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Liebestraum in Andalusien

1. KAPITEL

Noch nie in ihrem Leben hatte Audrey Raine eine Begegnung so herbeigesehnt und zugleich so sehr gefürchtet.

Ruhig, ermahnte sie sich. Wenn du dich weiter so verrückt machst, bist du ganz schnell das reinste Nervenbündel.

Doch ihre Appelle nützten nichts gegen die bohrende Unruhe. Dabei hatte sie sich vor ihrem Abflug aus London noch in vorsichtigem Optimismus geübt. Nun, knapp fünf anstrengende Stunden später, war von dieser Zuversicht nichts mehr zu spüren.

Es war nicht klug gewesen, Hals über Kopf die Reise nach Andalusien anzutreten, ohne den geringsten Gedanken daran zu verschwenden, wie sie weiter vorgehen sollte. Ohne ihr Erscheinen zuvor anzukündigen.

Für dieses Verhalten gab es in ihren Augen nur eine Erklärung: Sie musste den Verstand verloren haben.

Mit jedem Kilometer, den sie sich ihrem Zielort näherte, sank ihre Zuversicht. Nervös strich sie sich mit einer Hand das tiefbraune Haar zurück, das ihr in weichen Wellen über die Schultern fiel. Mit der anderen hielt sie das Lenkrad des Mietwagens so fest umklammert, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten. Sie atmete tief durch und versuchte erneut, ihre Nervosität in den Griff zu bekommen. Vielleicht half es ja, wenn sie sich anstatt auf ihre Sorgen und Probleme auf die bezaubernde Umgebung konzentrierte. Vor ihr breitete sich ein regelrechtes Postkartenpanorama aus. Strahlend stand die Sonne am makellos blauen Himmel, den nicht ein Wölkchen trübte. Die staubige Straße wand sich durch sanfte Hügel und Täler, Felder mit leuchtend gelben Sonnenblumen wechselten sich mit weitläufigen Orangen- und Olivenplantagen ab.

Für eine kurze Weile gelang es ihr tatsächlich, alles zu vergessen. Doch als die ersten Häuser des kleinen Örtchens Esperanza vor ihr auftauchten, kehrte das unbehagliche Gefühl in der Magengegend zurück, und ihr Herz begann heftig zu klopfen. Instinktiv fuhr sie langsamer. Mit einem Mal hatte sie es überhaupt nicht mehr eilig. Aber war das ein Wunder? Wenn auch nur die Hälfte der Geschichten, die sie über Joaquin de Santo gehört hatte, der Wahrheit entsprach, dann stand ihr ein äußerst unerfreuliches Gespräch bevor.

Ein Grund mehr, die Angelegenheit möglichst rasch hinter mich zu bringen, sagte sie laut zu sich selbst und gab wieder Gas. Ein paar Minuten später war es dann so weit: Hoch über dem Dorf sah sie den Alcázar der Familie de Santo.

Das gewaltige sandsteinfarbene, burgähnliche Anwesen mit den zahlreichen spitz in den Himmel ragenden Türmen war auf dem Grat einer steilen Felswand gebaut. Ein imposantes Bauwerk, das wohl bei den meisten Menschen, die es zum ersten Mal sahen, ein Gefühl von Ehrfurcht auslöste. Audrey jedoch erschauderte aus ganz anderen Gründen: Ihr schien der Alcázar wie ein düsterer, hungriger Raubvogel über dem Tal zu lauern.

Wieder verspürte sie den drängenden Wunsch, einfach kehrtzumachen und unverrichteter Dinge nach Hause zurückzufahren. Doch so überstürzt und impulsiv ihre Abreise auch gewesen sein mochte, eine Tatsache ließ sich nicht leugnen: Hier lag ihre einzige und letzte Hoffnung, und sie war bereits zu dicht vor ihrem Ziel, um jetzt noch aufzugeben. Sie musste ihre Angst überwinden – für Luna María.

Eine schmale, schlecht befestigte Straße führte vom Dorfeingang in Serpentinen zum Alcázar, und mehr als einmal fragte Audrey sich, was sie tun sollte, wenn ihr hier ein anderer Wagen entgegenkam. Doch zum Glück war sie allein auf der Straße, und so stellte sie ihren Mietwagen kurz darauf auf dem erstaunlich breiten Vorplatz des alten maurischen Bauwerks ab.

Jetzt ist es also so weit, Audrey Raine. Der Augenblick der Wahrheit ist gekommen …

Sie holte noch einmal tief Luft, dann kletterte sie aus dem Auto und stieg mit zittrigen Knien die Stufen zum Eingang des Alcázars hinauf. Reiß dich zusammen, schalt sie sich selbst, Joaquin de Santo ist auch nur ein Mensch wie jeder andere. Wenn es ihr doch nur gelänge, sich selbst davon zu überzeugen!

Schließlich nahm sie all ihren Mut zusammen und klopfte an. Eine ganze Weile lang geschah überhaupt nichts. Audrey fühlte, wie zugleich Erleichterung und Enttäuschung in ihr aufstiegen. Hatte sie den ganzen Weg umsonst gemacht, ohne wenigstens die Chance zu bekommen, ihr Anliegen vorzutragen?

Doch dann öffnete sich, gerade als sie die Hoffnung bereits aufgegeben hatte, die Tür, und eine rundliche Spanierin lächelte ihr zu.

Sí? Le puedo ayudar en algo?“ Kann ich Ihnen irgendwie helfen?

Audrey räusperte sich verlegen. „Ich … Ich würde gern mit Señor de Santo sprechen.“ Sie versuchte erst gar nicht, sich auf Spanisch zu verständigen, dazu beherrschte sie die Sprache einfach zu wenig. „Können Sie verstehen, was ich sage?“

Sí, natürlich verstehe ich Sie“, erwiderte die Frau strahlend. „Haben Sie einen Termin mit Señor de Santo?“

„Einen Termin?“ Audreys Hoffnung sank. „Nein, das nicht gerade, aber … Es ist mehr so etwas wie eine Überraschung.“

„Eine Überraschung also.“ Ihr Lächeln war nun eindeutig zweideutig. „Nun, dann kommen Sie doch herein, Señorita. Ich bin sicher, dass Señor de Santo sehr erfreut sein wird.“

Audrey folgte der Spanierin durch eine beeindruckende Eingangshalle. Ihre Augen brauchten ein paar Augenblicke, um sich an das Dämmerlicht zu gewöhnen. Doch fiel es ihr gleich auf, wie angenehm kühl es im Inneren des Gebäudes war. Und das, obwohl draußen Temperaturen um die vierzig Grad herrschten.

Der Boden der Halle war mit rötlich-braunen Cottofliesen ausgelegt, und eine breite Treppe führte hinauf zu einer Galerie, von der aus man in die verschiedenen Bereiche des Anwesens gelangte. Die Einrichtung bestand zum größten Teil aus wuchtigen, dunklen Holzmöbeln, die noch aus der Zeit der Erbauung des Alcázars zu stammen schienen.

Sie durchquerten das lang gestreckte Foyer, dann blieb die Hausdame vor einer schweren Eichentür stehen. Mit einem Lächeln wandte sie sich an den Gast. „Dies ist das Arbeitszimmer von Señor de Santo.“ Sie klopfte an, drückte im gleichen Augenblick die Türklinke herunter und trat ein. „Ich habe hier jemanden für Sie, Señor.“

Sie zwinkerte Audrey verschwörerisch zu. „Ein Überraschungsbesuch.“

Dann zog sie sich diskret zurück und ließ Audrey mit dem Mann allein, der auf der anderen Seite des großen, abgedunkelten Raumes im Schatten stand.

Bevor er sich ihr zuwandte, zog er mit einer raschen Bewegung die Vorhänge auf, sodass helles Sonnenlicht in den Raum fiel. Audrey atmete scharf ein, als sie den Mann erblickte.

Unglaublich! war ihr erster Gedanke. Dies war mit Abstand der attraktivste Mann, der ihr je begegnet war. Glattes schwarzes Haar umrahmte sein markantes Gesicht mit ausgeprägter Kinnpartie und kühn geschwungener Nase. Sofort fühlte sie sich an die griechischen Marmorbüsten erinnert, die sie einmal im Britischen Museum in London gesehen hatte. Perfekt. Atemberaubend. Und dann diese Augen, dunkelbraun mit winzigen goldenen Sprenkeln, die im Sonnenlicht funkelten.

Du liebe Güte!

Joaquin de Santo mag vielleicht gut aussehen, aber was sagt das schon über seinen Charakter aus? Er ist nur ein schlagender Beweis dafür, dass eine Frau gut beraten ist, wenn sie die Finger von Männern lässt. Mum hatte recht.

Während sie ihn noch betrachtete, veränderte sich sein Gesichtsausdruck. „Kennen wir uns, Señorita?“ Er runzelte die Stirn. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“

Erst jetzt wurde Audrey sich der Tatsache bewusst, dass sie ihn die ganze Zeit über angestarrt hatte. Errötend senkte sie den Blick. „Señor de Santo, ich … Nun, es ist so, dass …“ Sie atmete tief durch. „Mein Name ist Audrey Raine, und ich muss dringend mit … Señor …“

„Darf ich erfahren, wie Sie es geschafft haben, an meiner Haushälterin vorbeizukommen?“ Er unterbrach sie jetzt ungehalten. „Hören Sie, wenn Sie darauf aus sind, mir irgendetwas zu verkaufen, dann muss i…“

„Nein!“, fiel Audrey ihm ins Wort. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Señor, ich bin keine Vertreterin. Es geht um eine private Angelegenheit.“ Ihre Hände krampften sich in den Stoff ihres geblümten Sommerkleids, über dem sie eine schmal geschnittene Jeansjacke trug. „Bitte, hören Sie mich an. Ich habe den weiten Weg aus London auf mich genommen, weil ich weiß, wie schwierig es für gewöhnlich ist, jemanden, der so viel unterwegs und beschäftigt ist, ohne Termin an einem festen Ort anzutreffen.“

Vor diesem Moment hatte sie sich die ganze Zeit über gefürchtet. Was sollte sie tun, wenn er sie abwies? Schließlich konnte sie ihn schlecht zwingen, sie anzuhören. Aber er muss, dachte sie verzweifelt, er muss!

„Also gut“, sagte er zögernd. „Nehmen Sie erst einmal Platz.“

Audrey nickte dankbar. Nun sah sie sich aufmerksam in dem Zimmer um. Der Raum, der wohl als Salon oder Wohnzimmer genutzt wurde, unterschied sich in der Einrichtung auffallend von der Eingangshalle. Die Wände waren in hellen, freundlichen Farben gehalten, und auf dem Boden lag ein weicher, cremefarbener Teppich. Ein modernes Ledersofa und ein großer Glastisch vervollständigten den angenehmen Eindruck.

Audrey setzte sich, dann wartete sie ungeduldig, bis auch ihr Gastgeber Platz genommen hatte. Sie fühlte sich schrecklich nervös, und das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Wie würde Joaquin de Santo reagieren, wenn sie ihn mit ihrer Geschichte konfrontierte? Würde er sie ohne Umschweife wieder vor die Tür setzen?

Nach allem, was sie von Kylie über diesen Mann erfahren hatte, musste sie diese Möglichkeit durchaus in Betracht ziehen. Der Welt präsentierte Señor de Santo sich als charmanter, offener Mann. Doch unter dieser Maskerade verbarg sich ein hartherziger, egoistischer Mensch, den die Gefühle anderer vollkommen kalt ließen. Warum sollte er sich ausgerechnet in dieser Situation ihr gegenüber anders verhalten?

„Señor de Santo, ich …“

„Bitte, Miss Raine, ehe Sie weitersprechen, muss ich Ihnen etwas sagen“, fiel er ihr sogleich ins Wort.

Audrey blinzelte irritiert. „Also schön.“

„Nun, ich muss Ihnen leider eine unerfreuliche Mitteilung machen: Mein Stiefbruder befindet sich zurzeit nicht im Lande.“

„Oh …“

Es dauerte einen Moment, ehe ihr Verstand seine Worte wirklich verarbeitet hatte, aber dann wurde ihr die Bedeutung seiner Worte klar: Der Mann, dem sie hier gegenübersaß, war nicht Joaquin de Santo. Doch der zweite Teil ihrer Erkenntnis wog noch weitaus schwerer, denn wenn Joaquin de Santo sich nicht in Spanien aufhielt, dann hatte sie ihre Reise völlig umsonst angetreten und …

„Ich will mich nicht in Dinge einmischen, die mich nichts angehen, Miss Raine“, sprach Señor de Santo weiter, „aber Sie sind sehr blass geworden. Geht es Ihnen gut?“

Audrey rang sich ein gequältes Lächeln ab. Gut? Nein, sie fühlte sich alles andere als gut. Ihr war, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weggezogen.

Dennoch wollte sie sich nicht anmerken lassen, wie es in ihr aussah. „Es ist nur … Diese Nachricht kam ein wenig überraschend für mich. Können Sie mir vielleicht sagen, wann Sie Ihren Stiefbruder wieder zurückerwarten, Señor de Santo?“

„Das ist schwierig zu sagen, denn Joaquin ist auf einer Fotoreportage in Südamerika, in den Anden genauer gesagt. Hin und wieder meldet er sich bei mir, aber das geschieht nur äußerst unregelmäßig.“

Audrey schluckte. Damit hatte sie nicht gerechnet. Wie sollte es jetzt weitergehen? Sie hatte sich fest vorgenommen, stark zu bleiben und sich keine Schwäche anmerken zu lassen, doch in diesem Moment brach eine Welt für sie zusammen.

Voller Verzweiflung barg sie aufschluchzend das Gesicht in den Händen. Was sollte nun aus Luna María werden?

Angesichts der Verzweiflungstränen der schönen Engländerin, die vor wenigen Minuten vor seiner Tür aufgetaucht war, fühlte Ramón de Santo sich ungewohnt hilflos. Seltsam, denn immerhin war er ein Mann, der in der Regel mit beiden Beinen fest im Leben stand. Die Leitung des Familienunternehmens bereitete ihm jedenfalls weit weniger Schwierigkeiten und Unbehagen als eine weinende Frau.

„Miss Raine, so beruhigen Sie sich doch.“ Er erhob sich von seinem Platz und trat hinter sie. Er wollte sie trösten, doch etwas hielt ihn zurück. Seine Hände verharrten über ihren bebenden Schultern, gleichwohl zögerte er, sie zu berühren. Dies war nicht irgendeine x-beliebige Frau. Er wusste nicht, welche Laune des Schicksals sie ausgerechnet vor seiner Türschwelle hatte stranden lassen. Aber als er sie vorhin zum ersten Mal angesehen hatte, war es für ihn ein kleiner Schock gewesen. Einen Moment lang hatte er tatsächlich geglaubt, einem Geist gegenüberzustehen.

Das lange dunkle Haar, die funkelnden bernsteinfarbenen Augen und der sinnliche Mund … Erst auf den zweiten Blick stellte er fest, dass die Ähnlichkeit weniger das Aussehen, als ihre ganze Ausstrahlung betraf. Audrey war ein bisschen größer, ihre Züge weicher, nicht ganz so aristokratisch streng. Und doch …

„Teresa …“

Sie blickte zu ihm auf. Ihre Augen waren vom Weinen gerötet, ihre Wangen tränennass – was ihre Attraktivität keineswegs schmälerte. „Wie bitte?“

Ramón, der erst jetzt merkte, dass er den Namen laut ausgesprochen hatte, zuckte zusammen. Er zog seine Hände, die noch immer unentschlossen nur Zentimeter über ihren Schultern in der Luft schwebten, zurück, so als habe er sich verbrannt. „Nichts. Es … Sind Sie wieder in Ordnung?“

Sie lächelte vorsichtig, doch Ramón konnte ihr deutlich ansehen, dass sie sich dazu zwingen musste. „Es geht schon wieder. Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen, Señor. Für gewöhnlich verliere ich nicht so leicht die Fassung, aber ich …“

Sie verstummte. Ganz offensichtlich wollte sie nicht mit ihm darüber sprechen, was natürlich ihr gutes Recht war. Ramón war sich der Unhöflichkeit seines Verhaltens durchaus bewusst, was ihn aber nicht davon abhalten konnte, noch einmal nachzuhaken. „Wollen Sie mir nicht verraten, was Sie so dringend mit meinem Bruder besprechen wollen?“, fragte er. „Vielleicht kann ich Ihnen ja weiterhelfen.“

Doch sie schüttelte den Kopf. „Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen, Señor, aber mir kann nur Joaquin de Santo helfen.“

Ihre Worte lösten eine Empfindung in Ramón aus, die er selbst nicht verstand. Es war wie ein nadelfeiner Stich in die Brust, der ein kaum spürbares, aber doch schmerzhaftes Brennen hinterließ.

Er blinzelte irritiert. Was kümmerte es ihn, dass diese attraktive Engländerin es vorzog, mit Joaquin zu sprechen? Er kannte sie ja nicht einmal.

„Nun, wie ich Ihnen schon sagte: Es ist nicht abzusehen, wann Joaquin nach Spanien zurückkehren wird“, erklärte er weitaus schroffer als beabsichtigt. „Und da ich Ihnen offenbar nicht weiterhelfen kann …“

Als er sah, wie ihre Lippen zu zittern begannen und ihre braunen Augen sich mit Tränen füllten, bereute er seine Unfreundlichkeit sofort. Oh nein, nur das nicht! Auf keinen Fall durfte sie wieder anfangen zu weinen, denn damit konnte er überhaupt nicht umgehen.

„Warum bleiben Sie nicht einfach hier? Wir haben wirklich Platz genug“, hörte er sich zu seiner größten Überraschung im nächsten Moment sagen, und am liebsten hätte er sich selbst dafür geohrfeigt. Was redete er denn da? Natürlich wollte er nicht, dass sie weinte – aber das ging nun wirklich zu weit.

Die junge Frau reagierte auf sein Angebot mit einem unsicheren Lächeln, das Panikgefühle in ihm auslöste. „Ist das Ihr Ernst? Damit würden Sie mir sehr helfen.“

Ramóns Gedanken rasten im Kreis. Was nun? Selbstverständlich war er zu nichts verpflichtet. Es blieb ihm immer noch, sich darauf hinauszureden, dass er es sich plötzlich anders überlegt hatte, daraus konnte ihm niemand einen Vorwurf machen. Aber wie sollte er ihr das antun, wo sie ihn so voller Hoffnung anblickte?

„Natürlich nur heute Nacht“, sagte er und fügte sich damit in sein selbst auferlegtes Schicksal. „Sie können eines der Gästezimmer des Alcázars beziehen. Ich werde Dolores, meine Haushälterin, anweisen, alles vorzubereiten. Morgen sollten Sie sich vielleicht nach einer Unterkunft im Ort umsehen. Sollte Joaquin sich melden, werde ich Sie dann unverzüglich benachrichtigen.“

Audrey erhob sich und reichte ihm die Hand. „Vielen Dank, Señor, Sie sind sehr großzügig. Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll.“

„Nicht der Rede wert“, erwiderte Ramón mit rauer Stimme. „Ich möchte schließlich nicht, dass man Ramón de Santo am Ende nachsagt, eine Hilfe suchende junge Frau hartherzig abgewiesen zu haben.“ Dann wandte er sich rasch ab, da er fürchtete, dass sie trotz dieser spaßig gemeinten Bemerkung das Chaos, das in seinem Inneren herrschte, von seinen Augen ablesen könnte.

Er rief nach Dolores und gab ihr Anweisung, ein Zimmer für seinen Gast herzurichten. Der neugierige, ein wenig verwunderte Blick seiner Haushälterin entging ihm keineswegs, aber er konnte ihr die Verwunderung kaum verdenken. Weiblichen Besuch hatte es auf dem Alcázar der Familie de Santo wahrlich schon lange nicht mehr gegeben.

Nachdem Audrey mit Dolores das Zimmer verlassen hatte, atmete Ramón tief durch und zwang sich zur Ruhe. Madre mia, was habe ich getan? Wie konnte ich sie bitten zu bleiben? Eine völlig Fremde?

Eine Fremde? Sag, Ramón, ist sie dir wirklich so fremd?

Die Luft im Salon erschien ihm plötzlich unerträglich stickig. Rasch trat er ans Fenster und riss es auf, doch auch das verschaffte ihm keine Erleichterung. Am Horizont hatte sich eine dichte, schwarzgraue Wolkendecke zusammengeballt. Schon jetzt hing ein durchdringender Geruch nach Ozon in der Luft. Ein heftiges Gewitter nahte.

Der unerwartete Wetterumschwung spiegelte ziemlich genau seinen augenblicklichen Gemütszustand wider. Sein Blick fiel auf die große Wanduhr über der Couch, und er schüttelte fassungslos den Kopf. Es war nicht einmal eine Stunde her, seit er Audrey Raine zum ersten Mal gesehen hatte. Dennoch war es ihr in dieser kurzen Zeit bereits gelungen, sein bislang geordnetes Leben vollkommen auf den Kopf zu stellen.

Und ihn beschlich eine Ahnung, dass dies erst der Anfang war.

2. KAPITEL

„Ich hoffe, dieses Zimmer ist Ihnen recht, Señorita. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen aber auch einen der Räume auf der Meerseite herrichten. Nicht, dass man von dort mehr als einen schmalen silbernen Streif am Horizont sehen würde, aber …“

„Nein danke, Dolores, machen Sie sich meinetwegen bloß keine Umstände. Dieses Zimmer gefällt mir wirklich sehr. Muchas gracias. Übrigens: Sie sprechen ganz exzellentes Englisch. Darf ich fragen, wo Sie das gelernt haben?“

De nada“, erwiderte die ältere Frau, deren schwarzes, mit grauen Strähnen durchzogenes Haar zu einem strengen Knoten am Hinterkopf geschlungen war. „Mein Mann Gustavo und ich haben vor vielen Jahren einmal in Dover einen kleinen Laden betrieben, dort habe ich selbstverständlich viel Englisch gesprochen. Aber irgendwann bekamen wir Heimweh und kehrten zurück.“ Sie lächelte verschmitzt. „Ich hoffe übrigens, Sie fühlen sich hier so wohl, dass Sie länger bleiben möchten als nur heute Nacht. Es ist lange her, dass Don Ramón eine Freundin hierher eingeladen hat.“

„Oh nein, Dolores, ich und Señor de Santo, wir …“

„Ich verstehe schon“, erwiderte sie. Dann zwinkerte sie Audrey noch einmal zu und verließ das Zimmer.

Audrey sah sich erst einmal richtig in dem Gästezimmer um. An der Decke hing ein Ventilator, der leise rotierend seine Schatten an die weiß getünchten Wände warf. Die Einrichtung war schlicht gehalten, die einzelnen Möbelstücke aber kostbar und ausgesucht. Ein dunkler, reich mit Schnitzereien verzierter Kleiderschrank stand auf einer Seite des Raumes, daneben ein kleiner Schreibtisch mit passendem Stuhl.

Durch zwei bodentiefe Fenster, vor denen sich cremefarbene Vorhänge im Wind bauschten, fiel golden schimmerndes Sonnenlicht.

Das Gästezimmer verfügte sogar über ein eigenes Badezimmer, ausgestattet mit offener Dusche, geräumiger Eckbadewanne und wunderschönen leuchtend blauen Azulejos, den glasierten Fliesen, die einst von den Mauren nach Spanien gebracht worden war.

Die größte Anziehungskraft jedoch übte das riesige Bett mit seinen vier Pfosten und dem Himmel aus durchscheinender weißer Gaze aus. Audrey hatte das Gefühl, auf Wolken zu schweben, als sie sich auf die dicke Daunendecke fallen ließ. Traumhaft. Sie schloss die Augen, vergaß für einen Augenblick all ihre Sorgen und Nöte und ließ sich einfach fallen. Doch der Moment hielt nicht lange an, die Realität holte sie schon bald wieder ein.

Was nun?

Geografisch gesehen hatte Audrey ihr Ziel erreicht, doch von der Lösung ihrer Probleme war sie nach wie vor weit entfernt. Es machte sie schier verrückt, dass sie nichts weiter tun konnte als abzuwarten. Joaquin de Santo war der einzige Mensch auf der ganzen Welt, der Luna María helfen konnte. Und es lag allein in ihrer, Audreys, Verantwortung, dafür zu sorgen, dass er es auch tat. Schließlich hatte sie Kylie versprochen, gut für ihre Kleine zu sorgen.

Doch jetzt schien es fraglich, ob sie noch rechtzeitig Gelegenheit erhielt, mit Joaquin zu sprechen.

Ihre Gedanken wanderten zu Ramón de Santo. Wenn sein Bruder auch nur ein wenig Ähnlichkeit mit ihm besaß, dann konnte Audrey durchaus verstehen, was Kylie an ihm anziehend gefunden hatte. Sicher fühlten sich viele Frauen gerade von diesem Typ Mann – Südländer mit olivfarbenem Teint, schwarzem Haar und glutvollen dunklen Augen – angezogen. Und Ramón stellte ohne Frage ein besonders attraktives Exemplar dar. Gewiss lagen ihm die Verehrerinnen in Scharen zu Füßen.

Sein gutes Aussehen machte auf sie selbstverständlich nicht den geringsten Eindruck. Schon früh im Leben hatte sie gelernt, nichts auf den schönen Schein zu geben und ihre Beziehungen zu Männern rein platonisch zu halten.

Bislang war sie damit gut gefahren. Und das Schicksal ihrer Cousine Kylie war das beste Beispiel für das Unglück, das blinde Verliebtheit anrichten konnte.

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