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Liebessommer für eine Prinzessin

1. KAPITEL

Hollyn Elise Phillipa Saldani machte immer genau das, was man von ihr erwartete. Als die Nächste in der Thronfolge des kleinen Fürstentums Morenci am Mittelmeer wusste sie schon seit frühester Jugend, worin ihre Pflichten bestanden und hatte sie immer genauestens erfüllt. Aber als sie ihren Chauffeur bat, sie zum Flughafen zu bringen, sah er sie so an, als hätte sie eine fremde Sprache gesprochen.

„Zum Flughafen, Eure Hoheit?“, fragte Henry verblüfft.

Hollyn lehnte sich in den Ledersitz der Limousine zurück und spielte mit ihrem Rock. Obwohl ihr das Herz bis zum Halse schlug, sagte sie so ruhig wie immer: „Ja, zum Flughafen.“

Das genügte Henry aber noch nicht. Zögernd fragte er: „Wollen Sie jemanden zur Gartenparty abholen? Davon hat mir die Fürstin aber nichts gesagt.“

Das war natürlich auch kein Wunder. Olivia Saldani, ihre Mutter, hatte es deshalb nicht erwähnt, weil Hollyn sie nicht darüber informiert hatte, dass sie noch in allerletzter Minute ihre Pläne geändert hatte.

„Nein, wir holen niemanden ab.“ Nervös fuhr Hollyn sich mit der Zungenspitze über die Lippen. Die Würfel waren gefallen. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie musste Henry reinen Wein einschenken. „Sie bringen nur jemanden zum Flughafen. Und zwar mich.“

Henry räusperte sich. „Bitte entschuldigen Sie – habe ich Sie richtig verstanden?“

„Allerdings.“ Trotz ihrer Nervosität musste sie lächeln. „Ihr Gehör ist immer noch so gut wie damals, als ich sechzehn war und mit meiner Cousine Amelia den Bentley entführt habe.“

„Ja, aber nur, weil Sie dabei so laut gekichert haben, Eure Hoheit.“

Sie seufzte. „Bitte sagen Sie doch einfach nur Hollyn zu mir.“

Aber sie wurde schon seit Jahren nicht mehr nur ‚Hollyn‘ genannt. Weder von Henry noch von den anderen Bediensteten im Palast. Oder von den Bewohnern des Fürstentums, in dem sie eines Tages herrschen würde. Für sie war sie Prinzessin Hollyn, Tochter von Fürst Franco und Fürstin Olivia, die Nächste in der Thronfolge von Morenci. Außerdem ging das Gerücht um, dass sie sich demnächst mit einem der erfolgreichsten jungen Geschäftsmänner des Landes verloben würde.

All dies gehörte zu ihren Pflichten, das verstand sie sehr wohl. Aber ob es ihr gefiel, stand auf einem anderen Blatt. Manchmal wünschte sie sich einfach nur, eine ganz normale junge Frau zu sein, die ein einfaches, durchschnittliches Leben führte.

Holly.

Das war der Kosename aus ihrer Vergangenheit, der über den Atlantik zu ihr hinüberwehte. Plötzlich musste sie an den jungen Mann denken, der sie immer so genannt hatte. Sie sah im Geist seine braunen Augen vor sich, sah sein Lächeln …

Obwohl er damals erst fünfzehn gewesen war, mangelte es Nathaniel Matthews nicht an Selbstbewusstsein. Er war fest entschlossen gewesen, seine Heimat zu verlassen, obwohl seine Familie dort bereits seit zwei Generationen wohnte. Für Hollyn war die Insel, die zwischen Kanada und Amerika im Lake Huron lag, ein wahres Paradies.

Fünf Jahre hintereinander hatte sie immer den Sommer auf Heart Island verbracht. Man hatte die Insel so genannt, weil sie herzförmig war. Hollyn hatte jede Minute genossen, denn niemand hatte ihr vorgeschrieben, was sie tun sollte, und sie konnte völlig anonym sein. Niemand folgte ihr auf Schritt und Tritt, niemand erwartete ihre Anwesenheit bei einem der unzähligen offiziellen Abendessen. Und sie musste sich auch nicht auf den langweiligen Gartenpartys zeigen, wo sie unaufhörlich angestarrt wurde.

„Zum Flughafen“, sagte sie daher erneut. „Ein Flieger wartet auf mich.“

Es war nicht der Jet des Fürsten, sondern ein Privatflugzeug, das sie extra für diese Reise gechartert hatte. Hollyn blieb nicht verborgen, dass Henry alles anderes als begeistert war. Aber das war er noch nie gewesen – in seinen Augen war sie viel zu eigenwillig. Trotzdem hatten sie viel Spaß miteinander gehabt hatten, als er ihr das Autofahren beigebracht hatte. Heute allerdings schien er nicht zum Scherzen aufgelegt zu sein.

„Ich werde verreisen, Henry.“

„Ihre Mutter hat mir nichts davon erzählt.“

Nervös strich Hollyn sich über den Rock, der ihr plötzlich viel zu elegant vorkam. „Sie weiß ja auch nichts davon.“

Er runzelte erneut die Stirn. „Aber Eure Hoheit …“

Hollyn schloss eine Sekunde lang die Augen. Sie wusste genau, wie sehr die jungen Mädchen ihres Landes sie um ihr luxuriöses Leben beneideten. Aber für sie wuchs sich ihre Position immer mehr zum Albtraum aus.

„Ich bin Hollyn. Bitte, Henry, nennen Sie mich einfach nur Hollyn.“

In diesem Moment mussten sie vor einer Ampel halten. Henry wandte sich zu ihr um und lächelte sie schüchtern an. „Hollyn.“

Obwohl sie sich redliche Mühe gab, standfest zu bleiben, füllten sich ihre Augen mit Tränen.

„Ich brauche mal Urlaub, Henry. Nur für ein paar Tage, höchstens eine Woche. Ich brauche ein bisschen Zeit ganz für mich allein. Seit ich auf der Welt bin, ist mein Leben total vorherbestimmt. Und jetzt, mit all diesem Druck wegen der Verlobung, der auf mir lastet … ich bitte Sie.“ Ihre Stimme brach.

Wahrscheinlich waren es diese emotionalen Worte, die Henry nicken ließen. Denn schließlich war sie bekannt für ihren Gleichmut.

„Gut, zum Flughafen.“

„Vielen Dank.“

„Gern.“ Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Und was soll ich der Fürstin sagen?“

Hollyn holte tief Atem. Es kostete sie viel Mut, sich gegen ihre Mutter zu stellen. Sie war dafür bekannt, dass sie so etwas nicht auf die leichte Schulter nahm.

„Sagen Sie ihr, dass ich Ihnen befohlen habe, mich zum Flughafen zu bringen. Ich habe auch einen Brief vorbereitet, in dem ich ihr die Gründe für meine Abreise erläutere. Selbstverständlich habe ich sie gebeten, Sie von jeder Verantwortung freizusprechen.“

Er schüttelte den Kopf und lächelte. „Ich hätte Sie auf jeden Fall zum Flughafen gefahren, das wissen Sie doch.“

Ja, das wusste Hollyn.

Ihre Blicke trafen sich im Rückspiegel. „Danke, Henry. Mir ist klar, dass ich Ihnen damit einiges zumute.“

Er zuckte die Schultern. „Lassen Sie das ruhig meine Sorge sein, Hollyn.“

Erneut hatte sie Tränen in den Augen, als sie ihren Vornamen aus seinem Mund vernahm. Aber jetzt war nicht der Moment für irgendwelche Sentimentalitäten. Sie waren nämlich bereits am Flughafen. Henry fuhr die Limousine zu dem kleinen Terminal, der für VIPs und Mitglieder des Fürstenhauses reserviert war und wo sie vor neugierigen Blicken geschützt waren. Es war zwar schon vorgekommen, dass sich irgendwelche Paparazzi hier versteckt hatten. Aber diesmal schien die Luft rein zu sein. Henry holte Hollyns Gepäck aus dem Kofferraum, das aus einem Rollkoffer und drei Designertaschen bestand. Für eine Prinzessin war das eigentlich viel zu wenig. Aber sie wusste ja, dass sie am Ziel ihrer Reise nicht viel brauchen würde. Keine Abendkleider, keinen Schmuck und keine hochhackigen Schuhe. Eigentlich brauchte man dort überhaupt keine Schuhe.

„Ich hoffe, Sie finden, wonach Sie suchen“, sagte Henry, als sie sich im Inneren des Gebäudes befanden, und umarmte sie väterlich. Unwillkürlich musste Hollyn an ihren richtigen Vater denken, der in der Öffentlichkeit niemals irgendwelche Gefühle zur Schau gestellt hätte.

„Im Moment brauche ich nur meine Ruhe“, erwiderte sie seufzend.

„Das wünsche ich Ihnen“, entgegnete er und ließ sie los. „Werden Sie uns schreiben?“

Sie lächelte. „So lange werde ich nun doch nicht weg sein, Henry. Wie ich bereits sagte, höchstens eine Woche.“

Aber er ging nicht auf ihren scherzhaften Ton ein. „Melden Sie sich zwischendurch, ja?“

„Natürlich.“

Als Hollyn sich eine Stunde später in den weichen Ledersessel der Privatmaschine sinken ließ, dachte sie noch einmal über ihren Wunsch nach.

Sie wollte endlich zur Ruhe finden.

Eigentlich ein einfacher Wunsch, nur nicht für eine Prinzessin. Aber es sah fast so aus, als wäre ihr die Flucht gelungen. Die meisten Paparazzi trieben sich heute auf der großen Gartenparty herum, und niemand außer Henry wusste von ihren Reiseplänen. Wenn sie erst auf der Insel gelandet war, würde sich der Rest schon ergeben.

Nate saß auf der Terrasse seines Hauses und verzehrte gerade einen Hamburger, den er auf der Heimfahrt aus dem Pub mitgebracht hatte. Er trank einen Schluck Bier, als er plötzlich das kleine Flugzeug über den Lake Huron kurven sah.

Gar nicht so einfach für ein Wasserflugzeug, hier zu landen, besonders bei dem Wind, dachte er.

Obwohl die Pettibone Bay relativ geschützt lag, ließ der bevorstehende Sturm schon jetzt die Wellen gegen die Felsen krachen. Wenn man dem Wetterbericht vertrauen konnte, sollte es bis Mitternacht noch schlimmer werden. Aber im Sommer war so ein Wetter eigentlich nichts Besonderes, und die Bewohner von Heart Island waren bestens darauf vorbereitet. Die meisten von ihnen waren bereits in ihren Häusern, sie hatten die Boote sicher vertäut.

Was zum Teufel fällt Hank Whitey nur ein, sich ausgerechnet ein solches Wetter für seinen Flug auszusuchen? dachte Nate.

Nun gut, er galt allgemein als ein Mann, der gern etwas riskierte. Besonders beim Poker, wie seine Freunde letzte Woche zu ihrem Leidwesen hatten erfahren müssen. Aber was sein Flugzeug anging, so war das natürlich etwas ganz anderes, denn schließlich verdiente er damit seinen Lebensunterhalt.

Nate ließ die Sache nicht los. Nachdem er sein Bier ausgetrunken hatte, machte er sich auf den Weg zum See. Zum einen war er neugierig, weil er Hanks Erklärung für das waghalsige Manöver hören wollte. Andererseits würde der Pilot möglicherweise auch Hilfe brauchen.

Als Nate am Ziel eintraf, war Hank bereits am Hafenbecken des Haven Marina vorbeigeflogen, das zu der Ferienanlage gehörte, die Nate gehörte. An einem ruhigen Tag wäre Hank mit ziemlicher Sicherheit dort gelandet. Aber heute, bei diesem stürmischen Wind, war daran nicht zu denken. Der Sturm wirbelte das kleine Flugzeug wie einen Spielball durch die Luft.

Zum Glück war Hank ein ausgezeichneter Pilot. Nate erkannte sofort, welche Strategie er verfolgte. Direkt hinter dem Hafenbecken gab es ein kleines Stück Land, von Felsen umsäumt, an dessen Ende ein Leuchtturm stand. Bei einem so heftigen Wind, der die Wellen gegen die Felsen schleuderte, war die Landung natürlich äußerst riskant. Doch Hank meisterte alle Schwierigkeiten.

Nate wartete, bis er den Motor abgeschaltet hatte. Dann zog er seine Schuhe aus und watete hinaus in das knietiefe Wasser. Nur mit Mühe konnte er das Gleichgewicht bewahren, bald waren seine Shorts total durchnässt. Doch dann wurde die Tür aufgerissen, und der Pilot stieß einen Jubelschrei aus, was angesichts der Umstände wirklich nicht übertrieben war.

„Du hast verdammtes Glück gehabt“, rief Nate ihm durch den Sturm zu.

„Hey, Nate, alter Junge! Wie schön, dich zu sehen!“

„Ich freue mich auch – besonders darüber, dass du noch am Leben bist. Was zum Teufel hast du dir nur dabei gedacht?“

In diesem Moment wurde die Seitentür geöffnet. Eine Frau, die hübsch und erstaunlich gelassen war, lächelte Nate an. „Ich fürchte, das Ganze ist meine Schuld. Ich war so versessen darauf, endlich herzukommen, dass ich Mr Whitey das Dreifache seines normalen Honorars angeboten habe.“

Bei ihrem englischen Akzent horchte Nate auf. Diese Stimme kannte er doch. Er kannte auch … dieses Gesicht. Obwohl schon so viele Jahre vergangen waren, wusste er sofort, wer sie war. Hollyn hatte ein herzförmiges Gesicht, eine kleine, leicht gebogene Nase, wunderschön geschwungene Lippen und Augen, die so blau waren wie der Lake Huron an einem Sommertag.

Sofort fühlte er sich in die Vergangenheit zurückversetzt und merkte, wie sich sein Magen zusammenzog. Er war wieder ein Teenager, sorglos, glücklich, zum ersten Mal verliebt … bis zu dem Moment, wo ihm das Herz brutal aus der Brust gerissen wurde.

„Holly?“

„Ja, ich weiß – es ist schon lange her.“

Sie traute sich, ihn anzulächeln, was Nate grimmig zur Kenntnis nahm. Nach all diesen Jahren fühlte er sich von ihr noch immer betrogen, obwohl er inzwischen natürlich verstand, warum sie ihn an der Nase herumgeführt hatte. Sie hatte einfach zu viel Angst davor gehabt, ihm die Wahrheit zu sagen.

Aber das hielt ihn nicht davon ab, jetzt eine Erklärung von ihr zu verlangen. „Warum bist du gekommen?“

Ihr Lächeln verschwand, sie ließ die Schultern hängen. „Ich musste einmal raus aus allem. Ich brauchte eine … eine Auszeit.“

Nate konnte sofort zwischen den Zeilen lesen. Sie wünschte sich Normalität. Anonymität.

Diese Erfahrung hatte ihr auch ihre amerikanische Großmutter vermitteln wollen, die darauf bestanden hatte, dass Holly als Mädchen die Ferien auf der Insel verbrachte. Fünf Jahre lang, von zehn bis fünfzehn, war Holly mit ihr pünktlich in der zweiten Woche im Juni erschienen und bis Mitte August geblieben. Sie hatten stets dasselbe Haus gemietet, eines der größten und abgelegensten Ferienhäuser der Anlage.

Als Holly zehn und er selbst zwölf Jahre gewesen waren, hatten sie sich angefreundet. Und als sie fünfzehn und er siebzehn gewesen war, war es um mehr gegangen als darum, wer am schnellsten zum Schwimmdock kraulen konnte, das vor dem Haus seiner Eltern lag.

„Du bist also dafür verantwortlich, dass Hank seinen Kopf riskiert hat? Nun ja, ich nehme an, er hat deinem Befehl mit Freuden entgegengenommen.“

„Ich konnte unmöglich Nein sagen, Nate“, protestierte Hank. Er verstand offensichtlich nicht, warum sein Freund so gereizt war.

Nate war seine Irritation ebenfalls schleierhaft. Dieser Zorn, all diese Emotionen gehörten der Vergangenheit an. Trotzdem konnte er sich nicht verkneifen, zu erwidern: „Niemand schlägt einer Prinzessin etwas ab, Hank.“

Der Pilot sah ihn verwirrt an, Holly wirkte verstört. „Ich bin eine ganz normale Frau, Nate.“

Der Wind blies immer stärker, und die Wellen klatschten gegen seine Hüften. Nate entschied sich, ihre Bemerkung fürs Erste zu ignorieren, obwohl er wusste, dass es nichts an ihr gab, was normal war. Verdammt, das hatte er schon gewusst, bevor er etwas über ihre wahre Identität und ihren adligen Status erfahren hatte.

Er watete durchs Wasser auf die Schwimmplanken des Flugzeugs zu. „Leg deine Arme um meinen Nacken.“

„Wie bitte?“

Irgendwie gefiel es ihm, dass sie ihn aus weit aufgerissenen Augen anschaute. Na, sind Sie nervös, Prinzessin? hätte er am liebsten gefragt. Er würde sich besser fühlen, wenn er wüsste, dass sie dieses unerwartete Treffen genauso aus der Fassung brachte wie ihn. Stattdessen zeigte er in Richtung Ufer. „Ich werde dich tragen – es sei denn, du willst unbedingt nasse Füße bekommen. Das würde deinen hübschen Schuhen bestimmt nicht guttun.“

Die hübschen Schuhe waren rote Ballerinas mit einer Schleife. Bestimmt hatten sie ein Vermögen gekostet. In Hollys Welt waren sie wahrscheinlich nichts Besonderes. Genau wie das Leinenkostüm, das sie trug. In Nates Augen war das Sonntagskleidung. Mit dieser Art von Freizeitkleidung würde sie zwischen den Einheimischen und den Touristen wie ein Fremdkörper wirken.

„Okay, wie du willst.“ Sie reckte das Kinn. Nate fühlte sich dadurch sofort an ihre Kindheit erinnert. So hatte sie immer ausgesehen, wenn sie sich herausgefordert fühlte.

„Komm schon, wir haben nicht alle Zeit der Welt“, sagte er ungeduldig, als sie immer noch zögerte. „Außerdem muss ich Hank dabei helfen, das Flugzeug zu vertauen.“

„Nein, ich fliege gleich wieder los“, erwiderte Hank, der im Cockpit am Steuer saß. „Ein paar Kumpel von mir haben mich auf dem Festland zum Karten spielen eingeladen. Geralds Cousin ist hier, er ist ein verdammt guter Pokerspieler.“

„Kommt gar nicht infrage.“ Nate schüttelte energisch den Kopf. „Das wäre der reine Selbstmord. Du kannst bei mir übernachten.“

Hank schien es sich zu überlegen. „Hast du Bier im Kühlschrank?“

„Na klar.“

Der Pilot zuckte die Schultern. „Gut, wenn du meinst.“

Nate wandte sich wieder Holly zu und streckte die Arme aus. Sie lächelte ihn schüchtern an und rutschte dann vom Sitz in seine Umarmung. Es fühlte sich gut an, zu gut vielleicht. Als Mädchen war sie sehr schlank gewesen, mit endlos langen Beinen. Aber jetzt war sie kein Mädchen mehr. Durch die Kleidung hindurch konnte er all ihre Rundungen spüren.

So schnell er konnte, watete Nate durch die Wellen auf das Ufer zu, damit er sie wieder loswerden konnte. Loswerden? Wohl kaum. Bis heute hatte er eigentlich gedacht, dass er die Erinnerung an sie verdrängt hätte. Aber so war es nicht. Holly war immer da gewesen, in seinen Gedanken und in seinem Herzen.

In diesem Moment stieß er mit dem Zeh gegen einen großen Stein. Er stolperte und hätte um ein Haar das Gleichgewicht verloren.

„Nate!“

Holly klammerte sich an ihm fest. Fast hätte er keine Luft mehr bekommen. Er schwankte hin und her, versuchte, sich aufzurichten, aber es war zu spät. Die Wellen waren zu mächtig, auf dem schlüpfrigen Untergrund fanden seine Füße keinen Halt mehr. Im nächsten Moment landeten sie im eiskalten Wasser. Es reichte ihnen zwar nur bis zur Hüfte, aber beide waren trotzdem völlig durchnässt. Nate tat es leid um Hollys schöne Kleider und die feinen Schuhe.

Eigentlich hatte er erwartet, dass sie ihn beschimpfen würde. Denn schließlich war sie eine Prinzessin und er nur der Besitzer einer kleinen Ferienanlage.

Stattdessen lachte sie laut und vergnügt.

„Sehr geschickt, Nate. Wirklich, sehr geschickt von dir.“ Grinsend streckte sie die Hand aus, um ihm hochzuhelfen. In diesem Moment sah sie genau wie das junge Mädchen aus, das ihm so gern Streiche gespielt hatte.

Nate kam sich wie ein Idiot vor. Er wusste, dass er vollkommen lächerlich aussah. Aber das hielt ihn nicht davon ab, ihre Hand zu ergreifen. Gegen seinen Willen musste er in ihr Lachen einstimmen, während er sich die nassen Haare aus der Stirn strich. Die Situation war wirklich lustig, auch wenn der Scherz in diesem Moment auf seine Kosten ging.

Direkt hinter ihnen gluckste Hank ebenfalls. Nate war klar, dass sein guter Ruf dahin war. Wenn er Pech hatte und der Sturm nicht die Strommasten hinwegfegte, würde sich die Kunde seines Reinfalls in Windeseile über die gesamte Insel verbreiten.

„Bitte entschuldige. Ich habe den Halt verloren.“ Endlich waren sie am Ufer angekommen. Er konnte sich nicht verkneifen, hinzuzufügen: „Ich hätte mich ja vielleicht noch fangen können. Aber du hast seit damals ein paar Pfunde zugelegt.“

Holly sah ihn entrüstet an. „So etwas sagt ein Gentleman nicht zu einer Lady.“

Obwohl es ein Scherz sein sollte, ernüchterten ihn ihre Worte schlagartig. Sie war mehr als eine Lady, sie war eine Prinzessin. Erneut öffnete sich der Graben zwischen ihren Welten.

Er zeigte mit dem Daumen auf Hank. „Ich helfe unserem Freund besser mal.“

Es dauerte genau fünfzehn Minuten, bis Nate und der Pilot das kleine Flugzeug an Land gezogen und festgetaut hatten. Um ganz sicherzugehen, dass der Sturm ihm nichts anhaben konnte, machten sie es am Baumstumpf einer großen Zeder fest. Nate konnte nur hoffen, dass die Besitzer der anderen Boote und Jachten sich ebenso gut auf das bevorstehende Unwetter vorbereitet hatten.

Währenddessen wartete Holly geduldig auf die beiden Männer am Strand. Sie fror erbärmlich, ihre Lippen zitterten, aber sie beschwerte sich nicht. Als ihr Gepäck ausgeladen wurde, fiel Nate zum ersten Mal auf, wie niedergeschlagen sie wirkte.

„Wie lange willst du eigentlich bleiben?“ Interessiert betrachtete er ihre Designertaschen.

Holly zuckte die Schultern. „Vielleicht eine Woche.“

„Ach ja?“ Und dafür brauchte sie so viel Gepäck?

„Ich wusste nicht genau, was ich mitnehmen sollte“, erwiderte sie.

Die Antwort darauf war ganz einfach. „Ein paar T-Shirts, ein paar Shorts, ein Paar gute Schuhe zum Wandern, vielleicht noch ein Sweatshirt und einen Bikini. Mehr brauchst du hier nicht.“

„Das alles habe ich dabei. Und noch ein bisschen mehr.“

„Verstehe.“

Seine gesamte Garderobe hätte in die drei Taschen gepasst, aber er beharrte nicht auf dem Thema. Schließlich wusste er, dass Kleider für Frauen viel wichtiger waren als für Männer.

Holly griff nach ihrem Rollkoffer und sah Nate stirnrunzelnd an. „Bitte entschuldige, dass ich dich so überfalle.“

Das war eine interessante Wortwahl.

„Wo willst du denn bleiben?“, erkundigte er sich.

„Ich hatte gehofft, ich könnte das Ferienhaus mieten, in dem Gran und ich immer gewohnt haben. Du weißt schon, das Cottage, das zur Ferienanlage deiner Eltern gehört.“

„Meine Eltern sind nicht mehr da.“

„Nicht mehr da?“ Sie sah ihn alarmiert an.

„Sie sind im Ruhestand“, erwiderte Nate. „Vor vier Jahren sind sie nach Florida gezogen.“

„Und die Ferienanlage?“

Unter normalen Umständen war Nate immer sehr stolz darauf, dass ihm die Anlage inzwischen gehörte und dass er schon viel dafür getan hatte, um sie zu modernisieren. Aber das hier war schließlich Prinzessin Hollyn Saldani. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie besonders beeindruckt sein würde.

„Gehört jetzt mir.“

„Oh.“ Danach kam eine kleine Pause. „Ich hatte gehofft, dass bei euch noch etwas frei ist.“

„Tut mir leid.“ Nate schüttelte den Kopf. „Wir sind zurzeit völlig ausgebucht. Bis zum vierten Juli, wenn ich richtig informiert bin.“

Normalerweise wurde es auf der Insel erst nach dem Unabhängigkeitstag wieder ruhiger. Aber in diesem Jahr war der Sommer sehr früh gekommen, was mehr Touristen gebracht hatte, die mit der Fähre aus Michigan eingetroffen waren.

„Dass ich reservieren müsste, ist mir gar nicht in den Sinn gekommen“, bemerkte Holly stirnrunzelnd. „Glaubst du, ich finde noch etwas anderes zum Mieten? Ein Haus am Wasser wäre natürlich schön, aber ich würde nicht darauf bestehen.“

„Keine Ahnung. Das dürfte nicht ganz einfach sein. Jetzt ist es sowieso zu spät, um noch herumzufragen. Du kennst doch die Insel – ab acht Uhr werden hier die Bürgersteige hochgeklappt.“

Holly lächelte wehmütig. Sie erinnerte sich an die schönen Zeiten mit ihrer Großmutter. „Ja, ich weiß.“

Nate fragte sich insgeheim, warum sie wirklich gekommen war. Also gut, sie hatte ihm erzählt, dass sie eine Auszeit brauchte, aber hätte sie dafür nicht auch in einen exklusiven Ferienort irgendwo in Europa fahren können? Was wollte sie auf einer kleinen Insel, die außer Sand und Meer nicht viel zu bieten hatte?

Hank hatte sie inzwischen erreicht, er schnappte sich eine der Taschen.

„Machen Sie sich keine Sorgen, Miss. Nates Haus ist groß genug. Bestimmt können Sie diese Nacht dort unterkommen.“ Er sah seinen Freund herausfordernd an.

Nate blieb nichts anderes übrig, als bestätigend zu nicken. Der ruhige Abend, auf den er sich vorher so gefreut hatte, würde jetzt zwei Übernachtungsgäste mit einbeziehen. Er wusste, dass Hank so laut schnarchte wie ein betrunkener Matrose. Aber Hank war nicht das Problem – wegen Holly würde er bestimmt die ganze Nacht kein Auge zumachen können.

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