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Lieber Sockenschrank-Therapeut

Stella König

Lieber Sockenschrank-Therapeut

PTBS: Angst, Panik, Depression – und jetzt verrückt?!?!

tredition

Danksagung

Ich möchte mich bei all den Menschen bedanken, die mich in der Zeit meiner Krankheit, aber auch in der Zeit der Buchentstehung emotional und tatkräftig unterstützt haben. Hervorheben möchte ich dabei meinen Mann, ohne dessen Verständnis dieses Buch nie zustande gekommen wäre. Ein großer Dank gilt auch meinem Ghostwriter, Frau Meier, ohne deren Ermutigung und Geduld dieses Buch wohl nie den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hätte.

Dass ich aus der langen Lektoren-Telefonnummern-Liste ausgerechnet ihre ausgesucht habe, war sicher vom Schicksal bestimmt.

Albert Schweitzer sagte einmal: Der Zufall ist das Pseudonym, dass der liebe Gott wählt, wenn er inkognito bleiben will.

Ich werde unsere gemeinsamen Sunden, in denen wir zu unserer eigentlichen Arbeit gelacht, philosophiert und auch heftig diskutiert haben, sehr vermissen. Unsere Zusammenarbeit war immer wieder von Herzensbewegungen umrahmt. Ich denke, nichts bringt uns Menschen näher, als uns gegenseitig unser Herz zu öffnen. Und ich glaube, die Liebe ist die beste Medizin gegen das Leid dieser Welt.

Möge diese Liebe auch den Menschen begegnen, die dieses Buch lesen werden.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Mein Rettungsanker: ein leeres Blatt Papier

Wenn das Fernsehen dir zeigt, wie verrückt du bist!

Atemlose Nächte

Immer diese Frage „Wie geht es dir?“ – immer diese Antwort „Gut!“ – immer dieser Gedanke 'Wenn du wüsstest!'

Kein Entrinnen – verdursteter Dracula sucht Therapietankstelle

Beziehungsquatsch

Fasching – Hellau Depression

Achterbahn der Gefühle

Harte Welt – weiche Stella

Fährtensuche

Willkommen im Club der Irren

Abschied nehmen

Das Grauen hat einen Namen – PTBS

Die Fesseln des Zuchtmeisters

Stumme Schreie meiner Seele

Back To School, oder wie?

Katapult in die Vergangenheit

Rotkäppchen will´s wissen!

Der Tag der verschollenen Erinnerungen

Splitter in meine Seele

Monsterkomet

Wenn du überleben willst, dann schlaf nicht ein!

Diagnose Zombiesyndrom

1000 und ein Gefühl = Angst

Lieber Sockenschrank-Therapeut,

Wohlfühlort Klapse

Gedanken an rosafarbene Einhörner und andere Skills

Willkommen im Abenteuerland!

Das Leben zeichnet ohne Radiergummi

Meine Lebenslinie auf Papier

Sturmgefühle – endlich reden!

Wütendes Eichhörnchen setzt sich zur Wehr

Rückblick von Frau Meier

Vorwort

Victoria Meier (Ghostwriter von Stella König: Lieber Sockenschrank-Therapeut)

Als Frau König mir bei unserem ersten Treffen offenbarte, dass Sie an einer Posttraumatischen Belastungsstörung leide und darüber ein Buch schreiben wolle, dachte ich erst an eine Traumageschichte oder an eine Biografie. Nach unserem ersten intensiveren Gespräch war mir aber klar: Dieses Buch würde anders werden. Ganz anders. Ihre Vorstellungen und den Grund, weshalb sie das Buch schreiben wollte, erklärte Sie mir damals mit diesen Worten:

„Es gibt viele Wege, Menschen mit Lebenstraumen zu begleiten. Doch um einen Weg der Wiederherstellung gehen zu können, müssen die Betroffenen erst einmal erkennen, dass sie krank sind. Und dann, dass es Möglichkeiten und Wege der Heilung gibt.

Ich bin selbst eine Betroffene und brauchte lange, um mir meine Krankheit eingestehen zu können. So paradox es klingen mag. Erst als ich den Weg in eine Therapie fand, verstand ich, dass einige Ereignisse in meinem Leben Traumata waren. In meinem damaligen Lebensumfeld existierten psychische Störungen wie eine Depression nur unter dem Adjektiv „faul“. Schwäche galt als Versagen. Und eine Posttraumatische Belastungsstörung? Ja die beträfe ja ohnehin nur Soldaten. Jahrzehntelang stempelte ich deshalb schlimme Vorfälle, die ich erleben musste, als meine Schuld und mein Versagen ab. Erst im Laufe der Therapie wurde mir klar: Andere sind schuldig an mir geworden. Meine Angst, die Panik, die Depressionen und all diese schlimmen Gefühlszustände waren normale menschliche Reaktionen auf anormale, schwere Ereignisse in meinem Lebenslauf. Aus Scham hatte ich versucht, alles Negative aus meinem Gedächtnis zu löschen. Doch anstatt es zu löschen, hatte ich das bittere Gemütsgemüse nur über Jahre hinweg gut konserviert, bis ein erneutes Trauma die Konservendose sprengte. Nach diesem erneuten Trauma habe ich angefangen, meine Erfahrungen, Begegnungen und Gespräche mit Therapeuten in einem Tagebuch festzuhalten. Auch wenn es mir peinlich ist, mein Innerstes einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, habe ich beschlossen, meine damaligen WIRKLICHEN Gefühle offenzulegen. Ich will einen authentischen Erfahrungsbericht schreiben, um anderen Betroffenen helfen zu können. Ich habe nicht vor, einen Kriminalroman zu schreiben. Jeder Mensch mit einer PTBS ist unfreiwilliger Hauptdarsteller seines eigenen Krimis. Ich glaube, es macht mehr Sinn, den Menschen mein anderes ICH zu zeigen. Dieses verborgene ICH, das ich über all die Jahre mit mir herumgetragen und vor der Gesellschaft und vor mir selbst versteckt hatte. Diese andere ICH mit dem Namen Angst.

Das Buch soll einen Einblick auf meine ersten Therapie- und Wiederherstellungsversuche sowie auf meine Gefühle als frischgebackene Verrückte geben.“

Schmunzelnd betrachtete ich nach diesen Worten Frau König. Wir hatten uns gerade erst persönlich kennengelernt. Schon jetzt faszinierten mich ihr tiefes Seelenleben und ihre warme, humorvolle Art. Da war aber noch mehr. Ich wurde neugierig. Die Chemie zwischen uns fühlte sich stimmig an und so entschloss ich mich, trotz vollem Terminkalender das Projekt „Sockenschrank-Therapeut“ zu starten.

Ich durfte während unserer Arbeit in eine mir bis dahin unbekannte Welt eintauchen. Auf dem Weg der Manuskriptbearbeitung begegneten mir lustige wie traurige Momente – und so manche Selbsterkenntnis erhellte meine Arbeitsschritte.

Ich hoffe, dass dieses Buch Sie, liebe Leserinnen und Leser, genauso fesselt und berührt, wie die Tagebucheinträge mich begeisterten.

Mein Rettungsanker: ein leeres Blatt Papier

Tränenüberströmt saß ich auf dem Fußboden unseres Ankleidezimmers und sehnte mich nach irgendeinem Menschen, der mir zuhören und mich trösten würde. Doch ich war allein. Niemand war da, dem ich vertrauen konnte oder mit dem ich über meine Probleme hätte reden können.

Auf meiner Sockenschrank-Kommode lagen ein leeres Schulheft und ein Kuli.

Immer wieder fiel mein Blick darauf. 'Soll ich das Heft aufräumen oder soll ich schreiben? Aber was, wenn es jemand liest?' Ich hörte im Gedanken die Worte meines Vaters, die immer wieder mahnend sprachen: „Menschen, die Tagebücher schreiben, sind nicht ganz richtig im Kopf.“ Ich wollte „richtig“ sein. Aber irgendetwas in mir trieb mich an. Ich konnte und wollte nicht mehr schweigen.

Ich hatte das Gefühl, als ob meine Seele schreien würde. Wie ein Orkan kam es über mich und ich begann zu schreiben. Schluchzend, heulend und wie ein Häufchen Elend saß ich also nun in einer Ecke und schrieb mir all meinen Kummer von der Seele. Es war so erleichternd! Und es schien mir tatsächlich jemand zuzuhören. Ein stiller, aber treuer Zuhörer, dem ich all meinen Schmerz anvertrauen konnte. Endlich! Ich hatte also jemanden gefunden, der mir zuhören würde, ohne zu unterbrechen. Die leeren Seiten füllten sich. Mit jeder Zeile mehr schien frischer Lebensodem in meine Seele zu fließen. Ich fühlte mich endlich wieder lebendig. Die lang ersehnte Energie schien endlich ins Fließen gekommen zu sein.

Und so schrieb ich Seite für Seite. Es fühlte sich so gut an, diesen leeren Blättern alles erzählen zu können. Ich musste niemanden Rechenschaft ablegen. Die Seiten schrien mich nicht an. Sie machten mir keine Vorwürfe. Sie unterbrachen mich nicht und ertrugen geduldig meinen Schmerz. Sie hatten all die Zeit, die ich brauchte, um mir meine Lasten von der Seele zu schreiben.

Je mehr Seiten ich schrieb, desto mehr Trost erfuhr meine Seele.

Das, was mich gerade noch fast zerfressen hatte, schien an zerstörerischer Kraft einzubüßen. Die Gedanken waren jetzt nicht mehr nur in meinem Kopf. Ich teilte sie mit diesem Papier.

Hätte mir vor vier Jahren jemand gesagt, dass ich an einer PTBS erkranken und darüber ein Buch schreiben würde – ich hätte ihn ausgelacht. Nicht einmal im Traum hätte ich meine Aufzeichnungen freiwillig jemanden in die Hände gegeben. Ich hatte mein Leben lang einfach zu viel in mich hineingefressen. Und diesen Seelenmüll wollte ich einfach irgendwo auskotzen.

Es war der verzweifelte Versuch, wieder Freude am Leben zu haben. Ich hatte keine Ahnung, was ich einmal mit diesem Gekritzel machen würde. Ich dachte an unseren Holzofen, der die Seiten am Ende gierig verschlingen würde. Die Vorstellung, dass meine Erinnerungen wie die Seiten ausgelöscht und mit dem Rauch davonziehen würden, gefiel mir. Dass ich die Seiten dann aber doch aufheben würde, um sie irgendwann wieder lesen zu können? Diese Vorstellung war mir fremder als die Kontinente, die ich noch nicht bereist hatte.

Einer der Gründe, weshalb Sie dieses Buch heute doch in den Händen halten, ist, dass ich just in dem Moment, als ich meine Notizen endgültig dem Feuer zum Fraß vorwerfen wollte, noch einmal einen Blick darauf warf. Staunend stellte ich fest: 'Psychotherapie ist doch hilfreicher, als ich es angenommen hatte.' Ich befand mich inmitten eines Seelenklimawandels und wollte einfach nur einen Weg aus der Sackgasse finden, in der ich gelandet war. Anfangs merkte ich, dass mir das Schreiben Mut machte, immer wieder einen kleinen Schritt vorwärts zu wagen. Es war wohl mein erster Versuch, mich selbst zu therapieren. Im Laufe der eigentlichen Therapie ist mir das Schreiben aber allgemein zu einer wichtigen Stütze geworden. Wenn ich mir selbst gegenüber schonungslos und ehrlich schrieb, half es mir, zu den tieferen Schichten meines Inneren vorzudringen. Vor allem dann, wenn mein Therapeut mich mit den Schattenseiten meines Lebens konfrontierte. Immer wieder überwältigten mich intensive Gefühlswellen, die ich lange abgespaltet und verleugnet hatte. Auch diese konnte ich schreibend besser einordnen.

Statt meinen Holzofen zu füttern, ließ ich das Feuer verhungern und legte meine Notizen zurück in die Kommode.

Nach und nach spürte ich immer mehr das Verlangen, meine Erlebnisse dennoch mit anderen Menschen teilen zu wollen. Ich hatte das Bedürfnis, mein unsichtbares Leid sichtbar zu machen. Vielen von uns „Psychos“ sieht man es ja auch nicht unbedingt an der Nase an, wie schlecht es uns wirklich geht!

Und so entstand Buchstabe für Buchstabe ein Erfahrungsbericht einer PTBS – meiner PTBS.

Dieses Buch ist eine Zusammenfassung aus den Aufzeichnungen von drei Jahren. Kapitel für Kapitel erkläre ich, wie mir meine Krankheit bewusst wurde und wie es mir in den unterschiedlichen Phasen ergangen ist.

Gewiss macht jeder Betroffene mit einer PTBS seine individuellen Horror-Erfahrungen. Aber ich denke, wohl alle landen früher oder später in diesem furchtbaren schwarzen Loch, in dem ich in meiner dunkelsten Zeit der Einsamkeit dachte, niemand auf der Welt könne mich verstehen.

Leider Gottes sind psychische Erkrankungen immer noch ein großes Tabu-Thema. Auch wenn es viele Betroffene gibt, trauen die Wenigsten sich zu outen. Dabei wäre dieses Outen so wichtig und ein erster Schritt in Richtung Heil. Sich einzugestehen, Hilfe zu brauchen, ist keine Schande. Es ist ein wichtiger Schritt, der Licht in die Dunkelheit bringen wird.

Ich persönlich scheute dieses Outen aus Angst vor Unverständnis. Empathie von anderen Menschen würde einen so wichtigen Beitrag zur Entstigmatisierung dieser Krankheit leisten. Verständnis sind warme Lichtstrahlen, die den Frost in unseren Seelen zum Tauen bringen. Vielen Außenstehenden fehlt es weniger an Herz. Sie wissen es einfach nicht besser! Noch immer hängen sie vorschnell das erbarmungslose Damokles-Schwert über Menschen mit seelischen Leiden. Sie degradieren sie zu Mördern, Psychopathen oder geistig völlig Umnachteten. Die Wirklichkeit sieht aber oft anders aus. Während viele Verbrecher auf freiem Fuß das Leben genießen, landen ihre Opfer mit ihrem stillen Leid in den Kliniken. Bedauerlicherweise gehörte auch ich einmal zu dieser Sorte Mensch, die aus Unwissenheit und falscher Erziehung viele Vorurteile gegenüber psychisch Erkrankten hatte. Als ich dann selbst betroffen war, standen mir das Unwissen und die Scham lange im Weg. Sie bremsten mich in meiner Genesung regelrecht aus.

Deshalb gehörte es auch lange zu meinen Standartreaktionen, mich schweigend zurückzuziehen, wenn ich in Panik ausbrach und mich danach traurig fühlte. Am Ende ließ mich genau dieses Verhalten emotional komplett zusammenbrechen.

Ich möchte allen Betroffenen Mut machen und sagen: „Ihr seid mit euren Problemen nicht allein! Eine PTBS kann jeden treffen. Ihr müsst euch nicht schämen!“

Jemand, der es wagt, dich auszulachen, hat niemals den Stein gespürt, der auf deinem Herzen liegt.

„An einer PTBS zu erkranken, ist kein Zeichen von Schwäche oder „Geisteskrankheit“. Es ist die normale Reaktion auf ein außergewöhnliches Erlebnis. Ähnlich wie ein gesunder Knochen, der unter einer sehr schweren Last droht zu brechen, kann ein gesunder Mensch infolge traumatischer Erlebnisse eine PTBS entwickeln. Die PTBS betrifft in der Regel alle Lebensbereiche. Darunter zählen: Beruf, Freizeit, Sozialkontakte sowie die Zukunftsplanung. Eine PTBS kann den Betroffenen derart einschränken, dass sich neben dem Verlust der Arbeitsfähigkeit und der Sozialkontakte weitere Einschränkungen wie Depressionen, Ängste und Alkohol- und/oder Tablettenmissbrauch entwickeln können. Der Verlauf der Krankheit variiert stark. Unbehandelt nimmt die Störung in vielen Fällen jedoch einen chronischen Verlauf.“**

Ich denke, dass wir Menschen zwar versuchen können, andere zu verstehen, doch niemand kann vor seinem inneren Auge etwas sehen, was er nicht selbst erlebt hat. Kennen Sie Kafka? Ich auch nicht. Dafür kenne ich aber einige seiner Zitate sehr gut. In einem Brief an seinen Vater schrieb er:

„Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von Deinen. Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich. Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich, so liebend stehn wie vor dem Eingang der Hölle.“

Ich bin keine ausgebildete Schriftstellerin und habe auch nie Psychologie studiert. Inwiefern meine Recherchen der psychologischen Korrektheit entsprechen, weiß ich nicht. Ich schreibe lediglich über meine Gedanken und Gefühle sowie über meine dysfunktionalen Überzeugungen, die ich nicht ändern konnte, da ich gar nicht wusste, dass sie falsch waren. Vor meiner Therapie war mir weder die Krankheit noch das Ausmaß bewusst, das sie annehmen würde oder besser gesagt schon angenommen hatte. Jetzt im Nachhinein weiß ich, welche Symptome als erste Anzeichen zu deuten sind. Damals habe ich diese Warnsignale leider nicht wahrgenommen.

Irgendwann im Laufe der Zeit bemerkte ich, dass ich seltsam geworden war. Ich wusste nicht wieso oder weshalb. Ich spürte einfach, dass sich etwas verändert hatte. Ich glaubte durchzudrehen oder bereits irre zu sein. Aus Scham behielt ich meine Gefühle und meinen Zustand für mich. Alleine das war eine große Belastung.

Heute weiß ich: Meine ständigen Kopfschmerzen, die Gelenkschmerzen und Verspannungen waren bereits die ersten Vorboten. Auch mein Körpergewicht, auf das ich schon mein Leben lang achten musste, wurde wieder instabil. Ich hatte an nichts mehr Interesse oder Freude. Sicher, ich gab mir Mühe, glücklich zu sein, aber ich wurde immer trauriger und verstand nicht, wieso oder weshalb.

Ich dachte: 'Nach all den langen Kämpfen, wo doch alles gut ist, müsste es mir doch auch gut gehen?!' Äußerlich sah mein Leben perfekt aus, innerlich aber zerfraß mich mein Kummer.

Vor diesem psychischen Kummerzustand war ich ein geselliger Mensch. Ich liebte es, mich mit anderen Menschen zu treffen, zu quatschen, zu lachen und zu scherzen. Für Feste, Partys und andere Feiern stylte ich mich immer gerne.

Irgendwann hatte ich aber auf einmal keine Lust und auch keine Kraft mehr, Einladungen anzunehmen oder mich bei jemand zu melden. Wenn ich mich dann doch einmal auf Anlässen blicken lassen musste, dann zog ich mir schlecht gelaunt meine guten Klamotten an. Nicht, weil sie mir gefielen, sondern weil es sich so gehörte.

Als ich dann fertig angezogen und geschminkt vor dem Spiegel stand, kam ich mir regelrecht so vor, als ob ich mich für meinen nächsten Bühnenauftritt zurechtgemacht hätte.

Sobald ich unsere Wohnung verlassen hatte, hieß es: „Manege frei!“ Lustig, ausgelassen und stets fröhlich zeigte ich mich meinem nichtsahnenden Publikum.

Wenn ich weinen musste, wartete ich damit so lange, bis ich alleine war. Wenn der Druck mich in Gesellschaft überrannte, gab ich vor, dass ich auf die Toilette müsse. Für die verheulten Augen gab es Make-up oder Ausreden wie Heuschnupfen oder trockene Kontaktlinsen. Während ich nach außen mein Schauspiel hervorragend inszenierte, erstarrte mein Inneres immer mehr zu Eis.

Ich schien mich in einem Katalysator zu befinden. Mein mir beigebrachter Perfektionismus steigerte sich zum absoluten Maximum. Meine Kinder waren stets adrett gekleidet und auch meine Wohnung war trotz ständiger Umbaumaßnahmen blitzsauber. Ich versuchte die perfekte Hausfrau, Geschäftsinhaberin und Mutter zu sein. Von Kunden, Erziehern, Lehrern und manchen Freunden bekam ich dafür Anerkennung. Was mir die Leute jedoch an Fleiß anrechneten, war für mich nichts weiter als ein verzweifelter Versuch, meine permanente innere Unruhe irgendwie zu bändigen. Nichts war mir gut genug. Ich hatte immer das Gefühl, es noch besser machen zu müssen. Egal was ich tat, es fühlte sich falsch an. Die Alltagsbewältigung fiel mir zusehends schwerer. Meine Ängste schränkten mich in allen Bereichen meines Lebens ein. Nachts raubte mir ein nicht zu stoppendes Gedankenkarussell den Schlaf. Tagsüber florierte jede noch so kleine Aktion zu einem Großprojekt. Alleine das Haus zu verlassen, rief eine ausführliche Kontrollinventur meinerseits auf den Plan. Bis zu 20 Mal sah ich mich gezwungen, alles aufs Penibelste zu kontrollieren: den Herd, das Bügeleisen, den Wasserhahn – einfach alles.

Beim Einkaufen oder während kleinerer Besorgungen hetzte ich, als ob ich auf der Flucht wäre. Zum einen deshalb, damit mich so wenig Leute wie möglich ansprechen konnten. Zum anderen, damit ich schnell wieder zu Hause war. Es hätte ja sein können, dass mein Handy kurzfristig kein Netz hatte und mich der Kinderhort oder die Schule hätten erreichen wollen.

Wenn ich einen Rettungswagen mit Blaulicht hörte oder ihn gar fahren sah, sprang ich ins Auto und klapperte den Kinderhort und die Schulen meiner Kinder ab, um sicherzugehen, dass er nicht dorthin gefahren war.

Waren meine Kinder hingegen bei mir zu Hause und das Telefon klingelte, dann ignorierte ich es einfach. Mein Firmentelefon beachtete ich sowieso schon lange nicht mehr. Nach kurzer Zeit blieben deshalb auch die Kunden aus und das Bankkonto leerte sich zusehends.

Irgendwann bekam ich überhaupt nichts mehr auf die Reihe. Ich versäumte wichtige Termine – teils sogar absichtlich, weil mir alles gleichgültig geworden war. Alles hatte irgendwie an Bedeutung und Wert verloren. Was mich früher begeisterte, berührte mich nun nicht mehr.

Kontakte zu Mitmenschen stressten mich immer mehr. Wenn ich meine Kinder irgendwo abholen musste, fuhr ich immer knapp los, damit ich den anderen Eltern nicht über den Weg laufen musste. Meine kleine Tochter saß nicht selten mit schmollendem Mund auf ihrem Platz im Kinderhort und jammerte: „Mama, warum bin ich schon wieder die Letzte, die abgeholt wird?“

Ein Jahr später hatte ich keine Hobbys, kein Einkommen und auch keine Freunde mehr. Ich hätte gar nicht gewusst, wen ich damals hätte anrufen können, wenn ich dann doch einmal hätte ausgehen wollen. Doch im Grunde wollte ich das ja auch nicht. Die schönen Momente konnte ich sowieso nicht genießen, weil mein Fokus schon wieder auf die nächste Katastrophe wartete. Somit konnte ich selbst die angenehmsten Ereignisse weder wahrnehmen noch mich darüber freuen. Schlimmer noch:

Alle Menschen, dir mir begegneten, waren in meinen Augen verlogene Parasiten. Mit diesen Schmarotzern wollte ich nichts mehr zu tun haben. 'Wenn ich mit nichts und niemanden etwas zu tun habe, dann kann mich auch niemand verletzen!', schlussfolgerte ich.

Sogar vor meinen Liebsten verschloss ich mich und ging ihnen aus dem Weg. Mit meinem Mann gab es ohnehin nur noch Streit. Er hatte meine ständigen Sorgen und Ängste satt. Die Stille war mein Freund geworden.

Ich schämte mich für jede meiner Handlungen. Ich wusste selbst, wie idiotisch sie waren. Aber was ich auch versuchte, ich konnte mich einfach nicht ändern. Ich konnte es nicht lassen, mir selbst zu schaden. Ich konnte es auch nicht lassen, alles zu kontrollieren und alles anzufassen, was mir zwischen die Finger kam. Zudem hatte ich den innerlichen Zwang, alles schlecht zu reden.

Das Allerschlimmste jedoch waren die ständig auftretenden Bilder. Ich sah vor meinen geistigen Augen die schrecklichsten Dinge geschehen. Dinge, die jeden Augenblick passieren könnten.

In meinem Kopf lief ein ständiger Katastrophenfilm, der sich so gut wie nie stoppen ließ. Bereits am Morgen fragte ich mich, wie ich den Tag nur überstehen sollte.

Nachts lag ich wach in meinem Bett. Wenn ich dann doch mal einschlief, verfolgten mich Albträume. Doch auch das Erwachen brachte keine Erleichterung. Die Angst hatte sich zu einem Ungeheuer entwickelt, das mich weder am Tag noch in der Nacht in Ruhe ließ. Ich war fest davon überzeugt: 'Jetzt ist es so weit. Ich bin verrückt geworden!'

Ich fühlte mich hoffnungslos verloren und verbitterte nun vollständig. Ich glaubte fest daran, dass ich komplett irregeworden sei und Freude und Glück mir nicht zustünden.

*Quelle: Dieser Kurztext über die Posttraumatische Belastungsstörung stammt sinngemäß aus einem Flyer einer Traumaklinik.

Wenn das Fernsehen dir zeigt, wie verrückt du bist!

Eines Abends saß ich wie so oft lustlos vor dem Fernseher. Es war mir völlig egal, was in der Glotze lief. Hauptsache ich hatte Ablenkung und konnte irgendwann einschlafen.

Ich weiß nicht einmal mehr, wie der Film hieß, aber es ging um eine erfolgreiche Geburtshelferin, die nach der Geburt ihres eigenen Kindes an Wochenbettdepressionen zu leiden begann. Ich konnte mich mit fast allen Symptomen dieser Frau identifizieren und mir wurde klar, dass ich krank war. Wie ein Licht, das in die Dunkelheit hineinleuchtete, war die Erkenntnis, dass ich vermutlich an einer Depression litt.

Trotz dieser Erkenntnis dachte ich gar nicht daran, mir Hilfe zu holen oder daran, jemanden davon zu erzählen.

'Selbst ist die Frau', trotzte ich und kaufte mir Selbsthilfebücher, Meditations-CDs und pflanzliche Beruhigungsmittelchen. Ich war mich sicher: 'Wie alles in meinem Leben, werde ich auch DAS alleine schaffen!'

Statt der erhofften Genesung wurde alles nur noch schlimmer. Die Streitereien mit meinem Mann und auch meine Angstzustände.

Aufgrund meiner ständigen Ängste schränke ich auch die Freiheiten meiner Kinder ein. Alles, was ihnen Spaß gemacht hätte, empfand ich als zu gefährlich. Mein Mann bestand auf eine Mutter-Kind-Kur. Alleine beim Gedanken daran, blinkte das Adjektiv „gefährlich“ erneut in meinem Kopf auf. Ich zählte ihm jede erdenkliche Gefahr auf, die passieren könnte und wurde dabei zum Weltmeister im Katastrophisieren. Doch Anton gab nicht auf. Ich beantragte also eine Mutter-Kind-Kur, die auch prompt genehmigt wurde.

Im Frühjahr sollte es losgehen. Mit vielen Ängsten, aber auch einigen Hoffnungsschimmern sah ich der Kur entgegen.

Als die ersten warmen Sonnenstrahlen die Erde erwärmten, machte ich mich zusammen mit meinen Kindern auf den Weg.

Es kam, wie es kommen musste. Auch an diesem Punkt wurde mir ein Strich durch die Rechnung gemacht. Meine Hoffnungen verdorrten wie frische Keimlinge in der siedenden Sommerhitze. Der Reihe nach bekamen meine drei Kinder einen hefigen Magen-Darm-Infekt. Ich musste die meiste Zeit unserer Kur also im Zimmer verbringen, um meine Kinder wieder gesund zu pflegen.

Gegen Ende der Kur wurden sie gesund und wir konnten wenigstens die letzten Tage genießen.

Drei Wochen später:

Mit vielen guten Vorsätzen und einem durchaus aufschlussreichen Arztbericht kam ich zu Hause an.

In meinen Bericht stand:

„Frau König kommt zu uns, weil sie unter einem erheblichen psychovegetativen Erschöpfungssyndrom leidet. Zudem hat sie multiple undifferenzierte Somatisierungsstörungen. Aufgrund der Krankheiten ihrer Kinder leidet sie außerdem an einer massiven Angst- und Panikstörung, sodass sie erhebliche Schmerzen im Bereich des Bewegungsapparates, Konzentrationsstörungen, Schlafstörungen und massive Spannungskopfschmerzen hat. Die Symptomatiken führen bei ihr zu deutlichen Einschränkungen im Alltag und zu einer Belastung in der Familie sowie im sozialen Umfeld. Frau König braucht dringend psychotherapeutische Hilfe. Empfohlen wird eine kognitive Verhaltenstherapie. Zur Überbrückung wird der Patientin empfohlen, entlastende Beratungsgespräche an Beratungsstellen aufzusuchen.“

Obwohl ich wusste, dass die Ärzte, die diesen Bericht geschrieben hatten, recht hatten, schämte ich mich in Grund und Boden. Vor allem, als ich den Befund meinem Hausarzt in die Hand gab. Er las ihn aufmerksam durch.

„Wissen Sie, was da steht?“

„Ja, das weiß ich“, gab ich ihm beschämt zur Antwort.

„Wenn Sie so weitermachen, haben Sie in ein, zwei Jahren ein echtes Problem. Sie müssen endlich einmal mehr auf sich achten!“

Er schaute mich bei diesen Worten eindringlich an.

Ich versicherte ihm, gut auf mich aufzupassen und mehr für mich und meine Gesundheit im Allgemeinen zu tun. Daraufhin verließ ich die Praxis.

Wenigstens den guten Vorsatz, mich zu bewegen, wollte ich umsetzen. Ich schaffte es zumindest zeitweise mit einer Bekannten zu walken, schwimmen zu gehen oder Fahrradzufahren. Alleine traute ich mich nicht, mich sportlich zu betätigen. Ich hatte Angst. Ganz besonders vor Wiesen und Wäldern. Ab und zu ließ ich mich sogar darauf ein, mit einer Freundin einen Kaffee zu trinken. Ich hoffte, dass all die Dinge, die ich während des Kuraufenthaltes gelernt hatte, mir ausreichen würden, um wieder „heil“ und gesund zu werden. Ich dachte, ich müsse mich nur zusammenreißen und nach ein paar Wochen würde niemand mehr merken, wie schlecht es mir einmal ging.

Doch meine Angst blieb. Sie war einfach ständig da. Wenn ich merkte, dass sie sich verstärkte, suchte ich im Gedanken nach dem Grund, fand aber keinen. Das machte mich noch unsicherer und ich bekam infolgedessen noch mehr Angst. Die einzige Möglichkeit, die ich sah, war, meine Ängste zu ignorieren. Und das tat ich mit Bravur.

Atemlose Nächte

Während viele Menschen mit dem Hit „Atemlos durch die Nacht“ Freude, Liebe und Frohsinn verbinden, sind meine Erinnerungen an den Song düster. Er erinnert mich an MEINE Nächte, in denen ich atemlos durch die Nacht zog ...

Das erste Mal passierte „es“ aber am Tag. Es ereignete sich an einem heißen Sommertag Mitte Juli. Meine Freundin Mandy und ich hatten uns den Vormittag freigenommen. Übrigens: Meine Freundin heißt natürlich nicht wirklich Mandy. Jeder hier in diesem Buch – einschließlich mir – trägt in Wirklichkeit einen anderen Namen. Der Grund für die Pseudonyme liegt an den Persönlichkeitsrechten eines jeden Einzelnen. Das Drehbuch selbst ist leider realer als es mir lieb ist. Aber nun zurück zu Tag X.

Obwohl ich im Grunde zu nichts Lust hatte, versuchte ich an diesem Vormittag meine guten Vorsätze zu halten. Zugleich ersehnte ich mir Trost und Abwechslung. Auf viele Leute war ich schlicht sauer, allen voran auf meine Verwandtschaft. So saßen wir also im Freibad in der prallen Sonne und unterhielten uns über meinen Ärger mit meinen Schwiegereltern und meiner Schwägerin.

Als es uns zu heiß wurde, gingen wir ins Schwimmbecken. Da ich früher Rettungsschwimmerin war, hatte ich keine Scheu vor Wasser. Im Gegenteil. Wasser war MEIN Element. Ich war eine sehr gute und schnelle Schwimmerin. Ich freute mich also geradezu auf das kühle Nass.

Ich schwamm zwei Runden mit Mandy und dann noch einige alleine, um mich auspowern zu können. Als ich zum x-ten Mal Mandy überholte, schnürte mir das Wasser auf einmal die Luft ab.

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