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Liebeslist und Leidenschaft

1. KAPITEL

Als Nicole den Schlüssel ins Zündschloss stecken wollte, zitterten ihre Hände so heftig, dass er ihr aus der Hand glitt. Nein, sie war einfach nicht in der Verfassung, jetzt Auto zu fahren. Kurz entschlossen stieg sie aus ihrem Mercedes und knallte die Tür zu.

Zum Glück war sie geistesgegenwärtig genug gewesen, sich ihre Handtasche samt Handy zu schnappen, als sie wutentbrannt das Haus verlassen hatte. Die Familienzusammenkunft war die reine Katastrophe gewesen!

Während sie die Auffahrt des Familiengrundstücks verließ, bestellte sie sich telefonisch ein Taxi. Fröstelnd stand sie am Straßenrand und wartete. Wie gut, dass sie ihr warmes Wollkleid anhatte. Sie hatte bei ihrem kurzen Zwischenstopp zu Hause nach der Arbeit nicht mehr die Zeit gehabt, sich umzuziehen.

Eigentlich hatte ihr Vater von ihr verlangt, sich besonders schick zu machen, weil er der Familie beim Abendessen etwas ganz Besonderes zu verkünden hätte. Nur aus Zeitmangel hatte sie es unterlassen und auf sein Verständnis gehofft, weil sie schließlich stattdessen länger in der Firma gearbeitet hatte. Wenn es jemanden gab, der ihren unermüdlichen Einsatz für Wilson Wines zu schätzen wissen musste, dann war doch schließlich er es – Charles Wilson, Gründer und Chef der Firma. Er hatte seine ganze Energie in das Unternehmen gesteckt, und sie hatte eines Tages in seine Fußstapfen treten wollen.

Bis zum heutigen Abend.

Kalte Wut stieg in ihr hoch. Wie hatte ihr Vater sie so demütigen können – und dann noch vor einem fast Fremden? Natürlich, dieser Fremde war ihr lange verschollener Bruder Judd, aber was machte das schon für einen Unterschied? Schließlich lag die erbitterte Scheidungsschlacht ihrer Eltern – und damit die Trennung der beiden Familienhälften – schon rund zweieinhalb Jahrzehnte zurück. Was hatte Judd da für ein Recht, plötzlich aufzutauchen und einfach die Verantwortung über das zu beanspruchen, was sie sich in langen Jahren aufgebaut hatte? Am liebsten hätte sie ihren Zorn laut herausgeschrien. Wie gemein das alles war, wie ungerecht! Konnte man sich denn auf niemanden mehr verlassen?

Sogar Nicoles beste Freundin Anna hatte sie bitter enttäuscht. Letzte Woche war sie aus Adelaide in Australien nach Neuseeland zurückgekehrt – mit Judd im Schlepptau. Natürlich hatte sie Nicole gegenüber beteuert, dass sie nur den Auftrag von Charles ausgeführt hatte – nämlich Judd zu finden und die Versöhnung in die Wege zu leiten. Trotzdem empfand Nicole das Ganze als Verrat. Immerhin hätte Anna ihr reinen Wein einschenken können – darüber, dass Charles vorhatte, dem verlorenen Sohn Judd die Heimkehr mächtig zu versüßen. Auf Nicoles Kosten!

Anna war immer wie eine Schwester für sie gewesen – und jetzt das. Eine kleine Vorwarnung hätte doch genügt. Aber nichts!

Nicoles Handy klingelte. Weil sie dachte, es wäre das Taxiunternehmen, nahm sie das Gespräch an, ohne aufs Display zu schauen.

„Nicole, wo steckst du? Ist mit dir alles in Ordnung?“

Anna. Natürlich, wer denn auch sonst? Ihr Vater würde sie bestimmt nicht anrufen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.

„Mir geht’s gut“, antwortete Nicole gereizt.

„Nein, dir geht’s gar nicht gut, das höre ich an deiner Stimme. Hör mal, es tut mir leid, was heute Abend passiert ist …“

„Nur was heute Abend passiert ist, Anna? Und was ist mit deiner Reise nach Adelaide? Dass du nach fünfundzwanzig langen Jahren plötzlich meinen Bruder anschleppst, damit er mir alles wegnehmen kann, was eigentlich mir gehört?“

„Nicole, bitte …“, begann Anna schuldbewusst.

„Und ich hatte gedacht, wir wären beste Freundinnen“, unterbrach Nicole sie barsch. „So etwas wie Schwestern.“

„Ich konnte dir einfach nicht erzählen, was Charles vorhatte, Nicole. Bitte glaub mir doch. Dein Dad hatte mich zu absoluter Geheimhaltung verdonnert, und du weißt doch, ich verdanke ihm so viel. Wenn er nicht für meine Mom und mich da gewesen wäre, sogar als sie im Sterben lag …“

„Na schön, dann fühlst du dich ihm gegenüber eben verpflichtet. Und zwar ganz offensichtlich mehr als mir, deiner besten Freundin.“

„Nicole, bitte …“

„Warum hast du mich nicht vorgewarnt? Warum hast du mir nicht gesagt, dass er Judd zum Bleiben überreden will, indem er ihm mein Zuhause und die Firma gibt?“

„Nur ungefähr die halbe Firma“, wandte Anna zaghaft ein.

„Eine Mehrheitsbeteiligung, Anna. Das ist so gut wie die ganze Firma.“

Die Entscheidung ihres Vaters hatte sie schwer getroffen. Und seine Begründung für den Entschluss noch viel mehr! „Warte nur ab“, hatte er gesagt, „irgendwann wirst du dich Hals über Kopf in einen jungen Mann verlieben. Dann heiratest du, bekommst Kinder – und Wilson Wines ist nur noch ein Hobby für dich.“ So eine Unverschämtheit! Jahrelang hatte sie sich für die Firma aufgeopfert, und jetzt tat er so, als wäre das alles nichts gewesen, nur ein netter Zeitvertreib, während sie auf den richtigen Mann wartete! Der Gedanke daran brachte ihr Blut zum Kochen.

„Dad hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass ich ab jetzt nur noch die Nummer zwei bin. Und dass du ihm bei der ganzen Sache geholfen und dich damit auf seine Seite gestellt hast, enttäuscht mich wirklich sehr.“

Wütend ging Nicole auf und ab, während sie auf das Taxi wartete.

„Verdammt, was hätte ich denn tun sollen, Nicole? Ich stand zwischen Baum und Borke. Ich habe ihn förmlich angefleht, dass er mit dir über all das reden soll. Dass er dir wenigstens sagen soll, dass Judd zurückkommt.“

„Dann hast du wohl nicht genug gefleht. Davon abgesehen, hättest du mich ja trotzdem vorwarnen können. Ein Anruf oder eine Mail hätten genügt. Das wäre doch wohl drin gewesen, oder? Du konntest dir doch denken, wie sehr mich das Ganze verletzen würde. Und trotzdem hast du nichts getan.“

„Es tut mir so leid, Nicole. Ich schwöre dir, wenn ich noch mal die Wahl hätte, würde ich anders handeln.“

„Das hilft mir jetzt auch nicht mehr. Ich bin schwer enttäuscht. Alles, wofür ich mein ganzes Leben lang gearbeitet habe, gehört jetzt plötzlich einem Mann, den ich so gut wie gar nicht kenne. Ich weiß ja nicht mal, ob ich noch ein Dach über dem Kopf habe – jetzt, wo Dad das Haus Judd überschrieben hat. Wie würdest du dich in meiner Situation denn fühlen? Hast du darüber mal nachgedacht?“

Von ferne sah sie das Taxi kommen. Na endlich! In der Zwischenzeit hatte sich so viel Zorn in ihr aufgestaut, dass sie am liebsten noch einmal zurück ins Haus gegangen wäre und ihrem Vater ordentlich die Meinung gegeigt hätte. Obwohl das sicher auch nichts geändert hätte.

„Ich muss jetzt los. Ich brauche etwas Distanz, um gründlich über alles nachzudenken.“

„Nein, Nicole, bitte. Komm doch noch mal zurück ins Haus, damit wir von Angesicht zu Angesicht darüber reden können.“

„Nein“, erwiderte Nicole, als das Taxi neben ihr hielt. „Ich habe keine Lust, das noch mal durchzukauen. Bitte ruf mich nicht wieder an, okay?“

Sie beendete das Gespräch, schaltete das Handy dann sicherheitshalber gleich ganz aus und steckte es in ihre Handtasche.

„Viaduct Basin“, wies sie den Fahrer an und stieg ein.

In der Innenstadt von Auckland mit den zahlreichen Bars und Nachtclubs hoffte sie, ein wenig Ablenkung zu finden. Ein Blick in den Taschenspiegel verriet ihr, dass ihr Make-up tränenverschmiert war. Warum nur musste sie immer weinen, wenn sie wütend war? Es geschah nicht oft, dass sie die Fassung verlor, hatte aber dann meist zur Folge, dass die Leute ihre Wut nicht richtig ernst nahmen.

Mit immer noch zitternden Händen erneuerte sie ihr Make-up. Als sie fertig war, betrachtete sie sich halbwegs zufrieden im Taschenspiegel. So konnte sie sich wenigstens wieder unter die Leute wagen.

Sie lehnte sich zurück und versuchte nicht mehr an ihren Vater zu denken, was ihr natürlich nicht gelang. Sein Ton hatte etwas unangenehm Gönnerhaftes gehabt, im Sinne von: Ach, die beruhigt sich schon wieder. Und dann sieht sie auch ein, dass ich in allem recht habe.

„Aber das wird garantiert nicht passieren“, murmelte sie vor sich hin.

„Entschuldigung, Miss, was haben Sie gesagt?“, fragte der Taxifahrer.

„Nichts. Tut mir leid. Ich habe nur mit mir selbst geredet.“

So weit war es schon mit ihr gekommen, dass sie Selbstgespräche führte! Verärgert schüttelte sie den Kopf. Was hatte ihr Vater ihr nur angetan! Nicht nur, dass er ihr Verhältnis zu ihm schwer beschädigt hatte – er hatte auch einen Keil zwischen sie und Anna getrieben und gleichzeitig alle Hoffnung darauf zerstört, dass Judd und sie ein echtes Geschwisterverhältnis aufbauen könnten. Mit einem Schlag gab es niemanden aus ihrer Familie mehr, dem sie vertrauen konnte. Ihrem Vater nicht, ihrem Bruder nicht, auch Anna nicht, die so etwas wie eine Schwester für sie war. Von ihrer Mutter ganz zu schweigen. Cynthia Masters-Wilson war mit Judd zurück in ihr Heimatland Australien gezogen, als er gerade sechs und Nicole erst ein Jahr alt gewesen war. Seitdem hatte sie nichts mehr von ihrer Mutter gehört.

Von klein auf hatte Nicole sich eingeredet, dass ihre Mutter ihr völlig gleichgültig sei. Dafür war ihr Vater ihr Ein und Alles. Doch schon als Kind hatte sie gespürt, dass ihr Vater Frau und Sohn vermisste – und dass sie ihm diese beiden Personen nicht ersetzen konnte. Das hatte sie umso mehr angespornt, Bestleistungen zu erbringen – erst im Studium, dann im Familienunternehmen. Ihr Vater sollte stolz auf sie sein. Und da die Firma ihm so gut wie alles bedeutete, hatte sie alles darangesetzt, ihm eines Tages eine würdige Nachfolgerin zu sein. Damit er beruhigt sein konnte, dass Wilson Wines in gute Hände kommen würde.

Und jetzt war das alles für die Katz gewesen! Judd war zurück, und sie zählte nicht mehr.

Sie löste das Gummiband, mit dem sie ihre Haare zum züchtigen Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, und zerzauste ihr Haar absichtlich etwas, damit es partygerecht aussah. Nein, ihr Vater würde sie nicht kleinkriegen! Wenn sie ihren Ärger verdaut hatte, würde sie schon eine Lösung finden. Und bis dahin wollte sie ein bisschen Spaß haben.

Nachdem sie den Fahrer bezahlt hatte und aus dem Taxi gestiegen war, öffnete sie den oberen Knopf ihrer Kostümjacke, sodass man ein Stückchen ihres spitzenbesetzten Seiden-BHs sehen konnte. So ist es besser, dachte sie trotzig. Eben noch Geschäftsfrau, jetzt Partygirl. Sie straffte die Schultern und betrat die nächstgelegene Bar. Amüsieren war angesagt!

Nate stand gegen die Bar gelehnt da und betrachtete gelangweilt die Menschen auf der Tanzfläche. Er war nur wegen Raoul mit hierhergekommen. Den Junggesellenabschied hatte er für ihn ausgerichtet, weil er ihm etwas schuldig war. Als Nates Vater im vergangenen Jahr plötzlich unerwartet gestorben war, hatte Raoul vertretungsweise die Geschäfte von Jackson Importers geführt und das sehr gut gemacht. Nate, der den europäischen Zweig des Unternehmens geleitet hatte, hatte mittlerweile einen Nachfolger für seine Position gefunden und nun selbst die Chefposition eingenommen. Doch für die gute Vertretung war er Raoul immer noch sehr dankbar.

Aber das heißt ja nicht, dass ich aus purer Menschenfreundlichkeit die ganze Nacht hier zubringen und mich zu Tode langweilen muss, dachte er. Er war schon drauf und dran, sich zu verabschieden und auf den Heimweg zu machen, da sah er … sie. Die beeindruckend schöne Frau, die ausgelassen, aber doch mit unnachahmlicher Eleganz tanzte. Sie trug ein Businesskostüm, als ob sie gerade erst aus irgendeinem Büro gekommen war – aber keine der Frauen, die für ihn arbeiteten, hatte je in einem Kostüm so gut ausgesehen. Ihr Oberteil war so weit aufgeknöpft, dass man einen verführerischen Blick auf den Ansatz ihrer Brüste hatte. Nicht übel, wirklich!

Gerade hatte er noch nach Hause fahren wollen, in sein gemütliches Heim auf der Meeresseite der Waitakere Ranges. Doch nun war es ihm damit nicht mehr so eilig. Und wenn er später nach Hause fuhr – dann hoffentlich nicht allein.

Er löste sich von der Bar und tanzte sich geschickt an sie heran. Irgendwie kam sie ihm bekannt vor, aber er wusste nicht, wo er sie einordnen sollte. Ihre eleganten Tanzbewegungen faszinierten ihn. Ob sie sich in anderen Situationen ebenso geschickt bewegte? Zum Beispiel, wenn sie unter ihm lag, nackt und keuchend …? Es erregte ihn, sich diese Szene bildlich vorzustellen.

Rhythmisch bewegte er sich im Takt der Musik und lächelte sie an. „Was dagegen, wenn ich mittanze?“

„Kein Problem“, erwiderte sie und schüttelte ihr Haar. Ihre Augen, ihr Mund – alles an ihr faszinierte ihn.

Sie tanzten eine Zeit lang gemeinsam und bewegten sich dabei in vollendeter Harmonie. Ob sie in anderer Hinsicht auch so gut zusammenpassen würden?

Ein anderer Tänzer rempelte seine faszinierende Tanzpartnerin unabsichtlich an, und sofort war Nate zur Stelle, um sie zu stützen. „Mein Held“, scherzte sie und strahlte ihn an.

„Ach, das war doch noch gar nichts“, gab er kokett lächelnd zurück. „Ich würde noch viel mehr für Sie tun.“

Noch immer hielt er sie fest, und sie schmiegte sich an ihn. „Was denn zum Beispiel?“

„Alles, was Sie wollen.“

„Sehr verlockend“, sagte sie so leise, dass er sie wegen der dröhnenden Musik kaum verstand. „Ich schätze, da würde mir so einiges einfallen.“

Verführerisch strich sie ihm übers Haar, und ihre Berührung elektrisierte ihn. Am liebsten hätte er sie sofort mit nach Hause genommen. In sein Bett.

Eigentlich war Nate überhaupt nicht der Typ für One-Night-Stands. Seine Mutter hatte ihn gelehrt, Frauen zu respektieren. Außerdem war Spontaneität nicht gerade seine starke Seite – er war mehr der Planer, der alles genau abwog. Das galt auch für sein Privatleben. Er wusste, wie wichtig es war, vorsichtig zu sein, Menschen auf Abstand zu halten, bis man sicher sein konnte, was sie wirklich vorhatten. Bei dieser Frau allerdings war er bereit, seine Grundsätze über Bord zu werfen.

Fasziniert musterte er sie – und plötzlich dämmerte es ihm. Jetzt wusste er, warum sie ihm so bekannt vorgekommen war. Sie war Nicole Wilson – die Tochter von Charles Wilson und die zweitwichtigste Person bei Wilson Wines. Er hatte ihr Foto in dem Dossier über die Konkurrenzunternehmen gesehen, das Raoul auf seinen Wunsch hin für ihn zusammengestellt hatte. Und Wilson Wines war die erbittertste Konkurrenz von Jackson Importers – aufgrund einer langen und traurigen Vorgeschichte. Früher einmal war Nates Vater Thomas der beste Freund von Charles Wilson gewesen, bis die beiden Männer sich zerstritten hatten. Charles hatte Thomas grundlos üble Dinge unterstellt. Seitdem waren die beiden Männer – und damit auch die beiden Unternehmen – verfeindet.

Vor Jahren hatte Nate seinem Vater einmal geschworen, er würde sich bei Charles Wilson für dessen Verhalten rächen. Doch Thomas, ein friedliebender Mann, hatte ihm das strikt verboten. „Solange ich lebe, machst du das nicht“, hatte er gesagt. Doch nun war sein Vater tot, und er konnte, was Charles Wilson anging, tun, was er wollte.

Er hatte schon Informationen über den Mann gesammelt und war dabei gewesen, einen Racheplan zu entwickeln. Doch jetzt bot sich ihm eine unverhoffte Chance. Wenn diese Frau ebenso interessiert an ihm war wie er an ihr, würde das seine Pläne sehr vereinfachen.

Nicole wusste, dass sie heute Abend ein bisschen viel getrunken hatte. Am klügsten wäre es, sich jetzt ein Taxi zu rufen und nach Hause zu fahren. Schließlich war erst Donnerstag, und morgen wartete viel Arbeit auf sie. Falls sie morgen überhaupt noch Arbeit hatte.

Kaum erinnerte sie sich an den Job, sank ihre Stimmung auf den Nullpunkt. Wieder musste sie an ihrem Vater denken. Ihr wurde fast übel bei dem Gedanken, heute Nacht noch in sein Haus zurückkehren zu müssen. Vorhin hatte sie diesen Gedanken erfolgreich verdrängt – sie hatte zufällig ein paar alte Bekannte von früher getroffen und mit ihnen etliche Drinks genossen. Die unverbindliche Ablenkung hatte ihr gutgetan, und sie hatte keine Lust, jetzt wieder in Trübsinn zu verfallen. Vor allem nicht, wo sie gerade so einen interessanten Mann kennengelernt hatte …

Sie tanzten weiter, und Nicole verlor sich in seinen Augen. Dieser Mann hatte etwas ungeheuer Anziehendes.

„He, Nic!“

Die Stimme kam von Amy, einer ihrer Bekannten, mit denen sie vorhin etwas getrunken hatte. „Wir wollen noch in einen anderen Club. Kommst du mit?“

Zu mehreren ist man immer sicherer, dachte Nicole, aber heute hatte sie keine Lust, übervorsichtig zu sein. „Nein, ich bleibe noch ein bisschen. Nachher nehme ich mir ein Taxi.“

„Wie du willst. Schön, dass wir uns mal wieder getroffen haben. Bis zum nächsten Mal sollte aber nicht wieder so viel Zeit vergehen, hörst du?“

Und schon war Amy verschwunden.

„Wärst du lieber noch mit deinen Freundinnen um die Häuser gezogen?“, fragte ihr Tanzpartner.

„Nein, wirklich nicht“, antwortete Nicole. „Ich bin schon ein großes Mädchen. Ich kann selbst auf mich aufpassen.“

„Gut zu wissen. Ich heiße übrigens Nate.“

„Nicole“, gab sie zurück und tanzte weiter.

Plötzlich flammte ein Blitzlicht auf. Wer fotografiert denn hier? schoss es ihr durch den Kopf. Das Bild taucht morgen bestimmt bei Facebook oder sonst wo auf. Doch schon bald war sie wieder ganz auf ihren Partner konzentriert. Er konnte wirklich gut tanzen, seine Bewegungen besaßen eine raubtierhafte Eleganz. Und sein Aussehen war auch nicht zu verachten!

Er hatte dunkles Haar, wenn auch nicht ganz so dunkel wie ihres, und fein geschnittene, sehr männliche Gesichtszüge.

Ihm entging nicht, dass sie ihn prüfend musterte. „Na, genüge ich deinen Anforderungen?“, fragte er lächelnd.

„So gerade eben“, antwortete sie und erwiderte sein Lächeln.

Er lachte herzhaft. Auch sein Lachen gefiel ihr. Wie alles an ihm.

Die Tanzfläche leerte sich allmählich, und Nicole wurde schmerzlich bewusst, dass diese wunderbare Nacht irgendwann zu Ende gehen musste. Nate sagte irgendetwas, aber wegen der lauten Musik konnte sie es nicht verstehen.

„Was hast du gerade gesagt?“, fragte sie und beugte sich zu ihm hinüber. Hm, wie gut er duftete!

„Ich hatte nur gefragt, ob du einen Drink möchtest.“

Eigentlich hatte sie für heute längst genug, aber in dieser Nacht ritt sie der Teufel. „Einen Drink? Gerne.“

„Hier? Ansonsten könnten wir auch bei mir noch was trinken.“

Ein Schauer der Erregung durchrieselte sie. Ob er das so meinte, wie sie es auffasste? So etwas hatte sie vorher noch nie getan – einfach mit einem Unbekannten mit nach Hause gehen. Doch irgendwie hatte sie das Gefühl, dass sie Nate vertrauen konnte. Außerdem sprühten zwischen ihnen die Funken, und sie war gespannt, wie sich das Ganze weiterentwickeln würde. Nach dem missratenen Abendessen bei ihrem Vater hatte sie sich ein bisschen Trost und Ablenkung verdient.

„Gut, dann lass uns zu dir fahren.“

Überallhin – nur nicht nach Hause zum Anwesen ihres Vaters.

„Super.“ Er lächelte sie an, und ihr wurde ganz heiß.

Gemeinsam gingen sie zum Ausgang. War es riskant, einfach mit einem Fremden mitzugehen? Durchaus. Aber heute wollte sie mal gefährlich leben.

Außerdem – zum Schlimmsten würde es schon nicht kommen.

2. KAPITEL

Nate blickte von ferne zu Raoul hinüber, während er Nicole aus dem Club führte. Als Raoul sah, dass sein Freund in Begleitung einer hübschen jungen Dame war, zwinkerte er ihm zu. Dann erstarrte er plötzlich – offenbar hatte er Nicole Wilson erkannt. Nate unterdrückte ein zufriedenes Lächeln.

Oft hatte er überlegt, wie er sich für seinen Vater an Charles Wilson rächen sollte, aber an eine Gelegenheit, wie sie sich ihm jetzt bot, hatte er nie gedacht. Er hatte natürlich auch nie damit gerechnet, die Tochter von Charles Wilson kennenzulernen – und sich so zu ihr hingezogen zu fühlen. Jetzt bot sich ihm eine einmalige Gelegenheit, und er wäre dumm, sie nicht auszunutzen – in jeder Hinsicht. Dennoch mahnte er sich zur Vorsicht. Noch war nichts gewonnen. Vielleicht würde Nicole ihn nach dem Drink bei ihm zu Hause ja bitten, ihr ein Taxi zu rufen. Allerdings hielt er das für ziemlich unwahrscheinlich.

Gemeinsam gingen sie zu seinem silbernen Maserati. „Ein wirklich schönes Auto“, stellte Nicole fest, während sie einstieg.

„Ich fahre gerne stilvoll“, gab er lächelnd zurück.

„Und ich mag stilvolle Männer“, sagte sie.

Das konnte er sich denken. Ihr hatte es nie an etwas gefehlt, sie war im Luxus aufgewachsen. Deshalb stellte sie bestimmt auch hohe Ansprüche an Männer. Aber dieser Anforderung fühlte er sich gewachsen.

Im Gegensatz zu Nicole wusste Nate, wie es war, arm zu sein und kämpfen zu müssen. Denn sein Vater hatte es lange Zeit nicht leicht gehabt. Nachdem Charles Wilson ihn aus dem Unternehmen geworfen hatte, das sie gemeinsam gegründet hatten, hatte Thomas Jahre gebraucht, eine eigene Firma auf die Beine zu stellen und zum Erfolg zu führen. Nate hatte mitbekommen, wie sein Vater sich für das Geschäft aufgeopfert hatte. Vor allem, um die Frau versorgen zu können, mit der er – unabsichtlich – ein Kind gezeugt hatte. Und natürlich, um seinem Sohn, der aus dieser Verbindung entstanden war, alles Lebensnotwendige bieten zu können. Thomas hatte sein Möglichstes getan, Nate eine unbeschwerte Kindheit zu ermöglichen, trotzdem hatte der Junge wegen der ungewöhnlichen Lebensumstände schnell zwei Lebensregeln verinnerlicht: Regel eins: Trau nicht gleich jedem! Regel zwei: In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt.

Nate ließ den Wagen an und fuhr in Richtung Autobahn.

„Wohnst du weiter außerhalb?“, fragte Nicole.

„Ich habe mehrere Wohnsitze“, antwortete er. „Aber mein richtiges Zuhause ist in Karekare. Willst du trotzdem noch mit?“

Je weiter außerhalb, desto riskanter, dachte sie und schluckte. Doch dann antwortete sie: „Ja, natürlich. Ich bin schon ewig nicht mehr in Karekare gewesen.“

„Dort ist es immer noch wie früher. Wild und wunderschön.“

„Genau wie du …?“ Sie sah ihn bewundernd an.

„Ich hatte eher gedacht genau wie du.“

Sie lachte. „Das hast du schön gesagt. Geht runter wie Öl. Genau das, was ich jetzt brauche – nach allem, was heute schiefgelaufen ist.“

„Ärger gehabt?“, hakte er nach.

„Ach, eine Familienangelegenheit. Zu kompliziert und zu langweilig, um das jetzt alles zu erzählen.“

Hört, hört, dachte Nate. Gab es etwa Streitigkeiten im Hause Wilson? Da er seinen schärfsten Konkurrenten immer im Auge behielt, wusste er schon, dass der verlorene Sohn zurückgekehrt war. Hatte Charles Wilson etwa seinen Sohn Judd zum Kronprinzen erklärt und Nicole ausgebootet?

„Die Fahrt dauert ganz schön lange“, betonte Nate, als sie die Autobahn erreicht hatten und er aufs Gaspedal drückte. „Wenn du darüber reden möchtest – ich höre dir gerne zu.“

„Die üblichen Streitigkeiten zwischen Vater und Tochter“, versuchte sie die Angelegenheit herunterzuspielen, aber ihre Stimme klang traurig.

„Hört sich nach was Ernstem an“, erwiderte er.

Sie seufzte tief. „Ja, es war schon ein ganz schön heftiger Streit. Mein Vater versteht mich einfach nicht.“

„Trifft das nicht auf alle Eltern zu?“

Sie lachte humorlos auf. „Ja, mag sein. Ich fühle mich nur so benutzt, weißt du? Mein Leben lang habe ich mich allen Herausforderungen gestellt, wollte die bestmögliche Tochter sein, habe mich voll in den Betrieb meines Vaters eingebracht. Und jetzt ist er auf einmal der Meinung, ich solle aussteigen und Kinder kriegen. Was sagt man dazu? Als ob er all meine Leistungen plötzlich gering schätzt. Fünf Jahre lang war ich maßgeblich daran beteiligt, dass unser Familienunternehmen wächst, blüht und gedeiht – und jetzt meint er plötzlich, das alles wäre nur ein nettes Hobby für mich.“

„Und nach diesem Streit bist du gefrustet in den Club gegangen und hast dir erst mal ein paar Drinks gegönnt?“

„Genauso war’s. Ich konnte einfach nicht mehr länger unter seinem Dach bleiben. Haha, was heißt sein Dach? Es ist ja gar nicht mehr seins und meins auch nicht. Er hat das Haus einfach meinem lieben lange verschollenen Bruder überschrieben.“ Sie holte tief Luft. „Tut mir leid, jetzt habe ich einfach so drauflos geplappert. Eigentlich habe ich schon viel zu viel gesagt. Am besten vergisst du es einfach. Und ich glaube, wir wechseln jetzt lieber das Thema. Wenn ich über die Familie rede, kriege ich schlechte Laune.“

„Themenwechsel? Dein Wunsch ist mir Befehl.“

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