Logo weiterlesen.de
Liebessterne über Nizza

1. KAPITEL

Er hatte den Aerobicraum noch nicht erreicht, da hörte er die Musik schon. Der stampfende Rhythmus hallte durch den Flur des Fitnesscenters.

Zu beiden Seiten sah er die Frauen hinter den Glastüren ihre Körper stählen. Ihm war klar, dass er in seinem dunklen Geschäftsanzug, dem weißen Hemd und der Krawatte auffallen musste wie ein bunter Hund. Als er an einer Halle vorbeikam, in der zwei Frauen Squash spielten, hielten diese inne und blickten ihn unverhohlen an.

Mit seinen durchtrainierten Eins neunzig, dem schwarzen Haar und den markanten Gesichtszügen, die sein keltisches Erbe verrieten, war er es gewohnt, die Aufmerksamkeit des anderen Geschlechts auf sich zu ziehen. Doch heute wollte Conan Ryder sich auf gar keinen Fall durch die bewundernden Blicke der Frauen von seinem Ziel abbringen lassen.

Ohne also weiter auf das unverhohlene Interesse der beiden zu achten, setzte er seinen Weg fort, den Blick seiner grün-goldenen Augen fest auf die Tür gerichtet, hinter der die Musik ertönte. Er holte tief Luft und straffte die breiten Schultern, um den Adrenalinschub, der ihn erfasst hatte, unter Kontrolle zu bekommen.

Niemand durfte solche Gefühle in ihm hervorrufen – vor allem nicht Sienna Ryder! Er wollte ihr einen Vorschlag machen – das war alles. Wahrscheinlich würde sie zunächst ablehnen, dann würden sie sich ein Wortgefecht liefern, bis sie sich am Ende seinen Wünschen fügte. Denn er würde als Sieger daraus hervorgehen. Danach wollte er die nötigen Vorkehrungen treffen und abreisen.

„Gut so, Charlene! Lass die Hüften kreisen! So ist es gut …“

Als er die Tür mit der flachen Hand aufstieß, hörte er ihre Stimme. Klar. Deutlich. Aufmunternd.

Er betrat den Raum – und alle Anwesenden starrten ihn verdutzt an. Doch sein Interesse galt nur der zierlichen jungen Frau in dem roten Gymnastikanzug und den schwarzen Leggins, die ihm den Rücken zugewandt hatte und gerade eine Übung vormachte.

Ihr kurzes dunkles Haar passte sich perfekt ihrer Kopfform an, wobei der jungenhafte Schnitt ihre feminine Ausstrahlung noch betonte. Ihre Haut war zart gebräunt, und die perfekten Proportionen ihres schlanken Körpers zeichneten sich deutlich unter der engen Sportkleidung ab. Dazu wirkte sie auf eine geschmeidige Art sportlich, die ihm nicht aufgefallen war, als sie noch mit seinem Bruder verheiratet gewesen war.

Er ließ seinen Blick über die anmutige Linie ihres Halses gleiten, bis er die kleine Schmetterlingstätowierung direkt über ihrem rechten Schulterblatt entdeckte. Sofort fühlte er sich auf unliebsame Weise davon angesprochen.

Er räusperte sich, um sich Gehör zu verschaffen: „Es tut mir leid, dass ich deinen Kurs unterbrechen muss, aber du warst anders einfach nicht zu erreichen. Wie nimmt man eigentlich Kontakt mit dir auf? Per Brieftaube?“ In seiner Stimme schwang die alte Feindseligkeit mit.

Als sie sich zu ihm umdrehte, sah er die Angst in ihren großen blauen Augen.

„Hallo, Conan.“ Ihr Lächeln wirkte gezwungen, und ihre Miene drückte Distanziertheit aus. „Es freut mich auch ungemein, dich wiederzusehen.“

Der Sarkasmus ihrer Worte war nicht zu überhören. Doch dann wich das Blut aus ihren Wangen, als sie hinzufügte: „Daisy ist doch nichts Schlimmes passiert?“

Die Sorge um ihr Kind wirkte echt, obwohl sie sich um das Wohlergehen seines Bruders damals nicht sonderlich geschert hatte.

„Woher soll ich das wissen?“, entgegnete er. „Ich habe sie seit fast drei Jahren nicht gesehen!“ Er bedachte Sienna mit einem tadelnden Blick und bemerkte den Anflug der Erleichterung in ihren Augen, bevor sie ihre langen dunklen Wimpern senkte. Ihr war wohl klar geworden, dass er tatsächlich keine Ahnung hatte, wie es seiner Nichte ging. „Seit Tagen versuche ich, dich zu erreichen, aber deine Festnetznummer steht nicht im Telefonbuch, und jedes Mal, wenn ich an deiner Haustür klingele, bist du nicht da.“

Sie wirkte beinahe bestürzt, weil er ihre Adresse in Erfahrung gebracht hatte.

„Wir haben viel um die Ohren.“ Ihre Antwort sollte ihm wohl sagen, dass ihr Privatleben ihn nichts anging. „Was willst du überhaupt von mir?“

Seine Gesichtszüge spannten sich an. Der laufende Song war zu Ende, und zwanzig Frauen starrten ihn nach wie vor an, als hätten sie noch nie einen Mann gesehen.

„Können wir nicht woanders reden?“

Da im gleichen Moment ein neues Stück begann, bedeutete Sienna der Gruppe, ohne sie weiterzumachen. Dann wies sie in Richtung Ausgang.

Conan war als Erster an der Tür, ließ Sienna aber den Vortritt. Während er ihr folgte, blieb sein Blick an dem Schwung ihrer schmalen Hüften hängen, und mit einem Stich des Verlangens bemerkte er, dass ihre festen Pobacken durch den Gymnastikanzug mehr als vorteilhaft betont wurden. Dazu die schlanke Taille, die aufrechte Haltung, der hocherhobene Kopf – stolz wie eine Ballerina.

„Was willst du?“, fragte sie unwirsch und drehte sich zu ihm um.

Allein der Anblick von Conan Ryder brachte ihr Blut in Wallung. Er war noch genauso attraktiv und hartherzig, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Ein Unternehmer und Multimillionär. Und der Halbbruder ihres verstorbenen Ehemannes.

Es war fast drei Jahre her, dass sie mit ihrer achtzehn Monate alten Tochter aus dem vornehmen Distrikt Surrey in ihre Heimatstadt vor den Toren Londons geflüchtet war, um seinen bösen Sticheleien und Anschuldigungen zu entrinnen. Drei Jahre nach Nialls tragischem Unfall, der sie als Witwe und alleinerziehende Mutter zurückgelassen hatte.

Die Verachtung in Conans Blick verriet ihr, dass er seine Meinung über sie nicht geändert hatte. Allein mit ihm fühlte sie sich nicht mehr wie die selbstbewusste junge Frau, zu der sie herangereift war, sondern wieder wie das stark verunsicherte Mädchen, das Conans Worten nichts entgegenzusetzen hatte. Keine Erklärung für ihr Verhalten, für ihre Notlüge. Dafür hätte sie ihm ihre Seele offenlegen müssen. Und sie hatte sich geschworen, das niemals zu tun.

Schnell schluckte sie die Bitterkeit, die in ihr aufstieg, hinunter und murmelte: „Aus welchem Grund bist du also gekommen?“

„Nicht deinetwegen.“ Seine Worte waren schneidend. „Wegen Daisy. Ich bestehe darauf, meine Nichte mitzunehmen.“

„Was?“ Siennas Magen zog sich zusammen, als schmerzhafte Erinnerungen in ihr hochkamen: Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht, um dir Daisy wegzunehmen. Und doch ließ die Arroganz in seiner Stimme ihren Zorn wachsen. „Du ‚bestehst‘ darauf?“

„Sie ist das Kind meines Bruders“, entgegnete er. „Und sie hat eine Großmutter, die sie seit Jahren nicht gesehen hat.“

„Außerdem hat sie eine Mutter, die nie gut genug für eure Familie war – schon vergessen?“

Seine dunklen Wimpern, die so lang waren, dass manche Frau neidisch werden konnte, senkten sich über funkelnde grüne Augen. Sein Gesicht war schmal, die hohen Wangenknochen und die stolze Nase ließen es gebieterisch wirken. Ein Eindruck, der durch den unnachgiebigen Mund und das markante Kinn mit dem dunklen Bartschatten noch verstärkt wurde.

„Also gut“, erwiderte er nach einer Weile. „Ich gebe ja zu, dass wir nicht immer einer Meinung waren.“

„Nicht immer einer Meinung?“ Sie schnaubte verächtlich. „So nennst du das? Du hast mich damals als unfähige Mutter und Ehebrecherin bezeichnet …“

Das Grün seiner Augen wurde noch unergründlicher. „Nun, ja …“ Offensichtlich wollte er nicht wieder an den alten Anschuldigungen rühren. „Das ändert aber nichts daran, dass du kein Recht hast, Daisy ihre Familie vorzuenthalten.“

„Ich habe jedes Recht dazu!“ Röte zeichnete sich auf ihren Wangen ab. Ein Streit mit Conan war schlimm genug, und die Tatsache, dass sie so leicht bekleidet war, machte die Sache nicht besser. Vor allem, weil er so groß und männlich vor ihr stand. „Niall und ich waren ihre Familie, sonst niemand.“ Das entsprach nicht ganz der Wahrheit, denn schließlich gab es noch Siennas Eltern, obwohl sie diese seit deren Umzug nach Spanien nur noch selten sahen.

„Niall war mein Bruder.“

„Zu schade, dass dir das nicht eingefallen ist, als er noch am Leben war!“

Sie hatte einen wunden Punkt getroffen. Das erkannte sie daran, wie Conan die Lippen aufeinanderpresste und sich seine Augen verengten. Vielleicht nagte es doch an seinem Gewissen, dass er, der Selfmade-Multimillionär, seinem einzigen Bruder damals nicht aus den finanziellen Schwierigkeiten geholfen hatte. Dennoch fragte er nur nonchalant, aber dennoch unüberhörbar drohend: „Willst du mir wieder damit kommen?“

Etwas sagte ihr, dass sie auf der Hut sein und ihn nicht unnötig reizen sollte. Aber der furchtbare Schmerz, den er ihr mit seinen unerbittlichen Vorwürfen und unbarmherzigen Anschuldigungen vor drei Jahren zugefügt hatte, ließ sie erwidern: „Ich will nichts mit dir zu tun haben, Conan Ryder.“

Sein Blick wanderte über ihre Schultern und blieb kurz an den festen Brüsten hängen. Conan war skrupel- und mitleidlos, und doch spürte sie in diesem Moment ein seltsames Verlangen in sich aufsteigen.

„Habe ich dich je darum gebeten?“, fragte er leise, und der grausam höhnische Zug um seine Mundwinkel ließ keinen Zweifel, worauf er anspielte.

Nein, das hatte er nicht. Der Gedanke ließ Sienna einen unerklärlichen Schauer über den Rücken rinnen. Für sie war Conan immer nur der ältere Bruder ihres Mannes gewesen. Dennoch waren ihr in den zweieinhalb Jahren Ehe mit Niall die unzähligen hervorstechenden Eigenschaften dieses Mannes nicht entgangen. Welcher Frau hätten sie entgehen können? Er sah gut aus, war energiegeladen und unermesslich reich. Dazu besaß er eine stille Tiefe, die Sienna nie hatte ausloten können. Doch am Ende waren allein seine Rücksichtslosigkeit und sein Mangel an Sensibilität in den Vordergrund getreten. Außerdem hatte sie Niall geliebt – mit einer Leidenschaft, die sie beinahe um den Verstand gebracht hatte …

„Wenn ich mich recht entsinne“, sagte Conan nun mit eiskalter Stimme, „hattest du auch ohne meine Hilfe genug damit zu tun, dein Treueversprechen zu brechen. Allerdings glaube ich, dass ein Fingerschnippen von mir genügt hätte – obwohl du schon einen Liebhaber hattest.“

„Er war nicht mein Liebhaber! Und du irrst dich, wenn du denkst, dass ich mich jemals mit einem Mann wie dir einlassen würde.“ Ihr fiel wieder ein, wie sie an jenem schlimmen Tag vor ihm gestanden hatte. Die furchtbare Szene hatte sich tief in ihr Gedächtnis gegraben. „Um es noch einmal klarzustellen …“

Ich habe deinen Bruder geliebt, wollte sie eigentlich sagen, aber in diesem Moment ging die Tür des Aerobicraums auf.

Eine junge Frau trat auf den Flur und lächelte Conan herausfordernd an, als sie an ihnen vorbei zur Umkleidekabine ging. Unwillkürlich machte er einen Schritt in Siennas Richtung.

In der engen Sportkleidung fühlte sie sich auf einmal wie nackt, und ihr Atem stockte.

Sie waren sich so nah, dass sie den herben Duft seines Aftershaves riechen konnte. Da half auch Conans formelle Kleindung nicht, die darauf schließen ließ, dass er vermutlich gerade einen wichtigen Geschäftsabschluss getätigt hatte, der sein Vermögen verzehnfachen würde! Seine Gegenwart war einfach zu viel für sie, und Sienna wich zurück.

„Meine Mutter muss ihre Enkeltochter unbedingt einmal sehen“, sagte er. „Und ich meine Nichte.“ Eine Sorgenfalte zeichnete sich auf seiner braun gebrannten Stirn ab. „Meine Mutter ist in letzter Zeit etwas angegriffen …“ Er konnte Sienna nicht erzählen, wie groß seine Sorge um Avril Ryder tatsächlich war. „Es täte ihr sicherlich gut, ihr einziges Enkelkind um sich zu haben. Sie hat Daisy zum letzten Mal gesehen, als das Kind achtzehn Monate alt war.“

„Und du glaubst wirklich, du kannst hier einfach hereinschneien und Daisy mitnehmen? Denkst du, ich würde das erlauben?“ Angst stieg in ihr hoch, sie schluckte sie hinunter. „Sie kennt dich doch gar nicht.“

„Und wessen Schuld ist das?“

„Sie kennt dich nicht“, wiederholte Sienna, ohne auf seinen Vorwurf einzugehen. Und ich auch nicht, fügte sie in Gedanken hinzu. Wieder dachte sie an seine Herzlosigkeit und seinen Mangel an Mitgefühl dem verstorbenen Bruder gegenüber.

„Ich bin der Onkel des Kindes. Aber du hast ihr nie erlaubt, uns kennenzulernen. Nie hast du Fotos geschickt, nie Kontakt zugelassen. Weißt du eigentlich, wie sehr Avril darunter leidet? Ihre Großmutter? Meinst du nicht, dass es schon schwer genug für sie war, den Tod von Niall zu verkraften? Musstest du ihr auch noch die Enkelin nehmen?“

„Ich wurde aus eurem Leben verbannt“, stieß sie wütend hervor. „Und du scheinst zu vergessen, dass ich ebenfalls einen Verlust verkraften musste …“ Sie schloss die Augen, die Erinnerung war zu schmerzhaft. „Ich habe meinen Mann verloren. Und ich musste mich gegen eure Vorwürfe wehren. Findest du nicht, dass das schon schlimm genug war, ohne dass ihr mich für sein Unglück auch noch verantwortlich gemacht hättet? Ohne dass ihr mir die Schuld für seine Trinkerei und die finanziellen Sorgen gegeben hättet? Ich weiß genau, was du und deine Mutter von mir gehalten habt. Ihr habt es mir immer wieder zu verstehen gegeben, dass Niall eurer Meinung nach unter Stand geheiratet hat.“

„Das habe ich nie behauptet.“

„Das musstest du gar nicht! Alles, was ich gesagt oder getan habe, wurde kritisiert. Deine Mutter konnte ihren Schock, dass ihr Sohn eine Kellnerin geheiratet hat, kaum verbergen! Auch wenn ich nur kurzfristig in dem Café gejobbt habe, bis ich ins Berufsleben eingestiegen bin.“

„Ich bin nicht für meine Mutter verantwortlich. Und ich habe nur auf das reagiert, was ich mit eigenen Augen gesehen habe.“

„Und was war das, mit Ausnahme meiner angeblichen Untreue?“

Verachtung verhärtete seine Gesichtszüge. Jetzt sah er aus wie einer der keltischen Krieger, deren stolzes Blut durch seine Adern floss. „Dir war vollkommen klar, dass Niall nicht mit Geld umgehen konnte. Er hat über seine Verhältnisse gelebt, und du hast ihn noch dazu ermuntert.“

Damals war sie zu jung gewesen, um die Anzeichen zu erkennen: Nialls Reizbarkeit, die Trinkerei, die Stimmungsschwankungen.

„Du wolltest ihm das Wasser abgraben“, erinnerte sie ihn. „Das war doch der Ausdruck, den du verwendet hast.“

Er widersprach nicht. Warum auch? dachte sie bitter. Er war kein Mann, der sich hinter Ausflüchten versteckte, sondern mit harten Bandagen kämpfte.

„Ich habe jetzt keine Zeit“, sagte sie, als die Musik im Aerobicraum abrupt endete. „Ich muss zu meinem Unterricht zurück.“ Das Zusammentreffen mit Nialls Bruder war weit schlimmer, als sie es sich vorgestellt hatte. Erleichtert wandte sie sich zum Gehen.

„Du wirst tun, was ich von dir verlange.“

Sie blieb stehen und drehte den Kopf. Ihre Augen funkelten zornig. „Ach ja? Und was wirst du tun, wenn ich mich weigere? Eine Lügengeschichte erfinden, dass ich als Mutter nicht geeignet bin, bis mir ein Gericht Daisy wegnimmt? Damit hast du mir schon vor Jahren gedroht.“ Doch hinter ihrem Mut schwelte die Angst, dass er genau das vorhatte: seinen Einfluss geltend machen, um ihr heimzuzahlen, was sie Niall angeblich angetan hatte.

„Deshalb bin ich nicht hergekommen.“

„Nein, du willst, dass ich sie dir einfach mitgebe. Es tut mir leid, Conan, aber die Antwort lautet Nein. Ohne mich geht Daisy nirgendwohin. Und ich werde mich ganz bestimmt nicht noch einmal in die Höhle des Löwen begeben. Nein, danke!“

„Und ob du das wirst, Sienna.“

„Nenn mir einen Grund, warum ich das tun sollte.“

„Dein Gewissen, sofern du eines hast.“

Trotzig hob sie das Kinn und fügte bitter hinzu: „So eins wie deins etwa?“

Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand sie in der Sporthalle.

Sienna schaute nach, ob Daisy schlief. Dann küsste sie die weiche Wange des kleinen Mädchens und löschte das Licht der Nachttischlampe. Bevor sie ging, streichelte sie noch einmal über das kastanienbraune Haar ihrer Tochter.

Genau wie das von Niall, dachte sie gerührt, während sie die Bettdecke über das Ärmchen zog, das ein pinkfarbenes Nilpferd umklammert hielt. Daisy hatte Haar und Teint eindeutig von ihrem Vater geerbt.

Sienna ging die Treppe nach unten und öffnete die Tür zum Garten. Sofort sprang ihr ein großes Fellknäuel entgegen – Shadow. Sie füllte den Hundenapf und machte sich ans Bügeln, ganz so, als wäre es ein Abend wie jeder andere.

Doch das Zusammentreffen mit Conan hatte alte Wunden wieder aufgerissen.

Sie war gerade zwanzig Jahre alt gewesen, als sie Niall kennengelernt hatte.

Als ihre Eltern das Haus verkaufen wollten, um in den Süden Europas zu ziehen, hatte Sienna entschieden, allein in England zu bleiben. Ihre Eltern liebten die Sonne, den Strand, das Meer, und Sienna hatte sich für sie gefreut. Außerdem gefiel ihr die Aussicht, ihre Urlaube in Spanien verbringen zu können.

Bei ihrem ersten Zusammentreffen mit Niall arbeitete sie als Empfangsdame in einem Fitnesscenter. Er war Mitglied im Verein und war oft in das angeschlossene Café gekommen, wenn sie dort als Kellnerin einsprang, um eine kranke Kollegin zu vertreten. Sein tiefschwarzer Humor hatte ihr auf Anhieb gefallen. Er war witzig und charmant, ein kleines bisschen überdreht, und sie war sofort Feuer und Flamme für ihn gewesen.

Ihre Eltern waren zur standesamtlichen Hochzeit eingeflogen, die nach einer kurzen, leidenschaftlichen Romanze stattgefunden hatte. Welten lagen zwischen Faith und Barry Swann und Nialls Mutter – der Witwe eines Anwalts. Obwohl sich Siennas Eltern Mühe gaben, sich mit der Schwiegermutter ihrer Tochter anzufreunden, wurde Avril Ryder nie ganz warm mit ihnen. Sienna war von Anfang an klar gewesen, dass die Frau glaubte, sie hätte ihren Sohn in die Ehe gelockt, indem sie schwanger geworden sei. Insgeheim hatte Sienna sich gefreut, dass sie diese Meinung widerlegen konnte, als Daisy genau an ihrem ersten Hochzeitstag auf die Welt kam.

Conan hatte eine wichtige Konferenz unterbrochen und war ebenfalls zur Hochzeit gekommen. Doch als er Sienna nach der Zeremonie alles Gute wünschte, hatte die kühle Berührung seiner Lippen auf ihrer Wange sie schon damals beunruhigt.

Allerdings war klar gewesen, dass Niall seinen Bruder aufrichtig bewunderte. Und Sienna wusste auch, warum. Conan Ryder war noch weit unter dreißig und führte bereits eine globale Telekommunikationsfirma. Der dreiundzwanzigjährige Niall versuchte ihn in Tonfall, Benehmen und eiskaltem Auftreten nachzuahmen.

Niall hatte als Verkaufsleiter in Conans Firma gearbeitet. Zuvor hatte er sein Jurastudium abgebrochen und die Hoffnungen seiner Mutter zerschlagen, er könne in die Fußstapfen seines Vaters treten. Dennoch hatte er seinen Beruf ernst genommen und Sienna an seinem Erfolg teilhaben lassen – er hatte ihr teure Designerkleider geschenkt und das große Haus, das er in der Nähe der Villa seines Bruders gekauft hatte, mit jedem erdenklichen Luxus ausgestattet.

Doch Niall war auch ein unverbesserlicher Draufgänger gewesen. Als Sienna geistesabwesend eine winzige Bluse von Daisy bügelte, fiel ihr der schreckliche Abend wieder ein. Nialls extremer Sinn für Humor und seine tollkühne Art waren es gewesen, die ihn in Kopenhagen, wo er mit Freunden einen Junggesellenabschied feierte, das Leben gekostet hatten …

Schmerz und Gewissensbisse drohten Sienna zu übermannen, und sie zwang sich, tief durchzuatmen.

Als er noch am Leben war, hatte ihn der Wunsch angetrieben, sich mit seinem älteren Bruder zu messen. Aber Niall hatte weder über dessen Zielstrebigkeit noch über dessen Rücksichtslosigkeit verfügt. Als er dann ein paar Monate vor seinem Tod in große finanzielle Schwierigkeiten geriet und seinen Bruder um Hilfe bat, wies dieser ihn zurück. Niall war am Boden zerstört. Erst dann hatte er Sienna erzählt, wie stark sie über ihre Verhältnisse gelebt und wie viele Schulden sie angehäuft hatten. Sie war zu jung und naiv gewesen, um es selbst zu erkennen.

Dennoch hatten Conan und seine Mutter ihr die Schuld gegeben. Nur ihretwegen hätte ihr Mann sich verschuldet, ihretwegen hätte Niall mit dem Trinken angefangen, was letztendlich zu seinem Tod geführt hatte.

„Es war nicht meine Schuld!“, hatte sie Conan an jenem Tag entgegengeschleudert, nur eine Woche nach Nialls Beerdigung. Sie hatte sich schwerste Vorwürfe gemacht, dass sie all diese Geschenke von Niall angenommen hatte, auch wenn ihr vieles zu extravagant erschienen war. „Wenn du ihm geholfen hättest, als er dich um Unterstützung bat, dann hätte er vielleicht nicht so viel getrunken, bis er nicht mehr wusste, was er tat!“ Sie war so überwältigt von ihrem Kummer gewesen, dass sie nicht mehr auf ihre Worte geachtet hatte.

Zu gern hätte sie damals geweint, um den Schmerz zu lindern, der ihr Herz zu zerreißen drohte. Doch als sie in dem luxuriösen Salon von Conan Ryders Prachtvilla stand, um Nialls Sachen zurückzugeben, wollten die Tränen nicht fließen. In ihrem Inneren herrschte nur eine betäubende Leere, die sie seltsam teilnahmslos wirken ließ. In Conans Augen bewies das vermutlich nur, dass er recht gehabt hatte: Sie hatte sich nichts aus ihrem Ehemann gemacht, sondern ihn belogen und betrogen.

„Mein Bruder steckte in großen Schwierigkeiten, aber du hast es nicht einmal gemerkt, weil du zu beschäftigt warst – mit Geldausgeben und deinem … Liebhaber.“

„Und ob ich es bemerkt habe!“ Sie schrie den Satz beinahe.

„Trotzdem hast du ihm nicht geholfen.“

„Ich war seine Frau, nicht seine Krankenschwester!“ Ihr fiel auf, wie kalt und brutal das klingen musste.

„Meine Mutter hat Bedenken geäußert, dass du nicht reif und verantwortungsbewusst genug bist, um dich um ein Kind zu kümmern. Offen gesagt, stimme ich ihr zu. Ich möchte, dass die Tochter meines Bruders unter unserem Dach aufwächst und nicht eines Tages den Namen eines anderen Mannes trägt.“

„Sie wird so aufwachsen, wie ich es für richtig halte“, entgegnete Sienna, verletzt durch die Bedenken ihrer Schwiegermutter. Aber Avril Ryder hatte aus ihrer Verachtung für die Ehefrau ihres jüngeren Sohnes nie einen Hehl gemacht. Sienna hatte jedoch gar nicht die Absicht, den Nachnamen ihres Kindes jemals zu ändern, selbst wenn sie irgendwann tatsächlich wieder heiraten sollte. „Du bist nicht der Vater“, fügte sie kalt hinzu.

„Nein.“ Sein Mund verzog sich zu einem höhnischen Grinsen. „Zum Glück gehöre ich nicht zu dem Kreis derjenigen, die dafür infrage kommen.“

Sie verspürte den dringenden Wunsch, ihm eine Ohrfeige zu verpassen, hielt sich aber zurück. Genug Unheil war schon geschehen.

„Ich muss mir das alles nicht bieten lassen“, antwortete sie so ruhig wie möglich. „Und ich weiß genau, dass ich für dich und deine Mutter nie gut genug war. War das auch der Grund, warum Niall sein Leben weggeworfen hat? Habt ihr ihm vielleicht auch den Eindruck vermittelt, dass er nicht gut genug für euch war? Fühlte er sich neben seinem so viel schlaueren, reicheren und von der Mutter bevorzugten Bruder vielleicht minderwertig?“

Er musste innerlich toben, denn seine stolzen Nasenflügel bebten. „Du weißt nicht, was du sagst“, zischte er.

„Ach nein? Zufällig weiß ich genau, dass du nichts für ihn getan hast. Als er dich um Hilfe angefleht hat, hast du ihm jede finanzielle Unterstützung verweigert. Aber mach dir keine Sorgen – meine Tochter und ich werden morgen abreisen. Und dann werden wir den edlen Stammbaum der Familie nicht weiter in Verruf bringen.“

„Wenn du meiner Mutter Daisy wegnimmst, wirst du dich mit mir auseinandersetzen müssen. Verstanden?“

„Was willst du dagegen unternehmen?“ erwiderte sie. „Einen Sorgerechtsstreit führen?“

„Wenn es sein muss.“

„Auf welcher Grundlage?“, fragte sie, plötzlich argwöhnisch geworden. „Dass ich mich als Mutter nicht eigne?“ Sie wunderte sich selbst, dass sie in solchen Momenten schon immer kämpferisch gewesen war und niemals klein beigegeben hatte.

„Wenn ich auch nur ansatzweise das Gefühl habe, dass du deinen Pflichten als Mutter nicht nachkommst, werde ich das Sorgerecht für Daisy beantragen.“

Bei jedem anderen Menschen hätte sie diese Drohung nicht ernst genommen. Aber von Conan vorgebracht, machte sie ihr wirklich Angst.

Er war so reich und mächtig, dass jedes Gericht seine Anschuldigungen ernst nehmen würde. Und obwohl sie starke Zweifel hegte, dass ein Richter den Ryders das volle Sorgerecht für ihr Kind erteilen würde, fürchtete sie doch, dass Conan ihr Steine in den Weg legen könnte.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Liebessterne über Nizza" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen