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Liebesglut in Mexiko – mit dem Chef?

Red Garnier

Liebesglut in Mexiko – mit dem Chef?

1. KAPITEL

Es war so weit: Sie würde ihn bitten.

Virginia erschauerte. Wie zum Schutz schlang sie sich die Arme um den Oberkörper und richtete ihren Blick aus dem Fenster der glänzend schwarzen Limousine, die fast geräuschlos durch die dunklen Straßen von Chicago glitt. Draußen eilten Menschen die Gehwege entlang, die Hände tief in die Taschen vergraben, den Kopf gesenkt, um sich vor dem beißenden Wind zu schützen. Einige telefonierten mit dem Handy, andere kämpften mit ihren Einkaufstaschen. Auf den ersten Blick sah alles so aus wie immer. Als wäre heute ein ganz normaler Abend.

Dabei war an diesem Tag rein gar nichts normal. Denn die Welt, wie Virginia sie kannte, hatte heute aufgehört zu existieren.

Schuld daran waren die Männer, die früh am Morgen an ihre Tür geklopft und ihr eine Botschaft überbracht hatten.

Virginia atmete tief durch und warf einen Blick auf ihr schlichtes schwarzes Kleid und die High Heels. Heute Abend musste sie einfach gut aussehen – nein, nicht einfach gut: kultiviert und elegant. Denn der Gefallen, um den sie bitten wollte, war alles Mögliche, aber ganz bestimmt nicht kultiviert oder elegant.

Und zu allem Überfluss gab es nur einen einzigen Menschen, den sie fragen konnte: ihn. Bei dem bloßen Gedanken, sich derart vor ihm zu erniedrigen, krampfte sich ihr Magen schmerzhaft zusammen.

Nervös zupfte sie an ihrer Perlenkette herum und versuchte, sich wieder auf die Szenen zu konzentrieren, die an den Fenstern vorbeiglitten. Die Perlen, die kühl und glatt durch ihre Finger glitten, waren das Einzige, das sie aus dem Erbe ihrer Mutter hatte retten können.

Alles andere hatte ihr Vater verloren.

Wette für Wette, Spiel für Spiel, hatte er Autos, Antiquitäten, ihr Haus verscherbelt. Und Virginia hatte in einer kaum erträglichen Mischung aus Hilflosigkeit und Zorn zusehen müssen, wie er ihre Familie in den Ruin trieb.

Sicher, sie hatte ihm gedroht, ihn angeschrien, ihn angebettelt, doch jeder Versuch war ergebnislos geblieben.

Es gab keine Möglichkeit, ihn aufzuhalten. Die Spielsucht hatte ihn fest in ihren gierigen Klauen.

Und nun hatte er alles verloren.

Alles bis auf seine Tochter.

Sie konnte die Männer und ihre Drohung nicht einfach ignorieren. Ganz gleich, wie sehr sie ihren Vater für sein Verhalten verachtete, ganz gleich, wie oft sie schon beschlossen hatte, niemals wieder ein Wort mit ihm zu reden – er war und blieb ihr Vater. Die einzige Familie, die sie noch hatte.

Vor langer Zeit war er ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen. Man hatte ihn respektiert, ja sogar bewundert! Unfassbar, was aus ihm geworden war.

Virginia hatte keine Ahnung, wie hoch seine Schulden wirklich waren, und sie hatte den Verdacht, dass das auch besser so war. Im Augenblick zählte sowieso nichts weiter als der Deal, den sie an diesem Morgen mit den drei Fremden eingegangen war. Sie hatte einen Monat, um einhunderttausend Dollar aufzutreiben. Während dieser Frist würden die Geldeintreiber ihren Vater in Frieden lassen.

Selbst in ihren wildesten Träumen konnte sie sich nicht vorstellen, in so kurzer Zeit einen so hohen Betrag aufzubringen. Doch es gab jemanden, der es konnte: Marcos Allende.

Bei dem Gedanken an ihn stellten sich die Härchen auf ihren Unterarmen auf. Marcos. Ihr Boss. Der Mann ihrer geheimsten Träume. Es hieß, dass er ein fast schon magisches Talent hätte, alles, was er berührte, in Gold zu verwandeln. Sie war seit einem Jahr seine Assistentin – eine von dreien übrigens, denn alleine wäre es niemals möglich gewesen, all die Arbeit zu bewältigen –, und schon nach dieser kurzen Zeit neigte sie dazu, den Gerüchten zuzustimmen.

Marcos Allende war ein wandelnder Widerspruch.

Einerseits war er verwegen, skrupellos und stolz. Ganz auf sich gestellt, hatte er Unternehmen, die in Schwierigkeiten steckten, aufgespürt, aufgekauft und saniert und damit ein gigantisches, milliardenschweres Imperium geschaffen. Während seine Untergebenen ihn zutiefst verehrten, fürchteten seine Feinde ihn wie den Teufel höchstpersönlich. Und über die Gefühle, die er in ihr auslöste, wollte sie gar nicht erst nachdenken.

Morgen für Morgen musterte er sie mit seinem dunklen, fesselnden Blick, und die Leidenschaft, die in seinen schwarzen Augen lag, brachte sie jedes Mal wieder aus dem Konzept. Morgen für Morgen versuchte sie, sich professionell zu verhalten, seinem Blick auszuweichen, Marcos nichts weiter als ein kühles, sachliches Lächeln zuzuwerfen. Doch seine Blicke schienen bis tief in ihre Seele zu reichen und dort jenes geheime Verlangen aufzuspüren, das sie so verzweifelt zu verbergen suchte. Aber heute Abend traf sie ihn aus einem ganz anderen Grund, einem Grund, der sie möglicherweise ihren Job kosten würde.

Zwar hatte sie Marcos stets als ausgeglichenen, überlegten Menschen kennengelernt, doch es hieß, dass er ausgesprochen temperamentvoll werden konnte, wenn man ihn provozierte. Mühsam unterdrückte Virginia ihre Panik. Hoffentlich gab sie ihm keinen Grund, ihr seine andere Seite zu zeigen.

Als der Wagen in die breite Einfahrt vor dem luxuriösen Apartmenthaus an der viel befahrenen Michigan Avenue einbog, in dem Marcos lebte, wurde ihr beinahe übel. Ein uniformierter Portier hielt ihr mit einer knappen Verbeugung die Tür auf.

Sie murmelte ein schnelles „Danke“ und stieg aus. Als sie an dem imposanten Gebäude emporblickte, straffte sie unwillkürlich die Schultern und atmete ein letztes Mal tief durch, ehe sie die Lobby betrat.

Ein weiterer Portier führte sie zum Aufzug und versicherte ihr, dass Mr Allende bereits auf sie warten würde. Dann schaltete er die Tastatur in der Kabine mit einer Keycard frei und drückte auf das P, das über den übrigen Zahlen thronte. „Einen schönen Abend noch, Madam“, schloss er, dann trat er zurück, und die Türen glitten zu.

Nervös musterte Virginia sich in den Wandspiegeln.

Bitte, bitte, lass ihn mir helfen. Ich würde alles tun. Wirklich alles!

Sekunden später öffneten sich die Türen wieder und gaben den Blick auf das Penthouse frei. Der gigantische Hauptraum war mit schwarzem Granit ausgelegt, der im Dämmerlicht einladend schimmerte. Sorgfältig ausgewählte exquisite Möbel verliehen Marcos’ Zuhause ein einladendes Flair.

Zögernd trat Virginia aus dem Lift und sah sich um. Der Eingang wurde von zwei eleganten Skulpturen flankiert, und am Ende des langen Flurs zu ihrer Rechten hing ein riesiges Ölgemälde, das von dynamischen schwarzen Linien beherrscht wurde. Vor ihr öffnete sich ein großzügiges Wohnzimmer mit hoher Decke. Marcos stand mit dem Rücken zu ihr an der Bar am anderen Ende des Raums, so elegant und reglos, als wäre er selbst eine Skulptur, und sah aus dem Fenster.

Mit klopfendem Herzen ging Virginia einige Schritte auf ihn zu. Nur das Geräusch ihrer Absätze auf dem polierten Boden durchbrach die Stille.

„Ich hoffe, Sie hatten eine gute Fahrt.“

Beim weichen, warmen Klang seiner Stimme erschauerte sie wohlig. Marcos sprach so sanft, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun. Doch die knisternde Energie, die ihn zu umgeben schien, strafte seine Stimme lügen.

„Ja, sicher. Vielen Dank, dass Sie mir den Wagen geschickt haben. Und natürlich dafür, dass Sie sich so kurzfristig Zeit für mich genommen haben“, erwiderte sie mit gespielter Ruhe. Sie kam näher, doch Marcos wandte ihr noch immer den Rücken zu. Ein Teil von ihr fürchtete den Augenblick, in dem er sich zu ihr umdrehen, ihr einen dieser Blicke zuwerfen würde, die sie jedes Mal trafen wie ein Pfeil ins Herz.

Doch sie war hier, in seiner Wohnung, um den Mann, der Nacht für Nacht in ihren Träumen auftauchte, um einen Gefallen zu bitten.

So viele Jahre lang hatte sie versucht, sich ein sicheres, solides Leben aufzubauen, sich an die Regeln zu halten und jeder Art von Ärger aus dem Weg zu gehen. Und all das musste sie nun aufs Spiel setzen, wenn sie ihren Vater retten wollte.

Sie hätte schwören können, dass Marcos ihre Gedanken lesen konnte, denn im nächsten Moment fragte er leise: „Stecken Sie in Schwierigkeiten, Virginia?“

Sie schluckte und musterte seine breiten Schultern. „Ich befürchte ja.“

„Und nun sind Sie gekommen, um mich um Hilfe zu bitten?“

Ihr schnürte sich die Kehle zusammen, nur mit Mühe konnte sie sprechen. „Ja. Bitte helfen Sie mir, Marcos.“

Als er sich umdrehte, zuckte sie unter seinem dunklen Blick zusammen. „Wie viel brauchen Sie?“, fragte er nüchtern.

Seine maskulinen Gesichtszüge, seine verwegene Ausstrahlung, sein leichter spanischer Akzent ließen ihr Herz schneller klopfen. Marcos Allende war gefährlich, und das machte ihn umso attraktiver. Die gebräunte Haut, die raubkatzenhafte Eleganz seiner Bewegungen, seine Körpergröße, all das zusammen ergab ein Bild vollkommener Männlichkeit.

Sein eindringlicher Blick glitt so langsam über sie, dass sie es kaum ertragen konnte. Stolz hob sie das Kinn und verbarg ihre zitternden Hände hinter ihrem Rücken. „Ich … mir ist natürlich klar, dass Sie eine Gegenleistung erwarten. Selbstverständlich werde ich meine Schulden abarbeiten.“

Durch seine schwarzen Wimpern hindurch musterte er ihre Lippen. „Sie sehen heute Abend sehr gut aus, Virginia.“

Der sinnliche Unterton in seiner Stimme erregte sie. „Ich versuche …“ Sie hielt inne und nahm all ihren Mut zusammen. „Ich brauche einhunderttausend Dollar. Können Sie mir helfen?“ Sie schloss die Augen und senkte den Kopf. Es war so erniedrigend, so schmerzhaft, ausgerechnet ihn um Geld bitten zu müssen.

„Das ist alles, was Sie brauchen?“, fragte er mit weicher Stimme. Als wäre das nichts, eine Summe, die er aus der Portokasse bezahlen würde. Aber für ihn, den Milliardär, war vermutlich genau das der Fall.

Als sie nicht antwortete, fuhr er fort: „Würden Sie mir verraten, wofür Sie das Geld brauchen?“

Sie blickte ihn kurz an und schüttelte kaum spürbar den Kopf. Noch mehr Erniedrigung konnte sie in diesem Augenblick wirklich nicht ertragen.

Marcos’ Mundwinkel zuckten, und in seinen Augenwinkeln bildeten sich winzige Lachfältchen, sodass er plötzlich viel weniger bedrohlich wirkte. „Sie wollen es mir nicht verraten?“, sagte er herausfordernd.

„Wenn Sie nichts dagegen haben“, murmelte sie. Als sein Blick ihre Beine hinabglitt, zog sie den Saum ihres kurzen Kleids tiefer. „Marcos, bitte sagen Sie mir, was ich tun kann, um meine Schulden abzuarbeiten.“ Sie brachte die Summe nicht einmal über die Lippen, so hoch erschien sie ihr.

Marcos lachte auf. Hatte sie ihn jemals lachen hören? Dann stellte er sein Glas auf dem Bartresen ab und wies auf eine gemütliche Sitzgruppe aus schwarzem Leder. „Nehmen Sie Platz.“

Virginia setzte sich. Kerzengerade saß sie auf dem äußersten Rand des Sofas und beobachtete, wie Marcos den Raum durchquerte. Wie konnte sich ein so großer Mann mit solcher Anmut bewegen? Wie konnte er …

„Wein?“

„Nein, danke.“

Dennoch schenkte er auch für sie ein Glas ein und reichte es ihr.

„Trinken Sie.“

Virginia ergriff das langstielige Glas und konzentrierte sich auf die Skulpturen neben dem Lift, während sie verzweifelt versuchte, sich nicht von Marcos’ betörend männlichem Duft verwirren zu lassen. Mit angehaltenem Atem wartete sie ab, bis Marcos sich auf das Sofa ihr gegenüber gesetzt hatte.

Als er lässig seine Arme über die Lehne legte, schien das wuchtige Designerstück kleiner zu werden. Es war, als würde Marcos mit seiner imposanten Gestalt den ganzen Raum beherrschen. Unter seinem Jackett trug er ein Hemd, dessen oberste Knöpfe geöffnet waren und den Blick auf ein Stück gebräunte, glatte Haut und ein schimmerndes Goldkreuz freigaben.

Was hätte sie dafür gegeben, ihn zu berühren, herauszufinden, wie sich seine bronzefarbene Haut wohl unter ihren Fingern anfühlen mochte.

Als sie seinen prüfenden Blick bemerkte, hob sie das Kinn und warf ihm ein Lächeln zu.

Marcos wies auf ihr Glas. „Sie trinken ja gar nicht.“

Virginia zuckte zusammen, dann trank sie gehorsam einen Schluck. „Er ist gut … sehr weich …“

„Virginia, ich beiße nicht.“

Fast hätte sie sich verschluckt. Sie blinzelte irritiert, dann bemerkte sie sein amüsiertes Lächeln und entspannte sich ein wenig.

„Ich verstehe, wie schwierig diese Situation für Sie ist“, fuhr er fort. In seinen dunklen Augen lag ein warmer Ausdruck.

„Danke.“ Er hatte ja keine Ahnung.

Nachdem auch er einige Schlucke getrunken hatte, stellte Marcos sein Glas ab, verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich bequem zurück. „Sie vertrauen mir nicht, oder?“

Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus. Ihm vertrauen?! Sie respektierte ihn, bewunderte ihn, ja sie betete ihn an, aber sie hatte auch Angst vor ihm und seiner Macht.

Darüber, ob sie ihm vertraute, hatte sie noch nie nachgedacht. Allerdings hatte sie schon oft beobachten können, wie er die Angestellten seines Unternehmens Fintech mutig und entschlossen wie ein Löwe beschützte und verteidigte. Als Lindsay, Assistentin Nummer zwei, Zwillinge zur Welt gebracht und vor Überlastung am Boden zerstört gewesen war, hatte er ein Kindermädchen für sie eingestellt und Lindsay gemeinsam mit ihrem Mann in die zweiten Flitterwochen nach Hawaii geschickt.

Und nachdem Mrs Fullers Ehemann verstorben war, hatte er alles dafür getan, ihr die schwere Zeit zu erleichtern und für sie und ihre Familie da zu sein.

Ganz gleich, wie erniedrigend ihre Situation auch sein mochte: Marcos war wie ein Fels in der Brandung. Virginia sah ihm fest in die Augen und erwiderte: „Ich traue Ihnen mehr als irgendjemandem sonst.“

In seinem Gesicht spiegelte sich Überraschung wider. Nachdenklich rieb er sich das Kinn. „Und trotzdem wollen Sie mir nicht verraten, was Sie so bedrückt?“

Der Gedanke, dass ein Mann wie er erfahren könnte, in was für beschämenden Schwierigkeiten sie steckte, ließ sie verlegen zu Boden blicken. „Wenn das der einzige Weg ist, Sie davon zu überzeugen, mir zu helfen, werde ich es Ihnen erzählen.“

Marcos erhob sich und kam zu ihr herüber. Vorsichtig nahm er ihr das Glas aus den Händen. „Kommen Sie mit.“

Es war unmöglich, in diesem Mann zu lesen. Was mochte er vorhaben? Nervös lief Virginia neben ihm den langen Flur entlang. Dass er sie trotz ihrer hohen Absätze fast um einen ganzen Kopf überragte, trug nicht unbedingt dazu bei, sie zu beruhigen.

Außerdem war sie sich zunehmend unsicher, ob es nicht ein Fehler war, ihm so blind zu vertrauen.

Währenddessen spürte sie ununterbrochen Marcos’ raubtierhaften Blick auf sich ruhen. Wohin brachte er sie nur? Errötend versuchte sie, die Bilder von einem luxuriösen Schlafzimmer aus ihrem Kopf zu vertreiben.

Als Marcos die Tür am Ende des Ganges für sie öffnete, betrat Virginia mit klopfendem Herzen den dunklen Raum.

„Ihr Home Office?“

„Richtig.“

Dann schaltete er die Deckenlampe ein, und warmes Licht flutete den Raum. Drei der vier Wände waren vom Boden bis zur Decke mit Bücherregalen bedeckt. In der Sitzecke lag ein türkischer Teppich, und hinter dem massiven Schreibtisch standen fünf Aktenschränke aus glänzendem Holz. Keine Ziergegenstände, keine Bilder, keine Ablenkungen, dafür aber ein hochmoderner Computer. Noch mehr als der Rest des Penthouses strahlte das Büro Seriosität und Eleganz aus.

„Was für ein schöner Raum.“ Als Virginia klar wurde, dass sie sich gerade im Mittelpunkt seiner Privatsphäre befand, spürte sie erneut das Blut in ihre Wangen steigen. Ihre Finger zuckten, als sie den Impuls zu unterdrücken versuchte, die Papierstapel auf Marcos’ Schreibtisch aufzuräumen.

„Ich weiß Bescheid über Ihren Vater, Miss Hollis.“

Vor Schreck hätte sie fast das Gleichgewicht verloren. „Ach ja?“ Sie fuhr zu ihm herum.

„In der Welt, in der ich lebe, kommt man ohne Vorsicht nicht weit. Ich habe ein Dossier über jede Person, die in meinem direkten Umfeld arbeitet, und kenne alle Details ihres Lebens. Also weiß ich auch von Ihren Problemen.“

„Oh.“

Was er wohl sonst noch wissen mochte?

Als er den Raum durchquerte und an ihr vorbeilief, erzitterte sie wie in einer kühlen Brise. „Warum sind Sie nicht schon früher zu mir gekommen?“, fragte er sachlich.

„Ich bin jetzt gekommen“, flüsterte sie.

Hinter seinem Schreibtisch hielt er inne und beugte sich über die Arbeitsplatte. „Wie schlimm ist es?“

„Es … die Spielsucht kommt und geht.“ Sie wich seinem forschenden Blick aus und wandte sich den Bücherregalen zu. Doch dann brach es plötzlich aus ihr heraus, so als habe Marcos mit seinen verständnisvollen Worten eine Tür in ihrem Inneren aufgerissen, die bisher fest verschlossen gewesen war. „Er hat vollkommen die Kontrolle verloren. Er verspielt mehr, als er hat, und mehr, als ich jemals verdienen werde.“

„Und nur deswegen sind Sie hier?“

In seiner Stimme schwang etwas mit, das eine Hitzewelle durch ihren Körper jagte. Sie wandte sich ihm wieder zu, schockiert über seine Frage, schockiert über die Antwort, die sie ihm am liebsten gegeben hätte.

Bei seinem Anblick stockte ihr der Atem.

Denn seine Augen enthüllten eine Wildheit, einen primitiven Hunger, eine plötzlich erwachte Begierde …Virginia musste unwillkürlich an ein Raubtier denken, das sich langsam, aber unaufhaltsam an sie heranpirschte.

Ihr lang unterdrücktes Verlangen überschwemmte ihren Körper, während Marcos sie weiter mit Blicken zu verschlingen schien. „Sind Sie heute Abend nur aus diesem Grund gekommen, Virginia?“, wiederholte er.

Wie in Trance kam sie mit zitternden Knien näher. „J…ja.“

„Und Sie wollen nichts weiter als das Geld?“

Wie sollte sie nur sprechen? Sie konnte kaum mehr denken, selbst das Atmen fiel ihr schwer. Ihr Herz fühlte sich an, als würde es gleich zerspringen, während sie verzweifelt nach einer Antwort suchte. „Nein, nichts weiter.“

Nur eine einfache Bitte, doch sie wurde so kompliziert durch all die Gefühle, die Marcos’ Nähe in ihr auslöste! Gefühle, die ihr Verstand ihr verzweifelt zu verbieten versuchte, Gefühle, die hier nichts zu suchen hatten und sich ihrer Kontrolle entzogen.

„Helfen Sie mir denn?“, fragte sie leise und trat näher an den Schreibtisch. Ihre Worte klangen so intim, als hätte sie ihn um einen Kuss gebeten.

„Das werde ich.“ Die Entschlossenheit in seiner tiefen, rauen Stimme ließ eine Welle der Erleichterung durch ihren Körper strömen.

Er würde ihr helfen.

Vor ihrem geistigen Auge entstand ein Bild von Marcos auf einem weißen Hengst, in der Hand eine wehende Flagge, auf der „Virginia“ stand.

„Ich erwarte nichts umsonst“, sagte sie. Noch immer zitterte ihre Stimme.

Es war, als würde eine unsichtbare Kraft sie anziehen, sie zwingen, ihm immer näher zu kommen. Wäre da nur nicht eine ganze Welt gewesen, die sie voneinander trennte.

Marcos fuhr sich mit der Hand durchs Haar, dann nahm er einen Kugelschreiber vom Tisch und räumte ihn in ein Lederetui. „Sie werden das Geld bekommen, aber dafür müssen Sie mir einen Gefallen tun.“

„Was auch immer Sie wünschen.“

Mit einem Mal wurde sein Blick stahlhart, seine Hände ballten sich zu Fäusten. „Es gibt da etwas, das ich haben möchte. Etwas, das mir gehört, das ich haben muss, wenn ich nicht den Verstand verlieren möchte.“

Virginia lief es heiß und kalt über den Rücken.

Sie wusste, dass er nicht von ihr sprach, und dennoch berührten seine Worte etwas tief in ihr. Wie es sich wohl anfühlen mochte, derart von Marcos begehrt zu werden? „Ich … verstehe.“

„Ist das so?“ Er warf ihr ein düsteres Lächeln zu, dann nahm er einen Globus aus Halbedelsteinen vom Tisch und schob ihn zwischen sich und Virginia. „Hier“, sagte er und deutete mit dem Zeigefinger auf ein Stück Granitland, das in einem Lapislazuli-Ozean lag. „Was ich will, befindet sich hier.“

Sein Finger senkte sich auf den Stein.

Virginia trat noch näher heran und hob die Hand, um sehnsüchtig die lange Küstenlinie nachzuziehen. „Mexiko“, flüsterte sie.

Sein Finger verrutschte, berührte ihren. Reglos sahen sie einander in die Augen. Sein kräftiger, gebräunter Finger schwebte neben ihrem schlanken, alabasterfarbenen über Mexiko. Sie berührten einander kaum, und doch erschütterte ihre plötzliche Sehnsucht sie bis ins Mark.

Er sah ihr in die Augen, seine Pupillen wie zwei schwarze Strudel, die sie tiefer und tiefer in ihren Bann zogen. Dann flüsterte er, als würde er ihr seine geheimsten Wünsche und Träume gestehen: „Ich will Allende Transports.“

Sie begriff sofort. „Das Unternehmen Ihres Vaters?“

„Das Unternehmen, das er verloren hat.“

Er hob die Hand, und dann strich er sanft über ihre Wange. Marcos’ Berührung, sein seltsamer Blick … Oh Gott, was tat sie hier nur? Er roch so gut, dass ihr schwindelig wurde.

„Und Sie glauben, dass ich Ihnen dabei helfen kann?“, fragte sie und wich unwillkürlich vor ihm zurück. Fort von seiner überwältigenden, fesselnden Anziehungskraft, fort von den Wünschen, die er in ihr weckte.

Er fuhr sich ruhelos mit der Hand über das Gesicht. „Die neue Eigentümerin hat das Unternehmen fast ruiniert und mich um Hilfe gebeten.“ Sein Kiefermuskel zuckte. „Notleidende Unternehmen sind meine Spezialität, aber in diesem Fall ist die Sache komplizierter.“ Angewidert schüttelte er den Kopf. „Ich habe nicht vor, ihr zu helfen, verstehen Sie?“

„Ja.“ Tatsächlich begriff sie rein gar nichts, aber sie wusste, dass das Unternehmen seines Vaters Marcos’ wunder Punkt war und man Allende Transports ihm gegenüber besser nicht erwähnte, wenn einem das eigene Leben lieb war.

Er begann, unruhig auf und ab zu laufen. „Wenn es nötig ist, bin ich sogar zu einer feindlichen Übernahme bereit.“

„Ich verstehe.“

„Und ich brauche eine Begleitung.“

Eine Begleitung.

„Jemanden, auf den ich zählen kann. Aber vor allem …“ Er verschränkte die Arme vor der Brust und suchte mit seinen geheimnisvollen Augen ihren Blick. „Vor allem brauche ich jemanden, der bereit ist, meine Geliebte zu spielen.“

Meine Geliebte.

Ihre Hände wurden feucht, und sie rieb sie unauffällig an ihrem Kleid trocken. „Geliebte“, wiederholte sie, und als Marcos auf sie zukam, wich sie instinktiv zurück, bis ihre Waden gegen eine kleine Ottomane stießen.

Unbeirrt trat Marcos an ihr vorbei ans Bücherregal. „Könnten Sie sich vorstellen, mir diesen Gefallen zu tun?“

Unwillkommene, anstößige Gedanken rasten durch ihren Kopf: Mexiko und Marcos, Martinis und Marcos, Mariachi und Marcos. „Ja, selbstverständlich. Nur … Ich verstehe nicht ganz, was genau Sie von mir erwarten.“ Ein fast schon schmerzhaftes Kribbeln breitete sich in ihrem Körper aus.

Marcos durchstöberte das Buchregal, schob Band um Band zur Seite. „Ich möchte, dass Sie mich für eine Woche nach Monterrey begleiten. Danach werden möglicherweise noch ein paar Überstunden zur Aufbereitung der Informationen anfallen.

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