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Liebesrausch in Louisiana

Ann Major

Liebesrausch in Louisiana

1. KAPITEL

Es gibt Frauen, die ein Mann einfach nicht vergessen kann, egal, wie sehr er es versucht.

Logan Claiborne runzelte die Stirn, aber nicht weil ihn die Sonne blendete, als er auf der schmalen, gewundenen Straße zu dem historischen Herrenhaus fuhr, in dem er aufgewachsen war.

Er sollte sich auf Mitchell Butler und die Fusion von Butler Shipyards und Claiborne Energy konzentrieren oder darauf, wie er sich mitfühlend um seinen Großvater kümmern konnte, sobald er in Belle Rose angekommen war.

Stattdessen umfasste er das Lenkrad seines Wagens fester, weil er erneut an die vertrauensvollen dunklen Augen und die verlockenden Kurven der Göre aus der Nachbarschaft dachte, die er neun Jahre zuvor verführt und dann sitzen gelassen hatte, um seinen Zwillingsbruder Jake zu retten.

Bis zu diesem Morgen hatte Logan sich eingeredet, dass sein Großvater recht damit gehabt hatte, dass Cici Bellefleur einfach nicht in ihre Welt gehörte. Dass er Jake vor einer ebenso katastrophalen Ehe hatte bewahren müssen, wie sie ihr Vater mit einem armen Mädchen eingegangen war – ihrer Mutter, deren extravagante Träume und deren Geltungsbedürfnis beinah das Vermögen der Familie vernichtet hätten. Er hatte sein Handeln auch dann noch vor sich selbst gerechtfertigt, als er das Familienimperium gesichert und Cici sich mit ihrer Kamera einen Namen gemacht und bewiesen hatte, dass sie eine talentierte Frau war.

Dann hatte ihn sein Großvater an diesem Morgen angerufen und ihn geschockt, weil er sich begeistert wie ein vernarrter Teenager anhörte, als er erzählte, dass Cici wieder zu Hause sei und sie gemeinsam Führungen durch die Villa machten.

Warum war sie, eine berühmte Fotografin und Autorin, nach Hause zurückgekehrt? Was wollte sie?

„Vor neun Jahren warst du wegen ihres Onkels absolut gegen sie“, hatte Logan seinen Großvater erinnert. Grandpère hatte Cicis Onkel von jeher misstraut.

„In einem langen Leben macht ein Mann den einen oder anderen Fehler. Merk dir das. Ich selbst habe nicht nur einen gemacht. Eines Tages hast du womöglich einen Schlaganfall und genug Zeit, um über die Vergangenheit nachzugrübeln. Vielleicht bedauerst du einiges. Also ich für meinen Teil bedauere, dass ich Cici ihren Onkel Bos vorgehalten habe. Es war doch nicht ihre Schuld, dass er Hahnenkämpfe veranstaltet, Umgang mit unzivilisierten Leuten gepflegt und eine Bar betrieben hat.“

„Erinnerst du dich, dass du sie vor neun Jahren von Jake und mir fernhalten wolltest, besonders von Jake, der damals ein ganz schöner Draufgänger war?“

„Also, das tut mir leid, falls ich das gewollt habe.“

„Falls du das gewollt hast?“ Es war immer noch schwierig, seinen Großvater, so, wie er jetzt war, mit dem autoritären Mann, der ihn großgezogen hatte, in Verbindung zu bringen.

„Okay, ich habe mich in Bezug auf sie geirrt. Und es war auch falsch, so streng mit dir zu sein. Es ist meine Schuld, dass du so hart bist.“

Logan hatte ein schlechtes Gewissen bekommen, als er mit der Hand durch sein zerzaustes dunkelbraunes Haar fuhr.

„Ich war auch mit Jake zu streng.“

„Vielleicht bist du mit dir selbst zu streng.“

„Ich möchte Jake gern wiedersehen, bevor ich sterbe.“

„Du stirbst nicht … jedenfalls nicht demnächst.“

„Cici sagt das auch. Sie findet, dass es mir jeden Tag etwas besser geht. Sie findet, dass ich vielleicht hierbleiben könnte, statt …“

Die Tatsache, dass Cici aufgetaucht und sein Großvater so voller Hoffnung war, nicht umziehen zu müssen, hatte Logan veranlasst, sofort nach seinem Großvater zu sehen. Seit dem Schlaganfall war aus seinem starken, herrischen Großvater ein unsicherer, depressiver Mann geworden, den Logan kaum wiedererkannte. Aus diesem Grund hatte Logan beschlossen, dass sein Großvater nicht länger allein in Belle Rose leben konnte und nach New Orleans umziehen musste, um in seiner Nähe zu sein. Der alte Mann musste vernünftig betreut werden.

Leider war der Wald mit seiner üppigen Vegetation so dicht, dass Logan fast schon an der vertrauten Abzweigung zu seinem Elternhaus vorbei war, ehe er die Toreinfahrt sah. Im letzten Moment riss er das Lenkrad seines Lexus’ nach rechts herum und geriet dabei leicht ins Schleudern. Sobald er den Wagen abgefangen hatte, erblickte er die Südstaatenvilla am Ende der Eichenallee. Wie jedes Mal kam ihm das historische Herrenhaus mit seinen eleganten Säulen und Galerien im Licht der untergehenden Sonne wie das schönste Haus auf der ganzen Welt vor, und es berührte sein Herz, wie kein anderer Ort es vermochte.

Wie konnte er es Grandpère, der seit seiner Erkrankung kindlicher und emotionaler geworden war, verdenken, dass er hier bleiben wollte? Logan dachte daran, als er das erste Mal von der Möglichkeit eines Umzugs in die Stadt gesprochen hatte. Grandpère hatte ihn zu Tode erschreckt, indem er für mehrere Stunden verschwand.

Wie kommt Cici dazu, dem alten Mann einzureden, es gehe ihm immer besser, sodass er glaubt, nicht umziehen zu müssen?

Aber was waren ihre wirklichen Gründe?

Allein der Gedanke, dass sich der Zustand seines Großvaters verschlechterte, war bestürzend. Ihm, Logan, und nicht Cici lag Grandpères Wohlbefinden am Herzen. Das Letzte, was er gebrauchen konnte, war, dass Cici sich einmischte und ihm für eine Entscheidung, die er hatte treffen müssen, ein schlechtes Gewissen einredete. Er wollte Grandpère nicht unglücklich machen, aber er konnte nicht Claiborne Energy leiten und gleichzeitig hier unten bei seinem Großvater sein.

Gleich darauf hielt er im Schatten der weit ausladenden Eichen, die bereits gepflanzt worden waren, lange bevor das Herrenhaus gebaut wurde. Hinter dem Haus erstreckten sich Felder bis zu einer Reihe düsterer Sumpfzypressen, die die Wildnis des Sumpfes begrenzten.

Logan öffnete die Tür seines luxuriösen Wagens, das neueste Lexus-Modell mit Hybridantrieb, und stieg aus. Hochgewachsen, wie er war, tat es gut, sich nach der zweistündigen Fahrt von New Orleans zu recken und zu strecken.

Trotz der riesigen Sumpfeichen war die Luft für Anfang März unerträglich dunstig. Logan atmete dennoch tief ein, denn die würzige Luft hatte für ihn etwas Heimatliches.

In der Nähe quakten Frösche. Bienen summten in den Azaleen. Enten schnatterten um die Wette. Bildete er es sich nur ein, oder hörte er die Paarungsrufe der Alligatoren?

Logan musste lächeln. Wie hatte Cici als Kind die düstere Wildnis mit den moosbedeckten Bäumen, die an die Plantage grenzte, geliebt. Wann immer er zu Hause gewesen war und einen Fuß vor die Tür gesetzt hatte, war sie ihm überallhin gefolgt, begierig wie ein getreues Hündchen. Ihre Beziehung war damals so einfach gewesen. Sie war acht Jahre jünger als er und Jake. Deshalb hatte Logan ihre Vernarrtheit in seinen Bruder nicht ernst genommen. Bis zu jenem Sommer, als er von der Uni nach Hause gekommen war und entdeckt hatte, dass sein Großvater recht hatte, dass Cici kein Kind mehr war.

Während er diese angenehmen Erinnerungen, die Cici einschlossen, verdrängte, begann er zu bedauern, nicht mehr in seinem klimatisierten Wagen zu sitzen.

Vielleicht weil es ihm bevorstand, Cici wiederzusehen, ließ Logan sich viel Zeit, um seine Krawatte abzunehmen und seinen obersten Hemdknopf zu öffnen. Nachdem er die Jacke seines maßgeschneiderten Anzugs ausgezogen hatte, warf er Jackett und Schlips auf den eleganten Ledersitz seines Autos.

Er wünschte, Alicia Butler, mit der er seit vier Monaten liiert war, hätte ihn begleiten können. Vielleicht würde er sich dann nicht so verfolgt von der Vergangenheit fühlen. Oder so versucht, sich an Cici zu erinnern.

Im Gegensatz zu Cici war Alicia schick und elegant und hatte perfekte Umgangsformen. Er war mit ihr befreundet, weil sie einander vorgestellt worden waren und es ideal für seine Pläne war, dass seine Firma mit der ihres Vaters fusionierte. Alicia war brünett, und ihr schulterlanges glattes Haar ließ ihr schmales Gesicht noch femininer wirken. Sie verstand es, sich zu kleiden, hatte Stil. Bei Wohltätigkeitsveranstaltungen drehten sich die Leute nach ihr um, wann immer sie ihn begleitete, und das nicht nur wegen ihrer Schönheit und stilvollen Kleidung, sondern wegen ihres Vermögens.

Andere Männer, ehrgeizige Männer, beneideten ihn. Aber das war nicht der einzige Grund, warum es ihn so mit Stolz erfüllte, dass sie bald seine Frau sein würde.

Selbstsicher ging sie das Leben an, genau wie er. Sie war kultiviert, gebildet und passte daher genauso gut zu ihm, wie seine Frau Noelle zu ihm gepasst hatte, ehe sie viel zu früh gestorben war.

Alicia sprach Französisch und Italienisch. Sie verstand es, jederzeit perfekt zu sein. Nie aß oder trank sie zu viel, war auch nie unpassend gekleidet.

Nicht einmal wenn sie wütend war, erhob sie die Stimme. Im Bett war sie gleichermaßen beherrscht.

Was Cici nicht war, fiel Logan unvermittelt ein. Für einen Moment geriet sein Blut in Wallung, als er daran dachte, wie Cici sich hemmungslos vor Lust unter ihm hin und her wand.

Aber Alicia würde noch auftauen, wenn sie erst verheiratet waren. Er würde Geduld haben. Er wusste, was es hieß, nicht genug Vertrauen zu haben, um sich fallen zu lassen. Zusammen würden er und Alicia sich ein Leben aufbauen, wie er und Noelle – seine vor Kurzem verstorbene erste Frau – es getan hatten, ein Leben, um das sie alle beneiden würden. Sie würden sich gut verstehen und nicht miteinander streiten, dazu herrschte zu wenig Leidenschaft zwischen ihnen.

Flüchtig dachte er daran, wie traurig Noelle in der letzten Woche vor ihrem Tod ausgesehen hatte. Dann verdrängte er die unangenehme Erinnerung schnell. Er würde Alicia glücklich machen. Vergangenes würde sich nicht wiederholen.

„Es tut mir leid, dass ich dich nicht begleiten und deinen Großvater kennenlernen kann, Darling“, hatte Alicia ihm geantwortet, als er sie am Morgen angerufen hatte. „Aber Daddy braucht mich im Büro.“

„Okay, ich verstehe.“

Mitchell Butler, Alicias Vater, war ein herrischer Fuchs, zumindest in geschäftlicher Hinsicht, aber da Logan und er diese beachtliche Fusion ihrer beiden Firmen planten, wollte Logan ihn nicht wegen einer unwichtigen persönlichen Angelegenheit verärgern. Er würde Alicia am Abend treffen.

„Darling, ich bin mir sicher, du weißt genau, was du sagen und tun musst, damit dein Großvater versteht, warum er nicht in Belle Rose wohnen bleiben kann“, hatte Alicia erklärt. „Schließlich ist er dein Verwandter. Du liebst deinen Großvater doch und willst nur das Beste für ihn.“

Wenn sie wüsste, wie gründlich ich alles vermasselt habe, dachte Logan grimmig. Er hatte alle unglücklich gemacht. Mit dem Resultat, dass seine Familie nach wie vor zerstritten war.

Er wollte nicht über seine Fehler nachdenken, besonders nicht darüber, wie grausam er damals Cici behandelt oder wie er sich mit seinem Zwillingsbruder entzweit hatte. In der Absicht, den Schaden zu begrenzen und das Beste für seinen Großvater zu organisieren, war Logan an diesem Tag trotz eines vollen Terminkalenders nach Belle Rose gekommen. Er war entschlossen, mit Cici zu reden, ehe sie seinem Großvater Flausen in den Kopf setzte und er glaubte, das Unmögliche haben zu können.

Er erinnerte sich daran, wie klein und verloren Cici auf dem Anlegesteg ausgesehen hatte, nachdem er ihr gesagt hatte, dass er sie nicht liebte. Er hatte gelogen, um sie und sich selbst zu schützen. Seltsamerweise hatte seine Lüge ihn genauso traurig gemacht.

Denk nicht an die Vergangenheit. Oder wie du dich damals gefühlt hast. Sieh zu, dass du jetzt mit Cici redest.

Trotz seines festen Vorsatzes, die Vergangenheit ruhen zu lassen, fiel ihm ein, wie die junge, temperamentvolle Cici vorzugeben versucht hatte, stark und hart zu sein und genauso gut wie die reichen, einflussreichen Claibornes. Er hatte sie verletzt. Und Jake. Alle hatte er verletzt, einschließlich sich selbst. Mit dem Gedanken, dass das eben bedauerliche Begleitumstände waren, da die Familie reicher und mächtiger denn je war, versuchte er sich zu trösten.

Nachdem er den Wagen abgeschlossen hatte, ging Logan über die gekieste Auffahrt zum Herrenhaus hinüber. Am Fuß der Treppe, die zur unteren Galerie und imposanten Eingangstür führte, blieb er jedoch stehen.

Langsam ließ er den Blick über die Villa und den Rasen gleiten. Eine neue Rollstuhlrampe aus Holz führte unter Umgehung der Treppe zur Eingangstür.

Logan ließ den Blick weiter über das vertraute Anwesen schweifen, bis hin zum Gästehaus, wo er und Jake als Teenager gewohnt hatten, bis sie sich wegen Cici zerstritten, und er fragte sich, wem der zweisitzige Miata gehörte, der neben dem Haus parkte.

Stirnrunzelnd ging er die Treppe hinauf, doch gerade als er die Haustür öffnen wollte, kam ihm jemand zuvor.

„Oh, hallo, Mister Logan“, wurde er von der vertrauten Stimme mit dem französischen Akzent begrüßt, die seiner ehemaligen Kinderfrau gehörte.

Noonoon, die jetzt die Haushälterin seines Großvaters war, stand in der riesigen Tür. Bei seinem Anblick begann ihr dunkles Gesicht zu strahlen.

Auch er freute sich, sie wiederzusehen. Diese großherzige Frau hatte ihn immer geliebt, genau wie Jake. Seit dem Tod ihrer Mutter hatte sie Belle Rose praktisch ganz allein betreut.

„Himmel, ist das heiß heute.“

Logan nickte und umarmte sie flüchtig.

„Komm ins Haus, ehe du in der Hitze dahinschmilzt. Wenn es jetzt schon so heiß ist, wie wird es dann erst im August sein?“

„An den August will ich noch gar nicht denken.“ Denn weil sich der Golf von Mexiko im Sommer erwärmte, war im August die Hauptsaison für Hurrikane.

„Kann ich dir etwas anbieten? Etwas zu trinken vielleicht? Eistee mit frischer Minze?“

Er schüttelte den Kopf. „Nein danke, mir fehlt nichts.“

„Das kann man wohl sagen. Mit fünfunddreißig siehst du so gut aus wie eh und je.“

„Warum erinnerst du mich bei jeder Gelegenheit daran, wie alt ich bin?“

„Vielleicht weil es an der Zeit ist, dass du aufhörst, so sehr um deine hübsche Miss Noelle zu trauern.“

Logan versteifte sich.

Noonoon merkte, dass er kein Mitleid wollte. „Das Leben ist so kurz.“

„Ich habe eine neue Freundin.“ Er betrat die große Eingangshalle, die wohltuend kühl war. „Sie heißt Alicia Butler. Du wirst sie bald kennenlernen. Sie ist eine richtige Lady, und die Familie wird stolz auf sie sein.“

Noonoon schloss die Tür hinter ihm. „Das freut mich wirklich. So, und was führt dich ganz aus New Orleans hierher?“

„Mein Großvater. Er hört so schlecht, dass es schwierig ist, mit ihm am Telefon zu reden. Ich dachte, wir hätten alles geregelt, doch heute Morgen hat er mir erklärt, es gehe ihm besser und er wolle hier wohnen bleiben.“ Logan erwähnte Cici absichtlich nicht.

„Mr. Pierre hält oben ein Schläfchen. Aber er wird sich mächtig freuen … dass du hier bist … da wir dich nicht oft sehen, weil du ja ein viel beschäftigter, wichtiger Mann bist und in New Orleans lebst.“

„Ein Schläfchen? Und wo ist sie?“

„Miss Cici?“, erkundigte sich Noonoon eine Spur zu unschuldig.

„Wer denn sonst?“

„Ich wusste, dass du nicht lange brauchen würdest … sobald du von Miss Cici gehört hast. Man könnte wetten, wenn ein reicher älterer Mann Interesse an einer hübschen jüngeren Frau zeigt, dann bringt er den Rest der Familie todsicher auf die Palme, oder etwa nicht?“

„Das ist nicht der Grund, warum …“

Die Hände in die Hüfte gestemmt, betrachtete Noonoon ihn eingehend mit ihren intelligenten dunklen Augen. Cici hatte Noonoon also bereits für sich gewonnen.

„Als du von Miss Cici gehört hast, warst du schneller hier als dieser faule Hase, der erst in letzter Sekunde losrannte, um die Schildkröte einzuholen, falls du dich an die Geschichte erinnerst, die ich euch Jungs so oft vorgelesen habe. Wie auch immer, ich werde nie diesen letzten Sommer vergessen, den Cici hier war. Sie war achtzehn und das hübscheste Ding, das ich je gesehen habe.“

Logan wünschte, er würde sich nicht genau daran erinnern, wie das Licht der untergehenden Sonne Cicis Brüste geheimnisvoll beleuchtet hatte, als sie am ersten Tag seiner Semesterferien in ihrem kleinen Boot stand. Sobald sie ihn erblickt hatte, war sie an Land gesprungen und in den Wald gerannt. Als er ihr gefolgt war, hatte sie ihn begrüßt, und ihre dunklen Augen hatten so sehr vor Freude gestrahlt, dass sie ihn vollkommen verzaubert hatte. Weil sie so schüchtern gewesen war, hatte sie nicht viel mehr gesagt und, verflixt, er auch nicht.

„Miss Cici ist erst eine Woche hier, und Mr. Pierre ist schon total verrückt nach ihr.“

„Das hat er mir erzählt“, erwiderte Logan kühl, weil er sich vorstellte, dass Cici sich den verletzlichen alten Mann als Opfer ausgesucht hatte.

„Es geht ihm viel besser. Ich weiß, dass du willst, dass er nach New Orleans zieht und so weiter …“

„In eine wunderbare Seniorenwohnanlage in der Nähe meines Hauses, damit ich mich persönlich um ihn kümmern kann.“

„Aber solche Wohnanlagen sind kein Zuhause, und wir wissen doch alle, wie beschäftigt du bist. Wie oft könntest du ihn denn besuchen? Mr. Pierre ist hier glücklich. Alte Leute in Seniorenwohnungen sitzen bloß herum und starren vor sich hin.“

„Du kannst dich nicht Tag und Nacht um ihn kümmern. Du hast eine eigene Familie.“

Da das Herrenhaus der Öffentlichkeit zugänglich war, war Noonoons Job in erster Linie der einer Haushälterin, nicht der einer Betreuerin für seinen Großvater. Sie hatte jedoch eingewilligt, ihm vorübergehend zu helfen.

„Also, da ja jetzt Miss Cici hier ist …“

„Sie bleibt nicht.“

„Also, sie singt und spielt ihm jeden Tag etwas auf dem Klavier vor. Sie redet mit ihm. Meistens essen sie auch gemeinsam zu Abend. Sie kocht. Du erinnerst dich sicher, wie gern sie kocht.“

„So, wie sie in der ganzen Welt herumreist, wird sie nicht lange hierbleiben.“

„Bist du dir da sicher? Sie scheint sich gut einzuleben. Sie sagt, dass sie genug von der Herumreiserei hat, dass sie genug Leid gesehen hat und es ihr für den Rest ihres Lebens reicht. Und sie muss ihr Buch schreiben.“

„Nicht noch ein Buch. Ich hoffe, sie befasst sich diesmal mit einem Thema, das nichts mit mir zu tun hat.“

„Sie hat dich nicht erwähnt.“

Das beruhigte ihn keineswegs. Cicis Buch über die Ölindustrie in Louisiana nach dem Hurrikan Katrina hatte Claiborne Energy schlecht dastehen lassen. Hatte sie auch nur einmal erwähnt, wie viele Leute dank Claiborne Oil einen Job hatten? Nein, ihr Buch war voll von Bildern rostiger Pipelines und ölverseuchter Natur gewesen und von Aufnahmen von Wasser, wo vorher einmal Land gewesen war. Und die Bildunterschriften beschuldigten Firmen wie Claiborne Energy, dass das Marschland im Bundesstaat immer mehr verschwand.

„Und sie möchte sich um ihren Onkel Bos kümmern und so weiter“, erklärte Noonoon. „Er ist nicht mehr der Kräftigste nach seinen Behandlungen, weißt du. Trotzdem ist er störrisch wie ein Esel. Sie ruft ihn wieder und wieder an, aber er will einfach nicht mit ihr reden. Man sollte ja nach all den Jahren meinen, dass er ihr verzeihen würde. Schließlich hat sie nichts weiter getan, als mit dir und Jake befreundet zu sein.“

Logan bekam ein schlechtes Gewissen. Sie war also immer noch mit ihrem Onkel entzweit. Genau wie er und Jake entzweit waren … wegen dieses Sommers damals. Nicht, dass die meisten anständigen Leute hier in der Gegend Bos für einen guten Umgang hielten. Dennoch, er war ihr Onkel. Er hatte sie aufgenommen, als sie zum Waisenkind geworden war.

Die Feindschaft zwischen Bos und Grandpère war wegen der Hahnenkämpfe, die Bos veranstaltete, im Laufe der Jahre immer tiefer geworden. Als Hahnenkämpfe dann gesetzlich verboten wurden, hatten die beiden weniger Grund zu streiten.

„Cici hat gesagt, sie möchte irgendwo leben, wo es ruhig ist, und du weißt ja am besten, dass das Gästehaus ausgesprochen ruhig ist.“

„Du hast sie ins Gästehaus ziehen lassen? In meine alten Räume?“ Er hatte die Stimme erhoben, und das tat er eigentlich nie. Nicht einmal, wenn jemand, der so knallhart war wie Mitchell Butler, versuchte, aus Claiborne Energy Millionen herauszuschlagen.

„Mr. Pierre ist derjenige, der es an sie vermietet hat“, rechtfertigte sie sich leise.

Als ihm der schicke rote Miata einfiel, der neben dem eingeschossigen, achteckigen Gebäude parkte, beschleunigte sich Logans Puls. Der rasante, auffällige Sportwagen gehörte also ihr. Warum überraschte ihn das? Cici hatte doch schon immer ein verwegenes Naturell gehabt. Und das war kein Wunder … bei dieser Sumpfratte von einem Onkel, der Fallen stellte und Hahnenkämpfe veranstaltete, der sie großgezogen hatte, hauptsächlich dadurch, dass er sie vernachlässigte.

Wenn sein Großvater ganz er selbst wäre, dann wüsste er, dass Cici Hintergedanken hatte. Vermutlich war sie mit einer ganz bestimmten Absicht hergekommen.

„Entschuldige, dass ich laut geworden bin.“ Logan mühte sich um Fassung. „Es ist nicht deine Schuld. Oder ihre. Es ist meine … weil ich Grandpère nicht eher zum Umzug bewegt habe. Ich werde gleich mit ihr reden.“

„Oh, Miss Cici möchte nicht, dass man sie am Nachmittag stört. Es sei denn, es handelt sich um einen Notfall. Sie schreibt nämlich, wenn Mr. Pierre ein Schläfchen hält. Und um vier machen sie und Mr. Pierre dann gemeinsam die letzte Besichtigungstour des Tages. Ich nehme an, so gegen fünf hat sie Zeit zum Reden.“

„Wie schafft er es denn, in seinem Zustand so weit zu gehen?“

Noonoon warf ihm einen scharfen Blick zu, und Logan musste sich eingestehen, dass er seinen Großvater seit einem Monat nicht gesehen hatte.

„Miss Cici hat ihn von seinem Gehwagen befreit und ihm einen neuen, leichten Rollstuhl und einen Stock besorgt. Von Mr. Buzz hat sie überall Rollstuhlrampen bauen lassen. Wenn Pierre zu müde zum Gehen ist, schiebt sie ihn. Mithilfe der Rampen kann er auf der Tour jetzt all die Sklavenunterkünfte erreichen.“

Noch mehr Rampen? Logan glaubte einfach nicht, dass Cici nach Hause gekommen war, um sich um seinen Großvater zu kümmern. Sie hatte sich nie richtig um sich selbst kümmern können. Ausgeschlossen, dass sie Pierre betreuen konnte. Schon gar nicht langfristig.

Sein Großvater brauchte professionelle Pflegerinnen sowie eine qualifizierte, moderne und dauerhafte Betreuung, und die würde er auch bekommen.

Oder anders ausgedrückt: Für seinen Großvater war er verantwortlich.

Je eher er mit Cici redete und sie wieder abreiste, desto besser.

2. KAPITEL

Aufseufzend drehte Cici das heiße Wasser ab. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sie sich gut, erstaunlich gut. Fast so, als habe sie ihren inneren Frieden gefunden.

Ihre Kameras und all das Elend, das sie in den Kriegsgebieten gesehen hatte, für eine Weile zu vergessen und nach Hause zu kommen war vielleicht doch die richtige Entscheidung gewesen.

Sie verließ die Dusche, warf ein Handtuch auf den Boden und stellte sich darauf. Tief durchatmend genoss sie das herrliche Gefühl, wie ihr das warme Wasser langsam über Brüste, Bauch und Schenkel rann und auf das flauschige Frotteetuch tropfte.

Es machte Spaß, ihre Zehen mit den pink lackierten Nägeln im weichen Handtuch zu vergraben. Sie, die monatelang in Zelten ohne fließendes Wasser gelebt hatte, wusste den Luxus einer heißen Dusche an einem sicheren, vertrauten Ort zu schätzen. Lächelnd schlang sie sich ein zweites Handtuch um ihr nasses, lockiges Haar und begann zu rubbeln.

Die Fenster standen offen.

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