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Liebesmond über Schloss Maddock

Kate Hewitt

Liebesmond über Schloss Maddock

1. KAPITEL

Ihre Augen, stellte er fest, waren kornblumenblau – ein sagenhaft intensives Blau.

„Lorenzo, hast du verstanden, was ich gesagt habe?“

Unwillig wandte Lorenzo de Luca seinen Blick vom Gesicht der Bedienung und wendete sich wieder seiner Gesprächspartnerin zu. Trotz seines wachsenden Interesses an der hübschen jungen Frau, die ihm die Suppe serviert hatte, verstand er nicht, warum die Leiterin seiner Pressestelle ihn in dieses heruntergekommene Landgut eingeladen hatte.

Das Haus war eine Ruine.

Amelie Weyton trommelte mit ihren frisch manikürten Fingernägeln auf die polierte Oberfläche des antiken Esstisches. An dem Tisch hätten sicher zwanzig Personen Platz gehabt, doch sie waren die einzigen Gäste.

„Ich meine es ernst. Dieses Haus hier ist perfekt geeignet.“

Amüsiert ließ Lorenzo seinen Blick wieder zu der Bedienung schweifen. „Ja …“, murmelte er, „… ich kann dir nur zustimmen.“ Er konzentrierte sich auf die Suppe, die die junge Frau gerade serviert hatte – Pastinakencreme mit Rosmarin. Sie roch köstlich.

Amelie trommelte wieder mit ihren Fingernägeln auf die Tischplatte. Lorenzo bemerkte eine winzige halbmondförmige Delle in der glänzenden Tischoberfläche. Aus dem Augenwinkel sah er, wie die Bedienung zusammenzuckte. Als er aufblickte, wirkte ihr Gesicht jedoch angestrengt ausdruckslos. Lorenzo sah ihr an, dass sie ihn nicht mochte.

Er hatte es in dem Moment bemerkt, als Lady Maddock ihn vor einer Stunde ins Haus hereingebeten hatte. Nun glitt ihr Blick schnell über ihn hinweg, und Lorenzo sah, dass sie ungehalten war. Der Gedanke amüsierte ihn.

Er war es gewöhnt, Menschen zu beurteilen, sie einzuschätzen und abzuwägen, ob sie für ihn von Nutzen sein könnten. Auf diese Weise hatte er sich seinen Weg nach oben erkämpft und leitete nun sein eigenes, äußerst erfolgreiches Unternehmen. Nur so konnte er seine Spitzenposition halten. Und während Lady Maddock ihn als betuchten Niemand ohne Adelstitel eingeordnet haben mochte, begann er sich für sie zu interessieren. Möglicherweise war sie sogar sehr … nützlich.

Im Bett.

„Du hast die Außenanlagen noch gar nicht gesehen“, fuhr Amelie fort. Sie nahm einen winzigen Löffel Suppe.

Lorenzo wusste, dass sie nicht mehr als einen oder zwei Bissen von dem 3-Gänge-Menü, das Lady Maddock für sie zubereitet hatte, essen würde. Elly Dunant war Köchin, Bedienung und Gutsherrin von Maddock Manor. Es muss sie furchtbar ärgern, dass sie uns bedienen muss, dachte Lorenzo belustigt und mit einem gewissen Zynismus. Wahrscheinlich hasste sie es, überhaupt jemanden bedienen zu müssen.

Amelie und er hatten sich zwar einen Namen gemacht, aber einen Adelstitel konnten sie eben nicht vorweisen, sie, die typischen Neureichen. Egal, über wie viel Geld man verfügte, den Geruch der Armut wurde man einfach nicht los. Lorenzo wusste das nur zu gut.

„Die Außenanlagen?“, wiederholte er nun mit hochgezogenen Augenbrauen. „Sind die denn so spektakulär?“ In seiner Stimme lag gespielte Ungläubigkeit. Aus dem Augenwinkel sah er an der Art, wie Elly zusammenzuckte, dass ihr sein Tonfall nicht entgangen war.

Amelie lachte schrill auf. „Ich weiß nicht, ob spektakulär der richtige Ausdruck ist. Aber du wirst schon sehen …“ Sie stützte ihre Ellenbogen auf den Tisch, während sie die Suppe vergessen zu haben schien – Amelie hatte nie so recht gute Manieren gelernt – und gestikulierte nun wild mit den Händen. Dabei fiel ihr Weinglas um, hinunter auf den abgenutzten orientalischen Teppich.

Lorenzo betrachtete ungerührt das Glas am Boden – wenigstens war es nicht zerbrochen – und den sich ausbreitenden dunkelroten Fleck. Er hörte, wie Elly scharf Luft holte. Sie ging vor ihm auf die Knie, zog das in ihrem Taillenbund steckende Geschirrtuch hervor und rieb hektisch an dem Fleck herum.

Er sah hinab auf ihr weißblondes Haar, das zu einem dürftigen kleinen Knoten gebunden war. Die Frisur war nicht gerade vorteilhaft, aus diesem Winkel jedoch gab sie den Blick frei auf ihre blasse Haut am Nacken. Lorenzo verspürte mit einem Mal den Drang, seine Finger über diese Stelle streichen zu lassen, um zu spüren, ob ihre reine milchfarbene Haut so zart war, wie sie aussah. „Ich glaube, Rotweinflecken lassen sich mit verdünntem Essig entfernen“, merkte er höflich an.

Elly schaute kurz auf, ihre Augen wurden zu schmalen Schlitzen. Nun waren sie nicht mehr kornblumenblau, stellte Lorenzo fest, sondern sahen eher nach düsterem Gewitterhimmel aus – was zu ihrer offensichtlichen Verärgerung passte.

„Danke für den Tipp“, antwortete sie mit eisiger Stimme. Sie sprach das geschliffene Englisch der Oberklasse.

Dieser Akzent ließ sich nicht imitieren. Lorenzo hatte es einst auf Teufel komm raus versucht, als er für ein schreckliches Jahr auf das Nobelinternat Eton geschickt worden war. Verhöhnt und ausgelacht hatten sie ihn, als Heuchler und Angeber bezeichnet. Er war von der Schule abgegangen, noch bevor er seine Klausuren geschrieben hatte – bevor sie ihn von der Schule hätten verweisen können. Danach hatte er nie wieder eine Schule besucht. Das Leben selbst war die beste Schule.

Elly erhob sich vom Boden, und Lorenzo nahm den leichten Hauch ihres Parfüms wahr – wobei es eigentlich kein Parfüm war, sondern vielmehr der Duft aus der Küche, entschied er. Der herbe Geruch eines Küchengartens, da sie nach wilden Kräutern duftete: Rosmarin und eine leichte Note von etwas anderem, vielleicht Thymian.

Köstlich.

„Wo Sie doch gerade sowieso in die Küche gehen …“, erklärte Amelie gelangweilt, „… könnten Sie mir vielleicht noch ein Glas Wein bringen?“ Sie hob eine ihrer perfekt gezupften Augenbrauen an und verzog ihre kollagengespritzten Lippen zu einem Lächeln, wobei sie ihre Boshaftigkeit nicht einmal zu verbergen suchte.

Lorenzo unterdrückte ein Seufzen. Manchmal waren Amelies Absichten einfach zu offensichtlich … Er kannte sie seit seiner Anfangszeit in London, als er im Alter von sechzehn Jahren als Botenjunge in einem Kaufhaus arbeitete.

Sie hatte in dem Coffeeshop gearbeitet, in dem Lorenzo immer die Sandwiches für die Konferenzen der Geschäftsleute besorgte. Seither war viel Zeit vergangen. Amelie hatte sich hochgearbeitet, sich aber nicht wirklich verändert. Lorenzo bezweifelte, ob Menschen sich überhaupt jemals änderten.

„Du hättest ein wenig höflicher sein können“, wies er sie zurecht, nachdem Elly aus dem Esszimmer geeilt und die mit grünem Fries überzogene Tür hinter ihr zugeschwungen war.

Amelie zuckte die Schultern. „Sie war seit meiner Ankunft unfreundlich zu mir, trägt ihre eingebildete kleine Nase ganz hoch und schaut auf mich herab. Lady Muck meint wohl, sie sei etwas Besseres. Dabei sieh dir mal diesen Schuppen an.“

Geringschätzig blickte sie im Esszimmer umher – zerschlissene Vorhänge und an den Wänden verblichene Stellen, wo früher sicher einmal Originalgemälde gehangen hatten. „Ihr Vater mag ein Baron gewesen sein, aber dieses Haus ist eine Bruchbude.“

„Du sagtest doch, es sei spektakulär“, kommentierte Lorenzo trocken. Er nahm einen Schluck Wein. Obwohl das Gutshaus ziemlich heruntergekommen war, stammte der Wein definitiv aus einem guten Jahrgang. „Warum hast du mich hierher gebracht, Amelie?“

„Spektakulär war dein Ausdruck, nicht meiner“, gab Amelie hastig zurück. „Es ist eine verfallene Bruchbude, das lässt sich nicht bestreiten.“ Sie lehnte sich nach vorn. „Genau darum geht es, Lorenzo. Dieser Kontrast. Es ist wie gemacht für die Markteinführung von Marina.“

Lorenzo zog überrascht die Augenbrauen hoch. Er konnte nicht so recht nachvollziehen, warum ein baufälliges Gutshaus sich als Schauplatz für die Markteinführung seiner neuen Modelinie eignen sollte. Aber vielleicht war das auch der Grund, warum Amelie die Leiterin seiner Pressestelle war – sie hatte ein Auge für Trends.

Er hingegen verfügte lediglich über Entschlusskraft.

„Stell dir vor, Lorenzo, wunderschöne Abendkleider in brillanten Farben – sie würden sich hervorragend von der muffigen Düsterkeit hier abheben – eine perfekte Kulisse, ein Aufeinandertreffen von alt und neu, von Vergangenheit und Zukunft der Mode.“

„Das hört sich alles ein bisschen künstlerisch an“, murmelte Lorenzo. Er hatte kein echtes Interesse an der kreativen Herausforderung einer Fotoproduktion, er wollte einfach nur, dass die Linie ein Erfolg wurde. Und da er sich dafür einsetzte, würde sie das auch werden.

„Es wird grandios“, versprach Amelie. Ihr botoxgespritztes Gesicht zeigte nun tatsächlich ein paar Regungen. „Vertrau mir.“

„Mir bleibt wohl nichts anderes übrig“, antwortete Lorenzo. „Aber war es wirklich nötig, dass wir hier übernachten?“

Amelie lachte amüsiert auf. „Armer Lorenzo, nun hast du es mal eine Nacht nicht ganz so bequem.“ Sie gluckste. „Wie wirst du das bloß überstehen?“ Ihr Lächeln wurde anzüglich. „Ich hätte da allerdings eine Idee, wie wir beide es etwas gemütlicher haben könnten.“

„Keine Chance, Amelie“, entgegnete er.

Amelie versuchte immer wieder, ihn zu verführen. Aber ihm würde es nicht im Traum einfallen, Arbeit und Vergnügen miteinander zu mischen.

Außerdem war ihm bewusst, dass dies nur ein halbherziger Versuch Amelies war. Sie gehörte zu den wenigen Menschen, die ihn bereits kannten, als er noch ein junger Niemand war. Dies war einer der Gründe, warum sie sich bei ihm so viel erlauben durfte.

Doch selbst ihr war bewusst, dass sie ihm nicht zu nahe treten durfte. Dieses Privileg gestand er niemandem zu – insbesondere keiner Frau. Niemals. Eine Nacht, eine Woche, manchmal etwas mehr – das war alles, was er seinen Gespielinnen einräumte.

Lorenzo musste ein wenig darüber schmunzeln, dass Amelie in dieser verfallenen Umgebung dachte, es könnte etwas zwischen ihnen beiden laufen. Der Gedanke war haarsträubend, obwohl …

Lorenzos Blick schweifte zu Lady Maddock, die gerade wieder ins Esszimmer kam. Ihr hübsches Gesicht war ungeschminkt und momentan ausdruckslos. In einer Hand hielt sie ein Glas Wein, in der anderen eine Flasche Essig. Sie stellte das Glas vorsichtig vor Amelie auf den Tisch und kniete sich dann mit einer gemurmelten Entschuldigung wieder auf den Boden.

Der stechende Geruch des Essigs stieg Lorenzo in die Nase und machte den weiteren Genuss seiner Suppe unmöglich.

Amelie seufzte entnervt. „Könnten Sie das vielleicht etwas später erledigen?“, fragte sie und nahm übertrieben angestrengt ihre Beine zur Seite, während Elly den Fleck bearbeitete. „Wir möchten in Ruhe essen.“

Elly sah auf. Das energische Scheuern hatte ihre Wangen gerötet, ihre Augen funkelten wie Stahl.

„Es tut mir leid, Miss Weyton …“, sagte sie gelassen, ohne den Hauch einer Entschuldigung in ihrer Stimme, „… aber wenn der Fleck sich festsetzt, werde ich ihn gar nicht mehr herausbekommen.“

Amelie tat so, als würde sie den abgenutzten Teppich inspizieren. „Ich glaube kaum, dass es sich lohnt, das alte Ding zu retten“, erklärte sie. „Es ist jetzt schon ein Lumpen.“

Ellys Gesicht wurde noch röter. „Bei diesem Teppich …“, gab sie mit eisiger Höflichkeit zurück, „… handelt es sich um einen fast dreihundert Jahre alten Aubusson. Ich muss Ihnen also widersprechen. Es lohnt sich sehr wohl, ihn zu retten.“

„Im Gegensatz zu vielen anderen Dingen in diesem Haus, nicht wahr?“, gab Amelie zurück.

Wenn dies überhaupt noch möglich war, so wurde Ellys Gesichtsfarbe noch dunkler. Sie sieht bezaubernd aus, dachte Lorenzo. Zunächst hatte er sie als schüchterne kleine Maus eingeschätzt. Doch nun sah er ihre Courage und ihren Stolz. Er verzog seinen Mund. Nicht dass sie viel besaß, worauf sie stolz sein könnte, aber sie war wunderschön.

Jetzt erhob sie sich mit einer einzigen anmutigen Bewegung, nahm die Flasche Essig und das schmutzige Tuch. „Entschuldigen Sie mich“, sagte sie steif und verließ rasch den Raum.

„Dumme Kuh“, meinte Amelie fast ein wenig träge.

Lorenzo verspürte einen Stich der Enttäuschung, dass Elly gegangen war.

Ellys Hände zitterten, als sie das Putztuch auswusch und den Essig zurück in die Speisekammer stellte. Voller Wut ballte sie die auf ihren Hüften abgestützten Hände zu Fäusten, während sie in der Küche auf- und ablief und mehrere tiefe Atemzüge machte, um sich zu beruhigen. Sie hätte sich zusammenreißen sollen. Die beiden waren schließlich ihre Gäste. Aber es fiel ihr schwer, die Sticheleien und abfälligen Bemerkungen hinzunehmen. Die beiden dachten wohl, nur weil sie ein paar hundert Pfund bezahlt hatten, hätten Sie das Recht, sich danebenzubenehmen. Sie investierten bloß ein wenig Geld, während sie ihr Herzblut in dieses Haus steckte. Und sie konnte es nicht ertragen, wenn jemand so kaltschnäuzig über das Haus sprach, wie diese Frau es gerade getan hatte. Elly wusste, dass die Teppiche und Vorhänge abgenutzt waren, aber das machte sie nicht weniger wertvoll für sie.

Von dem Moment an, in dem Amelie Weyton diesen Nachmittag die lange gewundene Auffahrt hochgefahren kam, hatte Elly sie nicht ausstehen können. Amelie saß am Steuer eines winzigen Cabrios, das aussah wie ein Spielzeugauto. Und sie fuhr so schnell, dass der Kies über den Rasen spritzte und tiefe Spuren in dem weichen, durchnässten Boden hinterließ.

Elly hatte nichts dazu gesagt. Sie konnte es nicht riskieren, Amelie als Kundin zu verlieren. Schließlich hatte diese fünfhundert Pfund dafür bezahlt, das Gutshaus über das Wochenende exklusiv nutzen zu können, und Elly brauchte das Geld dringend.

Erst diesen Morgen hatte der Installateur ihr mitgeteilt, dass der Boiler in der Küche bald seinen Geist aufgeben und ein neuer Boiler dreitausend Pfund kosten würde.

Elly war entsetzt. Dreitausend Pfund? So viel Geld hatte sie nicht, selbst nach mehreren Monaten Arbeit als Teilzeitlehrerin im nahegelegenen Dorf. Die Nachricht hatte sie jedoch nicht überrascht. Seit sie die Verwaltung des Hauses vor sechs Monaten übernommen hatte, ereignete sich eine Katastrophe nach der anderen. Maddock Manor war nicht mehr als eine Bruchbude, die dabei war, sich in eine Ruine zu verwandeln.

Alles, was Elly tun konnte, war, den Verfall zu verlangsamen. Dennoch mochte sie nicht so denken. Sie konnte es nicht. Nicht, wenn das Festhalten am Haus einem Festhalten an sich selbst gleichkam.

Und so hatte Elly an nichts anderes denken können, als an den so dringend benötigten neuen Boiler, während Amelie durch das Haus wanderte, als ob es ihr gehörte.

„Dieses Haus ist ein Desaster“, sagte sie und ließ ihren teuren Kunstfellmantel auf einen Stuhl fallen. Er fiel auf den Boden, und sie schaute Elly demonstrativ an, damit diese ihn aufhob.

Elly tat es, wobei sie fest die Zähne zusammenbeißen musste.

„Lorenzo wird einen Anfall bekommen“, fügte Amelie mehr zu sich selbst hinzu.

Elly entging nicht, mit welcher Zärtlichkeit die Frau dieses Wort aussprach: Lorenzo. Ein italienischer Lover vermutete sie spöttisch.

„Das hier wird ihm wie eine billige Absteige vorkommen. Es sieht noch viel schlimmer als auf der Website aus.“ Amelies Augen funkelten boshaft.

Elly hatte für ihre Website „Urlaubsdomizil Landgut Maddock“ Bilder der besten Zimmer ausgewählt. Den Wintergarten, wo die abgenutzten Stellen am Sofa sorgfältig mit Kissen abgedeckt waren, und die einfallende Sonne den Raum in einen freundlichen Goldton tauchte sowie das schönste Schlafzimmer, das sie mit neuer Bettwäsche und neuen Vorhängen ausgestattet hatte.

Es hatte sie ein paar tausend Pfund gekostet, aber sie musste realistisch bleiben. Sie konnte von zahlenden Gästen nicht verlangen, dass sie auf zerlumpten Bettlaken schliefen.

Dennoch, Amelies Verachtung für ihr Zuhause tat weh. Die Idee, das Gutshaus an Urlauber zu vermieten, war neu. Tatsächlich war Amelie erst ihre zweite Buchung. Ihre ersten Gäste waren ein freundliches älteres Pärchen gewesen, das äußerst entzückt vom Haus gewesen war. Sie wussten die Schönheit und Geschichte eines Hauses, das sich seit fast fünfhundert Jahren in Familienbesitz befand, zu schätzen.

Amelie und ihr italienischer Liebhaber sahen bloß die Flecken und Risse.

„Und dabei sorgen sie gleich dafür, dass es noch ein paar mehr werden“, schimpfte Elly jetzt leise vor sich hin. Sie musste wieder an den dunkelroten Rotweinfleck auf dem Aubusson denken und stöhnte auf.

„Ist mit Ihnen alles in Ordnung?“

Elly wirbelte herum. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie nicht gehört hatte, dass der Mann unbemerkt die Küche betreten hatte.

Er war nur wenige Minuten bevor das Abendessen serviert wurde, eingetroffen. Elly hatte kaum Zeit gehabt, ihn zu begrüßen oder genauer anzusehen. Dennoch hatte es gereicht, um sich eine Meinung zu bilden: Lorenzo de Luca war noch schlimmer als der jugendliche Liebhaber, den sie erwartet hatte.

Vom Moment seiner Ankunft an hatte Amelie mit ihm geflirtet und war um ihn herumscharwenzelt, obwohl Lorenzo undurchdringlich und sogar gleichgültig angesichts der Aufmerksamkeit der schönen, wenn auch recht mageren Amelie wirkte. Jede achtlose Bemerkung, jeder verletzende Blick zerrte an Ellys Nerven, was eigentlich lächerlich war, da sie Amelie nicht einmal mochte.

Dennoch hasste sie Männer, die Frauen wie Spielzeug behandelten, mit dem sie sich vergnügten und es dann wegwarfen. Männer wie ihr Vater.

Elly verdrängte die Gedanken und nickte Lorenzo steif zu. Er lehnte im Türrahmen der Küche. Seine tiefblauen Augen blitzten vor Vergnügen.

Er lachte sie aus. Elly hatte es schon zuvor bemerkt, als sie an dem Fleck herumwischte. Er schien es zu genießen, sie wie eine Dienstmagd vor sich auf den Knien zu sehen. Sie sah seine Mundwinkel verräterisch zucken. Seine Lippen waren so perfekt geformt wie die einer Renaissance-Statue und verzogen sich nun zu einem Lächeln, während er beobachtete, wie sie nervös in der Küche auf und ab lief.

„Mir geht es blendend, danke“, antwortete sie. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“

„Ja, das könnten Sie tatsächlich“, gab er gedehnt zurück. In seiner Stimme lag nur die Spur eines italienischen Akzents. „Wir sind mit der Suppe fertig und warten auf den nächsten Gang.“

„Selbstverständlich.“ Sie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Wie lange hatte sie in der Küche herumgetrödelt, während die beiden auf ihr Essen warteten? „Ich bringe es gleich.“

Lorenzo nickte, bewegte sich jedoch nicht von der Stelle. Mit unergründlichem Blick betrachtete er sie und schien sie dabei zu begutachten und kritisch zu beurteilen. Elly konnte es ihm kaum verübeln. Sie trug einen praktischen schwarzen Rock und eine weiße Bluse mit Saucenfleck auf der Schulter. Durch die Hitze der Küche war ihr Körper von einem leichten Schweißfilm überzogen. Nichtsdestotrotz ärgerte sie sich über seine offensichtliche Missachtung, die so typisch für einen Mann wie ihn war.

„Gut“, sagte er schließlich, stieß sich vom Türrahmen ab und verschwand ohne ein weiteres Wort im Esszimmer.

Elly beeilte sich, nach dem Hühnchen zu sehen, das im Backofen brutzelte. Glücklicherweise war die Estragonsahnesauce in der Zwischenzeit nicht geronnen.

Im Esszimmer saßen Amelie und Lorenzo wortlos am Tisch. Lorenzo sah entspannt aus und rekelte sich auf seinem Stuhl, während Amelie wieder nervös ihre Nägel auf der Tischplatte trommeln ließ. Das klackernde Geräusch schien in der Stille des Raumes widerzuhallen. Elly entging es nicht, dass sie auf der alten Tischplatte noch ein paar kleine Dellen hinterlassen hatte.

Amelie hatte ihre Suppe kaum angerührt, doch Lorenzo hatte seinen Teller, wie Elly zufrieden feststellte, gänzlich geleert. Als sie ihn abräumen wollte, legte Lorenzo seine Hand auf ihr Handgelenk, und sie erschrak über die unerwartete Berührung. Seine Haut war warm und trocken, und sie verspürte einen ungewöhnlichen, jedoch nicht unangenehmen Stromstoß bis hinab in ihre Zehen.

„Die Suppe war köstlich“, murmelte er.

Elly zuckte nur leicht mit dem Kopf, was man als Nicken interpretieren konnte. „Danke. Der Hauptgang wird sofort serviert.“ Ihre Hände zitterten. Beim Abräumen stieß sie mit dem Teller gegen sein Weinglas, was bei Lorenzo bloß ein unbeteiligtes Lächeln hervorrief, während ihr das Blut in den Kopf stieg.

„Vorsichtig. Sie wollen doch sicher nicht noch ein Glas Wein verschütten.“

„Ihr Glas ist leer“, gab Elly kühl zurück. Sie hasste es, dass er bemerkt hatte, wie er auf sie wirkte. Warum hatte er überhaupt eine Wirkung auf sie? Er war unglaublich attraktiv, das ließ sich nicht verleugnen, aber er war auch ein arroganter Mistkerl. „Ich fülle es sofort auf“, fügte sie hinzu und kehrte wieder in die Küche zurück.

Elly stellte die Suppenteller in das Waschbecken und beeilte sich, das Hühnchen mit den knusprigen Röstkartoffeln zu servieren. Mit einem Mal fühlte sie sich unglaublich erschöpft. Ihr stand ein ganzes Wochenende mit der Zubereitung von Mahlzeiten bevor. Gleichzeitig würde sie Amelies höhnische Bemerkungen und Lorenzos abschätzende Blicke ertragen müssen.

Hinter ihr schepperte ächzend der Boiler, und Elly biss sich auf die Lippen. Sie würde es durchstehen müssen. Die einzige andere Option wäre, Maddock Manor zu verkaufen. Das kam nicht infrage. Zumindest jetzt noch nicht. Das Gutshaus war alles, was ihr von ihrer Familie, von ihrem Vater geblieben war. So irrational es auch sein mochte, manchmal fühlte es sich so an, als sei dieses Haus das Einzige in ihrem Leben, das bestimmte, wer sie war und woher sie kam. Sie musste es behalten.

Zwei Stunden später hatten sich Lorenzo und Amelie endlich nach oben zurückgezogen. Elly schabte die Reste des Essens in den Mülleimer und spürte dabei wieder ihre anhaltenden Kreuzschmerzen. Sie sehnte sich nach einem langen heißen Bad. Doch der Installateur hatte sie gewarnt, dass der Boiler durch eine solche Belastung vermutlich gänzlich den Geist aufgeben würde. Sie würde sich mit einer Wärmflasche zufriedengeben müssen, wie fast jede Nacht. Es war Ende Oktober. Die Kälte kroch langsam in das Gutshaus und sammelte sich in den Ecken, vor allem in dem zugigen ungeheizten Raum, in dem Elly schlief.

In Gedanken wanderte sie nach oben, in das schönste Schlafzimmer mit seinem antiken Himmelbett, dessen seidene Vorhänge fast ihr gesamtes Budget verschlungen hatten, und den Birkenscheiten, die sie an diesem Morgen erst in den Kamin geschichtet hatte. Ob Lorenzo ein Feuer machen würde, damit er und Amelie es sich im Bett gemütlich machen konnten, während die Flammen tanzende Schatten über das Bett und ihre ineinander verschlungenen Körper werfen würden?

Urplötzlich spürte sie einen unangemessenen Stich von Eifersucht. Sie konnte doch nicht eifersüchtig sein! Worauf denn? Sie verachtete sie alle beide. Noch während sie sich wunderte, wusste Elly bereits die Antwort. Sie war eifersüchtig darauf, dass Amelie jemanden hatte, vor allem einen so attraktiven und erotischen Mann wie Lorenzo de Luca. Sie war eifersüchtig, weil keiner der beiden heute Nacht allein sein würde. Im Gegensatz zu ihr.

Elly seufzte. Während dieser sechs langen einsamen Monate, die sie nun in Maddock Manor lebte, hatte sie einfach nur versucht, über die Runden zu kommen. Sie hatte ein paar Freundschaften im Dorf schließen können, dennoch war ihr Leben hier nicht mit dem zu vergleichen, das sie einst gehabt hatte. Mit dem Leben, das sie sich wünschte.

Ihre Freunde von der Universität waren alle in London und folgten einem modernen großstädtisch geprägten Lebensstil, den sie auch mal genossen hatte. Mittlerweile konnte sie sich das schon kaum noch vorstellen. Selbst nach nur einem halben Jahr schien dieses Leben in ihrer Erinnerung so verblasst wie ein Traum. Ihre beste Freundin Lil versuchte sie andauernd zu überreden, zurück nach London zu kommen, wenigstens auf einen Besuch.

Ein einziges Wochenende in der Stadt konnte allerdings an der Einsamkeit, die das tägliche Alleinsein in einem verlassenen Gutshaus mit sich brachte, nichts ändern. Elly schüttelte den Kopf, um diese nutzlosen Gedanken loszuwerden.

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