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Liebeskünste – Shadows of Love

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Liebeskünste
  6. In der nächsten Folge

»Shadows of Love« sind in sich abgeschlossene erotische Liebesgeschichten von unterschiedlichen Autoren. Die Folgen erscheinen monatlich als Romanheft und E-Book.

Über die Autorin

Cara Bach hat vor einigen Jahren in Bayern den Ort gefunden, an dem sie ihrer heimlichen Leidenschaft, dem Schreiben, ungestört nachgehen kann. Vor allem die Themen Liebe, Erotik und Abenteuer haben es der ehemaligen Weltenbummlerin und Dolmetscherin angetan. Sie nimmt die Leser ihrer Geschichten stets aufs Neue mit ins Reich der Sinne und der Sinnlichkeit.

An der Tür klingelt es Sturm. Ich schlucke eine Verwünschung hinunter, steige triefend aus der Dusche, greife nach meinem Bademantel und wickele mir schnell ein Handtuch um die nassen Haare. Erbost über die Störung reiße ich die Tür auf.

Auf der Schwelle steht meine Mutter, die Augen vom Weinen gerötet.

»Mama! Was ist passiert?«, frage ich erschrocken.

Ich lasse sie eintreten und führe sie in mein winziges Wohnzimmer. Hastig räume ich Kleidung, Bücher, Taschen, Hefte, Skizzen, Farben und Laptop beiseite, damit meine Mutter auf dem Sofa Platz nehmen kann.

Sie zerknüllt ein feuchtes Taschentuch zwischen ihren Fingern, mit dem sie sich immer wieder über die Augen fährt. »Dein Onkel Harry ist gestorben!«, schluchzt sie.

Fassungslos sinke ich auf den altersschwachen Schreibtischstuhl. »Gestorben? Wann denn, und wie? Ich wusste gar nicht, dass er krank war!«

Onkel Harry ist oder war mein Patenonkel und der Bruder meiner Mutter. Er war kinderlos, und zwischen uns bestand eine besonders innige Verbindung, denn Harry war der lustigste und beste Onkel, den eine Nichte sich wünschen kann. Immer hatte er eine Nascherei parat, wenn ich ihn als Kind besuchte; dem Teenager steckte er heimlich dann und wann einen Geldschein zu. »Fürs Kino oder für ein hübsches T-Shirt«, raunte er leise, damit meine Eltern nichts bemerkten. Stets hatte er ein offenes Ohr für meine kleinen Sorgen und großen Nöte.

Mein Name ist Gina Theiß, Kunststudentin im 7. Semester an der Akademie der Bildenden Künste in München. Seit meine Beziehung mit meinem Sandkastenfreund Timo vor zwei Jahren in die Brüche ging, bin ich Single und lebe ziemlich beengt in einer unordentlichen kleinen Studentenbude. Ich bin ein Einzelkind, streng erzogen und sehr behütet aufgewachsen. Umso mehr genieße ich meine hart erkämpfte Freiheit, denn es hat mich zahllose Diskussionen und noch mehr Nerven gekostet, bis mein Vater mich endlich aus unserer ländlichen Idylle in die für seinen Begriff lasterhafte Großstadt ziehen ließ. Ihm wäre es lieber gewesen, ich hätte einen »ordentlichen« Beruf gelernt, Bankkauffrau oder Erzieherin zum Beispiel, denn mit meinem Kunststudium hat er sich noch immer nicht abgefunden.

Ganz anders mein Onkel Harry. Von Anfang an hat er mich ermutigt, meinen Neigungen zu folgen, und die gingen nun einmal in Richtung Malerei und Grafik. Er ist es gewesen, der meinem Vater gut zugeredet hatte und ihn schließlich davon überzeugen konnte, dass ein Kunststudium für mich das einzig Richtige war. Onkel Harry wäre selbst gerne Künstler geworden, seine besondere Leidenschaft galt der Bildhauerei, aber ihm war ein Studium aus finanziellen Gründen verwehrt gewesen. Stattdessen betrieb er in Schwabing eine kleine Galerie, die vor allem Kunstwerke unbekannter junger Maler ausstellte und zum Kauf anbot. Große Reichtümer hat er damit nicht erworben, aber er hat sein Geschäft mit viel Liebe und noch mehr Kunstverstand betrieben, und sein Name hat in der Münchener Szene einen guten Klang. Auf jeden Fall war er ein glücklicher und zufriedener Mensch, der für seinen Beruf lebte und über einen riesigen Freundes- und Bekanntenkreis verfügte.

Ich kann nicht begreifen, dass dieser lebensfrohe, unerschütterliche Mann tot sein soll.

»Wie ist er gestorben?«, frage ich noch einmal. Als ich sehe, dass meine Mutter noch immer weint und sich gar nicht beruhigen kann, gehe ich in die Küche und schaue mich nach etwas Trinkbarem um. Es ist noch ein Rest heißes Wasser auf dem Herd, also brühe ich rasch einen Kamillentee auf.

Als ich ihn vor meiner Mutter abstelle, blickt sie mit tränenüberströmtem Gesicht auf. »Man hat ihn in seiner Galerie gefunden. Er saß in seinem alten Ohrensessel, die Zeitung auf den Knien und schien friedlich zu schlafen. Als Frau Gubitz, seine Angestellte, mittags ins Geschäft kam und ihn wecken wollte, war er schon seit Stunden tot!«

Sie schluchzt wieder in ihr Taschentuch, und auch mir steigen Tränen in die Augen. Erst nach und nach beginne ich zu begreifen, dass ich nie mehr mit ihm über Rodin, Beuys oder Moore diskutieren, nie mehr seine rauchige Stimme und sein ansteckendes Lachen hören werde, und eine maßlose Traurigkeit überkommt mich.

Ich setze mich neben meine Mutter, drücke sie an mich, und gemeinsam trauern wir um einen liebenswerten, wunderbaren Menschen, der eine unschließbare Lücke in unserem Leben hinterlässt.

Es bleibt mir und Mama überlassen, die Formalitäten zu regeln. In einer stillen Trauerfeier werden wir Abschied nehmen von einem geliebten Familienmitglied, gemeinsam mit vielen anderen Menschen, die meinen Onkel geschätzt und geachtet haben.

»Gina, hier sind die Schlüssel zu Harrys Wohnung. Wärst du bereit, morgen mit mir hinzugehen? Allein schaffe ich es nicht.«

Ich weiß, dass meine Mutter es noch nicht übers Herz gebracht hat, die Wohnung ihres verstorbenen Bruders zu betreten. Ich nehme den Schlüsselbund an mich und nicke: »Natürlich begleite ich dich, Mama. Wann sollen wir uns treffen?«

♡♡♡

Pünktlich am nächsten Morgen stehe ich vor dem Wohnhaus, in dem Onkel Harry in den letzten Jahrzehnten gelebt hat. Als meine Mutter aus dem Auto steigt, gehe ich zu ihr und hake mich bei ihr ein. Gemeinsam steigen wir die drei Stufen zu Harrys Gartenwohnung empor.

Als ich aufschließe, umfängt uns Stille und abgestandene Wärme. Der Geruch von verwelkten Blumen und alten Büchern hängt schwer in der Luft. Sofort gehe ich zur Terrassentür und öffne sie weit, um frische Luft hereinzulassen. Ich atme tief durch und sehe mich um.

Der Ordentlichste war Onkel Harry nicht; überall liegen Stapel von Büchern, Bildern, Collagen, Zeitschriften und Papieren wild durcheinander. In mehreren Vasen lassen die Blumen schon die Köpfe hängen, auf den Möbeln liegt eine Staubschicht. Plastiken, Skulpturen und Schnitzereien in allen erdenklichen Größen und Materialien nehmen jeden freien Fleck ein.

»Puh!« Bestürzt sehe ich mich um und betrachte das Chaos, das sich über alle Räume erstreckt. »Wir werden Wochen brauchen, um das hier alles zu ordnen und zu sichten!«

»Warum ist mir nie aufgefallen, wie viel Plunder Harry in den letzten Jahren angehäuft hat?« Resigniert betrachtet meine Mutter die Unordnung.

Nur zögernd machen wir uns an die Arbeit. Es ist bereits später Nachmittag, als meine Mutter, die seit geraumer Zeit vor einer hohen Vitrine kniet und einen Papierstapel nach dem anderen aus dessen Tiefen hervorholt, sich erhebt. »Mir reicht’s mit all dem Staub und Krempel; ich brauche dringend eine Tasse Kaffee und einen Imbiss«, meint sie.

Sofort stimme ich zu, denn auch meine Kehle ist ausgedörrt, und mein Magen knurrt vernehmlich.

Doch bevor ich mir die Hände wasche, werfe ich noch einen Blick auf die Papiere, die meine Mutter aus der Vitrine gezogen hat. Obenauf liegt ein großer brauner Umschlag mit meinem Namen darauf.

»Schau mal!« Ich zeige ihn meiner Mutter. »Ein Brief von Onkel Harry an mich!« Ein wenig ratlos drehe ich das Kuvert in meinen Händen hin und her.

»Mach es auf!«, ruft meine Mutter aufgeregt.

Ich öffne den Umschlag und ziehe ein an den Ecken schon leicht vergilbtes Blatt Papier heraus.

»Testament«, steht da in Großbuchstaben.

»Harry hat ein Testament hinterlassen? Ich hätte nicht gedacht, dass er so vorausschauend war …« Meine Mutter schaut mir über die Schulter und liest:

»Meine sämtlichen Bücher und Kunstgegenstände, das komplette Mobiliar sowie alle Wertsachen vermache ich meiner Nichte und Patentochter Gina Theiß. Sie soll auch mein Bargeld und meine Wertpapiere erhalten. Am meisten am Herzen liegt mir jedoch meine Galerie. Sie soll ebenfalls in die Hände meiner Nichte Gina übergehen, denn sie allein besitzt genügend Kunstverstand, um das Geschäft in meinem Sinn weiterzuführen. Alle Formalitäten sind geregelt; die nötigen Unterlagen liegen im Notariat F. Meyer.«

Mein Herz hämmert bis zum Hals, mir ist zum Weinen zumute. Onkel Harry hat mir nicht nur sein weltliches Hab und Gut hinterlassen, sondern mit diesem Erbe auch die Botschaft, dass er mich sehr geliebt hat.

»Du meine Güte! Ich wusste nicht, dass Harry über Bargeld und Wertpapiere verfügt. Was willst du denn jetzt machen, Kind?« Der Gesichtsausdruck meiner Mutter zeigt, dass sie unschlüssig ist, ob sie erschrocken oder begeistert sein soll.

»Keine Ahnung! Es kommt so überraschend. Ich habe nicht im Traum daran gedacht, dass er mir mal die Galerie und all seinen Besitz vererben wollte …« Meine Stimme ist rau von all den ungeweinten Tränen.

Rasch packen wir ein paar Dinge ein, die wir mitnehmen wollen, und verlassen die Wohnung. Den Umschlag mit dem Testament halte ich fest umklammert, aus Angst, er könnte abhanden kommen.

♡♡♡

Mein Vater ist überrascht und wenig begeistert.

»Du bist keine Geschäftsfrau, Gina!«, gibt er zu bedenken, und ich muss ihm insgeheim recht geben. »Zur Leitung einer Galerie gehört mehr als Kunstverstand. Vor allem braucht man eine gehörige Portion Geschäftssinn und Erfahrung! Du hast dich bisher ausschließlich mit deinem Studium beschäftigt. Hast du denn Ahnung von Steuererklärungen, Buchführung und Bilanzen?«

»Nein, aber dafür gibt’s schließlich Fachleute! Darum muss ich mich nicht selbst kümmern!«, entgegne ich trotzig.

»Ich finde, du solltest die Galerie verkaufen«, sagt mein Vater. »Der Gewinn aus dem Verkauf ermöglicht dir einen goldenen Start ins Berufsleben. Überleg es dir gut, bevor du eine übereilte Entscheidung triffst.«

Ich verstumme, doch ich weiß jetzt schon, dass ich es nicht übers Herz bringen werde, Onkel Harrys Galerie, an der er mit jeder Faser seines Herzens hing, einem Fremden zu überlassen. Mehr als alles andere hat er sich gewünscht, dass ich sein Lebenswerk fortführe, und genau das habe ich auch vor.

♡♡♡

Die nächsten Tage verbringe ich damit, den Notar aufzusuchen, mich beim Nachlassgericht um einen Erbschein zu bemühen und die Galerie in Augenschein zu nehmen.

Natürlich kenne ich dort jedes Bild und jede Statue, denn ich habe oft in dem winzigen Büro hinter dem Verkaufsraum mit Onkel Harry Tee getrunken. Allerdings habe ich die Exponate immer aus dem Blickwinkel der bewundernden Kunststudentin wahrgenommen, nie aus dem der Eigentümerin. Gibt es einen festen Kundenstamm? Hat mein Onkel viele Werke verkauft und wenn ja, an wen? Offensichtlich konnte er gut von seinen Einkünften leben.

All diese Gedanken kreisen in meinem Kopf, als ich an einem regnerischen Sommernachmittag die Tür des Ladens öffne. Ein melodiöses Klingeln kündigt meinen Besuch an. Ich schaue mich um. Im Dämmerlicht wirkt die Galerie düster, verlassen und wenig einladend. Weshalb ist mir vorher noch nie aufgefallen, wie trüb die Beleuchtung ist?

»Fräulein Theiß!« Frau Gubitz, Onkel Harrys Mitarbeiterin, kommt mir mit ausgestreckter Hand aus dem Büro entgegen. »Schön, dass Sie es einrichten konnten und Zeit für ein Treffen gefunden haben!« Herzlich schüttelt sie mir die Hand und führt mich ins Hinterzimmer. Wie üblich breitet sich dort ein kunterbuntes Chaos aus. Obwohl ich selbst keine Ordnungsfanatikerin bin, übersteigt das Durcheinander in diesem Büro sogar meine Toleranzgrenze.

Nachdem ich einen Stapel Papiere und Kataloge zur Seite geräumt habe, nehme ich auf dem abgewetzten Gobelinsessel Platz.

Frau Gubitz lässt sich hinter dem alten Eichenschreibtisch nieder. Bevor ich das Wort ergreifen kann, räuspert sie sich und streicht sich verlegen über ihre silbergrauen Locken.

»Fräulein Theiß, bevor wir mit der Übergabe beginnen, habe ich Ihnen etwas zu sagen.« Sie hält inne und überlegt einen Augenblick. »Nehmen Sie es bitte nicht persönlich, aber zukünftig werden Sie auf meine Mitarbeit verzichten müssen.« Sie atmet tief durch und schaut mich um Verständnis bittend an. »Fast fünfundzwanzig Jahre habe ich mit Ihrem Onkel zusammengearbeitet. Es war nicht immer einfach, das dürfen Sie mir glauben. Er konnte recht schwierig und eigenwillig sein, aber ich habe seine Arbeit und vor allem seine Person stets hochgeschätzt. Nun habe ich fast das Rentenalter erreicht, und ich bin der Meinung, ich sollte Platz machen und jungen Menschen ihre Chance geben. Für Sie wird es ein Neuanfang sein; eine alte Frau wie ich würde dabei nur stören!« Sie knetet ihre im Schoß liegenden Hände, und ich fühle beinahe physisch, wie schwer ihr diese Worte fallen.

Darum beuge ich mich vor und ergreife ihre Hand: »Liebe Frau Gubitz, Sie haben meinen Onkel so viele Jahre begleitet, Sie müssen nicht gehen! Ich würde mich freuen, wenn Sie und Ihre fundierten Kenntnisse der Galerie auch weiterhin erhalten blieben. Möchten Sie es sich nicht doch noch einmal überlegen?«

Doch sie schüttelt traurig den Kopf. »Nein. Die Umstellung würde mir zu schwer fallen. Sie verstehen das sicher. Aber ich bleibe gerne, bis Sie sich eingearbeitet haben. Ich zeige Ihnen alles, was Sie wissen müssen, um die Galerie in Harrys Sinn weiterzuführen«, sagt sie leise, während sich ihre Augen mit Tränen füllen.

Ich stehe auf, gehe um den Schreibtisch herum, nehme sie in den Arm und versuche sie zu trösten. »Ohne Ihre Hilfe bin ich aufgeschmissen! Es wäre gut, wenn Sie noch eine Weile bei mir blieben«, murmele ich und drücke die alte Dame an mich.

Sie schluckt, nickt und wischt sich über die Augen.

Ich rücke den Sessel an den Schreibtisch heran. Onkel Harry hat nichts von Computern gehalten; alle Aufzeichnungen sind in schön geschwungener Handschrift geschrieben und fein säuberlich in Ordnern abgeheftet. Hier erkenne ich die Arbeit von Frau Gubitz, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass mein Onkel einen derart akribischen Schriftverkehr pflegte.

Die nächsten zwei Stunden verbringen wir gebeugt über Geschäftsunterlagen. All diese Dinge sind Neuland für mich, und ich zwinge mich zur Konzentration, denn Ablage, Buchhaltung und Bilanzen gehören nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.

Frau Gubitz hingegen geht ganz in ihrer Aufgabe auf. Sie erklärt, notiert Hinweise und Tipps für mich und wird nicht müde, mir endlose Zahlenkolonnen zu präsentieren. Zum Schluss zeigt sie mir die Kundenkartei, die ich flüchtig überfliege.

Schließlich erhebe ich mich mit schmerzendem Rücken und brennenden Augen. Zahlen tanzen durch meinen Kopf, und meine Kehle fühlt sich rau und trocken an.

Artig bedanke ich mich bei Frau Gubitz und verabrede mich mit ihr für den nächsten Tag. Noch längst hat sie nicht alles Wissenswerte an mich weitergegeben; es gibt noch so vieles zu besprechen. Aber für heute reicht es mir.

♡♡♡

Während ich die Straße entlangschlendere, bemerke ich mein Spiegelbild in einem der Schaufenster und stutze. Hm! Jeans, ein einfaches T-Shirt, Sneakers, die Haare zum schlichten Pferdeschwanz gebunden. Wirklich keine besonders glamouröse Aufmachung. Ob man mich in diesem Aufzug ernst nehmen wird als Galeristin? Wohl kaum. Und mein Kleiderschrank gibt nicht viel Spektakuläres her. Außer einem Sommerkleid und zwei kurzen Röcken findet sich dort nichts anderes als praktische Alltagskleidung, geeignet für den Hörsaal, aber sicher nicht für eine angesagte Kunstgalerie.

Spontan ändere ich meine Pläne und steuere einen kleinen Laden an, der für preiswerte Second-Hand-Markenkleidung bekannt ist. Durch Onkel Harrys großzügiges Erbe verfüge ich unverhofft über genügend Bargeld, um mir ein paar schöne Dinge leisten zu können.

Die Boutique liegt versteckt in einem Hinterhof, doch das Sortiment ist exklusiv. Ich staune über das umfangreiche Angebot an eleganten Abendkleidern, schicken Kostümen, Hosenanzügen, Jacken, Mänteln und sogar Trachtenmoden. Selbst Handtaschen, Schals, Seidentücher und Schuhe stapeln sich in den Regalen. Begeistert probiere ich ein Teil nach dem anderen und entscheide mich schließlich für ein tiefblaues Armani-Kostüm in der Farbe meiner Augen, einen stylischen Hosenanzug von Bogner, ein auffälliges rotes Seidenkleid, das sich wie eine zweite Haut an meinen Körper schmiegt, zwei Paar Pumps und eine modische Handtasche. Zu guter Letzt überredet mich die Verkäuferin noch zum Kauf von drei weißen Spitzenblusen, die ihrer Meinung nach hervorragend zu Kostüm und Hosenanzug passen.

Mit vier Tüten beladen verlasse ich hochzufrieden die Boutique, folge abermals einer plötzlichen Eingebung und betrete den Friseursalon im Vorderhaus. Ich bin irgendwie in Stimmung, meinen Typ komplett zu verändern, die biedere Studentin soll in eine aparte Geschäftsfrau verwandelt werden.

Skeptisch betrachtet der Friseur meinen zusammengebundenen Schopf, löst die Spange und kommentiert trocken: »Ein Pferdeschwanz ist eine Frisur für ein Pony, nicht für eine schöne junge Frau!«

Voller Elan schreitet er zur Tat. Meine Zotteln weichen einer seidigen Mähne, die weich über meine Schultern fließt. Nach nur neunzig Minuten blickt mir eine völlig veränderte Frau aus dem Spiegel entgegen, und der Friseur ist außer sich vor Begeisterung über sein Werk und meine Verwandlung.

»Ein wenig Make-up würde Ihren aparten Typ noch mehr zur Geltung bringen. Nur ein Hauch Mascara und Lidschatten, etwas Rouge und Lipgloss, und Sie wären absolut unwiderstehlich«, meint er mit Kennermiene. Noch bevor ich zugestimmt habe, steht schon ein junges Mädchen mit einer riesigen Lackkassette neben mir. Einige Pinselstriche, ein wenig Farbe auf Wangen und Mund, und ich erkenne mich kaum wieder.

»Sensationell!« Darüber sind sich Meister und Azubi einig und beglückwünschen sich gegenseitig zu ihrer Leistung, die graue Maus in eine Femme fatale umgestylt zu haben.

Tatsächlich fühle ich mich wie neugeboren. Am liebsten würde ich auf der Stelle in Kostüm und Stilettos steigen, um diesen völlig neuen Stil auszukosten. Doch bevor ich mich hemmungslos dem ungewohnten Luxus hingebe, habe ich noch etwas zu erledigen.

Leise bimmelt die Türglocke, als ich das Antiquariat betrete. Es befindet sich nur eine Kundin im Laden, die in einer Bücherkiste wühlt und mich keines Blickes würdigt. Hinter dem altmodischen Ladentisch lehnt eine junge Frau, die gelangweilt in einem Magazin blättert.

»Hi, Karen!«, begrüße ich sie.

Sie hebt den Blick und starrt mich ungläubig an. Dann lacht sie: »Gina! Wie siehst du denn aus? Ich hab dich im ersten Augenblick gar nicht erkannt. Du hast dich ja völlig verändert. Aber nicht schlecht, das muss ich schon sagen. Was liegt an?«

Seit unserer gemeinsamen Schulzeit sind Karen und ich unzertrennlich; sie ist meine beste Freundin und das genaue Gegenteil von mir: wohlgerundet, ...

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