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Liebesnacht auf Kefalonia

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1. KAPITEL

Der Raum lag in tiefer Dunkelheit. In schmalen Streifen fiel das Mondlicht durch die Schlitze der hohen Fensterläden auf den gefliesten Boden. Das leise Summen des Deckenventilators über dem breiten Bett ging beinahe in dem steten Zirpen der Zikaden unter, das aus dem Garten heraufdrang.

Einst hatte sie diese Laute als fremdartig empfunden, doch nun waren sie untrennbar mit den Nächten in diesem Haus verbunden.

Genauso wie die große männliche Gestalt, die sich dem Bett näherte, und das samtig-raue Flüstern: „Katharina mou.“

Sehnsüchtig wandte sie sich ihm zu, die Arme erwartungsvoll nach ihm ausgestreckt. Nur ein dünnes Laken bedeckte ihren Körper, der vor Verlangen glühte …

Erschrocken fuhr Kate hoch. Ihr Herz klopfte, als wollte es zerspringen. Sie atmete tief durch, um die Panik zu vertreiben, und schaute sich um. Es war ihr Schlafzimmer, ihre Wohnung. Vor den Fenstern hingen Gardinen, keine hölzernen Läden, und draußen rauschte der Londoner Verkehr.

Ein Traum, dachte sie erleichtert. Nur ein böser Traum. Ein weiterer Albtraum.

Anfangs hatten sie die Albträume fast jede Nacht heimgesucht, als ihre verwundete Seele versucht hatte, das Erlebte zu verarbeiten.

Leider war ihr dies nie wirklich gelungen. Der Schmerz über den Betrug hatte zu tief gesessen. Die Ereignisse des letzten Jahres ließen sie einfach nicht los und schlichen sich immer wieder in ihr Bewusstsein.

Eine Zeit lang waren die Albträume verschwunden gewesen, dies war der erste seit fast zwei Wochen.

Kate hatte geglaubt, die Wunde würde allmählich verheilen. Und nun das …

Vielleicht war es ein Omen? Würde der nächste Tag endlich eine Nachricht bringen? Einen Brief oder Anruf, der ihr die ersehnte Freiheit schenkte?

Sie hatte sich weiß Gott bemüht, die Angelegenheit so unkompliziert wie möglich zu regeln, und den Rat ihres Anwalts ignoriert.

„Mrs. Theodakis, Sie haben Anspruch auf …“

„Ich will nichts“, hatte sie ihn unterbrochen. „Absolut nichts. Machen Sie dies der Gegenseite unmissverständlich klar. Und bitte benutzen Sie diesen Namen nicht mehr. Ich bevorzuge Miss Dennison.“

Er hatte sich zwar höflich ihrem Wunsch gebeugt, doch seine hochgezogenen Brauen hatten ihr verraten, dass auch eine andere Anrede nichts an den Fakten änderte. Sie hatte den Ehering abgestreift, doch die Vorfälle des letzten Jahres ließen sich nicht so leicht auslöschen.

Rein juristisch betrachtet, war sie weiterhin die Frau von Michael Theodakis und würde es so lange bleiben, bis er der einvernehmlichen Scheidung zustimmte, um die sie gebeten hatte.

Sobald ich von ihm frei bin, werden auch die Albträume aufhören, tröstete sie sich. Dann kann ich ein neues Leben beginnen. Allein diese Hoffnung hatte sie die düsteren Tage und endlosen Nächte ertragen lassen, seit sie vor Mick und dieser lächerlichen Ehe geflohen war.

Fröstelnd zog sie die Knie an und legte die Arme um die Beine. Ihr Nachthemd war schweißnass und klebte ihr am Körper. Sie war müde – ihr Job als Fremdenführerin für ausländische Touristen war anstrengend –, aber ihre Sinne waren hellwach, weil sie von Verlangen und Sehnsüchten gepeinigt wurden, gegen die sie machtlos war.

Wie kann die Erinnerung an ihn so überwältigend sein?, fragte sie sich verzweifelt. Warum konnte sie ihn nicht so einfach vergessen, wie er sie vergessen zu haben schien? Warum reagierte er nicht auf die Briefe ihres Anwalts oder beauftragte einen der Juristen, die für den allmächtigen Theodakis tätig waren, mit der Erledigung?

Sie streckte sich wieder aus und zog trotz der warmen Augustnacht die Decke über sich. Indem sie sich eine Art Kokon schuf, wirkte die andere Hälfte des breiten Betts nicht mehr so leer und deprimierend.

Es war fast acht, als Kate am folgenden Abend erschöpft den tristen Hausflur betrat. Sie hatte den Tag damit verbracht, dreißig japanische Touristen durch Stratford-on-Avon zu führen. Obwohl die Gruppe unerschütterlich höflich und interessiert gewesen war, hatte Kate gemerkt, dass ihr selbst die nötige Begeisterung fehlte, und die schlaflose Nacht für ihre mangelnde Konzentration verantwortlich gemacht.

Kate beschloss, an diesem Abend eine der Pillen zu nehmen, die ihr der Arzt nach ihrer Rückkehr aus Griechenland verschrieben hatte.

Sie brauchte diesen Job und konnte es sich nicht leisten, ihn zu verlieren, auch wenn es sich nur um eine Schwangerschaftsvertretung handelte. Bei ihrer Ankunft in England waren zwar die Festanstellungen bei den Reisegesellschaften für die Wintersaison bereits vergeben gewesen, aber ihr früherer Arbeitgeber, Halcyon Clubreisen, wollte sie unbedingt für den nächsten Sommer engagieren. Sie beabsichtigte, den Vertrag zu unterschreiben, allerdings nur unter der Bedingung, dass man sie nicht zu den griechischen Inseln schickte.

Auf dem Weg zur Treppe hielt sie kurz inne, um die Post aus dem Briefkasten zu nehmen. Hauptsächlich Werbung, die Gasrechnung und … Beim Anblick der griechischen Marke stockte ihr der Atem. Fassungslos las sie die sauber getippte Adresse auf dem großen Umschlag.

Er hat mich gefunden, dachte sie. Er weiß, wo ich bin.

Aber wie? Und warum meldete er sich direkt bei ihr, obwohl sie darauf bestanden hatte, dass sämtliche Korrespondenz über ihre Anwälte laufen sollte?

Andererseits … Wann hatte Mick Theodakis je nach anderen Regeln als seinen eigenen gespielt?

Mit zitternden Knien stieg sie die Stufen hinauf. Als sie die Tür erreicht hatte, fand sie kaum das Schlüsselloch, so aufgeregt war sie. Im Wohnzimmer angekommen, warf sie den Brief auf den Tisch, als wäre er glühend heiß. Dann ging sie zum Anrufbeantworter, der sie anblinkte, und drückte den Wiedergabeknopf. Da Mick ihr geschrieben hatte, war er vielleicht auch mit ihren Anwälten in Kontakt getreten, und auf dem Band befand sich die erhoffte Nachricht.

Stattdessen hörte sie Grants besorgte Stimme. „Kate … Ist bei dir alles in Ordnung? Du hast mich diese Woche nicht angerufen. Bitte melde dich, Liebling.“

Seufzend ging sie ins angrenzende Schlafzimmer, um ihre Dienstuniform, einen blau-grün gestreiften Blazer und ein blaues Kleid, auszuziehen. Es war nett von Grant, sich so um sie zu kümmern, doch tief in ihrem Herzen wusste sie, dass ihn nicht nur reine Freundlichkeit zu den regelmäßigen Anrufen veranlasste. Er übte Druck aus, weil er wollte, dass sie zu ihm zurückkehrte, ihre einstige Beziehung wieder auflebte und sich weiterentwickelte. Er setzte voraus, dass dies auch ihr Wunsch war. Dass sie wie er das letzte Jahr als Irrtum betrachtete, als eine zeitweilige geistige Verwirrung, die nun glücklicherweise vorüber war. Und dass sie ihn heiraten würde, sobald ihre Scheidung rechtskräftig war.

Kate war allerdings klar, dass dies nie passieren würde. Grant und sie waren zwar nicht offiziell verlobt gewesen, als sie nach Zycos im Ionischen Meer gefahren war, um dort als Reiseleiterin zu arbeiten, aber sie hatte geahnt, dass er sie am Ende der Saison um ihre Hand bitten würde. Und sie hätte wahrscheinlich eingewilligt.

Sie konnte selbst nicht sagen, warum sie überhaupt gezögert hatte. Grant war attraktiv, sie hatten viele gemeinsame Interessen, und obwohl seine Küsse sie nicht entflammten, hatte sie sich darauf gefreut, ihre Beziehung endgültig zu besiegeln. Während der Zeit auf Zycos hatte sie ihn vermisst, ihm jede Woche geschrieben und ungeduldig seine Anrufe erwartet.

All das war gewiss eine gute Basis für eine Ehe, oder?

Offenbar glaubte Grant das immer noch. Kate wusste es jedoch besser. Sie war nicht mehr die gleiche Person, und das würde sie ihm leider bald erklären müssen.

Sie hängte das Kostüm auf einen Bügel. Darunter trug sie einen weißen BH sowie einen dazu passenden Slip mit dezenter Stickerei – hübsch und praktisch, aber keineswegs aufregend oder sexy, wie sie nach einem flüchtigen Blick in den Spiegel befand.

Und grundlegend anders als die exklusiven Dessous, die Mick ihr aus Paris und Rom mitgebracht hatte: spinnwebzarte Kreationen, die auf der Haut raschelten, hauchdünne, verführerische Gebilde, einzig dazu entworfen, das Verlangen eines Geliebten zu wecken.

Nur gab es keinen Geliebten, es hatte ihn nie gegeben.

Sie schlüpfte in ihren blassgrünen Hausmantel aus Baumwolle und schloss den Gürtel, dann entfernte sie die Spange, mit der sie tagsüber das lange rotgoldene Haar im Nacken zusammengefasst hatte.

„Wie eine duftende Flamme“, hatte Mick ihr zugeraunt, während er mit den seidigen Locken gespielt hatte.

Kate straffte die Schultern. Sie durfte solche Erinnerungen nicht an sich heranlassen. Eigentlich wollte sie sich vom Spiegel abwenden, doch irgendetwas zwang sie, sich näher zu betrachten.

Wie hatte sie sich nur einbilden können, dass sie der Frauentyp war, der einen Mann wie Mick Theodakis faszinieren und fesseln könnte?

Sie war noch nie eine Schönheit im klassischen Sinn gewesen, dazu war ihre Nase zu lang und ihr Kinn zu ausgeprägt. Andererseits besaß sie hohe Wangenknochen und lange Wimpern, die Augen in einem sonderbaren Farbton zwischen Grün und Grau umrahmten.

„Rauchige Jade“, hatte Mick es genannt …

Außerdem hatte sie mehr Glück als die meisten Rothaarigen. Ihr makelloser Teint neigte weder zu Sonnenbrand noch Sommersprossen, sondern nahm einen goldenen Schimmer an. Die Bräune, die sie in Griechenland erworben hatte, dauerte noch immer an. Der weiße Streifen, den der Trauring an ihrem Finger hinterlassen hatte, war deutlich zu erkennen. Es war der einzige helle Fleck an ihrem Körper, denn Mick hatte sie stets ermutigt, sich gemeinsam mit ihm nackt am privaten Pool zu sonnen.

Sie rief sich im Stillen zur Ordnung. Gütiger Himmel, warum quälte sie sich, indem sie all diese Bilder heraufbeschwor?

Natürlich kannte sie den Grund. Daran war allein der Umschlag schuld, der nebenan auf dem Tisch lag.

Kate ging in die Küche und machte sich einen Becher Kaffee, heiß, schwarz und sehr stark. Dann setzte sie sich an den Tisch und wappnete sich innerlich dagegen, den Brief zu öffnen.

Es war erschreckend, wie mühelos Mick ihren Aufenthaltsort herausgefunden hatte – als wollte er demonstrieren, wie weit seine Macht reichte.

Er hat keine Macht über mich, sagte sie sich nachdrücklich. Nicht mehr. Nie wieder. Sie öffnete den Umschlag.

Erstaunt blickte sie auf die kunstvoll geprägte weiße Karte. Die Einladung zu einer Hochzeit. Damit hatte Kate nicht gerechnet. Micks jüngere Schwester Ismene würde nun doch ihren Petros heiraten. Aber warum, um alles in der Welt, schickte man ihr, Kate, eine Einladung? Stirnrunzelnd las sie die beigefügte Nachricht.

Liebste Katharina,

Papa hat endlich seine Einwilligung gegeben, und ich bin überglücklich. Wir werden im Oktober getraut. Du hast versprochen, an meinem Hochzeitstag für mich da zu sein. Ich verlasse mich auf Dich, Schwester.

In Liebe, Ismene

Kate zerknüllte das Blatt in der Hand. War Ismene verrückt oder nur naiv? Sie konnte unmöglich erwarten, dass die vom Bruder getrennt lebende Ehefrau an der Familienfeier teilnahm – egal, was Kate in jenen Tagen zugesagt hatte, als sie noch in ihrer Traumwelt lebte.

Warum hatte Mick überhaupt gestattet, dass die Einladung versandt wurde? Es ergab keinen Sinn. Es sei denn, die eigenwillige Ismene hatte gar nicht um seine Erlaubnis gebeten.

Außerdem wunderte es sie, dass Aristoteles Theodakis, der allmächtige Patriarch der Familie, der Verbindung zugestimmt hatte. Als Kate noch unter seinem Dach in der Villa Dionysius gewohnt hatte, war er strikt dagegen gewesen. Ein einfacher Doktor wäre nicht gut genug für seine Tochter, hatte er lauthals verkündet, auch wenn es sich um den Sohn seines besten Freundes handelte. Heftiges Türenschlagen, wütende Szenen und Ismenes verzweifeltes Schluchzen hatten zum Alltag gehört.

Bis Mick rundheraus erklärt hatte, dass er es nicht mehr aushalte. Er hatte darauf bestanden, mit Kate vom Hauptgebäude ins vergleichsweise abgeschiedene Strandhaus überzusiedeln, das außer Hörweite lag. Dort waren sie geblieben …

Versonnen trank sie einen Schluck von dem inzwischen erkalteten Kaffee.

Jene Wochen waren die glücklichsten ihres Lebens gewesen. Strahlende Sonnentage, helle Mondnächte. Die wütenden Stimmen waren Vogelgezwitscher und Meeresrauschen gewichen. Und als Krönung all dessen: Michaels Berührungen, sein verführerisches Flüstern, mit dem er ihr die letzte Scheu genommen und sie gelehrt hatte, das Liebesspiel als gegenseitiges Geben und Nehmen zu akzeptieren – und stolz auf ihren schlanken, langbeinigen Körper mit der schmalen Taille und den kleinen, festen Brüsten zu sein.

Ich war eine eifrige Schülerin, dachte sie bitter. Bereitwillig war sie seinen erfahrenen Zärtlichkeiten erlegen, hatte atemlos vor Lust aufgestöhnt, wenn ihre nackten Körper sich in Leidenschaft vereinten. Sie war so verzaubert von den neuen, sinnlichen Erfahrungen gewesen, dass sie sie fälschlicherweise für Liebe gehalten hatte.

In Wirklichkeit war sie für ihn nur eine Abwechslung gewesen, ein flüchtiges Abenteuer. Ein Täuschungsmanöver, das er gebraucht hatte, um von seinem wahren Verlangen abzulenken.

Der Kaffee schmeckte plötzlich bitter. Angewidert schob sie die Tasse beiseite.

Sie durfte sich nicht wegen Ismene den Kopf zerbrechen. Gewiss, sie waren einander im Lauf der Monate nähergekommen, und das junge Mädchen würde ihre Gesellschaft vermissen, zumal ihr dann nur Victoria blieb. Genau genommen hatte die Nachricht fast wie ein Hilferuf geklungen.

Rasch verdrängte Kate diesen Gedanken. Sie wollte sich nicht mit Victoria beschäftigen, der kreolischen Schönheit, die Aristoteles Theodakis in ihren Fängen hielt, ohne dabei auf seinen Sohn verzichten zu wollen.

Kate beschloss, eine kurze, höfliche Absage zu schicken und es dabei zu belassen. Völlig unpersönlich, obwohl sie Ismene womöglich kränken würde, wenn sie nicht auf deren Zeilen antwortete. Na und, überlegte Kate trotzig, auf mein Scheidungsbegehren hat man schließlich auch nicht reagiert. Dabei ist es schon über einen Monat her, dass mein Anwalt die Papiere zugestellt hat.

Sie stand auf. Kein Wunder, dass sie sich so elend fühlte. Außer einem Sandwich zum Lunch hatte sie nichts gegessen, doch selbst der Geflügelsalat im Kühlschrank vermochte ihren Appetit nicht zu wecken. Nein, sie würde nur warm duschen, sich das Haar waschen und früh ins Bett gehen. Sie musste dringend Schlaf nachholen.

Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, zog sie ihren Bademantel über und kehrte ins Wohnzimmer zurück, um sich das Haar zu föhnen. Sie wollte das Gerät gerade einschalten, als es an der Tür klopfte.

Seufzend wickelte sie sich ein Handtuch um die nassen Locken. Vermutlich wollte Mrs. Thursgood sie sprechen, eine ältere Witwe, die im Erdgeschoss wohnte und für die berufstätigen Mieter Post und Pakete entgegennahm. Ich will mich nicht unterhalten, dachte Kate gereizt. Nichtsdestotrotz rang sie sich ein Lächeln ab und öffnete.

Fassungslos blickte sie ihr Gegenüber an, das Blut wich ihr aus den Wangen.

„Meine geliebte Ehefrau“, begrüßte Michael Theodakis sie leise. „Kalispera. Darf ich hereinkommen?“

„Nein.“ Die Kehle war ihr plötzlich wie zugeschnürt. Sie hatte Angst, in Ohnmacht zu fallen, und diese Schwäche konnte sie sich nicht leisten. Vorsichtig trat sie einen Schritt zurück. „Nein“, wiederholte sie nachdrücklich.

Mit einem lässigen Lächeln lehnte er sich an den Türrahmen. „Wir können auf der Schwelle kein vernünftiges Gespräch führen, agapi mou.“

„Ich habe dir nichts zu sagen – weder auf der Türschwelle noch sonst irgendwo. Wenn du reden willst, wende dich an meinen Anwalt. Außerdem bin ich nicht dein Liebling.“

„Wie unfreundlich. Immerhin habe ich einen weiten Weg zurückgelegt, um dich wiederzusehen. Ich hatte gehofft, unsere griechische Gastfreundschaft hätte wenigstens etwas auf dich abgefärbt.“

„Dafür erinnere ich mich an andere Details unseres Zusammenlebens umso genauer“, entgegnete sie. „Ich habe dich nicht hergebeten, also geh.“

Mick Theodakis hob spöttisch die Hände. „Langsam, Katharina mou. Ich bin nicht hier, um einen Krieg anzuzetteln, sondern um eine friedliche Einigung zu erzielen. Willst du das nicht auch?“

„Ich will eine schnelle Scheidung – und dich nie wieder sehen.“

„Und weiter?“ Seine dunklen Augen funkelten. „Bestimmt hast du wie in allen guten Geschichten noch einen dritten Wunsch, oder?“

Kate atmete tief durch. „Dies ist kein Märchen.“

„Richtig“, stimmte er ihr zu. „Ehrlich gesagt, bin ich nicht einmal sicher, ob es sich um eine Komödie oder eine Tragödie handelt.“

„Ehrlich?“, wiederholte sie bitter. „Du kennst überhaupt nicht die Bedeutung dieses Wortes.“ Er ignorierte ihre Bemerkung. „Ich gehe erst, wenn du dir angehört hast, was ich dir zu sagen habe, yineka mou.“

„Ich bin nicht deine Frau. Auf diese zweifelhafte Ehre habe ich bei meiner Abreise aus Kefalonia verzichtet. Ich denke, die Nachricht, die ich dir hinterlassen habe, hat deutlich zum Ausdruck gebracht, dass unsere sogenannte Ehe beendet ist.“

„Sie war unmissverständlich“, versicherte er höflich. „Ich kenne sie auswendig. Die Tatsache, dass dein Trauring daneben lag, hat deinen Zeilen besondere Dramatik verliehen.“

„Du siehst also, es gibt nichts zu besprechen. Und nun geh, bitte. Ich habe morgen einen anstrengenden Tag und möchte ins Bett.“

„Aber nicht mit nassem Haar“, erwiderte er. „Das ist ein Detail, an das ich mich aus unserer kurzen Ehe genau erinnere, Katharina.“ Er ging an ihr vorbei, stieß die Tür achtlos mit dem Fuß zu und betrat den Wohnraum.

Da die Schlafzimmertür kein Schloss hatte und das Bad nur mit einem altersschwachen Riegel abzusperren war, konnte Kate nirgendwohin fliehen und einer Konfrontation ausweichen.

„Wie kannst du es wagen!“ Wütend blickte sie ihn an.

„Verschwinde, sonst rufe ich die Polizei.“

„Und was sollen die Beamten tun?“, fragte er kühl. „Habe ich dich je geschlagen – oder in irgendeiner Weise bedrängt, die dir nicht gefallen hat, agapi mou?“ Er beobachtete interessiert, wie sich ihre Wangen röteten. „Außerdem mischt sich die Polizei nicht gern in häusliche Meinungsverschiedenheiten ein. Warum setzt du dich nicht und föhnst dein Haar, während du mir zuhörst?“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Es sei denn, du möchtest, dass ich es für dich trockne. So wie früher.“

Kate schüttelte stumm den Kopf. Es war unfair von ihm, sie an all die kleinen, zärtlichen Intimitäten zu erinnern, die sie einst geteilt hatten. Daran, wie sie zwischen seinen Knien gesessen und er die feuchten Strähnen mit den Fingern gelockert hatte, bis die seidige Fülle in der warmen Luft wehte. Daran, wie er ihre Versuche, ihm den gleichen Dienst zu erweisen, vereitelt hatte, indem er den Gürtel ihres Bademantels geöffnet, den weichen Stoff beiseitegeschoben und ihre nackte Haut mit Küssen bedeckt hatte, während sie atemlos vor ihm gestanden hatte.

Nein, sie wollte nicht daran erinnert werden.

Ihr Hausmantel war langärmelig und reichte bis zum Boden. Obwohl sie ihn bis zum Hals zugeknöpft hatte, war ihr überdeutlich bewusst, dass sie darunter nackt war – und Mick wusste dies ebenfalls und genoss ihr Unbehagen.

Seine Anwesenheit ließ das Zimmer plötzlich winzig wirken. Er hatte das lockige schwarze Haar lässig aus der Stirn gebürstet. Seine Züge waren stolz und unnachgiebig, aber sobald er lächelte, schlug ihr Herz unwillkürlich schneller. Der elegante anthrazitfarbene Anzug betonte seine schlanke Gestalt, und das makellos weiße Hemd bot einen auffallenden Kontrast zu seinem dunklen Teint. Eine graue Seidenkrawatte und dezente goldene Manschettenknöpfe vervollständigten sein Äußeres.

Erschrocken bemerkte Kate den schlichten Goldring an seiner rechten Hand, den sie ihm an ihrem Hochzeitstag über den Finger gestreift hatte. Warum trägt er ihn noch immer?, fragte sie sich. Wie kann er nur so ein Heuchler sein!

„Willst du mich nicht bitten, Platz zu nehmen, und mir einen Kaffee anbieten?“, erkundigte er sich.

„Du bist nicht mein Gast, und dies ist kein Höflichkeitsbesuch.“ Nur mit Mühe gelang es ihr, Ruhe zu bewahren. „Wie bist du überhaupt ins Haus gekommen?“

„Eine reizende Lady aus dem Erdgeschoss hat mich hereingelassen. Sie schien hocherfreut, dass du einen Besucher hast.“

Mrs. Thursgood. Kate presste die Lippen zusammen. Normalerweise bewachte die alte Dame die Eingangstür wie Zerberus das Höllentor.

„Manchmal geht die Fantasie mit ihr durch.“ Sie löste das Handtuch vom nassen Haar und schaltete den Föhn ein.

Mick stand neben dem altmodischen Kamin und beobachtete jede ihrer Bewegungen. „Du hast Ismenes Einladung erhalten.“ Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.

„Ja, heute.“

„Du hattest demnach noch keine Zeit, darauf zu antworten.“

„Der Brief ist schnell geschrieben“, erwiderte Kate. „Ich werde natürlich nicht fahren.“

„Genau darüber wollte ich mit dir sprechen. Es würde meiner Schwester viel bedeuten, dich bei sich zu haben. Ich hoffe also, du überlegst es dir noch einmal.“

Sie schaltete den Haartrockner aus. „Das ist unmöglich.“

„Ismene hat dich sehr vermisst, und dies ist ein ganz besonderer Tag für sie.“ Er machte eine kurze Pause. „Ich würde deine Anwesenheit als Gefälligkeit betrachten.“

„Und deshalb soll ich meine Meinung ändern?“

„Ich denke schon.“ Er lehnte sich entspannt an den Kaminsims. „Eigentlich finde ich, wir sollten beide entgegenkommender sein.“

„Worauf willst du hinaus?“, erkundigte sie sich misstrauisch.

„Du wünschst eine rasche, einvernehmliche Scheidung.“ Er lächelte sie an. „Du kannst sie haben – zu einem gewissen Preis.“

Sie traute ihren Ohren kaum. „Und wenn mir der Preis zu hoch ist?“

Mick zuckte die Schultern. „Dann verweigere ich die Zustimmung, und wir überlassen die Sache den Gerichten. Soweit ich weiß, kann das mehrere Jahre dauern“, fügte er ruhig hinzu.

„Das ist Erpressung.“

„So? Aber vielleicht bin ich ja der Ansicht, dass unsere Ehe nicht unwiderruflich zerrüttet ist, wie du behauptest.“

„Das ist die reine Wahrheit.“ Kate atmete tief durch. „Du bluffst. Ich weiß das. Du willst genauso wenig verheiratet bleiben wie ich.“

„Du irrst, agapi mou. Ich habe es absolut nicht eilig, wieder frei zu sein.“

Nein, dachte sie kummervoll. Nicht, solange dein Vater noch lebt und Victoria offiziell seine … Laut jedoch sagte sie: „Ich muss also an Ismenes Hochzeit teilnehmen, wenn ich eine schnelle Scheidung will.“

„Ist es denn wirklich so eine Strafe? Kefalonia ist traumhaft im September.“

„Kefalonia ist zu jeder Jahreszeit traumhaft. Lediglich manche Einwohner zerstören die Idylle.“

„Ein guter Rat von mir, pedhi mou: Es ist klüger, sich mit einem Gegner zu versöhnen, statt ihn weiter zu reizen.“

Trotzig hob sie das Kinn. „Dafür ist es wohl ein bisschen spät. Inzwischen weiß sicher jeder, dass unsere Ehe vorbei ist. Wird man es nicht sonderbar finden, wenn ich bei der Hochzeit auftauche?“

„Mich interessiert nicht, was andere Leute denken.“ Seine Stimme klang plötzlich rau. „Außerdem wissen sie nur, dass wir uns für eine Weile getrennt haben. Du kehrst einfach nach Griechenland zurück, um an einer Familienfeier teilzunehmen.“

„Das hast du erzählt?“ Fassungslos schüttelte sie den Kopf. „Gütiger Himmel, kannst du nicht einmal ehrlich sein, wenn es um das Scheitern unserer Ehe geht?“

„Sie werden es erfahren, wenn die Hochzeit vorbei ist.“

„Hoffentlich erwartest du nicht, dass ich bei einer vorgetäuschten Versöhnung mitmache – ich bin nämlich keine gute Schauspielerin.“ Sie zögerte. „Warum willst du mich überhaupt dort haben?“

„Habe ich das gesagt? Bilde dir nur nichts ein, meine Süße.

Ich bin Ismene zuliebe hier, nicht meinetwegen.“

„Ich soll lediglich ein ganz normaler Gast sein, mehr nicht?“

„Warum ...

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