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Liebesskandal um Lucy

1. KAPITEL

Hayden Black suchte unter den Dokumenten und Fotos, die verstreut vor ihm auf dem Schreibtisch lagen, bis er das Bild fand. Was er sah, waren wunderschöne haselnussbraune Augen, glänzendes blondes Haar, schulterlang getragen, und einladend rote Lippen. Lucy Royall. Sie war die Schlüsselfigur in seinen Ermittlungen für die parlamentarische Sonderkommission. Ermittlungen, die ihren Stiefvater Graham Boyle zu Fall bringen würden.

Nach den ersten Recherchen, die er von seinem New Yorker Büro aus geführt hatte, war ihm klar geworden, dass die zweiundzwanzigjährige Erbin, der man im Leben bisher alles auf einem Silbertablett serviert hatte, jene Schwachstelle in Graham Boyles kriminellem Netzwerk war, die er nutzen musste, um an weitere wichtige Informationen zu gelangen. Heute Morgen hatte er sich daher mit einem Kollegen getroffen, der bereits einiges über Ms Royall zusammengetragen hatte, sodass er vorbereitet sein würde, wenn sie sich trafen.

Nun nahm er ein anderes Foto, das Lucy in ihrer Funktion als Nachwuchsreporterin beim ANS, dem American News Service, zeigte, einem großen Nachrichtensender, der ihrem Stiefvater gehörte. Selbst professionell geschminkt wie eine Nachrichtensprecherin, wirkte sie immer noch viel zu jung für jemanden, der in die kriminellen Machenschaften um den Hackerskandal im Umkreis des amtierenden US-Präsidenten verwickelt war. Doch das Aussehen konnte täuschen, besonders, wenn es sich um verwöhnte Prinzessinnen handelte. Das wusste niemand besser als Hayden selbst.

Seit ihrem zwölften Lebensjahr war Lucy Royall die Stieftochter von Graham Boyle. Ihr leiblicher Vater hatte ihr ein riesiges Vermögen hinterlassen. Also war sie nicht nur mit dem sprichwörtlichen silbernen Löffel im Mund geboren – ihr Löffel war aus Platin, verziert mit Brillanten.

Hayden legte das Bild zur Seite und wandte sich einer anderen Aufnahme zu, die ebenfalls eine blonde Journalistin zeigte. Angelica Pierce, Journalistin bei ANS. Vor zehn Minuten noch war sie hier gewesen, um ihm Auskunft zu geben, und er konnte bezeugen, dass ihre Zähne wirklich so ebenmäßig und weiß waren wie auf dem Foto. Dazu das Plastiklächeln der Fernsehfrau und ihre knallblauen Augen. Irgendetwas kam Hayden an diesem Blau merkwürdig vor. Konnte es sein, dass sie farbige Kontaktlinsen trug? Doch als Journalistin, die ihr halbes Leben vor Fernsehkameras verbrachte, war Angelica Pierce vermutlich nur eine von vielen, die ihr Aussehen den Erwartungen des Publikums anpasste.

Seine Fragen hatte sie mit großem Eifer beantwortet, weil, wie sie sagte, alle Journalisten durch den Hackerskandal beschmutzt wurden. Was Lucy Royall betraf, so war sie extrem auskunftsfreudig gewesen. Laut Angelica hatte Boyle ihr sofort einen Job als Nachwuchsreporterin gegeben, nachdem sie mit dem Studium fertig war. Andere, qualifiziertere Kandidaten hätten das Nachsehen gehabt. Jetzt laufe die Stieftochter des Medienmoguls durch die Redaktion, als wäre es ein Filmset, weigere sich, Aufgaben zu übernehmen, die ihr nicht passten, und erwartete Vorzugsbehandlung.

Mit einem Blick auf Lucys Foto vergewisserte sich Hayden ihrer eleganten Seidenbluse und ihrer dezenten Brillantohrringe. Alles an ihr war geschmackvoll und verriet Reichtum und Klasse. Klar, diese Frau war sich ihrer gesellschaftlichen Position bewusst.

Während der Befragung hatte Angelica allerdings etwas Interessantes getan. Sie hatte behauptet, Lucy bedrohe sie, doch ihre Körpersprache verriet ihm, dass sie log. Seine langjährige Erfahrung bei der Beobachtung von Menschen brachte es mit sich, dass er sah, was anderen vielleicht entgangen wäre.

Es gab natürlich gute Gründe für diese Lüge. Eine Starreporterin sah dem Aufstieg einer jüngeren, hübschen Kollegin, die auch noch mit dem Eigentümer des TV-Senders verwandt war, sicher nicht besonders wohlwollend entgegen. Menschen logen wegen Dingen, die viel unwichtiger waren. Trotzdem hatte Hayden das untrügliche Gefühl, dass hinter der Story noch mehr steckte.

Einerseits misstraute er Journalisten sowieso, weil sie darin geschult waren, Fakten so hinzudrehen, dass sie eine gute Schlagzeile ergaben. Andererseits ging es bei diesem Auftrag um einen Fernsehsender, und er würde es ausschließlich mit Journalisten zu tun haben. Also musste er fürs Erste das, was sie sagten, für bare Münze nehmen.

Er suchte ein Foto von Graham Boyle heraus. Im Zuge seiner Recherchen im Auftrag der Sonderkommission, die den Abhörskandal und andere illegale Aktivitäten im Weißen Haus untersuchte, führten alle Spuren unweigerlich zu dem Medienzaren.

Und zu seiner Stieftochter.

Konnte ja sein, dass Angelica Pierce log, weil sie um ihre Position bei ANS fürchtete. Trotzdem ging Hayden Black davon aus, dass Ms Royall eine verwöhnte Prinzessin war, die ihren Job als Journalistin nur als Zeitvertreib ansah. Umso besser, denn dann würde es für ihn leicht sein, die nötigen Informationen aus ihr herauszuquetschen, um Boyle überführen zu können. Mit reichen Erbinnen hatte er genug Erfahrung, er wusste genau, wie er sie behandeln musste.

Lucy Royall in die Knie zu zwingen, würde ihm nicht schwerfallen. Und wenn er sie hatte, dann hatte er auch ihren Stiefvater.

Lucy klemmte den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter, während sie die Fragen für Mitch Davis, den Moderator der Hauptnachrichten bei ANS, in den Computer tippte. Heute Abend wollte er einen Senator aus Florida interviewen und brauchte die Liste bis zwölf Uhr, damit er sich mit dem Thema vertraut machen konnte. Das hieß, sie hatte genau noch zehn Minuten Zeit, und danach musste sie los, denn Hayden Black, dessen Detektivagentur den Hackerskandal untersuchte, hatte sie zu einem Gespräch gebeten. Daher kam ihr der Anruf von Marnie Salloway, einer Nachrichtenredakteurin, verdammt ungelegen. Doch der Job war halt so. Immer zu viele Aufgaben auf einmal, zu viele Leute, die irgendetwas von ihr wollten.

„Kann ich Sie in einer Viertelstunde zurückrufen, Marnie?“

„Dann bin ich in einem Meeting. Wir müssen das sofort klären“, gab Marnie kurz angebunden zurück.

„Gerne“, erwiderte Lucy und zwang sich zu einem Lächeln, damit ihre Stimme nicht so angespannt klang. „Was benötigen Sie?“

„Ich will eine Liste jener Orte, zu denen ich das Kamerateam schicken kann, um möglichst viel Material für die Story über die Tochter des Präsidenten zu bekommen.“

Während Lucy hektisch tippte, sagte sie: „Die Liste habe ich Ihnen doch heute Morgen bereits gemailt.“

„Mit zehn Vorschlägen. Das ist nicht genug. Ich brauche mindestens zwanzig, und zwar bis spätestens halb eins.“

Lucy warf einen Blick auf die roten Ziffern der Digitaluhr an der Wand. Es war neun Minuten vor zwölf. Nur mit Mühe unterdrückte sie einen Seufzer. „Gut, mache ich.“

Sie hängte ein und verschwendete kostbare zwanzig Sekunden, weil sie ihren schmerzenden Kopf auf die Tischplatte sinken ließ. Nach dem Examen hatte Graham ihr einen erstklassigen Reporterjob angeboten, und als sie ablehnte, schlug er vor, ihr am Wochenende eine Nachrichtensendung zu geben.

Natürlich wollte er sie fördern, wie er es seit ihrem zwölften Lebensjahr immer getan hatte, doch Lucy fühlte sich zu jung und unerfahren für einen Topjob. Ihr Ziel war, sich von unten hochzuarbeiten, auch um sich den Respekt ihrer Kollegen zu verdienen. Einige dieser Kollegen waren ihre Vorbilder, und sie versprach sich viel davon, von ihnen zu lernen.

An Tagen wie diesem fragte sie sich allerdings, ob ihre Entscheidung richtig gewesen war. Oder zumindest, ob es weise gewesen war, als Nachwuchsreporterin bei ANS zu arbeiten. Sie war nicht die einzige Anfängerin in der Redaktion, aber nur sie wurde behandelt wie eine Dienstbotin. Und ausgerechnet Angelica Pierce, jene Reporterin, die sie so verehrt hatte, war die Schlimmste.

Tief durchatmend wandte sich Lucy wieder den Fragen für Mitch Davis zu. Drei Minuten vor zwölf mailte sie ihm das Dokument. Danach holte sie sich die Liste mit den infrage kommenden Orten für den Hintergrundbericht zur Präsidententochter auf den Bildschirm und öffnete ihren Web-Browser, um nach Alternativen zu suchen.

Schon an ihrem ersten Arbeitstag war ihr klar geworden, dass die übrigen Mitarbeiter von ANS ihr feindselig gegenüberstanden. Sie hatten keine Lust auf Graham Boyles Stieftochter, weil sie vermutlich annahmen, sie solle herumspionieren. Lucy ließ sich davon nicht beirren. Was konnte sie dafür, dass manche Leute grundsätzlich ein Hierarchieproblem hatten? Sie selbst wusste, dass sie nicht der verlängerte Arm ihres Stiefvaters war, und sie hoffte, dass auch die anderen es irgendwann kapieren würden. Bis dahin duckte sie sich und ließ sich jede auch noch so schwachsinnige Tätigkeit aufbrummen.

Kurz darauf sandte sie die erweiterte Liste an Marnie, griff nach ihrer Tasche, fuhr mit dem Aufzug nach unten und rannte nach draußen, damit sie zu dem Gespräch mit Hayden Black nicht zu spät kam. In einem Coffeeshop nahm sie einen Kaffee und ein Johannisbeer-Muffin mit, stopfte das Muffin in ihre große rote Beuteltasche und trank hastig einen Schluck Kaffee, während sie nach einem Taxi winkte. Das Meeting mit Black war ihr wichtig, und sie wollte pünktlich sein.

Obwohl die Hauptverdächtigen festgenommen worden waren, versuchte die Sonderkommission jetzt, ihrem Stiefvater die Verantwortung für die illegalen Praktiken bei ANS anzuhängen. Das durfte sie nicht zulassen, und heute war ihre Chance, den Verdacht ein für alle Mal auszuräumen. Graham war immer für sie da gewesen, und jetzt sprang sie für ihn in die Bresche.

Der Taxifahrer setzte sie vor dem Hotel Sterling ab, wo Hayden Black sein Domizil aufgeschlagen hatte, um die Verhöre durchzuführen. Man hatte ihm ein Büro angeboten, aber er bevorzugte einen neutralen Ort. Interessant, dachte Lucy. Die meisten Detektive hätten es vermutlich begrüßt, eine offizielle Adresse zu haben, die ihnen mehr Autorität verlieh.

Im Fahrstuhl trank Lucy ihren Kaffee aus und warf dann einen Blick in den Spiegel, nur um festzustellen, dass der Wind ihr Haar völlig zerzaust hatte. Während die Türen auseinanderglitten, versuchte sie, ihren blonden Bob mit den Fingern in Ordnung zu bringen. Der erste Eindruck war wichtig. Graham konnte auf sie zählen.

Als sie die richtige Zimmernummer gefunden hatte, klopfte sie mit jener Hand, in der sie den leeren Pappbecher hielt, an die Tür. Mit der anderen strich sie ihren Rock glatt. Dabei sah sie sich nach einem Mülleimer um, fand aber keinen. Sie hörte Schritte, die Tür wurde geöffnet, und sie setzte ein offenes, fröhliches Lächeln auf, das Hayden Black signalisieren sollte: Ich habe nichts zu verbergen.

Doch ihr Lächeln erstarb, sobald ihr Blick auf den hochgewachsenen Mann in weißem Hemd, roter Krawatte und frisch gebügelter schwarzer Hose fiel. Hayden Black. Plötzlich fiel ihr das Atmen schwer. In ihrem Job hatte sie schon eine Menge beeindruckender Persönlichkeiten kennengelernt, aber keiner dieser Männer hatte jene energiegeladene Aura besessen, die sie jetzt elektrisierte.

Stirnrunzelnd schaute er aus dunkelbraunen Augen auf sie nieder. Sein Gesicht war männlich herb, sein Blick war intensiv und verriet ihr, dass ihm nicht gefiel, was er sah. Ihr wurde kalt, als sie merkte, dass er bereits ein Urteil über sie gefällt hatte, obwohl er sie weder kannte noch ein einziges Wort mit ihr gesprochen hatte.

Ärgerlich schob sie beiseite, dass dieser Mann attraktiv war, und straffte ihre Schultern, denn sie war es gewohnt, dass Leute sie nur nach ihrem Reichtum, ihrem Lebensstil und ihrer Herkunft beurteilten. Ein Privatdetektiv, der im Auftrag des Kongresses arbeitete, war nur einer mehr auf ihrer Liste. Daher hob sie kampfbereit das Kinn und wartete.

Er räusperte sich. „Danke, dass Sie kommen konnten, Ms Royall.“

„Es ist mir ein Vergnügen, Mr Black“, antwortete sie in jenem gewinnendem Tonfall, den ihre Mutter sie gelehrt hatte: Fliegen fängt man mit Honig, nicht mit Essig, Lucy.

Hayden Black bat sie herein. „Darf ich Ihnen irgendwas anbieten, ehe wir loslegen?“, fragte er schroff.

„Nein, danke.“ Sie setzte sich und stellte die große Handtasche neben sich auf den Fußboden.

Mit einem nachsichtigen Blick sagte er: „Ich werde Ihnen ein paar einfache Fragen zu ANS und zu Ihrem Stiefvater stellen. Wenn Sie bei der Wahrheit bleiben, gibt es keine Schwierig­keiten.“

Vor Zorn schoss ihr die Röte ins Gesicht. Dieser aufgeblasene Mistkerl. Keine Schwierigkeiten, wenn sie bei der Wahrheit bliebe? Sie war zweiundzwanzig, hatte ihren Abschluss an der Georgetown University gemacht, und ihr gehörte ein Sechstel der größten Kaufhauskette im Land. Glaubte er wirklich, er könne sie wie ein Kind behandeln?

Indem sie ihm ein unschuldiges Lächeln gönnte, bückte sie sich nach ihrer Handtasche und stellte sie mitten auf den Tisch. Dann sagte sie, indem sie die sanfte Stimme ihrer Mutter mit der Sprechgeschwindigkeit kombinierte, die Graham sie gelehrt hatte, unterlegt mit dem sinnlichen Südstaatenakzent, den sie beherrschte: „Also, wissen Sie, ich hätte jetzt doch gern ein Glas Wasser, wenn das okay ist. Ich habe nämlich ein Muffin mitgebracht, das ich gern essen würde – wenn Sie nichts dagegen haben. Haben Sie doch nicht, oder? Wegen unseres Meetings ist mein Mittagessen ausgefallen, und ich kann bestimmt besser denken, wenn ich etwas gegessen habe.“

Zuerst zögerte er, doch dann brummte er: „Von mir aus“, und stand auf, um ihr das Verlangte zu holen.

Zufrieden atmete Lucy auf, denn sie wusste, dass sie ihn kurzfristig aus dem Konzept gebracht hatte. Als er das Wasserglas vor sie auf den Tisch stellte, gab sie ihm ihren Pappbecher. „Könnten Sie den für mich wegwerfen? Ich wollte ihn nicht in die Tasche tun, falls noch ein Rest Kaffee drin gewesen wäre, und im Flur draußen gab es keinen Mülleimer.“ Mürrisch nahm er den Becher, und Lucy gönnte ihm ein hinreißendes Lächeln. „Danke. Sie ahnen gar nicht, wie viele Menschen so eine kleine Bitte ablehnen würden, aber Sie sind ja ein Detektiv. Deshalb sind Sie bestimmt entgegenkommender.“ Sie brach ein Stück von ihrem Muffin ab und steckte es in den Mund.

Nachdem er sich wieder hingesetzt hatte, musterte er sie durchdringend. Es schien, als habe er seine Rolle wiedergefunden. „Ms Royall“, begann er erneut.

Lucy schluckte ihr Stück Muffin hinunter, wühlte in ihrer Tasche und förderte einen Notizblock zutage. „Ich werde mitschreiben“, verkündete sie. „Ich finde, es hilft allen, genau zu wissen, was in einem Interview gesagt wurde. Dann bleibt jeder schön bei der Wahrheit, und es gibt hinterher keinen Ärger.“ Erneut brach sie ein Stück Muffin ab, doch diesmal hielt sie es Hayden Black hin. „Johannisbeermuffin?“

Einen Moment lang hatte sie das Gefühl, zu weit gegangen zu sein, doch er antwortete schlicht: „Nein.“

„Es ist ein prima Muffin“, verkündete sie und ließ das Stück in ihrem Mund verschwinden. Dann kramte sie erneut in ihrer Riesentasche, bis sie einen Kugelschreiber fand.

„Sind Sie jetzt bereit?“, fragte er ungehalten.

Mit dem Daumen drückte sie den Kugelschreiberknopf. „Noch eine Sekunde. Das hier ist ein wichtiges Interview, und ich will alles richtig machen.“ Damit stellte sie die Tasche wieder auf den Fußboden und schrieb auf das erste Blatt des Notizblocks:

Befragung durch Hayden Black. 2. April 2013.

Sie hob den Kopf und strahlte Hayden an. „Ich bin bereit.“

Während er sich um einen neutralen Gesichtsausdruck bemühte, suchte er einen Weg, die Befragung zu beginnen. Lucy Royall sah genauso aus wie auf dem Foto, und doch war sie ganz anders. Sicher, ihr Haar war blond und glänzte, doch es war leicht zerzaust, wie von einer Windbö. Ihr Lippenstift war nicht rot wie auf dem Bild, sondern hatte einen Bronzeton, doch das war völlig egal, denn Hayden konnte den Blick nicht von ihren vollen, sinnlichen Lippen wenden, als sie das Muffin verspeiste.

Auch ihre Augenfarbe war so, wie er es erwartet hatte, aber jetzt, da Lucy ihm gegenübersaß, konnte er nicht umhin, die Intelligenz in ihren Augen zu erkennen. Er wusste, dass sie Katz und Maus mit ihm spielte, und verdammt, sie hatte damit Erfolg. Leider konnte er nicht genau sagen, ob ihn das ärgerte oder amüsierte.

Was ihn allerdings überhaupt nicht amüsierte, war seine unerwartete Reaktion gewesen, als er Lucy das erste Mal gegenübergestanden hatte. Es hatte ihn wie ein Blitzschlag getroffen, denn sie war nicht einfach nur schön – sie war atemberaubend. Auf eine betörende Weise schien sie von innen zu leuchten, und er hatte sich zusammenreißen müssen, um sie nicht sofort anzufassen.

Wie dumm, dass Lucy die letzte Frau auf der Welt war, bei der er sich diese Art von spontaner Anziehungskraft gewünscht hätte. Immerhin war sie die Tochter jenes Mannes, den er verdächtigte, einen Hackerangriff auf die Privatsphäre des Präsidenten geplant und durchgeführt zu haben. Und die, wenn seine Vermutung zutraf, in dieses Komplott verwickelt war.

Abwartend sah Lucy ihn an, den Kugelschreiber gezückt, bereit für die Befragung.

Hayden räusperte sich und schaltete das Aufnahmegerät ein. „Erzählen Sie mir etwas über Ihre Beziehung zu Graham Boyle.“

Ohne zu zögern, antwortete sie: „Graham ist seit meinem zwölften Lebensjahr mein Stiefvater. Er ist ein zauberhafter, gutherziger Mensch.“

Beinahe hätte Hayden laut aufgelacht. Dem Mann gehörte ein überregionaler Nachrichtensender, und er wurde nicht nur von seinen Konkurrenten, sondern auch von seinen Mitstreitern gefürchtet. Für Graham Boyle zählte immer nur das Ergebnis. Wie seine Reporter an eine Story gelangten, war ihm egal. Jemand wie Lucy, die seit über zehn Jahren zu Graham Boyles Familie gehörte, musste mitgekriegt haben, wie rücksichtslos er war.

„Das entspricht nicht ganz der öffentlichen Meinung“, wandte Hayden ein.

„Haben Ihre Familienmitglieder, Ihre Freunde und Ihre Partnerin dieselbe Meinung von Ihnen wie die Öffentlichkeit?“, gab sie zurück. „In seinem Job muss er ständig Entscheidungen treffen, die nicht jedem gefallen. Leute, die seine Entscheidungen nicht gut finden, urteilen anders über ihn als ich. Mir gegenüber war er immer liebevoll und großzügig.“

„Freut mich zu hören. Aber in diesem Fall waren es – so unsere Vermutung – Entscheidungen, die zu kriminellen Handlungen geführt haben. Wir werfen ihm vor, die illegalen Hackerangriffe angeordnet oder zumindest geduldet zu haben, die dazu dienen sollten, Informationen über die uneheliche Tochter des Präsidenten zu bekommen.“

Lucy schwieg einen Moment, dann beugte sie sich vor und sagte langsam und deutlich: „Ich erzähle Ihnen jetzt mal, was für ein Mensch mein Stiefvater ist. Als meine Mutter vor drei Jahren starb, war Graham am Boden zerstört. Er konnte kaum dazu gebracht werden, ihr Grab zu verlassen. Zwei Familienmitglieder mussten ihn stützen, so sehr trauerte er. Und obwohl sein Beruf ihm kaum Zeit ließ, obwohl seine Trauer ihn auffraß, rief er mich regelmäßig an, kam zu mir, brachte mir Geschenke. Er kümmerte sich darum, dass es mir gut ging.“ Sich wieder aufrichtend, fügte sie hinzu: „Er ist ein guter Mann.“

Ihre flammende Verteidigungsrede hatte Hayden beeindruckt. Wie sexy ihre Augen funkelten … In diesem Moment fand er Lucy Royall unwiderstehlich. Und etwas Dümmeres konnte ihm bei einer Befragung kaum passieren. Also ignorierte er seine Gefühle und konzentrierte sich auf das Gespräch. Schließlich war er ein Profi.

„Al Capone war auch ein guter Familienvater“, bemerkte er.

Sie errötete. „Was Sie da andeuten, finde ich unter aller Kritik.“

„Ich sage damit nur, dass ein guter Familienvater nicht automatisch auch ein guter Staatsbürger sein muss.“

In Lucys Blick, mit dem sie ihn maß, lag eine Herausforderung. Schweigend erwiderte er ihn. Geduld zahlte sich in seinem Job immer aus.

Irgendwann senkte Lucy den Kopf und starrte auf den Notiz­block, der vor ihr lag. Ihr blondes Haar fiel nach vorn, und Hayden ertappte sich bei dem Wunsch, es zu berühren. Mehr noch, ihr einen Finger unters Kinn zu legen, bis sie zu ihm aufsah, und dann diese unglaublich verführerischen Lippen zu küssen …

Plötzlich schien sein Hemdkragen zu eng. Was passierte hier? Lucy war Zeugin in einem Kriminalfall, und er konnte es sich nicht leisten, sie attraktiv zu finden.

Reiß dich zusammen, Black.

Er atmete tief durch und versuchte, in Lucy nichts weiter als eine junge Frau zu sehen, die die Wahrheit verschwieg.

„Haben Sie bei ANS jemals unlautere Methoden bei Ihren Recherchen angewandt?“, fragte er härter als beabsichtigt.

„Nein“, antwortete sie.

Ohne Pause hämmerten seine nächsten Fragen auf sie ein.

„Haben Sie mitbekommen, dass andere bei ANS unlautere Recherchemethoden angewandt haben?“

„Nein.“

„Haben Sie mit den ehemaligen Reportern Brandon Ames und Troy Hall bei ANS zusammengearbeitet, als sie sich durch das illegale Abhören von Telefongesprächen Informationen über die uneheliche Tochter des Präsidenten verschafft haben?“

„Nein.“

„Haben diese Reporter auf Weisung Ihres Stiefvaters gehandelt?“

„Natürlich nicht.“

„Ursprünglich haben Ames und Hall versucht, die Schuld auf einen freien Mitarbeiter zu schieben, aber der war definitiv nicht beteiligt. Wissen Sie, wer den beiden bei ANS geholfen hat?“

„Soweit ich weiß, niemand.“

„Warum, glauben Sie, werden Graham Boyle und sein Nachrichtensender dieses Verbrechens beschuldigt?“

Sie zögerte einen Moment, dann sagte sie fest: „Wer Erfolg hat, der muss damit rechnen, dass Neider ihn zu Fall bringen wollen.“

Naiv, dachte Hayden. Graham Boyle mochte ein guter Vater sein, aber jeder wusste, dass er ein berechnender, eiskalter Geschäftsmann war.

„Wie ist ANS Ihrer Meinung nach an die Informationen über Präsident Morrows uneheliche Tochter gelangt? Er war vor seiner Wahl Senator in Montana, und es ist ja nicht so, dass man seine Vergangenheit während der Wahlkampfmonate nicht durchleuchtet hätte.“

Zum ersten Mal schien sie unsicher. „Ich weiß es nicht. Ich war nicht an dieser Story dran.“

Es drängte ihn, ihre Hand zu nehmen und ihr zu versichern, dass sie nichts zu befürchten habe. Stattdessen musste er sie noch mehr in die Enge treiben.

„Sie haben doch sicher Kontakt zu den anderen Journalisten im Haus“, bemerkte er mit leichtem Sarkasmus. „Die Story und die Methoden, die zu ihrer Enthüllung geführt haben, zeigen, dass da Profis am Werk waren. Wollen Sie mir wirklich weismachen, dass Sie keine Ahnung haben, auf welche Weise man an die Informationen gelangt ist?“

„Durch guten investigativen Journalismus – der ist kaum zu toppen“, erwiderte sie mit gespielter Leichtigkeit, und trotzdem hatte er nicht das Gefühl, dass sie schlichtweg log. Jedenfalls nicht auf die Weise wie die Frau, die kurz zuvor auf diesem Stuhl gesessen hatte. Die ihm erzählt hatte, dass Lucy in der Redaktion nicht gut integriert war. Hayden spürte, dass die Erbin ein Problem mit ihren Kollegen hatte. Er nahm an, dass sie sich ausgeschlossen fühlte und dass sie diesen Umstand durch ihr nonchalantes Auftreten verbergen wollte. Ein Welle unerklärlichen Mitgefühls durchflutete ihn.

Angelica Pierce hatte allerdings genau erklärt, weshalb die Kollegen Lucy nicht akzeptierten. Er durfte nicht in die aufgestellte Falle laufen. Unzufrieden fuhr sich Hayden mit der Hand übers Gesicht. Dieses Gespräch lief überhaupt nicht so, wie es sollte. Vielleicht lag es auch daran, dass er in den letzten Monaten einfach zu wenig Schlaf abbekommen hatte.

Er schaute auf seine Armbanduhr. Vielleicht war es besser, für heute Schluss zu machen, das Kindermädchen nach Hause zu schicken und mit seinem kleinen Sohn in den Park zu gehen. Die Befragung von Lucy Royall konnte er auch zu einem anderen Zeitpunkt fortsetzen, wenn er nicht so müde und unkonzentriert war.

„Danke, dass Sie Zeit für mich hatten“, knurrte er. „Ich rufe Sie an, wenn ich noch mal mit Ihnen reden will.“

Sofort packte sie ihr Notizbuch und den Kugelschreiber in die Tasche und stand auf.

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