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Liebesreise nach Las Vegas

1. KAPITEL

Elena Sanchez schaute suchend den langen Gang hinauf und hinunter. Bei jedem ihrer Schritte klackten die hohen Absätze ihrer Schuhe auf dem Fliesenboden. Die Rezeption war verwaist, was sie nicht überraschte, denn es war Mittagszeit.

Sie musterte die Bürotüren, an denen sie vorbeiging, und suchte nach dem Namen des Mannes, mit dem sie sprechen musste, ob sie wollte oder nicht. Und sie wollte es nicht.

Sie hätte gut den Rest ihres Lebens verbringen können, ohne noch einmal mit Chase Ramsey zusammenzutreffen. Doch es führte kein Weg daran vorbei, denn ihr Vater war verzweifelt, und sie machte sich deshalb große Sorgen um ihn.

Als Elena seinen Namen in schwarzen Blockbuchstaben auf dem goldenen Schild an der Tür ganz am Ende des Ganges entdeckte, hatte sie plötzlich ein flaues Gefühl im Magen. Am liebsten hätte sich umgedreht und wäre weggerannt. Aber sie hatte sich fest vorgenommen, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen, deshalb durfte sie nicht kneifen.

Sie klopfte an und wischte sich die feuchten Handflächen an ihrem Leinenrock ab. Für den Fall, dass er ihr die Hand schütteln würde, sollte er nicht merken, wie nervös sie war.

Von der anderen Seite der Tür hörte sie ein Murmeln, dann etwas, das wie ein Fluch klang. Dann rief jemand: „Herein!“

Mit klopfendem Herzen betrat Elena das weiträumige Büro mit der langen Fensterfront, die einen fantastischen Ausblick auf die Innenstadt Austins bot. Vor dem großen Schreibtisch aus Kirschholz lag ein dicker Orientteppich, auf dem zwei dunkelgrüne Lederstühle standen.

Hinter dem Schreibtisch saß Chase Ramsey. Er telefonierte in hitzigem Ton und machte sich dabei Notizen. Er war so in das Gespräch vertieft, dass er nicht einmal hochsah, obwohl er bestimmt gehört hatte, dass sie hereinkommen war.

Elena blieb an der Tür stehen, weil sie nicht so anmaßend sein wollte, unaufgefordert Platz zu nehmen. Nervös umklammerte sie den Schulterriemen ihrer Handtasche. Verdammt, fluchte sie im Geist. Chase sah so gut aus, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Er wirkte jetzt allerdings reifer. Sie hatte ihn nicht mehr gesehen, seit sie beide Teenager gewesen waren.

Sein Haar war tiefschwarz und kurz geschnitten. Eine widerspenstige Strähne fiel ihm in die Stirn. Er füllte das Jackett seines dunkelgrauen Anzuges mit seinen breiten Schultern und dem durchtrainierten Oberkörper perfekt aus. Seine von der Sonne gebräunten Hände wirkten kräftig und gleichzeitig sinnlich. Sie konnte sich gut vorstellen, wie er damit über den Oberschenkel einer Frau strich.

Als ihr bewusst wurde, was sie dachte, schüttelte Elena unwillig den Kopf. Wie komme ich denn auf so etwas, fragte sie sich und umklammerte den Schulterriemen ihrer Handtasche noch fester. Sie hatte plötzlich das Gefühl, ihre Beine würden gleich unter ihr nachgeben, und ein heißer Schauer rieselte ihr über den Rücken. Es kostete sie Mühe, dem Drang, sich Luft zuzufächeln, zu widerstehen.

Okay, er hat also angenehm aussehende Hände. Die Tatsache, dass sie das bemerkt hatte – und sich dadurch offensichtlich hatte ablenken lassen –, bedeutete gar nichts. Der Grund dafür war einfach, dass es schon eine Weile her war, seitdem sie sich in attraktiver männlicher Gesellschaft befunden hatte. Dass ein Mann in die Nähe ihrer Oberschenkel gekommen war – mit den Händen oder sonst wie –, lag noch länger zurück.

Wie aus weiter Ferne nahm Elena ein Klicken wahr und blinzelte. Dann richtete sich ihr Blick wieder auf den Mann hinter dem Schreibtisch. Während sie sich vorgestellt hatte, wie er die Hände unter ihren Rock schob, hatte Chase Ramsey sein Telefongespräch beendet. Er starrte sie ungeduldig und leicht verärgert an.

„Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?“

Elena holte tief Luft und trat an den Schreibtisch. „Ja, in der Tat.“ Sie strich sich nervös die Haare hinter das Ohr, dann umfasste sie Halt suchend die Rücklehne eines der Stühle. „Mein Name ist Elena Sanchez“, erklärte sie mit leicht belegter Stimme. „Und ich würde gerne mit Ihnen über Ihr Interesse an der Sanchez Restaurant Supply Company reden.“

Einen Moment starrte Chase sie verwirrt an, dann war ihm deutlich anzusehen, dass er sie wiedererkannte und sich nicht nur an den Namen der Firma ihres Vaters erinnerte.

Er erinnerte sich an sie, und seine Augen nahmen einen harten, kalten Ausdruck an, und er presste die Lippen zusammen. Mit einer heftigen Bewegung warf er den Stift auf den Schreibtisch, lehnte sich in seinem Stuhl zurück und stemmte die Ellbogen auf die gepolsterten Armlehnen, während er sie ins Visier nahm.

Elena wand sich innerlich unter seinem Blick. Seine Geringschätzung war berechtigt. Sie war ein verwöhnter, unsicherer, arroganter Teenager gewesen und hatte viele Leute schlecht behandelt, Chase eingeschlossen. Ihre Jugend konnte sie dafür nicht als Entschuldigung anführen.

Chase Ramsey erneut gegenübertreten und vor ihm kriechen zu müssen, weil sie ihrem Vater bei der Rettung des Familienunternehmens helfen wollte, war vermutlich die Strafe dafür, dass sie sich als Teenager so schlecht benommen hatte. Es war nicht leicht, doch sie würde diese Aufgabe wie die reife, erwachsene Frau bewältigen, zu der sie sich inzwischen entwickelt hatte.

Das Telefon klingelte, aber Chase ignorierte es. Er starrte sie so eindringlich an, als könnte er direkt in ihre Seele sehen. Und vielleicht konnte er das tatsächlich.

Elena fühlte sich ihm ausgeliefert. Sie hätte genauso gut splitternackt mitten in seinem Büro stehen können. Dabei hatte sie sich an diesem Morgen bewusst für das rote, etwas streng wirkende Kostüm entschieden. Der rote Leinenrock und die passende Jacke über der weißen Bluse ließen sie normalerweise kompetent und selbstbewusst aussehen. Aber jetzt wurde ihr klar, dass sie ebenso gut eine Rüstung tragen könnte, und es würde sie nicht weniger nervös machen, vor Chase Ramsey zu stehen und darauf zu warten, dass er sie hinauswarf.

Chase hob eine Augenbraue und verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln. „Elena Sanchez“, murmelte er kalt, stand langsam auf und ging um den Schreibtisch herum. „Ich hätte nie gedacht, diesen Namen noch einmal zu hören. Und noch weniger hätte ich erwartet, dass du irgendwann einmal in mein Büro spaziert kommst.“

Die Atmosphäre war äußerst angespannt, und Elena hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, weil Chase ihr so dicht gegenüberstand. Er lehnte sich gegen den Schreibtisch, verschränkte die Arme vor der Brust und durchbohrte sie mit eisigen Blicken.

„Ich gehe davon aus, dass du hier bist, um mich zu bitten, die Firma deines Vaters nicht aufzukaufen“, sagte er mit einem Anflug von Herablassung. „Tut mir leid, Schätzchen, aber ich habe Ramsey Corporation nicht zu einem millionenschweren Unternehmen gemacht, indem ich mich von langen Wimpern und netten Beinen beeinflussen ließ.“ Er ließ seinen Blick über ihren Körper gleiten – über die Brüste, die Taille und die Hüften bis zum Rocksaum knapp über ihren Knien. Dann hielt er inne und musterte ihre Beine. „Ganz egal, wie wohlgeformt sie auch sein mögen“, fügte er hinzu, bevor er ihr wieder ins Gesicht schaute.

Jetzt war es an ihr, die Augenbrauen hochzuziehen. Elena ließ ihre Handtasche auf einen der Stühle fallen. „Ich bin nicht hier, weil ich dich um irgendetwas bitten will, sondern um mit dir über eine geschäftliche Angelegenheit zu sprechen, die wichtig für meine Familie ist. Und ob du meine Wimpern oder Beine attraktiv findest, ist völlig belanglos. Wir sind beide erwachsen. Wir sollten in der Lage sein, uns hinzusetzen und in Ruhe miteinander zu reden, ohne dass du mich angaffst wie ein entlassener Strafgefangener nach zwanzig Jahren Einzelhaft bei seinem ersten Besuch in einer Stripteasebar.“

Chases Mundwinkel zuckten, und er musste all seine Willenskraft aufbieten, um ein breites Grinsen zu unterdrücken. Es war fast zwanzig Jahre her, dass er Elena Sanchez das letzte Mal gesehen oder mit ihr gesprochen hatte. Es war ihm auch völlig egal gewesen, ob er sie jemals wiedersehen würde. Sie war mit einer dieser schmerzhaften Erinnerungen aus seiner Jugend verbunden, die ihm ab und zu immer noch zu schaffen machten. Allerdings nur, wenn er es zuließ, sich an die Vergangenheit zu erinnern, was zum Glück nicht oft der Fall war.

Er hatte seit Jahren nicht mehr an Elena gedacht. Überraschenderweise nicht einmal, als er begonnen hatte, sich mit dem Aufkauf der Firma für Restaurantbedarf zu befassen, die ihrem Vater gehörte. Für ihn war es nur um eine weitere geschäftliche Investition wie viele andere gegangen, die sich für ihn auszahlen würde. Eine von vielen cleveren und einträglichen Investitionen, die ihn, den ehemals armen Sohn eines Ranchers, mit fünfunddreißig Jahren zum Millionär und Geschäftsführer seines eigenen Großunternehmens gemacht hatten.

Lässig strich er sich über die Krawatte und trat wieder hinter seinen Schreibtisch. „Unbedingt“, sagte er nun übertrieben betont und deutete auf einen der Stühle, neben denen Elena starr wie eine Statue stand. „Setz dich, und wir reden übers Geschäft wie zwei Erwachsene.“

Einen Moment verharrte Elena, fast so, als hielte sie sein Angebot für eine Falle. Doch dann setzte sie sich, presste die Knie zusammen und hielt den Rücken sehr gerade. Sie faltete ihre Hände im Schoß und wirkte auf Chase schließlich von Kopf bis Fuß wie die Debütantin, zu der sie erzogen worden war.

Das Bild, das sie abgab, gefiel ihm nicht. Es erinnerte ihn zu sehr an das Mädchen, das sie mit vierzehn gewesen war. Dieses Mädchen hatte auf seinen Gefühlen herumgetrampelt und ihm großen Kummer bereitet. Er schob die Erinnerung an alte Verletzungen und die damit verbundenen Demütigungen beiseite und versuchte, Elena wie jedem anderen Geschäftspartner zu begegnen.

„In Ordnung. Ich höre. Worüber willst du mit mir reden?“

„Du versuchst, die Firma meines Vaters – meiner Familie –, Sanchez Restaurant Supply, aufzukaufen“, erklärte Elena ruhig und bestimmt.

„Ich versuche es nicht, ich bin im Begriff, es zu tun“, verbesserte Chase sie und erwartete Protest, musste ihr jedoch zugutehalten, dass sie sich nicht über seinen Kommentar aufregte oder deshalb in die Defensive geriet.

„Ich bin hier, um dich darum zu bitten, deine Entscheidung noch einmal zu überdenken. Oder zumindest meinem Vater ein bisschen mehr Zeit zu geben, die finanziellen Mittel zu beschaffen, die nötig sind, um unser Familienunternehmen zu retten.“

„Denkt dein Vater denn, dass er das kann?“ Chase war immer an Informationen interessiert, die ihm halfen, die Oberhand zu behalten oder ein Geschäft zu einem guten Abschluss zu bringen. „Dass er die nötigen finanziellen Mittel beschaffen kann, meine ich.“

„Ja.“

Elena wandte für den Bruchteil einer Sekunde den Blick ab, und Chase wurde klar, dass sie viel weniger zuversichtlich war, als sie vorgab.

„Er denkt, dass er die Firma wieder aus den roten Zahlen herausbringen und zum Erfolg führen kann, wenn ihm genügend Zeit dazu bleibt. Und ich bin hier, um dich zu bitten, ihm diese Zeit zu geben, weil ich mir Sorgen mache, was aus ihm wird, wenn er SRS verliert.“

Ihre grünen Augen waren von dichten Wimpern umrahmt, die ebenso schwarz waren wie ihr langes glattes Haar. Sie sah ihn an und bat ihn stumm um Verständnis und Mitgefühl.

Ihm wurde heiß, aber er verdrängte die Empfindung. Er hatte sich schon einmal von ihren sanften Augen und anziehenden Gesichtszügen einfangen lassen und sich damit nur Probleme und Kummer eingehandelt. Noch einmal würde er sich nicht von ihr einlullen lassen.

„Die Firma ist sein Leben“, fuhr Elena fort. „Er hat sie mühselig aufgebaut und praktisch mit nichts angefangen. Sanchez Restaurant Supply ist sein einziger Halt. Nachdem meine Mutter gestorben ist, ließ mein Vater die Dinge schleifen. Das weiß er. Aber jetzt versucht er, alles wieder in Ordnung und die Firma auf den Stand zu bringen, auf dem sie früher einmal war und wo sie hingehört.“

Das ist eine hübsche Geschichte, dachte Chase. Zweifellos wollte sie ihn damit zu Tränen rühren. Das Dumme war nur, dass er nicht zu Tränen zu rühren war. „Was hat das mit mir zu tun?“, fragte er unverblümt.

Elena funkelte ihn wütend an, doch dann schien sie sich daran zu erinnern, dass er ihre Zukunft – oder zumindest die Zukunft ihres Vaters – beeinflussen konnte. „Du willst Sanchez Restaurant Supply kaufen und es dann wieder Stück für Stück an den Meistbietenden weiterverkaufen. Mir ist klar, dass du damit einen ordentlichen Profit machen kannst. Aber ich bitte dich, an das Blut, den Schweiß und an die Tränen zu denken, die der Aufbau von SRS meinen Vater gekostet hat. Denke daran, was es auch emotional für einen Mann und seine Familie bedeuten würde, dieses Unternehmen zu verlieren.“

„Emotionen haben im Geschäftsleben keinen Platz. SRS aufzukaufen, ist eine gute finanzielle Entscheidung, und du hast recht – ich werde dabei einen ordentlichen Gewinn erzielen. Ich kann mir keine Gedanken darüber machen, welche Gefühle das bei dem vorherigen Besitzer auslöst, oder aus welchen Gründen er sein Unternehmen aufs Spiel gesetzt hat.“ Chase erwartete eine heftige Erwiderung, stattdessen senkte Elena den Kopf und schien sich zu sammeln. Dann startete sie einen letzten, verzweifelten Versuch.

„Ich dachte mir, dass du das sagen würdest. Ich verstehe sogar deine Position. Aber würden ein paar Wochen mehr dir wirklich wehtun? Da draußen gibt es noch andere Unternehmen, die dir genauso viel Profit einbringen. Kannst du meinem Vater nicht noch ein paar Wochen Zeit geben, vielleicht einen Monat, damit er noch etwas tun kann, um das Unternehmen zu retten? Wenn er es nicht schafft, hast du lediglich ein wenig Zeit verloren.“ Sie hielt eine Sekunde inne, sah ihm in die Augen und hob die Augenbrauen. „Es sei denn, es gibt einen persönlichen Grund dafür, dass du mir oder meiner Familie nicht helfen willst.“

Sie will mich also wissen lassen, dass sie diesen Abend vor zwanzig Jahren genauso wenig vergessen hat wie ich, dachte Chase. Allerdings bezweifelte er, dass ihre Reaktion darauf seiner auch nur annähernd ähnelte. Er fühlte Scham und Verlegenheit in sich aufsteigen, weigerte sich aber, sich von Erinnerungen, noch dazu aus seiner Jugendzeit, beherrschen zu lassen.

Elena Sanchez hatte sich kein bisschen verändert, seitdem er sie das letzte Mal gesehen hatte. Sie war zu einer atemberaubend schönen Frau herangewachsen, aber schließlich war sie damals auch ein sehr hübsches Mädchen gewesen. Was ihren Charakter betraf, war sie noch immer dieselbe. Immer noch erwartete sie, dass sie mit weiblicher List und Tücke und unterstützt durch das Vermögen und den guten Ruf ihrer Familie alles bekam, was sie sich wünschte.

Sanchez Restaurant Supply, kurz SRS genannt, steckte anscheinend so tief in Schwierigkeiten, dass sie sich gezwungen sah, ihrem Vater zu helfen –, anstatt wie gewöhnlich darauf zu setzen, dass ihr Daddy ihre Probleme löste. Offensichtlich erwartete sie, dass er sich von dem bisschen Bein und Dekolleté, das sie zeigte, ausreichend faszinieren ließ, um ihr zu geben, was sie wollte. Zu dumm für sie, dass er kein Mann war, den man an der Nase herumführen konnte – oder an einem anderen Teil seines Körpers.

„Selbst wenn ich deiner Familie auf privater Ebene verbunden wäre, würde dies meine geschäftliche Entscheidung nicht beeinflussen. Das sagte ich dir doch bereits“, erwiderte er kühl.

Elena erhob sich und nahm ihre Handtasche. „Nun, dann verschwende ich vermutlich nur meine und deine Zeit. Danke für das Gespräch. Du kannst jetzt zurück an die Arbeit gehen.“

Chase betrachtete ihre gestrafften Schultern und den sinnlichen Schwung ihrer Hüften, als sie zur Tür ging, und fühlte den schier unkontrollierbaren Drang, sie zurückzurufen. Warum sollte er sie ein paar Minuten länger bei sich haben wollen, fragte er sich, wo es bis heute sein größter Wunsch gewesen war, sie würde ihm nie mehr unter die Augen treten?

Er war völlig durcheinander und kämpfte mit seinen widerstreitenden Gefühlen, während er sich gleichzeitig am liebsten einen Tritt versetzt hätte, weil er sie immer noch attraktiv fand. Er kam sich vor wie ein Mensch mit gespaltener Persönlichkeit. Ein Teil von ihm wollte ihr helfen, ein anderer Teil wollte sie bestrafen.

„Warte!“, rief er, als sie bereits mit ihren schmalen Fingern, deren Nägel perfekt manikürt waren, den Türknauf umfasste.

Langsam und mit offensichtlichem Widerwillen drehte Elena sich zu ihm um.

„Ich habe dir einen Vorschlag zu machen.“ Chase trat hinter seinem Schreibtisch hervor, ging jedoch nicht weiter auf sie zu, um nicht einschüchternd zu wirken. „Zufällig brauche ich eine weibliche Begleitung für geschäftliche Anlässe.“ Er strich sein Jackett glatt. Das entsprach zumindest halb der Wahrheit. Auch wenn er in dem Sinne keine Begleiterin brauchte, wäre es sicherlich angenehm, eine zur Verfügung zu haben. Er war sich allerdings absolut nicht im Klaren, weshalb er sich geradezu gezwungen fühlte, dieses Angebot ausgerechnet Elena zu machen. Doch das hielt ihn nicht davon ab, ihr seinen Vorschlag zu unterbreiten. „Falls du zustimmst, mir für einen bestimmten Zeitraum zur Verfügung zu stehen, wann immer ich dich brauche, werde ich deinem Vater für denselben Zeitraum eine Art Galgenfrist einräumen. In dieser Zeit kann er versuchen, Geld aufzutreiben, um euer Familienunternehmen zu retten. Einen Tag, eine Woche, einen Monat – das hängt ganz von dir ab.“

Ihre Lippen zuckten, doch bevor sie etwas entgegen konnte, hob Chase abwehrend eine Hand. „Bevor du eine Entscheidung triffst, solltest du wissen, dass Sex in diesem Arrangement inbegriffen ist. Ich erwarte, dass du mein Bett mit mir teilst, falls mir danach sein sollte.“

Elena riss die Augen auf und musste sich beherrschen, ihm keine Ohrfeige zu versetzen. Wofür hielt er sie? „Es gibt genügend Frauen, die du für so etwas anheuern kannst“, fuhr sie ihn an. „Ich bin keine Prostituierte.“

„Das habe ich auch nie behauptet. Ich habe dir ganz einfach mitgeteilt, was ich benötige – und was du tun kannst, um deinem Vater dabei zu helfen, seine Firma zu behalten.“

„Also fragst du mich, ob ich deine Geliebte werde und mich auf Abruf bereit halte. Wie eine Puppe, die du nach Belieben aus der Schachtel nehmen kannst, die hübsch aussieht und die auf Knopfdruck deine körperlichen Bedürfnisse befriedigt. Und wenn du mit ihr fertig bist, legst du sie wieder zurück in die Schachtel.“

Chase zuckte die Achseln und schob die Hände in die Hosentaschen. „So hätte ich das nicht unbedingt ausgedrückt, aber ja, so ist es. Ich brauche eine Geliebte, und du musst für deinen Vater Zeit schinden, damit er die notwendigen finanziellen Mittel auftreiben kann. Das ist der Handel, den ich dir vorschlage. Geh darauf ein oder lass es bleiben.“

„Du Bastard!“, entgegnete Elena mit einem atemlosen Lachen, das alles andere als amüsiert klang.

„Durchaus möglich“, sagte er. „Aber du bist zu mir gekommen. Und du solltest dich glücklich schätzen, dass ich dir überhaupt ein Angebot mache. Ich hätte dir die Bitte auch einfach abschlagen und dich sofort nach Hause schicken können.“

Elena wünschte, sie könnte ihm widersprechen, aber sie wusste, dass Chase recht hatte. Ihn aufzusuchen, war riskant gewesen, und die Tatsache, dass er ihr überhaupt eine Art Handel vorschlug, war schon ein Segen. Die Frage war: Hatte sie eine Wahl? Wenn sie das Angebot ablehnte, würde sie zusehen müssen, wie ihr Vater sein geliebtes Unternehmen und damit seinen Lebensmut verlor.

Aber Chase Ramseys Geliebte zu werden und mit einem Mann zu schlafen, der praktisch ein Fremder für sie war, das konnte sie sich kaum vorstellen. Außerdem war sie sich ziemlich sicher, dass er sie hasste. Dieser Hass musste die treibende Kraft hinter seinem Vorschlag sein, denn sicher würde er normalerweise einer Frau, die in sein Büro kam, um über eine geschäftliche Angelegenheit zu sprechen, bestimmt keinen derartigen Handel anbieten.

Sie holte tief Luft. „Bekomme ich etwas Bedenkzeit, oder brauchst du sofort eine Antwort?“, fragte sie mit fester Stimme.

Anstatt ihr zu antworten, kehrte Chase zu seinem Schreibtisch zurück, nahm ein Blatt Papier und einen Stift und schrieb schnell etwas auf. Dann ging er zu Elena zurück und reichte ihr den Zettel.

Sie warf einen Blick auf seine Notizen. Unter den Namen des Flughafens hatte er sämtliche Angaben zu einem Flug nach Las Vegas notiert.

„Ich werde dir bis Donnerstag Zeit lassen. Wenn du zum Flughafen kommst, gehe ich davon aus, dass du der Abmachung zu meinen Bedingungen zustimmst. Als Gegenleistung wird dein Vater die Chance bekommen, seine Firma zu retten. Wenn nicht …“, Chase hob eine Augenbraue, „… werde ich meine Pläne vorantreiben, SRS aufzukaufen.“

Elena nahm die unüberhörbare Drohung in seinen Worten deutlich wahr und verließ sein Büro mit einem noch flaueren Gefühl im Magen, als sie es vor etwa zwanzig Minuten betreten hatte.

2. KAPITEL

Als Elena an diesem Abend nach Hause kam, war sie sowohl körperlich als auch emotional erschöpft. Nach ihrer schicksalhaften Begegnung mit Chase Ramsey war sie in ihr Büro zurückgekehrt und hatte vergeblich versucht, sich auf die Termine und die Unterlagen zu konzentrieren, mit denen sie in ihrem Job als Sozialarbeiterin zu tun hatte. Zum Glück hatte sie keine Hausbesuche machen müssen und konnte ihre Notizen später noch einmal durchsehen, wenn sie wieder mehr sie selbst wäre und sich weniger überwältigt fühlte.

Den ganzen Tag lang waren ihr immer wieder vier Worte durch den Kopf gegangen, die Chase ihr mit seiner dunklen, verführerischen Stimme zuzuflüstern schien: Ich brauche eine Geliebte … Ich brauche eine Geliebte … Ich brauche eine Geliebte …

Was ihr dabei am meisten zu schaffen machte, was sie total verwirrte und auf gefährliches Terrain führte, war, dass jedes Mal ihre Fantasie mit ihr durchging, wenn ihr diese Worte im Kopf herumschwirrten.

Sie hatte eine ziemlich detaillierte Vorstellung davon, wie er ohne diesen teuren Anzug aussah. Sie konnte sich seine gebräunte Haut und seinen muskulösen, sehnigen Körper nur zu gut vorstellen. Sie malte sich aus, wie sie nackt auf einem Satinlaken lag und sich nach seinen Berührungen sehnte, während er sich über sie beugte.

Chase war ein attraktiver Mann – ein gut aussehender Mann, dessen Anblick einem das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ –, und sie war eine Frau. Niemand konnte sie dafür tadeln, dass sie ein paar Fantasien entwickelte, in denen er die Hauptrolle spielte. Insbesondere, da er sie erst vor wenigen Stunden eingeladen hatte, sein Bett mit ihm zu teilen. Was sie erschreckte, war, dass sie nicht mehr empört über sein Angebot war wie am Anfang, sondern dass sie es mittlerweile ernsthaft in Erwägung zog.

Nachdem Elena ihre Aktentasche an der Garderobe im Flur abgestellt hatte, zog sie die Schuhe aus und seufzte erleichtert. Bei der Arbeit trug sie normalerweise keine Schuhe mit derart hohen Absätzen. Aber die roten Riemchensandalen passten am besten zu dem roten Kostüm, und sie hatte jeden Funken Selbstvertrauen gebraucht, als sie sich auf den Weg zu Chase Ramsey gemacht hatte.

Auf Strümpfen überquerte sie vorsichtig den gewachsten Parkettboden des weitläufigen Foyers und blieb einen Moment vor dem Tisch neben der geschwungenen Treppe stehen, um ...

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