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Liebesstart ins Glück

Barbara Hannay

Liebesstart ins Glück

1. KAPITEL

Mattie konnte ihr Glück kaum fassen. Das hübsche Apartmenthaus war ganz im mediterranen Stil gehalten: weiße Wände, blaue Türen und sonnige Balkone, die zur Bucht hinausgingen. Und dies sollte ihr neues Zuhause sein.

Ihre Wohnung hatte die Nummer drei und befand sich im Erdgeschoss. Während der Schwangerschaft brauchte sie also keine Treppen zu steigen. Außerdem konnte sie Brutus jederzeit in den Garten lassen. Einfach ideal.

Sie parkte den Wagen. Als sie die pinkfarbenen Geranien am Eingang erblickte, malte sie sich schon ihr Leben hier aus. Morgens würde sie sich mit ihrem Laptop in den Garten setzen und bei der Arbeit die Bucht betrachten. Abends könnte sie mit Brutus am Wasser entlangspazieren.

Auch die Lage der Wohnung war optimal: Es war nicht weit zur Klinik, und die Aussicht war einfach wunderschön. Sogar aus dem Auto konnte sie noch einen Zipfel der Sydney Harbour Bridge sehen. Und diese freundliche Atmosphäre in der Anlage! Mattie würde es genießen, ein ganzes Jahr hier zu wohnen.

Ihr Vorhaben schien zu gelingen: Alles fügte sich perfekt zusammen. Sie hatte ausführlich mit den Ärzten geredet und die Sache aus allen Perspektiven beleuchtet. Sie hatte keinerlei Bedenken mehr, dass sie das Richtige tat.

Wenn alles gut ging, würde sie Ende des Jahres das ersehnte Baby für ihre Freunde zur Welt bringen. Nun fehlte bloß eine erfolgreiche Implantation, und ihre Leihmutterschaft konnte beginnen.

Mattie nahm den Wohnungsschlüssel aus ihrer Handtasche, hob Brutus aus seinem Korb und öffnete die Autotür.

Wham!

Aus Nummer drei dröhnte hämmernde Musik. Mattie spürte, wie ihr glückliches Lächeln verschwand. Erstaunt schaute sie auf den Schlüsselanhänger. Ohne Zweifel – die Nummer drei war die richtige Wohnung. Ihre Wohnung. Erst heute Morgen hatte Gina ihr das versichert, als sie ihr die Schlüssel gegeben hatte.

„Du kannst dort bleiben, solange du willst“, hatte sie gesagt.

Das Apartment gehörte Ginas Bruder Will, der zurzeit in einer Mine in der Mongolei arbeitete. Mattie wollte kein Geld dafür annehmen, das Kind auszutragen. Deshalb hatte Gina ihr stattdessen diese Unterkunft angeboten. Alles war bereits geplant worden.

Und nun gab es offenbar einen anderen Mieter. Noch dazu einen, der so laut Heavy Metal hörte, dass einem draußen schon die Ohren wehtaten. Damit hatte sie nicht gerechnet. Sie starrte die blaue Tür an und drückte Brutus unwillkürlich an sich.

Oder hatten womöglich irgendwelche Leute die Wohnung besetzt und feierten eine Party?

Fast wäre sie wieder ins Auto gestiegen und geflüchtet. Doch schließlich siegte ihr Sinn für Gerechtigkeit. Dies war ihre Wohnung. Das stand felsenfest. Sie hatte das Recht auf ihrer Seite.

Also nahm sie allen Mut zusammen, stieg die zwei Stufen hinauf und klopfte.

Keine Reaktion.

Sie klopfte noch einmal.

Dann schlug sie mit der Faust gegen die Tür.

Endlich wurde die Musik leiser gestellt. Als kurz darauf geöffnet wurde, trat Mattie hastig einen Schritt zurück.

Der Mann im Türrahmen sah nicht wie ein Hausbesetzer aus. Eher wie ein Pirat.

Das war jedenfalls ihr erster Gedanke bei seinem Anblick. Er hatte wildes schwarzes Haar und einen Dreitagebart. Sein Hemd war halb offen. Vergeblich versuchte sie, die Augen von seiner braungebrannten, muskulösen Brust abzuwenden.

Er lehnte sich mit seinen breiten Schultern gegen das Holz und musterte sie. In seinem Blick stand eine Mischung aus Gereiztheit und Langeweile. „Was kann ich für Sie tun?“

Als sie in diesem Moment seine Stimme hörte, dachte sie nicht mehr an Piraten. Genau genommen dachte sie an gar nichts mehr. Seine tiefe Stimme klang voll, samtweich und sehr verführerisch. In Verbindung mit dem offenen weißen Hemd war Mattie nicht mehr in der Lage, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Mit aller Mühe riss sie sich zusammen und sah ihm in die Augen. „Ich … glaube … hier liegt ein Irrtum vor.“

Er zog eine Augenbraue hoch. „Bitte?“

Erneut setzte Mattie an: „Es scheint sich um eine Verwechslung zu handeln.“ Sie hielt ihren Wohnungsschlüssel in die Höhe. „Dies ist meine Wohnung. Nummer drei. Ich sollte heute hier einziehen.“

Kurz schaute er zu dem kleinen Hund auf ihrem Arm, dann zu ihrem Kleinwagen, der bis unters Dach mit ihren Habseligkeiten bepackt war. Schließlich sah er über die Schulter ins Innere der Wohnung. Dort lag seine blonde Begleiterin mit einem Glas Wein in der Hand auf dem Sofa.

„Was will sie?“, rief die Frau.

Er antwortete nicht. Stattdessen betrachtete er Mattie mit zusammengekniffenen Augen. „Kommen Sie vom Immobilienbüro?“

„Nein.“ Sie straffte die Schultern. „Ich habe eine private Vereinbarung … mit dem Eigentümer. Er weiß über alles Bescheid.“

„Würden Sie mir den Namen des Eigentümers nennen?“

„Wie bitte?“, gab Mattie entrüstet zurück. „Wie kommen Sie dazu, mir solche Fragen zu stellen? Ich habe einen rechtmäßigen Anspruch auf dieses Apartment. Und Sie?“

Zu ihrer Verärgerung lachte er nur. Kurz darauf erhob sich die langbeinige Blondine, stellte ihr Weinglas ab und kam an die Tür. Sie legte den Arm um seine Schultern und fragte ihn: „Was ist denn los, Jake?“

„Nur eine Grenzübertretung.“ Der Mann, der offenbar Jake hieß, sah Mattie amüsiert an.

„Was?“

„Ein kleiner Streit um den Gebietsanspruch“, erklärte er der Blonden, ohne den Blick von Mattie abzuwenden.

Angestrengt bemühte sich Mattie, ihre Verlegenheit vor ihm zu verbergen. Sie wandte sich seiner unfreundlichen Begleiterin zu und hielt noch einmal den Schlüssel hoch. „Es geht um die Wohnung. Offenbar liegt hier ein Missverständnis vor. Eigentlich sollte ich hier nämlich einziehen.“

„Wann?“ Die Frau wirkte genauso wenig hilfsbereit wie ihr Freund.

„Heute. Jetzt.“ Mattie zeigte auf den Schlüsselanhänger mit der Nummer drei. „Ich habe einen Schlüssel.“ Finster sah sie zu Jake. „Haben Sie auch einen? Oder sind Sie eingebrochen?“

Anstatt zu antworten, verschränkte er die Arme vor der Brust und starrte sie mit düsterer Miene an.

„Sehen Sie“, versuchte Mattie es weiter. „Ich sagte Ihnen bereits, dass ich eine Vereinbarung mit Will Carruthers habe.“

„Will Carruthers hat Sie geschickt?“, bemerkte er erstaunt. „Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“

Mattie war nicht weniger erstaunt. „Sie kennen Will?“

„Natürlich kenne ich ihn. Wir arbeiten zusammen in der Mongolei. Er ist mein bester Kumpel.“

„Ach so.“ Sie musste schlucken und fuhr unglücklich fort: „Dann weiß er sicher, dass Sie hier sind.“

„Selbstverständlich weiß er das. Ich habe Urlaub. Letzte Woche war ich in Japan, und nun bin ich für eine Woche in Sydney. Will hat darauf bestanden, dass ich sein Apartment benutze.“

Ihr blieb nur die stille Hoffnung, dass seine Woche hier bald vorbei war. „Wann sind Sie angekommen?“

„Vorgestern.“

Ernüchtert seufzte sie auf und schaute Brutus an. Der Hund winselte mitfühlend und versuchte, ihr Kinn zu lecken. „Anscheinend sind die Termine durcheinandergeraten.“

So wie es schien, hatte dieser Jake ebenso Anspruch auf die Wohnung wie sie. Außerdem war er zuerst dagewesen. In diesem Fall musste sie sich wohl oder übel für die Woche eine andere Bleibe suchen.

Aber wo sollte sie mit der Suche beginnen? Es durfte nicht zu teuer sein. Leider kannte sie sich in Sydney kaum aus.

„Pech für Sie“, flötete Jakes Freundin. Mit einem selbstgefälligen Grinsen legte sie den Kopf besitzergreifend an seine Schulter.

„Sie haben noch gar nicht erzählt, woher Sie Will kennen“, stellte Jake fest.

„Ich kenne ihn schon mein Leben lang“, erwiderte Mattie. Was tatsächlich der Wahrheit entsprach – wenn sie Will Carruthers in den letzten Jahren auch nur selten gesehen hatte. Sie waren beide in Willowbank im Hinterland von New South Wales aufgewachsen und hatten deshalb dieselben Freunde.

„Wills Schwester Gina ist meine beste Freundin“, erklärte sie weiter. „Die beiden haben miteinander abgesprochen, dass ich die Wohnung ein Jahr lang benutzen kann.“

Für einen Augenblick ließ er sich anscheinend die Situation durch den Kopf gehen, dann zuckte er die Achseln. „Wenn das so ist … Es gibt keinen Grund, weshalb Sie nicht hier einziehen sollten. Das Apartment hat immerhin zwei Schlafzimmer.“

Seine Begleiterin schnaubte verärgert.

Mattie überlegte. Sie hatte absolut keine Lust, sich nach einer anderen Unterkunft umzusehen. Abgesehen davon würde dieses Pärchen ja nur noch ein paar Tage hier wohnen. „Macht es Ihnen auch wirklich nichts aus? Ich will niemanden stören.“

„Ich habe es Ihnen doch angeboten“, gab Jake ungeduldig zurück. „Und ich bin ohnehin die meiste Zeit unterwegs.“ Er sah seine Freundin an. „Wir können auch gleich in die Stadt gehen, Ange. Dann lassen wir …“ Er hielt inne und schenkte Mattie die Andeutung eines Lächelns. „Wie heißen Sie?“

„Matilda Carey.“ Höflich streckte sie ihm die Hand entgegen. „Die meisten nennen mich Mattie.“

„Jake Devlin.“ Er schüttelte ihre Hand. „Und wer ist das?“, erkundigte er sich nach dem Hund.

„Brutus.“

Er lachte. „Oh, der Kleine sieht aber auch echt gefährlich aus.“ Offenbar fiel ihm nun seine Begleiterin ein. „Das ist Ange.“

„Hallo, Ange“, begrüßte Mattie sie lächelnd.

„Hallo“, gab Ange säuerlich zurück.

„Brauchen Sie Hilfe beim Ausladen?“

Überrascht schaute Mattie ihn an. Mit so viel Höflichkeit hatte sie nicht gerechnet. Anges vernichtender Blick brachte sie allerdings auf den Boden der Tatsachen zurück. „Um Gottes willen, nein. Das schaffe ich allein. Ich habe nur einen Kanarienvogel und ein paar Koffer.“

„Einen Kanarienvogel?“ Belustigt und zugleich erstaunt hob er den Arm und kratzte sich am Kopf. Mit dieser Geste setzte er ein beeindruckendes Muskelspiel in Gang.

Eigentlich wollte Mattie ihm erzählen, dass sie den Vogel von ihrer Großmutter geerbt hatte. Sein Anblick lenkte sie jedoch so sehr ab, dass sie keinen Ton herausbekam.

„Jake“, schaltete sich Ange mit warnendem Unterton ein. „Wir wollten doch los. Ich hole meine Sachen.“

„Sicher.“ Er begann, sein Hemd zuzuknöpfen.

Mattie blickte den beiden nach, als sie kurze Zeit später zu einem Taxi eilten. Dann betrat sie die Wohnung. So hatte sie sich den Start in ihrem neuen Zuhause nicht vorgestellt. Die unerträgliche Musik hämmerte noch immer aus den Boxen – wenn sie nun auch etwas leiser war. Hastig stellte sie die Anlage aus.

Sie durchquerte das Wohnzimmer. Auf dem Couchtisch standen eine angebrochene Weinflasche, eine Schale mit Nüssen und zwei Gläser. In der Küche stapelte sich schmutziges Geschirr, und die Spülmaschine stand offen. Anscheinend hatte jemand das Geschirr hineinstellen wollen und war dabei unterbrochen worden.

Mattie ging weiter und fand das Badezimmer am Anfang des Flurs. Die nassen Handtücher und daneben das schwarze Spitzenhöschen auf dem Fußboden überraschten sie nicht. Sie teilte sich nicht zum ersten Mal eine Wohnung mit anderen. Und genau diese Art von Unordnung kannte sie noch von ihrer letzten Mitbewohnerin. Umso merkwürdiger war es, dass der Anblick dieses Höschens ihre Laune trübte.

Der nächste Raum war ein Schlafzimmer mit einem Kingsize-Bett, natürlich ungemacht. Die zerwühlten Betttücher sprachen eine deutliche Sprache – ebenso wie die leere Champagnerflasche auf dem Nachttisch.

Ein flaues Gefühl im Bauch trieb sie an, ihre Erkundungstour eiligst fortzusetzen. Im hinteren Bereich der Wohnung entdeckte sie schließlich ein ungenutztes Schlafzimmer. Hier würde sie also übernachten.

Es war wesentlich kleiner als das andere. Außerdem gab es keinen Blick auf die Bucht, aber dafür war es sauber und ordentlich. Mattie überlegte einen Moment. Vermutlich hätte sie sich ohnehin für dieses Zimmer entschieden und das größere mit der schönen Aussicht als Gästezimmer genutzt.

Allerdings würde sie nicht allzu oft Gäste haben. Gina und Tom wollten sie ab und zu besuchen. Ebenso ihre Eltern. Matties Vorhaben, sich als Leihmutter zur Verfügung zu stellen, hatte ihre Eltern zuerst natürlich schockiert. Und außer ihren Eltern wusste auch niemand darüber Bescheid. So war es mit Gina abgesprochen. Mattie hatte ihren Freunden nur wenig über den Umzug nach Sydney erzählt.

In die Stadt zu ziehen war eine wohlüberlegte Entscheidung, die sie mit Gina bis ins Detail durchgesprochen hatte. Den beiden Freundinnen war klar gewesen, dass sie die Leihmutterschaft nicht geheim halten konnten, wenn Mattie in Willowbank blieb. Außerdem wäre es für Gina zu bedrückend, die Schwangerschaft so hautnah mitzuerleben. Also hatten sie sich für Sydney entschieden.

Diese Lösung hatte nur einen Nachteil: Es würde ein einsames Jahr werden. Das war auch der einzige Kritikpunkt der Psychologin gewesen, die Matties Beweggründe für die Leihmutterschaft beleuchtet hatte. Mattie hatte sie davon überzeugen können, dass sie mit sich selbst vollkommen zufrieden und nicht auf Gesellschaft angewiesen war. Als Kinderbuchautorin und Illustratorin war sie es gewohnt, sich über Stunden oder Tage auf nichts anderes als ihre Arbeit zu konzentrieren.

„Haben Sie einen Partner? Einen Freund?“, hatte die Psychologin gefragt.

Mattie hatte erwidert, dass es im Moment keinen Mann in ihrem Leben gab. Dass es seit fast drei Jahren keinen mehr gab, hatte sie für sich behalten.

„Wenn Ihnen in den nächsten Monaten jemand begegnet – was dann?“, wandte die Psychologin ein. „Eine Schwangerschaft schränkt Sie in Ihrem sozialen Leben erheblich ein.“

Daraufhin hätte Mattie antworten können, dass bei ihr schon seit einiger Zeit kaum noch ein soziales Leben stattfand. Allerdings hielt sie es für klüger, dieses Detail zu verschweigen. „Es ist doch bloß für ein Jahr“, sagte sie achselzuckend.

Die Psychologin hatte entgegnet: „Aber Sie werden Hilfe brauchen.“

„Die Eltern des Babys kommen mich regelmäßig in Sydney besuchen. Außerdem gibt es ja noch Telefon und E-Mail. Man kann doch jederzeit mit seinen Freunden und mit der Familie sprechen oder sich schreiben.“

Sie hatte der Psychologin nicht erzählt, dass Matilda Carey nicht der Typ war, der andere um Hilfe bat. Sie war jemand, der andere unterstützte, wann immer es ihr möglich war. Diese Eigenschaft hatte sie bereits in ihrer Kindheit gezeigt. Anderen zu helfen war für sie so selbstverständlich wie Luft zu holen. So etwas änderte sich nicht innerhalb eines Jahres.

Es war nach Mitternacht, als Mattie die Wohnungstür hörte. Darauf folgte das Hallen von schweren Schritten auf den Terrakottafliesen. Auf vergnügte Stimmen oder Gelächter lauschte sie jedoch vergeblich. Sie vernahm nur einen dumpfen Laut und ein unterdrücktes Fluchen – als wäre jemand über irgendetwas gestolpert. Dann ertönten wieder Schritte und das Rauschen von Wasser im Badezimmer.

Schließlich schienen die Schritte in Jakes Schlafzimmer zu verschwinden. Mattie zog sich das Kissen über den Kopf. Wenn dort drüben heute Nacht wieder das Bett zerwühlt wurde, wollte sie sich zumindest die entsprechenden Geräusche dazu ersparen.

Am nächsten Morgen spülte Mattie ihr Frühstücksgeschirr, als Jake in die Küche kam. Er war verschlafen und unrasiert. Ein empfindsamer Brummbär, wie ihre Mutter sagen würde.

„Morgen“, meinte Mattie locker und lächelte ihm über die Schulter zu.

Er murmelte etwas Unverständliches.

„Es ist noch heißer Tee da, wenn Sie möchten.“

Jake schüttelte den Kopf. Stirnrunzelnd schaute er sich in der aufgeräumten, blitzblanken Küche um. „Was ist mit der Kaffeekanne passiert?“

„Oh, die steht jetzt hier oben.“ Mattie hatte sie abgewaschen und anschließend in den Hängeschrank gestellt.

Er betrachtete die Kanne, als hätte er sie nie zuvor gesehen. „Haben Sie die abgewaschen?“

„Ja, wieso?“

Mürrisch blickte er sich im Raum um. „Und Sie haben die Küche in Ordnung gebracht.“

„Kein Problem. Es hat auch nicht lange gedauert.“

Schweigend schüttelte er erneut den Kopf und verzog das Gesicht. Im Stillen vermutete sie, dass er Kopfschmerzen hatte. Sie überlegte, ob sie ihm Rührei mit Speck anbieten sollte. Nach einer durchzechten Nacht half oft ein deftiges Frühstück gegen den Kater.

Aber an diesem Morgen spürte sie, dass Jake Devlin ihr bei einem solchen Angebot den Kopf abreißen würde. Außerdem hatte er ja Ange, die ihn pflegen konnte. Mattie vermutete, dass die Blondine noch tief und fest in seinem Bett schlief.

„Sie haben hier gleich Ihre Ruhe“, sagte sie. „Ich muss nämlich in die Stadt. Ich habe heute Morgen einen Termin.“

Jake warf ihr einen knappen Blick zu. „Ich auch.“

„Schön.“ Sie holte tief Luft und war erstaunt darüber, dass er ihr wenigstens diese Kleinigkeit über sich verraten hatte. „Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg.“

Für eine Sekunde wirkte es beinahe, als wollte er lächeln und etwas Freundliches erwidern. Stattdessen zuckte er jedoch die Achseln und beschäftigte sich mit der Kaffeekanne.

Eilig verließ Mattie die Küche. Was kümmerte es sie, ob er freundlich war oder nicht? In ein paar Tagen wäre er wieder in der Mongolei. Abgesehen davon interessierte es sie nicht im Geringsten, ob er überhaupt jemals lächelte. Seine schlechte Laune war sein Problem, nicht ihrs.

Als sie an seinem Schlafzimmer vorbeikam, sah sie automatisch zur halb geöffneten Tür herein. Natürlich wollte sie niemandem hinterherspionieren. Wenn Ange noch schlief … Moment mal!

Sie schaute genauer hin und vergewisserte sich, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Tatsächlich, das Bett war leer. Offensichtlich hatte Ange heute Nacht nicht hier geschlafen. Möglicherweise war genau das der Grund für Jakes üble Stimmung.

2. KAPITEL

Die Pflegerin im Altersheim begrüßte Jake mit einem freundlichen Lächeln. „Kommen Sie, Mr. Devlin. Roy ist aufgestanden und fertig angezogen. Er freut sich sehr über Ihren Besuch.“

„Das ist schön zu hören“, erwiderte Jake höflich. Trotzdem hatte er ein unbehagliches Gefühl, als er ihr durch den engen Flur folgte. Dieses Heim wirkte noch genauso bedrückend wie bei seinem letzten Besuch. Es roch wie in einem Krankenhaus. An den Wänden hingen Pastellgemälde von Schmetterlingen, Blumen und Obstschalen. Diese Bilder gefielen Roy bestimmt nicht. Weit und breit nicht ein einziges Pferd oder ein Eukalyptusbaum.

Im Vorbeigehen erblickte Jake in einigen Zimmern die Bewohner: weißhaarige alte Leute, die in ihren Betten schliefen oder ein Nickerchen im Sessel machten. Sein Unbehagen verwandelte sich in echte Bestürzung. Roy Owens hatte sein ganzes Leben im Outback auf Rinderfarmen verbracht. Jake fand es unerträglich, dass ein so starker Mann wie Roy seine letzten Jahre an einem solchen Ort verbringen musste.

Jake war schon bekümmert, bevor er Roys Zimmer betrat. Als er seinen alten Freund dann sah, verlor er beinahe die Fassung.

Sechs Monate waren seit seinem letzten Besuch vergangen. In dieser Zeit hatte Roy sich so verändert, dass er kaum wiederzuerkennen war. Verschwunden war der zähe, drahtige Held, den Jake sich als Kind zum Vorbild genommen hatte. An seine Stelle war ein blasser, zerbrechlicher Greis getreten. Jake hatte einen Kloß im Hals und musste schwer schlucken.

Seit er denken konnte, hatte Roy als Vormann auf der abgelegenen Rinderfarm seiner Eltern im nördlichen Outback von Queensland gearbeitet. Roy war ein großer, stattlicher Kerl gewesen, stark wie ein Bulle. Von ihm hatte Jake das Reiten gelernt. Roy hatte ihm alles Mögliche beigebracht: wie man nach Barschen angelte, Kälber einfing, Gold schürfte und wilden Bienen zu ihrem Stock folgte.

Wie oft hatte Jake mit Roy abends am Lagerfeuer gesessen und seinen faszinierenden Geschichten gelauscht! Niemand wusste besser über den Nachthimmel Bescheid als Roy. Niemand kannte die überlieferten Erzählungen über das Buschland und die Abenteuer der ersten Siedler im Outback besser als er. Im Alter von zehn Jahren war Jake überzeugt gewesen, dass er von Roy Owens alles lernen konnte, was ein Mann auf dieser Welt wissen musste.

Roy konnte einen wilden Bullen einfangen oder einen Suchtrupp anleiten, um einen vermissten Touristen aufzuspüren. Und natürlich konnte er köstliches Stockbrot im offenen Feuer backen. Was Jake stets am meisten an ihm bewundert hatte, war seine Geduld gewesen. Ganz gleich, wie hart er gearbeitet und was er alles zu tun gehabt hatte: Roy hatte immer Zeit für den kleinen einsamen Jungen gefunden, dessen Eltern zu sehr mit der Rinderzucht, dem Trainieren ihrer Rennpferde und mit ihrem eigenen Leben beschäftigt gewesen waren.

Als Roy in das Altersheim nach Sydney gezogen war, hatte Jake seine Eltern nach dem Grund dafür gefragt. Sie hatten ihm erklärt, dass es ihnen sehr leidtat, aber es keine andere Möglichkeit gab: Roy war auf medizinische Betreuung und regelmäßige Pflege angewiesen.

„Habt ihr ihn denn mal besucht?“, hatte Jake gefragt. „Habt ihr gesehen, wie er dort lebt?“

„Darling, du weißt doch, wie furchtbar beschäftigt dein Vater und ich sind“, hatte seine Mutter geantwortet. „Wir besuchen ihn, sobald wir die Zeit dazu finden.“

Bisher hatten sie diese Zeit nicht erübrigen können.

Doch Jake hatte Roy immer gerngehabt. Deshalb schmerzte es ihn umso mehr, Roy so zu sehen. Der starke Cowboy, das Idol seiner Kindheit, war alt und gebrechlich geworden. Ohne die Unterstützung einer Familie. Fügsam wie ein kleines Kind, eingesperrt in ein briefmarkengroßes Zimmer. Es rührte ihn fast zu Tränen, als Roy bei seinem Anblick über das ganze Gesicht strahlte.

„Jake! Wie geht es dir, Junge? Es tut gut, dich zu sehen.“ Mit seiner knochigen Hand klopfte er auf einen Stuhl. „Setz dich, Sohn. Sie bringen uns gleich den Vormittagstee. Komm und erzähl mir von der Mongolei.“

Roys Körper war vielleicht schwach, doch sein Geist war hellwach. Er interessierte sich wirklich für das Land – anders als die meisten Menschen, die Jake über die Mongolei befragten. Er wusste, dass Pferde dort für die Menschen ebenso wichtig waren wie in Australien. Im Outback lernten Kinder das Reiten meist schon, bevor sie laufen konnten. Bei den Kindern in der mongolischen Steppe war es genauso.

Jake begann zu erzählen. Dabei wurde ihm schmerzlich bewusst, dass Roy und er inzwischen die Rollen getauscht hatten: Heute war er derjenige mit den spannenden Geschichten, und Roy war der dankbare Zuhörer.

Zwei Stunden später verabschiedete sich Jake von Roy mit einem sehr schlechten Gewissen. Er hatte das Gefühl, den alten Mann im Stich zu lassen.

Mattie war bester Stimmung, als sie vom Arzt nach Hause kam. Die Vorbereitungen für die Leihmutterschaft liefen reibungslos. Die eingefrorenen Embryonen waren bereits in der Klinik eingetroffen. Wenn ihr Zyklus sich nicht verschob, könnte sie in zwei Wochen beginnen, die vorbereitenden Hormone einzunehmen. Und mit etwas Glück wäre sie in einem Monat schon schwanger.

Sie konnte es kaum abwarten.

Gina und Tom waren ein bewundernswertes Paar. Wenn jemand es verdient hatte, Kinder zu bekommen, dann sie.

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