteak nicht mehr von einem Filetsteak unterscheiden, geschweige denn darüber schreiben.“

Für diese Worte hätte Tamara ihn eigentlich hassen müssen, sie brannten wie Feuer. Doch das tat die Wahrheit ja oft.

Trotzig antwortete sie: „Bist du jetzt fertig?“, und wusste im selben Moment, dass sie einen Fehler begangen hatte. Er würde vor einer solchen herausfordernden Geste nicht zurückschrecken.

„Noch lange nicht!“ Ethan beugte sich über den Tisch und küsste sie direkt auf den Mund.

Der Kuss wirkte gleichzeitig vernichtend und belebend auf Tamara. Zum ersten Mal seit Jahren spürte sie ihr Blut heiß wie Lava durch ihre Adern rinnen. Ihr schwindelte leicht, als Ethan den Druck seiner Lippen verstärkte und auf eine Antwort drängte, die ihr der Verstand zu geben verbot.

Doch ihr Intellekt hatte in dem Augenblick seinen Dienst eingestellt, als Ethans Lippen ihre berührten, und ehe sie noch einen klaren Gedanken fassen konnte, erwiderte sie seinen Kuss leidenschaftlich. All die verschmähten Gefühle, die sich in der langen Zeit voller Demütigungen in ihr aufgestaut hatten, ihr Bedürfnis nach ein wenig Aufmerksamkeit, fanden ein Ventil in diesem Kuss.

Sie war in diesem Moment glücklich wie noch nie – bis sie sich auf einmal der Ungeheuerlichkeit ihres Verhaltens bewusst wurde.

Ethan, der berüchtigte Playboy, Freund von Richard, ein Mann, den sie kaum kannte, küsste sie – und sie ließ ihn gewähren!

Mit einem Ruck schreckte sie zurück, setzte sich kerzengerade hin und sah in entsetzt an, während eiskalte Schauer sie durchliefen.

Sie fühlte sich nicht dazu in der Lage, ihm an den Kopf zu werfen, wie wütend sie über sein Verhalten war, aber sie wusste genau, dass ihr Ärger sich nicht nur gegen ihn richtete.

Fast noch zorniger war sie auf sich selbst. Sie hatte den Kuss erwidert und sogar genossen!

„Erwarte jetzt keine Entschuldigung von mir!“ Ethan zeigte keine Reue, sondern betrachtete sie voller Verlangen.

Tamara erschauerte. Im Zentrum seiner Leidenschaft zu stehen – wenn auch nur für einen kurzen Augenblick – lähmte und erregte sie gleichermaßen.

„Ich wollte dir zeigen, dass du eine Frau aus Fleisch und Blut bist, die unbedingt wieder anfangen muss zu leben. Du solltest etwas machen, das du schon immer tun wolltest, bevor du dich ins Berufsleben stürzt“, erklärte Ethan.

Er hat recht! erkannte Tamara, wenngleich es ihr schwerfiel, das zuzugeben. Auch wenn ihr Körper noch unter dem Eindruck seiner Berührung und ihrer unerwarteten Reaktion darauf zitterte, hatte der Kuss doch seinen Zweck erfüllt. Alle Einwände, die sie vor wenigen Minuten noch gegen eine Reise vorgebracht hatte, waren wie weggeblasen. Sie musste schon allein aus dem Grund wegfahren, um einer weiteren, überaus peinlichen Begegnung mit diesem Mann zu entgehen.

Mit letzter Kraft setzte sie ihre hochmütigste Miene auf und schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht fassen, was du eben getan hast.“

Ethan zuckte lediglich die Schultern, lehnte sich auf dem Stuhl zurück und schlug die Knie übereinander, eine Geste voll männlichem Stolz und Selbstvertrauen.

„Kein Grund zur Panik! Es passiert oft, dass Menschen Dinge nicht fassen können, die ich tue. Reden wir lieber über deine Reise.“

„Nicht nötig.“ Tamara ärgerte sich über seine Beharrlichkeit, aber mehr noch über den plötzlichen Anflug von Vorfreude.

Tatsächlich hatte sie bereits selbst mit dem Gedanken gespielt zu verreisen, vielleicht sogar die Reise anzutreten, die sie mit ihrer Mutter geplant hatte.

Allerdings hatte sie die Idee wieder verworfen, bevor sie konkrete Gestalt annahm. Ohne ihre Mutter an ihrer Seite sah sie sich außer Stande, die Flut von Gefühlen zu ertragen, die die Reise sicher mit sich bringen würde.

Zum wiederholten Mal an diesem Tag traten ihr Tränen in die Augen, und sie blinzelte sie schnell weg. Gleichzeitig wünschte sie Ethan, der ihr gerade ein verheißungsvolles Lächeln schenkte, aus ihrem Leben fort.

„Stell dir vor: Sonne, Sand, Meer, tropische Pflanzen, ein Ort, an dem es heiß ist – nicht stürmisch und kalt wie hier in Melbourne“, pries er ihr die Vorzüge eines Urlaubs an.

In Anbetracht ihrer eisigen Zehen und der fast ebenso kalten Finger, erschien Tamara diese Vorstellung sehr verlockend. Ja, Indien war das ideale Ziel! Schnell zog sie einen Ordner hervor und blätterte hastig darin. Vor langer Zeit hatte sie dort eine Broschüre abgeheftet, daran erinnerte sie sich genau. Als sie die Reise mit ihrer Mutter plante, hatte sie Unmengen an indischen Reiseprospekten besorgt: über die „Blaue Stadt“ Jodhpur, über Sehenswürdigkeiten wie das Hawa Mahal und das Daulat Khana, Naturreservate wie den Ranthambhore National Park, in dem majestätische Tiger frei lebten, und viele mehr.

Nachdem Richard ihr verboten hatte, die Reise anzutreten, hatte sie die Broschüren überall vor ihm versteckt, in Büchern, Zeitschriften, ihren Arbeitsunterlagen.

Jetzt auf einmal erschien es ihr wichtig, sie dringend wiederzufinden. Allmählich erwachte in ihr die ursprüngliche Begeisterung für die Reise. Würde sie jetzt endlich den Mut aufbringen aufzubrechen?

Beinahe auf der letzten Seite des Ordners angekommen, stieß sie einen Freudenschrei aus. Hier befanden sich, ordentlich in einer Klarsichthülle abgeheftet, Hochglanzbroschüren über den Taj Mahal, das weltberühmte Mausoleum, und den Palace on Wheels, einen ursprünglich für eine Maharadschafamilie gebauten Luxuszug, der heute Touristen durch Rajasthan transportierte.

„Schau dir das an, du lästiger Quälgeist, damit du endlich Ruhe gibst.“

Tamara reichte Ethan die Prospekte.

Überrascht nahm er sie entgegen und betrachtete sie. „Indien?“

„Eigentlich wollte ich schon vor Jahren dorthin, aber es ging nicht.“ Gedankenverloren sah sie auf die faszinierenden exotischen Bilder.

Natürlich hätte sie diese Unterlagen schon vor langer Zeit wegwerfen sollen. Aber tief in ihrem Inneren hielt sie an der Traumreise fest, weil diese Pläne selbst nur als vage Möglichkeit sie mit ihrer Mutter verbanden.

Die Broschüren hatte sie ihr als Überraschung zu derem 60. Geburtstag überreicht, und die beiden Frauen hatten oft darin geblättert und in Vorfreude auf die Reise geschwelgt, bis Richard diesen Traum zerstört hatte.

Erneut befielen Tamara Zweifel. Die Reise ohne ihre Mutter wäre nicht dieselbe.

„Vielleicht sollte ich mich erst einmal nach Alternativen umsehen.“ Geistesabwesend spielte sie mit dem Flyer in ihrer Hand, faltete die Ecken um und strich sie wieder glatt.

„Oh nein!“ Ethan schnippte mit den Fingern. „Du wirst diese Reise antreten.“

Überrascht von seinem entschiedenen Tonfall, blickte Tamara auf. Bedauern schnürte ihr die Kehle zu. Sie räusperte sich kurz und sagte dann: „Ich kann nicht.“

Sie musste ein anderes Reiseziel finden, einen Ort, mit dem sie keine traurigen Erinnerungen verband, an dem sie ihre Mutter nicht ständig vermissen würde.

Doch Ethan klopfte mit dem Zeigefinger auf den Prospekt. „Sicher kannst du das. Sieh zu, dass du einen klaren Kopf kriegst. Mach einen Neuanfang.“

Traurig blickte sie ihn an. „Ursprünglich wollte ich gemeinsam mit meiner Mutter reisen. Es war ihr Herzenswunsch … Ich kann nicht alleine fahren.“

Ihre Stimme brach, und sie stand unvermittelt auf und ging zum Kamin, hielt die Hände über die Flammen und wünschte, das Feuer würde auch ihre einsame Seele wärmen.

„Du wirst nicht allein sein.“

Ethan war aufgestanden und trat hinter sie. Stärker als die Hitze des Feuers spürte Tamara die Wärme, die sein Körper ausstrahlte, und sie wünschte, sie könnte sich an ihn lehnen. Fast im selben Moment hätte sie sich für den Gedanken ohrfeigen mögen.

Inzwischen war er um sie herumgetreten und stand vor ihr. „Du wirst nicht allein sein, weil ich mit dir komme.“

„Aber …“

„Kein Aber!“

Gebieterisch hob er eine Hand. „Erstens muss ich sowieso nach Indien, um einen Küchenchef aus Delhi fürs Ambrosia abzuwerben.“

Als wäre damit der erste Punkt abgehakt, machte er eine Faust und streckte einen Finger wieder aus.

„Zweitens: Du brauchst Gesellschaft.“

Der zweite Finger wurde ausgestreckt.

„Und außerdem wollte ich schon immer einmal mit dem Palace on Wheels fahren, kam aber nie dazu. Du tust mir also einen Gefallen.

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