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Liebesstern über Australien

PROLOG

Charles Sturt University, New South Wales

„Ich würde Sie sehr gern einstellen und Ihnen dazu verhelfen, die beste Tierärztin weit und breit zu werden, meine liebe Danielle.“ Frivol ließ der ältere Mann eine Hand an ihrem Arm hinaufgleiten. „Ich bin überzeugt, dass Sie ein großer Gewinn für meine Praxis wären.“

Danielle Morrison gelang es kaum, einen Schauer der Abscheu zu verbergen. Dieser Mann war – genau wie einige andere Tierärzte – auf der Suche nach neuen Talenten zu den Abschlussprüfungen der Universität erschienen. Soeben hatte er ihr einen Traumjob angeboten: eine gut bezahlte Anstellung in seiner Nobelpraxis für verwöhnte Kleintiere in der Innenstadt von Sydney.

Welch ein Jammer, dass der Preis dafür viel zu hoch war, um dieses Angebot auch nur eine Sekunde in Erwägung zu ziehen!

Mindestens zehn geistreiche Entgegnungen fielen ihr ein. Aber welche sollte sie aussprechen? Dass sie ihren Dad anrufen würde, wenn sie eine Vaterfigur bräuchte? Dass sie Doktorspiele nur mit Männern veranstaltete, die an den Schläfen noch nicht ergraut waren?

„He, Danni, ich hab dich schon überall gesucht!“

Ein Arm schlang sich um ihre Taille, noch bevor die Worte, gesprochen mit warmer rauer Stimme, verklungen waren. Kein Mann mit intaktem Selbstschutzinstinkt hätte sie jemals „Danni“ genannt, geschweige denn sie so vertraulich angefasst. Zumindest keiner, der sie kannte. Nur Fremde verleitete das zarte Aussehen zu dem Irrglauben, dass Danielle sich von Macho-Gehabe beeindrucken lassen könnte.

Verwirrt blickte sie zu dem Mann auf, dessen Berührung nicht den üblichen Ekel auslöste, sondern eine höchst unerwartete Welle der Wonne.

Es war Jim Haskell.

Verblüffung ließ sie reglos verharren. Jim hatte den Arm um sie geschlungen? Jim, der seit sieben Jahren keine andere Frau als ihre beste Freundin Laila anschaute? War die Welt völlig aus den Angeln geraten?

Während Danielle ihn verunsichert ansah, lächelte er unbekümmert und gab ihr einen Kuss auf den Mund, als wäre es das Natürlichste der Welt. Dann reichte er dem älteren Mann die Hand. Dabei gab er sich völlig unbeeindruckt von der vornehmen Erscheinung seines Gegenübers, obwohl er selbst eher etwas abgerissen aussah mit einer alten Baseballkappe auf den schwarzen Locken, der zerknitterten Doktorrobe über zerschlissenen Jeans und Turnschuhen, die längst in die Altkleidersammlung gehörten. „Guten Tag, Sir. Ich bin Jim Haskell, Dannis Freund.“

Der Mann hatte bereits seine Hand von Danielles Arm zurückgezogen. Das war nicht verwunderlich. Verglichen mit Jims durchtrainierter jugendlicher Statur und der Körpergröße von gut einem Meter neunzig, wirkte er blass, übertrieben herausgeputzt und fast ein wenig verlebt. „Ron Guildhall.“

„Sie werden es nicht bereuen, dass Sie meiner Danni eine Stellung anbieten, Sir“, versicherte Jim ernsthaft. „Sie ist in fast allen Fächern Jahresbeste geworden, und sie hat heute mit Abstand die beste Prüfung absolviert, Sir.“

Der Mann zuckte bei dem Wort „Sir“ jedes Mal zusammen. Mit diesem schlichten Ausdruck des Respekts war er wirkungsvoll einer älteren Generation zugeordnet und in seine Schranken verwiesen worden, ohne dass auch nur ein einziges beleidigendes Wort gefallen war.

Danielle hatte Jim bisher stets für sanftmütig und defensiv gehalten. Nun wurde ihr bewusst, dass er bei einer Auseinandersetzung sehr wirkungsvolle Waffen einzusetzen wusste, ohne sich dabei Feinde zu schaffen.

„Ich bin noch auf der Suche nach geeigneten Kandidaten“, entgegnete Mr. Guildhall ausweichend und mit matter Stimme, als hätte er sich bereits geschlagen gegeben.

„Nun, wie gesagt, Sie werden keine Bessere finden als Danni“, betonte Jim erneut. „Sie haben wohl nicht zufällig zwei Stellen anzubieten, oder? Wir würden nämlich gern zusammenbleiben. Stimmt’s, Baby?“ Er lächelte sie mit dem warmherzigen innigen Blick eines langjährigen Geliebten an und küsste sie erneut – eine Spur leidenschaftlicher und unendlich süßer als zuvor. „Wo sie hingeht, da will auch ich hingehen.“

Sie öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Ihr Kopf war leer. Wo war ihre Schlagfertigkeit geblieben? Ihr fiel keine geistreiche Erwiderung ein. Gar nichts fiel ihr ein, so verloren war sie in einem wahren Rausch der Sinne. Jims lang ersehnte Zärtlichkeiten erschienen ihr so richtig, so vollkommen.

Zum ersten Mal im Leben bewirkte die Berührung eines Mannes, dass sie sich wundervoll fühlte. Und es war ausgerechnet Jim Haskell, der dieses wilde, süße Sehnen erweckte! Sicher, er wirkte umwerfend auf seine offene, sonnige Art, das hatte sie immer so empfunden, aber …

Laila ist jetzt verheiratet, Mutter, und vernarrt in ihren Ehemann. Jim ist frei …

„So ein altes Ekel“, flüsterte er ihr mit seiner gewohnten Heiterkeit ins Ohr, als Mr. Guildhall sich auf die Suche nach einer anderen Kandidatin machte. „Er wird dich nicht mehr belästigen.“

„Ich wäre schon mit ihm klargekommen“, entgegnete Danielle, aber es mangelte dabei an dem gewohnten Nachdruck.

Dennoch schwand Jims Lächeln. Er zuckte die Schultern. „Ich weiß, dass du dich gegen ihn behauptet hättest. Aber ich wollte nicht, dass dein Ruf leidet. Falls er dich doch einstellen sollte, dann geschieht es wenigstens nur wegen deiner fachlichen Fähigkeiten.“

„Danke.“ Danielles Stimme klang seltsam in ihren eigenen Ohren, irgendwie belegt und feminin. Wie gebannt hielt sie den Blick auf sein Gesicht geheftet. Sie fühlte sich so … so atemlos. „Das war … nett von dir.“

Sein Lächeln kehrte zurück, und es wirkte wieder warmherzig und vertraut. „Gern geschehen. Betrachte es einfach als meine gute Tat für heute.“

„Ein echter Pfadfinder“, konterte sie, doch es klang nicht sarkastisch wie beabsichtigt, sondern eher zaghaft und ein wenig bewundernd. Wo waren all ihre cleveren Sprüche geblieben? „Jetzt hast du einen gut bei mir“, murmelte sie und fragte sich sogleich, warum sie so etwas Törichtes gesagt hatte. Es wirkte wie eine unverhohlene Aufforderung zu einem Annäherungsversuch.

Verschmitzt lächelte Jim. Seine großen schokoladenbraunen Augen funkelten. „Mach dir deswegen keinen Kopf. Du findest sicherlich schon bald einen Weg, um es zurückzugeben. Du würdest es nicht lange ertragen, in jemandes Schuld zu stehen.“

Danielle unterdrückte ein Lachen. Dabei wusste sie nicht, was sie so erheiterte – dass er sich nicht an sie heranmachte oder dass er in ihr lesen konnte wie in einem offenen Buch. Vielleicht war das der Grund für ihre plötzliche Ehrlichkeit, die sie Männern gegenüber sonst nur selten zeigte. „Du hast recht. Wie wäre es mit …?“ Ganz spontan nahm sie seine Hand und verschränkte die Finger mit seinen. „Dinner heute Abend?“

Mit angehaltenem Atem wartete sie auf die Antwort. Ihre Gedanken überschlugen sich. Hatte sie wirklich einen Mann um ein Rendezvous gebeten, und noch dazu Jim? Das war ein nie da gewesenes Ereignis!

Bitte sag nicht Nein, flehte sie im Stillen inständig.

Ein Anflug von Vorfreude stieg in ihr auf, allein bei der Vorstellung, dass er Ja sagen könnte. Aus welchem Grund auch immer, es war ihr äußerst wichtig. Als sie ihn gespannt musterte, gewahrte sie einige Veränderungen an ihm. Das belustigte Funkeln in seinen Augen erlosch; seine Stirn runzelte sich ein klein wenig; er wich zurück, noch bevor sie seine Hand losließ, und zog sie damit ungewollt mit sich. „Tut mir leid, aber meine Familie ist hier, und wir wollen die Prüfungen ein bisschen feiern. Deine Eltern sind doch bestimmt auch gekommen. Schlechtes Timing. Vielleicht ein andermal, ja? Viel Spaß, Danni.“

Mit einem aufgesetzten Grinsen und einem lässigen Winken schlenderte er davon, und Danielle blickte ihm betroffen nach.

1. KAPITEL

Thommo’s Steak House, Bathurst. Zwei Jahre später

Endlich hatte auch Laila ihr Examen abgelegt. All ihre Freunde und Angehörigen, einschließlich Ehemann und kleiner Tochter, hatten sich im Restaurant eingefunden, um den Erfolg mit ihr zu feiern.

Jim, der sie jahrelang für seine Traumfrau gehalten hatte, war sich nicht ganz sicher gewesen, was er dabei empfinden würde, sie als eines anderen Mannes Ehefrau, Mutter und Hochschwangere wiederzusehen.

Nun wusste er es.

Bereits vor drei Jahren hatte er einsehen müssen, dass Lailas großer Schwarm Jake Sutherland zweifellos der Richtige für sie war. Damals schon waren Jims geheime Sehnsüchte und Hoffnungen erloschen.

Und nun, an diesem Abend, wurde ihm bewusst, dass er sich aufrichtig für Laila freute. Er wünschte ihr nur das Beste – so, als wäre sie seine Schwester.

Wenn er sich dann dabei ertappte, wie er sich fragte, wann er endlich eine Frau finden würde, die er von Herzen lieben konnte, die seine Gefühle erwiderte, war es wohl nur natürlich. Schließlich stammte er aus einer großen, glücklichen Familie, und er hatte sich immer nach dauerhafter Liebe gesehnt.

Ein Jammer, dass er in den vergangenen Jahren nur Frauen für gewisse Stunden, nicht aber fürs Leben oder fürs Herz gefunden hatte. Woran mochte es liegen, dass nur leichte Mädchen auf ihn flogen, während die Frauen, die er sich ersehnte, ihn lediglich als Kumpel ansahen?

„Ich mach ’ne Fliege. Hier geht ja nichts ab.“

Jim hatte fast vergessen, dass er in Shanas Begleitung gekommen war. Nun hätte er beinahe die Augen verdreht über ihre Ausdrucksweise. Sie war schon zweiundzwanzig, aber süchtig nach Teenie-Filmen. Ein nettes oberflächliches Mädchen – wie üblich. „Entschuldige. Ich kann mir denken, dass es ziemlich langweilig ist, wenn man niemanden kennt.“

Schmollend verzog sie das hübsche, stark geschminkte Gesicht und murrte leise: „Ganz besonders uncool ist es, wenn dein Date andauernd eine andere anglotzt.“

Verwundert entgegnete Jim: „Aber es ist ihr Abend, und sie ist meine beste Freundin. Da gebührt ihr schon etwas Aufmerksamkeit. Außerdem ist sie verheiratet.“

Shana zog eine Augenbraue hoch. „Wer? Die Brünette dir gegenüber?“

Ein seltsames Gefühl durchzuckte ihn wie ein Blitz. Er konnte nicht sagen, was es war. Langsam, geradezu ungläubig wandte er den Kopf.

Danni Morrison sitzt mir gegenüber …

Ausgerechnet sie sollte er angestarrt haben? Danielle mit der spitzen Zunge, die alle Männer in die Flucht schlug? Warum, in aller Welt, sollte er sich ausgerechnet mit ihr befassen?

Seltsam, doch nun, da er sie bewusst anblickte, erschien es ihm ganz natürlich, wie selbstverständlich.

Aber nein, was sie anging, war für ihn nichts selbstverständlich. Vor allem nicht die Reaktion seines Körpers auf ihr sanftes, eindrucksvolles Gesicht. Mehr als hübsch, nicht unbedingt schön, aber zart und irgendwie entrückt … Hätte er es aus dem Gedächtnis einem Maler beschreiben sollen, hätte er jedes noch so kleine Detail im Kopf.

Warum dem so war, konnte Jim sich nicht erklären. Sie war ihm nie anders als mit Verachtung und Sarkasmus begegnet. Selbst nach zehnjähriger Bekanntschaft wusste er so gut wie nichts von ihr. Mit Sicherheit konnte er nur sagen, dass sie nicht die Art von Frau war, die er sich in seinem Leben wünschte. Diesen Zynismus, den sie so oft zum Selbstschutz einsetzte, hatte er immer gehasst.

Und doch hätte er ihren Anblick den ganzen Abend lang in sich aufsaugen können, ohne dessen überdrüssig zu werden.

Hatte er sie wirklich unbewusst angestarrt? Es erschien ihm unglaublich. Als er sie nun jedoch musterte, kam es ihm nicht so neuartig vor, als geschähe es zum ersten Mal an diesem Abend.

„Na dann, viel Glück“, flüsterte Shana ihm ins Ohr. „Ich hätte nicht gedacht, dass so ein Drache dein Typ ist. Ich bin weg. Wird sich schon der richtige Club für mich finden.“ Sie nahm ihre Handtasche und verließ den Raum.

Jim wusste, dass er sie zurückrufen oder ihr zumindest anbieten sollte, sie irgendwohin zu fahren. Aber er konnte nicht; zu verblüfft war er von der neuen Erkenntnis, dass er nicht aufhören konnte, sein Gegenüber anzusehen.

Danielle rutschte auf dem Stuhl hin und her und schaute finster auf den Teller mit gegrilltem Gemüse, als spürte sie Jims Musterung oder seinen inneren Aufruhr. Oder vielleicht war es das Steakhaus an sich, das ihr zu schaffen machte – falls sie immer noch strikte Vegetarierin war wie damals zu Studienzeiten.

Sie wirkte so feenhaft wie eh und je. Man hätte meinen sollen, dass sie nach fast zweijähriger Rundreise durch Europa und einem ausgedehnten Besuch bei ihren deutschen Verwandten ein wenig kräftiger geworden wäre, aber sie sah noch immer wie ein kleiner, zierlicher Spatz aus. Dunkles, üppiges Haar, unergründliche karamellfarbene Augen und rastlose Hände …

Zarte Gesichtszüge erweckten den Anschein, dass sie ganz von hilfloser Sanftheit geprägt sein könnte – bis sie den Mund aufmachte. Dann wurde die Vorstellung von einer schwachen Frau, die männlichen Schutz brauchte, jäh vernichtet. Sie stieß jeden Mann vor den Kopf, der sich ihr zu nähern wagte.

„Habe ich etwa Soße an der Nase, Jim Haskell?“

Ihr vernichtender Ton riss Jim aus seinen Tagträumen. „Nein – nur wie üblich Eis ums Herz“, konterte er unüberlegt. Und er hätte seine sarkastischen Worte liebend gern zurückgenommen, als er ihre Reaktion sah. Nicht, dass sie zusammengezuckt oder erblasst wäre. Lediglich ihre Augenlider flatterten. Doch in diesem Moment lag ein Anflug von Verletzlichkeit in ihrem Blick.

Aber schon ging eine Veränderung in ihr vor. Mit ihren Augen schien sie Blitze auszusenden, und erhobenen Kinns machte sie ihrem Unmut unmissverständlich Luft.

Mit stiller Aufrichtigkeit sagte er: „Es tut mir leid, Danni. Meine Bemerkung war ungehobelt und überflüssig.“ Sie hatte die Entschuldigung verdient – für seinen jetzigen Ausspruch wie dafür, dass er sie damals vor zwei Jahren nach dem Examen einfach stehen gelassen hatte, weil ihm ihre unverhohlene Bewunderung und ihre Einladung Angst eingejagt hatten. Dabei war es sicherlich nur Dankbarkeit von ihrer Seite gewesen. Sie war es offensichtlich nicht gewohnt, dass jemand etwas für sie tat – oder dass sie geküsst wurde. In all den Jahren des gemeinsamen Studiums hatte er sie nie mit einem Jungen gesehen.

Mit halb geöffnetem Mund verharrte sie. Es hätte Jim erleichtern sollen, dass er durch seine Entschuldigung einen verbalen Angriff ihrerseits vereitelt hatte. Doch er konnte nur daran denken, wie hübsch ihre geöffneten Lippen waren – wie küssenswert. Sie besaß durchaus Liebreiz, wenn sie ihren Mund nicht gerade einsetzte, um ihr Gegenüber in Grund und Boden zu reden. Unwillkürlich malte er sich aus, diese Lippen weich und nachgiebig unter seinen zu spüren …

Insgeheim fluchte er. Entschieden löste er nun den Blick von ihr, wandte den Kopf – und sah Laila wissend lächeln. Er blickte sie warnend an, aber sie zwinkerte nur und flüsterte Jake etwas zu, der sich daraufhin ein Grinsen nicht verkneifen konnte.

Laila kannte Jim zu gut. Sie hatte durchschaut, dass er Danielle begehrte. Der Same war gesät und konnte nur im Keim erstickt werden, indem Jim sich distanzierte und sich mit anderen Frauen umgab. Aber selbst dann funktionierte es erfahrungsgemäß nur mit viel Glück und bei Menschen, die ihm nichts bedeuteten.

Doch Danielle bedeutete ihm schon seit längerer Zeit etwas. Wenn es nach dem üblichen Schema ablief, würde er sich jahrelang vergeblich nach ihr verzehren – wie es ihm mit Laila ergangen war und davor, in der Highschool, mit Maddy Carlson.

Doch diesmal war es irgendwie anders. Danielle begehrte ihn ebenfalls. Das hatte er zwei Jahre zuvor gemerkt, und er spürte auch jetzt, dass er sie haben konnte. Eine kleine Affäre hätte ihm vielleicht geholfen, seine unergründliche Sehnsucht ein für alle Mal zu überwinden.

Allerdings hatte Danielle etwas Verletzliches an sich, und er wollte ihr nicht wehtun.

Mit einem unterdrückten Fluch sprang er auf und stürmte aus dem Restaurant.

Laila und Jake blickten ihm schmunzelnd nach. Danielle hingegen runzelte die Stirn und fragte verständnislos: „Was ist denn in Jim gefahren? Er ist normalerweise so gelassen, aber heute Abend scheint er auf glühenden Kohlen zu sitzen.“ Sein Gesicht, auf seine unkomplizierte fröhliche Art stets attraktiv, hatte irgendwie aufgewühlt gewirkt und immer wieder ihre Aufmerksamkeit angezogen. Und warum hatte er sie auf so seltsame Weise angesehen?

Ihre weltbeste Freundin lächelte. „Ich vermute, dass du es bald herausfinden wirst. Vergiss nicht, mich dann gleich einzuweihen. Ich möchte meine beiden besten Freunde glücklich sehen.“

„Wenn du glaubst, dass wir zusammen glücklich werden können, irrst du dich ganz gewaltig. Jim Haskell und ich verabscheuen uns schon seit vielen Jahren, und das ist nicht zu ändern.“

Laila kannte Danielle zu lange, um sich von dem angriffslustigen Ton abschrecken zu lassen. „Rede dir das nur selbst ein, Schätzchen. Die faszinierten Blicke, die ihr euch den ganzen Abend über zugeworfen habt, sagen etwas ganz anderes.“ Sie stöhnte und rieb sich den Bauch. „Junior ist heute extrem aktiv. Daran ist nur sein Vater schuld.“

Sein Vater?“, hakten Jake und Danielle einstimmig nach, und dabei grinsten sie belustigt.

Denn Laila war auch bei ihrer ersten Schwangerschaft felsenfest vom männlichen Geschlecht ihres Nachwuchses überzeugt gewesen, bis hin zur Geburt ihrer Tochter Ally. Mit gespielter Verärgerung murmelte sie: „Jaja, reibt es mir nur dauernd unter die Nase! Amüsiert euch ruhig, während ich unter den Tritten leide.“

Insgeheim atmete Danielle auf, weil das Thema Jim damit erledigt war. Nach den unglaublich süßen Küssen vor zwei Jahren, denen seine schroffe Abfuhr gefolgt war, hätte sie es besser wissen sollen, anstatt über seine seltsamen Blicke zu spekulieren.

Und doch konnte sie nicht umhin, an ihn zu denken. Sie musste verrückt sein. Was bedeutete es schon, dass er sie damals vor dem unangenehmen Annäherungsversuch gerettet hatte? Es lag in seiner Natur, anderen zu helfen. Und wenn sie eine kurze Zeit lang zu hoffen gewagt hatte, dass er etwas für sie empfinden könnte, so war es in dem Moment zerstört worden, als er sich so abrupt vor ihr zurückgezogen hatte, als wäre er auf der Flucht.

Nach über anderthalb Jahren der Distanz, in denen Danielle um die halbe Welt gereist war, war ihr einiges klar geworden: Manche Menschen waren einfach nicht für Liebe und Glück geboren. Geahnt hatte sie es schon von Kindesbeinen an, seit sie mit Barbie und Ken gespielt hatte. Ihre Puppen hatten sich stets auf das Heftigste gestritten. Ihre Freundinnen hatten darüber gelacht, aber sie selbst hatte schon in jenem zarten Alter begriffen, dass etwas an ihr nicht ganz normal war. Sie konnte nicht wie andere Mädchen Liebe geben oder empfangen. Gefühle wie Glück und Vertrauen standen nicht auf ihrem Lebensplan.

Sie war einfach anders. Vor allem sie und Jim hätten nicht gegensätzlicher sein können. Ihr Lebensstil unterschied sich deutlich, und zwar in sämtlichen Bereichen.

Er stammte aus einer großen, liebevollen Familie, die stets vollzählig eintraf, wenn es eine seiner Leistungen gebührend zu feiern galt, obwohl sie dazu einen Weg von über vierhundert Kilometern zurücklegen musste.

Danielle hingegen war Einzelkind und hatte bewusst eine Universität gewählt, die weit genug von ihrem Elternhaus in Sydney entfernt lag. Ihre Eltern waren zwar trotzdem ebenfalls zu jedem Meilenstein in ihrer Entwicklung erschienen, doch statt sich in Harmonie mit ihr zu freuen, hatten sie beide feindselig um die Aufmerksamkeit ihrer Tochter gebuhlt und sich jeweils mit den neuesten Klagen über den anderen bei ihr ausgeweint.

Seit Danielles Rückkehr aus Europa vor drei Monaten hatte sie ihre Eltern nur ein einziges Mal gesehen und den Besuch schon nach zwei Stunden abgebrochen. Die ständigen hinterhältigen Streitereien zwischen ihnen waren ihr so unerträglich geworden, dass sie sich mit dem eindringlichen Rat verabschiedet hatte, sich doch endlich scheiden zu lassen.

Seitdem riefen ihre Eltern noch häufiger als früher an und baten sie, wieder nach Hause zu kommen. Doch Danielle brachte es nicht über sich. Sie wollte keine einzige abfällige Bemerkung mehr hören. Für ihre Eltern mochten die Streitereien unterhaltsam sein, aber ihr taten sie nur weh.

Sie schreckte aus ihren Grübeleien auf mit dem Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Instinktiv glitt ihr Blick zu der Terrassentür, die auf die hintere Veranda führte.

Jim lehnte am Türrahmen und telefonierte auf seinem Handy. Er guckte zu ihr hinüber, schien sie aber gar nicht wahrzunehmen. Seine gesamte Konzentration galt dem Gespräch. Sein Körper wirkte angespannt, seine Miene finster und aufgewühlt.

Es geht mich nichts an.

Entschieden wandte sie sich von ihm ab. Sie richtete die Aufmerksamkeit wieder auf ihren Freundeskreis, legte ein Lächeln auf und beteiligte sich an dem Tischgespräch.

Aber sie schaffte es nicht lange, dieses Theater mitzuspielen. Da sie nun einmal ein Herz für verwundete Kreaturen hatte, musste sie einfach zu Jim schauen.

Völlig steif stand er nun mitten in der Tür. Sein Gesicht wirkte so hart wie aus dunklem Marmor gemeißelt. Steinern blickte er geradeaus, seine Nasenflügel waren gebläht. Er, der sich sonst so lässig gab, war nun so schockiert, so wütend, wie sie ihn nie zuvor erlebt hatte. Und der Schmerz in diesen schokoladenbraunen Augen …

Er klappte das Handy zu, machte auf dem Absatz kehrt und stürmte nach draußen.

„Geh ihm nach“, drängte Laila.

Verblüfft konterte Danielle: „Wieso ich? Jim und ich sind nicht mal befreundet. Du solltest ihm helfen. Er liebt dich. Deine Hilfe wird er annehmen.“

Tränen glitzerten in Lailas Augen. „Ich kann nicht.“ Sie senkte den Kopf. „Ich habe schon den ganzen Tag immer wieder Vorwehen. Ich muss mich schonen, und …“ Sie seufzte schwer. „Bitte geh ihm nach. Kümmere dich um ihn. Tu es für mich.“

Ihr Leben lang hatte Danielle sich vor anderen verschlossen, in dem Wissen, dass es nur zu Kummer führte, sich zu sehr zu engagieren. Aber Laila hatte sich von Anfang an nicht abweisen lassen. Mit ihrem offenen, liebevollen Wesen war es ihr gelungen, die sarkastische Einzelgängerin in ihren kleinen Freundeskreis zu integrieren. Seitdem waren sie sich gegenseitig ans Herz gewachsen.

Wie hätte Danielle ihr diese Bitte also abschlagen können?

Mit einem vagen Lächeln ging sie hinaus und suchte den Mann, mit dem sie nie wieder hatte reden wollen – zumindest nicht ohne Sarkasmus als Schutzschild.

Doch Laila zuliebe musste sie es nun tun, und vielleicht auch um ihrer selbst willen. Wenn sie eine gute Tat an Jim vollbrachte, als Wiedergutmachung für seine Hilfe vor zwei Jahren, dann vergingen vielleicht ihre Gefühle für ihn, wie auch immer diese geartet sein mochten.

Das Handy klingelte erneut, kaum hatte Jim den Anruf weggedrückt, und so geschah es noch mehrere Male. Auf keinen Fall wollte er wieder mit dieser Frau reden, die sich Annie nannte. Sie musste verrückt sein!

Wollte ihm jemand einen dummen Streich spielen? Er fühlte sich wie in einem albernen Melodram oder einer Reality-Show, und er hätte darüber gelacht, wenn ihre Geschichte nur nicht so glaubhaft geklungen hätte.

Er hatte versucht, die Frau mit Verachtung zu strafen, sie auszulachen und ihr klarzumachen, dass sie sich verwählt haben musste. Doch sie hatte seine Eltern wie seine Heimatstadt benannt und dann die fatale Frage gestellt: „Hast du dich noch nie gewundert, warum du hellhäutiger bist als deine Eltern?“

Er stieß einen wilden Fluch aus. Diese Annie mochte verrückt sein, aber sie wusste verdammt viel über sein Privatleben – einschließlich der Zweifel, die jedes Kind hegt, das seinen Eltern nicht besonders ähnelt.

Warum gerade jetzt? Warum hat sie angerufen? Was will sie von mir?

„Jim?“, rief eine zögernde, unsichere Stimme.

Widerstrebend stieß er sich von dem Baumstamm ab, an dem er mit geballten Fäusten gelehnt hatte, und drehte sich um. Er kannte nur eine Frau, deren Stimme ihm derart unter die Haut ging, die ihn nie bei seinem üblichen Spitznamen Jimmy gerufen hatte.

Sie stand etwa zehn Schritte entfernt. Weil sie so zierlich gebaut war, wirkte sie kleiner, als sie mit knapp ein Meter siebzig tatsächlich war. Die blasse Haut leuchtete im klaren Mondschein; die langen glänzenden Locken wogten in der sanften Brise wie die Wellen des Ozeans. Der dünne silbrige Rock blähte sich sanft bei jedem Windstoß. In den Augen, die unverwandt sein Gesicht betrachteten, lag Besorgnis.

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