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Liebesreise nach Monaco

1. KAPITEL

„Cesar?“

Er spürte Hände auf seinen Schultern, die ihn sacht schüttelten.

„Cesar?“

Cesar Villon, der erfolgreichste Formel-1-Pilot der Welt und zweiter Sohn des monegassischen Duc de Falcon, schnappte nach Luft, als er jäh aus dem Schlaf hochschreckte. Er zitterte am ganzen Körper.

Mit besorgter Miene beugte sein Arzt sich über ihn. „Es ist alles in Ordnung, Cesar. Die Albträume von Ihrem Unfall setzen jetzt ein. Erinnern Sie sich an irgendetwas?“

„Nein.“ Vom Reifenwechsel beim letzten Boxenstopp bis zu seinem Erwachen im Krankenhaus von São Paulo war jede Erinnerung aus seinem Gedächtnis gelöscht. Erschöpft wischte Cesar sich den Schweiß von der Stirn.

Der Arzt lächelte aufmunternd. „Ich sorge dafür, dass Sie umgezogen werden und jemand das Bett frisch bezieht“, sagte er und verließ das Krankenzimmer.

Ganz allmählich normalisierte sich Cesars Herzschlag wieder. Zwei Pfleger betraten den Raum, wuschen ihn und wechselten die Bettwäsche. Dann kam der Arzt noch einmal zu ihm.

„Sie haben Ihr Frühstück nicht angerührt.“

Nach diesem entsetzlichen Albtraum von seinem Unfall, an den er sich nicht einmal erinnern konnte, war Essen das Letzte, wonach ihm der Sinn stand. „Gebt es jemandem, der sich darüber freut.“

Was er viel dringender brauchte, war eine Tablette, die ihn auf Dauer wach hielt, damit er nicht noch eine Nacht voll Schrecken erleben musste. Wach zu sein stellte sich allerdings als ebenso entsetzlich heraus. Da lag er in seinem Krankenhausbett auf dem Rücken und konnte seine Beine nicht bewegen.

Er war gefühllos von der Hüfte abwärts, tot.

„Heute müssen Sie Ihre Physiotherapie beginnen“, unterbrach der Arzt seine düsteren Gedanken.

Mit seinem linken Arm beschirmte Cesar die Augen. „Wozu?“

„Ich brauche Ihnen wohl nicht zu erklären, dass Sie Ihre körperliche Kraft erhalten müssen, um den Genesungsprozess durchzustehen.“ Der Doktor fuhr fort, als habe er Cesars Frage gar nicht gehört. „Wenn Sie die Therapie weiter aufschieben, können Sie dadurch auch nicht schneller wieder laufen.“

„Sparen Sie sich den Atem für Leute, die dumm genug sind, Ihnen zu glauben. Sehen Sie mich doch an! Ich bin körperlich und mental am Ende.“

Der Arzt schüttelte den Kopf. „Das Gefühl haben Sie nur deshalb, weil Sie noch unter dem Eindruck des Albtraums stehen. Ich versichere Ihnen, Sie sind in jeglicher Hinsicht lebendig. Und ich sage Ihnen heute nicht zum ersten Mal, dass Ihre Wirbelsäule keine dauerhafte Schädigung davongetragen hat. Nach dem Unfall ist es ein Wunder, dass Sie in so einer guten Verfassung …“

„Raus hier, Dottore!“

Beim zornigen Klang seiner Stimme lief Sarah Priestley ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Sie stand vor der Tür des Krankenzimmers, die der Arzt offen gelassen hatte, damit sie Cesar selbst sehen und hören konnte. Obwohl sie kein Italienisch sprach, enthüllte sich ihr in seinem heftigen Ausbruch das ganze Ausmaß seiner Verzweiflung.

Als der Arzt wieder herauskam, nahm er Sarah beiseite. „Cesar hatte eine sehr schlimme Nacht, weil die Albträume von seinem Unfall nun einsetzen. Aber er kann sich an nichts erinnern, und solange er das nicht tut, kommt der Heilungsprozess nicht in Gang. Alles andere ist in Ordnung. Er hat eine gute Konstitution und ist körperlich in ausgezeichneter Verfassung – was allerdings nicht lange so bleiben wird, wenn er sich weiterhin weigert, zu essen und mit seiner Therapie anzufangen.“

„Dann müssen wir ihn eben dazu bewegen“, flüsterte Sarah.

Der Arzt nickte zustimmend und bedeutete ihr mit einer Handbewegung, in das Krankenzimmer zu gehen.

Sarah atmete tief durch. Das hier tat sie auf eigene Gefahr, aber sie musste es tun. Gestern war sie mit ihrem Sohn Johnny von San Francisco nach Rom geflogen. Das Taxi hatte sie zunächst zum Hotel gebracht und von dort aus unverzüglich zum Krankenhaus. Eine endlose Reise.

Nachdem sie nicht zu Cesar vorgelassen worden war, weil dieser jeglichen Besuch abwies, hatte Sarah um ein Gespräch mit dem zuständigen Arzt gebeten. Nach anfänglichem Zögern war der dottore schließlich bereit gewesen, den Fall mit ihr zu besprechen. Vermutlich hatte der Anblick des kleinen Jungen an ihrer Hand ihn davon überzeugt, dass die junge Frau und Cesar eine gemeinsame Vergangenheit verband.

Mit Entsetzen hatte Sarah dann erfahren, dass Cesar nicht einmal seine Eltern und seinen Bruder zu sich ließ. Und wenn es eine Frau in seinem Leben gab, wusste man im Krankenhaus jedenfalls nichts von ihr. Ganz offensichtlich wollte Cesar keinen Menschen sehen.

Seit er vor einer Woche nach dem Unfall in Brasilien nach Italien geflogen worden war, ging es steil bergab mit ihm. Er ließ niemanden an sich heran.

„Stimmt es, dass er selbstmordgefährdet ist?“, hatte Sarah den Arzt am Tag zuvor bang gefragt. „Ich hörte im Fernsehen davon. Aber das passt so überhaupt nicht zu Cesar. Ich kenne ihn eher als einen Kämpfer.“

„Er hat schwere Depressionen. Offen gestanden mache ich mir allmählich ernste Sorgen.“

„Welche Verletzungen hat er davongetragen?“

„Die Nervenbahn, die vom Gehirn über das Rückgrat zu den Muskeln verläuft, ist an einer Stelle beschädigt. Dadurch ist er im Augenblick nicht in der Lage, seine Beine zu bewegen. Allerdings sind wir nach genauer Betrachtung der Röntgenbilder überzeugt, dass es sich nur um eine Quetschung handelt und das Nervenwachstum durch eine Physiotherapie so weit angeregt werden kann, dass die Lähmung verschwindet.“

„Dann ist es nicht ausgeschlossen, dass er irgendwann wieder laufen kann!“

„Genau.“

Mehr brauchte sie nicht zu wissen. „Wurde ihm gesagt, dass es Hoffnung gibt?“

Der Arzt nickte. „Aber er ist traumatisiert und verbittert. Er glaubt einfach nicht daran.“ „Wann darf ich zu ihm?“ Der Arzt musterte sie abwägend. „Ihr Besuch könnte die

Schocktherapie sein, die er braucht, um neuen Lebensmut zu entwickeln. Am besten, Sie gehen gleich morgen früh zu ihm.“ „Vielen Dank.“ Sie würde alles tun, um Cesar aus diesem schwarzen Loch zu holen, in das er gefallen war.

„Ich zähle auf Sie, Signorina Priestley.“

Der Arzt konnte ja nicht ahnen, dass sie selbst nur auf Johnny zählte … Und nun war sie da, stand direkt vor Cesars Tür. Wäre Sarah nicht soeben selbst Zeugin seines Verzweiflungsausbruchs geworden, hätte sie womöglich nicht den Mut aufgebracht, ihren Plan durchzuführen. Doch die Situation forderte drastische Mittel.

Sie hatte Johnny auf die Kinderstation gebracht, wo sich eine der Schwestern um ihn kümmerte. Anna – so hieß die junge Frau – sprach recht gut Englisch und konnte sich mit dem Jungen unterhalten. Sobald Cesar bereit war, würde sie ihren Sohn holen. Aber das hing natürlich davon ab, ob …

Sarah atmete noch einmal tief durch und trat in das Krankenzimmer.

Das weiße Laken bedeckte nur die untere Hälfte von Cesars Körper. Wie er so dalag, konnte Sarah kaum glauben, dass er in diesen schrecklichen Unfall verwickelt gewesen sein sollte.

Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Cesar … ihre große Liebe …

Sähen seine Fans den großen Cesar Villon, fünffachen Weltmeister des Formel-1-Grand-Prix’ so hilflos im Krankenbett liegen, sie wären entsetzt, dachte sie. Die Medien unkten bereits, er werde sein Leben lang verkrüppelt bleiben.

Mütterlicherseits war er Italiener, Nachkomme der berühmten Varano-Familie, väterlicherseits Monegasse. Der dreiunddreißigjährige Rennfahrer zählte zu den begehrtesten Junggesellen der europäischen Aristokratie.

Er lag mit geschlossenen Augen da, die dichten Wimpern ruhten auf den Wangen. Auf seinen muskulösen Armen zeichneten sich dunkle Verfärbungen von Prellungen ab. Dass er überhaupt noch lebte, grenzte an ein Wunder. Sein berühmter Rennwagen, den sein Bruder Luc entworfen hatte, war bei dem Unfall vollkommen demoliert worden.

Sarah schluckte schwer. Ihr Sohn besaß eine Sammlung von Formel-1-Wagen in Miniaturgröße, und am liebsten mochte er das Modell des Rennautos, mit dem sein Vater an den Start ging. Johnny hatte sogar ein Album mit Fotos und Zeitungsausschnitten über seinen Vater angelegt. Jeden Abend schmökerte er darin, bevor er einschlief.

Als sie nur noch zwei Schritte von Cesars Bett entfernt stand, brachte sie endlich den Mut auf zu sprechen. „Hallo, Cesar.“

Seine Lider flogen auf.

In ihrer letzten gemeinsamen Nacht hatte er sie voller Verlangen angeblickt. Nun jedoch war der Ausdruck seiner schönen Augen kalt und abweisend.

Sarahs Mund wurde trocken. „Ich … freue mich, dich nach so langer Zeit wiederzusehen“, stammelte sie nervös.

Mit dreiunddreißig sah er attraktiver aus als je zuvor. Doch als er in diesem Moment einen unterdrückten Fluch ausstieß, konnte Sarah ermessen, wie wenig willkommen sie ihm war. Immerhin erkannte er sie.

Bei ihrer ersten Begegnung war sie kaum mehr als ein Teenager gewesen und stolz darauf, dass sie ihr hüftlanges Haar noch nie hatte schneiden lassen. Heute trug sie einen weichen, kinnlangen Bob, der ihr ovales Gesicht umspielte und ihre Augen perfekt zur Geltung brachte. Inzwischen war ihr schlanker Körper kurviger geworden, und Cesar musterte sie unverhohlen.

„Du hast mich damals eingeladen, irgendwann mal nach Italien zu kommen.“ Sie atmete tief durch. „Bis jetzt hatte ich einen guten Grund, es nicht zu tun.“

„Deine Zeit ist abgelaufen“, entgegnete er eisig und schloss die Augen.

Offensichtlich war das Gespräch für ihn beendet, bevor es begonnen hatte.

Doch Sarah ließ sich nicht einschüchtern. „Das sehe ich anders. Die nächste Rennsaison beginnt erst im März. Damit bleiben dir sieben Monate, um dich von dem vorübergehenden Aus zu erholen. Einen besseren Zeitpunkt für meinen Besuch gibt es gar nicht.“

„Geh weg, Sarah.“

„Schön, dass du dich an meinen Namen erinnerst.“

Wieder fluchte er auf Italienisch. Jeder andere hätte den Raum jetzt verlassen, aber Sarah trieb der Mut der Verzweiflung.

„Du willst doch sicher nicht deine Einladung zurückziehen.“

„Zum Teufel, geh endlich …“ Er wandte das Gesicht ab.

„Glaub nicht, dass es Bedauern ist, das mich herführt“, beharrte sie. „Der Arzt hat mir versichert, dass du wieder laufen können wirst. Ich bin aus einem ganz anderen Grund hier.“ Innerlich zitterte sie. Aber ihr blieb keine andere Wahl, als stark zu sein. Sie hatte Cesars Sohn geboren. Und nun war der Augenblick gekommen, da die beiden sich kennenlernen mussten. „Vielleicht erinnerst du dich nicht mehr an das, was du am Morgen nach unserer letzten gemeinsamen Nacht zu mir gesagt hast, aber deine Worte lauteten: ‚Sarah, mit den beiden kommenden Rennen und den Testrennen für die neuen Reifen werde ich in den nächsten Monaten keine Zeit haben, dich zu sehen. Wenn ich frei bin, melde ich mich, und dann du kannst mich für zwei Wochen in Positano besuchen, wie wir es verabredet haben. Danach bereite ich mich auf die Rennen in Frankreich und Spanien vor.‘“

Nervös verlagerte sie ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. „Ich wäre gekommen, aber als du mich anriefst, hatte ich gerade etwas erfahren, das unser beider Leben gravierend veränderte.“

Cesar schwieg.

„Ich … fand heraus, dass ich schwanger war.“

Sein Kopf fuhr herum, und er starrte sie mit weit aufgerissenen Augen an. „Schwanger von wem?“

„Von dir.“

Mit einem zornigen Fluch setzte er sich auf. „Erzähl keine Geschichten. Ich habe Vorsichtsmaßnahmen getroffen.“

„Ich weiß, aber kein Verhütungsmittel ist zu hundert Prozent sicher. Für den Fall, dass du auf einem Beweis bestehst, habe ich seine DNA-Ergebnisse mitgebracht.“

„Seine?“

„Du und ich, wir haben einen Sohn, Cesar. Er sieht dir so ähnlich, dass die Krankenschwestern es nicht fassen können.“

Einen Moment lang schien er den Atem anzuhalten. „Ich habe einen Sohn?“

Trotz seiner Wut schwang unverkennbar auch Freude in seiner Stimme mit. Mehr Ermutigung brauchte Sarah nicht, um ihre Mission fortzusetzen.

„Ja, und nun wartet er sehnsüchtig darauf, seinen Vater kennenzulernen.“

Cesar erblasste. „Wenn das ein Scherz sein soll …“

„Gib mir einen Augenblick Zeit, dann bringe ich ihn zu dir.“

Da er nicht widersprach, eilte Sarah aus dem Raum.

Als sie die Kinderstation betrat, kam Johnny ihr schon entgegengelaufen, und sie fing ihn mit ausgebreiteten Armen auf. Fast wäre sie in Tränen ausgebrochen, so sehr nahm Cesars bedauernswerter Zustand sie mit.

„Hast du mit Daddy gesprochen?“, wollte Johnny aufgeregt wissen.

„Ja.“

„Möchte er mich sehen?“

Sarah drückte ihren kleinen Jungen fest an sich. „Natürlich möchte er das.“

„Ist er sehr krank?“

„Nein. Wenn er ordentlich trainiert, wird alles wieder gut.“ So musste es einfach sein.

Mit dieser Antwort gab Johnny sich zufrieden. Auf seine allererste Frage nach seinem Vater vor ein paar Jahren hatte Sarah ihrem Sohn erklärt, Cesar wisse nichts von ihm, weil er fortgereist sei, bevor Johnny zur Welt gekommen war.

Je größer der Junge jedoch wurde, desto größer wurde auch seine Neugier. Und Sarah hatte ihm immer mehr von Cesar erzählt und ihm Bilder gezeigt. Sie hatte ihrem Sohn versprochen, er werde seinen Vater kennenlernen, sobald der richtige Zeitpunkt gekommen sei. Nun endlich würde sich Johnnys sehnlichster Wunsch erfüllen.

Mit klopfendem Herzen nahm Sarah das Kind bei der Hand und ging mit ihm zu Cesars Zimmer.

Vielleicht litt er an Wahnvorstellungen.

Ja, so musste es sein. Cesar sank auf sein Kissen zurück und ballte seine Hände zu Fäusten.

Vor langer Zeit hatte er jede Erinnerung an Sarah Priestley ans andere Ende des Universums verbannt. Sie war einfach aus seinem Leben verschwunden, ohne ihm irgendeine Erklärung zu geben. Mit ihrem Verhalten hatte sie jegliche Gefühle in ihm abgetötet.

Oder ihre Rückkehr war nur ein weiterer Albtraum.

Du und ich, wir haben einen Sohn.

Unmöglich …

Damals war er unsterblich in sie verliebt gewesen. Er hatte sich ausgemalt, wie es sein würde, wenn sie schwanger wäre und ihr schöner Körper sich mit einem Baby im Bauch rundete. Doch bevor sich seine Vorstellungen verwirklichen konnten, hatte sie ihm den Todesstoß versetzt.

Jetzt brauchte er etwas Starkes, um die Erinnerung an sie aus seinem Gedächtnis zu vertreiben. Voller Panik wollte er den Klingelknopf drücken, um die Schwester zu rufen. Dann hielt er mitten in der Bewegung inne, als er eine Frauenstimme sagen hörte: „Liebling? Das ist dein Daddy.“

Er fuhr herum. Da war sie wieder, diesmal in Begleitung eines Kindes.

Eines Jungen.

Ein de Falcon, wie er leibte und lebte.

Mit seinen ernsten graublauen Augen musterte der Junge ihn. „Ich wusste nicht, dass du einen Bart hast, Daddy. Du siehst anders aus.“

Sarah bemerkte die Überraschung in Cesars Gesicht. „Die Ärzte halten deinen Daddy auf Trab, damit er schnell wieder gesund wird. Deshalb hatte er keine Zeit, sich zu rasieren.“

Die Spannung im Raum war regelrecht mit Händen zu greifen. Beinahe hätte Sarah den Mut verloren. „Cesar? Das ist dein Sohn, Jean-Cesar Priestley de Falcon. Ich habe ihn nach dir und deinem Vater Jean-Louis benannt. Bei uns kennt man ihn als Johnny Priestley. Deine italienische Mutter würde ihn wahrscheinlich Giovanni rufen. Wir sind den ganzen Weg hierher geflogen, um dir zu sagen, wie leid es uns tut, dass du diesen Unfall hattest. Aber wir wissen, dass es dir bald wieder besser geht.“

„Genau“, stimmte Johnny ihr zu. Sein sorgenvoller Blick ruhte immer noch auf seinem Vater. „Wir haben dich im Fernsehen gesehen. Jemand sagte, du bist tot.“ Seine Stimme zitterte. „Dann hat Mommy mir versichert, dass das nicht stimmt, und mir versprochen, dass wir dich besuchen.“

Abrupt setzte sich Cesar im Bett auf, und Sarahs Blick fiel unwillkürlich auf seine muskulöse Brust, die sich unter seinem T-Shirt abzeichnete. Erleichtert stellte sie fest, dass sein Oberkörper von der schweren Verletzung nicht betroffen war. Er galt als einer der diszipliniertesten Fahrer der Formel 1. Hundert Sit-ups am Tag waren eine Kleinigkeit für ihn.

Obwohl Sarah ihn vorbereitet hatte, brachte Cesar vor Überraschung kein Wort heraus.

„Tun deine Beine weh?“, fragte der Junge unschuldig.

Wie unter Schock schüttelte Cesar den Kopf.

„Das ist gut“, befand das Kind und nickte ernst. „Aber du kannst nicht sprechen, oder?“ Panik schwang in seiner Stimme mit.

Cesars Blick wurde weich. „Komm zu mir“, flüsterte er.

Sarah hielt den Atem an, als Johnny langsam ihre Hand losließ und auf seinen Vater zuging.

Cesar umgriff die Taille des Kindes und hob es mit seinen starken gebräunten Armen auf seinen Schoß.

Eine Weile betrachteten Vater und Sohn einander wortlos. Beide waren so gebannt vom Anblick des anderen, dass sie Sarah völlig vergaßen.

Sarahs Augen besaßen die Farbe von Amethysten. Von ihr stammten die dunklen Sprenkel in den grauen Augen, die Johnny von Cesar geerbt hatte. Ihr braunes Haar und Cesars schwarzes hatten sich bei dem Jungen zu einem satten Dunkelbraun vermischt.

Den Rest von Johnnys Äußerem, etwa den olivfarbenen Ton seiner Haut und die Locken, hatte Cesar beigetragen. Das Kind war so unverkennbar ein Spross der de Falcons und Varanos, dass die Abstammung durch einen bloßen Blick festgestellt werden konnte. Johnny war das Ebenbild seines Vaters.

„Hattest du Angst bei dem Unfall?“

Cesar räusperte sich. „Es ist so schnell passiert, dass ich keine Zeit hatte, mich zu fürchten“, erklärte er mit dem starken Akzent, der Sarahs Herz immer noch höher schlagen ließ.

„Letzte Woche bin ich mit dem Fahrrad gegen einen Feuerhydranten gefahren.“

„Und, hast du dir wehgetan?“

„Ja. Siehst du die Schrammen?“ Der Kleine zog sein Hosenbein hoch, um seinem Vater die Kratzer auf seinem Knie zu zeigen. „Mommy hat ein Pflaster draufgemacht, aber das ist abgegangen.“

„Muss ein heftiger Sturz gewesen sein.“

Johnny nickte. „Ich habe geweint. Carson meinte, ich wäre eine Heulsuse.“

„Ist Carson dein Freund?“

„Ja.“

„Manchmal muss man eben weinen.“

„Ich wette, du hast nicht geweint.“

Es gab andere Arten zu weinen, doch um das zu verstehen, war Johnny noch zu jung.

„Weißt du was, mein Schatz“, schaltete Sarah sich ein, „der Arzt hat gesagt, wir dürfen nur ein paar Minuten bei deinem Daddy bleiben, weil er viel Ruhe braucht. Er ist Besucher nicht gewöhnt.“

„Aber Mom …“

„Johnny ist mein Sohn, kein Besucher“, erklärte Cesar bestimmt und strich dem Jungen das Haar aus der Stirn. Seine Reaktion war so viel mehr, als Sarah sich erhofft hatte. „Und ich bin kein bisschen müde“, setzte er entschieden hinzu.

„Siehst du, Mommy? Daddy will, dass wir bleiben.“

Ihr Plan, Cesar mit einem Schock aus seiner Lethargie zu reißen, hatte funktioniert. Doch sobald sie mit Cesar allein war, würde er sie seinen Zorn spüren lassen, dessen war sie sich sicher. Seinen berechtigten Zorn. All die Jahre hatte sie ihm seinen Sohn vorenthalten. Wenigstens konnte sie davon ausgehen, dass er seiner Wut nicht in Johnnys Gegenwart Ausdruck verleihen würde.

Sie sah Cesar fragend an. „Macht es dir etwas aus, wenn ich was von deinem Frühstück esse? Wir sind früh vom Hotel aufgebrochen, und ich habe Hunger.“ Sie griff nach einer Orange und begann sie mit zitternden Fingern zu schälen.

„Ich habe auch Hunger“, rief Johnny. „Unsere Mägen haben vorhin ganz laut geknurrt, Daddy.“

„Wirklich?“, murmelte Cesar.

„Ja, ich glaube, dein Magen knurrt ebenfalls.“ Interessiert beäugte Johnny das volle Tablett.

Spätestens jetzt weiß Cesar, was für gute Ohren kleine Kinder haben, dachte Sarah amüsiert und reichte ihrem Sohn ein belegtes Brötchen.

„Mhm, das schmeckt lecker. Probier mal, Daddy.“

Cesar blieb nichts anderes übrig, als von dem Brötchen abzubeißen.

„Ich mag Krankenhäuser nicht sehr“, erklärte Johnny kauend. „Du?“

„Nein.“ Dieses eine Wort sprach Bände.

„Musst du lange hierbleiben?“

Mit angehaltenem Atem wartete Sarah auf die Antwort. „Weißt du, ich plane, noch heute nach Hause zu fahren“, erklärte Cesar nach einem kurzen Moment.

Sarah wusste, wie sehr er seine Freiheit liebte, und in der Klinik musste er sich fühlen wie ein wildes Tier im Käfig.

„Willst du zu uns kommen?“, fragte Johnny schüchtern.

„Nach Carmel?“

„Da leben Grandma und Grandpa. Mommy und ich wohnen in Watsonville, in einem Stadthaus.“

Nahe genug bei den Großeltern, und gleichzeitig weit genug von der Welt der Formel 1 entfernt, damit niemand eine Verbindung zwischen Johnny und seinem legendären Vater zog.

„Hier ist ein bisschen Traubensaft für dich“, sagte Sarah in die Stille hinein.

„Danke.“ Atemlos nahm der Kleine ein paar Schlucke. „Willst du was davon, Daddy?“

„Ich glaube, ja.“

Der Anblick der beiden, wie sie Traubensaft aus einem Glas tranken, brachte Sarahs Herz zum Schmelzen.

Hatte Cesar erkannt, dass es sich lohnte zu kämpfen? Hoffentlich sah er in Johnny einen guten Grund zu leben. Während sie ihre Orange aß, stellte Johnny seinem Vater Fragen zur Fernbedienung. Plötzlich trat eine Schwester ein. Cesar sagte etwas auf Italienisch zu ihr, und sie verließ eilig den Raum.

„Warum redest du anders?“

„Das ist Italienisch“, erklärte Sarah rasch. „Hier reden alle Leute so. Dein Vater kann aber auch Spanisch und Französisch, Johnny.“

„Wir sprechen Amerikanisch.“

„Nein, Liebling. Wir sprechen Englisch.“

Johnny wandte sich seinem Vater zu. „Was hast du zu der Frau gesagt?“

„Ich habe sie gebeten, mir einen Rasierapparat zu bringen.“

Johnnys Augen leuchteten auf. „Kann ich zugucken, wie du dich rasierst?“

„Würdest du das gerne?“ Cesar klang amüsiert.

„Au ja!“

Das brachte Sarah auf eine Idee. „Rasieren ist Männersache“, erklärte sie. „Ich gehe zur Gästetoilette und wasche mir die Hände. Ist das in Ordnung, Liebling?“

Johnny nickte eifrig. „Sicher.“

Normalerweise wäre ihr Sohn ihr nachgelaufen. Bei seinem tollen Vater jedoch blieb er ohne Widerspruch. In diesem Moment war seine Welt in Ordnung.

Als sie den Raum verließ, hörte sie ihn sagen: „Mommy wollte mit mir zu deinem nächsten Rennen kommen, aber dann bist du verunglückt.“

Sie hatte ihm versprochen, dass sie beim Monterey Grand Prix im kommenden Monat alle drei vereint sein würden. Doch dann war der Unfall in Brasilien passiert und hatte ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Auf dem Weg zu den Gästetoiletten pochte das Herz schmerzhaft in ihrer Brust, und als sie die Tür zum Vorraum hinter sich geschlossen hatte, lehnte sie sich erschöpft dagegen. Glücklicherweise war sie allein.

Schuldgefühle Cesar gegenüber, weil sie ihm seinen Sohn vorenthalten hatte, waren eine Sache. Zu sehen, wie sehr Vater und Sohn einander brauchten, trieb ihr die Tränen in die Augen. Die Arme um den Körper geschlungen, wiegte sie sich vor und zurück. Was hatte sie nur getan?

Ich werde mir das niemals verzeihen können, dachte sie gequält. Es ist meine Strafe, mit dieser Schuld zu leben. Aufstöhnend vergrub sie das Gesicht in den Händen und begann haltlos zu weinen.

Als ihr Schluchzen schließlich verebbte, hob sie den Kopf. Dann trat sie mit zitternden Knien zu einem der Waschbecken und spritzte sich Wasser ins Gesicht.

Nachdem sie sich mit einem Papierhandtuch abgetrocknet hatte, erneuerte sie ihren Lippenstift und trat wieder auf den Korridor hinaus. Auf der Station erwartete sie bereits der Arzt.

„Ihr Junge hat ein kleines Wunder vollbracht, Singorina Priestley. Sie sind keinen Moment zu früh hier eingetroffen.

Cesar will die Klinik noch heute verlassen.“

„Das hat er auch zu Johnny gesagt.“

„Sie müssen ihn davon überzeugen, dass er eine Physiotherapie beginnt. Je eher er das tut, desto besser sind die Aussichten, dass er vollständig wiederhergestellt wird.“

Sarah nickte. „Das ist mir klar. Leider habe ich keinen Einfluss auf ihn, aber vielleicht weckt Johnny seinen Lebenswillen.“

„Das ist ihm bereits gelungen. Dass Cesar sich rasiert, ist ein eindeutiges Zeichen dafür, dass er wieder am Leben teilhaben will.“

„Das glaube ich auch. Danke für ...

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