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Liebesintrige im Herrenhaus

1. KAPITEL

„Nein, nein und nein! Ich hätte diese Frau nicht um mich haben mögen. Hast du bemerkt, dass sie einen Schnurrbart hatte?“

James Greystone, zweiundsiebzig und nach einem schweren Herzinfarkt von den Ärzten vorläufig zu absoluter Ruhe und Schonung verdammt, saß in seinem Rollstuhl am Erkerfenster mit einem herrlichen Blick über die ausgedehnten Ländereien seines Anwesens. Er machte keinen Hehl aus seinem Entsetzen. „Die Frau wäre besser in einem Erziehungscamp aufgehoben! Eine Stimme wie ein Nebelhorn und eine Figur wie ein Sumo-Ringer!“

Nachdem er auf diese kategorische Weise auch die letzte in einer beachtlichen Reihe von Bewerberinnen abgetan hatte, sah er seinen Patensohn herausfordernd an, der seitlich von ihm lässig an der Wand lehnte.

Andreas Nicolaides seufzte und gesellte sich zu seinem Paten ans Fenster. Die abendliche Spätsommersonne verlieh der friedvollen, sanft hügeligen Landschaft eine Bilderbuchschönheit.

Nicht eine Sekunde vergaß Andreas, dass er all dies – die Ländereien, das prächtige Haus und jedes einzelne Privileg eines Lebensstils, den sein Vater sich in einer Million Jahren nicht hätte leisten können – einzig und allein dem alten Herrn verdankte, der neben ihm im Rollstuhl saß.

James Greystone hatte Andreas’ Vater als Chauffeur und „Mädchen für alles“ eingestellt – zu einer Zeit, in der es für einen Immigranten in England nicht leicht gewesen war, überhaupt Arbeit zu finden. Und er hatte auch Andreas’ Mutter aufgenommen, als sie ihrem Mann zwei Jahre später gefolgt war, und Arbeit für sie gefunden.

Da er selbst kinderlos war, hatte er Andreas, der kurz darauf geboren wurde, von Anfang an wie seinen eigenen Sohn behandelt. Er hatte ihn auf die besten Schulen geschickt, die seine bemerkenswerten Talente förderten. Als wäre es gestern gewesen, sah Andreas es vor sich, wie sein Vater genau in diesem Zimmer mit James konzentriert eine Partie Schach gespielt hatte, während der Kaffee in den Tassen neben ihnen kalt geworden war.

In der Tat verdankte Andreas dem alten Herrn so ziemlich alles. Seine Beziehung zu James Greystone war weit mehr als eine reine Pflichtübung. Andreas liebte seinen Paten aufrichtig, auch wenn dieser kauzig, exzentrisch und – wie jetzt gerade – wirklich ganz unmöglich sein konnte.

„Sie war die zweiundzwanzigste Bewerberin, die sich vorgestellt hat, James.“

Sein Pate brummte nur und schwieg störrisch, als seine treu sorgende Haushälterin Maria ihm das kleine Glas Portwein brachte, das ihm streng genommen nicht mehr erlaubt war.

„Ich weiß, es ist heutzutage fast unmöglich, noch gutes Personal zu bekommen“, erwiderte er dann.

Andreas bemühte sich, nicht auf den trockenen Humor seines Paten einzugehen. Denn James würde die kleinste Ermutigung von seiner Seite zum Anlass nehmen, die gesamte Bewerbungsauswahl zu kippen, weil es ihm ganz einfach nicht gefiel, dass er überhaupt eine Betreuerin brauchte. Er hasste auch den Rollstuhl, an den er fürs Erste gebunden war. So wie es ihm ganz allgemein schwerfiel, sich bei irgendetwas helfen zu lassen.

Kein anderer sollte das letzte Wort darüber haben, was er essen durfte und was nicht oder was er tun sollte und was nicht. Kurz gesagt, es fiel ihm schwer, sich mit der Tatsache abzufinden, dass er einen schweren Herzinfarkt erlitten hatte und für die nächste Zeit zu absoluter Schonung verdammt war.

Darum war er auch fest entschlossen, jeglichen Versuch zu torpedieren, ihm eine „persönliche Assistentin“ an die Seite zu stellen. Das Wort „Betreuerin“ kam ihm gar nicht erst über die Lippen.

In der Zwischenzeit lag Andreas’ eigenes Leben so ziemlich auf Eis. Wenn seine Anwesenheit im Londoner Büro dringend erforderlich war, flog er mit dem Privathubschrauber dorthin. Im Wesentlichen aber hatte er seinen Wohnsitz vorübergehend ins Herrenhaus verlegt und alle Arbeit mitgenommen.

Per E-Mail und Konferenzschaltung griff er vom Landgut seines Paten auf die weite Welt zu, anstatt sich wie sonst in London mitten im pulsierenden Zentrum des Geschehens zu bewegen.

„Bist du meiner Gesellschaft schon ein wenig überdrüssig, Andreas?“

„Ich bin es ein wenig überdrüssig, bei dir jedes Mal gegen eine Wand anzurennen, wenn sich eine neue Bewerberin für den Job vorstellt, James. Bisher reichten deine Einwände von ‚zu mickrig, um einen Rollstuhl zu schieben‘ über ‚nicht aufgeweckt genug‘ oder ‚zu aufgeweckt, weshalb sie sowieso bald wieder verschwindet‘ bis zu ‚war nicht mein Typ‘. Ach ja, nicht zu vergessen deine letzte Kritik: ‚hat einen Schnurrbart‘!“

„Du hast ein ausgezeichnetes Gedächtnis!“, rief James Greystone anerkennend aus. „Und nun begreifst du sicher auch, wie schwierig es für mich ist.“ Er nippte verstohlen an seinem Portwein, bevor er seinen Patensohn abwartend ansah.

„Die Lady mit dem Schnurrbart schien mir ganz geeignet“, resümierte dieser, scheinbar unbeeindruckt von den Einwänden des Kranken gegen die fünfundfünfzigjährige Ms Pearson. „Morgen stellen sich noch vier weitere vor, aber sie ist in der engeren Auswahl, ob es dir gefällt oder nicht.“ Andreas war sicher, dass die äußerst tüchtige Personalagentur früher oder später die Geduld verlieren würde. Dann wäre auch er mit seinem Latein am Ende.

Noch nie, nicht einmal im Urlaub, hatte er sich zwei ganze Wochen lang nicht in seinem Büro blicken lassen. Ein internationales Finanzimperium war kein Selbstläufer, sondern stellte im Gegenteil höchste Anforderungen an Talent und Arbeitsbereitschaft. Worüber sich Andreas noch nie beklagt hatte, denn beides war bei ihm schon in Schule und Studium in reichlichem Maß vorhanden gewesen.

Stolz hatte er nach dem Universitätsabschluss jegliche Hilfe durch seinen Paten abgelehnt und ganz allein in London Karriere gemacht. Nachdem er sich dort an der Börse in rasantem Tempo das nötige Startkapital verdient hatte, gründete er sein eigenes Unternehmen und schaffte es in nur zehn Jahren in die erste Liga.

Inzwischen gehörten ihm neben einem höchst profitablen Spezialverlag unter anderem eine Kette erstklassiger Boutique-Hotels über die ganze Welt verteilt, drei Medienunternehmen und eine Computerfirma, die äußerst gewinnbringend die grenzenlosen Möglichkeiten des Internets nutzte. Dank seiner klugen Führung galt er in Wirtschaftskreisen als praktisch unantastbar, ein Ruf, auf den er sehr stolz war.

Bei alledem hatte er nie vergessen, dass er das privilegierte Leben seiner Jugend der Großzügigkeit seines Paten verdankte, und schon früh beschlossen, sich sein eigenes privilegiertes Leben zu verdienen – was ihm auch gelungen war. Alles andere war diesem Ziel untergeordnet – einschließlich der Frauen. Was natürlich auch die Frau einschloss, mit der er sich gegenwärtig traf und die in jüngster Zeit eine Rolle in seinem Leben beanspruchte, die er ihr nicht zuzugestehen bereit war.

Tatsächlich brummte ihm heute Abend wirklich der Kopf, denn es beschäftigten ihn gleich drei Probleme. Die bevorstehende Übernahme einer kleinen, sehr vielversprechenden Firma aus der Pharmaforschung, womit er sich auf völlig neues Terrain wagte, die sture Weigerung seines Paten, sich dem Unvermeidlichen zu beugen, und irgendwo im Hinterkopf der Gedanke an Amanda Fellows, gegenwärtig „die Frau an seiner Seite“, deren wachsende Erwartungen ihn allmählich nervten.

„Du musst deine Anforderungen zurückschrauben“, verlangte er von seinem Paten. „Die perfekte Lösung wirst du niemals finden.“

„Und du solltest dir endlich eine gute Frau suchen“, entgegnete James unwirsch. „Wo wir schon dabei sind, uns gegenseitig Ratschläge zu erteilen.“

Andreas, der die direkte Art seines Paten kannte, lächelte. „Tatsächlich habe ich gegenwärtig eine tolle Frau im Schlepptau“, ging er gutmütig auf den Themenwechsel ein, weil James einen etwas abgespannten Eindruck machte.

„Das übliche dumme Blondchen?“

Immer noch lächelnd schwenkte Andreas den Wein in seinem Glas und sagte dann bewusst provokant: „Wer will schon eine Frau mit Verstand? Nach einem langen Arbeitstag will ich jedenfalls von einer Frau nur noch ein Wort hören: ‚Ja‘.“

Womit er James das Stichwort zu einer seiner liebsten Gardinenpredigten lieferte. Gerade war er bei dem unvermeidlichen „Du musst endlich eine Familie gründen, Junge“ angelangt, als es an der Haustür läutete.

Und anders als in einem normalen Haus hallte die Türglocke des Herrenhauses wie eine Kirchenglocke in den weitläufigen Flügeln des Gebäudes wider.

Draußen vor der massiven Eingangstür gelangte Elizabeth zu dem Schluss, dass diese imposante Türglocke perfekt zu dem herrschaftlichen Haus passte. Weshalb sie aber trotzdem erschrocken zusammenzuckte.

Sie hatte ihren ganzen Mut zusammennehmen müssen, um diesen Besuch überhaupt zu wagen. Das Taxi, das sie sich eigentlich gar nicht leisten konnte, hatte sie vor dem beeindruckenden, aber sehr abgeschiedenen Herrenhaus abgesetzt und war postwendend wieder in Richtung Zivilisation verschwunden. Also stand sie nun hier draußen, ohne zu wissen, was sie tun sollte, falls niemand zu Hause war.

Und das war nur eines von vielen Dingen, die sie nicht bedacht hatte. Tatsächlich gab es so viele „Was wäre, wenn?“, dass sie sich zwingen musste, ganz ruhig durchzuatmen, weil ihr vor Nervosität die Knie zitterten.

Noch bevor sie richtig darauf gefasst war, ging die Tür auf. Elizabeth sah sich einer schmächtigen Frau von Anfang sechzig gegenüber, die das dunkle Haar zu einem strengen Knoten frisiert trug und Elizabeth scharf und forschend ansah.

„Ja?“, fragte die ältere Frau.

Elizabeth schluckte. Sie hatte sich mit ihrem Aussehen besondere Mühe gegeben und trug ein geblümtes Sommerkleid, dazu ihre Lieblingsstrickjacke in einem schmeichelnden Pfirsichton und flache Sandaletten. Ihre lange rotbraune Lockenmähne ließ sich nur schwer bändigen, aber sie hatte es wenigstens versucht und das Haar zu einem dicken Zopf geflochten, der ihr fast bis zur Taille reichte.

Doch obwohl sie wusste, dass sie wirklich vorzeigbar aussah, half das nichts gegen ihre Unsicherheit. Sie war in diesem Moment genauso nervös wie vor zwei Monaten, als sie den Entschluss gefasst hatte, hierherzukommen.

„Ich … ich würde gern Mr Greystone sprechen.“

„Haben Sie einen Termin?“

„Nein, leider nicht. Wenn es jetzt ungelegen ist, könnte ich natürlich wiederkommen …“ Ein paar Meilen entfernt war ihr eine Bushaltestelle aufgefallen. Nervös zupfte sie am Lederriemen ihrer Schultertasche.

„Hat die Agentur Sie geschickt?“

Verständnislos sah Elizabeth die kleine Frau vor ihr an. Welche Agentur? Und weshalb geschickt? Sie wusste einfach viel zu wenig über James Greystone. Die spärlichen Informationen, die sie besaß, stammten aus dem Internet und beschränkten sich im Wesentlichen darauf, wie er aussah, wie alt er war und dass er wohlhabend war.

Obwohl ihr erst beim Anblick seines Landsitzes bewusst geworden war, wie reich er wirklich war. Sie wusste, dass er sich inzwischen aus dem höchst lukrativen Bauunternehmen, das schon sein Großvater gegründet hatte, zurückgezogen hatte und als Einsiedler galt. Tatsächlich fand sich trotz seines immensen Vermögens so bemerkenswert wenig über ihn, dass Elizabeth nur annehmen konnte, er habe sich von jeher ganz bewusst dem Licht der Öffentlichkeit entzogen.

„Ich … äh …“, entgegnete sie deshalb zögernd, weil sie keine Ahnung hatte, was die Frau von ihr hören wollte. Doch der schien es zu genügen, denn sie öffnete die Tür weit. Elizabeth betrat eine Eingangshalle, deren Anblick ihr den Atem raubte.

Einen Moment stand sie einfach nur da und blickte sich staunend um. Einen Teil des Bodens aus schönen, alten Steinfliesen bedeckte ein kostbarer alter Perserteppich. Dem Eingang direkt gegenüber stieg eine wahrhaft majestätische Treppe empor, die sich auf dem ersten Absatz in entgegengesetzte Richtungen teilte. An den Wänden hingen zu beiden Seiten traditionelle Landschaften in Öl in schweren, vergoldeten Rahmen, vermutlich genauso alt und wertvoll wie alles andere hier.

Dies war eins jener Häuser, die nicht bloß Zimmer hatten, sondern Flügel.

Wie war sie nur auf den Gedanken gekommen, der beste Weg wäre die direkte Konfrontation? Warum hatte sie nicht erst einmal einen Brief geschrieben, wie es jeder normale Mensch in ihrer Lage getan hätte?

Der erwartungsvolle Blick der Haushälterin holte Elizabeth in die Wirklichkeit zurück.

„Mr Greystone trinkt gerade Kaffee in der Bibliothek. Wenn Sie einen Moment warten, melde ich Sie an. Ihr Name?“

Elizabeth räusperte sich. „Miss Jones. Elizabeth Jones. Meine Freunde nennen mich Lizzy.“

Nach genau drei Minuten und fünfundvierzig Sekunden, in denen sie alle paar Sekunden auf die Uhr gesehen hatte, kehrte die Haushälterin zurück und bat Elizabeth, ihr in die Bibliothek zu folgen. Auf dem Weg kamen sie an so vielen Räumen vorbei, dass Elizabeth völlig die Orientierung verlor.

Als die Haushälterin ihr schließlich die Tür zur Bibliothek öffnete, um sich dann diskret zurückzuziehen, sah sich Elizabeth nicht nur James Greystone gegenüber, sondern einem weiteren Mann, der mit dem Rücken zu ihr vor einem der hohen Fenster stand, die auf den parkähnlichen Garten hinausgingen.

Es verschlug ihr buchstäblich den Atem, als er sich nun langsam zu ihr umdrehte und sie ansah. Für einen Moment vergaß sie komplett den eigentlichen Grund ihres Besuchs, vergaß, dass James Greystone nur wenige Meter von ihr entfernt saß, ja, vergaß sogar ihre Nervosität.

Im sanften goldenen Licht der Abendsonne stand ein Bild von einem Mann: groß, schlank und durchtrainiert, in Jeans und einem sportlichen, kurzärmeligen Hemd. Er sah nicht englisch aus, sondern musste etwas Südländisches in seinen Genen haben, denn sein Teint war gebräunt, die Augen dunkel und unergründlich und das Haar tiefschwarz. Die markanten Züge wirkten zugleich schön, unnahbar und unwiderstehlich anziehend.

Erst nach einem Moment begriff Elizabeth, dass er sie genauso forschend begutachtete wie sie ihn – während James Greystone sie beide interessiert beobachtete.

„Miss Jones? Ich kann mich nicht erinnern, Ihren Namen auf der Liste der Agentur gelesen zu haben. Aber diese Büros sind heutzutage ja so unzuverlässig! Es würde mich nicht wundern, wenn man Ihren Namen tatsächlich vergessen hätte.“

Obwohl ihre Gefühle mit ihr Achterbahn fuhren, zwang sich Elizabeth, den Blick von dem Mann am Fenster zu lösen und sich dem eigentlichen Grund für ihren Besuch zuzuwenden. James Greystone, der sie so geradeheraus angesprochen hatte, war mit seinem dichten weißgrauen Haarschopf und den scharf blickenden blauen Augen eine beeindruckende Persönlichkeit.

Betroffen nahm Elizabeth zur Kenntnis, dass er im Rollstuhl saß. Bestand da vielleicht ein Zusammenhang mit dieser ominösen „Agentur“? Zu ihrem Entsetzen waren all die schönen Worte, die sie sich so sorgfältig zurechtgelegt hatte, urplötzlich wie aus ihrem Kopf gelöscht. Nein, so hatte sie sich die erste Begegnung mit ihm nicht vorgestellt … dass sie wie ein Dummchen dastehen und kein Wort über die Lippen bringen würde!

„Ihr Lebenslauf? Haben Sie den zur Hand?“ Andreas ergriff kurz entschlossen die Initiative. Diese für heute vermutlich letzte Kandidatin der Agentur schien wirklich nicht die Hellste zu sein. Liebe Güte, die Wangen hochrot, brachte sie kein Wort heraus und klammerte sich an ihre Handtasche wie an eine Rettungsleine!

„Gib dem Mädchen doch eine Chance, etwas zu sagen, Andreas! Dieser anmaßende Bursche ist übrigens mein Patensohn. Sie dürfen ihn getrost ignorieren.“

Ihn ignorieren? Wie sollte sie denn das anstellen? Ein hoffnungsloses Unterfangen! Dennoch wandte sich Elizabeth resolut von ihm ab und ging zögernd auf den Hausherrn im Rollstuhl zu.

„Es tut mir leid. Ich … habe leider keinen Lebenslauf mitgebracht.“ Sie ging neben dem Rollstuhl in die Knie, sodass sie auf Augenhöhe mit James Greystone war, dessen Gesicht eine beeindruckende Autorität ausstrahlte. „Sie sitzen im Rollstuhl. Darf ich fragen, warum?“

Im ersten Moment herrschte verblüfftes Schweigen. Dann brach James Greystone in schallendes Gelächter aus. „Na, Sie nehmen wirklich kein Blatt vor den Mund! Stehen Sie auf, Mädchen!“ Er musterte sie von Kopf bis Fuß wie ein Pferdezüchter einen möglichen Neuerwerb auf der Auktion … und hatte Elizabeths Herz bereits im Sturm erobert.

„Verzeihen Sie“, flüsterte sie befangen. „Sie müssen mich natürlich für sehr unhöflich halten, aber meine Mutter war in den letzten beiden Jahren sehr krank und hat sehr damit gehadert.“

„Tut mir leid, wenn ich störe …“, mischte sich Andreas kühl aus dem Hintergrund ein. Er trat zu ihnen und blieb hinter dem Rollstuhl stehen, um Elizabeth prüfend zu betrachten. „Aber was genau hat Ihnen die Agentur eigentlich an Informationen mitgegeben, Miss …“

„Jones, Elizabeth.“ Obwohl sie dem Wesen nach eher sanftmütig war, fühlte sie leisen Ärger in sich aufsteigen, weil er ihren Namen sehr wohl von der Haushälterin wusste. Aber er besaß anscheinend einen übertrieben ausgeprägten Beschützerinstinkt in Bezug auf seinen Paten und war gleichzeitig so arrogant, keinen Hehl daraus zu machen, wie wenig er von ihr hielt. „Ich bin nicht über die Agentur hergekommen“, erklärte sie.

„Dachte ich’s mir. Sie haben irgendwie über Mund-zu-Mund-Propaganda von dem Job erfahren und wollten versuchen, ob Sie nicht einfach ohne umständliche Terminabsprache ein Vorstellungsgespräch ergattern können. Habe ich recht?“

Er sah sie betont missbilligend an und beobachtete fasziniert, wie sie erneut errötete, ganz die Unschuld vom Lande, die überzeugend den Eindruck vermittelte, „doch nur helfen zu wollen“. Aber Andreas wollte kein Risiko eingehen. James war ein reicher Mann, und reiche Männer zogen Goldgräber an.

Die Kandidatinnen, die ihnen über die Agentur vermittelt wurden, waren wenigstens auf Andreas’ ausdrücklichen Wunsch hin einem strengen Hintergrund-Check unterzogen worden.

„Andreas! Hör auf, die arme Kleine so einzuschüchtern!“

Typisch James! An nicht einer einzigen der handverlesenen, hoch qualifizierten Kandidatinnen hatte er bisher ein gutes Haar gelassen, aber ausgerechnet auf die, die aus dem Nichts und ohne Empfehlung bei ihm hereinschneite, fiel er herein!

„Ich schüchtere sie nicht ein, sondern versuche nur, ihre Referenzen zu ermitteln.“

„Geh mir doch los mit deinen Referenzen! Sie hat wenigstens keinen Schnurrbart!“

Elizabeth musste lachen, verstummte aber im nächsten Moment, als sie Andreas’ vernichtender Blick traf.

„Und sie hat Sinn für Humor, wohingegen du deinen gänzlich zu verlieren scheinst. Mir gefällt sie. Von den anderen mochte ich keine.“

„Sei vernünftig, James.“

„Tatsächlich fühle ich mich plötzlich etwas schwach, Andreas.“ Er manövrierte den Rollstuhl herum, sodass er Elizabeth direkt ins Gesicht blickte. „Sie sind eingestellt. Wann können Sie anfangen?“

„James!“

„Vergiss nicht, was der Arzt bezüglich Stress gesagt hat, Andreas. Deine wenig hilfreiche Einstellung stresst mich im Moment ungemein. Ich glaube, ich sollte mich jetzt besser hinlegen. Mein Kind, ich wäre hocherfreut, wenn Sie mein Angebot annehmen würden. Wissen Sie, ich habe eine schreckliche Zeit hinter mir. Zuerst der schwere Herzinfarkt und dann die vergeblichen Bemühungen, eine geeignete persönliche Assistentin zu finden, um meinem Patensohn die Last abzunehmen, sich um mich zu kümmern.“

Belustigt registrierte Elizabeth, wie geschickt der alte Herr es schaffte, seinen Patensohn in ein schlechtes Licht zu stellen. „Natürlich … nehme ich Ihr Angebot an“, antwortete sie scheu, woraufhin James Greystone zu ihrer Freude ehrlich erleichtert wirkte.

„Gut. Um die langweiligen Einzelheiten wird sich Andreas kümmern, und ich sehe Sie dann sehr bald. Sie haben einen schwachen, alten Mann sehr glücklich gemacht, mein Kind.“

Entgegen seiner behaupteten Schwäche rollte er sich erstaunlich kraftvoll aus dem Zimmer. Draußen hörte Elizabeth ihn im Befehlston nach Maria rufen, worauf sofort das Geräusch eiliger Schritte erklang.

Langsam und widerstrebend drehte sie sich zu Andreas um, den sie während ihres Gesprächs mit James Greystone bewusst ignoriert hatte. Und erneut raubte ihr seine umwerfend männliche Ausstrahlung den Atem.

„Glückwunsch. Sie haben also den Job.“

Er umkreiste sie langsam und mit der kraftvollen Anmut einer Raubkatze, die sich anschleicht, bevor sie zuschlägt. Elizabeth schluckte nervös und zuckte erschrocken zusammen, als er urplötzlich direkt vor ihr stehen blieb.

Jetzt beginnt Ihr Vorstellungsgespräch. Mit meinem Paten mögen Sie ein leichtes Spiel gehabt haben, aber bei mir können Sie nicht damit rechnen, das verspreche ich Ihnen. Folgen Sie mir.“

Ohne sich darum zu kümmern, ob sie es tat, verließ er das Zimmer. Elizabeth blieb gar keine andere Wahl, als ihm zu folgen.

„Gut.“ Sobald sie im Salon angekommen waren, einem eleganten Raum mit hohen Fenstern und einem großen, offenen Marmorkamin, wandte er sich ihr wieder zu. „Setzen Sie sich.“

„Ich wünschte, Sie würden aufhören, mir Befehle zu erteilen, Mr …“

„Andreas. Sie sollten sich den Namen merken.“

„Hören Sie, ich werde Ihre Fragen gern beantworten.“ In gewissen Grenzen fügte sie insgeheim ein wenig schuldbewusst hinzu. „Ich bin nicht hergekommen, um Schwierigkeiten zu bereiten.“

„Gut, dann sollten wir ja bestens miteinander klarkommen. Sollte ich jedoch feststellen, dass Sie nicht sind, wofür Sie sich ausgeben, werde ich persönlich dafür sorgen, dass Sie Ihres Lebens nicht mehr froh werden.“

„Wie können Sie so etwas Unangenehmes sagen!“

„Betrachten Sie mich als unangenehmen Menschen.“

„Haben Sie so alle Bewerberinnen für diesen Job verschreckt? Indem Sie sie bedroht haben?“

„All die anderen Bewerberinnen sind über den normalen Bewerbungsweg hierhergekommen. Die Agentur hat sie auf Herz und Nieren geprüft, und sie hatten einen Stapel von Zeugnissen und Referenzen im Gepäck. Sie dagegen tauchen hier wie aus dem Nichts auf, haben nicht einmal einen Lebenslauf dabei und vermutlich auch hinsichtlich Zeugnissen und Referenzen eher wenig zu bieten. Aber korrigieren Sie mich, sollte ich mich irren.“

Ein Mann wie dieser war Elizabeth noch nie begegnet. Rein äußerlich bot er wirklich eine imposante Erscheinung, die sich aus jeder Menge hervorheben würde. Ob das der Ursprung seiner ebenso bemerkenswerten Arroganz war? Gewohnt, nur mit den Fingern zu schnippen und Befehle zu erteilen, hielt er es unverkennbar nicht für nötig, sich mit gewöhnlichen Höflichkeitsfloskeln aufzuhalten. Während sie registrierte, wie offen argwöhnisch er sie in diesem Augenblick begutachtete, kam sie zu dem Schluss, dass sie ihn überhaupt nicht leiden konnte.

Doch sie war entschlossen, sich nicht von ihm abschrecken zu lassen. Nachdem es sie so viel Überwindung gekostet hatte, überhaupt hierherzukommen und der Zufall ihr Eintritt verschafft hatte, würde sie sich nicht einschüchtern und wieder vertreiben lassen.

„Nun? Wie steht’s also mit Zeugnissen? Haben Sie welche vorzuweisen?“ Andreas kam näher und setzte sich neben sie auf das Sofa.

Elizabeth räusperte sich. „Ich bin ausgebildete Sekretärin. Mein Chef Mr Riggs wird mir gern eine sehr gute Empfehlung schreiben.“

„Und Ihre Arbeitsstelle ist wo genau?“

„In West London.“

„Name der Firma?“

Ein wenig umständlich erzählte sie ihm, welche Aufgaben sie bei Riggs & Son, einer kleinen Anwaltskanzlei unweit des Flughafens, erfüllte. Nach wenigen Minuten unterbrach Andreas sie ungeduldig.

„Keine komplette Firmengeschichte, bitte. Warum aber sollten Sie einen bequemen Bürojob aufgeben, um als Betreuerin für einen älteren Herrn zu arbeiten?“

Eine gute Frage, auf die Elizabeth so schnell keine Antwort fand, weshalb sie etwas von dem „Wunsch nach Veränderung“ murmelte.

„Laut und deutlich, bitte“, ermahnte Andreas sie scharf. „Ich habe kein Wort verstanden.“

„Weil Sie mich nervös machen!“

„Sehr gut. Und jetzt erklären Sie mir bitte verständlich, was Sie davon haben, diese Stelle anzunehmen.“

„Ich … habe ein Talent, mich um andere Menschen zu kümmern.“

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