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Liebesstern über Afrika

Liz Fielding

Liebesstern über Afrika

1. KAPITEL

Der Anruf von Marji Hayes, Herausgeberin des Celebrity-Magazins, überraschte Josie in zweierlei Hinsicht. Sie wunderte sich über den Ort, an dem die Hochzeit des Jahres stattfinden sollte, seit Monaten viel diskutiertes Thema in den Medien. Fast noch mehr staunte sie jedoch darüber, dass Marji ihr das streng gehütete Geheimnis überhaupt anvertraute.

„In Botsuana“, bestätigte Marji ungeduldig. „Ich hatte gehofft, dass Sylvie …“ Die Stimme am anderen Ende der Leitung verstummte.

Josie ließ ihrer Gesprächspartnerin Zeit, sich wieder zu sammeln, und tippte derweil „Botsuana“ in die Suchmaschine im Internet ein. Sie ahnte bereits, was Marji von Sylvie Duchamps Smith wollte: Die gefragte Eventplanerin sollte einspringen und die unmittelbar bevorstehende Prominentenhochzeit retten. Doch die junge Mutter beschäftigte sich derzeit lieber mit ihrer neugeborenen Tochter und dachte nicht daran, für Marji die Kohlen aus dem Feuer zu holen.

„Ich weiß zwar, dass sie sich noch im Erziehungsurlaub befindet, doch ein so wichtiges Ereignis …“ Wieder brach Marji ab.

Mit einem Mal wurde Josie bewusst, was dieser Anruf für sie selbst bedeutete, und ihr Herz setzte einen Schlag lang aus.

„Wie Sylvie mir sagte, sind Sie mittlerweile ihre Teilhaberin und für sämtliche Hochzeiten verantwortlich.“ Dass sie diese Entscheidung nicht guthieß, war Marji deutlich anzuhören.

Sylvie hatte sie vor fünf Jahren – damals jobbte Josie als einfache Küchenhilfe – zu ihrer Assistentin gemacht, was in der Branche zunächst großes Kopfschütteln ausgelöst hatte. Im Lauf der Zeit hatte Josie sich jedoch bewährt und einen Ruf als geschickte, zuverlässige Koordinatorin erworben. Einige größere Eventagenturen hatten sogar versucht, sie mit einem höheren Gehalt und einem klangvollen Titel ihrer Arbeitgeberin abzuwerben.

Vor drei Monaten hatte Sylvie sie zu ihrer Teilhaberin gemacht, ungeachtet der Bedenken, die Josie vorgebracht hatte. Diese bestätigten sich inzwischen leider. Seit jenem Tag war es ihr nicht gelungen, einen neuen Auftrag zu erhalten. Alle Feste, die sie derzeit organisierte, waren noch in Auftrag gegeben worden, ehe Sylvie ihren Mutterschaftsurlaub angetreten hatte.

„Sind Sie nicht recht jung für so viel Verantwortung?“, fragte Marji und lachte gleichzeitig, um ihren Worten die Schärfe zu nehmen. „Und dazu Ihr … exzentrisches Äußeres!“

Die violetten Strähnen im kurzen schwarzen Haar und ihr ausgefallener Kleidungsstil verliehen Josie ein unkonventionelles Aussehen, das mittlerweile ebenso zu ihrem Image gehörte wie die klassischen Kostüme und Perlen zu Sylvie. Zwar war sie erst fünfundzwanzig, fühlte sich jedoch oft viel älter.

„Sylvie hat SDS Events im Alter von neunzehn Jahren gegründet“, rief sie Marji in Erinnerung. Ihre aus einer adligen Familie stammende Partnerin hatte damals allein und mittellos dagestanden, mit nichts als einer Begabung für die Organisation fantastischer Partys. Als Josie sich in einer ähnlich verzweifelten Lage befand, hatte sie ihr eine Chance gegeben.

Die beiden Frauen ergänzten sich perfekt. Die elegante Sylvie war für Kundenakquisition und Planung der Feierlichkeiten zuständig, während Josie, das Mädchen aus der Arbeiterklasse, sich der auftretenden Probleme vor Ort annahm, von störrischem Personal über ausbleibende Lieferungen bis hin zu betrunkenen Gästen. Gleichzeitig studierte sie eifrig Design, Marketing und Wirtschaftswissenschaften. Auch in punkto Geschmack hatte sie viel von Sylvie gelernt. Aus der furchteinflößenden Punkerin war bald eine stilsichere Edelpunkerin geworden.

„Wenn ich mein Erscheinungsbild verändere, erkennt mich niemand mehr“, erklärte sie Marji.

Diese antwortete herablassend: „Das ist schon möglich. Wie dem auch sei: Das Konzept für die Hochzeit steht seit Wochen, und zu diesem späten Zeitpunkt …“

Das bedeutet, Marji braucht jemanden, der die Durchführung der Feierlichkeiten überwacht, dachte Josie, und niemand in der Branche, der auf sich hält, ist bereit, diesen anspruchslosen Job zu übernehmen. Am liebsten hätte sie ihrer Gesprächspartnerin erklärt, sie sei mit Arbeit überlastet. Doch dazu war dieser Auftrag zu wichtig. Falls sie sich bewährte, würden die Kunden bald auch bei ihr Schlange stehen, und zwar bei ihr persönlich – nicht bei Sylvie.

„Ihre absolute Verschwiegenheit setzen wir natürlich voraus“, sagte Marji.

Darüber war sich Josie im Klaren. Sie hatte die Bieterschlacht um die Exklusivrechte an der Berichterstattung über die Hochzeit von Tad Newman, einem der bestbezahlten Fußballer der Welt, und dem Model Crystal Blaize mit Interesse verfolgt. Nun versuchte das Celebrity-Magazin, das den Zuschlag erhalten hatte, das öffentliche Interesse an dem Ereignis, und damit den eigenen Profit, zu steigern, indem es die Spekulationen über den Ort, an dem die Trauung stattfinden sollte, im Vorfeld künstlich anheizte. Gleichzeitig erschwerte die strikte Geheimhaltung es der Konkurrenz, unautorisiert Fotos zu schießen und zu veröffentlichen.

„Sie können sich auf mich verlassen“, versprach Josie daher. „Ich weiß ja noch nicht einmal, wo Botsuana liegt.“ Das allerdings war gelogen, denn inzwischen hatte ihre Recherche im Internet ergeben, dass das Land nördlich von Südafrika lag.

„Dann informieren Sie sich, es kommt gerade in Mode“, erwiderte Marji. „Die Gegend bietet eine große Artenvielfalt, und da Crystal Tiere über alles liebt, werden sie auch bei der Hochzeit eine Rolle spielen.“

„Meinen Sie Elefanten oder Löwen?“, fragte Josie erschauernd. Andererseits konnten bei einer Hochzeit nur kleinere Tiere mitwirken. „Affen?“

„Die gibt es dort natürlich auch. Unsere Stars sind jedoch die Leoparden!“

Ein würziger, frischer Duft nach Gras, der über die karge Savanne wehte, verriet Gideon McGrath, dass sie sich der Leopard Tree Lodge näherten. Einige Minuten später bog der Wagen, mit dem er am Flugplatz im Busch abgeholt worden war, in einen schattigen Hof ein und blieb stehen.

Er blieb noch einen Moment sitzen, um die zum Aussteigen nötigen Kräfte zu mobilisieren.

„ Wie schön, dass Sie wieder hier sind!“ Ein Mann trat aus dem Schatten an das Auto und grüßte freundlich in der Landessprache.

„Francis!“ Gideon ergriff die ausgestreckte Hand.

„Sie waren schon lange nicht mehr bei uns, aber wir haben die Hoffnung nicht aufgegeben. Geht es Ihnen gut?“ Er sah den Gast besorgt an.

„Ich bin nur ein wenig steif“, behauptete Gideon und kletterte vorsichtig aus dem Jeep. Sein Rücken schmerzte mittlerweile nahezu unerträglich. „Das viele Reisen bekommt mir nicht. Wie geht es Ihrer Familie?“

„Danke, gut. Bitte besuchen Sie uns, sobald Sie die Zeit dazu erübrigen können.“

„Ich habe den Kindern ein paar Bücher mitgebracht.“ Er wandte sich um und griff nach seinem Koffer im Fond des Wagens. Da er sein halbes Leben auf Reisen verbrachte, beschränkte er sich auf leichtes Gepäck, doch in diesem Moment erschien es ihm bleischwer.

„Leoparden?“ Josie hoffte, sich verhört zu haben. „Die sind doch gefährlich!“

„Wir sprechen von Babys, Waisen, die von Hand aufgezogen werden. Am großen Tag müssen Sie ihnen lediglich Schleifen um den Hals binden“, versuchte Marji, sie zu beruhigen.

„Okay.“ Schaudernd erinnerte Josie sich an die Katze, die sie als Kind besessen hatte. Selbst als Jungtier hatte sie des Öfteren ihre scharfen Krallen ausgefahren …

„Die Trauung selbst sowie alle damit verbundenen Feierlichkeiten finden in der Leopard Tree Lodge statt, einer ausgesprochen luxuriösen Anlage mitten im Wildreservat. Wie ich Sie beneide! Am liebsten würde ich selbst dorthin fliegen!“

„Ja, toll“, heuchelte Josie, die geborene Städterin, Begeisterung.

„Von Ihrer Terrasse aus haben Sie Blick auf das Wasserloch! Anstatt im Geländewagen auf staubigen Pisten durchgerüttelt zu werden, sitzen Sie im eigenen Whirlpool, ein Glas Champagner in der Hand, und beobachten die Elefanten beim Baden.“

„Das hört sich gut an.“ Wie ein Zitat aus einem Reiseprospekt! Vielleicht glaubte Marji tatsächlich, ihr einen luxuriösen Gratisurlaub anzubieten, doch Josie wusste es besser. Einmal vor Ort würde ihr keine Zeit bleiben durchzuatmen, geschweige denn vom Pool aus die Aussicht zu genießen.

Entspannen konnte sich im Vorfeld einer Hochzeit bestenfalls die Braut – doch sicher nicht in diesem Fall. Da das Celebrity-Magazin sechs Ausgaben mit Fotos rund um die Hochzeit zu füllen plante, würde sie ihr weder vor noch am großen Tag selbst Ruhe gönnen.

Für denjenigen, der für einen reibungslosen Ablauf der Feierlichkeiten zu sorgen hatte, standen harte Arbeitstage bevor. Aus Erfahrung wusste Josie, dass trotz perfekter Planung in letzter Minute Probleme auftreten konnten. Und in Botsuana standen ihr nicht die Mittel zur Verfügung, auf die sie sonst in Notfällen zurückgreifen konnte.

Nachdem das „Wo“ der Hochzeit geklärt war, stellte sich Josie die nächste, weit dringendere Frage.

„Wie gelangen die Gäste zur Lodge?“

„Für den Transport innerhalb des Landes haben wir ein lokales Flugunternehmen gechartert. Darum brauchen Sie sich nicht zu sorgen“, versicherte Marji eilig.

„Ich kümmere mich stets um alles! Deswegen geht bei von SDS organisierten Hochzeiten nichts schief.“

„Hätte die Firma keinen so guten Ruf, würden wir jetzt nicht miteinander telefonieren! Eigentlich hätte Serafina morgen nach Botsuana fliegen sollen. Haben Sie gehört, was ihr zugestoßen ist?“

Offiziell hieß es, Serafina March, die berühmte Hochzeitsplanerin der High Society, sei erkrankt. Brancheninterne Gerüchte besagten allerdings, dass die Braut sich nach einem heftigen Streit geweigert hatte, länger mit ihr zusammenzuarbeiten.

Kein Wunder, dachte Josie, die selbst bei einer Gelegenheit eine Kostprobe von Serafinas Überheblichkeit und Arroganz abbekommen hatte.

„Wie geht es ihr?“

„Besser. Es ist zu schade, dass sie nicht selbst an der Hochzeit teilnehmen kann, bei deren Vorbereitungen sie sich so aufgerieben hat.“ Damit wechselte Marji das Thema. „Das Brautpaar bleibt zunächst noch in der Hauptstadt von Botsuana, wo Tad diverse Termine wahrnimmt. Die beiden kommen erst am nächsten Abend in der Lodge an. Somit bleibt Ihnen genug Zeit, vor ihrer Ankunft alles zu überprüfen und letzte Mängel zu beheben.“

„Da alles so perfekt vorbereitet ist, könnte ich ja auch erst übermorgen fliegen“, schlug Josie hoffnungsvoll vor.

„Nein, wir wollen kein Risiko eingehen! Die Hochzeit findet zwar in relativ kleinem Rahmen statt, dennoch finden nicht alle Gäste in der Lodge Platz. Für die restlichen Besucher haben wir ein Hausboot angemietet.“

Wildnis, Wasser, wilde Tiere – der Albtraum eines jeden Hochzeitsplaners! Und was genau bedeutete die Bezeichnung „Tree Lodge“? Wurden die Gäste etwa in Baumhäusern untergebracht? Was würden die verwöhnten Prominenten davon halten?

Ihr Mangel an Begeisterung blieb Marji nicht verborgen. Noch einmal stellte sie klar: „Vergessen Sie nicht, der anstrengende Teil der Arbeit ist bereits erledigt, Josie!“

Und somit auch der interessante Part: das Konzipieren und Planen, die Auswahl der Speisen, Blumen, Farben, Kleider. Der Einkaufsbummel mit einer Braut, der keine finanziellen Grenzen gesetzt waren.

„Ich muss mich also nur darum kümmern, dass alles gut läuft?“, fragte Josie, der Marjis Selbstgefälligkeit allmählich auf die Nerven ging.

„So ist es. Serafina hat alles bis ins Detail organisiert. Sie sorgen lediglich dafür, dass alles exakt nach Plan ausgeführt wird, damit unsere Fotografen gute Bilder für die Hochzeitsserie schießen können. Diese Art der Aufgabenverteilung kennen Sie doch schon von Ihrer Zusammenarbeit mit Sylvie.“

„Und ich soll dafür sorgen, dass das Brautpaar einen wunderbaren Tag erlebt.“ Josie war der Meinung, dass es auch bei dieser Hochzeit um mehr ging als die Auflagezahlen des Celebrity-Magazins.

„Wie? Ja, natürlich. Ich schicke Ihnen die Unterlagen zusammen mit den Tickets per Kurier ins Büro. Sie können sie auf dem Flug lesen.“

Doch Josie hatte sich im Verlauf des Gesprächs mehrfach so über Marji geärgert, dass sie sich nicht dazu entschließen konnte, den Auftrag ohne Weiteres anzunehmen, auch wenn er die Chance ihres Lebens war.

„Ich verstehe immer noch nicht, was ich in Afrika tun soll, wenn alles perfekt vorbereitet ist. Genauso gut könnte einer Ihrer Mitarbeiter das übernehmen. Oder vielleicht sogar Sie selbst? Und sobald Sie alles erledigt haben, entspannen Sie sich im Whirlpool und beobachten die Tiere.“

Mit etwas Glück würde ein Leopard vorbeikommen und Marji zu Mittag verspeisen!

„Führen Sie mich nicht in Versuchung!“ Marji lachte gekünstelt, was Josie wiederum förmlich auf die Palme brachte. „Ich würde alles dafür geben! Leider werde ich hier gebraucht. Außerdem sollte meiner Meinung nach ein Profi diesen Job übernehmen.“

Ein Profi, der die Braut nicht bevormundete …

„Josie, ich habe Crystal eine Traumhochzeit versprochen.“

Die Frage war allerdings: wessen Traum!

Josie fragte sich, wie Crystal inzwischen darüber dachte. War sie ganz kribbelig vor Aufregung und konnte es kaum erwarten, den Mann, den sie liebte, in der aufwändigen, prunkvollen Zeremonie zu ehelichen, die sie – oder eher Serafina March – geplant hatte?

Oder war sie mit den Nerven am Ende und wünschte sich verzweifelt, sie wäre mit Tad nach Las Vegas durchgebrannt, um dort in aller Stille zu heiraten?

Viele Bräute erreichten im Lauf der Hochzeitsvorbereitungen diesen Punkt, meist dank der übertriebenen Einmischung ihrer Familien. In diesem Fall kam noch der enorme Druck durch die Medien hinzu.

„Wir dürfen sie nicht im Stich lassen“, drängte Marji, die allmählich ernstlich fürchtete, Josie könnte den Auftrag ablehnen. „Sie ist momentan sehr nervös und wenig belastbar. Die Hochzeit bedeutet ihr alles! Ich glaube, bei Ihnen würde sie sich gut aufgehoben fühlen.“

„In der nächsten Ausgabe der Celebrity werden Sie über mein Engagement bei der Hochzeit berichten.“

„Aber Serafina hat alles geplant!“

„Natürlich. Hoffentlich ist sie fit genug, morgen die Reise anzutreten.“

„Selbstverständlich erwähnen wir gern, dass Sie im letzten Moment eingesprungen sind.“

Das war zwar nicht viel, doch ihr Name würde in der Celebrity auftauchen, und das war alles, was im Moment für sie zählte. Josie atmete tief durch. „Senden Sie mir alle Unterlagen. Ich maile Ihnen umgehend den Vertrag.“ Ihre Hände zitterten, als sie den Telefonhörer auflegte.

Gideon ruhte auf einer Liege auf der Terrasse seines Baumhauses. Für seinen Besuch in der Leopard Tree Lodge war er von seinem dicht gedrängten Terminkalender abgewichen und hatte einen Tag und eine Nacht freigenommen.

In den Tagen zuvor hatte er sein Tauchhotel am Roten Meer und die neue Dau, deren Bau er in Auftrag gegeben hatte, in Ramal Hamrah am Golf besichtigt. Anschließend hatte er mit Scheich Zahir, einem seiner Geschäftspartner, an einer Wüstensafari teilgenommen, einem echten Abenteuer mit Übernachtung in der Einsamkeit der Wüste, anstelle der sonst üblichen Bauchtänzerinnen und Geländefahrten über Sanddünen. Das hatte jedoch nicht wie gewohnt seine Lebensgeister wiedererweckt. Stattdessen hatte er sich am nächsten Morgen auf dem Flughafen verwundert gefragt, warum manche Menschen Reisen als Vergnügen empfanden. Ein schlechtes Zeichen! Immerhin verbrachte er sein halbes Leben auf Reisen und verdiente dabei ein Vermögen.

Zu seiner schlechten Laune hatten auch die Schmerzen beigetragen, die sich im Lauf des letzten Jahres zunächst fast unmerklich in seinem Kreuz festgesetzt hatten und dann immer schlimmer geworden waren.

Nach einer eingehenden Untersuchung hatte seine Ärztin eine physische Ursache ausgeschlossen. „Was belastet dich, Gideon?“, hatte sie ihn gefragt, als er zur Besprechung der Untersuchungsergebnisse gekommen war.

„Nichts“, hatte er behauptet. „Ich habe so viel Erfolg, wie ich mir nur wünschen kann.“

Und das war nicht gelogen. Eben erst hatte er eine Ranch in Patagonien erworben und ihr spontan einen Urlaub dort angeboten.

Doch sie hatte nur den Kopf geschüttelt. „Derjenige, der Urlaub braucht, bist du. Du bist völlig ausgebrannt. Lass es langsamer angehen. Lerne endlich, das Leben zu genießen!“

„Mir gefällt es, wie es ist. Gib mir einfach eine Spritze gegen den Schmerz. Ich muss mein Flugzeug erreichen.“

Seufzend hatte die Ärztin ihn gewarnt: „Das bringt nur vorübergehende Linderung. Früher oder später musst du dich der Ursache deiner Probleme stellen, sonst zwingt dich dein Rücken dazu.“

Die Übernachtung in der Wüste hatte ihm nicht gutgetan. Danach hatten die Schmerzen erneut mit aller Vehemenz eingesetzt. Ein halbes Dutzend Termine und vier Flüge später war er nach der Landung des kleinen Flugzeugs auf der Piste im afrikanischen Busch kaum in der Lage gewesen auszusteigen.

Er hätte es besser gar nicht erst versucht, sondern dem Piloten Anweisung gegeben, ihn direkt zurück nach Gabarone, der Landeshauptstadt, zu fliegen. Nach einer weiteren Spritze wäre er fit für den Weiterflug nach Südamerika gewesen.

Unglücklicherweise hatte er auf die lindernde Wirkung einiger Schmerztabletten, einer heißen Dusche und einer Nacht in einem bequemen Bett vertraut. Jetzt war er dem Arzt der Lodge ausgeliefert, den er selbst vor Jahren eingestellt hatte. Nach einem Telefonat mit seiner Londoner Ärztin hatte dieser sich geweigert, ihm eine weitere Injektion zu verpassen, und ihm stattdessen einen Vortrag gehalten: Sein Körper brauche Ruhe, um sich selbst zu heilen. Er werde es schon merken, wann er wieder einsatzbereit sei. Esoterischer Humbug!

Nun war er also gezwungen, es langsam angehen zu lassen und sich seinen Problemen zu stellen.

Die Rückenschmerzen hatten zu dem Zeitpunkt begonnen, als er zum ersten Mal ernsthaft über den Verkauf der Lodge nachgedacht hatte. Tatsächlich hatte es immer wieder Interessenten dafür gegeben. Schließlich hatte ihn auch seine Geschäftsleitung zum Verkauf gedrängt. Doch die Leopard Tree Lodge war sein erstes Projekt gewesen. Sie war für ihn ein Symbol und gleichzeitig Ort trauriger Erinnerungen.

„Haben Sie Nachrichten für mich, Francis?“

„Nur eine.“ Francis, der eben mit dem Frühstückstablett angekommen war, stellte es auf einem Tischchen ab, zog ein säuberlich gefaltetes Stück Papier aus seiner Hosentasche und reicht es Gideon. „Die Antwort aus Ihrem Büro.“ Bevor Gideon die Mitteilung lesen konnte, fuhr er schon fort: „Mr. Matt Benson ist an Ihrer Stelle nach Argentinien geflogen. Sie sollen sich keine Sorgen machen und alles tun, was der Arzt Ihnen rät, sich gut erholen und sich so viel Zeit lassen wie nötig.“

Nur mit Mühe konnte Gideon einen Fluch unterdrücken. Matt war zwar ein guter Mann, doch ihm fehlten die Erfahrungen, die er selbst beim Aufbau seines Imperiums über die letzten fünfzehn Jahre hinweg erworben hatte. Die Firma, die luxuriöse Ferienanlagen an exotischen Orten baute und Draufgängern aller Altersstufen aufregenden Abenteuerurlaub bot, war sein Leben.

„Wünschen Sie noch etwas?“

„Ich will abreisen.“ Sehnsüchtig blickte Gideon einem kleinen Flugzeug nach, das gerade über dem Fluss aufstieg, abdrehte und nach Süden davonflog. Ich hätte nicht hierher kommen sollen, dachte er und wünschte sich verzweifelt an Bord jener Maschine.

Wieder spürte er heftige Stiche im Kreuz.

Seit zwei Nächten und einem Tag war er nun schon ans Bett gefesselt. Heute Morgen hatte er etliche Schmerztabletten geschluckt, geduscht und versucht, zur Rezeption zu gelangen, um seine Abreise anzutreten.

Allerdings hatte er es nicht weit geschafft. Francis, der ihm gerade sein Teetablett ans Bett bringen wollte, hatte ihn gefunden, als er am Geländer der Brücke gestanden hatte, die das Haupthaus mit den Baumhütten verband, zwar noch aufrecht, doch außer Stande, ohne Hilfe auch nur einen Schritt vor oder zurück zu tun.

Vor die Wahl gestellt, per Helikopter ins nächstgelegene Krankenhaus verfrachtet zu werden oder sich im Luxus der Leopard Tree Lodge durch das zuvorkommende Personal pflegen zu lassen, war ihm die Entscheidung nicht schwergefallen.

Doch inzwischen quälte ihn die Langeweile. Daher fragte er neugierig: „Ist mit diesem Flugzeug jemand an- oder abgereist?“

„Vermutlich ist die Hochzeitsfrau aus London gekommen. Sie wird im Häuschen nebenan wohnen.“

„Hochzeitsfrau?“ Gideon runzelte die Stirn. „Was für eine Hochzeit?“

„Das ist ein großes Geheimnis! Der Fußballstar Tad Newman und Crystal Blaize heiraten hier in der Leopard Tree Lodge. Wir erwarten viele prominente Gäste, und die Hochzeitsfotos werden in einem Magazin veröffentlicht.“

Gideon setzte sich ruckartig auf, doch sofort fuhr ihm ein stechender Schmerz durch den Rücken, der ihm den Atem verschlug. Als Francis ihm zu Hilfe eilen wollte, winkte er gereizt ab und ließ sich zurücksinken, was sich ebenfalls als Fehler erwies. Wütend fluchte er und machte damit sowohl seinem Ärger über die körperlichen Qualen als auch über die geplante Feier Luft. Er konnte Hochzeiten nicht ausstehen, und sie passten nicht ins Konzept der Lodge!

„Soll ich Ihnen Tee einschenken?“, fragte Francis hilfsbereit.

„Ich will Kaffee!“

„Den hat der Arzt verboten.“

Kein Koffein, kein Stress – doch gerade Letzterem sah sich Gideon in diesem Moment ausgesetzt.

Zwar ermutigte er seine Mitarbeiter zu Kreativität und Flexibilität bei der Entwicklung seiner Ferienanlagen. Doch die Leopard Tree Lodge war als Oase der Ruhe und des Friedens gedacht, für diejenigen, die es sich leisten konnten, die Wildnis umgeben von allem erdenklichen Luxus zu erleben. Das Letzte, was seine Gäste wünschten, war eine lärmende Hochzeitsgesellschaft, die das Wild verscheuchen würde.

„Sagen Sie David, dass ich ihn sprechen möchte“, wies er Francis an.

„Gern.“

„Und sieh bitte nach, ob du eine Zeitung für mich findest. Mir ist grässlich langweilig!“

„Das Flugzeug hat sicher die aktuelle Ausgabe der Mmegi mitgebracht. Ich bringe sie Ihnen gleich.“

Eigentlich hatte Gideon auf ein von einem Gast zurückgelassenes Exemplar der Financial Times gehofft. Noch war er nicht so verzweifelt, dass er mit der örtlichen Tageszeitung Vorlieb nehmen würde! Daher erwiderte er: „Lass dir Zeit.“

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