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Liebestraum an der Côte d’Azur

PROLOG

Am Swimmingpool, Hotel Lézille, halb neun abends

Er sah sie sofort.

Sie stand am Türbogen zwischen der Hotelhalle und dem Swimmingpool. Ungewohnt starke Erregung bemächtigte sich seiner. Sie wirkte unsicher. Nicht dass sie die schönste Frau war, die er je gesehen hatte, doch sie strahlte eine Natürlichkeit aus, die in seinen Kreisen selten war. Und dadurch umso reizvoller. Dunkles Haar rahmte in schimmernden, weichen Wellen ihr Gesicht. Das schlichte schwarze Kleid umschmiegte ihren schlanken Körper und die beeindruckenden Brüste. Er musste aufpassen, dass er sie nicht anstarrte.

Gestern, auf der Straße, hatte er verbergen können, dass sie ihn buchstäblich sprachlos gemacht hatte. Dabei war er nie um Worte verlegen, und er konnte sich nicht erinnern, dass ihm irgendetwas überhaupt jemals die Sprache verschlagen hatte. Aber als sie ihn mit ihren großen blauen Augen ansah, war sein Interesse erwacht und seine Fantasie mit ihm durchgegangen. Dieser volle, sinnliche Mund …

Unerwartet war er ihr auf der Insel vorhin wiederbegegnet und ihr gefolgt, um sie aus nächster Nähe zu betrachten. Sie hatte ihn nicht enttäuscht. Sie erbebte unter seinem Blick genau wie bei ihrer ersten Begegnung, als er sie mit beiden Händen festhielt. Er konnte sich nicht erinnern, dass eine Frau so auf ihn reagiert hatte, ohne dass viel zwischen ihnen passiert wäre.

Er presste die Lippen zusammen, während er daran dachte, dass sie seine Einladung zum Dinner abgelehnt hatte. Auch das war ihm noch nie passiert. Gehörte das zu ihrer Masche? Er war immer wieder überrascht, zu welchen Mitteln manche Frauen griffen, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Dem Mann die Eroberung schwer zu machen war allerdings ein alter Trick …

Die dünne Rothaarige neben ihm hörte gar nicht mehr auf zu reden. Anscheinend merkte sie nicht, dass er längst einen interessanteren Anblick gefunden hatte als ihre von einem Schönheitschirurgen geformte Oberweite.

Mit einer kaum merklichen Handbewegung holte er einen der Angestellten herbei. Der Mann beugte sich zu ihm herab.

„Ja, Sir?“

„Wer ist die Frau?“ Er deutete mit dem Kopf auf sie.

„Sie gehört nicht zu unseren Gästen, Sir, aber ich kann es herausfinden, wenn Sie wünschen …“

Mit einem Kopfschütteln entließ er ihn.

Die Langeweile, die ihn seit geraumer Zeit erfüllte, schwand, während er beobachtete, wie die junge Frau anmutig zwischen den Tischen hindurch zu ihrer Gruppe ging. Er brauchte nicht lange, um die Leute einzuschätzen. Unter anderem verdankte er es seiner ausgeprägten Menschenkenntnis, dass er sein Vermögen innerhalb kurzer Zeit verdreifacht hatte. Er fixierte den Mann, der ihr offenbar als Begleiter zugedacht war. Keine Konkurrenz. Sein Puls beschleunigte sich, während er sie unauffällig musterte, und er beschloss, den empfindlichen Schlag gegen seinen Stolz zu vergessen. Diese Frau war es auf jeden Fall wert, umworben zu werden. Verlangen stieg in ihm auf und mischte sich mit prickelnder Erwartung.

Seit vielen Monaten hatte er sich nicht mehr so lebendig gefühlt …

1. KAPITEL

Einige Stunden früher

Unschlüssig ging Jane Vaughan auf dem überfüllten Anleger auf und ab. Sie wusste nicht mehr, an welcher Stelle sie gestern gewesen war. Die Ausflugsboote waren zahlreich, und noch zahlreicher waren die Menschen, die sich davor in langen Schlangen aufgestellt hatten. Der Mann, an den sie sich gestern gewandt hatte, hatte weder Geld genommen noch ihr ein Ticket gegeben, sondern ihr lediglich versichert, er würde sie an Bord des richtigen Bootes bringen, wenn sie zu ihm komme. Das Problem war nur, dass sie ihn nirgends entdecken konnte.

Dass sie mit diesem Fremden zusammengestoßen war, musste sie ziemlich durcheinandergebracht haben. Eigentlich passte es gar nicht zu ihr, dass sie die halbe Nacht wach lag und von einem Mann träumte, mit dem sie zufällig auf der Straße zusammengeprallt war. Er war groß und schlank gewesen. Sie sah den kraftvollen Körper vor sich, das schmale, markante Gesicht, als würde er vor ihr stehen. Ihr wurde warm, und Jane schüttelte den Kopf, um das irritierende Bild zu vertreiben. Nein, wirklich, so etwas sah ihr gar nicht ähnlich.

Sie marschierte auf einen Liegeplatz zu, der ihr vage bekannt vorkam, und stellte sich hinten an.

„Excusez-moi. C’est le bâteau pour les îles?“, fragte sie, als sie an die Reihe kam, aber der Mann winkte sie nur ungeduldig weiter.

Jane zögerte kurz. Was kann schon passieren? sagte sie sich dann. Sie war im Urlaub, umgeben von anderen Touristen. Wenn sie nicht genau an dem Ausflugsziel landete, das sie sich ausgesucht hatte, auch egal. Warum sich nicht auf ein kleines Abenteuer einlassen?

Ihre Bedenken schwanden endgültig, als der Seewind ihr durch die Haare wehte und die Sonne ihre Schultern und die nackten Beine wärmte. Sie trug ein farbenfrohes rückenfreies Kleid, ein Geschenk ihrer Freundin Lisa, die ihr augenzwinkernd erklärt hatte, sie dürfe ruhig ein bisschen mehr auffallen.

Sie schob die Sonnenbrille hoch ins Haar und hielt das Gesicht der Sonne entgegen. Zum ersten Mal, seit sie vor einer Woche an der Côte d’Azur angekommen war, fühlte sie sich frei und unbeschwert. Auch Lisa fehlte ihr eigentlich nicht, obwohl sie ursprünglich mit ihrer Freundin hatte hierherreisen wollen. Die Villa, in der sie wohnte, gehörte Lisas Familie. Leider war Lisas Vater mit Verdacht auf Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert worden und musste sich in dieser Woche einer Operation unterziehen.

„Janey, wenn du nicht fährst, habe ich zu allem anderen auch noch Schuldgefühle dir gegenüber“, hatte Lisa gesagt, als Jane ihr anbot, auf die Reise zu verzichten. „Außerdem würdest du uns einen Gefallen tun. Das Haus steht seit Monaten leer, und es müsste mal wieder frische Luft in die Räume.“

Schließlich hatte Jane nachgegeben.

Sie stand auf und trat an die Reling. Gischt spritzte auf ihre Haut, das Boot näherte sich einer Insel. Jane verspürte leichte Gewissensbisse, dass sie das Alleinsein tatsächlich genoss. In ihren sechsundzwanzig Jahren war sie nicht ein einziges Mal wirklich allein gewesen, und ohne die Verantwortung, die sie so lange Zeit hatte tragen müssen, fühlte sie sich herrlich frei.

Ihr Ausflugsziel nahm Konturen an. Jane entdeckte einen hellen Sandstrand zwischen schroffen Felsen. Malerische Häuser säumten die Bucht, die der Schiffsführer ansteuerte. Das Wasser glitzerte im Sonnenlicht, als das Boot anlegte und die Passagiere von Bord gingen.

Ihre Gedanken schweiften ab zu jenen verwirrenden Momenten gestern in den schmalen Gassen rund um den Hafen. Sie hatte sich abseits der überfüllten Fußgängerzone gehalten und eine ruhige Straße entdeckt, in der sich keine Touristen tummelten. Um die Gegend genauer zu erkunden, suchte sie nach dem Straßennamen und ging mit aufgeklapptem Stadtplan lesend weiter. An der nächsten Ecke stieß sie gegen eine Wand.

Jane hatte die Ecke nicht kommen sehen, und nach der ersten Schrecksekunde wurde ihr klar, dass es keine Wand war. Eine Wand würde nicht die Arme ausstrecken und mit kräftigen Händen ihre Oberarme umfassen. Die Straßenkarte entglitt ihr, während Jane begriff, dass sie mit einem Mann zusammengestoßen war. Zuerst sah sie eine breite, mit einem T-Shirt bekleidete Brust, hob den Blick höher und noch höher, bis sie direkt in faszinierend grüne Augen schaute. Sie hatte noch nie so wundervolle Augen gesehen. Das Gesicht des Mannes war sonnengebräunt, und er hatte die schwarzen Brauen fragend zusammengezogen. Ihr Herz schlug schneller.

Da erst merkte sie, dass sie sich an seinen Armen festgehalten hatte, um nicht hinzufallen. Sie spürte einen beachtlichen Bizeps unter ihren Fingern und warme, feste Haut. Jane erbebte unwillkürlich, schlagartig wurde ihr warm. Schockiert sah sie den Fremden an. Sein Blick glitt zu ihrem Mund. Plötzlich empfand sie eine Leichtigkeit, als würde sie schweben, wie in einem magischen Traum.

Der Zauber brach, als eine schrille Stimme ertönte. Jane sah an dem Mann vorbei. Eine hinreißende Blondine stöckelte heran und redete, für Jane unverständlich, in schnellem Französisch auf ihn ein. Sein Griff verstärkte sich kurz, dann ließ er sie los und bückte sich. Gleich darauf reichte er ihr wortlos den Stadtplan. Ein spöttisches Lächeln umspielte seine sinnlichen Lippen. Bevor Jane irgendetwas sagen konnte, tauchte die blonde Schönheit neben ihm auf, warf ihr einen abschätzigen Blick zu und deutete temperamentvoll auf ihre goldene Armbanduhr, während sie weiterhin auf den Mann einsprach. Gleich darauf waren beide verschwunden.

Jane stand da, spürte immer noch seine Hände auf der Haut und konnte sich nicht rühren. Unwillkürlich fasste sie sich an die Lippen. Sie prickelten leicht, als hätte er sie tatsächlich berührt. Der ganze Zwischenfall hatte ein paar Sekunden gedauert, aber ihr war, als hätte sie Stunden hier mit ihm gestanden. Dann erinnerte sie sich an sein rätselhaftes Lächeln. So, als wüsste er genau, wie er auf sie wirkte. Wie arrogant, hatte sie gedacht.

Janes Träumereien endeten abrupt, als sie merkte, dass sie den anderen Touristen in einen klimatisierten Minibus folgte. Jane schwor sich, nicht mehr an den Mann zu denken. Sich nicht wieder vorzustellen, wie sie ihm an einem Tisch gegenübersaß, eingehüllt in sanftes Kerzenlicht, das sich in Silberbesteck und Kristallgläsern widerspiegelte. Nicht davon zu träumen, wie ihre Blicke sich verfingen. Sie ignorierte das nervöse Flattern in der Magengegend und musterte die Mitreisenden. Auf den Sitzplätzen nebenan entdeckte sie ein Paar in ihrem Alter.

„Verzeihung, wo sind wir hier?“

Die junge Frau beugte sich über den Mittelgang. „Honey, dies ist die Insel Lézille“, erklärte sie mit starkem amerikanischen Akzent, „aber das müssten Sie doch wissen, wenn Sie im Hotel wohnen … Oder sind Sie kein Gast?“

„Nein!“ Jane schlug die Hand vor den Mund. „Ich wohne in keinem Hotel. Ich dachte, dies wäre ein Ausflug, an dem jeder teilnehmen kann.“

Was soll ich tun? fragte sie sich betreten. Sie hatte für die Fahrt nicht bezahlt. Ihr fiel ein, dass sie den Mann nach dem Boot zu les îles … den Inseln gefragt hatte. Das klang genau wie Lézille. Kein Wunder, dass er sie einfach durchgewinkt hatte.

„Ach, machen Sie sich keine Gedanken“, versuchte ihre Nachbarin, sie zu beruhigen. „Das merkt doch keiner, und ich verrate Sie nicht.“ Sie grinste. „Ein Ausflug umsonst … Betrachten Sie es als Geschenk des Himmels.“

Jane lächelte schwach. Die Sache gefiel ihr gar nicht. Doch vielleicht war es wirklich nicht so schlimm. Sie könnte nach der Rückkehr mit ins Hotel fahren und den Fahrpreis für die Passage nachträglich entrichten. Bei dem Gedanken fühlte sie sich gleich besser.

Die junge Frau erzählte ihr, dass sie zuerst ein Weingut besuchen und an einer Weinprobe teilnehmen würden. Zum Abschluss sollte ihnen eine Flugschau geboten werden. Jane entspannte sich und nahm sich vor, den Ausflug zu genießen.

Rechts und links der Straße lagen Felder mit gepflegten, in Reih und Glied stehenden Weinstöcken. Auf dem Gut erklärte man ihnen die Weinherstellung, und Jane war überrascht, wie interessant der Prozess war. Der Name auf den Flaschen war ihr inzwischen vertraut – es war der gleiche wie der der Insel.

Als sie eines der Gebäude verließen, entdeckte sie in der Ferne ein mittelalterliches Schloss.

„Wissen Sie, dass diese Insel einem Milliardär gehört, der in der Burg dort drüben wohnt?“

Jane drehte sich um. Neben ihr stand die nette junge Frau aus dem Bus. „Nein, das wusste ich nicht.“

„Offenbar gehört ihm auch die halbe Küste“, sagte die andere mit gesenkter Stimme. „Seine Ahnengalerie lässt sich Jahrhunderte zurückverfolgen. Er soll sehr viel Wert auf seine Privatsphäre legen und gestattet Ausflüge wie diesen nur ein paar Mal im Jahr. Es gibt alle möglichen Geschichten über ihn, und …“ Sie unterbrach sich, als ihr Freund kam und sie beiseitezog, um ihr etwas zu zeigen.

Jane betrachtete die imposante Anlage. So, wie sie aussah, war sie sicher als Festung zur Verteidigung errichtet worden.

Nach einer kurzen Fahrt an der pittoresken Küste entlang hielt der Bus auf einer ausgedehnten Wiese voller Wildblumen. Am Ende lag eine Start- und Landebahn, an der ein Dutzend Flugzeuge startbereit wartete. Rundherum herrschte Volksfestatmosphäre. Familien picknickten auf der Wiese, überall waren Stände aufgebaut, an denen man essen und trinken, aber auch Kunsthandwerkliches erwerben konnte. Ein kleines Haus am Rand entpuppte sich bei näherem Hinsehen als eine Art Museum. Jane gönnte ihm nur einen kurzen Blick und spazierte zu den Buden, wo sie etwas Brot und Käse kaufte. Alle anderen hatten sich anscheinend vorsorglich etwas mitgebracht.

Jemand berührte sie am Arm. „Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Sherry, und das ist Brad. Wir kommen aus New York und sind in den Flitterwochen. Wenn Sie allein hier sind, können Sie sich uns gern anschließen.“

Die lebhafte junge Frau ließ Jane kaum zu Wort kommen, nachdem sie ihren Namen genannt hatte, und führte sie zu dem Platz im Gras, den sie sich für ihr Picknick ausgesucht hatten. Die beiden waren nett, boten ihr Obst und Wein an. Jane fühlte sich wohl in ihrer Gesellschaft.

Eine Weile später kamen Männer in Fliegermonturen aus einem Hangar, und die Leute erhoben sich, um sie fröhlich zu begrüßen. Als der Letzte zu seinem Flugzeug marschierte, ging ein Raunen durch die Menge. Jane beschattete die Augen mit der Hand, um ihn sich genauer anzusehen, und erstarrte. Es war der Mann, dem sie in der einsamen Gasse begegnet war. Kein Zweifel. Mit seiner eindrucksvollen Größe und der kraftvollen Gestalt hob er sich von den anderen ab.

Auf sein Zeichen hin bestiegen die Männer ihre Maschinen. Sobald er im Cockpit verschwunden war, verspürte Jane einen wachsenden Druck im Magen. Während ein Flugzeug nach dem anderen abhob, verstärkte sich ihre Anspannung. Mit geballten Fäusten verfolgte sie die Flugschau, die nicht länger als fünfzehn Minuten dauerte. Ihr hingegen erschien es wie eine Ewigkeit, während er am Himmel seine Loopings drehte und Kunststücke vollführte, die die Menge mit offenem Mund und immer neuem Applaus verfolgte.

Als er endlich sicher am Boden gelandet war und sein Flugzeug verließ, brach frenetischer Beifall aus. Jane merkte erst jetzt, dass sie die Fingernägel schmerzhaft in die Handflächen gedrückt hatte. Sie hatte Angst um ihn gehabt, und nun war sie auf ihn wütend, weil er sich einer solchen Gefahr ausgesetzt hatte.

Wütend – auf einen völlig Fremden!

Vielleicht hast du zu viel Sonne abbekommen, dachte sie, unfähig, den Blick von ihm loszureißen. Die Menge strömte zu den Flugzeugen. Da wandte er den Kopf. Mindestens fünfzig Meter trennten sie, und doch trafen sich ihre Blicke. Jane hatte plötzlich das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen. Sie bekam weiche Knie, als hätte der Mann sie zärtlich berührt.

Sie fing sich und senkte den Blick, ehe sie sich wieder zu den beiden Amerikanern setzte. Die beiden schienen nicht bemerkt zu haben, was mit ihr los war, und plauderten munter über die waghalsigen Manöver der Piloten. Als sie vorschlugen, dem Museum einen Besuch abzustatten, schloss sie sich dankbar an.

Trotzdem konnte sie es nicht lassen, einen kurzen Blick über die Schulter zu wagen. Sie sah nur sein dunkles Haar, während er von einer Menschentraube umringt war. Meistens Frauen, wie sie feststellte.

Entschlossen wandte sie sich ab und betrat das Haus. Bis sie hier mit ihrem Rundgang fertig war, würden die Piloten sicher längst weg sein. Nach ein paar Minuten fühlte sie sich irgendwie ruhiger, ging zwischen den einzelnen Ausstellungsstücken umher und las die Informationen mit Interesse. Auf einem kleinen Schild in einer Ecke stand zu lesen, dass um die vorletzte Jahrhundertwende ein katastrophales Erdbeben die Insel erschüttert und die Bevölkerung von fast tausend Einwohnern auf wenige Hundert dezimiert hatte. Erst in den letzten Jahrzehnten war es für sie wieder bergauf gegangen.

Anscheinend hatte die Insel schon immer einer einzigen Familie gehört, die sich hier zu Zeiten der Kreuzfahrer niedergelassen hatte. Ihr Name war Salgado-Lézille, und sie stammte ursprünglich aus Spanien. Deswegen sehen die Häuser ein bisschen wie Haziendas aus, dachte Jane, und auch das Schloss hatte etwas Maurisches.

Sie hatte sich umgedreht, um der Menge zum Ausgang zu folgen, da wurde die helle Türöffnung kurz dunkel, weil jemand hereinkam.

Er war es. Jane spürte es, bevor sie ihn sah, und hielt den Atem an, als er den Blick suchend über die Menschen gleiten ließ. Dann entdeckte er sie. Ihr Herz fing an, wild zu klopfen.

Der Mann starrte sie an.

Sie wandte sich ab, um in einer der Vitrinen die Exponate zu betrachten, aber in der Scheibe spiegelte sich seine hochgewachsene Gestalt. Er rührte sich nicht. Sie zwang sich, um den Glaskasten herumzugehen, tat, als interessiere sie sich für die Ausstellungsstücke.

Trotzdem fühlte sie seinen Blick am ganzen Körper. Wie eine Liebkosung. Jane erbebte unwillkürlich.

Du brauchst nur an ihm vorbeizugehen, sagte sie sich. Nichts leichter als das.

Sie folgte der Gruppe, die zum Ausgang strebte, und versuchte, nicht auf den breitschultrigen Mann zu sehen, der an der Wand lehnte und sie nicht aus den Augen ließ.

Jetzt waren nur noch zwei Leute vor ihr. Warum waren sie stehen geblieben? Jane versuchte, ihren Ärger zu unterdrücken. Sie reagierte völlig übertrieben. Wahrscheinlich musste sie nur raus an die frische Luft. Ja, das war es. Hier drinnen herrschte eine Bruthitze.

Sie sah seine langen Beine, die er an den Knöcheln lässig übereinandergeschlagen hatte, und konzentrierte sich auf den beleibten Mann vor ihr. Vielleicht könnte sie so tun, als gehöre sie zu ihm, damit sie hier unbehelligt herauskam.

Jetzt stand sie fast neben ihm. Sie hielt den Atem an. Er kam ins Blickfeld. Glänzendes schwarzes Haar, hohe Stirn, markante männliche Züge, die gerade Nase, der sinnliche Mund, faszinierende grüne Augen … Jane brauchte nicht hinzusehen. Sein Bild hatte sich ihr eingeprägt, seit ihr Gesicht von seinem nur Zentimeter entfernt gewesen war – gestern auf der Straße. Die Fliegermontur unterstrich seine selbstbewusste Haltung.

„Meine Güte, sieht der gut aus.“

Was du nicht sagst, Sherry.

Ihre neue Bekannte hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Stimme zu senken. Der Mann lächelte leicht. Also verstand er Englisch.

Sie war an der Tür, wäre mit dem nächsten Schritt draußen gewesen, da spürte sie, wie warme, kräftige Finger ihr Handgelenk umschlossen. Hinter ihr staute sich die Menge. Um kein Aufsehen zu erregen, folgte sie der stummen Aufforderung.

Er zog sie näher zu sich, und die Menschen um sie herum drängten sie unabsichtlich gegen ihn.

Fragend schaute sie zu ihm hoch. „Was wollen Sie?“, brachte sie heraus. Etwas Besseres fiel ihr nicht ein.

„Sie.“

Mit Mühe unterdrückte sie ein Zittern. „Wer … wer sind Sie?“

Der Mann antwortete nicht. Stattdessen musterte er ihr Gesicht, lächelte und betrachtete sie dann langsam von oben bis unten, bis sie sich unter seinem Blick nackt fühlte. Wärme breitete sich in ihr aus. Jane errötete. Ärgerlich versuchte sie, ihm ihr Handgelenk zu entwinden, aber er ließ es nicht zu.

„Für wen halten Sie sich? Wie können Sie es wagen …?“

Das Grün seiner Augen wurde dunkler. „Heißt das, Sie erkennen mich nicht?“

Er hatte sich an sie erinnert.

„Nein … nun ja, eigentlich doch. Wir sind uns gestern in der Gasse begegnet … als Sie mit mir zusammengeprallt sind.“

„Wenn ich mich recht erinnere, war es genau andersherum, n’est-ce pas?“

Seine tiefe Stimme klang weich und tief. Er sprach fließend Englisch, ohne den geringsten Akzent, aber Jane hatte Schwierigkeiten, sich auf die Worte zu konzentrieren.

„Ich habe im Stadtplan gelesen. Sicher haben Sie mich doch kommen sehen …“

Wieder taxierte er sie ausgiebig. „Oh ja, ich habe Sie gesehen.“

Sein amüsierter Blick gefiel ihr gar nicht. Wieder versuchte sie, sich ihm zu entziehen. Diesmal ließ er sie los, und seltsamerweise fehlte ihr seine Wärme.

„Sie hätten besser aufpassen müssen, wohin Sie laufen. Eine Mauer wäre sicher schmerzhafter gewesen.“

Jane wollte ihm nicht verraten, dass sie sich in jenem Moment wirklich gefühlt hatte, als wäre sie gegen eine Wand gerannt – eine Wand aus Muskeln. Sie bekam weiche Knie, wenn sie nur daran dachte.

Um sich nichts anmerken zu lassen, hob sie rebellisch das Kinn. „Die Straße war leer. Es ist schließlich kein Verbrechen, wenn man für einen Augenblick abgelenkt ist.“

Er neigte in einer angedeuteten Verbeugung den Kopf. „Wollen wir uns darauf einigen, dass wir beide schuld sind?“

„Schon gut“, erwiderte sie knapp.

„Sie sind mir noch böse, stimmt’s?“

Jane sah sich um. Sie waren allein. Als sie durch die Tür blickte, entdeckte sie den Bus. Ihre Gruppe stieg gerade ein.

„Ich muss gehen … Mein Bus fährt gleich.“

Er griff nach ihrer Hand, und schon wieder fing ihr Puls an zu rasen.

„Erweisen Sie mir die Ehre, und seien Sie bitte heute Abend mein Dinnergast. Ich möchte damit … unseren Waffenstillstand besiegeln und meinen Anteil an unserer Kollision wiedergutmachen.“

Jane schüttelte verwirrt den Kopf. Er lädt mich zum Essen ein? Ihre Blicke trafen sich. Nein, dachte sie, nein, das kommt nicht infrage. Dieser Mann spielte nicht in ihrer Liga. Genauso gut hätte er von einem anderen Stern stammen können. Allein die Vorstellung, ihm an einem Tisch gegenüberzusitzen, war absurd – auch wenn sie es sich seit gestern oft ausgemalt hatte! Sie würde kein vernünftiges Wort herausbringen. Und wie er sie ansah … so, als wollte er sie zum Dinner!

„Es tut mir leid“, sagte sie steif und entzog ihm ihre Hand. „Ich … ich bin bereits verabredet. Trotzdem vielen Dank für die Einladung.“

Er blickte ihr in die Augen. Unendlich lange, wie ihr schien. Dann zuckte er unbekümmert die Schultern, und sein Gesicht wurde ausdruckslos. „Verstehe.“

Ich habe ihn beleidigt, dachte sie unglücklich. Da sie nicht wusste, was sie sagen oder tun sollte, wandte sie sich ab und eilte zum Bus.

Atemlos ließ sie sich auf ihren Sitz sinken. Ihr war heiß, und ihre Haut prickelte dort, wo der Fremde sie angefasst hatte. Jane ignorierte Sherrys neugierigen Blick, sah aus dem Fenster und hing ihren Gedanken nach.

Wieder auf dem Festland, folgte sie den Ausflüglern zu ihrem Hotelbus. Eine Viertelstunde später fuhr der Bus auf das Gelände einer prächtigen Ferienanlage. Das elegante Resort strahlte Luxus und Reichtum aus. Inmitten tadellos gepflegter Rasenflächen und blühender Beete erhob sich ein strahlend weißes Gebäude im Hazienda-Stil. In der einsetzenden Dämmerung wirkten die Fenster sanft erleuchtet. Zarte Gardinen wehten in der Abendbrise. Dezent in Stein gemeißelt stand der Name des Resorts auf einer niedrigen Mauer. Erst jetzt fiel Jane auf, wie gut ihre Mitreisenden gekleidet waren.

Sie hatte am Tagesausflug eines Lézille-Hotels teilgenommen. Kein Wunder, dass ihr der Name bekannt vorgekommen war. Dem Besitzer der Insel gehörten offensichtlich auch die in der ganzen Welt verteilten Hotelanlagen, die stets in bester Lage zu finden und für ihre Pracht, ihre Exklusivität und Diskretion berühmt waren.

Zusammen mit den anderen Gästen betrat Jane die Hotelhalle, wo sich ihre Wege trennten. Sie sah sich suchend um, wo sie ihr Ticket nachlösen könnte, da blieb Sherry neben ihr stehen. „Hey, Jane, warum kommst du nicht heute Abend zum Essen hierher?“ Sie duzten sich inzwischen. „Wir haben uns mit einem netten Kerl aus Washington angefreundet, der hier in der Stadt arbeitet, und da du allein im Urlaub bist, könnten wir doch zu viert etwas unternehmen. Ich wette, er findet deinen britischen Akzent faszinierend.“

Fast hätte sie abgelehnt, doch dann sagte sie sich: Warum nicht? Sie lächelte Sherry an. „Gern.“

„Außerdem will ich alles über deine Unterhaltung mit dem umwerfenden Piloten wissen!“

Augenblicklich verging ihr das Lächeln. Darüber würde sie auf gar keinen Fall sprechen!

Sie verabschiedeten sich, und Jane machte sich auf die Suche nach dem verantwortlichen Manager. Als sie ihn gefunden hatte, bestand sie darauf, für den Ausflug zur Insel zu bezahlen, und kehrte zur Villa zurück.

Ein paar Stunden später saß Jane in einem Taxi und war unterwegs zum Hotel Lézille. Hoffentlich ist er groß, überlegte sie, als sie an den Mann aus Washington dachte.

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