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Liebesreise nach Griechenland

Liebesreise nach Griechenland

Anne Mather

Theopolis – Heimat meines Herzens

Aus dem Amerikanischen von Sabine Buchheim

Michelle Reid

Scheidung auf Griechisch

Aus dem Amerikanischen von Rudolf Mast

Lynne Graham

Liebe meines Lebens

Aus dem Amerikanischen von Sabine Reinemuth

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Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Anne Mather

Theopolis – Heimat meines Herzens

Aus dem Amerikanischen von Sabine Buchheim

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1. KAPITEL

“Ist sie das?” Spiro Stavros warf seinem Arbeitgeber einen ironischen Blick zu.

“Sie ist nicht ganz das, was du erwartet hast, oder?” Demetrios Kastro zog geringschätzig die Brauen hoch. Da seine Ankunft bislang noch nicht bemerkt worden war, konnte er seinen Vater und dessen Begleiterin auf der gegenüberliegenden Seite des überfüllten Salons unauffällig beobachten. Das Paar wurde von Gästen umringt, die gekommen waren, um den alten Mann anlässlich seiner Rückkehr nach Theopolis zu begrüßen. Demetri presste die Lippen zusammen, als sein Vater besitzergreifend den Arm um die Schultern der Frau legte.

“Vielleicht nicht”, räumte er ein. Er hatte sie sich jünger vorgestellt. Als “blondes Flittchen” hatte seine Schwester sie beschrieben. Doch die Frau, die sein Vater als Geliebte gewählt hatte, sah absolut nicht ordinär aus. Ihr Gesicht mit den hohen Wangenknochen vereinte Schönheit und Intelligenz. Das blonde Haar hatte sie zu einem strengen Knoten geschlungen, der die Aufmerksamkeit auf ihren schlanken Hals lenkte. “Sie ist jedenfalls älter, als ich dachte.”

“Und weltgewandter”, fügte Spiro trocken hinzu. “Sie dürfte nicht so leicht loszuwerden sein, wie du erwartet hast.”

“Glaubst du?” Demetri klang zynisch. “Meiner Erfahrung nach hat jeder seinen Preis, mein Freund. Egal, ob Mann oder Frau. Wenn die Belohnung hoch genug ist, werden alle schwach.”

“Schließt dein Urteil mich mit ein?”

Demetri seufzte. “Wir reden nicht von dir, Spiro.”

“Das ist keine Antwort auf meine Frage.”

“Na gut … Ich hoffe nicht. Ich betrachte dich sowohl als Freund als auch als Assistent. Mag sein, dass ich übertrieben misstrauisch bin.”

“Nicht alle Frauen sind wie Athenee, Demetri.” Spiro erkannte, dass er seine Grenzen beinahe überschritten hätte, und fügte rasch hinzu: “Ich sollte mich wohl geschmeichelt fühlen. Also, was willst du nun tun?”

Demetris Miene wurde undurchdringlich. “Ich werde meinen Vater begrüßen und darum bitten, der entzückenden Kiria Manning vorgestellt zu werden.”

“Sei vorsichtig”, warnte Spiro.

“Bin ich das nicht immer?” Mit einem spöttischen Lächeln knöpfte Demetri das Jackett seines dunkelblauen Seidenanzugs auf. “Keine Sorge, ich halte meine Trümpfe zurück.”

Nichtsdestotrotz verspürte er eine leichte Gereiztheit, als er den Raum durchquerte. Verdammt, sein Vater war erst seit wenigen Wochen aus dem Krankenhaus, Wochen, die er in London verbracht hatte, um der hochsommerlichen Hitze auf Theopolis zu entgegen. Der alte Mann war ernsthaft krank gewesen. Wann, um alles in der Welt, hatte er die Zeit gefunden, diese Frau kennen zu lernen und intim mit ihr zu werden?

Er würde es herausfinden. Auf seinem Weg zu Constantine Kastro und dessen Geliebter wechselte er hier und dort ein paar Worte. Wie hieß sie doch noch gleich? Manning, richtig. Aber wie lautete ihr Vorname? Stirnrunzelnd überlegte Demetri. Joanna! Joanna Manning. Ob es ihr richtiger Name war? Falls ja, war er genauso elegant wie die Frau selbst.

“Erzähl mir nicht, dass du deshalb so grimmig dreinblickst, weil ich jetzt wieder hier bin.” In den – vermutlich der Frau zuliebe – auf Englisch gesprochenen Worten seines Vaters schwang ein spöttischer Unterton mit.

Zu spät erkannte Demetri, dass seine Gefühle sich auf seinem Gesicht widergespiegelt hatten. Rasch rang er sich ein höfliches Lächeln ab, schüttelte dem alten Mann die Hand und erwiderte die traditionelle Umarmung mit aufrichtiger Herzlichkeit. “Verzeih mir, Papa. Natürlich bin ich froh, dass deine Ärzte dich für gesund genug erachten, endlich zu uns zurückzukehren.”

Constantine wirkte jedoch keineswegs erfreut. “Ich bin kein Invalide”, verkündete er, obwohl sein ausgemergelter Körper die Behauptung Lügen strafte. “Die Ärzte haben mich für genesen erklärt, also benimm dich nicht so, als wäre ich aus dem Krankenhaus geflohen.”

Demetri verzichtete auf eine Antwort und wandte sich stattdessen der Begleiterin seines Vaters zu. Da sie von neugierigen Zuschauern umringt wurden, war Constantine nun gezwungen, ihm die Frau vorzustellen.

“Meine Liebe …” Er ignorierte Demetris kaum verhohlene Entrüstung über die vertrauliche Anrede. “Darf ich dich mit meinem Sohn bekannt machen. Demetrios, dies ist Joanna. Joanna Manning, meine … Freundin.”

“Wie geht es Ihnen?”

Die Frau beging nicht den Fehler, seinen Vornamen zu benutzen. Demetri lächelte zufrieden. “Es ist mir ein Vergnügen, Sie zu treffen, Kiria Manning. Hoffentlich ist unser Wetter für Sie als Engländerin nicht zu belastend.”

“Im Gegenteil”, entgegnete sie trotz der feinen Schweißperlen auf ihrer Oberlippe. “Ich liebe die Hitze. Sie ist so … sinnlich.”

Sinnlich? Nur mit Mühe verbarg er seine Verblüffung. Er hatte zwar gehört, dass sein Vater von dieser Frau besessen war, doch er hatte nicht damit gerechnet, dass sie ihn aus der Fassung bringen würde. Täuschte er sich, oder amüsierte sie sich tatsächlich über die Situation? Mit ungefähr einssiebzig war sie größer als die meisten Frauen seines Bekanntenkreises, und obwohl er sie trotzdem noch um Haupteslänge überragte, musste sie den Kopf nicht allzu weit zurücklegen, um ihn anzuschauen. Versuchte sie etwa, ihn zu provozieren? Nein, das war lächerlich. Allerdings schien ihre trotzige Miene ihn geradezu herauszufordern …

“Verstehe. Sind Sie denn an das griechische Klima gewöhnt, Miss Manning?”

“Mrs. Manning”, korrigierte sie ihn. “Aber nennen Sie mich ruhig Joanna oder Jo, wenn Ihnen das lieber ist.” Nach einem zärtlichen Blick auf Constantine fügte sie hinzu: “Nein, ich habe mich noch nicht akklimatisiert, doch das wird sich hoffentlich bald ändern.”

Man hatte ihm nicht gesagt, dass sie verheiratet gewesen war. Doch irgendwie passte diese Tatsache ins Bild. Und falls er noch Zweifel an ihrer Beziehung zu seinem Vater gehegt hätte, so wären sie durch den innigen Blick zerstreut worden.

“Leben Sie auf der Insel, Demetrios?”, erkundigte sie sich. “Oder haben Sie ein eigenes Heim?”

“Dies ist mein Heim.” Diesmal war er außerstande, seinen Ärger zu überspielen. “Das Haus hier ist der Familienstammsitz. Aber keine Sorge, Mrs. Manning, es ist weitläufig genug, um uns alle unterzubringen, ohne dass wir uns auf die Füße treten.”

Zufrieden registrierte er, dass sie bei der Zurechtweisung leicht zusammenzuckte. Ihre vollen Lippen bebten kaum merklich. Verdammt, was interessierte ihn ihr weicher, verletzlich wirkender Mund? Sie war eine Frau, die sich aushalten ließ. Es gab keinen Grund, sie zu bedauern. Sein Vater war der Verletzliche. Verletzlich und einfältig. Was glaubte er denn, was sie von einem über dreißig Jahre älteren Mann wollte?

“Demetri hat seine eigene Suite”, warf Constantine ein und sah ihn vorwurfsvoll an. “Genau wie Alex und Olivia. Unsere Insel ist sozusagen unsere Burg. Du wirst leider bald feststellen, dass Sicherheit für uns sehr wichtig ist.”

Joanna nickte. “Verstehe.”

“Das bezweifle ich”, meinte Demetri. “Mein Vater ist sowohl für Terroristen wie auch für Paparazzi ein begehrtes Ziel. Nur auf Theopolis können wir – normalerweise – gewährleisten, dass er nicht Opfer skrupelloser Männer und Frauen wird.”

Ihre tiefblauen Augen funkelten. “Sie wollen doch nicht etwa andeuten, dass ich eine Bedrohung für Ihren Vater sein könnte, oder?”, fragte sie kühl.

Er konnte kaum ein Lächeln unterdrücken. “Natürlich nicht.” Ein kurzer Blick auf seinen Vater verriet, dass dieser keineswegs von der Beteuerung seines Sohnes überzeugt war. “Ich bin sicher, Sie und mein Vater haben vieles gemeinsam. Haben Sie auch Kinder, Mrs. Manning?”

“Nein.”

Zu Demetris Erstaunen legte sein Vater schützend den Arm um Joannas Schulter und zog sie an sich. Es schien eine spontane Reaktion zu sein, als wüsste er Details aus ihrer Vergangenheit, die sie vor anderen verbarg. Demetri fragte sich, worum es sich handeln mochte. Ihm missfiel der Gedanke, dass hinter der Affäre mehr stecken könnte als eine vorübergehende Verirrung seines Vaters.

Bevor Demetri jedoch etwas darauf erwidern konnte, beendete sein Vater das Gespräch. “Dort drüben ist Nikolas Poros”, sagte er zu Joanna Manning. “Ein alter Freund und Geschäftspartner. Ich möchte, dass du ihn kennen lernst.” Er sah seinen Sohn kurz an. “Würdest du uns bitte entschuldigen?”

Es war weniger eine Frage als ein Befehl. Demetri neigte schweigend den Kopf und trat einen Schritt beiseite, um die beiden vorbeizulassen. Joanna schaute ihn im Vorbeigehen verstohlen an. Triumphierend? Demetri war sich nicht sicher. Eines stand allerdings fest: Die Vernarrtheit seines Vaters in diese Frau war stärker als die sexuelle Faszination, die Demetri anfänglich vermutet hatte.

“Demetri, wie geht es dir? Soll ich dir einen Drink besorgen?”

Widerstrebend konzentrierte er sich auf seine Umgebung. Nachbarn, Freunde, Verwandte. Sie alle hatten sich versammelt, um den alten Mann daheim willkommen zu heißen, und wollten nun auch Demetri begrüßen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als das Problem mit seinem Vater und dessen Geliebter vorerst zu vergessen und lächelnd den ergebenen Sohn zu spielen.

Verdammt, ich bin ihm ergeben, dachte er grimmig und nahm ein Glas Champagner entgegen, doch ich bin auch sein Stellvertreter, und er sollte den Respekt, den er in der Geschäftswelt genießt, nicht wegen einer Frau gefährden, die seine momentane Schwäche schamlos ausnutzt.

“Sie ist wirklich schön, nicht wahr?” Spiro hatte sich ihm unbemerkt genähert.

“Ja, das ist sie”, bestätigte Demetri. “Aber was will sie? Was erhofft sie sich aus dieser Liaison?”

“Vielleicht liebt sie ihn.”

“Oder sie betrachtet ihn als willkommene Geldquelle”, wandte Demetri ein. “Mein Vater ist siebenundsechzig, Spiro. Eine Frau wie sie bindet sich nicht aus Liebe an einen so viel älteren Mann.”

“Du bist ein Zyniker, Demetri.” Seine Schwester Olivia hatte sich zu ihnen gesellt. “Du musst zugeben, dass Mrs. Manning nicht gerade wie eine Glücksritterin aussieht.”

“Und wie sehen Glücksritterinnen aus?”, konterte ihr Bruder. “Du hast sie doch nicht etwa unter deine Fittiche genommen, oder? Alex’ Hochzeit findet in einer Woche statt. Eigentlich hatte ich erwartet, dass du genauso empfindest wie ich. Was soll Alex denken, wenn sie erfährt, dass unser Vater eine Fremde zu einer Familienfeier eingeladen hat?”

Olivia presste die Lippen zusammen. “Alex wird es egal sein. Aber das heißt nicht, dass wir den Einfluss unterschätzen dürfen, den Mrs. Manning auf Papa ausübt. Es ist bestimmt nicht klug, sie zur Feindin zu haben. Du hast die beiden zwar nur kurz beobachtet, trotzdem ist dir sicher aufgefallen, dass sie völlig gefesselt voneinander sind.”

“Gefesselt, oh ja.” Demetri trank einen Schluck Champagner. “Weißt du, wie sie sich kennen gelernt haben? Wo konnte der alte Mann nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus eine solche Frau treffen?”

Joannas Räume grenzten an Constantines. Jede Suite umfasste ein behagliches Wohnzimmer, ein großes Schlafzimmer sowie ein Ankleidekabinett und ein Bad. Die Einrichtung verriet erlesenen Geschmack und Reichtum. Vor den mit Damast bespannten Wänden standen Sofas mit blaugrün gestreiften Leinenbezügen und dazu passenden Kissen. Neben einem kunstvoll geschnitzten Schreibtisch gab es einen wunderschönen Rosenholzschrank, in dem sich eine beeindruckende Stereoanlage verbarg. Schwere Messinglampen spendeten warmes Licht. Glastüren führten auf einen umlaufenden Balkon, der sämtliche Räume dieses Stockwerks verband. Türkische Teppiche sorgten für Farbe auf den polierten Holzböden.

Es lag jedoch weniger am Ambiente als vielmehr an den unzähligen kleinen Details, dass Joanna ständig daran erinnert wurde, wo sie war und weshalb sie sich überhaupt hier aufhielt. So wurde beispielsweise täglich die Bettwäsche gewechselt, die teuren Kosmetika und Toilettenartikel wurden sofort ersetzt, sobald sie sie nur einmal benutzt hatte. Sie brauchte nur die Klingel zu betätigen, und schon wurde ihr jeder Wunsch von den Augen abgelesen.

Dies ist Constantines Welt, dachte sie wehmütig. Dieser Lebensstil war ihr fremd. Manchmal wünschte sie, er wäre nicht so reich.

Sein Sohn würde mir natürlich kein Wort glauben, überlegte sie. Ob Constantine gemerkt hatte, dass für den Bruchteil einer Sekunde Hass in Demetrios’ Augen aufgeblitzt war? Vermutlich. Er musste wissen, was sein Sohn empfand. Schließlich hatte er sie nur deshalb zu der Reise überredet. Ihm war klar gewesen, dass einzig erbitterte Feindseligkeit Demetrios von der Wahrheit ablenken würde.

An der Verbindungstür zu Constantines Apartment klopfte es. “Darf ich hereinkommen?”

“Natürlich.” Joanna ließ Constantine in ihr Wohnzimmer. Auch er hatte inzwischen die formelle Kleidung abgelegt und wirkte nun, da er keine Stärke mehr demonstrieren musste, unendlich zerbrechlich. Sie deutete auf eines der Sofas. “Setz dich. Du musst dich ausruhen.”

“Du bist nicht meine Krankenschwester, Joanna”, beschwerte er sich lächelnd. Er trug einen weißen Bademantel, und die Farbe betonte seine Blässe. “Eigentlich fühle ich mich heute Abend ein bisschen kräftiger. Da Demetri wieder daheim ist, kann ich mich entspannen.”

“Sehr schön.” Joanna schloss die Tür hinter ihm und zog den roten Morgenrock, den sie nach dem Duschen übergestreift hatte, fester um sich. “Du glaubst wohl, das Schlimmste wäre geschafft.” Sie schüttelte den Kopf. “An deiner Stelle würde ich nicht darauf wetten.”

Constantine seufzte. “Sei nicht so zynisch, meine Liebe. Demetri mag zwar über die Situation nicht gerade begeistert sein – offenbar hat er Zweifel, was die Schicklichkeit unserer Beziehung betrifft –, aber er wird den Hausfrieden nicht gefährden. Er muss Rücksicht auf Alex’ Hochzeit nehmen. Ich bin sein Vater, Joanna, und kenne ihn besser als jeder andere.”

“So?”

Sie wünschte, sie wäre ebenso sicher. Die Begegnung mit Demetrios Kastro hatte einen unangenehmen Beigeschmack hinterlassen. Sie war überzeugt, dass er nichts als Verachtung für sie übrig hatte und glaubte, sie sei nur des Geldes wegen mit seinem Vater zusammen. Er war höflich, aber kühl gewesen, hatte wenig gesagt, aber viel angedeutet. Wahrscheinlich machte Constantine sich etwas vor, wenn er meinte, Demetrios habe sich mit ihrer Anwesenheit abgefunden.

“Egal.” Constantine nahm ihre Hand und zog sie zu sich auf die Couch. “Wie geht es dir? Bist du glücklich hier? Hast du alles, was du brauchst?”

“Wie kannst du nur fragen? Das Haus ist fantastisch. Es bietet alles, was du mir versprochen hast – und noch mehr.”

“Das freut mich.” Er küsste leicht ihre Finger. “Ich möchte, dass du deinen Aufenthalt genießt. Du sollst dich hier wie zu Hause fühlen. Demetri wird eine Weile schwierig sein, aber er wird es überwinden. Außerdem dürfte er wenig Zeit für Sticheleien über unsere Beziehung haben, solange ich mich erhole. Vielleicht muss er vor der Hochzeit sogar gelegentlich die Insel verlassen – immerhin muss er neben seiner Arbeit auch meine erledigen.”

Joanna stand auf. “Wie mag Alex reagieren, wenn sie von meiner Anwesenheit erfährt?”

“Alex wird dich lieben”, versicherte Constantine. “Sie ist nicht wie Demetri oder Olivia, sondern jünger und nicht so zynisch.”

“Trotzdem …” Sie hob das schwere Haar im Nacken an und genoss die kühle Luft der Klimaanlage auf ihrer Haut. “Es würde mir nichts ausmachen, nach England zurückzukehren.”

“Mir schon. An den Gründen für deinen Aufenthalt auf Theopolis hat sich nichts geändert. Ich brauche deine Stärke und deine Gesellschaft – und deine Unterstützung.”

“Die hast du. Ich bin nur nicht sicher, ob ich es durchhalte.”

Er kam schwerfällig auf die Füße. “Meinetwegen? Findest du mich so abstoßend?”

“Unsinn.” Joanna berührte zart seine Wange. “Du bist ein sehr attraktiver Mann. Dieser Meinung war ich schon immer.”

“Wirklich?”, fragte er skeptisch.

“Ja.” Nach kurzem Zögern umfasste sie sein Gesicht und hauchte einen Kuss auf seinen Mundwinkel. “Und nun hör auf, nach Komplimenten zu angeln, und sag mir, was ich zum Dinner anziehen soll.”

“Was du gerade anhast, gefällt mir ausgezeichnet”, erwiderte er galant und legte ihr die Arme um die Taille. “Du bist immer wunderschön.”

Ehe sie darauf antworten konnte, klopfte es an der Tür zum Flur.

“Beno mesa!”

Beinahe automatisch hatte Constantine den Besucher hereingebeten. Joanna wandte den Kopf, als die Tür geöffnet wurde.

Demetrios blieb auf der Schwelle stehen. Er hatte offenbar ebenfalls geduscht. Das dunkle Haar glänzte feucht und bildete einen starken Kontrast zu seinem hellgrauen Anzug. Ein dunkelblaues hautenges T-Shirt vervollständigte sein Outfit.

Joanna war sich der intimen Szene bewusst, in die Demetrios hereingeplatzt war. Constantine und sie waren nur notdürftig bekleidet, und Constantines Hände auf ihrem Körper mussten eindeutig besitzergreifend wirken. Sie hätte nicht sagen können, wer von ihnen bestürzter war. Constantine schien sich kaum dafür zu interessieren, warum sein Sohn hier war, während Joanna am liebsten im Boden versunken wäre. Demetrios war sichtlich verblüfft über die Anwesenheit seines Vaters in Joannas Suite.

Was hat er denn erwartet?, fragte sie sich wütend. Was glaubte er wohl, warum Constantine sie hergebracht hatte, wenn nicht, um ihre Gesellschaft zu genießen? Glaubte er etwa, sein Vater sei zu alt, um sich an weiblicher Nähe zu erfreuen? Und außerdem … wieso kam er überhaupt ungebeten in ihre Räume? Wenn jemand etwas zu erklären hatte, dann Demetrios.

2. KAPITEL

“Demetri?” Sein Vater wartete offenbar auf eine Erklärung, doch Demetri hatte keine. Er war fassungslos über den Anblick der Hände seines Vaters auf Joanna Mannings Hüften. Die braunen Hände, auf denen sich bereits die ersten Altersflecken zeigten, hoben sich dunkel vom roten Satin ihres Morgenrocks ab – unter dem sie nichts weiter trug, wie er vermutete. Khristo, was hatten die beiden gerade getan? Zusammen geduscht?

Die Fantasie ging mit ihm durch. Er hatte nicht geahnt, dass ihr Haar so lang war, doch nun fiel es ihr hell und seidig über die Schultern. Das rote Gewand war ähnlich provokativ und lenkte seine Aufmerksamkeit auf ihre schlanke Gestalt, indem es ihre schmale Taille und langen Beine betonte.

Zu Demetris Entsetzen reagierte sein Körper sofort. Verärgert riss er sich zusammen. Sein Vater wartete auf eine Antwort, und er wollte unbedingt vermeiden, dass der alte Mann erriet, wie sehr sein Sohn von dieser … dieser – er suchte nach einem geringschätzigen Ausdruck – Person fasziniert war.

“Ich … Guten Abend, Papa, Mrs. Manning”, improvisierte Demetri. “Ich hoffe, es ist alles zu eurer Zufriedenheit?”

Sein Vater runzelte die Stirn. “Wir sind schon seit zwei Tagen hier”, erinnerte er ihn und ließ Joanna los. “Ich glaube nicht, dass deine Sorge um unser Wohlbefinden der eigentliche Grund für diese Störung ist.”

Natürlich nicht. Allerdings hatte er nicht damit gerechnet, seinen Vater hier anzutreffen. Er war wegen Mrs. Manning gekommen und hatte gehofft, ein paar Minuten ungestört mit ihr reden zu können.

“Ich wollte mit dir sprechen, Papa”, behauptete er rasch. Vielleicht war es sogar ganz gut so. Seine Reaktion auf diese Frau hatte ihn selbst überrascht. Es wäre unvorstellbar peinlich geworden, wenn sie seine Erregung bemerkt hätte und Constantine nicht in der Nähe gewesen wäre. Theos! Ihm brach der Schweiß aus. Was, zum Teufel, war mit ihm los?

“Und du hattest angenommen, ich wäre hier bei Joanna?”

Sein Vater war kein Narr, und Demetri musste sich schleunigst etwas überlegen. “Ich habe an deine Tür geklopft, erhielt aber keine Antwort.” Er betete im Stillen, dass Philip, der Kammerdiener seines Vaters, ihn nicht Lügen strafen würde. “Doch das ist ja jetzt egal. Wie ich sehe, bist du … anderweitig beschäftigt.” Er erstickte fast an den Worten. “Die Sache kann bis morgen warten.”

“Davon bin ich überzeugt.” Constantine wollte ihn eindeutig loswerden.

Nach einem kurzen Blick in Joannas Richtung verließ Demetri den Raum. Draußen blieb er stehen und atmete tief durch. Er war aufgewühlt, und obwohl er wusste, dass er sich so schnell wie möglich entfernen sollte, zögerte er. Das Bild der beiden hatte sich ihm ins Gedächtnis gebrannt und würde sich so leicht nicht verdrängen lassen. Im Zimmer hinter ihm herrschte völlige Ruhe. Sein Vater und dessen Geliebte setzten offenbar die Beschäftigung fort, bei der sie gestört worden waren. Demetri brauchte keine Kristallkugel, um zu erraten, was es war.

Leise vor sich hin fluchend ging er den Korridor entlang zur Treppe. Es würde verheerende Folgen haben, falls er versuchte, Mrs. Manning nachzustellen. Wann hatte er eigentlich begonnen, sich von seinen Hormonen statt vom Verstand leiten zu lassen?

Der Salon war inzwischen aufgeräumt worden. Um Platz für die zahlreichen Gäste zu schaffen, hatte man die Möbel beiseite gerückt und nun wieder zu behaglichen Sitzgruppen arrangiert. Üppige Blumengestecke verströmten ihren Duft und vertrieben die schalen Gerüche von kaltem Tabakrauch und Parfüm.

“Kann ich Ihnen etwas bringen, Sir?”

Demetri drehte sich um und sah sich einem Diener gegenüber. Am liebsten hätte er eine Flasche Scotch geordert, um sich damit in den hintersten Winkel des Grundstücks zu verziehen und sinnlos zu betrinken. Doch er war nicht umsonst seines Vaters Sohn, und ein Kastro machte sich nicht zum Narren – insbesondere nicht vor Dienstboten.

“Nein, danke”, erwiderte er und setzte sich in einen Sessel. Mit grimmiger Miene blickte er aus dem Fenster.

So fand ihn Spiro zehn Minuten später vor. Obwohl das Zimmer nur schwach beleuchtet war, entdeckte er seinen Arbeitgeber und Freund sofort. “Ich glaube, deine Schwester und die anderen Dinnergäste haben sich in der Bibliothek versammelt”, sagte er. “Was machst du hier? Schmollen?”

“Hüte deine Zunge”, warnte Demetri.

“Man hat dich wohl zum Teufel gejagt”, fuhr Spiro unbeeindruckt fort. “Was ist los? Hat sie dir erklärt, dass sie aufs Ganze gehen will?”

“Unsinn!” Demetri stand auf und schaute sich suchend um. “Gibt es hier irgendetwas zu trinken?”

Spiro schob die Hände in die Hosentaschen. “Sieht nicht so aus. Warum leisten wir nicht den Gästen deines Vaters Gesellschaft? In der Bibliothek ist eine Bar.”

“Danke, das weiß ich. Wieso gehst du nicht hinüber? Ich bin nicht in der Stimmung für Plaudereien.”

“Warum nicht?”

“Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten, Spiro. Du bist nicht mein Aufpasser.”

Spiro zuckte die Schultern. “Du bist also abgeblitzt.”

“Nein. Ich konnte nicht einmal mit ihr sprechen.”

“War sie nicht in ihrer Suite?”

“Oh doch. Allerdings war sie nicht allein.”

Spiro pfiff leise durch die Zähne. “Nun, morgen ist ja auch noch ein Tag.”

“Ja.” Demetri nickte ironisch. “Und übermorgen und der Tag nach übermorgen … Komm, besorgen wir uns einen Drink. Ich möchte nicht, dass der alte Mann denkt, ich hätte etwas zu verbergen.”

“Glaubst du, er könnte auf diese Idee verfallen?”

“Wer weiß.” Demetri machte eine wegwerfende Geste. “Ich frage mich, warum er sie hergebracht hat.”

“Dreimal darfst du raten.”

“Sie soll als sein Gast an Alex’ Hochzeit teilnehmen.” Demetri überlegte. “Wo mag Mr. Manning stecken?”

“Falls es überhaupt einen Mr. Manning gibt.”

“Denkst du, sie lügt?”

“Nein.” Spiro schüttelte den Kopf. “Aber sie trägt keinen Ring. Meinst du, sie ist geschieden?”

Demetri hatte genug von der Unterhaltung. “Ringe bedeuten heutzutage nichts mehr. Was soll’s? Sie ist hier. Nur das zählt.”

“Denkst du, die Sache ist etwas Ernstes?”

Demetri war ratlos. “Denkst du es?”

“Vielleicht. Dein Vater scheint sie sehr zu mögen.”

“Was willst du damit andeuten? Dass er vorhat, sie zu heiraten?”

“Wohl kaum. Aber schwere Krankheiten verändern den Menschen. Wenn man an die eigene Sterblichkeit erinnert wird, verspürt man plötzlich den verzweifelten Wunsch, das Leben zu genießen.”

“Seit wann bist du ein Philosoph?”, spottete Demetri.

“Ich versuche lediglich, objektiv zu sein”, verteidigte sich Spiro. “Entgegen allen Behauptungen vermittelt Mrs. Manning mir nämlich nicht den Eindruck, dass sie nur aus finanziellen Motiven mit deinem Vater zusammen ist.”

“Kennst du sie so gut?”

“Nein. Allerdings war ich gestern hier, als sie ankamen und habe sie beobachtet. Ich könnte schwören, dass die beiden einander schon sehr lange kennen.”

“Kennen Sie meinen Vater schon lange?”

Die Frage wurde von einer schlanken, dunkelhaarigen Frau gestellt, deren Ähnlichkeit mit ihrem Vater unübersehbar war. Constantine hatte Joanna erzählt, dass Olivia mit neunzehn geheiratet hatte, doch die Ehe war gescheitert. Constantines Meinung nach war Olivia zu verwöhnt und dickköpfig gewesen, um sich den Wünschen ihres Ex-Gatten zu beugen. Wenige Monate nach der Hochzeit mit Andrea Petrou war sie nach Theopolis zurückgekehrt und hatte seither auch kein Interesse an einem anderen Mann gezeigt.

Olivia war das älteste der drei Kastro-Kinder. Mit sechsunddreißig hielt sie sich für die Herrin des Hauses, was vielleicht ihr Misstrauen Joanna gegenüber erklärte. Möglicherweise betrachtete sie die andere Frau als Bedrohung ihrer Autorität.

Sie war Joanna zu den Vitrinen gefolgt, in denen ihr Vater seine Sammlung von Schnupftabaksdosen aufbewahrte. Der Moment war geschickt gewählt, und Joanna erkannte, dass es ein Fehler gewesen war, sich zu weit von Constantine zu entfernen und so einem Kreuzverhör auszuliefern.

“Ziemlich lange”, erwiderte sie und konzentrierte sich auf die Tabatieren. Sie hatte viele der Dosen Constantine persönlich überbracht, und es war faszinierend, die Stücke nebeneinander zu sehen. “Sind sie nicht wunderschön?”, fügte sie hinzu, um Olivia abzulenken.

“Nun, zumindest sind sie wertvoll”, meinte Olivia. “Interessieren Sie sich für Antiquitäten, Mrs. Manning?”

Joanna ignorierte die Anspielung geflissentlich. “Sie sind Bestandteil meines Berufs. Durch sie habe ich auch Ihren Vater getroffen.”

“Tatsächlich?”

“Ja, wirklich.” Joanna wählte ihre Worte mit Bedacht. “Ich arbeite für ein Londoner Auktionshaus. Und was machen Sie, Mrs. Petrou?”

“Was ich mache?” Olivia war sichtlich fassungslos.

Bevor sie jedoch mehr sagen konnte, gesellte sich ihr Vater zu ihnen und legte den Arm um Joannas Taille. “Lass mich überlegen … Sie ist eine fabelhafte Tänzerin, eine Wassersportexpertin und ein Genie beim Geldausgeben. Mein Geld”, betonte er trocken. “Ist es nicht so, Livvy? Oder habe ich etwas vergessen?”

“Du lässt mich ja nichts anderes tun”, beschwerte sie sich. Es kostete sie einige Anstrengung, ihren Zorn zu verbergen. “Jedenfalls glaube ich nicht, dass es Mrs. Manning etwas angeht.”

Betroffen erkannte Joanna, dass sie sich eine Feindin geschaffen hatte. Keiner von Constantines Sprösslingen würde je ihn für die peinliche Situation verantwortlich machen. Die drei waren zweifellos der einhelligen Ansicht, dass sie die Affäre eingefädelt habe.

Da ihr klar war, dass sie Olivia durch nichts besänftigen konnte, wandte Joanna sich Constantine zu. “Wie geht es dir? Du siehst müde aus. Möchtest du nicht lieber oben essen?”

“Das könnte dir so passen”, raunte er ihr zu. Er wirkte tatsächlich erschöpft. Die Anstrengungen des Tages forderten ihren Tribut, doch Constantine wollte keine Schwäche zeigen. “Wie könnte ich unsere Gäste allein lassen? Das Dinner wird gleich serviert.” Er hielt sein Glas gegen das Licht. “Wusstest du eigentlich, dass es nur in Griechenland echten Ouzo gibt? Ich habe ihn im Ausland probiert, aber dort schmeckt er nicht.”

“Darfst du denn Alkohol trinken, Papa?”, warf Olivia ein. “Du warst krank. Ich mache mir große Sorgen um dich.” Sie blickte Joanna verächtlich an. “Du musst dich schonen.”

Constantine presste die Lippen zusammen. “Es freut mich, dass du dich um mein Befinden sorgst, Livvy, aber Demetri hat dir sicher erzählt, dass ich mich sehr wohl fühle. Außerdem kümmert sich die schöne Joanna um mich. Sie kann strenger sein als der beste Arzt.”

Und doppelt so teuer. Joanna konnte Olivias Gedanken förmlich hören. In diesem Moment betrat Demetrios den Raum, und seine Schwester schaute sofort in seine Richtung. Joanna unterdrückte ein Seufzen. Sie war Constantines Sohn tatsächlich dankbar, dass er Olivia von ihr ablenkte.

Spiro Stavros begleitete seinen Arbeitgeber. Beide Männer waren Anfang Dreißig, groß und muskulös gebaut, aber Spiro fehlten Demetrios’ markante Züge. Trotzdem war Joanna Spiros unverhohlene Zurückhaltung deutlich lieber als Demetrios’ kalte Augen und dunkle Attraktivität.

Olivia eilte ihrem Bruder entgegen, und Constantine nutzte die Gelegenheit, um Joanna zuzuflüstern: “Lass dich von Livvy oder Demetri nicht ärgern. Sie sind neugierig, das ist alles. Solange du deine Rolle spielst und dich nicht zu unbedachten Äußerungen hinreißen lässt, ist alles in Ordnung.”

Joanna wünschte, sie wäre ähnlich zuversichtlich. Constantines Reichtum war ihr ebenso fremd wie seine Macht oder das Gefühl, dass jeder sie für eine Glücksritterin hielt. Dabei war sie nicht im Mindesten an seinem Geld interessiert. Allmählich dämmerte ihr, dass die Zweifel, die sie bereits in England geplagt hatten, berechtigt waren.

“Glaubst du, sie halten uns für ein Liebespaar?”, fragte sie leise.

Constantine schmunzelte. “Oh ja, das tun sie. Und ich fange an, es zu genießen.”

Das Dinner wurde im “Esszimmer der Familie”, wie Constantine es nannte, serviert. Auf Joanna wirkte der Raum mit dem Marmorboden und der hohen Decke eher wie ein Ballsaal. Am Vorabend hatte sie mit ihm in seiner Suite gespeist, und obwohl die ständige Anwesenheit der Dienstboten sie zunächst ein wenig irritiert hatte, war die Mahlzeit entspannt verlaufen. Joanna war noch ganz verzaubert von der märchenhaften Umgebung gewesen und hatte sich eingeredet, dass alles nicht so schlimm werden würde, wie sie befürchtet hatte.

Ein unverzeihlicher Irrtum!

Bei der ersten Begegnung hatte Olivia ihre Krallen noch nicht gezeigt. Alex war bei ihrem Verlobten in Athen, und Demetri hatte eine Besprechung mit Bankiers in Genf gehabt, so dass Olivia allein und völlig unvorbereitet auf Joannas Ankunft gewesen war. Joanna fragte sich, ob Constantine seine Familie tatsächlich über die Identität seines Gastes informiert hatte. Er hatte es zwar behauptet, aber Olivia war eindeutig schockiert über die Beziehung gewesen. Ob Constantine klar gewesen war, wie feindselig seine Kinder reagieren würden?

An der Tafel saßen neben Constantines Sohn und Tochter, Spiro Stavros und drei weitere Gäste: Nikolas Poros und seine Frau sowie ein alter Onkel von Constantines zweiter Frau, der ebenfalls in der Villa lebte. Panos Petronides war in den Achtzigern, wirkte aber Jahre jünger.

Die einheimischen Gerichte, die serviert wurden, waren köstlich. Es gab gefüllte Weinblätter, Souvlakia, Tomaten mit Ziegenkäse, kaltes Fleisch, Salate und natürlich Retsina, den mit Harz aromatisierten Wein der Region. Zu Joannas Erleichterung wurde während der Mahlzeit nur wenig gesprochen. Sie beobachtete Constantine verstohlen. Sollte er die ersten Anzeichen von Erschöpfung zeigen, war sie bereit, ihn nach oben zu begleiten. Demetrios hatte allen Grund, am Gesundheitszustand seines Vaters zu zweifeln. Constantine war sehr schwach, und Joanna hoffte inständig, er möge das Täuschungsmanöver durchhalten, bis die Hochzeit vorüber war.

Später wurde im angrenzenden Wohnzimmer Kaffee gereicht. Constantine ließ sich auf einem der Sofas nieder und forderte Joanna auf, neben ihm Platz zu nehmen – vermutlich wollte er vermeiden, dass Olivia sich zu ihm setzte.

Er deutete auf eine silberne Platte mit süßem Gebäck auf einem der Beistelltische. “Bedien dich.”

Joanna, die nur wenig gegessen hatte, schüttelte den Kopf. “Nein, danke.” Da Demetri sich inzwischen genähert hatte und den Inhalt der Schale inspizierte, wartete sie, bis er sich für ein Dessert entschieden hatte und damit zu seinem Sessel zurückgekehrt war. “Möchtest du etwas?”, fragte sie dann.

“Ja, aber nichts zu essen”, erwiderte er, was ihm einen düsteren Blick von seinem Sohn einbrachte. An Demetrios gewandt fügte er hinzu: “Wir unterhalten uns morgen früh. Du kannst mir berichten, was während meiner Abwesenheit passiert ist. Nikolas Poros erzählte mir, dass zwei unserer Tanker nutzlos in Piräus liegen. Hoffentlich hast du eine gute Erklärung dafür.”

“Sie liegen nicht nutzlos vor Anker”, protestierte Demetrios empört. “Hat Poros dir nicht gesagt …”

“Morgen, Demetri”, unterbrach ihn sein Vater und lächelte Joanna an. “Ich bin ein wenig müde, agapi mou. Bist du fertig?”

“Ja, natürlich.”

“Du willst uns doch nicht etwa auch Mrs. Mannings Gesellschaft berauben?”, warf Demetrios ein und erntete erneut das Missfallen seines Vaters. “Vielleicht hat Mrs. Manning ja Lust auf einen kleinen Bummel durch den Park. Wie ich hörte, haben Engländer eine Schwäche für gepflegte Gärten. Ist es nicht so, Mrs. Manning?”

“Ich lebe in einem Hochhaus, Mr. Kastro”, erklärte sie ihm ausweichend.

Bevor sie noch mehr äußern konnte, ergriff Constantine das Wort. “Joanna ist ebenfalls müde.”

Demetrios ließ sich jedoch nicht beirren. “Bist du sicher, Papa? Sie ist schließlich erheblich jünger als du, wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf.”

“Du überschreitest deine Grenzen, Demetri.” Diesmal war Constantines Ärger unverkennbar.

“Vielleicht solltest du Mrs. Manning selbst entscheiden lassen.”

Joanna seufzte. “Ihr Vater hat Recht. Ich bin müde. Es war ein anstrengender Tag.”

Ein Lächeln umspielte Demetrios’ Lippen. “Davon bin ich überzeugt.” Unvermittelt erhob er sich. “Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden …” Ohne die Erlaubnis seines Vaters abzuwarten, verließ er das Zimmer.

3. KAPITEL

Trotz der morgendlichen Hitze war das Wasser im Pool noch kalt – was Demetri sehr willkommen war. Er hatte nicht nur unruhig, sondern extrem schlecht geschlafen und war von Träumen heimgesucht worden, über die er in wachem Zustand lieber nicht nachdenken wollte. Es frustrierte ihn, dass er nicht im Stande war, sein Unterbewusstsein zu kontrollieren, und deshalb im kühlen Nass versuchen musste, seine aufgewühlten Sinne abzulenken.

Mit kraftvollen Zügen schwamm er Bahn um Bahn, nach jeder Wende tauchte er so lange, bis ihm die Lungen brannten. Als er an die Oberfläche kam, sah er plötzlich, dass er nicht mehr allein war.

Eine Frau hatte die Villa verlassen. Dass sie ihn noch nicht entdeckt hatte, erkannte er an der Art und Weise, wie sie unbekümmert den Patio durchquerte und die Hände auf die Balustrade stützte. Sie legte den Kopf zurück und streckte das Gesicht der Sonne entgegen.

Joanna Manning war schön. Und nun, da er Gelegenheit hatte, sie unbemerkt zu betrachten, musste Demetri einräumen, dass er seinen Vater verstand. Sie trug eine ärmellose Weste aus einem weichen, seidigen Material, das sich an ihre vollen Brüste schmiegte. Ihm stockte der Atem, als sie sich rekelte und die festen Knospen sich deutlich unter dem dünnen Stoff abzeichneten. Um die Taille hatte sie einen Sarong geschlungen, ein durchsichtiges Tuch in Rot- und Grüntönen, das den Bikinislip darunter mehr enthüllte als bedeckte. Es umwehte ihre schier endlosen, wohlgeformten Beine, und Demetri spürte, wie sein Körper sofort reagierte – trotz des kalten Wassers.

Theos! Ich führe mich auf wie ein unreifer Teenager, dachte er. Zugegeben, sie war schön, aber er hatte früher schon schöne Frauen gesehen. Er war vierunddreißig und hatte mit etlichen von ihnen geschlafen, deshalb machte es ihn rasend, dass er ausgerechnet diese Frau begehrte – die Geliebte seines Vaters.

Jetzt ließ sie die Finger durchs Haar gleiten und drehte es zu einem Knoten am Hinterkopf, den sie mit einer großen Klammer befestigte. Ein paar Strähnen entschlüpften ihr und ringelten sich um ihre Wangen, die so weich und samtig wie ein Pfirsich waren. Demetri war klar, dass er etwas unternehmen musste, wenn er sich nicht vollends blamieren wollte. Also sprang er aus dem Pool und wickelte sich ein Handtuch um die Hüften.

Natürlich hörte sie ihn. Das Tosen der Brandung drang zwar vom Meer herüber, doch auf Grund der Entfernung klang es eher gedämpft.

Erschrocken, beinahe schuldbewusst, wandte Joanna sich zu ihm um. “Oh … Mr. Kastro. Ich habe Sie nicht gesehen.”

“Nein.” Er streifte seine Leinenschuhe über die nassen Füße und ging zu ihr. “Haben Sie gut geschlafen?”

Sie lächelte schwach. “Danke der Nachfrage. Und Sie?”

Er zuckte die Schultern. “Nicht besonders”, gestand er. “Wo ist mein Vater?”

“Wo sollte er denn Ihrer Meinung nach um diese Zeit sein?”, konterte sie errötend. “Er ist noch im Bett und schläft.”

Demetri presste die Lippen zusammen. “Was tun Sie hier so früh? Oder ist dies Ihre einzige Fluchtmöglichkeit?”

“Fluchtmöglichkeit?” Zorn blitzte in ihren blauen Augen auf. “Wovor sollte ich fliehen, Mr. Kastro? Ihr Vater und ich verstehen uns ausgezeichnet.”

“So?” Es ärgerte ihn, dass er versucht war, ihr zu glauben. “Das ist für Sie beide bestimmt sehr praktisch.”

“Jawohl.” Sie stützte sich wieder auf die Balustrade und blickte aufs Meer hinaus. “Wollen Sie nicht ins Haus gehen und sich etwas anziehen, Mr. Kastro? Ich möchte nicht, dass Sie sich erkälten.”

Er rührte sich nicht von der Stelle. “Ich möchte die Gelegenheit nutzen, Sie besser kennen zu lernen.”

“Dazu besteht keine Notwendigkeit, Mr. Kastro”, entgegnete sie, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.

“Sie irren sich.” Am liebsten hätte er ihren zarten Hals gestreichelt. “Außerdem finde ich, wir können auf Förmlichkeiten verzichten, oder?”

Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, und sein Magen krampfte sich zusammen. Theos! Die Intensität seiner Empfindungen erinnerte ihn daran, dass er mit dem Feuer spielte. Warum hörte er nicht auf? Er hätte seinen Vater zur Rede stellen sollen, nicht sie.

“Von welchen Förmlichkeiten reden Sie?”, erkundigte sie sich.

Es dauerte einen Moment, bis er sich wieder gefangen hatte. “Sie könnten mich Demetri nennen”, schlug er vor. “Darf ich Joanna zu Ihnen sagen?”

Ihre zweifelnde Miene verriet, dass sie eigentlich mit Vorwürfen gerechnet hatte. Lange Wimpern, um einiges dunkler als ihr Haar, beschatteten ihre Augen. Statt jedoch zu triumphieren, weil er einen winzigen Sieg errungen hatte, malte er sich plötzlich aus, wie diese Wimpern sich unter seinen Lippen anfühlen mochten. Er sehnte sich danach, ihren verführerischen, schlanken Körper an sich zu pressen und sein Verlangen zu stillen …

“Ich halte das für keine gute Idee, Mr. Kastro”, erklärte sie, und er war schlagartig ernüchtert. “Sie mögen mich nicht, also warum tun Sie so, als wollten Sie mich kennen lernen?”

Ja, warum eigentlich?

“Ich will mehr über Sie erfahren.” Er hatte nichts mehr zu verlieren. “Warum haben Sie Angst, mit mir zu reden? Bin ich so Furcht einflößend?”

Sie drehte sich zu ihm um und verschränkte die Arme vor der Brust. “Ich habe keine Angst vor Ihnen, Mr. Kastro. Worüber möchten Sie sprechen?”

Ihre Unerschütterlichkeit verblüffte ihn. “Wie haben Sie meinen Vater getroffen?”

Joanna straffte die Schultern. “Wir sind uns in London begegnet.”

“Das hatte ich vermutet.” Demetri zögerte. “Ich habe Sie gefragt, wie Sie meinen Vater getroffen haben, Mrs. Manning, nicht wo.”

Sie senkte den Kopf, und unwillkürlich folgte er ihrem Blick. Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie keine Schuhe trug. Die Art und Weise, wie sie mit der Sohle eines Fußes über den Spann des anderen rieb, hatte etwas unbeschreiblich Sinnliches.

“Waren Sie seine Krankenschwester?”

“Seine Krankenschwester?” Sie lächelte. “Himmel, nein.”

“Was dann?” Allmählich verlor er die Geduld. “Seine Ärztin?”

Sie schüttelte den Kopf. “Ich habe keinen medizinischen Beruf, Mr. Kastro.”

“Spielen Sie nicht mit mir, Mrs. Manning”, warnte er.

Joanna wurde wieder ernst. “Das würde mir nie in den Sinn kommen. Mich wundert nur, warum Sie unbedingt wissen wollen, womit ich meinen Lebensunterhalt verdiene.”

“Es hat mich lediglich interessiert, wie ein Mann, der die letzten zwei Wochen im Krankenhaus verbracht hat, eine so enge Beziehung zu einer Frau knüpfen konnte, von der seine Familie nichts ahnte.”

Sie atmete tief durch. “Vielleicht wollte er mich Ihnen persönlich präsentieren.”

“Sie weichen mir schon wieder aus, Mrs. Manning. Sie haben Livvy gegenüber zwar behauptet, meinen Vater bereits seit langem zu kennen, doch ich vermute, dass es sich eher um eine stürmische Romanze handelt.”

“Nein! Was ich Ihrer Schwester gesagt habe, war die Wahrheit. Ich arbeite seit einigen Jahren für das Auktionshaus Bartholomew’s. Als Sammler antiker Tabatieren ist Ihr Vater dort seit langem Kunde.”

Demetri war sprachlos. Aufgrund ihrer Schönheit war er geneigt gewesen, sie als dummes Blondchen abzutun. Dass sie eine Karriere fernab der Kosmetikbranche hatte, verwirrte ihn mehr, als er zugeben wollte. Dadurch erschien ihre Affäre mit seinem Vater in einem ganz anderen Licht.

“Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden …”

Sie ließ ihn stehen, und Demetri fiel beim besten Willen keine Ausrede ein, sie daran zu hindern. “Bis später”, rief er ihr nach, aber sie antwortete nicht.

Als Joanna ihre Suite erreichte, zitterte sie am ganzen Leib. Nie im Leben hätte sie sich ins Freie gewagt, wenn sie damit gerechnet hätte, Demetrios Kastro über den Weg zu laufen. Noch dazu einem nackten Demetrios Kastro! Bei dem bloßen Gedanken daran wurde ihr die Kehle eng.

Als sie vom Balkon hinuntergeblickt hatte, war niemand zu sehen gewesen, außer ein paar Gärtnern und einem Jungen, der die Stufen gefegt hatte. Aber auch er war verschwunden gewesen, als sie die Villa verließ und zur Terrassenmauer ging.

Der Blick war atemberaubend. Ein wahrer Blütenteppich erstreckte sich den Hang hinab bis an den feinen weißen Sandstrand. Ein breiter Landungssteg ragte ins blaugrüne Wasser der Ägäis, an seiner Spitze lag ein eleganter Zweimaster vor Anker – das perfekte Spielzeug für einen Millionär.

Doch dann war Demetrios aus dem Pool geklettert, und alles hatte sich geändert. Das Gefühl des Wohlbefindens und der Freiheit war schlagartig der Anspannung gewichen, die sie stets in Gegenwart dieses Mannes empfand. Sie kannte ihn zwar erst vierundzwanzig Stunden, und trotzdem gelang es ihm, sie sofort zu verunsichern, sobald er in ihre Nähe kam. Er mochte sie nicht, so viel stand fest. Mehr noch, er verachtete sie für das, was sie seiner Meinung nach mit seinem Vater verband.

Seufzend schüttelte Joanna den Kopf. Es ärgerte sie, dass sie sich von Demetrios die Laune hatte verderben lassen. Sie durchquerte das Schlafzimmer und ging ins Bad.

Nach dem Duschen fühlte sie sich ein wenig besser und war bereit, sich dem Tag zu stellen. Constantine hatte ihr einen Ausflug nach Agios Antonis versprochen, und sie freute sich darauf, die Insel zu erforschen. Die zwei Tage seit ihrer Ankunft hatten sie ausschließlich in der Villa verbracht. Nach dem Flug von London war er erschöpft gewesen, und die Willkommensparty am Vortag hatte zusätzlich an seinen Kräften gezehrt. Joanna wusste, dass er die Feier am liebsten verschoben hätte, doch er hatte Olivia nicht enttäuschen wollen, die sich mit der Organisation so viel Mühe gegeben hatte. Außerdem hatte er nicht vor, mit seiner Familie über seine Krankheit zu sprechen, bevor die Hochzeit seiner jüngsten Tochter vorbei war.

Nachdem sie sich das Haar getrocknet hatte, ging Joanna ins angrenzende Ankleidezimmer. Deckenhohe Schränke verstellten zwei der Wände. Die Sachen, die sie mitgebracht hatte, wirkten verloren in den riesigen Abteilen.

Constantine hatte darauf bestanden, sie anlässlich der Reise nach Theopolis komplett neu auszustatten. Obwohl Joanna sich dagegen gesträubt hatte, musste sie zugeben, dass ihre gewohnte Garderobe einem Vergleich mit den Designerstücken, die sie seit ihrer Ankunft hier gesehen hatte, nicht standgehalten hätte. Normalerweise verzichtete sie auf alles, was ihre Weiblichkeit betonen könnte, aber Constantine hatte sie letztlich davon überzeugt, dass ihre schlichten Kostüme und Hosenanzüge für den heißen, trockenen Inselsommer absolut ungeeignet seien. Überdies hätten sie nicht zu dem Bild gepasst, das alle sich von ihr machen sollten.

Vielleicht hatte sie auch ein wenig für ihr Ego tun wollen. Die teuren Kreationen waren allesamt geschaffen, um männliche Aufmerksamkeit zu erregen. Durchsichtige Blusen und knappe Leggings, tief ausgeschnittene Tops und hautenge Röcke, manche sogar mit einem Schlitz bis zur Hüfte – alles Outfits, die sie noch vor zwei Wochen wie die Pest gemieden hätte.

Das war nicht immer so gewesen. Einst hätte sie sich am Stil und der Schönheit der Modelle erfreut. Natürlich hatte sie nie etwas derart Aufreizendes besessen, aber sie war stolz auf ihren Körper gewesen und hatte sich so gekleidet, dass ihre Vorzüge zur Geltung kamen. Nachdem sie so viele Jahre in dem Glauben verbracht hatte, wertlos zu sein, hatte sie die erste Gelegenheit ergriffen, mehr aus sich zu machen. Sie hatte bewundert werden und sich schön fühlen wollen.

Und dann war sie Richard Manning begegnet …

Energisch verdrängte Joanna die Erinnerung an Richard. Er war Vergangenheit und hatte sie zum letzten Mal verletzt und gedemütigt. Es war Zeit, dass sie endlich wieder an sich dachte.

Als sie sich angezogen hatte, betrachtete sie sich im Spiegel. Die limonengrünen Seidenshorts waren zwar schmeichelhaft, aber sie war es einfach nicht gewöhnt, ihre Beine zur Schau zu stellen. Gleichviel, Constantine würde es gefallen, und nur das zählte.

Wo war eigentlich Constantine? Er hatte gesagt, er wolle sich das Frühstück wie am Vortag auf dem Balkon servieren lassen, doch als Joanna hinaustrat, war der Tisch noch nicht einmal gedeckt. Was war los? Demetrios hatte seinen Vater bestimmt nicht warten lassen, er war viel zu versessen darauf gewesen, mit ihm zu sprechen. Andererseits …

Sie kehrte ins Zimmer zurück und klopfte an die Verbindungstür.

Constantines Kammerdiener Philip öffnete ihr. “Kalimera, Kiria Manning”, begrüßte er sie. Er war Ende Fünfzig und schon seit über dreißig Jahren bei Constantine. Hager und ernst war er das genaue Gegenteil dessen, was Joanna sich unter einem souveränen Diener vorstellte. Kirie Kastro ist noch nicht auf, kiria”, fügte er in einem kaum verständlichen Englisch hinzu.

Stirnrunzelnd spähte sie an ihm vorbei ins Wohnzimmer. “Geht es ihm gut?”, fragte sie, ohne auf die abweisende Miene des Mannes zu achten. “Kann ich ihn sehen?”

“Ich glaube nicht …”

“Pios ineh, Philip? Wer ist denn dort?” Constantines Stimme klang matt.

Joanna ignorierte die Versuche des Dieners, ihr den Weg zu versperren, und betrat die Suite. “Ich bin es, Constantine”, rief sie, während sie den Raum durchquerte. “Darf ich hereinkommen?”

“Natürlich …”

Constantine hatte nicht die geringsten Hemmungen, sie in sein Schlafzimmer zu bitten. Warum auch? Schließlich waren sie angeblich ein Liebespaar.

Erschrocken blieb sie auf der Schwelle stehen. Constantine ruhte an einen Berg Kissen gelehnt im Bett. Sein Gesicht war so weiß wie das Laken, das ihn von der Brust bis zu den Füßen bedeckte.

“Komm näher”, flüsterte er. “Schau mich nicht so an, aghapitos. Noch sterbe ich nicht.”

Vorsichtig setzte Joanna sich auf die Bettkante und nahm seine Hand. “Wage es nicht”, warnte sie ihn betont heiter. “Hast du einen Arzt gerufen?”

“Was könnte der schon für mich tun? Mir wird bereits jetzt von dem Pillencocktail übel, den ich täglich schlucken muss – noch mehr Tabletten will ich nicht. Ich brauche lediglich ein paar Stunden Ruhe. Würdest du Demetri und Olivia ausrichten, dass ich heute etwas faul bin?”

Sie seufzte. “Solltest du es ihnen nicht besser selbst sagen?”

“Damit sie mich so sehen?” Er schüttelte den Kopf. “Ich kenne die beiden, Joanna. Demetri würde sofort Tsikas, den Inselarzt, herbeordern – und zwar völlig unnötigerweise. Ich möchte niemanden beunruhigen. Livvy hat mit den Vorbereitungen für Alex’ Hochzeit genug um die Ohren, und Demetri muss neben seiner Arbeit auch noch meine bewältigen. Lass ihn in dem Glauben, dass ich auf seine Erklärung warte, warum zwei meiner Schiffe kein Geld einfahren. Ich bitte dich, gib ihnen keinen Anlass zu Zweifeln oder Sorgen.”

“Es wird ihnen nicht gefallen, wenn ich ihnen deine Entschuldigung überbringe”, wandte Joanna ein. “Andererseits will ich sie natürlich nicht unnötig ängstigen. Sofern es tatsächlich unnötig ist”, fügte sie skeptisch hinzu.

“Es ist”, versicherte Constantine. “Sag Demetri, dass ich heute Nachmittag mit ihm rede. Ich habe meine Medikamente genommen, und in ein paar Stunden bin ich so gut wie neu.”

Schön wär’s, dachte sie unglücklich. Es hatte jedoch keinen Sinn, mit ihm zu streiten. Trotz seiner körperlichen Schwäche war Constantines Willen so stark wie je.

“Ich werde tun, was ich kann.” Joanna freute sich nicht gerade darauf, den Kastro-Sprösslingen die Nachricht ihres Vaters zu übermitteln. “Und nun schlaf ein bisschen.” Sie beugte sich vor und küsste ihn leicht auf die Wange. “Gegen Mittag komme ich wieder und schaue nach dir.”

Er nickte. “Wir werden den Lunch zusammen einnehmen. Oh Joanna, ich wünschte, ich wäre zwanzig Jahre jünger. Dann würde ich nämlich nicht wie ein gestrandeter Wal hier liegen, während die Frau, die ich mehr als jede andere bewundere, ihre Zeit mit meinem Sohn verbringt.”

Lächelnd stand sie auf. Doch als sie hinausging, fragte sie sich unwillkürlich, ob sie sich mit der Reise nicht zu viel zugemutet hatte. Gewiss, sie mochte Constantine, und es war nett, die Zeit mit ihm zu verbringen, der Umgang mit seiner Familie war allerdings etwas ganz anderes. Die Hoffnung, man würde sie willkommen heißen, war wohl recht naiv gewesen, aber mit offener Feindseligkeit hatte sie wirklich nicht gerechnet.

Dabei hatte sie keineswegs feindselige Gefühle gehegt, als Demetrios sie am Morgen auf der Terrasse überrascht hatte. Als er seine Blößen mit einem Handtuch bedeckt hatte – sie war ziemlich sicher, dass er nackt geschwommen war – und auf sie zugekommen war, hatte sie keineswegs Abwehr empfunden. Im Gegenteil, zum ersten Mal seit Jahren hatte sie der Körper eines Mannes erregt.

Philip wartete vor der Schlafzimmertür auf sie. “Mr. Kastro wird den Rest den Vormittags schlafen”, erklärte sie kühl. “Ich komme um eins wieder. Vielleicht bitten Sie die Haushälterin, einen leichten Lunch auf dem Balkon zu servieren.”

Philip sah sie abweisend an. “Für eine Person, kiria?”

“Nein, für zwei. Wie wäre es mit Omelette und Salat?”, fuhr sie liebenswürdig fort. “Wie Sie wissen, isst Mr. Kastro sehr gern Omelette.”

“Veveha, kiria.” Er neigte den Kopf, als Joanna an ihm vorbei hinauseilte.

4. KAPITEL

Demetri frühstückte gerade auf der Terrasse, als Joanna erschien. Um diese Tageszeit war die Luft sehr angenehm, und die Aussicht von hier oben hob regelmäßig seine Lebensgeister.

Eine kleine Aufmunterung konnte er wahrlich vertragen. Seine Begegnung mit der Geliebten seines Vaters hatte ihm die Laune gründlich verdorben. Er fühlte sich provoziert, und zwar auf eine Art und Weise, die ihm absolut nicht behagte.

Und nun tauchte sie schon wieder auf – schlank und verführerisch in einem ärmellosen Top und engen Seidenshorts, die eindeutig nicht vom Wühltisch eines Kaufhauses stammten. Das herrliche Haar hatte sie am Hinterkopf aufgesteckt, ein paar widerspenstige hellblonde Strähnen hatten sich jedoch aus der Frisur gelöst und umschmeichelten ihr Gesicht. Oh ja, sie war schön.

Als sie sich ihm näherte, erhob er sich notgedrungen. Was, zum Teufel, hatte sie mit seinem Vater vor? Demetri glaubte nicht an Leidenschaft zwischen einer jungen Frau und einem alten Mann. Mrs. Manning erhoffte sich etwas von der Beziehung, und er hätte schwören mögen, dass es sich nicht um Sex handelte.

Es freute ihn, dass auch sie nicht sonderlich angetan über das Wiedersehen wirkte. Unwillkürlich fragte er sich, ob sie wohl seinem Vater von dem Intermezzo am Pool berichtet hatte. Falls dem denn so war, konnte er sich des Zorns seines Vaters ziemlich sicher sein. Insbesondere dann, wenn sie auch erwähnt hatte, dass er nackt geschwommen war.

Aber vielleicht war ihr das gar nicht aufgefallen. Immerhin hatte sie seine Anwesenheit erst bemerkt, als er aus dem Wasser gestiegen war. Dem Himmel sei Dank für die Handtücher, dachte er trocken. Mit ihnen ließen sich eine Menge Sünden verbergen.

“Mrs. Manning.” Demetri neigte leicht den Kopf. “Wollen Sie und mein Vater mir beim Frühstück Gesellschaft leisten?”

“Nein.” Sie zögerte. “Das heißt, Ihr Vater wird nicht kommen.”

“Warum nicht? Stimmt etwas nicht?”

“Er ist müde, das ist alles.” Offenbar wusste sie nicht so recht, wohin mit ihren Händen. Letztlich entschied sie sich, sie vor dem Leib zu verschränken, und lenkte so eher unabsichtlich seine Aufmerksamkeit auf den schmalen Streifen nackter Haut zwischen Top und Shorts. “Er hat mich gebeten, Ihnen auszurichten, dass er Sie später sehen wird.”

Demetri presste die Lippen zusammen. Er war es nicht gewöhnt, Neuigkeiten von seinem Vater durch Dritte zu erfahren. Im Krankenhaus hatte er sich wohl oder übel damit abfinden müssen, aber dort hatte wenigstens ein Arzt mit ihm gesprochen. “Sind Sie sicher, dass Sie mir alles erzählt haben?”

Joanna zuckte zusammen. “Natürlich. Darf ich mich zu Ihnen setzen?”, fügte sie zu seiner Überraschung hinzu.

“Bitte”, sagte er mit ausdrucksloser Miene, während sie ihm gegenüber Platz nahm. Bildete er es sich nur ein, oder wollte sie ihn ablenken? “Haben Sie schon gegessen?”

“Nein. Ich habe keinen Appetit. Ich möchte nur Kaffee.”

Wie aufs Stichwort erschien ein Hausmädchen am Tisch und erkundigte sich auf Griechisch, ob Demetrios noch einen Wunsch habe.

Er gelangte zu dem Schluss, dass er Mrs. Manning nicht verhungern lassen dürfe. “Ja, etwas Toast und Kaffee für meinen Gast.”

Das Mädchen zog sich zurück, und er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. “Würden Sie mir jetzt bitte erklären, warum mein Vater nicht mit uns frühstückt?”

Sie errötete. “Ich habe Ihnen doch gesagt …”

“Sie haben gar nichts gesagt. Wollen Sie andeuten, dass er sich nicht wohl genug fühlt, das Bett zu verlassen?”

Ihre Wangen glühten. “Ich sollte Ihnen ausrichten, dass er sich heute Morgen ausruhen möchte. Er ist müde. Erst die Reise von England hierher, dann der gestrige Empfang und das Dinner … So viel Trubel ist er nicht gewohnt, jedenfalls nicht auf einmal.”

“Und was ist mit seiner Beziehung zu einer wesentlich jüngeren Frau?”, warf Demetri gefährlich sanft ein. “Wir wollen nicht Ihre Rolle bei seiner Genesung – oder deren Verzögerung – vergessen. Vielleicht überanstrengen Sie ihn, Mrs. Manning.”

Kaum waren die Worte heraus, bereute er seine unverzeihliche Grausamkeit. Er hatte keinen Grund, sie für die Schwäche seines Vaters verantwortlich zu machen. Krebs schlug wahllos zu, und die Familie sollte ihr dankbar sein, weil sie dem alten Mann in dieser schweren Zeit Trost gespendet hatte. Und doppelt dankbar, denn entgegen allen Prognosen hatte sein Vater die Krankheit besiegt. Möglicherweise hatte sie auch daran Anteil.

Wider Willen empfand er einen Anflug von Mitleid, als er sah, wie sie mit den Tränen kämpfte. Vielleicht war sie eine gute Schauspielerin, aber er vermutete eher, dass er sie tatsächlich verletzt hatte. Die Vernunft sagte ihm, dass dies äußerst unklug war.

Die Rückkehr des Mädchens riss ihn aus seinen Grübeleien. “Ist es recht so, kirie?”

Demetri nickte. “Efkharisto, Pilar.”

Verwundert blickte Joanna auf die Schale mit Toast neben der Kanne mit frischem Kaffee. “Haben Sie das bestellt? Ich wollte doch nur Kaffee.” Ihre Augen funkelten vor Empörung. “Ich habe keinen Hunger, Mr. Kastro. Offen gestanden ist mir nichts unangenehmer als eine gemeinsame Mahlzeit mit Ihnen.”

Er traute seinen Ohren kaum. “Sie haben gefragt, ob Sie sich zu mir setzen dürfen, Mrs. Manning”, erinnerte er sie.

“Das war wohl ein Fehler.” Sie griff zügig nach der Kanne und schenkte sich Kaffee ein. “Da wusste ich noch nicht, welch engstirniger, selbstsüchtiger Flegel Sie sind.” Sie erhob sich, nahm ihre Tasse und wandte sich ab, um den Kaffee in einer friedlicheren Umgebung zu trinken.

“Warten Sie!” Trotz aller Vorbehalte durfte er sie so nicht gehen lassen. “Signomi”, bat er widerwillig. “Es tut mir leid. Ich wollte Sie nicht beleidigen.”

“So?” Joanna blickte ihn verächtlich an. “Sie beschuldigen mich, Ihren Vater mit meinen Ansprüchen zu überfordern, und dann behaupten Sie, Sie hätten mich nicht beleidigen wollen? Also wirklich, Mr. Kastro. Ihnen fällt doch bestimmt etwas Besseres ein.”

Er atmete tief durch. “Ich habe geredet, ohne nachzudenken.”

Sie glaubte ihm kein Wort. “Im Gegenteil, Sie wussten genau, was Sie sagten. Und jetzt bedauern Sie, dass Sie Ihre wahren Gefühle verraten haben. Keine Sorge, Mr. Kastro, ich werde Ihrem Vater mit Sicherheit nichts davon berichten. Zumindest ich habe dafür zu viel Respekt vor ihm.”

Demetri kam um den Tisch herum und hielt sie zurück. “Na gut. Sie haben Recht, und ich habe mich geirrt. Ich wollte Sie provozieren.” Er seufzte. “Theos, Joanna, Sie müssen doch geahnt haben, dass Ihre Anwesenheit auf Widerstand stoßen würde.”

“Wieso?” Sie stutzte. “Sie haben mich soeben Joanna genannt. War das ein weiterer Fehler?”

“Nein. Finden Sie es nicht auch lächerlich, wenn wir uns mit ‘Mrs. Manning’ und ‘Mr. Kastro’ anreden? Ich heiße Demetri, nur meine Feinde nennen mich Demetrios. Wenn wir zu einem Waffenstillstand gelangen wollen, sollten wir wenigstens versuchen, höflich zueinander zu sein.”

“Immerhin schlagen Sie nicht vor, dass wir Freunde werden können”, meinte sie trocken.

“Eines nach dem anderen.” Demetri deutete auf den Tisch. “Bitte, setzen Sie sich wieder zu mir.” Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: “Mein Kaffee wird kalt.”

Noch zögerte sie, aber ihr offensichtlicher Wunsch, von der Familie ihres Liebhabers akzeptiert zu werden, bewog sie schließlich zum Einlenken. Demetri war froh, einen offenen Bruch mit ihr vermieden zu haben. Obwohl ihn der Gedanke an sie und seinen Vater im Bett mit Abscheu erfüllte, durfte er sie sich nicht zu Feindin machen, solange er nicht wusste, wie groß ihr Einfluss auf den alten Mann war.

Du könntest dich gar nicht mit ihr überwerfen, spottete eine innere Stimme. Selbst die Gewissheit, wer sie war und was sie tat, änderte nichts an den unseligen Empfindungen, die sie in ihm weckte. Egal, wie skrupellos sie sein mochte, er begehrte sie. Und dagegen musste er unbedingt etwas unternehmen.

Joanna setzte sich wieder, und Demetri folgte ihrem Beispiel. Unter anderen Umständen hätte er ihre Gesellschaft genossen. Sie war ein erfreulicher Anblick, stellte keine Ansprüche an ihn und sprach mit einem sinnlichen Timbre.

“Es ist ein herrliches Anwesen”, bemerkte sie nach einer Weile.

“Oh ja.” Verstohlen betrachtete er ihr klassisches Profil. “Mein Vater hat das Haus vor fünfundzwanzig Jahren gebaut. Er wurde übrigens hier auf der Insel geboren.”

“Und ich dachte, er würde aus Athen stammen.”

“Weil er dort seine Firma hat? Oder halten Sie es für unmöglich, dass ein erfolgreicher Mann seine Wurzeln auf Theopolis hat?”

“Nein. Wir haben alle irgendwo unsere Wurzeln, Mr. … Demetri. Sogar Sie.”

“Wo sind Ihre Wurzeln, Joanna? In London?”

“Ich kam in Norfolk zur Welt. Meine Eltern wurden leider bei einem Unfall getötet, als ich noch recht jung war, und daher wuchs ich bei einer ältlichen Tante auf.”

Er war erstaunt. Irgendwie hatte er ihr einen anderen Hintergrund zugetraut. Oder malte er sich ihr Vorleben nur deshalb in den düstersten Farben, weil es ihm dann leichter fiel, sie zu verachten?

“Wurden Sie auch auf der Insel geboren?”, fragte sie, als er nichts äußerte.

“Nein, ich wurde in Athen geboren, genau wie Olivia. Meine jüngere Schwester Alex kam als Einzige von uns hier zur Welt.”

“Alex …”, wiederholte Joanna versonnen. “Sie kenne ich noch nicht. Ist sie wie Sie?”

“Inwiefern? Äußerlich oder vom Charakter her?”

“Ich meinte eher, ob sie mich ebenfalls ablehnen wird”, erwiderte sie. “Wovor haben Sie Angst, Demetri? Ich will Ihrem Vater nichts Böses.”

Er hätte nicht gedacht, dass sie die Affäre mit seinem Vater so offen ansprechen würde. Offenbar war es naiv gewesen, sich einzubilden, er hätte alles unter Kontrolle. Eigentlich hatte er seinen Vater stets für einen ausgezeichneten Menschenkenner gehalten – obwohl der alte Herr sich eindeutig zu ihr hingezogen fühlte. Sie hatte ihn verzaubert. Warum sollte es beim Sohn anders sein?

“Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen, Joanna”, entgegnete er mit ausdrucksloser Miene. “Hatten wir uns nicht auf einen Waffenstillstand geeinigt?”

“Auf einen Waffenstillstand oder auf ein Kreuzverhör?”, konterte sie. “Warum kommen Sie nicht auf den Punkt und fragen rundheraus, was Sie wissen möchten?”

Demetri lächelte. “Ich dachte, das hätte ich. Und was Alex betrifft, so glaube ich, dass Sie sie mögen werden. Sie ist nicht wie Olivia, falls das Ihre Frage beantwortet.”

“Und Sie?”

“Ich?” Er schob seine Tasse beiseite und lehnte sich zurück. “Die Bescheidenheit verbietet mir, Vergleiche zu ziehen.”

“Tatsächlich?”

Joanna schien skeptisch, und einen Moment lang hasste er sich für seine Heuchelei. Er hätte viel lieber die Zeit auf dem Boot verbracht, um den Machenschaften seines Vaters und seiner Geliebten zu entgehen. Es war Wochen, ja Monate her, seit er zuletzt einen gänzlich freien Tag gehabt hatte.

Joanna bemerkte, dass sein Blick zum Anlegesteg hinüberschweifte, wo die Yacht vor Anker lag. “Wessen Boot ist das?”

“Meines.” Besitzerstolz schwang in Demetris Stimme mit. “Die ‘Circe’. Es ist zwar ein Zweimaster, aber man kann sie dennoch mühelos allein steuern.” Er sah sie an. “Segeln Sie?”

“Leider nicht. Ich beneide Sie darum. Wo ich in meiner Jugend lebte, segelten die Leute Jollen. Kein Vergleich mit Ihrem Boot, aber trotzdem sah es lustig aus.”

Er nickte. “Ich kenne die Gegend.” Auf ihren verwunderten Blick hin fügte er hinzu: “Als Teenager bin ich ein Jahr durch Europa getrampt und war natürlich auch in England. Später habe ich dann an der Londoner Wirtschaftsakademie studiert.”

Sie lächelte. “Hat es Ihnen dort gefallen?”

“Ich mochte London.” Demetri merkte, dass er Gefahr lief, allzu vertraulich mit ihr zu werden. “Die Welt ist wirklich klein.”

“Oh ja.” Sie zögerte. “Ich glaube, ich werde doch eine Kleinigkeit essen, wenn Sie nichts dagegen haben.”

Es gab wenige Dinge, die er sich momentan weniger wünschte, als hier zu sitzen und ihr beim Frühstücken zuzusehen. Zu beobachten, wie ihre weißen Zähne in den Toast bissen, wie die rosige Zungenspitze Krümel von ihren sinnlichen Lippen entfernte – kurz, Bilder, die seine Fantasie und Hormone unnötig reizten.

Die Höflichkeit gebot jedoch, dass er zumindest für frischen Toast sorgte. Suchend schaute er sich um. “Ich lasse Pilar für Sie …”

“Nein!”

Instinktiv legte sie ihm die Hand auf den Arm, um ihn daran zu hindern, das Mädchen zu rufen. Da er an diesem Vormittag ein lässiges T-Shirt trug, war sein Unterarm nackt. Ihre Finger auf seiner Haut übten eine verheerende Wirkung aus.

Ihre Berührung schien ihn zu versengen, doch er wusste, dass er nur deshalb so übertrieben reagierte, weil er sich unwiderstehlich zu ihr hingezogen fühlte. Diese kühlen, schmalen Finger konnten nichts verbrennen, und trotzdem wütete das Verlangen wie ein Steppenbrand in ihm. Nur mit Mühe gelang es ihm, sich zu beherrschen. Der Wunsch, die Hand auszustrecken, ihren Nacken zu umfassen und die Lippen auf ihren verführerischen, leicht geöffneten Mund zu pressen, war schier übermächtig. Er konnte beinahe ihre Süße schmecken und das aufreizende Spiel ihrer Zunge spüren. Hilflos senkte er den Blick und bemerkte, dass die festen Knospen ihrer Brüste sich deutlich unter dem Top abzeichneten.

Theos, dachte er benommen, wenn ich nicht augenblicklich von hier wegkomme, werde ich etwas tun, das ich später schwer bereue. Ihm blieb nur die Flucht.

Demetri atmete tief durch. “Wie Sie wünschen”, erklärte er so ruhig, als hätte er einzig ihre Zufriedenheit im Sinn. “Aber nun muss ich Sie leider verlassen. Spiro erwartet mich. Sollten Sie Ihre Meinung ändern, wird Pilar Ihnen gern zu Diensten sein.”

5. KAPITEL

Verwundert blickte Joanna Demetri hinterher. Was hatte dieser Mann nur an sich, dass er sie so aus der Fassung bringen konnte? Sie mochte ihn nicht einmal, und trotzdem war sie sich seiner Nähe auf geradezu sexuelle Weise bewusst.

Ich fühle mich nicht zu ihm hingezogen, weder sexuell noch sonst irgendwie, redete sie sich ein. Verdammt, der Mann verachtete sie und machte keinen Hehl daraus! Wenn er wie an diesem Morgen höflich zu ihr war, dann nur um seines Vaters willen. Und ich bin Constantine zuliebe hier, sagte sie sich. Wie überzeugend würde ihre Beziehung sein, wenn sie sich von seinem Sohn verführen ließ?

Doch das würde nicht passieren. Sie wollte keinen Mann mehr in ihrem Leben, Punkt. Sie war sechsundzwanzig, aber an Erfahrung gemessen, fühlte sie sich manchmal zwanzig Jahre älter – was sie zu einer passenden Partnerin für Demetris Vater machte. Constantine hatte genauso gedacht, und, was noch wichtiger war, er würde keine Ansprüche an sie stellen, die sie nicht erfüllen konnte.

Joanna erschauerte. Wie lange würde es noch dauern, bis sie die Ehe mit Richard aus ihrem Gedächtnis verbannt hatte? Gelegentlich hatte sie das deprimierende Gefühl, es würde niemals geschehen.

Eine milde Brise wehte vom Meer herüber und erinnerte sie daran, wo sie war und warum sie sich hier aufhielt. Constantine würde es nicht billigen, dass sie in Selbstmitleid zerfloss. Er wollte, dass sie die Reise genoss. Abgesehen von der Gefälligkeit, die sie ihm erweisen sollte, wollte er ihr einen denkwürdigen Urlaub bescheren, damit sie ein für alle Mal die psychologischen Mauern überwand, die sie um sich errichtet hatte.

Ich werde die Tage genießen, beschloss Joanna. Sie würde sich die Freude nicht durch die jungen Kastros verderben lassen. Dafür war sie zu zäh. Und je früher sie das merkten, desto besser.

Zu Joannas großem Kummer war Constantine gegen Mittag noch schwächer.

Sein Diener Philip empfing sie mit einem Wortschwall in seiner Muttersprache.

Hilflos hob sie die Hände. “Tut mir leid …”

“Wir brauchen einen Arzt, kiria”, erklärte er stockend. “Kirie Constantine ist krank.”

Sie erschrak. “Was ist passiert?”

“Ich kenne Kirie Constantine pola … viele Jahre. Er schläft viel zu viel.”

“Er ist erschöpft”, behauptete sie unsicher.

Philip schüttelte den Kopf. “Ich glaube, wir sollten Kirie Demetri fragen, kiria. Er wird wissen, was zu tun ist.”

Sie überlegte fieberhaft. “Haben Sie mit Kirie Constantine darüber gesprochen?”

“Okhi, nein, kiria.” Der Diener seufzte. “Er schläft die ganze Zeit.”

Sie bemühte sich, ihre Furcht zu verdrängen. Seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus hatte Constantine den größten Teil des Tages geruht. Die Ereignisse der letzten Tage waren extrem anstrengend für einen Mann in seinem Zustand gewesen. Daher war es sehr vernünftig, wenn er schlief. Andererseits …

“Ich werde selbst nach ihm sehen”, entschied sie mit mehr Zuversicht, als sie empfand. “Lassen Sie mich ein paar Minuten zu ihm. Dann unterhalten wir uns weiter.”

“Ja, kiria.”

Nachdem sie die Tür leise hinter sich ins Schloss gezogen hatte, näherte sie sich dem Bett. Constantine hatte die Augen geschlossen, doch als sie auf ihn hinabblickte, schlug er die Lider auf.

“Hallo”, flüsterte sie. “Wie geht es dir?”

“Ich muss zugeben, dass ich ein bisschen müder bin, als ich erwartet hatte”, erwiderte er. “Entschuldige. Wie spät ist es?”

Joanna setzte sich vorsichtig auf die Bettkante und nahm seine Hand. “Es ist halb eins. Möchtest du etwas Lunch?”

“Lunch?” Seine entsetzte Miene verriet ihn, doch er hatte sich gleich wieder in der Gewalt. “Joanna, Liebes, ich bin jetzt nicht hungrig.”

“Schon gut.” Besänftigend drückte sie seine Finger. “Du sollst dich zu nichts zwingen. Hast du deine Medikamente genommen? Kann ich irgendetwas für dich tun?”

Er schüttelte den Kopf. “Mir geht es wirklich gut”, log er. “In ein paar Stunden bin ich wieder auf den Beinen. Leider müssen wir unseren Ausflug auf morgen verschieben.”

“Kein Problem.” Sie zögerte. “Soll ich nicht lieber Demetri informieren …”

“Nein!” Zum ersten Mal, seit sie das Zimmer betreten hatte, wirkte er lebhaft. “Versprich mir, dass du Demetri nicht einweihst. Wenn er wüsste … wenn er den Verdacht hätte, ich wäre nicht vollständig genesen, würde er die Hochzeit absagen. Ich kenne meinen Sohn. Er ist ein guter Mann, und ich liebe ihn, aber ich werde ihm nicht gestatten, mich als Invaliden zu behandeln und Alex’ Glück zu ruinieren.”

Joanna hatte die dunkle Ahnung, das Alex’ Glück in jedem Fall ruiniert wäre, wenn sie erst erfuhr, wie es um ihren Vater stand, doch sie konnte jetzt nicht mit Constantine streiten. Nichtsdestotrotz verspürte sie ein gewisses Mitgefühl für Demetri. Constantine mochte die nobelsten Motive haben, seine Kinder würden dennoch am Boden zerstört sein, wenn die Wahrheit herauskam.

“Er rechnet fest damit, nachmittags mit dir zu reden”, wandte sie ein. “Sicher wird er mich fragen, was los ist. Meine Erklärungen haben ihn schon heute Morgen nicht befriedigt.”

“Dann musst du eben improvisieren”, schlug Constantine vor. “Dir fällt bestimmt etwas ein, um das Misstrauen meines Sohnes zu zerstreuen.” Ein wehmütiges Lächeln umspielte seine Lippen. “Benutze deine Fantasie.”

“Verlangst du etwa, dass ich …”

“Nein, nein”, unterbrach er sie rasch. “Bitte ihn, dich zum Tempel der Athene zu begleiten. Demetri ist in Geschichte überaus bewandert. Der Tempel ist der höchste Punkt der Insel. Die Aussicht ist …” Er verstummte erschöpft. “Es tut mir leid. Ich wollte dir so gern selbst meine Insel zeigen.”

“Das wirst du auch”, tröstete sie ihn und stand auf. “Ich komme später wieder, wenn du dich frischer fühlst.” Lächelnd fügte sie hinzu: “Ich mache mir ernsthaft Sorgen um dich, Constantine. Hoffentlich weißt du das.”

Er hatte die Augen geschlossen. Instinktiv spürte sie, dass er wieder das Bewusstsein verloren hatte. Angst erfasste sie. Constantine hatte ihr eine gewaltige Verantwortung aufgebürdet, und falls Demetri herausfand …

Joanna beschloss, den Lunch auf dem Balkon einzunehmen. Ihren Anordnungen vom Vormittag folgend, wenn auch unwillig, servierte Philip Omelette und Salat. Ihre Erklärung, sein Arbeitgeber würde später aufstehen, hatte er mit einem skeptischen Blick quittiert.

Die Speisen waren dekorativ angerichtet und weckten Joannas Appetit. Hier draußen fühlte sie sich sicher vor Demetri und Olivia. Die beiden würden später unweigerlich mit ihr reden wollen, aber im Moment war sie nicht gewillt, sich von ihnen die Mahlzeit verderben zu lassen.

Nach ein paar Bissen begann sie jedoch lustlos auf dem Teller herumzustochern. Es war Jahre her, dass sie gutes Essen genossen und sich sogar darauf gefreut hatte.

Das hatte allerdings ein jähes Ende gefunden, als ihre Eltern bei einem Lawinenunglück in Österreich ums Leben gekommen waren und sie zu der unverheirateten Tante ihres Vaters übersiedelte. Die Mahlzeiten bei Tante Ruth waren keine heitere Angelegenheit, zumal die alte Dame ständig darüber klagte, dass ihr geringes Einkommen kaum für sie selbst reichte, geschweige denn für ein im Wachstum befindliches Mädchen, das pausenlos neue Sachen brauchte.

Nachdem Joanna ihren Schmerz und ihre anfängliche Verwirrung überwunden hatte, dämmerte ihr, dass ihr Leben nie wieder dasselbe sein würde. Als sie mit achtzehn die Schule verließ, war sie bereit, sich einen Job zu suchen und für sich selbst zu sorgen, da sie ihrer Tante nicht länger zur Last fallen wollte. Doch das Schicksal schlug erneut zu. Ihre Tante erlitt einen Schlaganfall, und Joanna blieb keine andere Wahl, als weiterhin bei ihr zu wohnen und sich um sie zu kümmern. Vier Jahre lang pflegte sie die Kranke und bemühte sich, mit der geringen Sozialunterstützung auszukommen.

Erst nach dem Tod der Tante erfuhr sie von dem Treuhandfonds, den ihr Vater für sie eingerichtet hatte, um notfalls ihre Ausbildung und persönlichen Bedürfnisse zu finanzieren. Im Lauf der Zeit hatte sich mit den Zinsen eine ansehnliche Summe angesammelt. Aus unerfindlichen Gründen hatte ihre Tante es jedoch vorgezogen, das Geld nicht anzutasten oder ihr davon zu erzählen und Joanna stattdessen in dem Glauben zu belassen, sie wäre völlig mittellos.

Nach der Beerdigung hatte Joanna die kleine Wohnung verkauft, in der sie die letzten zehn Jahre ihres Lebens verbracht hatte, und ein komfortables Apartment in Kensington erworben. Danach gönnte sie sich eine neue Garderobe, eine neue Frisur und einen Urlaub auf Sardinien. Und dort war sie Richard Manning begegnet …

Eine Wolke verdunkelte die Sonne. Joanna stand auf und ging zur Balkonbrüstung. Während sie sich auf das schmiedeeiserne Geländer stützte, versuchte sie das Gefühl der Unzulänglichkeit zu verdrängen, das sie stets befiel, sobald sie an die Monate mit Richard dachte. Ihre grenzenlose Naivität erstaunte sie noch immer. Hatte sie tatsächlich nie geahnt, dass er nicht das war, was er zu sein schien?

Mit zweiundzwanzig war sie sexuell unerfahrener als mancher Teenager gewesen. Einen festen Freund hatte sie nie gehabt.

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