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Liebeslüge, Liebesglück?

PROLOG

Marisa verschlug es den Atem, als der Mann ihr gegenüber eine schmale Schatulle aus der Tasche zog und aufklappte. „Für dich“, sagte er liebevoll.

Überwältigt sah sie ihn an und strich mit der Fingerspitze über die Edelsteine, die ihm Kerzenlicht glitzerten. „Sie ist wunderschön“, hauchte sie. „Aber bist du dir wirklich sicher, dass ich …?“ Ihre Stimme zitterte besorgt.

Der Mann nickte nachdrücklich. „Absolut sicher.“

Marisa nahm die Schatulle entgegen, klappte sie widerstrebend zu und sah den Mann an, der ihr gerade dieses sündhaft teure Schmuckstück geschenkt hatte, als Symbol seiner Gefühle für sie. Sie schob die Schatulle in ihre Designertasche aus butterweichem Leder – ein weiteres Geschenk von ihm. Dann sah sie ihn wieder an. Sie hatte nur Augen für ihn und ganz sicher nicht für den Mann mittleren Alters, der ein paar Tische weiter eine SMS schrieb, das Gesicht im Schatten.

Seit Ian in ihr Leben getreten war, hatte sich Marisas Leben so sehr verändert, dass sie es noch immer nicht fassen konnte. Als sie vor wenigen Monaten nach London gekommen war, hätte sie niemals damit gerechnet. Natürlich war sie voller Hoffnungen, Ehrgeiz und Ziele gewesen. Doch dass diese sich wirklich erfüllt hatten und sogar übertroffen worden waren, machte sie noch immer fassungslos. Und all diese wunderbaren Veränderungen brachte dieser umwerfend attraktive Mann mit sich, der ihr nun gegenübersaß und sie so liebevoll betrachtete.

Marisa biss sich leicht auf die Lippe. Wenn sie sich nur nicht vor der Welt verstecken müsste, als sei sie ein Geheimnis, für das man sich schämt! Doch genau das war sie im Grunde genommen: ein kleines schmutziges Geheimnis, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war.

Und aus diesem Grund konnten sie sich bislang nur an Orten wie diesem treffen, an denen Ian sich sonst nicht aufhielt. Hier würde ihn niemand erkennen und sich darüber wundern, dass er mit ihr zu Abend aß statt mit Eva.

Dieser Name quälte Marisas Gewissen. Und als sie nun wieder Ians attraktives, lächelndes Gesicht betrachtete, wünschte sie sehnlichst, Eva wäre nicht die, die sie war – seine Frau.

1. KAPITEL

Athan Teodarkis betrachtete die vor ihm auf dem Schreibtisch ausgebreiteten Fotos und kniff verärgert die sinnlichen Lippen zusammen, sodass sie ganz schmal wurden. Es war also tatsächlich so gekommen, wie er schon befürchtete, seit seine Schwester Eva ihm erzählt hatte, in wen sie verliebt war.

Mit großer Willenskraft lockerte er seine Schultern, die vor Wut und Empörung stark angespannt waren. Er lehnte sich gegen die Lederpolster seines Stuhls, auf dem er an seinem Schreibtisch aus Mahagoni saß. Durch die riesigen Panoramafenster am anderen Ende seines großen Büros hatte er eine atemberaubende Aussicht über London, wo sich die Hauptgeschäftsstelle von Teodarkis International befand. Doch heute hatte Athan für die beeindruckende Sicht keinen Blick übrig. Stattdessen sah er sich immer wieder die Fotos an. Sie waren mit einer Handykamera aus etwa sechs Metern Entfernung aufgenommen worden, lieferten aber trotzdem eindeutige Beweise: Darauf sah Ian Randall mit hingebungsvollem Blick auf seinem jungenhaft attraktiven Gesicht die Frau an, die ihm gegenübersaß.

Sie hatte wie Ian einen hellen Teint und blondes Haar und war unfassbar hübsch. Das helle Haar fiel ihr seidig auf die Schultern, ihre Gesichtszüge waren makellos: sinnliche, leicht geöffnete Lippen, eine zarte Nase und glänzende blaue Augen. Kein Wunder, dass ihr Gegenüber ganz betört von ihr zu sein schien.

Athan hatte von Anfang an befürchtet, dass Ian ein schwacher Mensch ohne Selbstdisziplin war, ein Casanova wie sein Vater. Martin Randall war dafür berüchtigt gewesen, den Reizen praktisch jeder Frau zu erliegen, die ihm über den Weg lief – bis ihm die nächste begegnete und er seine aktuelle Gespielin fallen ließ.

Angewidert und voller Verachtung verzog Athan den Mund. Wenn sich Ian als ein ebenso schlimmer Frauenheld erweisen sollte wie sein Vater … Er hätte Eva davon abhalten müssen, ihn zu heiraten! dachte er voller Selbstvorwürfe. Doch er hatte Ian nicht vorschnell verurteilen wollen und hatte seine Vorbehalte nicht zum Ausdruck gebracht – obwohl sein Instinkt ihm dringend dazu geraten hatte. Und jetzt hatte er den Beweis. Ian war genau wie sein Vater: ein Casanova und Ehebrecher.

Wütend stand Athan auf und nahm den Hefter zur Hand, dessen explosiver Inhalt Ians Ehe mit Leichtigkeit zerstören konnte. War sie vielleicht noch zu retten? Wie weit war er schon gegangen? Ganz sicher hatte er seine Gespielin schon in einem schicken Apartment untergebracht, und nach ihrem Designer-Outfit und ihrem frischen Haarschnitt zu urteilen – von dem Diamantcollier einmal ganz zu schweigen –, profitierte sie bereits von seiner Großzügigkeit. Aber ob er auch schon die Gegenleistung dafür eingefordert hatte?

Ians Gesichtsausdruck auf den Fotos konnte man nur als fasziniert beschreiben. Er wirkte nicht wie ein lüsterner Frauenheld, sondern als wäre er einer Frau begegnet, deren Zauber er einfach nicht widerstehen konnte und die er jetzt mit teuren Geschenken überhäufte. Viel Zeit hatte er bisher allerdings noch nicht mit ihr verbracht. Das war das Einzige, das Athan in Bezug auf diese unerfreuliche, schmutzige Geschichte Anlass gab, optimistisch zu sein.

Er hatte noch keinen Hinweis darauf gefunden, dass Ian die junge Frau in ihrem schicken Apartment besucht hatte, und in Hotels ging er offenbar auch nicht mit ihr. Bisher trafen sie sich ausschließlich in sorgfältig ausgewählten Restaurants, und Ians einziges Vergehen bestand darin, dass er seine Auserwählte mit ergebener Zärtlichkeit ansah.

Würde es Athan gelingen, ihn rechtzeitig aufzuhalten? Im Gegensatz zu seinem Vater, der aus seinen zahlreichen Affären keinen Hehl gemacht hatte, ging Ian recht vorsichtig zu Werke. Doch nach seiner zärtlichen Miene zu urteilen, würde er sicher schon bald alle Vorsicht vergessen und die junge Frau zu seiner Geliebten machen.

Frustriert und aufgebracht legte Athan den Hefter wieder auf seinen Schreibtisch. Was, verdammt noch mal, soll ich jetzt tun? fragte er sich immer wieder. Denn irgendetwas musste er einfach tun. Wäre er gleich zu Beginn seinem Instinkt gefolgt und hätte sich dagegen ausgesprochen, dass Eva Ian Randall heiratete, wäre es gar nicht erst zu dieser vertrackten Situation gekommen. Natürlich hätte es seiner Schwester das Herz gebrochen. Aber wie würde es ihr erst gehen, wenn sie erfuhr, was Ian im Begriff war zu tun?

Athans Miene wurde düster, denn er wusste es genau: Eva würde so enden wie Ians unglückliche, gequälte Mutter. Athan hatte ihr Elend sehr genau miterlebt, denn Sheila Randall war seit ihrer Jugend die beste Freundin seiner Mutter gewesen und hatte sich oft bei dieser ausgeweint. Und seine Mutter hatte Sheila nach besten Kräften getröstet, entweder am Telefon oder wenn sie einander in London oder Athen besuchten.

Athan war immer der Ansicht gewesen, Sheila sollte sich am besten so schnell wie möglich von Martin Randall scheiden lassen. Doch sie war eine unverbesserliche Romantikerin gewesen. Trotz aller gegenteiligen Beweise hatte sie nie die Hoffnung aufgegeben, ihr Mann werde eines Tages begreifen, dass nur sie ihn wirklich liebte. Dann würde er endlich aufhören, anderen Frauen nachzujagen. Athans Mutter hatte eine ähnlich romantische Ader und ihre Freundin immer wieder darin bestärkt, bei ihrem Mann zu bleiben. Doch zu allem Überfluss hatte Eva eben diese romantische Ader auch geerbt. Und genau deshalb machte Athan sich Sorgen um seine Schwester.

Mit düsterer Miene dachte Athan daran, wie seine Mutter schließlich eingesehen hatte, dass Martin Randall sich nie ändern würde. Fast hätte diese Einsicht ihre eigene Ehe zerstört – und ihre Freundschaft zu Sheila. Denn Martin Randall war sich nicht zu schade gewesen, sich an die beste Freundin seiner Frau heranzumachen. Sein Annäherungsversuch während einer ihrer Besuche bei Sheila hatte zu einem furchtbaren Streit zwischen den beiden Familien geführt. Seine Mutter hatte nach Kräften versucht, ihren Mann davon zu überzeugen, dass sie Martin Randall zu seinen Aufdringlichkeiten nicht ermuntert hatte und dass sie ihr zuwider waren. Und auch Sheila war nur schwer zu beschwichtigen gewesen.

Männer wie Martin Randall sorgen nur für Unglück und Leid, dachte Athan aufgebracht. Fast hätte dieser Widerling seine Eltern auseinandergebracht! Wenn sein Sohn ihm auch nur im Geringsten ähnelte, könnte er ähnliches Leid anrichten. Doch dass Ian die Geschichte wiederholte, würde Athan verhindern – um jeden Preis.

Fluchend wünschte er erneut, Eva hätte diesen Kerl nie geheiratet oder würde ihn doch zumindest durchschauen! Aber Ian hatte sie mit seinem Charme ebenso leicht um den Finger gewickelt wie dessen eigene Mutter.

In seiner Kindheit und Jugend war Ian Sheilas Ein und Alles gewesen, besonders nach dem Tod seines Vaters. Mit seinem guten Aussehen hatte er schon als Teenager und junger Mann für eine Menge Aufsehen gesorgt.

Wieder machte Athan ein sorgenvolles Gesicht. Hätte er geahnt, wie sehr Sheila ihren Sohn verhätschelt und verwöhnt hatte, hätte er Eva niemals in dessen Nähe gelassen. Doch ihre Mutter war bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen, als seine Schwester erst achtzehn gewesen war – und Sheila hatte voller Mitgefühl Eva angeboten, bei ihr in London zu wohnen.

Da erst zwei Jahre zuvor ihr Vater an einem Herzanfall gestorben war, traf Eva dieser zweite Schicksalsschlag umso schwerer. Auch Athan trug nun plötzlich allein die gesamte Verantwortung für das Unternehmen seines verstorbenen Vaters und arbeitete wie verrückt. Sein Junggesellen-Apartment in Athen war kein geeignetes Zuhause für ein junges Mädchen, und auf dem Anwesen der Familie konnte Eva auch nicht wohnen, allein mit den Angestellten. Deswegen war er sehr froh über Sheilas großzügiges Angebot gewesen.

Für seine Schwester war es besser, bei der besten Freundin ihrer geliebten Mutter zu wohnen und in London auf die Uni zu gehen. So hatte Eva eine Ersatzmutter bekommen und die verwitwete Sheila eine Ersatztochter, die sie mit Zuneigung überschütten konnte.

Nicht nur eine Ersatztochter, dachte Athan düster. Auch eine Schwiegertochter. Denn Eva hatte sich in Ian verliebt und bald nur noch Augen für ihn gehabt. Warum Ian, der dafür berüchtigt war, seine Partnerinnen so häufig zu wechseln wie seine Hemden, auf Evas unverhohlene Leidenschaft mit einem Heiratsantrag reagiert hatte, wusste Athan nicht. Gut möglich, dass Ian der Vorstellung nicht hatte widerstehen können, in die unglaublich wohlhabende Familie Teodarkis einzuheiraten.

Doch außer Athan schien niemand einen Verdacht zu hegen, weder seine verliebte Schwester noch Sheila, die ihren Sohn natürlich mit den Augen der stolzen Mutter sah. Also hatte er Eva widerstrebend seinen Segen gegeben – und Ian eine fantastische Stelle in seinem Unternehmen verschafft. So hatte er das Tun und Lassen seines Schwagers so gut wie möglich im Blick.

Zwei Jahre lang war Ian allem Anschein nach der perfekte liebevolle Ehemann gewesen, doch jetzt schien sein wahres Gesicht zum Vorschein zu kommen. Die Beweise für das Vergehen seines Schwagers waren erdrückend. Ian traf sich hinter dem Rücken seiner Frau mit einer wunderschönen Blondine, für die er ein Luxusapartment gemietet hatte und der er Diamanten schenkte. Als Nächstes würde er sie in ihrem Liebesnest besuchen, und damit wäre der befürchtete Ehebruch vollzogen.

Nein, dachte Athan aufgebracht. Er würde nicht zulassen, dass seine Schwester als verzweifeltes, schluchzendes Häufchen Elend endete, so wie Ians Mutter – wider alle Vernunft darauf hoffend, dass der Mann, den sie liebte, sich doch noch besinnen würde.

Doch wie sollte er das verhindern? Natürlich konnte er Ian einfach mit den Beweisen konfrontieren, aber der würde sich wahrscheinlich irgendwie herausreden. Denn noch hatte er seine Frau ja nicht betrogen. Und wenn Athan Eva die Fotos zeigte, würde es ihr das Herz brechen. Das wollte er ihr einfach nicht antun, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ.

Sollte er Ian nicht außerdem eine letzte Chance geben zu beweisen, dass er nicht war wie sein Vater? Wenn es Athan gelang, die Sache mit der blonden Schönheit im Keim zu ersticken und Ian irgendwie zur Vernunft zu bringen – vielleicht würde dieser sich dann doch noch als würdiger Ehemann für Eva erweisen.

Ich gebe ihm eine zweite Chance, dachte Athan. Aber ein zweites Mal würde er keine Gnade kennen und Konsequenzen ziehen.

Nun musste er sich eine Strategie überlegen, wie er verhindern konnte, dass Ian sich auf eine leidenschaftliche Affäre mit der entzückenden jungen Frau einließ. Strategisches Denken war eine von Athans Stärken, und so begann er, die Umstände und Fakten kühl und rational zu analysieren.

Die hübsche Blondine machte auf den Fotos den Eindruck, dass sie von Ian ebenso betört war wie er von ihr. Was auch immer der Grund dafür war – Ians Reichtum und Großzügigkeit, sein jungenhaftes gutes Aussehen, sein Charme –, sie war offenbar sehr empfänglich dafür. Für Ian würde es ein Leichtes sein, sie in sein Bett zu locken. Es sei denn …

Athan kam ein Gedanke. Zum Ehebruch gehörten immer zwei: der Ehebrecher und eine willige Geliebte. Doch was wäre, wenn diese nicht mehr willig war, weil ein Rivale sich eingemischt hatte?

Athan spürte, wie seine Muskeln sich entspannten – zum ersten Mal, seit er die belastenden Fotos gesehen hatte. Fieberhaft überlegte er, ob seine Idee funktionieren könnte. Sie könnte es, wenn man Ian durch jemanden ersetzte, der ebenso attraktiv und wohlhabend war wie er und ebenso erfolgreich eine Frau nach der nächsten erobern konnte.

Aber wenn die junge Frau jetzt wirklich ernsthaft in Ian verliebt war? Ihr Gesichtsausdruck ließ darauf schließen …

Schnell verdrängte Athan diese Zweifel. In jedem Fall würde man ihr einen Gefallen tun, indem man einen Rivalen ins Rennen schickte. Mit einem verheirateten Mann würde sie ohnehin nicht glücklich werden. Ja, wenn sein Plan funktionierte, wäre Eva nicht die Einzige, der unnötiger Schmerz erspart bliebe.

Er betrachtete das Gesicht der bildschönen jungen Frau. Konnte er ihr das wirklich antun? Konnte er eine Frau verführen, nur um sie und Ian auseinanderzubringen? Athan hatte zwar schon eine ganze Reihe Affären gehabt, aber nie mit so kaltblütigen Motiven.

Er wollte ihr ja nicht schaden, rechtfertigte er sein Vorhaben. Und er wollte ihr auch nicht wehtun.

Es war leicht, sich auszumalen, wie er die Ehe seiner Schwester rettete. Doch wie würde er sich fühlen, wenn er seinen Plan dann wirklich in die Tat umsetzte? Noch einmal ließ er den Blick über das perfekte ovale Gesicht, die großen himmelblauen Augen und den zarten, geschwungenen Mund gleiten. Wie schon beim ersten Mal hatte das Bild der wunderschönen jungen Frau eine erstaunlich starke Wirkung auf ihn.

Ich werde es schaffen, dachte er entschlossen und betrachtete noch eine Weile das zarte Gesicht der jungen blonden Frau, die gar nicht ahnte, dass sie fotografiert worden war. Dann hatte er plötzlich das Gesicht einer anderen Frau vor Augen: mit dunklem Haar und braunen Rehaugen, die vor Liebe zu ihrem Mann strahlten. Doch Ians gesamte Aufmerksamkeit gehörte einer anderen …

Mit dem festen Entschluss, seine Schwester zu beschützen, klappte Athan den Ordner zu. Nun musste er sein Vorhaben nur noch in die Tat umsetzen. Er legte den Ordner in eine Schreibtischschublade, schloss sie ab und griff nach dem Telefon, um einen Innenarchitekten anzurufen. Sein Londoner Apartment war sehr luxuriös und komfortabel, aber dennoch war es an der Zeit, es neu zu gestalten. Während der Arbeiten musste er natürlich irgendwo anders unterkommen, und er wusste schon genau, wo das sein würde …

Es war ein kühler Wintertag, und die Dämmerung brach schon herein, als Marisa auf dem Weg nach Hause war. Beschwingt ging sie den breiten Bürgersteig entlang. Auf der Holland Park Road brauste zwar der Verkehr, aber es war so ein schöner, wohlhabender Teil von London, dass es ihr nichts ausmachte. Die Wohnung, in der sie gewohnt hatte, als sie nach London gezogen war, schien in einer ganz anderen Welt zu liegen: ein winziges enges Ein-Zimmer-Apartment mit ramponierter Spüle und einem schmuddeligen Badezimmer, das sie sich mit mehreren andern Mietern hatte teilen müssen. Mehr hatte sie sich von ihrem mageren Gehalt einfach nicht leisten könnten. London war so unglaublich teuer!

Das Geld, das sie sich für die Reise von Devon und die Übergangszeit zusammengespart hatte, war längst aufgebraucht. Marisa hatte – fälschlicherweise – angenommen, es werde nicht so schwer sein, angemessen bezahlte Arbeit zu finden – zumindest einfacher als in Devon. Dort gab es im Vergleich viel weniger Stellen, und die Stundenlöhne waren niedriger, selbst wenn sie bis nach Plymouth gependelt wäre.

Doch zu ihrem Schrecken hatte sie festgestellt, dass die Lebenshaltungskosten in London erschreckend hoch waren, besonders die Mieten. Marisa hatte noch nie in ihrem Leben Miete bezahlen müssen. Zwar hatte sie in einem winzigen, heruntergekommenen Cottage gelebt, doch dafür hatte sie nur Gas- und Stromkosten sowie die Kommunalsteuer bezahlen müssen.

Die Mieten in London waren sogar für schäbige Apartments in schäbigen Wohngegenden schwindelerregend hoch. Um irgendwie über die Runden zu kommen, hätte Marisa zwei Jobs gleichzeitig annehmen müssen.

Doch all das gehörte nun der Vergangenheit an. Seit sie Ian begegnet war, hatte sich ihr Leben völlig verändert. Immer wenn Marisa an ihn dachte, wurde ihr ganz warm vor Glück. Als er erfahren hatte, in was für einem schäbigen Apartment sie lebte, hatte er nur seinen Zauberstab geschwungen – und ehe sie sich’s versah, wohnte sie in einem luxuriösen Gebäudekomplex in Holland Park. Für die Miete und sämtliche Kosten kam Ian auf.

Und nicht nur das. Mit ihren manikürten Fingern strich Marisa über das weiche braune Leder ihrer Handtasche, betrachtete die wunderschönen dazu passenden Stiefel und genoss es, wie warm ihre gefütterte Jacke sie an diesem kalten Februarabend hielt. Sie fühlte sich unglaublich elegant.

Hier in London war es zwar eindeutig kälter als in Devon, doch dort, besonders in der Nähe von Dartmoor, wo sich ihr Cottage an den Rand des Heidemoors schmiegte, wehte im Winter manchmal der vom Atlantik kommende Sturm die Ziegel vom Dach oder riss die Bäume aus dem felsigen Untergrund. Prasselnder Regen drang durch die verrottenden Fensterrahmen und tropfte durch den Schornstein auf das Holzfeuer – die einzige Heizung, über die das Cottage verfügte.

Für Touristen klangen Holzfeuer sicher sehr romantisch. Aber die hatten sich bestimmt nicht bei jedem Wetter mit Feuermachen abgemüht, körbeweise Brennholz durch den Regen geschleppt oder am nächsten Morgen die Asche entfernt. Nein, Marisas Cottage war kein schickes romantisches Domizil auf dem Lande, ausgestattet mit all den Annehmlichkeiten, die Stadtmenschen gewohnt waren. Ihr Cottage hatte Lehmwände und war für Farm­arbeiter erbaut worden. Und außer dem Verlegen von Stromleitungen hatte es seit der Erbauung keinerlei Modernisierungsarbeiten gegeben.

Im Küchenanbau befand sich noch immer die alte Spüle aus Stein. Marisas Mutter hatte zwar die Schränke gestrichen, die Wände tapeziert und das Cottage nach besten Kräften gemütlich gestaltet, doch Marisa hatte es immer als altmodisch und schäbig empfunden. Ihre Mutter dagegen war einfach dankbar gewesen, ein eigenes Zuhause zu haben, und mochte es noch so bescheiden sein. Sie hatte niemanden gehabt, der für sie sorgte – im Gegensatz zu ihrer Tochter.

Wieder wurde Marisa warm vor Glück darüber, dass Ian so fürsorglich für sie da war. Seine Großzügigkeit war schier überwältigend. Er hatte darauf bestanden, ihr das wunderschöne Luxusapartment zu finanzieren, er gab ihr Geld, das sie einfach zu ihrem eigenen Vergnügen ausgeben sollte, zum Beispiel für Friseur, Maniküre und alle Schönheitsbehandlungen, die sie sich nur wünschen konnte. Und dann all die wunderschönen neuen Outfits! Bisher hatte Marisa so etwas nur in eleganten Modezeitschriften gesehen, doch jetzt hingen die teuren Designerstücke bei ihr im Kleiderschrank.

Am meisten überwältigte sie jedoch Ians dringender Wunsch, dass sie von nun an einen festen Platz in seinem Leben haben sollte. Das hatte er ihr in der vorigen Woche wieder einmal gesagt – und ihr das atemberaubende Diamantcollier geschenkt.

Plötzlich zog ein Schatten über Marisas Glück. So liebevoll sich Ian auch um sie bemühte, sie würde nie vollständig an seinem Leben teilnehmen, er würde nie ganz zu ihr stehen können. Die Kehle zog sich ihr zusammen. Denn Marisa wusste, sie würde nie mehr für Ian sein als ein Geheimnis, von dem niemand sonst erfahren durfte.

Athan blickte auf seinen Laptop, der vor ihm auf dem Couchtisch stand, doch er schenkte dem Bericht auf dem Bildschirm nur die Hälfte seiner Aufmerksamkeit. Mit der anderen Hälfte war er bei dem Handy, das neben ihm lag und jeden Moment klingeln würde. Der Mann, der die Aufgabe hatte, Ians Angebetete zu verfolgen, hatte bereits gemeldet, dass diese sich auf dem Weg zum Apartmentkomplex in Holland Park befand. Als Nächstes würde er melden, dass sie das Foyer betreten hatte und sich dem Fahrstuhl näherte.

Athan klappte den Laptop zu, schob ihn in die Ledertasche mit Monogramm und stand auf. Sein Wagen stand schon für ihn bereit, er musste jetzt nur genau den richtigen Zeitpunkt erwischen.

An der Wohnungstür wartete er darauf, dass sein Handy klingelte. Als dies zwei Minuten später geschah, meldete die ausdruckslose Stimme: „Sie hat das Gebäude betreten. Die Fahrstuhltüren öffnen sich. In neunzehn Sekunden wird sie ihr Stockwerk erreichen.“

Athan legte auf und zählte die Sekunden rückwärts. Bei null angekommen, öffnete er die Tür seines Apartments. Im selben Moment hörte er, wie sich am anderen Ende des Flurs die Fahrstuhltüren öffneten. Die Frau, die Ian Randall zu seiner Geliebten machen wollte, kam heraus.

Er spürte, wie sich ihm der Magen zusammenzog, denn sie sah in Wirklichkeit noch viel hübscher aus als auf dem Foto: schlank, anmutig, mit samtigem Teint, wunderschönen Augen und seidigem Haar … kein Wunder, dass Ian ihr nicht widerstehen konnte. Kein Mann könnte das! Und das muss ich ja auch nicht, dachte er unwillkürlich. Genau zu diesem Zweck war er ja hier – um ihr nicht zu widerstehen.

Schon spürte er, wie sein Körper auf diesen Gedanken reagierte. Bisher waren ihm immer wieder Zweifel daran gekommen, ob er seinen doch ziemlich skrupellosen Plan wirklich in die Tat umsetzen sollte. Doch als er Marisa jetzt in natura sah, stellte Athan erleichtert fest, dass nichts dagegen sprach – aber eine ganze Menge dafür …

Er hatte jedoch eine wichtige Aufgabe zu erledigen, und auf keinen Fall durften ihn eigenes Verlangen oder eigene Wünsche davon ablenken. Entschlossen ging er in Richtung Lift.

Die junge Frau war stehen geblieben, und hinter ihr schlossen sich die Fahrstuhltüren wieder. Einen Moment lang wirkte sie wie gebannt, und Athan hätte schwören können, dass ihre Augen groß wurden, als sie ihn auf sich zukommen sah. Sie reagierte genauso auf ihn, wie er es sich erhofft hatte – und wie die meisten Frauen auf ihn reagierten, einen schlanken, einen Meter achtzig großen Mann mit schwarzem Haar und Gesichtszügen, die ihm das ...

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