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Liebesnacht mit dem Playboy-Boss

1. KAPITEL

Ryan Armstrong verband niemals Berufliches mit Privatem.

In diesem Punkt war er das sprichwörtliche gebrannte Kind, das das Feuer scheute. Wobei allerdings ein Wort wie „scheu“ seiner selbstbewussten, aufgeschlossenen Persönlichkeit überhaupt nicht gerecht wurde. Aber er fürchtete die möglichen Komplikationen und Folgen, die sich daraus ergeben konnten, wenn man Geschäftliches und Vergnügen vermischte. Sehr sogar.

Früher, vor seiner Zeit als Geschäftsmann, hatte er die Chancen wahrgenommen, wie sie sich ihm boten, und gewöhnlich jede Frau bekommen, die ihn interessierte. Denn er besaß einen durchtrainierten, athletischen Körper, nach dem die Frauen verrückt waren und der ihn gleichzeitig zu einem der weltweit erfolgreichsten und bestbezahlten Torhüter gemacht hatte. Zwischen seinem dreiundzwanzigsten und neunundzwanzigsten Lebensjahr, als er für verschiedene, international renommierte Fußballclubs in Europa unter Vertrag stand, hatte er mehr Freundinnen gehabt, als er Tore verhinderte.

Dann zwang ihn eine Verletzung, seine Karriere vorzeitig zu beenden, und er baute sich in Sydney eine eigene Firma auf, die Win-Win Sportsmanagement Agentur. Bis dahin hatte er noch nicht die Erfahrung gemacht, dass es gelegentlich klüger war, seiner Schwäche für schöne Frauen nicht nachzugeben. Als eine seiner ersten Kundinnen heftig mit ihm flirtete, landete er unweigerlich mit ihr im Bett. Bei einer Frau von fast dreißig, die ganz für ihre Karriere als Sportlerin lebte, kam er nicht auf die Idee, dass sie mehr als nur ein flüchtiges Abenteuer von ihm wollte.

Schon nach ihrem zweiten Date musste er jedoch einsehen, dass er einen gewaltigen Fehler begangen hatte. Die junge Dame überschüttete ihn förmlich mit heißen Nachrichten auf sein Handy, in denen sie zudem keinen Hehl daraus machte, wie gern sie seine Frau werden würde. Als er das Ganze dann – sehr taktvoll, wie er dachte – beendete, flippte sie völlig aus und versuchte aus Rache, ihn geschäftlich zu ruinieren. Sie ließ vertrauliche Informationen an die Presse durchsickern und zog seinen Namen in jeder erdenklichen Weise durch den Schmutz. Dummerweise hatte er die verräterischen SMS alle gelöscht, sodass Aussage gegen Aussage stand. Zwar war er letztendlich Sieger geblieben, aber es wäre fast ins Auge gegangen. Ryan dachte immer noch mit Schaudern daran, dass er beinah alles, was er sich aufgebaut hatte, wieder verloren hätte. Seitdem hielt er sich eisern an die Regel, Berufliches nie mit Privatem zu vermischen.

Weibliche Kunden, Angestellte oder auch engere Geschäftskolleginnen waren für ihn absolut tabu. Seine gegenwärtige Freundin Erica hatte eine leitende Position in einer PR-Agentur, mit der er in keinerlei Geschäftsbeziehung stand. Sie war blond, fünfunddreißig, geschieden, kinderlos und karrieresüchtig. Heirat oder Liebe interessierte sie genauso wenig wie ihn, denn sie hatte das alles bereits hinter sich. Attraktiv, intelligent und sexy, entsprach sie genau seinen Bedürfnissen. Überhaupt hatte er die Erfahrung gemacht, dass Karrierefrauen meist eine heiße Nummer im Bett waren … und dankenswerterweise keine unangenehmen Szenen machten, wenn sein Interesse nachließ.

Und das war immer nach wenigen Monaten der Fall. Kaum eine seiner Affären hielt länger, die eine oder andere war bereits nach wenigen Wochen beendet gewesen. Sobald er Probleme witterte, zog er sich rasch zurück. Mit fast achtunddreißig hatte er ein Alter erreicht, in dem die meisten Männer sich für Ehe und Familie entschieden hatten. Fast alle seiner Freunde waren inzwischen verheiratet, auch die, von denen er es nie erwartet hätte.

Er konnte natürlich gut verstehen, warum die Frauen ihn unbedingt heiraten wollten. Da er nie über seine Vergangenheit sprach, konnten die Frauen ja nicht ahnen, dass er schon vor langer Zeit beschlossen hatte, niemals Ehemann und Vater zu werden.

Ein kurzes Klopfen an seiner Bürotür riss Ryan aus seinen Gedanken. Unwillkürlich warf er einen Blick auf die Uhr. Genau drei. Wie stets pünktlich auf die Minute, dachte er unerklärlich gereizt. Denn eigentlich schätzte er Pünktlichkeit sehr. Nichts hasste er mehr, als auf Leute zu warten, vor allem wenn er den Termin bestimmt hatte. Warum also reagierte er jeden Freitagnachmittag um diese Zeit so?

„Herein, Laura“, rief er schroff.

Sie trat ein, wie immer in einem strengen schwarzen Kostüm, das schwarze Haar ebenso streng hochgesteckt. Kein Make-up. Kein Schmuck. Kein Parfüm.

Als sie näher kam, um ihm gegenüber Platz zu nehmen, musterte Ryan sie von Kopf bis Fuß und fragte sich, warum sie sich das antat. War es vielleicht ihre Vorstellung davon, wie eine Anwältin auszusehen hatte: taff und geschlechtslos? Jeder konnte sehen, dass sie eine sehr attraktive Frau hätte sein können, wenn sie sich nur ein wenig bemüht hätte. Sie hatte eine gute Figur und ein interessantes Gesicht mit hohen Wangenknochen und mandelförmigen grauen Augen. Wobei Letztere allerdings für gewöhnlich eisig und unbewegt blickten, vor allem wenn sie ihn ansah.

Weshalb es ihn umso mehr verblüffte, dass diesmal ein bedauernder, reumütiger Ausdruck darin lag. Ja, sie blieb sogar stehen, um ihn anzusehen.

„Was ist?“, fragte Ryan unverblümt.

„Nichts.“ Laura schüttelte den Kopf. „Verzeihen Sie. Machen wir uns gleich an die Arbeit, ja?“ Sie setzte sich, schlug die schlanken Beine wie üblich übereinander und nahm geschäftsmäßig den ersten Vertrag von dem Stapel, der zur Durchsicht bereitlag.

Es handelte sich um einen lukrativen Sponsorenvertrag, den er persönlich für einen neuen Kunden, einen jungen, aufstrebenden Tennisspieler, ausgehandelt hatte. Das Aushandeln solcher Verträge machte einen großen Teil seiner Arbeit aus, und er sicherte sich immer ab, indem er sie von einem der fähigsten juristischen Köpfe Sydneys überprüfen ließ.

Und das war Laura. Dabei war sie keine Angestellte von Win-Win, sondern arbeitete für Harvey, Michaels & Associates, eine große amerikanische Anwaltskanzlei mit einer Vertretung in Sydney, deren Büroräume praktischerweise in demselben Gebäude untergebracht waren wie seine Agentur und die nur die brillantesten Anwälte beschäftigte. Als Ryan vor einigen Jahren anfing, ihre Dienste in Anspruch zu nehmen, hatte man ihm zunächst einen jungen Anwalt geschickt, der ein schlauer Kopf, aber leider ein sehr schlechter Autofahrer war. Als dieser dann vor zwei Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam, hatte die Kanzlei eine Anwältin als Ersatz vorgeschlagen. Ryan hatte gezögert, vor allem als er erfuhr, dass sie erst dreißig und alleinstehend sei. Aber schon beim ersten Geschäftstreffen mit Laura war ihm klar geworden, dass er sich nie mit ihr einlassen würde. Und umgekehrt.

In dieser Hinsicht bestand immer noch keine Gefahr. Dennoch fand er sie irritierend. Ryan war es einfach nicht gewohnt, dass eine Frau ihm derart gleichgültig begegnete. Gelegentlich grenzte Lauras Desinteresse schon fast an offene Abneigung. Entweder hatte eine schlechte Erfahrung in der Vergangenheit sie zur Männerhasserin werden lassen, oder sie hatte nie einen Mann getroffen, der es geschafft hatte, ihren Eispanzer zum Schmelzen zu bringen.

Vor einigen Wochen, als sie ihm besonders frostig begegnete, hatte Ryan überraschend den Drang verspürt, sie an sich zu reißen und leidenschaftlich zu küssen, nur um sie endlich einmal zu irgendeiner Reaktion zu provozieren. Natürlich hatte er es nicht getan, denn er wusste ganz genau, dass er sich damit nur höllischen Ärger eingehandelt hätte.

Außerdem hatte er sich in dieser Hinsicht längst unter Kontrolle. In solchen Situationen erlaubte er sich lediglich gewisse Fantasien. Ein Lächeln umspielte seine Lippen, als er sich jetzt erinnerte, wars er damals in Gedanken mit ihr getan hatte … und wie leidenschaftlich sie ihm entgegengekommen war.

In deinen Träumen, Ryan!

„Was ist denn so komisch?“

Ihre spitze Frage ließ ihn aus seinen Tagträumen schrecken. „Es hat nichts mit Ihnen zu tun, Laura“, schwindelte er, überrascht, dass Laura sein Lächeln überhaupt bemerkt hatte. Denn normalerweise blickte sie nie auf, wenn sie einen Vertrag durchsah. „Ich habe nur daran gedacht, dass ich morgen mit ein paar Freunden segeln gehe.“ Was der Wahrheit entsprach. Erica war an diesem Wochenende auf einer Konferenz in Melbourne.

Laura seufzte unerwartet. Es klang … neidisch.

„Haben Sie ein Glück!“

„Möchten Sie mitkommen?“ Die Einladung war ausgesprochen, ehe er sich besann.

Laura blinzelte erstaunt, bevor sie sich wieder dem Vertrag zuwandte. „Tut mir leid“, sagte sie kühl. „Ich habe dieses Wochenende schon etwas vor.“

Wow, dachte Ryan. Das war knapp. Was hatte ihn nur geritten, sie einzuladen? Dennoch schmeichelte es ihm, dass sie nicht rundheraus abgelehnt hatte. Vielleicht war sie ja doch nicht so immun gegen seinen Charme. Er wusste genau, dass die meisten Frauen sich zu ihm hingezogen fühlten … wie zu den meisten großen, attraktiven, erfolgreichen Männern. In dieser Hinsicht kannte er keine falsche Bescheidenheit.

Er störte Laura nun nicht mehr beim Lesen, ließ dafür aber seinen Gedanken … und seinen Blicken freien Lauf.

Sie hatte wirklich tolle Beine. Lang, schlank, mit zierlichen Fesseln und schmalen Füßen, die gerade die richtige Größe hatten. Schade, dass sie diese langweiligen flachen Schuhe trug!

Auch ihr Haar war eigentlich schön: dicht und dunkel, seidig schimmernd und offensichtlich lang. Bestimmt würde es sehr sexy aussehen, wie ein Fächer auf einem Kissen ausgebreitet … Ups, wieder ertappte er sich dabei, wie er sich zu erotischen Fantasien über sie hinreißen ließ. Er musste wirklich damit aufhören.

Ryan drehte seinen Schreibtischsessel herum und blickte durch das Panoramafenster auf den Hafen hinaus. Ein Anblick, den er immer besonders entspannend fand, einer der Gründe, warum er genau diese Büros für seine Firma gemietet hatte. Der zweite Grund war, dass das Gebäude in unmittelbarer Nähe des Apartmenthauses lag, in dem sich seine Wohnung befand … die im Übrigen auch einen fantastischen Blick auf den Hafen hatte.

Als er seine Fußballschuhe so unvorbereitet und gezwungenermaßen an den Nagel hängen musste, hatte er vor allem vermisst, dass er nicht mehr so viel Zeit draußen unter freiem Himmel verbringen konnte. Er hasste das Gefühl, eingesperrt zu sein, wollte Platz um sich herum haben, den Himmel sehen … und entdeckte zu seiner eigenen Überraschung seine Liebe zum Wasser. Seit Kurzem hatte er mit viel Freude das Segeln begonnen und überlegte ernsthaft, sich eine Yacht zu kaufen.

An diesem Nachmittag waren draußen im Hafen viele Boote auf dem Wasser, denn endlich schien der Winter dem Frühling zu weichen. Der schreckliche Regen, der Sydney fast zwei Monate heimgesucht hatte, hatte sich verzogen, und das Meer funkelte einladend unter einem strahlend blauen Himmel.

Eines der Boote, das gerade an Bennelong Point vorbeizog, erregte seine Aufmerksamkeit, eine große, schnittige weiße Yacht, genau das richtige Spielzeug für einen reichen Mann. Vielleicht kaufe ich mir so eine, dachte Ryan. Er konnte es sich leisten. Win-Win war längst nicht seine einzige Einnahmequelle. In seinen Jahren als Torhüter war er klug genug gewesen, einen Großteil seiner beträchtlichen Einkünfte in Immobilien zu investieren. So hatte er am Ende seiner Karriere bereits gut ein Dutzend Objekte in den teuersten Stadtteilen von Sydney besessen. Sein einträglicher Immobilienbesitz war allerdings wieder so eine Sache, über die Ryan nicht sprach, weil er wusste, dass es nur unnötig Neid schürte, wenn man mit seinem Reichtum prahlte. Seine engsten Freunde waren zwar allesamt erfolgreich und gut situiert, aber keiner davon war Multimillionär wie er.

Und keiner davon besaß eine Yacht. Die „Freunde“, mit denen er am Wochenende segeln wollte, waren eher Bekannte, Profisegler, die er durch seinen Beruf kennengelernt hatte und die ihm die Anfänge des Segelns beigebracht hatten.

„Ich kann keinen Fehler in dem Vertrag entdecken“, sagte Laura schließlich.

Ryan drehte sich mit dem Sessel wieder zu ihr herum. „Sind Sie sicher?“ Normalerweise fand sie immer irgendein mögliches juristisches Schlupfloch, das sich zum Nachteil seines Kunden erweisen konnte.

„Vielleicht sollte ich den Text noch einmal durchgehen.“

Ein Vorschlag, der Ryan genauso überraschte wie der seltsame Blick, mit dem sie ihn zu Anfang bedacht hatte. Sie war heute wirklich nicht sie selbst. Ja, genau betrachtet, wirkte sie ungewöhnlich zerstreut.

Was hatte sie derart durcheinandergebracht, dass sie sich nicht auf ihre Arbeit konzentrieren konnte? Es musste etwas Ernstes sein.

Seine Neugier war geweckt. „Nicht nötig. Der Vertrag ist sicher in Ordnung. Vielleicht sehen Sie sich die anderen beiden auch noch kurz an. Es sind nur Verlängerungen bestehender Verträge. Dann lassen wir es gut sein, und ich lade Sie unten in der Opera Bar zu einem Drink ein.“ Wenn er sie dazu brachte, sich etwas zu entspannen, würde Laura sich ihm vielleicht anvertrauen.

Überraschenderweise lehnte sie nicht rundheraus ab. Was wirklich sehr merkwürdig war. Aber sie sagte auch nicht Ja.

„Wissen Sie“, hakte Ryan nach, „ich bitte Sie ja keineswegs um ein Date, sondern möchte Sie lediglich zu einem Drink nach Feierabend einladen. Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn sich Arbeitskollegen an einem Freitagnachmittag noch zu einem Drink treffen.“

„Das weiß ich“, erwiderte sie förmlich.

„Wo ist dann das Problem?“

Sie zögerte.

„Also, mir ist klar, dass Sie mich nicht besonders mögen“, fuhr er entschlossen fort. „Nein, streiten Sie es nicht ab, Laura. In den vergangenen beiden Jahren haben Sie sich keine Mühe gegeben, es zu verbergen, und ich gebe zu, dass ich mich auch nicht gerade für Sie erwärmen konnte. Aber man müsste schon sehr gefühllos sein, um nicht zu merken, dass Sie heute nicht Sie selbst sind. Und auch wenn es unwahrscheinlich klingt, ich mache mir tatsächlich Sorgen um Sie. Deshalb möchte ich Sie zu einem Drink einladen. Vielleicht entspannen Sie sich ja bei einem Glas Wein und erzählen mir, was Sie so bedrückt.“

„Selbst wenn ich es Ihnen erzähle“, antwortete sie sichtlich unglücklich, „könnten Sie doch nichts daran ändern.“

„Lassen Sie mich das selbst beurteilen.“

Laura lachte traurig. „Sie wären vermutlich nur verärgert.“

„Nun haben Sie mich wirklich neugierig gemacht. Was bedeutet, dass ich kein Nein akzeptiere. Sie lassen sich von mir zu einem Drink einladen … jetzt sofort. Und dann werden Sie mir erzählen, was es damit auf sich hat.“

Laura wusste, dass es dumm von ihr war, sich wegen seiner Besorgnis geschmeichelt zu fühlen. Und noch dümmer war es vermutlich, sich von Ryan zu einem Drink ausgerechnet in die Opera Bar einladen zu lassen.

Die Opera Bar war das Lokal, wo man sich in Sydneys Geschäftsviertel nach der Arbeit traf, denn es lag in Reichweite zum Kai mit einer herrlichen Aussicht auf die Oper zur Rechten, den Circular Quay zur Linken, die Hafenbrücke geradeaus, ganz zu schweigen von dem Hafen selbst. Die Hälfte der Belegschaft von Harvey, Michaels & Associates versammelte sich dort jeden Freitagnachmittag. Nicht einmal sie, die sonst so ungesellig war, konnte sich da immer ausschließen, und Laura wusste, dass es für einiges Gerede sorgen würde, wenn man sie dort in Begleitung von Ryan Armstrong sah.

Warum hatte sie also eingewilligt?

Die Frage quälte sie auf dem kurzen Weg zum Kai. Und Laura wusste immer noch keine Antwort darauf, als Ryan und sie die Bar betraten – glücklicherweise so früh, dass noch keiner ihrer Kollegen da war.

Alison hätte sicher behauptet, sie würde sich insgeheim zu Ryan hingezogen fühlen. Aber ihre Freundin war eine hoffnungslose Romantikerin und liebte diese Schnulzen, in denen Held und Heldin am Anfang wie Hund und Katze waren und sich dann doch ineinander verliebten und am Ende glücklich wurden. Laura hielt nichts von solchen Romanen. Wenn sie jemanden nicht mochte, dann war es so. Punktum. Sie hatte Ryan Arm­strong von Anfang an nicht leiden können und fühlte sich ganz bestimmt nicht insgeheim zu ihm hingezogen.

Sicher, er sah gut aus, war intelligent und ein höchst erfolgreicher Geschäftsmann. Vor zehn Jahren hätte sie ihn vielleicht faszinierend gefunden. Inzwischen aber war sie gegen diese attraktiven Charmeure immun, die Frauen nur als Lustobjekte – oder auch zu anderen Zwecken – benutzten und ihnen im Gegenzug nichts als das zweifelhafte Vergnügen ihrer Gesellschaft schenkten. Sie brachten nichts von sich ein, weder gefühlsmäßig noch finanziell. Es waren gierige, selbstsüchtige Männer, die alles auf einmal haben wollten. Sie hatte sich zweimal mit so einem Mann eingelassen und einen sechsten Sinn entwickelt, was diesen Typ betraf.

Ryan Armstrong hatte sie, gleich als sie ihm zum ersten Mal begegnet war, in Alarmbereitschaft versetzt. Weshalb sie sich noch mehr als in den letzten Jahren bemühte, bei den Treffen freitagnachmittags so unscheinbar wie möglich auszusehen. Nicht, dass sie sich hätte sorgen müssen, von ihm angemacht zu werden. Es war von Anfang an offenkundig gewesen, dass er sie genauso wenig mochte wie sie ihn. Umso mehr hatte es sie heute überrascht, als er plötzlich so nett zu ihr war. Und jetzt ließ sie sich tatsächlich von ihm zu einem Drink einladen.

„Setzen wir uns nach draußen“, sagte er und führte sie auf die Terrasse, wo die Sonne immer noch warm genug schien, um die frische Brise vom Hafen vergessen zu lassen.

„Was möchten Sie trinken?“ Er rückte ihr einen Stuhl an einem freien Tisch zurecht, der am Rand zum Wasser hin stand.

„Bourbon und Cola“, antwortete sie.

Ryan zog nur kurz die Brauen hoch, wandte sich aber ohne ein Wort ab und ging in die Bar zurück, um die Drinks zu bestellen.

Allein gelassen, blieb Laura noch mehr Zeit, zu grübeln und sich zu sorgen. Nicht weil sie gefürchtet hätte, Ryan könnte sie verführen. Gegen Männer von seinem Schlag war sie ein für alle Mal immun. Was ihr Kopfzerbrechen bereitete, war die Tatsache, dass Ryan ihr anscheinend unbedingt ein Geständnis entlocken wollte.

Sie konnte nicht glauben, dass sie wirklich so dumm gewesen war, zu tun, was sie getan hatte. Und nun war der Schuss nach hinten losgegangen. Allerdings hatte sie unmöglich vorhersehen können, dass ihre Großmutter allen ärztlichen Prophezeiungen zum Trotz aus dem Koma erwachen und sich auch noch an jedes Wort erinnern würde, das sie, Laura, am Krankenbett zu ihr gesagt hatte. Ihre Absichten waren natürlich nur die besten gewesen, aber was half ihr das jetzt?

Sein Anblick, als Ryan jetzt mit den Drinks zu ihr zurückkam, erinnerte sie daran, warum sie ausgerechnet ihn ausgewählt hatte, um ihrer Großmutter etwas vorzuschwindeln. Er war wirklich der Inbegriff dessen, was ihre Großmutter für den idealen Partner für ihre Lieblingsenkelin halten würde. Da war zuerst sein Aussehen. Gran hatte immer erklärt, dass sie es mochte, wenn ein Mann wie ein richtiger Mann aussah, weshalb sie ihr stets geraten hatte, sich von „hübschen Jungen“ fernzuhalten. Die hätten kein Rückgrat und vor allem … keinerlei nennenswerte Muskeln.

„Und meistens bekommen sie frühzeitig eine Glatze“, hatte Gran mit ernster Miene behauptet.

Laura hatte nie viel darum gegeben, was ihre Großmutter ihr in dieser Hinsicht raten zu müssen meinte. Andererseits hätte es ihr vielleicht Kummer erspart, wenn sie zugehört hätte, denn die Männer, die ihr das Herz gebrochen hatten, waren beide „hübsche Jungen“ gewesen.

Was Ryan zugegebenermaßen nicht war. Seine Züge waren ausgesprochen männlich – eine hohe Stirn, eine markante Nase und ein energisches Kinn, was auch das Grübchen in der Mitte nicht milderte. Das dichte dunkelbraune Haar trug er ganz kurz. Es zeigte im Übrigen keinerlei Anzeichen von frühzeitiger Glatzen­bildung.

Aus irgendeinem Grund mochte Gran Männer mit blauen Augen.

Ryan hatte solche Augen, so blau wie ein Sommerhimmel. Allerdings blickten sie unter den dichten dunklen Brauen meist hart und durchdringend, was bei seinen geschäftlichen Verhandlungen sicher hilfreich war.

Auch sein athletischer Körper hätte Grans Wohlwollen erregt – groß, breitschultrig und muskulös. Und obwohl Laura ihn nur im Anzug kannte, zweifelte sie nicht daran, dass Ryan topfit und bestens in Form war.

Kein Wunder also, dass sie ihn als ihren erfundenen Traumpartner gewählt hatte. Er erfüllte die Anforderungen perfekt. Er sah nicht nur aus wie ein echter Kerl, sondern war erfolgreich, sehr charmant, wenn er es darauf anlegte, und, ja, alt genug, um erfahren zu sein.

Gran hatte immer gesagt, ein Mädchen solle nie einen Mann heiraten, der in ihrem Alter sei. „Jungen brauchen viel länger, um erwachsen zu werden, als Mädchen, Laura“, hatte sie ihr mehr als einmal versichert. „Sie müssen erst ihre Erfahrungen machen, bevor sie bereit sind, eine Familie zu gründen.“

Natürlich hatte Laura bei ihren Fantasiegeschichten über Ryan am Krankenbett ihrer Großmutter nicht erwähnt, wie „erfahren“ er tatsächlich war. Sie glaubte wirklich nicht, dass ihrer eher altmodischen Großmutter ein Mann gefallen hätte, der seine Freundinnen wie seine Hemden wechselte.

Wenn Laura ehrlich war, wunderte sie, dass sich überhaupt immer wieder Frauen auf eine Beziehung mit Ryan Armstrong einließen. Falls man es überhaupt so nennen konnte. Nach allem, was man so hörte, waren es doch eher flüchtige Abenteuer … und in den vergangenen beiden Jahren hatte Laura so einiges gehört.

Sein Lächeln, als er die Drinks auf den Tisch stellte, war sündhaft sexy und ließ erahnen, wie gefährlich attraktiv er sein konnte. Wenn man dafür empfänglich war.

„Ich habe mich entschieden, das Gleiche wie Sie zu nehmen.“ Er setzte sich und hob sein Glas. „Prost!“

Sie stieß mit ihm an, bevor sie einen großen Schluck trank. Ihre Blicke trafen sich. Ryans blaue Augen funkelten amüsiert, während sie ihn kühl ansah. Nur sie spürte, wie ihr Herz schneller klopfte. Vielleicht war sie ja gegen den Charme dieses Mannes doch nicht so immun, wie sie dachte. Aber es war kein Grund, sich Sorgen zu machen.

Dennoch wandte sie den Kopf und blickte auf den Hafen. Es war wirklich eine Traumlage für eine Stadt, vor allem an einem warmen Frühlingsnachmittag. Die zahlreichen Boote draußen auf dem glitzernden Wasser boten einen malerischen Anblick für die Touristen, die sich am Kai sammelten, um die beliebten Urlaubsschnappschüsse von der Brücke und dem Opernhaus zu machen.

„Sydney ist eine wunderschöne Stadt, nicht?“, meinte Laura stolz.

„Ja“, pflichtete Ryan ihr bei. „Man muss nur in anderen Städten in anderen Ländern gelebt haben, um einschätzen zu können, wie viel Glück wir haben.“

„Das klingt, als hätten Sie schon in vielen anderen Ländern gelebt.“

Er zuckte die Schultern. „In einigen. Aber keine Ausflüchte mehr. Sagen Sie mir, was Sie heute so durcheinandergebracht hat.“

„Ich bin nicht durcheinander!“, protestierte sie.

„Laura, allein die Tatsache, dass Sie hier sitzen und sich von mir zu einem Drink einladen lassen, ist ein Zeichen dafür, dass Sie völlig von der Rolle sind. Hören Sie auf, es zu leugnen. Und da Sie beruflich nie einen Fehler machen, muss es ein privates Problem sein. In das ich auf merkwürdige Weise verwickelt bin. Stimmt’s?“

„Ja.“ Was hätte es für einen Sinn gehabt, es abzustreiten? Ryan würde sowieso nicht lockerlassen, bis er alles wusste. Deshalb atmete Laura tief ein und nahm ihren ganzen Mut zusammen, um sich den Kummer von der Seele zu reden. „Es ist allerdings eine längere Geschichte, weshalb ich Sie um etwas Geduld bitten muss. Vor zwei Wochen ist meine Großmutter schwer die Treppe heruntergestürzt und lag danach im Koma im Krankenhaus. Nicht hier in Sydney, sondern im John Hunter Hospital in Newcastle. Meine Großmutter lebt nämlich weiter nördlich im Hunter Valley. Wie dem auch sei, die Ärzte informierten uns, dass sie es wohl nicht schaffen, ja, nicht einmal die Nacht überstehen würde.

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