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Liebesblind

Zu diesem Buch

Jake Manning hat ein Problem: Er kann manchmal einfach nicht den Mund halten und hat deshalb schon so manchen Job verloren. Doch er braucht dringend Arbeit, da er seine alkoholkranke Mutter und seine Schwestern unterstützen muss. Als ihm ein Job als »Haushaltshilfe« angeboten wird, greift er sofort zu. Er ahnt jedoch nicht, worauf er sich da einlässt, denn sein neuer Boss Patrick ist pingelig, arrogant, unhöflich … und blind.

Daran gewöhnt, dass alle nach seiner Pfeife tanzen, ist Patrick zunächst äußerst irritiert von Jakes losem Mundwerk und dessen Weigerung, sein schlechtes Benehmen zu tolerieren. Doch nach und nach entwickelt sich zwischen den beiden so ungleichen Männern eine zarte Liebe …

1

Ich prüfte ein letztes Mal mein Spiegelbild und entschied, dass es nun mal nicht besser werden würde als … ordentlich.

Ich war frisch geduscht und rasiert – das Poloshirt für fünf Dollar war das Highlight in meinem Schrank –, außerdem trug ich meine einzige Jeans, die kein Loch hatte. Die Haare hielt ich immer so kurz, dass man sie nicht kämmen musste, und die dicke Goldkette, die ich sonst um den Hals trug, lag sorgsam in einer Schublade in meinem Zimmer verstaut. Allerdings hatte ich beschlossen, den einzelnen goldenen Stecker im Ohr zu lassen. Schließlich rechtfertigte ich mich nicht für meine Orientierung, also konnte ich beim Bewerbungsgespräch auch gleich offen damit umgehen. Außerdem sagte ein leeres Ohrloch so ziemlich dasselbe aus wie ein einzelner Ohrring.

Mit einem letzten Blick in den Spiegel schnappte ich mir meinen Schlüssel, die Geldbörse und das Telefon und ging aus der Tür. Die Bushaltestelle war nur ein paar Meter entfernt, und auf der Hauptstraße fuhren die Busse in dichtem Takt. Ich bekam nicht mal die Gelegenheit mir zu überlegen, ob ich mich auf die Bank im Bushäuschen setzen und womöglich einen Kaugummi oder irgendwelchen anderen Müll auf der Hose riskieren wollte, denn ich sah schon das quadratische, grüne Transperth-Fahrzeug anrollen.

Gewissenhaft winkte ich den Fahrer heran und war empört, als ich das nötige Kleingeld abzählte. Ganze zwei Dollar achtzig für eine blöde Fahrt drei Vororte weiter. Mein Budget war schon ein guuuutes Stück über strapaziert hinaus und danach an es-tut-weh vorbeigesegelt, ohne dass ich groß mit der Wimper gezuckt hätte. Und jetzt? O-mein-Gott-das-muss-ein-Witz-sein. Mit zwei Dollar konnte ich meine ganzen hundertachtundsiebzig Zentimeter einen Tag lang durchfüttern, wenn ich klug einkaufte und auf Schnörkel verzichtete. Es schmerzte regelrecht, dem Busfahrer das Geld auszuhändigen und im Austausch dafür bloß ein winziges weißes Ticket zu erhalten.

Ich suchte mir einen freien Platz und ließ – nachdem ich ihn sorgfältig geprüft hatte – für die zehnminütige Fahrt meinen Hintern darauf nieder. Viel lieber wäre ich mit meiner guten alten Rostlaube von einem Fahrrad gefahren, aber das hätte bedeutet, völlig verschwitzt beim Bewerbungsgespräch anzukommen. Kein so toller erster Eindruck.

Okay, zweiter Eindruck. Den ersten hatte ich bereits vermasselt. Ich hatte meine übliche Sonntagabendschicht unten im The Gardie Tav absolviert und war um zwei Uhr früh nach Hause gekommen. Als dann mein Handy um kurz vor neun Uhr morgens geklingelt hatte, war ich nicht gerade ein munteres Bürschchen gewesen. Ohne die Augen zu öffnen, hatte ich mir das Teil ans Ohr geklatscht und gegrummelt: »Ja? Was ist?«

Darauf folgte eine kleine Pause, und ich wollte schon wieder auflegen, als eine nüchterne Frauenstimme fragte: »Spricht da Jacob Manning?« Das brachte mich schnell auf Touren. Dies war nicht etwa ein Werbeanruf aus Indien oder meine betrunkene Mutter, die anrief, weil sie ihre Autoschlüssel nicht fand. Diese Stimme klang älter, geschliffen, kultiviert und hatte einen definitiv militärischen Befehlston.

Ich setzte mich auf, sah auf die Uhr neben dem Bett und verlegte mich auf meine perfektionierte Ja-Boss-Nein-Boss-Stimme. »Ja. Ich bin dran.«

»Mr Manning, hier ist Mrs Martha West von Housekeeping Inc. Wir hatten Ihren Lebenslauf heute in der Post, und ich habe mich gefragt, ob Sie Zeit hätten, herzukommen und sich heute Vormittag um zehn Uhr zu einem Bewerbungsgespräch mit mir zu treffen?«

Umgehauen war gar kein Ausdruck, um meine Reaktion zu beschreiben. Ich hatte den Lebenslauf am Freitag zur Post gebracht, weil ich verzweifelt nach Arbeit suchte. Ich dachte mir, die Firma hätte womöglich eine Abteilung mit Putzstellen im Außenbereich oder Verträge mit der Industrie, die vielleicht für mich infrage kämen. Für mich war alles in Ordnung, und ich nahm an, den Lebenslauf zu schicken konnte jedenfalls nicht schaden. Die Briefmarke hatte mich mehr als einen Dollar gekostet, aber es war mir gelungen, eine Sechzig-Cent-Marke von einem Umschlag abzulösen, den mein Mitbewohner bekommen hatte, und so hatte ich meine Angaben frohgemut zum halben Preis an die Firma geschickt.

Plötzlich fiel mir auf, dass Mrs Martha West noch immer auf eine Antwort wartete. »Äh, klar. In Ihrem Büro in Applecross?« Dorthin hatte man laut der Zeitungsannonce den Lebenslauf schicken müssen.

»Ja. Ist das machbar?«

»Ja, Ma’am. Ich muss nur den Bus nehmen, also wenn die Busfahrer nicht streiken, kann ich um zehn da sein.«

Ma’am war zwar ein bisschen übertrieben, aber sie hatte so eine spießige, versnobte Stimme und rief mir damit Bilder meiner Physiklehrerin Mrs Sydney-Smith ins Gedächtnis, die wir mit Ma’am hatten anreden müssen – sonst ließ sie uns nachsitzen. Ich hatte mich vier Wochen lang jeden Tag fürs Nachsitzen entschieden, ehe ich eingeknickt war. Ich hätte es noch länger durchgezogen, aber meine kleine Schwester war krank geworden, und ich wollte früher nach Hause, um mich um sie kümmern zu können.

»Gut.«

»Soll ich irgendwas mitbringen?«

»Entschlossenheit und Eier in der Hose.« Damit legte sie auf.

Ach du meine Güte. Offenbar war Mrs Martha West doch nicht so hochnäsig, wie ich anfangs gedacht hatte. Aber das ließ sich einrichten. Ich und meine Eier waren ziemlich unzertrennlich.

Ich grinste vor mich hin, als ich mir eine matronenhafte Dame vorstellte, die mich anwies, zur Inspektion die Hose runterzulassen. Ich bringe meine Eier schon mit, solange sie nicht verlangt, sie zu sehen!

Mrs Martha West sah genauso aus, wie sie am Telefon geklungen hatte. Ihre Haare waren stark grau meliert, sie hatte sie zu einem rabiaten Dutt zusammengesteckt, der von einem Dutzend Nadeln gehalten wurde. Auch ihr Kostüm war grau – ein grauer, knielanger Rock, ein hässlicher grauer Blazer über einer makellosen weißen Bluse, die bis obenhin zugeknöpft war, und ein grau-roter Seidenschal um den Hals, der wenigstens ein bisschen Farbe hereinbrachte. Sie lächelte nicht, sie plauderte nicht, und sie bot mir kein Glas Wasser an. Sie nahm nur hinter einem gewaltigen, aber makellosen Schreibtisch Platz und gab mir mit einer Geste zu verstehen, mich auf den Stuhl gegenüber zu setzen.

Mein Lebenslauf lag auf der Mitte des Tisches direkt vor ihr, und sie nahm ihn und blätterte die Seiten durch, bevor sie mich mit einem bohrenden Blick aus ihren überraschend leuchtenden, blauen Augen aufspießte.

»Mr Manning, ich sehe, dass Sie bereits eine Vielzahl von Jobs ausgeübt haben, aber keinen davon sonderlich lange.«

»Ja.« Na ja, das konnte ich wohl kaum leugnen. Meine traurige und bunte Erwerbsbiografie stand schwarz auf weiß vor ihr.

Sie schürzte die Lippen. »Gibt es dafür einen besonderen Grund?«

Ich seufzte. »Eigentlich nicht. Eine Kombination aus persönlichen Konflikten, besseren Gelegenheiten, die sich kurzfristig ergaben, und einfach schnödem Pech.« Ich versuchte, etwas diplomatisch zu sein. Immerhin war es ein Bewerbungsgespräch.

Zwei ordentlich gezupfte Augenbrauen gingen nach oben. »Persönliche Konflikte? Sind Sie nicht mit ihren Kollegen klargekommen? Oder konnten sie keine Anweisungen von Ihrem Vorgesetzten annehmen?«

Ja und ja … manchmal zumindest. »Ich weigere mich, etwas Illegales zu tun, Ma’am. Aus dem Grund wurde ich einige Male gefeuert. Ich bin schwul, damit Sie das schon mal wissen. Wenn das also ein Problem sein sollte, kann ich gerne gleich gehen. Aber geben Sie mir bitte keinen Job und machen mir nachher Stress. Meine Orientierung hat mich schon öfter in Schwierigkeiten gebracht. Und manchmal sind meine Chefs einfach echte Sackgesichter gewesen. Ich toleriere keine Idioten. Das ist ein persönlicher Makel, an dem ich arbeite. Manchmal ist es etwas schmerzhaft, mir auf die Zunge zu beißen, und dann sage ich Leuten, wie sie ihren Job besser machen können. Nicht jeder weiß Effizienz und professionelles Verhalten zu schätzen.«

Auf Mrs Martha Wests Gesicht war keine Regung zu bemerken. Nebenbei fragte ich mich, ob sie Botox spritzte. Man hörte ja, dass es mit dem Zeug etwas schwer werden konnte, den Gesichtsausdruck zu verändern. Aber Mrs Martha West sah auch nicht nach unten oder zur Seite. Sie starrte mich einfach bloß an. Ich dachte mir, dass damit mein Bewerbungsgespräch zu Ende war.

»Mr Manning, Sie klingen, als hätten Sie ein ziemlich freches Mundwerk.«

Aber so was von. »Tut mir leid. Daran arbeite ich auch. Und bitte nennen Sie mich Jake. Ich weiß, dass mein Mund sich manchmal von meinem Hirn entkoppelt, aber ich arbeite gut und hart, Mrs West. Ich erledige beschissene Jobs, ohne mich zu beschweren, ich komme pünktlich, ich melde mich nur krank, wenn ich im Sterben liege, und ich brauche unbedingt Arbeit.«

Mein innerer Besserwisser lachte mich aus. Unbedingt war noch untertrieben.

Mrs Martha West schürzte wieder die Lippen. »Haben Sie überhaupt Erfahrung mit Reinigungsarbeit?«

Ich hüstelte. »Ich habe meinen Schwestern hinterhergeputzt, seit ich alt genug war, einen Lappen zu halten, Ma’am. Ich bin der Älteste, Mrs West. Meine Mutter war alleinerziehend, deswegen musste ich mich um ziemlich viel kümmern. Ich erledige jede Haushaltsarbeit, die Sie wollen. Ich habe auch in meinen Jobs schon Reinigungsarbeiten durchgeführt. Zwar nicht in Privathaushalten, aber ich habe Bars, Läden, Büros und Lastwagen gereinigt – und sogar Haustiere. Sie sagen mir, was ich erledigen soll, und solange Sie mich bezahlen und ich mir kein AIDS oder etwa Tollwut hole, mach ich es sauber.«

Das schien sie gutzuheißen. Sie schob diese entsetzliche Liste mit meinen Beschäftigungsverhältnissen zur Seite und griff zu einer Aktenmappe. Darin lagen offenbar nur ein paar Blätter Papier, aber was immer es sein mochte, es schien unangenehm zu sein. Ich versuchte die Beschriftung auf der Vorderseite zu entziffern, erkannte aber nur das Wort »Stanford«.

Die Mappe war geschlossen und lag ordentlich auf dem Schreibtisch, perfekt an der Kante ausgerichtet. Mrs Martha West beugte sich auf den Ellbogen vor und sprach ernsthaft zu mir. »Mr Manning – Jake. Ich habe angefangen, in Häusern zu putzen, als ich vierzehn war. Ich bin in einem Waisenhaus aufgewachsen, und damals gab es kaum etwas anderes, was sich für ein Mädchen anbot. Ich habe für die Reichen, die Berühmten, die Widerwärtigen, für Leute mit Vorurteilen, für anstößige Typen und sogar für Könige geputzt. Ich habe mich mein ganzes Leben lang mit merkwürdigen Einstellungen und Grobheiten abgefunden. Verstehen Sie mich nicht falsch, die meisten meiner Arbeitgeber waren wirklich nett. Diese Leute sind jetzt meine Kunden, und sie sind immer höflich und zuvorkommend. Aber es gibt da draußen auch einige, die sind einfach … zornig auf die ganze Welt.«

Sie tippte auf die Aktenmappe und lehnte sich in den Sessel zurück. Ich war verwirrt und wusste nicht, was ich antworten sollte. Aber die Frau fuhr mit ihrer Geschichte fort, ohne dass von meiner Seite des Schreibtisches etwas kommen musste. »Ich habe hart gearbeitet, um dahin zu kommen, wo ich jetzt bin. Für jene, die man leicht übervorteilt, bin ich eine ehrliche Arbeitgeberin, und ich habe mein Geschäft mit einem exzellenten Ruf aufgebaut. Ich habe mehr als zweihundert Frauen auf meiner Gehaltsliste, die für mich putzen – auch einige Männer, aber vor allem Frauen. Und keine einzige dieser Frauen will diesen Kunden für mich übernehmen.«

»Oh.« Das war vielleicht nicht die intelligenteste Antwort, aber ich war nun mal verblüfft.

»Ja. Es hat sich herumgesprochen, was für eine Haltung er an den Tag legt, und keine meiner Festangestellten mag auch nur einen Finger für ihn rühren. Er hat sich durch Dutzende von Haushälterinnen gearbeitet, allein dieses Jahr sind es schon acht. Mr Stanford ist bereits seit mehr als zehn Jahren Kunde von Housekeepers Inc. Es spricht sich herum, Mr Manning. Niemand ist mehr dafür zu haben, es mit ihm aufzunehmen. Deswegen wollte ich, dass Sie sich vorstellen. Sie klingen verzweifelt. Möchten Sie mehr erfahren?«

Schluck. »Äh … Was stimmt denn nicht mit dem … äh … Kunden?«

Mrs Martha West sagte es unverblümt. »Er ist grob, ungehobelt, undankbar, schlecht gelaunt, arrogant, kleinlich und extrem pingelig, was sein Haus betrifft. Aber er zahlt gut. Wenn Sie den Job annehmen, werden Sie sechs Stunden am Tag gebraucht, fünf Tage die Woche. Mr Stanford möchte, dass Sie in sein Haus kommen und die erforderlichen Aufgaben erledigen, während er auf seiner Arbeitsstelle ist. Deswegen werden Sie ihn nie treffen müssen, aber er ist leicht reizbar und wird bei seinen Anweisungen und Forderungen äußerst unhöflich. Er verlangt Perfektion und wird nicht lange fackeln, es mir zu melden, falls Sie es vermasseln. Sind Sie noch interessiert?«

Ich lächelte Mrs Martha West langsam an. »Die Eier, nach denen Sie gefragt haben? Die habe ich. Sie wollen, dass ich ein Haus putze und mit der Scheiße fertig werde, die man nach mir wirft? Das klingt ganz nach einer Neuauflage meiner Kindheit. Wann soll ich anfangen?«

2

Ich bekam sofort eine Uniform und wurde an Tammys Schreibtisch geschickt, um den Papierkram zu erledigen. Tammy schien ein nettes Mädchen zu sein – ein paar Jahre jünger als ich, mit einem strahlenden, lebhaften Lächeln. Sie fischte einige Papiere aus einem Ordner und reichte mir mit einem fröhlichen Gesicht und einer Entschuldigung einen Stift.

»Tut mir leid, ich wusste nicht, dass Mrs West heute Vormittag Bewerbungsgespräche führt, sonst hätte ich die Formulare schon für Sie rausgelegt. Eigentlich bin ich viel besser organisiert. Füllen Sie einfach schon mal diese Papiere aus, und ich werde ein Beschäftigungsprotokoll für Sie anlegen.« Sie ließ mich noch einmal ihre Grübchen sehen und tippte dann auf ihrem Computer herum. Sie war niedlich und nett, aber wie ich schon erwähnt habe bin ich schwul, und deshalb wirkte ihre Niedlichkeit nicht auf mich. Sie war einfach nicht mein Typ.

Manche Leute haben einen Typ, andere nicht. Meine Mutter hat zum Beispiel einen Typ. Alt und versoffen. Ich glaube, das klingt jetzt etwas abwertend. Ich habe sie auch schon mit jungen versoffenen Typen gesehen. Der gemeinsame Nenner all ihrer Männer? Sie sind freigiebig mit Alkohol.

Mum hat es wirklich lange versucht, aber in letzter Zeit schien sie es aufgegeben zu haben, sich noch Gedanken zu machen, was mich etwas besorgte, allerdings auch nicht so sehr, wie es einem vollkommen liebenden Sohn zu Gesicht gestanden hätte. Wahrscheinlich hatte ich so oft hinter ihr her geputzt, dass sich ein Teil der Liebe in irgendwelchem Stinkekram verloren hatte.

Mein Typ war jedoch nicht eindeutig definiert. Ich fiel auch nicht so recht in eine stereotype Schwulen-Charakterisierung. Für einen Twink war ich zu groß – und dafür wurde ich mit sechsundzwanzig auch bald zu alt. Ich war nicht riesig und behaart genug, um als Bär durchzugehen, und ich war auch kein Fitnessjunkie. Arme Leute können sich kein Fitness-Studio leisten. Und ich war auch beim besten Willen kein Jock – Teamsportarten sind im Allgemeinen nicht mein Ding. Ich war einfach nur Jake – durchschnittlich gebaut, durchschnittliche Haar- und Augenfarbe, durchschnittliche Intelligenz, durchschnittliches Aussehen.

Daher war mein Typ inzwischen einfach: wer auch immer, Hauptsache jemand, der an mir interessiert war, wenn ich an Sex interessiert war. Und dann gab es noch die zusätzliche Ebene mit den Tops und Bottoms. Mein guter Kumpel Davo ist ein Top, hundertprozentig, zu jedem Zeitpunkt ohne Ausnahme von der Regel. Unter keinen Umständen. Er hat einen Standard-Aufreißerspruch: »Bist du ein Bottom? Ja? Hi, ich bin Dave.«

Ich nehme an, das verhindert sämtliche Enttäuschungen zu einem späteren Zeitpunkt der Beziehung – die zwar meistens nur fünfzehn Minuten lang dauert, aber immerhin. Davo hat sich durchs Leben getoppt, seit ich ihn kenne.

Ich? Ich bin da etwas flexibler. Versatil nennen das einige. Aber ich denke, damit hat man als Schwuler am meisten Spaß – man kann es drehen und wenden, wie man gerade möchte. Ich kenne einen Typen unten im Tav, wo ich arbeite – er ist um die fünfzig und immer noch ziemlich attraktiv. Er hat so eine Nummer – mit Knickhand und Mein-Schätzchen-Getue. Er trägt gern seriöse Hemden, die ganz zugeknüpft sind, mit Strickjacken, und an den meisten Freitagen steht er zur Verfügung, wenn man schnell mal auf der Toilette ficken will. Beim ersten Anflug eines Zwinkerns vonseiten einer potenziellen Eroberung schießt er aus dem Hocker hoch und beugt sich in einer der Kabinen über die Toilette, bereit für die Action.

Er hat mir grünes Licht gegeben, als ich dort vor drei Monaten meinen Job antrat. Aber ich war einfach nicht interessiert. Ich glaube, er hat es akzeptiert, und dann haben wir uns an einigen Abenden richtig gut unterhalten. Kürzlich hat er mir gestanden, dass er seit beinahe siebenundzwanzig Jahren eine Beziehung zu einem Typen hat. Ich war überrascht und fragte ihn, ob es eine offene Beziehung mit multiplen Partnern sei. Gary lächelte und sagte, nein, aber er hätte Bedürfnisse, die sein Partner nicht erfüllen könnte. Ein Top sein, vor allem. Gary sagte mir, dass er in der Beziehung immer der Top ist, weil sein Lover sich weigert. Also haben sie eine Regel – Gary hat am Freitagabend seinen Spaß mit wem auch immer er möchte, und die anderen sechs Nächte der Woche geht er nach Hause und fickt diesen Mann wie der Teufel.

Nicht ganz mein Fall, aber jeder wie er will, oder? Für mich geht es bei der Position mehr um Gefühle und ums Abwechseln. In manchen Nächten fühle ich mich wütend und will einfach nur der Top sein und einen willigen Mann ficken, in anderen Nächten gefällt es mir, wenn er sich um mich kümmert.

Aber wer immer mein Typ (oder Nicht-Typ) ist, jede Person mit einer Vagina und Brüsten ist es einfach nicht. Deswegen lächelte ich Tammy an und versuchte gar nicht erst, ein Gespräch anzufangen. Leider war sie aber eine Plaudertasche.

»Willkommen bei Housekeepers Inc.!« Wieder ließ sie ihre Grübchen aufblitzen. Innerlich seufzte ich.

»Danke.« Ich machte mir nicht die Mühe, vom Standard-Mitarbeiter-Informations-Formular aufzusehen, das ich gerade ausfüllte. Das hielt sie nicht ab.

»Ich bin übrigens Tammy.«

Wenn ich einfach nicht antworte, hört sie vielleicht auf. Eins … zwei … drei … fff-

»Wie heißt du?«. Oh, du meine Güte! Das Mädchen schaffte nicht mal vier Sekunden!

»Jake.«

»Jake oder Jacob? Mit gefällt Jacob richtig gut. Wenn ich mal einen Sohn habe, möchte ich ihn Jacob nennen. Das ist ein so schöner Name.«

Eins … zwei … dr-

»Wohnst du hier in der Gegend?« Ihre Stimme war sogar richtig nervig, jetzt, wo ich darüber nachdachte.

»Nein.«

»Ich wohne drüben in Thornlie. Wohnst du auch irgendwo da drüben?« Subtilität, dein Name ist Tammy.

Ich schob ihr verzweifelt das erste Blatt Papier hin, das mit meinen Angaben darauf. Vielleicht konnte sie nicht gleichzeitig quatschen, wenn sie tippte. Ich begann mit dem Ausfüllen der Steuerformulare.

»Cool. Danke. Oh, ich sehe, du wohnst unten in der Gegend von Fremantle. Da ist es hübsch. Da würde ich gern wohnen. Ich bin froh, dass du eine ordentliche Handschrift hast. Du glaubst ja nicht, wie manche Formulare aussehen, die ich entziffern muss.« Verdammt! Wie schaffen Frauen zwei Sachen auf einmal? Reden und Tippen?

»Ich arbeite jetzt seit drei Jahren hier, da kann ich wohl sagen, dass ich schon eine Menge ausgefüllter Formulare gesehen habe. Viele Leute kommen und arbeiten nur ein paar Monate bei Housekeepers Inc., bis sie einen anderen Job finden, aber einige sind schon Ewigkeiten hier. Die Arbeitszeiten sind toll, und Mrs West zahlt einen anständigen Lohn. Viele Leute, die nicht so gut Englisch sprechen, arbeiten hier. Also, hat dich Mrs West für den Peterson-Tower-Auftrag eingestellt?« O Gott. Sie war wie einer dieser ständig kläffenden Köter.

»Nein.«

»Was wirst du denn dann übernehmen?« Kläff, kläff, kläff …

»Putzen.«

»Welchen Vertrag, weißt du das?« Um Gottes willen, Leute! Haltet eure Tiere unter Verschluss!

»Stanford.«

Die Stille, die jetzt von der anderen Seite des Zimmers ausging, war betäubend. Ich blickte von meinen Kontodaten für die Gehaltsüberweisungen auf und sah, wie mich Kläff-Tammy entsetzt anstarrte. Wirklich zutiefst entsetzt. Man stelle sich eine unwissende Person vor, die auf eine Mordszene stößt. Man stelle sich vor, wie man seinen besten Freund und Liebhaber bei Fäkalspielchen erwischt. Man stelle sich vor, wie Paris Hilton herausfindet, dass ihre Tasche nicht von Prada ist, sondern bloß ein chinesisches Imitat.

Ich hatte es geschafft, sie komplett zum Schweigen zu bringen. Ihr Mund bewegte sich noch einen Augenblick weiter, als würde sie ein oder zwei Worte bilden, aber nichts kam heraus. Offenbar war Mr Standford ganz genauso schlimm, wie Mrs West ihn dargestellt hatte.

Sie war eine Weile erstarrt, bevor sie beinahe flüsterte: »Stanford? Nie im Leben!«

Ich zuckte mit den Schultern, und jetzt sah sie aus, als würde sie gleich losheulen. »Aber … aber … du wirkst wie ein so netter Kerl, und wenn du dahin gehst und Mr Stanfords Haus übernimmst, dann bist du hier in drei Wochen wieder weg! Und ich habe dich gerade erst kennengelernt.«

Ich wusste nicht, ob ich beleidigt sein sollte oder nicht. Sie dachte, ich sei nett? Ha! Und sie dachte, ich würde nur drei Wochen Unhöflichkeit aushalten? Weichei! Letztlich entschloss ich mich, etwas zu diesem dummen Gedankengang zu sagen, dass ich sie mögen könnte, und ihn im Keim zu ersticken. Ich reichte ihr das letzte Blatt und beugte mich hinüber, sodass ich beinahe ihr Ohr berührte. »Ich bin schwul. Und ich wette um die letzten fünf Dollar in meiner Börse, dass ich es länger als drei Wochen mache. Wir sehen uns, Püppchen!«

Ich ging aus der Tür des Büros von Housekeeping Inc., meine Uniform und die Adresse meines Kunden fest in der Hand. Ich schüttelte den Kopf über mich, weil ich Tammy Püppchen genannt hatte. Das Kosewort war mir einfach so rausgerutscht. So nannte ich meine jüngste Schwester immer. Ich sollte unbedingt damit aufhören, oder mein Image von dem großen, bösen Schwulen würde noch dran glauben müssen.

Am folgenden Morgen fuhr ich mit dem Fahrrad zu Mr Stanfords Haus, meine Uniform ordentlich im Rucksack verstaut, sodass ich mich umziehen konnte, sobald ich da war. Sein Haus war nicht allzu weit entfernt, aber in Sachen Erhabenheit lagen Meilen zwischen meiner Behausung und seiner. Während mein bescheidenes Domizil, das ich mir mit drei anderen teilte, eine Drei-Zimmer-Wohnung im dritten Stock mit einer Aussicht auf nichts war und sich an einer viel befahrenen Straße befand, war seine Heimstatt ein ausladendes historisches Gebäude in einem riesigen Block, das nur ein paar Straßen vom Fluss entfernt stand. Das Haus war eines der alten Häuser aus den 30ern mit einer umlaufenden Veranda, sodass man im Winter den Schaukelstuhl in die wärmende Sonne stellen konnte, im Sommer aber die Brise vom Meer abbekam.

Die Grundstücke zu beiden Seiten des Hauses waren plattgemacht und in stylische und teure Doppelgeschoss-Monstrositäten umgebaut worden, aber Mr Stanfords Haus lag in aller Erhabenheit dazwischen, wahrhaftig und einfach gehalten.

Ein kleiner weißer Lattenzaun umschloss den Garten vor dem Haus, der voller Blumen war – in ordentlichen Beetumrandungen –, mit einem frisch gemähten, leuchtend grünen Rasen. Ein großer Jacaranda-Baum stand zwischen dem Fußweg und der Straße, und ein weiterer grünblättriger Baum, den ich nicht bestimmen konnte, war mitten im Garten gepflanzt, wo er der Umgebung Schatten spendete und den Garten kühl und einladend machte.

Auf einer Seite des Hauses befand sich eine cremefarben zementierte Einfahrt, die zu einer neuen Garage führte, deswegen lehnte ich mein Rad an den Zaun und setzte mich auf der Einfahrt in den Schatten, um auf die aktuelle, aber scheidende Haushälterin zu warten, die mir alles zeigen sollte. Mrs West hatte mir mitgeteilt, dass mich in den nächsten beiden Tagen eine Mrs Lena Lee einweisen würde, und von da an wäre ich auf mich allein gestellt.

Mrs Lee erwies sich als ältere Chinesin, die gebrochenes Englisch sprach und ständig die Stirn runzelte. Ich fragte mich, ob das Stirnrunzeln dauerhaft war oder von Mr Stanford herrührte. Sie fuhr einen kaputten alten Camry, den sie in der Zufahrt parkte und verließ, bevor sie mir einen so finsteren Blick zuwarf, dass er eine Goldmedaille bei der Stirnrunzel-Olympiade verdient hätte.

»Mista S’anford nicht mögen Öl auf seine Einfaah’t, also liebe’ kümme’n, dass Auto nicht tropfen.« Na, Hallo und guten Morgen auch, Mrs Lena Lee.

»Dann ist es ja gut, dass ich mit dem Fahrrad komme«, erwiderte ich und deutete auf meinen fahrbaren Untersatz.

»Hmpf.«

Ich rappelte mich auf und folgte der Frau auf dem Weg zur Tür. Sie holte ein Schlüsselbund heraus und schloss den Türriegel auf, bevor sie hineinging und die Alarmanlage ausschaltete. Ich blickte mich im Eingangsraum um und stellte fest, dass Mrs Lee mich von oben bis unten musterte – und mich anscheinend für unzulänglich befand.

»Wie lange du glaubst, du bleiben in diese Job, hm?«

»Äh …«

»Die letzte Haushälterin? Sie bleiben zehn Tage. Du bleiben länger als das, glaubst du?«

Ich starrte zurück zu der Frau, die mir kaum bis ans Brustbein reichte. Sie wollte also einen Starr-Wettbewerb? Wir starrten uns eine lange Minute an, ohne zu blinzeln, aber sie brach den Kontakt als Erste ab.

»Hmpf. Vielleicht du bleiben doch länger. Besser wäre. Miz Wes’ lässt mich diese dumme Haus putzen, wenn andere aufhören. Ich mag diese Kunde nicht.« Sie wirbelte auf ihren gepolsterten Sohlen herum und marschierte weiter, wobei sie über die Schulter zurückfragte: »Wie viel Miz Wes’ dir haben erzählt von Mista S’anford?«

Ich folgte ihr und schaute dabei von einer Seite zur anderen, um alles mitzubekommen. Zu meiner großen Enttäuschung gab es aber nicht viel zu sehen. Das Haus war relativ leer, ohne Bilder an der Wand und mit einfacher beiger und weißer Möblierung. Es fühlte sich wie ein ziemlich trauriges Haus an. »Äh … nichts, nur dass er ein unhöflicher Bastard ist.«

»Hmpf. Also sie nicht erzählen, er ist blind?«

Blind? »Blind?«

»Hmpf. Du bist Baby in diesem Job. Du bleiben zwei Tage, wenn überhaupt!«

Ich lächelte Mrs Lee böse an. »Ich wette, dass ich länger aushalte als Sie. Wie lange sind Sie geblieben?« Sie ließ ihre Tasche auf den Tisch in der Küche fallen, deshalb stellte ich meinen Rucksack daneben und zog meine Uniform heraus.

»Ich bleiben sieben Wochen.«

Ich nickte. »Also gut. In sieben Wochen und einem Tag können Sie dann kommen und sich bei mir dafür entschuldigen, mich ein Baby genannt zu haben, okay?«

Ein trockenes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. »Hmpf. Vielleicht du doch bleiben länger. Wie heißen?«

»Jake.«

»Du kannst Miz Lee zu mir sagen.« Sie grinste mich breit an, zeigte mir eine Reihe unregelmäßiger, aber weißer Zähne, als hätte sie einen tollen Witz gemacht. Hmpf.

Es stellte sich heraus, dass die erste Regel im Haus eines Blinden lautete, dass alles seinen Platz hatte und auch dort bleiben musste. Ich verstand sofort, dass das einen gewissen Sinn ergab. Verstellte man dagegen Möbel, würde er ständig hineinlaufen.

Auf dem Boden eines jeden Zimmers waren diskrete Klebeband-Streifen angebracht, um zu zeigen, wo die Füße der Möbel hingestellt werden mussten. Mrs Lee erzählte mir, dass sie den Mann eines Tages getestet hatte, indem sie das Sofa drei Zentimeter weiter rechts platziert hatte, und er hatte sich noch am selben Abend bei der Firma beschwert. Mir war sofort klar, dass dieser Mann als Arbeitgeber ein Riesenspaß werden würde.

Die Waschküche war mit Zetteln gesäumt. Sie zeigten der Haushälterin Abläufe und Fotos, die jede einzelne Aufgabe illustrierten. Es gab Bilder, wie man die Wäsche zu falten hatte, wie man die Regale mit den Einkäufen bestückte, wo man die Socken hinlegte, und sogar, wie man die Ecken der Bettlaken umschlug. Bei dem Gedanken an diese Herausforderung rieb ich mir im Geiste schon mal die Hände. Wie lange würde ich aushalten, bevor ich ins Straucheln geriet?

Auf der Wäschebank lagen zwei gebundene Handbücher mit Instruktionen. Dieser Anblick brachte mich dazu, eine Augenbraue zu heben – einige Bäume hatten daran glauben müssen, um diese beiden dicken Dinger da herzustellen. Eines erwies sich als Liste mit detaillierten Anweisungen für jede mögliche Aufgabe, die man im Haus angehen könnte, das andere war eine Liste mit den Marken der Lebensmittel, die man kaufen sollte. Mrs Lee hatte offenbar meinen Unglauben bemerkt.

»Mista S’anford ist sehr wählerisch Mann. Eine Tag sie hatten nicht seine bevorzugte Marke Bleiche, deswegen ich kaufe andere. Oh, oh, oh. Er sofort bemerkt. Er mich schimpfen nächsten Tag.«

Bei den Handbüchern befand sich ein ausgedrucktes Blatt, das ordentlich auf der Bank zurückgelassen worden war. Mrs Lee hob es auf und begann zu lesen, dabei runzelte sie die Stirn. »Hmpf. Mista S’anford lässt jeden Tag Anweisungen da. Hmpf. Anweisungen und Probleme.« Sie murmelte etwas in einer anderen Sprache und warf das Blatt auf die Bank. Ich schaute es an.

An Mrs Huntley …

»Wer ist Mrs Huntley?«, fragte ich.

»Hmpf. Miz Huntley war drittletzte Haushälterin. Wir ihm einfach nicht sagen, dass noch eine Haushälterin aufhören. Wir schicken einfach neue. Er uns nie sehen. Er nur schreiben seine unhöflich Notizen und leben fröhlich weiter.«

Ich verdrehte die Augen und las. Der Brief bestand aus einer Liste mit Punkten ohne auch nur ein Dankeschön weit und breit.

An Mrs Huntley,

  • Der Ofen muss gereinigt werden. Machen Sie es entweder heute oder morgen.
  • Drei Briefe sind aufzugeben. Ich habe sie auf den Schreibtisch gelegt.
  • Ich bin nicht zufrieden mit der letzten Auswahl an gekauftem Hackfleisch. Entweder nehmen Sie eine andere Sorte oder wechseln den Metzger.
  • Der Wintergarten wurde gestern nicht gesaugt.
  • Vergessen Sie nicht, meine Sachen aus der Reinigung abzuholen.

Grüße,

P. Stanford.

Ich schluckte und las den Brief noch einmal, weil ich dachte, er hätte vielleicht irgendwo ein »Bitte« eingefügt, das ich überlesen hatte. Das Wort verwendete doch jeder, oder nicht? Aber es gelang mir nicht, auch nur eines zu finden. Mrs Lee sagte noch einmal »Hmpf« und verließ das Zimmer. Ich nahm mir einen Augenblick, um das blaue T-Shirt anzuziehen, das meine Uniform darstellte, und folgte ihr.

Im Verlauf des Tages rauchte mir der Kopf. Mrs Lee zeigte mir alles, was für heute als zu erledigen auf der Liste stand, und zusammen wuschen wir Kleidung, saugten, staubten ab und spülten das Geschirr. Nach dem Mittagessen quetschte ich mich in ihr winziges Auto, und wir brausten zu den umliegenden Läden, um die Besorgungen zu machen. Ich holte die Sachen aus der Reinigung, kaufte Briefmarken, gab seine Briefe auf und schaute beim Metzger vorbei, um dem Mann Fleisch zu kaufen.

Als ich fertig war, hatte Mrs Lee ihre Aufgabe, Lebensmittel einzukaufen, zur Hälfte erledigt. Wir hatten Mr Stanfords Einkaufsliste und das mehrere Zentimeter dicke Handbuch mit Anweisungen dabei, welche Marken wir kaufen sollten. Es ging sehr langsam, die ausgedruckte Liste von Mr Stanford zu lesen, den richtigen Gang für das Produkt zu suchen, das Produkt im Handbuch zu suchen und dann die spezielle Marke im Regal zu suchen. Ich schob den Einkaufswagen, während Mrs Lee die Liste vorlas.

»Okay. Was als Nächstes?«

»Ananas.«

»In der Dose? Ich glaube, die sind da drüben. Will er Scheiben oder Stücke?« Ich wandte mich wieder zum Regal, während Mrs Lee durch die Seiten blätterte, um nachzusehen, was für Ananas der Mann aß.

Schließlich fand sie sie und verkündete: »Stücke, Marke Golden Circle. Natürlich gesüßt.«

»Wie groß?«

»Auf der Liste steht, eine kleine Dose.«

Ich seufzte. Das war furchtbar. »Okay. Also klein. Was als Nächstes?«

»Reis.«

»Braun oder weiß? Langkorn? Jasmin?«

Blättern, blättern, blättern.

»Weiß. Jasmin. Ein Kilo, Marke Koala.«

»Es gibt keine Kilo-Packung von Koala mehr. Das Regal ist leer.«

»Hmpf. Du kaufen einfach zwei und vielleicht merkt er nicht.«

Und wir watschelten weiter. Als wir zum Gang mit der Tiernahrung kamen, hielt ich an. Mrs Lee hatte mir erzählt, dass Mr Stanford einen Blindenhund hatte, und ich hatte seine Näpfe und den Korb gesehen. »Steht Hundefutter auf der Liste?«

Mrs Lee schüttelte den Kopf. »Nein. Du müssen Spezialzeug von City Farmers drüben auf der South Street holen. Wiegt fünfundzwanzig Kilo. Und er dir geben Auftrag, Wurmmittel und Hundekekse und anderes für diese Tier zu kaufen.«

»South Street?« Ich hatte eine schreckliche Vision, wie ich mit dem Fahrrad zehn Kilometer durch den Regen fuhr und versuchte, fünfundzwanzig Kilo Hundefutter unter dem Arm zu balancieren.

»Ja. Du fahren Auto, und er zahlen Benzin.«

»Aber ich habe kein Auto.« Konnte ich Fahrrad fahren und trotzdem für das Benzin Geld bekommen?

Sie zuckte mit den Schultern. »Nicht mein Problem. Du reden mit Mista S’anford. Hahaha.«

Ich war froh, sie mit etwas erheitert zur haben.

3

Nach unserer Einkaufstour führte mich Mrs Lee in die Welt der Blinden ein. Mr Stanfords Lebensmittel mussten sorgsam geöffnet und in beschriftete Tupperware-Behälter umgefüllt werden, damit er wusste, was was war. All die Sachen in Dosen und Flaschen brauchten ein Etikett. In Braille.

Und Junge, was war das für ein Gefrickel! Es gab einen speziellen Etikettendrucker, auf dem man sich den Buchstaben suchte, den man wollte, ihn mit dem richtigen Braille-Symbol abglich und dann den Knopf drückte, und die Maschine druckte es einem aus – einen verdammten Buchstaben nach dem anderen. Mrs Lee ließ mich ein Etikett für Kichererbsen machen, und Mann, was ist das für ein langes Wort! Ich bin mir sicher, dass sie das absichtlich genommen hat, anstelle von Mais.

Ich ließ Mrs Lee mit der Maschine arbeiten, während ich das Geschirr spülte und die Küche putzte. Ich räumte die Lebensmittel auf, wobei ich die Fotos im Handbuch zu Hilfe nahm, um es richtig hinzubekommen.

Mr Stanford besaß eine ganze Reihe geschickter Gadgets, die ihm halfen, mit der Welt klarzukommen. Es gab Geräte, die man an den Rand der Kaffeetasse hängte, um zu erfahren, wann man kein Wasser mehr einfüllen sollte. Der Wasserkocher und das Telefon sprachen zu einem, wenn man einen Knopf drückte, ein spezielles Lesegerät teilte einem die Farbe von etwas mit, auf das man zeigte, und (mein Favorit) es gab eine Maschine, die eine Seite Text scannen und laut vorlesen konnte.

Ich bekam Schwierigkeiten mit Mrs Lee, weil ich anfing damit herumzuspielen. Ich legte Mr Stanfords herrischen Brief in den Scanner und ließ ihn mir von der Maschine vorlesen, um sicherzugehen, dass mir keine Bittes und Dankes entgangen waren.

Waren sie nicht.

Mrs Lee kam am nächsten Tag wieder, um sicherzustellen, dass ich alle Aufgaben hinbekam, aber danach war ich auf mich allein gestellt. Als Job war es nicht schlimm – langweilig und immer das Gleiche, aber ich konnte mir die Zeit selbst einteilen und meine Musik so laut hören, wie ich wollte, ohne dass sich jemand beschwerte.

An meinem ersten Tag ohne Mrs Lee kam unerwarteter Besuch vorbei – Mrs Martha West. Ich putzte gerade die Dusche, als ich die Klingel läuten hörte, also ging ich durch das Haus und öffnete die Tür, immer noch mit meinen Gummihandschuhen in der Hand, nicht sicher, wen ich auf der anderen Seite erwarten sollte.

»Mrs West«, rief ich.

»Mr Manning. Darf ich hereinkommen?«

Ich trat zurück und ließ sie ins Haus. »Sicher. Kommen Sie rein. Gab es ein Problem oder was?«

Ihre Absätze klickten auf dem Holzboden, als sie in die Küche ging. Offenbar kannte sie sich im Haus aus, und ich sah, wie sie sich umschaute, überprüfte, ob der Boden schmutzig war oder Geschirr in der Spüle stand.

Ich versuchte es noch einmal und hoffte, dass ihr Auftauchen nicht bedeutete, dass ich bereits gefeuert war. »Ist alles in Ordnung?«

Sie ließ die Hand über das Sideboard streichen und suchte auf ihren Fingern nach Staub. »Alles ist in Ordnung, Mr Manning. Es ist normal, dass ich bei meinen Angestellten vorbeischaue und nachsehe, ob bei ihnen alles zufriedenstellend läuft und es keine Probleme gibt. Da Mr Stanford ein so … besonderer Kunde ist, wollte ich sicherstellen, dass alle Probleme rasch aus dem Weg geräumt werden.«

»Oh. Punkt für Sie. Ich hab keine Probleme. Hat er sich schon über mich beschwert?«

»Nein, nicht.« Darüber wirkte sie glücklich. Zwischen uns stand nun eine unbehagliche Stille, und ich wusste nicht recht, was ich sagen sollte. Es war nicht mein Haus, also konnte ich ihr eigentlich keinen Kaffee oder sonst etwas anbieten, und sie hielt mich im Grunde davon ab, meine Aufgaben zu erledigen. Ich tippte mir mit den Gummihandschuhen gegen die Jeans und wartete. Schließlich gab sie nach. »Okay … dann. Wenn Sie nicht irgendwelche Probleme haben, mache ich mich wohl besser wieder auf den Weg.«

Sie drehte sich um und marschierte zur Eingangstür zurück. Ich ging ihr nach. »Eigentlich, Mrs West, habe ich eine Frage. Wann werden wir bezahlt?«

Sie hielt in der Tür inne. »Donnerstags. Ich glaube, Sie werden heute Nachmittag Ihr erstes Geld auf dem Konto finden, Mr Manning. Schönen Tag!«

Ich verschloss die Tür hinter ihr und grinste. Ja! Zahltag! Ich konnte vielleicht spendabel sein und mir was Anständiges zum Abendessen kaufen. Ich lachte vor mich hin, als ich erkannte, dass etwas Anständiges vermutlich Baked Beans auf Toast waren.

Am Freitag erwartete mich eine Nachricht in der Waschküche.

An Mrs Huntley,

  • Auf mich wartet ein Paket auf der Post. Sehen Sie zu, dass Sie es heute abholen, wenn Sie die Einkäufe erledigen.
  • Das Fleisch, das Sie letztes Mal gekauft haben, war annehmbar. Kaufen Sie es wieder.
  • Ich habe eine zusätzliche Liste von Dingen dagelassen, die ich aus der Apotheke brauche.
  • Sie haben Ihr Parfum gewechselt. Ich mag es nicht.

Grüße,

P. Stanford.

Ich las die Nachricht zweimal und ließ sie mit diebischer Freude durch die Scan-Lese-Maschine laufen, nur um sie laut zu hören. Der Mann war eine Plage. Ich lachte über seine letzte Forderung – Sie haben Ihr Parfum gewechselt. Ich mag es nicht. Eigentlich war es gar keine Forderung, nur eine Feststellung von Tatsachen.

Ich war beeindruckt, dass der Mann einen veränderten Geruch bei seinem Zugehpersonal festgestellt hatte, aber es gab nicht viel, was ich dagegen tun konnte, selbst wenn ich es gewollt hätte. Da es kein Befehl von Seiner Königlichen Hoheit war, sondern nur eine Feststellung, entschied ich, dass man es getrost ignorieren konnte.

Ich beendete meine vormittäglichen Aufgaben und fuhr zu den Läden, um seine Lebensmittel zu kaufen. Es machte zwar etwas Mühe, sie zurückzubringen, aber ich notierte den »Kilometerstand« in mein Fahrtenbuch, das ich am Ende der Woche ins Büro schicken würde. Ich setzte mich hin und etikettierte seine Sachen, saugte das Haus, reinigte die Bäder, spülte das Geschirr und räumte auf. Um drei Minuten nach drei Uhr nachmittags verschloss ich die Tür, ließ den muffigen Mr Stanford seiner grummeligen Wege gehen und fuhr nach Hause.

Abends hatte ich immer noch meinen Job im Gardie Tav an Freitagen, Samstagen und Sonntagen, deswegen ruhte ich mich eine Weile aus, bevor ich zum Start um sechs Uhr nach unten ging. Das Schild auf dem Dach des Gebäudes behauptete, es hieße »The Coolgardie Tavern«, aber niemand verwendete diesen Namen. Charlie Lombardo war der Besitzer, und er arbeitete an der Bar. Er war ein anständiger Boss. Mein Job war gewissermaßen fragmentiert – ich erledigte, was zu erledigen war. Während der ersten drei Stunden meiner Schicht hieß das für gewöhnlich, dass ich Tische im Restaurant abräumte und Geschirr spülte. Während die Gäste des Restaurants nach und nach verschwanden, wischte ich die Tische ab und stapelte die Stühle, um den Platz für die Tanzfläche freizumachen. Ich half dem DJ, seine Anlage aufzubauen, schleppte Müll zu den Tonnen hinaus, schrubbte Töpfe und Pfannen, sorgte dafür, dass die Beleuchtung funktionierte und trug saubere Gläser zur Bar. Um zehn Uhr abends steppte hier normalerweise schon der Bär. Der DJ legte etwas zum Tanzen auf und die Gäste strömten durch die Türen, auf der Suche nach Alkohol, Tanzgelegenheiten und einer guten Zeit.

Obwohl Charlie mich nicht als Barkeeper angeheuert hatte, hatte ich gelernt, wie man ein perfektes Bier zapfte und ein paar grundlegende Drinks machte. Je schneller wir die Drinks servieren konnten, umso schneller floss das Geld in die Kasse, deswegen spannte mich Charlie als Bedienung ein, wenn es hektisch wurde.

Um Mitternacht schnappte ich auf dem Parkplatz gerade schnell Luft, als Luke anspaziert kam. Wir kannten uns aus der Schule, waren aber keine Freunde gewesen oder so. Ich hatte den Typen beinahe acht Jahre lang nicht getroffen, bis ich vor drei Monaten im Tav angefangen hatte. Er war da Stammkunde und dachte tatsächlich, er wäre mein bester Freund.

»Jake! Hey, Mann. Lange nicht gesehen.«

Ich nahm noch einen großen Schluck aus meiner Wasserflasche und lächelte. Er war durchaus in Ordnung; ich wusste nur nicht, warum er mich plötzlich als seinen besten Kumpel auserkoren hatte. »Hi, Luke. Stimmt – dich hab ich ja schon seit der Samstagsschicht nicht mehr getroffen.« Das klang zwar sarkastisch, aber so war es für mich normal. Mein Standard.

Er lachte wie eine verdammte Hyäne. Ich glaube, das beantwortete die Frage, ob er betrunken war oder nicht. Er setzte sich auf einen Metallpfosten neben mir und blickte über das Meer der Autos auf dem Parkplatz hinaus. »Also … Wie läuft’s?«

»Gut, Mann. Ich hab mir die Woche einen weiteren Job angelacht. Bei dem kann ich tagsüber arbeiten. Das ist verdammt noch mal genial. Ich brauch einfach das Geld.«

»Echt? Cool.«

Wir beobachteten, wie sich eine Schar junger, dürrer Mädchen in ein Auto quetschte und wegfuhr. »Und wie ist es bei dir? Wie war es diese Woche auf der Arbeit?« Ich wusste, dass er als Kurierfahrer arbeitete.

»Gut, Mann. Bin nicht geblitzt worden. Dann ist es immer eine gute Woche.« Wir lachten. Dann fragte er mich nach meiner Familie. »Wie geht’s deinen Schwestern? Deiner Mum?«

Ich seufzte. »Neue Woche, gleicher Müll.«

Er verzog ebenfalls das Gesicht. Wir waren im selben Vorort aufgewachsen – dem Vorort, in dem man nicht wohnte, wenn man nicht musste. Alle Kinder in der Schule waren bettelarm, stammten häufig aus verkorksten Familienverhältnissen, und meistens hatten ihre Eltern irgendein Problem – waren übergeschnappt, Spieler oder Trinker. Ich erinnerte mich, dass Luke mit blauen Flecken in die Schule gekommen war – nicht, dass ich das vor ihm je erwähnt hätte. Ich erinnerte mich auch an seinen Vater. Obwohl es vielleicht auch sein Stiefvater gewesen war oder einfach nur der Mann, der bei seiner Mutter zu Hause lebte. Der Mann war ein Riese gewesen, mit großen, fleischigen Pranken. Wenn er für Lukes Verletzungen verantwortlich gewesen war, fand ich es erstaunlich, dass der hagere Junge überlebt hatte.

Als hätte er meine Gedanken gelesen, spöttelte Luke plötzlich: »Ja. Wie zum Teufel haben wir den Scheiß überlebt, Mann? Mein jüngster Bruder ist grade diese Woche eingebuchtet worden. Dieses Wiesel. Diesmal sechsundzwanzig Monate. Der Kerl ist einundzwanzig und hat den Großteil seines Erwachsenenlebens schon im Gefängnis verbracht.«

»Es sind Entscheidungen, Luke. Einfache Lebensentscheidungen.«

Traurig schüttelte er den Kopf. »Hatten wir überhaupt Grund zur Hoffnung? Irgendwer von uns? Werde ich den Rest meines Lebens diesen verfluchten Truck fahren und dabei einen Hungerlohn verdienen?«

Ich stand auf und starrte ihn finster an, weil ich eine jähe und unerklärliche Wut auf seine Apathie verspürte. »Es sind Entscheidungen, Luke. Du hast die Wahl, zur Arbeit zu gehen und dann jeden verdammten Abend hier aufzutauchen und deinen Lohn zu versaufen, oder du kannst das Geld auch zur Bank bringen und es sparen, um dir ein Haus zu kaufen. Oben im Norden haben wir einen verdammten Bergbau-Boom, Mann! Zieh los und beschaff dir eine verdammte Qualifikation und arbeite dir den Arsch ab, um dir ein wenig Geld zu verdienen. Sei nicht dein ganzes Leben lang ein Schwachkopf.«

Finster blickte er zurück. »Aha? Hast du etwa die Antwort auf alles, Jake? Wie kommt’s dann, dass du nicht im Norden bist und das große Geld machst, wenn du alles weißt?«

Ich entfernte mich zwei Schritte von ihm. »Hab ich schon, Mann. Ich habe mir ein verdammtes Vermögen verdient. Aber ich hatte Verpflichtungen hier unten und musste kündigen. Ich hab mich wochenlang von Vegemite-Sandwiches und Nudeln ohne alles ernährt, nur um zu überleben, damit ich Schulden abbezahlen kann, die nicht mal meine waren. Und was zum Teufel hast du gemacht? Dich besoffen. Du bist genauso wie meine Mutter und deine Mutter. Du machst den falschen Leuten Vorwürfe. Es ist nicht die Schuld der Regierung oder die deiner Mutter oder auch deines Chefs. Du bist es, Luke. Nur du.«

Ich drehte mich um und ging mit knallender Hintertür zurück ins Tav, um meine Schicht zu beenden.

4

Montag saß ich in aller Frühe auf meinem Fahrrad und war zu Mr Standfords Haus unterwegs. In meinen Ohren klingelte es noch von der Musik des gestrigen Abends. Wir hatten einen neuen DJ dagehabt, und er hatte sein Zeug laut aufgedreht. Aber obwohl ich müde und teilweise taub war, hatte ich gute Laune. Ich hatte zwei Jobs und konnte womöglich ein Licht am Ende eines sehr dunklen Tunnels erkennen.

Ich pfiff, als ich die Eingangstür öffnete, aber dann ging ich hinein, und mein Blick fiel auf den Schlamassel, der mich erwartete. »Scheiße!«

Mr Stanford hatte eine Unordnung von Party-Ausmaßen hinterlassen, durch die ich zu waten hatte.

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