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Liebesparadies im Alpenschnee

1. KAPITEL

„Philippe, hier bin ich!“ Crystal Broussard winkte ihrem Sohn zu. Er war verträumt am Eingang der Schule stehen geblieben, während die anderen Kinder lärmend zu ihren wartenden Eltern liefen. Nun schlurfte er mit der Mütze in der Hand zu ihr, als spürte er nicht einmal, wie der eisige Nordwestwind sein Haar zerzauste.

Bald würde er zu einem Sturm anwachsen, der mehr Schnee bringen und die umliegenden Gipfel und Täler mit einer noch dickeren weißen Decke überziehen würde. Hier in Breckenridge, dem Mekka für Wintersportler in Colorado, war sie geboren und nach dem ewig weißen Crystal Peak benannt worden. Sobald sie ihre ersten Schritte machte, hatte man sie auf Skier gestellt. Sie kannte die Zeichen des Wetters im Hochgebirge.

Für das Geschäft ihres Vaters hatte die Hochsaison bereits begonnen. Von überall her strömten Wintersportler in die kleine Stadt und kauften bei ihm Ausrüstung und Sportkleidung. Solange Philippe noch in den Kindergarten gegangen war, hatte sie halbtags mitgeholfen. Doch seit er, inzwischen sechs Jahre alt, die Schule besuchte, arbeitete sie in Vollzeit.

Sie breitete die Arme aus und umarmte ihren Sohn. „Hallo, mein Schatz. Steig ein, und schnall dich an! Vielleicht schaffen wir es noch bis zu Grandpas Laden, bevor der Schneesturm beginnt.“ Sie öffnete die Wagentür, damit er auf seinen Kindersitz klettern konnte.

„Ich will lieber nach Hause.“

Das sagte er in letzter Zeit viel zu oft. Am liebsten spielte er allein in seinem Zimmer.

„Du brauchst etwas Warmes zum Anziehen. Bei Grandpa sind heute neue Anoraks eingetroffen, aber in deiner Größe sind es nur ein paar. Lass uns einen für dich aussuchen, bevor sie alle verkauft sind. Du weißt doch, in neun Tagen ist Weihnachten, und viele Kinder wünschen sich einen schönen warmen Anorak.“

„Ich will aber keinen neuen.“

„Das weiß ich, doch schau mal, wie kurz die Ärmel geworden sind. Du bist gewachsen.“

Überzeugte ihn das Argument, oder gab er nur seinen Widerstand auf? Sie ahnte, wie sehr er an der alten Jacke hing. Er hatte sie in Frankreich bekommen. Sie erinnerte ihn an Chamonix. Die Trennung von seiner vertrauten Umgebung hatte er noch immer nicht überwunden.

Irgendetwas musste sie unternehmen, um ihrem Sohn über das Heimweh hinwegzuhelfen. Seit seiner Einschulung im Herbst war er stiller und stiller geworden. Meistens gab er nichts von sich als tiefe Seufzer. Seit dem Tod seines Vaters vor vierzehn Monaten hatte sich das Kind besorgniserregend verändert.

Eric Broussard, einer der besten Skifahrer Frankreichs, war zur allgemeinen Bestürzung bei einem internationalen Abfahrtsrennen in Cortina tödlich verunglückt. Für seine Familie war der Tod des erst Achtundzwanzigjährigen nicht der erste furchtbare Schicksalsschlag. Erst zwei Jahre zuvor war Suzanne gestorben, die Frau von Erics Bruder Raoul. Die Broussards waren als Bergführer seit über hundert Jahren eine Institution in den französischen Alpen. Die Brüder Eric und Raoul hatten ein sehr enges Verhältnis, vielleicht gerade deswegen, weil sie nicht in Konkurrenz zueinander standen. Raoul war Bergsteiger und Kletterer, für Eric zählte nur eins: das Skifahren.

Während Frankreichs Skiwelt trauerte, brach für Crystal ihre Welt mit dem plötzlichen Tod ihres Mannes zusammen. Sie stand vor der herzzerreißenden Aufgabe, ihrem fünfjährigen Jungen zu erklären, dass sein Daddy nie wieder nach Hause kommen würde.

Sie und Eric hatten sich bei einem internationalen Wettbewerb kennengelernt und waren bald darauf ein Paar geworden. Nach der Hochzeit hatten sie sich in Chamonix niedergelassen, wo Eric geboren und ebenso wie sie auf Skiern groß geworden war. Zwei Monate nach Erics Begräbnis war sie mit Philippe zu ihren Eltern nach Breckenridge zurückgezogen. Sie hoffte, dass sie und ihr Sohn hier in den Staaten den Verlust besser verkraften und irgendwann wieder optimistisch in die Zukunft blicken würden. Doch seitdem war ihr früher so lebhafter Sohn einsilbig geworden und kapselte sich immer mehr ab. Selbst ihren beiden jüngeren Schwestern, Jenny und Laura, gelang es nicht, ihn mit ihrer lebenslustigen Art aus seinem Schneckenhaus zu locken.

Begonnen hatte sein Rückzug mit einem Anfall von Trotz und Wut, als ihr Vater versuchte, ihn zum Skilaufen mitzunehmen. Wahrscheinlich war es dafür noch zu früh. Der Tod des Vaters hatte dem Jungen möglicherweise ein für alle Mal diese Sportart verleidet. Sie selbst hatte seither nicht probiert, ihn auf die Piste zu kriegen.

Neuerdings kam sie aus dem Grübeln über ihren Sohn gar nicht mehr heraus. Nichts schien ihn mehr zu begeistern oder ihm Spaß zu machen. Und obwohl alle in ihrer Familie ihn liebten und sich um ihn bemühten, reagierte er gleichgültig, ja fast abweisend.

Selbst wenn sie ihn dazu ermutigte, wollte er nicht über seinen Vater sprechen. Stattdessen redete er von seinem Onkel Raoul, den er anhimmelte. Einmal im Monat rief Raoul seinen Neffen an, Philippe erzählte aber nie, worüber sie am Telefon gesprochen hatten.

Eine Bemerkung von Molly, einer Angestellten ihres Vaters, die selbst drei Kinder hatte, ging ihr nicht aus dem Kopf. Molly hatte am Morgen die Vermutung geäußert, Philippe sei vielleicht eifersüchtig, weil er seine Mutter mit ihrer Familie teilen müsse. Dieser Gedanke verfolgte sie schon den ganzen Tag und vertiefte die Schuldgefühle, die sie ihrem Sohn gegenüber empfand.

Crystal hatte darauf gesetzt, dass Philippe sich bei ihren Eltern und Schwestern wohl und geliebt fühlen würde. Ursprünglich hatte sie vorgehabt, für sich und Philippe eine Wohnung in der Nähe zu suchen. Aber nun war schon ein Jahr vergangen, und sie wohnten immer noch in ihrem Elternhaus, in der Hoffnung, die Nähe zu ihrer Familie würde Philippe guttun. Doch offenbar stimmte das nicht.

Ob Molly recht hatte?

Der Gedanke, dass der Junge sich gegenüber ihren Eltern und Schwestern zurückgesetzt fühlte, quälte sie. Brauchte er sie jetzt ganz für sich allein? Würde er seine Lebensfreude zurückgewinnen, wenn sie sich ausschließlich auf ihn konzentrierte? Sie war bereit, alles zu versuchen. Aber wenn es nicht half, durfte sie nicht zögern, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Wahrscheinlich hatten sie die beide nötig.

Sobald Philippe heute Abend im Bett lag, wollte sie mit ihren Eltern darüber sprechen und sich zügig auf Wohnungssuche machen. Dann konnte sie endlich die wenigen Möbel aufstellen, die sie aus Chamonix mitgebracht und im Keller ihres Elternhauses deponiert hatte.

Vielleicht hielt Philippe sich deshalb am liebsten in seinem Kinderzimmer auf, weil sie sich bemüht hatte, es genauso einzurichten wie sein Zimmer in Chamonix. Vielleicht würde sich seine Zunge lösen, wenn ihn auch in den anderen Räumen ein paar vertraute Gegenstände umgaben. Es muss einfach klappen, dachte sie verzweifelt.

Im Zentrum von Breckenridge parkte sie den Wagen hinter dem Geschäft ihres Vaters. Durch den Hintereingang betraten sie den Lagerraum, wo gerade neue Ware ausgepackt wurde. Die wattierten Anoraks hingen bereits auf Bügeln an einem Ständer.

Sie nahm zwei herunter und zeigte sie ihrem Sohn. „Welcher gefällt dir besser, der grüne oder der blaue?“

Er betrachte die Anoraks eingehend. „Dieser hier, glaube ich“, sagte er.

Crystal gefiel seine Wahl. Das Blau passte gut zu seinen Augen, die noch dunkler waren als die von Eric. Dann half sie dem Jungen aus der alten Jacke und ließ ihn die neue anprobieren. „Steht dir sehr gut, Philippe. Lass uns zu Grandpa gehen und hören, was er dazu sagt.“

In dem großen Verkaufsraum hielten mindestens zwölf Kunden das Personal auf Trab. Molly war gerade im Gespräch, doch sie bemerkte sie trotzdem. „Oh, der Anorak steht dir aber gut, Philippe“, rief sie.

Der Junge murmelte etwas und wandte den Kopf ab. Crystal entschuldigte sich für sein schlechtes Benehmen. Dann sah sie sich nach ihrem Vater um.

„Der Chef hat etwas zu erledigen, muss aber gleich zurück sein“, sagte Molly.

Crystal bezweifelte das. Ihr Vater neigte dazu, sich festzureden, wenn er unterwegs Bekannte traf. „Lass uns nach Hause fahren und zuerst Grandma deinen neuen Anorak vorführen.“ Sie zog Philippe an der Hand Richtung Lager.

„Eh bien, mon garçon. Tu me souviens?“

Die mit tiefer Stimme gesprochenen französischen Worte trieben Crystal das Blut ins Gesicht.

Raoul! Das war Raoul. Konnte das möglich sein?

Philippe hatte ihn nicht vergessen, und auch sie konnte ihn nicht vergessen. Beide drehten sich gleichzeitig um.

„Oncle Raoul!“, rief ihr Sohn, und das klang so glücklich, wie sie sich fühlte.

Dann riss er sich von ihrer Hand los, stürzte seinem Onkel entgegen und warf sich in dessen ausgebreitete Arme. Als wollte er ihn nie wieder loslassen, klammerte er sich an Raoul und presste das Gesicht gegen dessen Brust. Der wiegte ihn hin und her. Crystal hätte nicht sagen können, wer von beiden sich mehr über das Wiedersehen freute.

Über Philippes Schulter hinweg sah Raoul sie mit seinen dunkelblauen Augen an. Weder freundlich noch unfreundlich, doch so durchdringend, dass dieser Blick sie bis ins Mark traf.

„Wie schön, euch hier zu treffen.“ Sein Englisch war fast akzentfrei, besser als das von Eric. „Philippe hat mir am Telefon erzählt, dass du für deinen Vater arbeitest.“

Sie nickte sprachlos.

„Das hat mich überrascht.“

Sie holte tief Luft. Wie meinte er das?

„Nun, ich habe natürlich angenommen, dass du Nachwuchsläuferinnen trainierst.“ Er lächelte. „Dein Stil beim Skifahren war einmalig und vielversprechend, Crystal. Wenn du weitergemacht hättest, wärst du …“

„Hab ich aber nicht.“

„Stimmt. Dem Skisport ist deshalb etwas entgangen. Ich bin nicht der Einzige, der bedauert, dass du deinen Beruf ganz an den Nagel gehängt hast.“

Seine Worte wunderten und irritierten sie. Ihre Entscheidung, den Sport aufzugeben, obwohl sie immerhin eine Bronzemedaille gewonnen hatte, lag doch schon so lange zurück. Damals war sie mit Eric noch glücklich gewesen. Erst danach hatten die Eheprobleme begonnen. Und nun musste sie seinen Tod verarbeiten … Sie war von Raouls Bemerkung mehr als überrascht – sie fühlte die Röte in ihren Wangen aufsteigen. Ihr Schwager verstand etwas vom Skifahren und war als Bergsteiger ein Experte. Er meinte, was er sagte, das spürte sie. Aber woher ahnte er, dass sie von einer Karriere als Trainerin träumte? Sie hatte noch nie mit jemandem darüber gesprochen.

Wieder spürte sie diese merkwürdige Seelenverwandtschaft mit ihrem Schwager und fühlte sich deshalb schuldig. Mit Eric, ihrem Mann, hatte sie nichts dergleichen verbunden.

„Danke für das Kompliment, Raoul, aber solange mein Sohn mich braucht, ist daran nicht zu denken.“

„Das verstehe ich, doch ich glaube, du könntest es immer noch. Dein Stil ist einfach unnachahmlich. Ich habe nie verstanden, warum du nach Philippes Geburt nicht wieder eingestiegen bist.“

„Du meinst in Chamonix?

„Naturellement.“

„Das hätte ich gern gemacht, aber das Muttersein hat sich als Fulltime-Job herausgestellt.“

„Für manche Frauen ist es das auch. Du hättest beides geschafft.“ Seine dunkelblauen Augen blitzten sie an. „Du bist überaus begabt.“

Offenbar glaubte er wirklich an sie.

Eric war anderer Meinung gewesen und hatte nicht gewollt, dass sie Philippe einem Kindermädchen überließ. Vielleicht hätte sie nach einer anderen Lösung suchen müssen.

Ihr Mann hatte nach der Geburt des Babys wie selbstverständlich sein altes Leben weitergeführt. Er schien nichts anderes im Kopf zu haben als seinen Sport und war entsprechend häufig unterwegs. Deshalb hatte sie versucht, Philippe nicht nur eine gute Mutter zu sein, sondern ihm auch den Vater zu ersetzen.

Während ihr all diese Gedanken durch den Kopf schossen, gelang es ihr nicht, den Blick von Raoul zu wenden. Sein schwarzes Haar war länger, als sie es in Erinnerung hatte. Es wellte sich und sah jetzt wie vom Wind zerzaust aus. Auch fiel ihr auf, wie groß und athletisch er war. Eric war fast einen halben Kopf kleiner gewesen, schmaler und sehniger. Er und seine Schwester Vivige, ebenfalls eine hervorragende Skiläuferin, hatten das dunkelblonde Haar und die helle Haut des Vaters geerbt, während Raouls Teint dem dunkleren seiner Mutter glich. Allen Broussards gemeinsam war ihr auffallend gutes Aussehen, und auch Philippe war unübersehbar ein Broussard, vom dunkleren Typ seines Onkels.

Raoul zu betrachten, verursachte ihr Freude und Qual zugleich und löste noch ganz andere Gefühle in ihr aus, über die sich weigerte nachzudenken. Sie hatte ihn zuletzt vor einem Jahr gesehen, als die ganze Familie, auch Vivige mit ihren drei Kindern, sie und Philippe nach Genf zum Flughafen begleitet hatten. Von dort war sie mit ihrem Sohn in die Staaten abgereist.

Seitdem hatten sich die Linien um Raouls Mund vertieft, sein Gesicht war schmaler geworden, und auch sonst schien er ein paar Pfunde verloren zu haben. Sie fand ihn noch anziehender als früher, falls das überhaupt möglich war. Und schon meldeten sich wieder die altbekannten Schuldgefühle, weil sie so auf ihn reagierte.

Während Eric einfach nur gut ausgesehen hatte, war Raoul umwerfend attraktiv.

„Ich freue mich, dich wiederzusehen, Raoul“, sagte sie schließlich und versuchte, das Zittern ihrer Stimme zu unterdrücken.

„Wirklich?“ Das klang herausfordernd, fast schneidend. Sie hörte einen versteckten Vorwurf heraus und nahm fast automatisch eine Verteidigungshaltung ein. Reagierte sie überempfindlich?

„Wie kannst du das bezweifeln?“ Sie rang sich ein Lächeln ab. „Natürlich freue ich mich. Dir ist eine echte Überraschung gelungen, nicht wahr, Philippe?“ Ihr Sohn dachte nicht daran, seinen Onkel freizugeben, und sah so glücklich aus, dass es ihr ins Herz schnitt.

Merkwürdig war vor allem der Zeitpunkt des Besuchs. So kurz vor Weihnachten herrschte in Chamonix Hochsaison, und die Broussards hatten viel zu tun. Weshalb hatte Raoul sich ausgerechnet jetzt freigenommen?

Sie ging auf ihn zu und begrüßte ihn mit einer kurzen freundschaftlichen Umarmung.

Raoul legte den freien Arm um sie. „Ich freue mich auch, ma belle“, flüsterte er an ihrer Schläfe. So hatte er ihr schon immer seine brüderliche Zuneigung gezeigt. „Ohne dich in der Nähe ist das Leben nicht mehr, wie es war.“

Ihr war es auch so gegangen. Wie eine Exilantin kam sie sich vor, nachdem sie Frankreich und ihn verlassen hatte. Aber sie hatte es selbst so entschieden, und Raoul war der Grund dafür.

Bevor er den Jungen absetzte, gab er ihm und ihr einen Kuss auf die Wange. Er duftete wunderbar. Sofort überfielen sie Erinnerungen an eine Zeit, die ein für alle Mal vorüber war.

Philippe fasste nach der Hand seines Onkels und legte den Kopf in den Nacken. Seine Augen leuchteten wie lange nicht mehr. „Kommst du mit? Ich will dir Grandmas Haus zeigen.“

Erst jetzt begriff Crystal in vollem Ausmaß, wie sehr der Junge seinen Onkel vermisst hatte. Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag.

„Das würde ich gern“, sagte Raoul. „Wenn deine maman nichts dagegen hat.“

„Natürlich nicht. Meine Familie wird sich über deinen Besuch freuen. Bist du mit einem Leihwagen aus Denver gekommen?“

„Oui.“ Er warf ihr einen spöttischen Blick zu.

Natürlich. Die Frage hätte sie sich sparen können.

„Darf ich mit in seinem Auto fahren, maman?“

Seitdem sie in Colorado wohnten, nannte Philippe sie Mommy. Nun wechselte ihr zweisprachiger Sohn ins Französische. Fühlte er sich darin heimischer? Oder tat er es seinem heiß geliebten Onkel zuliebe? Über die Jahre hatte er mehr Zeit mit ihm verbracht als mit seinem Vater. Eric war ständig unterwegs gewesen, um irgendwo ein Rennen zu fahren oder zu trainieren.

„S’il te plâit!“, bat er sie eindringlich.

„Ja, natürlich darfst du. Aber vergiss nicht, dich anzuschnallen.“

Philippe hüpfte vor Freude. Seitdem sein Onkel da war, wirkte er wie ausgewechselt.

„Ich passe auf ihn auf“, sagte Raoul.

Sie wusste das. Seit der Nacht, als bei ihr zwei Wochen zu früh die Wehen eingesetzt und Raoul sie mit starken Blutungen ins Krankenhaus gebracht hatte, war er Philippes Beschützer geworden. Und auch ihrer. Er hatte sie während der ganzen Fahrt beruhigt und ihr Mut zugesprochen. Damals war ein starkes Band zwischen ihnen entstanden. Auf ihn und Suzanne hatte sie sich unbedingt verlassen können.

Niemand, auch nicht ihr Arzt, hatte mit einer verfrühten Geburt gerechnet, und Eric war in Cortina, wo er ein World-Cup-Rennen fuhr. In ihrer Not hatte sie bei ihren Schwiegereltern angerufen. Zufällig war Raoul ans Telefon gegangen, hatte die Panik in ihrer Stimme gehört und alles stehen und liegen lassen. Ohne seine schnelle Hilfe wäre sie wahrscheinlich verblutet.

„Wir fahren dir hinterher, Mommy“, sagte Philippe.

„Ja, bis gleich, mein Schatz.“

Sie eilte sie durch den Hintereingang des Ladens hinaus und stieg ins Auto. Als sie den Motor startete, kroch die Angst in ihr hoch.

Es konnte nur einen Grund geben, warum Raoul hergekommen war: Er brachte schlechte Nachrichten, über die er am Telefon nicht sprechen wollte. Waren zwei tragische Todesfälle in so kurzer Zeit nicht genug an Schmerzen und Verlust?

Was immer es war, sie musste sich auf etwas Schlimmes gefasst machen und stark bleiben für ihren Sohn.

Es begann zu schneien, die Sicht wurde schlecht. Crystal konnte nur noch ahnen, dass der weiße Leihwagen ihr folgte. Schwer zu glauben, dass Raoul ihn fuhr, dass er hier in Breckenridge war und nicht in Chamonix.

Wenn Raoul die Gegend um Chamonix verließ, dann nur, um irgendwo mit seinem besten Freund Des zu wandern und zu klettern. Des war Spanier und lebte in den Pyrenäen. Nach Suzannes Tod machte Des sich Sorgen um Raoul und überredete ihn schließlich, mit ihm in den Himalaja zu reisen. Zwei Monate lang hatten sie gemeinsam das „Dach der Welt“ bestiegen.

Aber auch das hatte Raoul nicht über den Verlust hinweggeholfen. Wie versteinert wirkte er im Rückblick in dieser Zeit. Nur wenn er Philippe oder Viviges Kinder um sich hatte, schien das Eis in ihm zu schmelzen, und er ähnelte wieder dem warmherzigen und wunderbaren Mann, der er zu Suzannes Lebzeiten gewesen war.

Nun sah sie Raoul nach einem Jahr wieder. Wie es wirklich um ihn stand, konnte sie nur ahnen. Aus dem, was ihre Schwiegereltern und Vivige über ihn erzählt hatten, wollte für sie kein klares Bildes entstehen. Die letzte Neuigkeit war, dass er eine Frau namens Silvie Beliveau kennengelernt hatte und alle die Daumen drückten, dass sich daraus etwas Ernsthaftes entwickelte. Crystal hatte versucht, das gelassen hinzunehmen. Sie lebte jetzt hier und wollte an nichts und niemanden denken außer an ihren Sohn.

Für Raoul wünschte sie von Herzen, dass er sich wieder gefangen hatte. Aber Einzelheiten über seine neue Freundin wollte sie lieber nicht wissen, obwohl sie manchmal an nichts anderes denken konnte. Nun war er hier, und sie verlor die Nerven. Dabei hatte sie vor einem Jahr Chamonix auch verlassen, um ihr inneres Gleichgewicht zurückzugewinnen und Frieden zu finden.

Raoul hatte Philippe auf dem Rücksitz angeschnallt, aber er beobachtete ihn weiterhin über den Rückspiegel. Wenn sich darin ihre Blicke trafen, lächelten sie beide. „Du bist ganz schön gewachsen“, sagte er auf Französisch zu dem Jungen.

Philippe kicherte. „Ich hatte doch Geburtstag. Du hast mir ein Päckchen geschickt. Mit dem Modellauto von dir spiele ich jeden Tag.“

„Dann gefällt es dir also. Das freut mich.“

„Nächstes Jahr werde ich sieben.“

„Hört sich an, als hättest du es eilig, älter zu werden“, sagte Raoul. „Wie kommt das?“

„Weil maman mir versprochen hat, dass wir dich dann besuchen.“

Diese Bemerkung verschlug Raoul fast die Sprache. „Ich habe dich schrecklich vermisst, Philippe“, gestand er dem Jungen. Ein eigenes Kind hätte er nicht mehr lieben können als seinen Neffen.

Der Kleine nickte. „Ich dich auch. Warum kommst du erst jetzt?“

Raoul umklammerte das Lenkrad. Dafür gab es viele Gründe. Crystal ging ihm aus dem Weg, wahrscheinlich, weil sie spürte, dass er sich zu ihr hingezogen fühlte. Das musste er akzeptieren, obwohl er lange damit gehadert hatte. Philippe konnte er das natürlich nicht erklären. Deshalb gab es für ihn nur eine Antwort.

„Ich hatte sehr viel zu tun. Grand-père kann nicht mehr so viel arbeiten wie früher. Also habe ich auch noch einen Teil seiner Arbeit übernommen.“

Philippe nickte. „Du darfst bestimmt in Grandmas Haus übernachten. In meinem Zimmer stehen zwei Betten. Mommy schläft manchmal bei mir, wenn ich weinen muss.“

Raoul zuckte zusammen. „Weinst du oft?“

„Ja. Du auch?“

„Manchmal. Ich vermisse deinen Vater. Er war mein Bruder.“

„Ich will nicht, dass er tot ist. Nur weil er tot ist, müssen wir hier leben.“ Philippes Stimme zitterte vor Wut und Verzweiflung.

Raoul wurde die Kehle eng. „Mir tut es auch leid, das musst du mir glauben. Sehr leid.“

Anfangs hatte er mit Entsetzen auf Crystals Entscheidung reagiert, nach Colorado zurückzugehen – vermeintlich allein aus dem Grund, weil er den Jungen vermisste. Erst mit der Zeit war ihm klar geworden, dass dahinter noch etwas anderes steckte: Auch die Trennung von ihr tat weh.

Sie hatten in den vergangenen Jahren so viel miteinander und voneinander erlebt, dass ein starkes Band zwischen ihnen gewachsen war. Als sie Chamonix verließ, tat sich eine neue Leere in ihm auf, die nichts zu tun hatte mit dem Tod seines Bruders. So verrückt es war, er vermisste sie mehr als Eric. Das kam ihm ungehörig vor, und er fühlte sich schuldig deswegen.

„Ich bin sauer auf Mommy“, sagte Philippe, und es klang, als spräche er aus tiefstem Herzen.

Raoul erging es ebenso, aber das durfte er dem Jungen natürlich nicht zeigen.

Schon eine Zeit lang vor Erics Tod hatte Crystal sich von der Familie, aber vor allem von ihm zurückgezogen. Das war ihm natürlich nicht entgangen, und so hatte er sich zu Zurückhaltung gezwungen. Und daran hielt er sich bis heute. Noch auf dem Flug hierher hatte er sich die Freude auf das Wiedersehen verboten.

Doch seit sie sich begrüßt hatten, war alles noch komplizierter geworden. Crystal ähnelte nicht mehr dem lebhaften hübschen Mädchen, das seinen Bruder verzaubert hatte. Erics Tod hatte aus ihr einen anderen Menschen gemacht.

„Warum bist du so böse auf deine Mutter?“

„Weil sie mich hierher gebracht hat. Ich will nach Hause.“

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