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Lieber Dylan

BASTEI ENTERTAINMENT

Teil Eins

Briefumschlag_sw.psd

Mailfreunde

Von: georgieharris@hotmail.com
An: info@dylancurtland.com
Betreff: Liebe
Datum: Montag, 1. Mai, 16:05

Lieber Dylan,

mein Gott, es fühlt sich wirklich verrückt an, dir eine Mail zu schreiben, als ob ich dich kennen würde oder so! Aber die Sache ist – ich habe wirklich das Gefühl, dich zu kennen. Und – da haben wir’s – ich liebe dich. Ich weiß, wir sind uns nie begegnet oder so was in der Art, aber manchmal, wenn ich dich in Jessop Close sehe, kommt es mir vor, als würdest du wirklich nur zu mir sprechen. Ich weiß, es gibt noch 7,6 Millionen weitere Fernsehzuschauer, zu denen du auch sprichst. Wenn ich mir einbilden würde, du würdest wirklich nur zu mir sprechen, dann wäre ich ein bisschen matschig in der Birne (wie meine beste Freundin Jessica R. Bailey es ausdrücken würde). Und ich bin nicht matschig in der Birne, ehrlich nicht. Es ist nur so: Manchmal, wenn du dich mit deinen Eltern streitest oder wenn du dich Mark oder Kez anvertraust … die Sachen, die du dann sagst, nun ja, die sind so, als würdest du meine eigenen privatesten Gedanken aussprechen. Macht das irgendeinen Sinn? Ich fürchte nicht. Aber was ich zu sagen versuche, ist, dass ich dich verstehe. Ich weiß, wie es ist, ein Außenseiter zu sein. Und nur, wenn ich dich in Jessop Close sehe und du auf deine ganz eigene Art diese Dinge sagst, fühle ich mich nicht mehr so total allein. Weil ich wenigstens weiß, dass da draußen jemand ist, der genauso fühlt wie ich. Ich weiß, du bist Schauspieler und nebenbei gesagt, mein absoluter Lieblingsschauspieler. Die anderen Mädchen in der Schule fahren alle auf Jeremy Bridges ab, aber entschuldige mal, wenn du mich fragst, ist er der reinste Schnarchkopf. Ich denke, du solltest wissen, dass ich mir gern neue Worte ausdenke. Und ein Schnarchkopf ist ein Schwachkopf, der so langweilig ist, dass man anfangen möchte zu schnarchen. Du bist viel interessanter als Jeremy Bridges, und wenigstens bist du nicht mit so einer Supermodel-Tussi zusammen, die es für eine tolle Idee hält, ohne Unterhosen aus einem Auto zu steigen, obwohl sie weiß, dass sich da draußen jede Menge Fotografen rumtreiben. Nur so aus Interesse, bist du im Moment überhaupt mit jemandem zusammen? Na, wie auch immer, wie schon gesagt, ich weiß, du bist ein Schauspieler, und das, was du sagst, gehört alles zu deiner Rolle, aber es ist deine Art, diese Sachen zu sagen. Du könntest nicht so überzeugend sein, wenn du nicht wirklich wüsstest, wie man sich dabei fühlt. Stimmt’s?

Ich hoffe, ich habe dich nicht schockiert, als ich geschrieben habe, ich liebe dich. Es ist nur so, dass ich heute Morgen Oprah im Fernsehen gesehen habe, und sie hat gesagt, wir sollten uns alle viel öfter sagen, dass wir uns lieben. Sie hat gesagt, auf der Welt würde es viel besser zugehen und es würde nicht all diese Kriege und Terrorismus und all so was geben, wenn wir das machen würden. Natürlich sollen wir das nicht zu jedem sagen, ich würde auf KEINEN FALL zu meinem bescheuerten Stiefvater sagen, dass ich ihn liebe, denn dann würde ich lügen, und ich glaube nicht, dass Oprah das gefallen würde. Ich habe auf der Rückseite von Mums Einkaufszettel eine Liste von allen Leuten gemacht, die ich liebe. Hier ist sie:

Dylan Curtland – das heißt dich!

Michaela Roberts

Angelica Roberts

Jessica R. Bailey

Jeff Harris

Jessica R. Bailey ist meine beste Freundin, seit wir uns in der Grundschule kennengelernt haben – und jetzt sind wir in der 9. Klasse. Das R steht für Rebecca, und Jessica findet, es hört sich total gebildet an, wenn Leute die Initialen ihrer Zweitnamen benutzen. Mein Zweitname ist Olivia, ich wäre dann also Georgie O. Harris, was sich eher nach einem irischen Bauarbeiter anhört als nach einer gebildeten Person, aber so ist es eben. Angelica Roberts ist meine Mum. Meine Mum würde dir gefallen, sie ist wirklich schön. Mein Vater (Jeff Harris) hat sie immer seine Porzellanpuppe genannt, denn genauso sieht sie aus, wie eine Porzellanpuppe mit ihrer schneeweißen Haut und ihren kleinen Rosenwangen und Lippen. Sie ist auch wirklich zerbrechlich wie eine Puppe. Das ist das Einzige, was ich an ihr nicht liebe, das Gefühl, dass sie eines Tages in Millionen kleiner Scherben zerbrechen könnte. Dir ist vielleicht aufgefallen, dass ich geschrieben habe, mein Vater hat sie immer seine Porzellanpuppe genannt. Das ist deswegen, weil mein Vater – nun ja, er ist tot. Aber ich liebe ihn immer noch. Ich wünschte, ich hätte seine E-Mail-Adresse, so wie ich deine habe. Das wäre total cool, oder nicht? Wenn der Himmel, oder wo immer wir hingehen, wenn wir tot sind, eine Website hätte, und jeder würde eine Hotmail-Adresse mit Instant Messenger bekommen, sobald er dort ankommt. Dann könnte man wenigstens noch mit ihnen reden, nachdem sie gestorben sind. Und sie könnten einem Tipps geben und solche Sachen und einem sagen, dass man sich keine Sorgen machen soll und alles würde ganz pommes-frittig laufen. (Das hat nämlich mein Vater immer gesagt, wenn er meinte, alles würde super laufen, denn Pommes frites waren sein Allerliebstes auf der Welt – nach mir und Mum natürlich.)

Mir geht es aber ganz gut, denn ich habe ja noch Oprah, und die gibt mir echte frostfreie Tipps. (Frostfrei ist übrigens mein neuestes Wort. Damit meine ich etwas, das so richtig cool ist, wo aber nicht irgendwelcher Mist – also Frost – dranhängt.) Wie auch immer, Oprah ist jedenfalls total frostfrei, und du bist es auch. Ich hoffe, diese E-Mail macht dich nicht verlegen. Ich wollte dich einfach nur wissen lassen:

ICH LIEBE DICH!!!

Und danke, dass du in Jessop Close immer so klasse bist. Es ist die einzige Soap, die es verdient hat, gesehen zu werden, und das liegt ganz allein an dir.

Alles Liebe,

Georgie Harris – 14 Jahre alt (Julia aus »Romeo und Julia« war erst 13, wusstest du das?)

Von: info@dylancurtland.com
An: georgieharris@hotmail.com
Betreff: Re: Liebe
Datum: Montag, 1. Mai, 22:10

Hi da draußen!

Vielen Dank für deine Mail. Ich freue mich sehr, dass dir meine Website gefällt. Schau mal in den Bereich NEUES – da findest du alle aktuellen News. Ich hoffe, du hast einen tollen Sommer, und danke für deine Unterstützung.

Dylan x

Von: georgieharris@hotmail.com
An: info@dylancurtland.com
Betreff: Danke!!
Datum: Mittwoch, 3. Mai, 16:07

Lieber Dylan,

OH MEIN GOTT! Ich kann’s nicht fassen, ich habe eine E-Mail von dir – und dann hast du auch noch so schnell geantwortet. Ich dachte, du wärst echt total beschäftigt mit Text lernen oder Proben oder Filmen oder was weiß ich. Viiiiielen, vielen Dank, dass du mir so schnell geantwortet hast, und bitte entschuldige, dass es zwei Tage gedauert hat, ehe ich dir antworte, aber ich habe keinen eigenen Computer zu Hause, also komme ich nur online, wenn ich in die Bücherei gehe, und meine Mutter hat mich gestern nach der Schule nicht in die Bücherei gehen lassen, weil ich auf meine kleine Schwester Michaela aufpassen sollte. (Meine Mum war übrigens ein Riesenfan von George Michael – nicht mal die Tatsache, dass sie zwei Mädchen bekommen hat, hat sie davon abgehalten, uns nach ihm zu benennen!)

Interessant fand ich, dass du geschrieben hast, du freust dich, weil mir deine Website gefällt. Ich habe in meiner Mail noch mal nachgesehen, und eigentlich habe ich gar nichts über deine Website geschrieben. Aber natürlich bin ich hin und weg davon und finde, sie ist absolut frostfrei! Besonders das Bild von dir, wo du auf diesem Tor sitzt und aufs Meer hinausschaust, da siehst du so nachdenklich aus. Macht nichts, ich nehme an, du kriegst jede Menge E-Mails, also passiert es sicher schnell mal, dass du sie verwechselst. Ich war die, die gesagt hat, sie liebt dich, nur für den Fall, dass du’s vergessen hast. Es ist gerade ein bisschen peinlich. Ich hoffe, du denkst jetzt nicht, ich bin total matschig in der Birne?! Es war nur so, an dem Tag, an dem ich dir die Mail geschickt habe, habe ich wirklich mit aller Kraft versucht, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Mein Stiefvater Tone (die meisten Leute denken, das ist eine Kurzform von Tony, aber ich glaube, es ist die Abkürzung von Ton-Zerstörer – gegen seinen Gesang hört sich nämlich sogar eine Bohrmaschine musikalisch an) hatte gesagt, ich wäre eine gemeine Rotzgöre, weil ich Michaela zum Weinen gebracht habe. (Michaela ist meine kleine Halbschwester. Sie ist keine halbe Portion, sie ist jetzt vier, also ist sie eine ganze Portion, das kannst du mir glauben, aber wir haben nicht denselben Vater, deshalb ist sie nur meine Halbschwester.) Übrigens habe ich sie nicht absichtlich zum Weinen gebracht, ich wollte nur meine Schere wiederhaben. Ich könnte nie gemein zu Michaela sein, sie ist viel zu süß, aber ich nehme an, ich könnte ein bisschen liebevoller sein, vor allem wenn die schwarze Wolke über mir hängt (wie mein Vater immer gesagt hat). Und als dann Oprah gesagt hat … ach, wie auch immer, ich bin jedenfalls die, die dir geschrieben hat, dass sie dich und die Art, wie du deine Rolle spielst, liebt, und obwohl ich davon nichts geschrieben habe, liebe ich deine Website auch. Ich habe mich in deine Mailingliste eingetragen, und natürlich werde ich immer in den Bereich NEUES schauen, damit ich alle News über dich mitkriege.

Ich freu mich total darauf, dich heute Abend in Jessop Close zu sehen – wenn mir der Ton-Zerstörer überhaupt erlaubt fernzusehen. Ich habe das entsetzliche Gefühl, auf dem anderen Sender könnte ein Fußballspiel laufen. Noch mal danke für die E-Mail. Ich kann es noch immer nicht glauben, dass du mir geantwortet hast. Dass dieselben Finger, die in der Folge vom Montagabend versucht haben, Bridget Randall zu erwürgen – die hat’s ja so verdient, die verlogene Kuh –, tatsächlich eine E-Mail an mich getippt haben. Ich werde meinen Posteingang NIE mehr ausleeren!

Alles Liebe,

Georgie xxx

Von: georgieharris@hotmail.com
An: info@dylancurtland.com
Betreff: DRINGEND!!!
Datum: Mittwoch, 17. Mai, 15:50

Lieber Dylan,

ich weiß, du hast bestimmt total viel zu tun, aber kannst du mir bitte, bitte sagen, dass die Gerüchte nicht wahr sind? Bitte sag mir, dass du nicht mit Jessop Close aufhörst. Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn das geschehen würde.

Alles Liebe,

Georgie xxx

Von: info@dylancurtland.com
An: georgieharris@hotmail.com
Betreff: Weggang von Jessop Close
Datum: Donnerstag, 25. Mai, 10:22

Hi da draußen,

wie du vermutlich in der Presse gelesen hast, habe ich beschlossen, Abschied von Jessop Close zu nehmen. Nachdem ich fünf extrem erfreuliche Jahre bei der Serie verbracht habe, habe ich jetzt das Gefühl, dass es an der Zeit ist, neue Wege einzuschlagen. So wie die Geschichte sich in letzter Zeit entwickelt hat, scheint mir für die Figur des Jimmy keine Weiterentwicklung mehr möglich, und umso mehr freue ich mich darauf, sowohl auf der Bühne als auch auf der Leinwand neue Figuren für mich zu entdecken. Ich bin dem Produktionsteam von Jessop Close für die Chance, die es mir gegeben hat, enorm dankbar. Ich hätte mir keinen besseren Start für meine schauspielerische Laufbahn wünschen können. Dir vielen Dank für deine Unterstützung, und bitte informiere dich doch weiter auf meiner Website über Einzelheiten zu meinen neuen Schauspielprojekten.

Dylan x

Von: georgieharris@hotmail.com
An: info@dylancurtland.com
Betreff: Re: Weggang von Jessop Close
Datum: Donnerstag, 25. Mai, 16:55

Lieber Dylan,

oh nein!!! Ich kann nicht fassen, dass du wirklich von der Close weggehst. Das klingt jetzt echt blöd – vor allem nachdem ich dir letztens ja meine Liebe gestanden habe –, aber ich habe wirklich geweint, als ich es herausgefunden habe. Ich weine jetzt auch wieder, was ziemlich peinlich ist, weil ich einen Computer in der Bücherei benutze. Und dieser eklige Mann mit den gelben Zähnen und dem schmierigen Anorak am PC neben mir starrt ständig zu mir rüber und murmelt was in seinen Bart, das sich anhört wie: »Gib mir Brötchen! Gib mir Brötchen!«

Ich habe die schreckliche Neuigkeit übrigens schon gewusst, bevor ich deine E-Mail bekommen habe – da fällt mir ein, vielen, vielen Dank für deine E-Mail –, denn die Story stand gestern Abend in der Zeitung des Ton-Zerstörers, und sobald ich die Schlagzeile VORHANG ZU FÜR CURTLAND! sah, wusste ich, dass etwas Schreckliches passiert sein musste. Werden sie dich wirklich umbringen? Kannst du sie nicht dazu bringen, dich nur ins Koma zu versetzen oder so was? Dann könntest du wenigstens wiederkommen. Vielleicht könnten sie es so machen, dass du dir den Kopf an einer der Maschinen im Schlachthaus stößt. Oder du könntest an der Ecke der Close einen Motorradunfall haben – da sieht es doch nach einer total befahrenen Kreuzung aus, und dann wärst du einfach nur eine Weile im Krankenhaus? Ich weiß ja, dass du nicht wirklich stirbst, aber die Sache ist, für mich wirst du es tun, denn ich bekomme dich ja nur in Jessop Close zu sehen. Wenn du von da erst mal weg bist, wirst du aus meinem Leben für immer verschwunden sein.

Der Ton-Zerstörer hat mich total verarscht, als er gesehen hat, wie ich gestern Abend geweint habe. Sorry! Ich weiß, du hast in dem Interview im Cosmo-Girl gesagt, dass du keine Mädchen magst, die Schimpfwörter benutzen, aber der Ton-Zerstörer würde sogar eine Nonne zum Schimpfen bringen, glaub mir! Er hat gesagt, ich bin ein Baby und Michaela wäre reifer als ich. Ja klar, Michaela, die glaubt, dass auf den Strommasten die Zahnfee wohnt und dass der Storch die Babys bringt. Um ehrlich zu sein, ich wünschte, ich könnte an das Letzte auch noch glauben – alles wäre besser, als daran zu denken, dass meine Mutter es mit ihm macht! Er hat einfach keine Ahnung, was es bedeutet, wenn einem das Herz bricht. Er hat von überhaupt nichts eine Ahnung, es sei denn, man kann darauf Wetten abschließen. Wenn er nicht gerade mit seinem Taxi unterwegs ist, dann ist er in seinem zweiten Zuhause, im Wettbüro. Nun ja, die Wettquoten dafür, dass ich jetzt noch mal glücklich werde, sind jedenfalls auf 1 zu 1 000 000 gesunken. (Das bedeutet, es ist so unwahrscheinlich, dass die Chancen dafür, dass der gruselige Brötchen-Murmler neben mir mal unter die Dusche geht, höher stehen!) Das Schlimmste ist, ich kann dich nicht mal heute Abend sehen, denn meine Mum ist … nun, sie fühlt sich nicht allzu gut, und wenn meine Mum krank ist, dann muss ich in meinem Zimmer bleiben. Um genau zu sein, muss ich nicht dort bleiben, aber es ist wesentlich leichter, wenn ich es tue. Wenigstens habe ich deine E-Mail – noch eine, die ich in meinem Posteingang für immer speichern kann. Und keine Sorge, ich werde jeden Tag auf deiner Website in den Bereich NEUES schauen, damit ich jede Einzelheit über deine neue Arbeit mitkriege. Viel Glück, Dylan, und wenn du irgendwann mal Zeit hast, mail mir doch bitte wieder!

Alles Liebe und nur das Beste für dich,

Georgie xxx

Von: georgieharris@hotmail.com
An: info@dylancurtland.com
Betreff: Oh mein Gott!!!
Datum: Donnerstag, 6. Juli, 16:07

Lieber Dylan,

ich kann nicht fassen, dass sie dich mit einem Stromschlag umgebracht haben!! Ich meine, von allen Möglichkeiten, die sie hatten, um dich umzubringen – warum denn ausgerechnet das? Und dann noch mit einem Toaster!!! Zuerst mal hat ja deine Figur überhaupt nie Toast zum Frühstück gegessen – du schnappst dir doch immer einen Apfel aus der Obstschale, ehe du dich auf den Weg zum Schlachthaus machst, stimmt’s? Und zweitens, würde sich wirklich irgendwer Toast machen, während er einen offenen Saftkarton über den Toaster hält und dazu noch auf einem nassen Fußboden steht? Ich meine, was soll denn das? Die Leute, die bei Jessop Close für Kontinuität sorgen, müssen sich wirklich mal am Riemen reißen. Ich habe mir gestern aus der Bücherei ein Buch mit dem Titel Fernsehfilme für Dummies geholt, daher weiß ich alles über Kontinuität und wie wichtig das ist. Ich habe beschlossen, dass ich auch eines Tages Schauspielerin werden möchte – und zwar sobald ich der Hölle der Ruislip Gardens Highschool entkommen bin. Es muss toll sein, Schauspieler zu sein und so zu tun, als wäre man jemand ganz anderes. Wie großartig, in der Lage zu sein, in ein anderes Leben zu schlüpfen, als würde man nur ein neues Outfit oder so anprobieren. Ich würde alles dafür geben, in ein anderes Leben schlüpfen zu können. Das Problem ist, ich glaube nicht, dass ich gern zurückkommen würde. Na ja, vielleicht würde ich das irgendwann schon tun, weil ich mir Sorgen um meine Mum und Michaela machen würde, aber ein paar Stunden lang jemand anders zu sein, wäre super. Obwohl, vielleicht nicht ganz so super, wenn der Drehbuchautor beschließt, dass du an einem Stromschlag von einem Toaster sterben musst! Ich wünschte, ich hätte die E-Mail-Adressen von dem Kontinuitäts-Menschen und dem Drehbuchautor bei Jessop Close. Es hätte doch so viele andere Möglichkeiten gegeben, dich umzubringen, und die wären viel mehr »im Einklang mit der Handlung der vorausgehenden Szene« (Fernsehfilme für Dummies) gewesen. Zum Beispiel ein Sturz von deinem Motorrad oder ein Sturz in den Kanal oder von mir aus auch ein Stromschlag aus der Elektroimpulswaffe im Schlachthaus. Nicht dass ich wollte, dass du stirbst, auf keinen Fall! Wie ich in meiner letzten Mail schon geschrieben habe – hast du meine letzte Mail bekommen? –, ich fühle mich, als wärst du jetzt im wirklichen Leben auch gestorben, und ich weiß nicht, was ich machen soll, ohne dich wenigstens dreimal in der Woche sehen zu können. Ich habe mir aber eine Sammel-DVD von deinen letzten Folgen gemacht. Obwohl ich nicht glaube, dass ich mir die schreckliche Tod-durch-den-Toaster-Szene je wieder ansehen werde. Ich kann nicht fassen, dass sie deine Haare dazu gebracht haben, derart in die Höhe zu stehen, und wie haben sie es denn geschafft, dass dieses ganze schaumige Zeug aus deinem Mund kam?!!

Na, wie auch immer, ich wollte dich eigentlich nur wissen lassen, dass ich dich jetzt schon vermisse und dass ich hoffe, du kriegst bald woanders eine neue Rolle.

Alles Liebe,

dein Fan mit dem gebrochenen Herzen,

Georgie xxx

Von: info@dylancurtland.com
An: georgieharris@hotmail.com
Betreff: Filmvertrag
Datum: Montag, 10. Juli, 11:08

Hi da draußen!

Wie einige von euch sicher schon gehört haben, habe ich mein erstes Rollenangebot aus Hollywood erhalten, und am Wochenende mache ich mich auf den Weg nach L.A. Es ist zwar nur eine kleine Rolle, aber ich freue mich wahnsinnig, diese Chance zu bekommen – und dann noch so kurz nach meinem Abschied von Jessop Close. Der Film erzählt die wahre, zu Herzen gehende Geschichte eines kalifornischen Surfers, der um ein Haar an den Folgen eines beinahe tödlichen Quallenbisses sein Leben verliert. Ich spiele den jüngeren Teamkameraden und Kumpel dieses Mannes, Chip Daley. Ich freue mich wirklich darauf, mir an der Rolle die Zähne auszubeißen, und werde versuchen, euch auf meiner Website über die Entwicklung auf dem Laufenden zu halten.

Danke, dass ihr mir treu bleibt, und einen tollen Tag!

Dylan x

Von: georgieharris@hotmail.com
An: info@dylancurtland.com
Betreff: Re: Filmvertrag
Datum: Montag, 10. Juli, 16:11

Lieber Dylan,

ich bin nach der Schule in die Bücherei gegangen und habe gerade deine Mail bekommen. Meine beste Freundin, Jessica R. Bailey, ist auch hier, und als sie hörte, wie ich vor Freude quietschte, sobald ich deine neue Mail in meiner Inbox sah, kam sie gleich angerannt (aus der Gesundheits- und Ernährungsabteilung, wo sie sich über die Tierkreis-Diät informiert hat). Also habe ich ihr deine Mail gezeigt. Ich dachte, sie würde total beeindruckt sein, aber sie ist einfach in Gelächter ausgebrochen. Sie glaubt, du hast mir diese Mails überhaupt nicht geschickt – sie behauptet, die werden alle automatisch durch deine Website versendet. Ich muss zugeben, deine letzte E-Mail hörte sich an, als wäre sie an eine Gruppe von Leuten gerichtet, wenn du zum Beispiel schreibst: »Einige von euch haben sicher schon gehört …« Aber als ich Jessica deine anderen E-Mails gezeigt habe, hat sie gesagt, das wären auch automatische Mails. Ich kann nicht glauben, dass das wahr ist. Du hast doch bestimmt auf meine ersten E-Mails persönlich geantwortet, oder etwa nicht?

Jessica ist jetzt wieder in der Gesundheitsabteilung. Wenn du sie sehen könntest, würdest du denken, bei ihr tickt’s nicht richtig. Sie ist total dünn, aber sie macht ständig irgendeine Diät. Sie sagt, damit bereitet sie sich auf ihre zukünftige Karriere als Model vor. Ich persönlich könnte ja ohne Essen nicht leben. Nun ja, ich nehme mal an, ohne Essen könnte gar keiner von uns leben, aber du weißt ja, wie ich es meine. Wie kann denn jemand freiwillig nur ein paar Krabbenstäbchen zum Mittag essen? Jessica ist Krebs vom Sternzeichen, und Edward Van Trussel, der Erfinder der Tierkreis-Diät, behauptet, wir sollten alle Sachen essen, die mit unseren Sternzeichen in Verbindung stehen. Ich persönlich bin der Meinung, das ist alles ein Haufen Unsinn, und das denke ich nicht nur, weil ich Stier vom Sternzeichen bin! Aus deinem Geburtsdatum auf deiner Website konnte ich erkennen, dass du Wassermann bist, und ein Wassermann ist einer, der Wasser trägt – wovon solltest du also leben? Von einem großen Becher Wasser? Im Ernst, wie kann Jessica an diesen Quatsch glauben? Ihr Gehirn hat vermutlich bereits die erste Stufe des Hungertodes erreicht. Wahrscheinlich frisst es sich bereits selbst auf, weil es solchen Hunger hat! Ich sollte wirklich nichts glauben von dem, was sie mir erzählt. Also werde ich auch weiter glauben, dass du mir diese anderen Mails geschrieben hast. Vielleicht könntest du mir das nächste Mal aber eine etwas persönlichere Antwort schicken, damit ich Jessica beweisen kann, dass du mir wirklich selbst schreibst?

Wie auch immer, ich muss jetzt gehen. Meine Mum hat gesagt, ich muss um halb fünf zu Hause sein, denn sie will, dass ich mit Michaela in den Park gehe. Viel Glück mit dem Film! Du musst ja total aufgeregt sein. Es fühlt sich komisch an, mir vorzustellen, dass du so weit weg in Amerika bist. Gott sei Dank können wir ja über E-Mail in Verbindung bleiben.

Alles Liebe,

Georgie xxx

Von: georgieharris@hotmail.com
An: info@dylancurtland.com
Betreff: Depression
Datum: Freitag, 21. Juli, 16:25

Lieber Dylan,

ich hoffe, es nervt dich nicht, dass ich dir schon wieder maile, aber ich glaube, wenn ich mit niemandem darüber rede, drehe ich durch. Alles geht im Moment wirklich total schief. Ich fühle mich wie die tragische Heldin in dem Schwarz-Weiß-Film, den meine Mum sich am Samstagnachmittag angesehen hat, während der Ton-Zerstörer beim Fußball war. Sie hieß Gracie Delores, und den ganzen langen Film über hat sie versucht, von diesem schrecklichen Mann mit dem schwarzen Vollbart wegzukommen, und als es so aussah, als sei sie ihn endlich los, ist sie von einer Klippe gestürzt, oder genauer gesagt, sie hing von der Spitze der Klippe herunter und hat langsam und allmählich den Halt verloren und ist dann immer tiefer und tiefer gefallen, den tosenden, schäumenden Wellen entgegen, die sie ins Verderben rissen. »Oh nein, bitte nicht!«, hat sie geschrien, aber so verzweifelt sie auch versuchte, sich festzuhalten, der Zweig brach ein Stück weiter ab, oder die Spitze des Felsens bröckelte, und sie glitt in die Tiefe. Nun, ganz genauso fühle ich mich im Augenblick auch. Egal wie verzweifelt ich versuche, alles besser zu machen, es scheint immer nur schlimmer und schlimmer zu werden.

Du denkst vielleicht, ich müsste doch glücklich sein, weil es der letzte Schultag ist und ich die ganzen langen Sommerferien vor mir habe. Du denkst, dass ich sicher mit Jessica und den beiden Kates in den Park gehen werde, um irgendwelche Sprüche auf die Steine zu schreiben oder über Jungs zu quatschen, aber welchen Sinn soll das haben? Für die anderen mag es okay sein. Die haben sechs Wochen voller Spaß, auf die sie sich freuen können. Jessica und die beiden Kates gehen für drei Wochen zu einem Theater-Workshop, wo sie eine Produktion von Bugsy Malone auf die Bühne stellen, aber ich gehe nicht mit. Nein, denn der Ton-Zerstörer hat gesagt, ich muss zu Hause bleiben und auf Michaela aufpassen, während er und Angelica arbeiten. Das ist so unfair. Wieso kann er denn nicht auf sie aufpassen? Er ist doch ihr Dad. Und er geht tagsüber doch sowieso nicht arbeiten, denn Taxi fährt er immer in der Nacht. In Wahrheit muss ich also auf sie aufpassen, während er schläft oder unten im Wettbüro ist, wo meine Mum arbeitet. So haben sie sich übrigens kennengelernt – als er in den Laden kam, um auf ein Pferd zu wetten. Warum um Himmels willen ist er nicht stattdessen zu William Hill’s gegangen? Dann wäre mir dieses ganze Elend erspart geblieben. Aber andererseits hätte ich dann nicht Michaela als Schwester, und das wäre genauso schlimm. Du würdest Michaela lieben, jeder liebt sie, sie ist richtig süß. Ganz rosige Bäckchen und blonde Löckchen. Nicht so wie ich mit meinem blassen Gesicht und meinen dunklen Haaren, die so dünn sind, dass sie wie Schnürsenkel aussehen. Und dann gibt sie auch noch die komischsten Sachen von sich. Gestern hat sie mich gefragt, warum die Zähne keine Augen haben, denn dann könnten sie die Zahnfee sehen, wenn sie kommt, um sie abzuholen, und bräuchten keine Angst zu haben (von der Zahnfee ist sie übrigens besessen). Ohne Michaela möchte ich also wirklich nicht sein, aber warum muss ihr Dad so gemein sein? Meine Mum verlangt ständig von mir, dass ich ihn Dad nenne, aber warum sollte ich? Ich habe doch schon einen Dad, auch wenn er tot ist. Er ist immer noch mein Dad, oder etwa nicht? Irgendwo habe ich mal ein echt cooles Gedicht gelesen, darüber, dass die Menschen wie Sterne sind, und nur weil man sie nicht immer sieht, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht da sind. Ich denke, mein Vater ist noch da, er hat nur keine Möglichkeit mehr, mich zu erreichen, so wie einer, dessen Internet-Verbindung zusammengebrochen ist oder der kein Geld mehr auf dem Handy hat.

GEORGIE stößt einen dramatischen Seufzer aus.

Sorry, ich habe mir gestern den Text von Bugsy Malone aus der Bücherei geholt und ihn ununterbrochen gelesen, also dachte ich mir, ich könnte ein paar Bühnenanweisungen einfügen, sodass du dir besser vorstellen kannst, was ich so mache. Ach übrigens, ich hoffe, es läuft gut mit deinem Film.

Wo war ich gerade? Ach ja, beim Ton-Zerstörer, den ich Dad nennen soll. Selbst wenn ich keinen Vater hätte, wenn ich so eine Art Wunderkind wäre wie Jesus und nur eine Mum hätte, würde ich diesen Typen auf gar keinen Fall Dad nennen. Väter sollten liebevoll und freundlich sein, oder? Väter sollten einen nicht anschreien und mit Schimpfnamen belegen. Gestern Abend hat er mich eine egoistische Göre genannt, weil ich darüber geweint habe, dass ich nicht zum Theater-Workshop gehen darf. Dann bekam er die Sammel-DVD, die ich mir von dir gemacht hatte, in die Finger und hat sie direkt vor meinen Augen zerbrochen. Er meinte, er müsse mir mal eine Lektion erteilen. Und was für eine Lektion genau? Dass es okay ist, das Eigentum anderer Leute zu zerstören? Jetzt habe ich also nicht einmal mehr dich zum Anschauen, meine einzige Fluchtmöglichkeit aus diesem Elend, das sich mein Leben nennt. Das Schlimmste war, dass meine Mum einfach dabeistand, während er das gemacht hat. Sie hat nicht mal versucht, ihn aufzuhalten. Warum kann sie nicht einmal für mich einstehen? Das Einzige, was sie tut, ist, mir zu sagen, ich soll still sein und kein Theater machen. Als wenn sie Angst vor ihm hätte. Aber ich habe keine. Echt nicht. Mich kratzt nicht, ob er ein einsfünfundachtzig großer Skinhead mit einem tätowierten Schäferhund auf dem Oberschenkel ist. Er ist einfach nur ein Tyrann, und mein Vater hat mir mal erklärt, dass alle Tyrannen im Herzen Feiglinge sind.

Es tut mir leid, dass diese Mail so depressiv klingt, aber vielleicht hat Jessica ja recht, und du liest meine Mails sowieso nicht. Na toll, jetzt erscheint hier das Fenster auf dem Bildschirm und sagt mir, dass ich nur noch eine Minute Zeit habe. Eine Minute, bevor ich wieder in diese Hölle zurückmuss, die ich mein Zuhause nenne.

In Trauer, deine

Georgie x

Von: info@dylancurtland.com
An: georgieharris@hotmail.com
Betreff: Re: Depression
Datum: Freitag, 21. Juli, 18:19

Liebe Georgie,

dein Vater wird immer dein Vater bleiben – und er wird in deinem Herzen und in deinen Erinnerungen immer lebendig bleiben, und niemand, aber wirklich niemand kann dir das wegnehmen. Darf ich dir noch ein anderes Gedicht empfehlen? Es heißt »Dies sei der Vers« und ist von Philip Larkin. Ich hoffe, es hilft dir …

Dylan x

Von: georgieharris@hotmail.com
An: info@dylancurtland.com
Betreff: Wow und danke!!
Datum: Samstag, 22. Juli, 10:36

Lieber Dylan,

oh mein Gott!! Ich bin so glücklich, ich könnte die Frau am Computer neben mir abknutschen! Na ja, vielleicht lasse ich das doch lieber, denn sie hat einen leichten Damenbart und lutscht einen Fisherman’s Friend. (Gab es eigentlich schon jemals ekligere Bonbons? Wie können denn Fischer so was als Freund bezeichnen? Na ja, ich nehme an, ein bisschen besser als Fisch schmeckt es bestimmt. Vielleicht sollte ich ein paar für Jessica kaufen, die könnte sie dann nach ihren Krabbenstäbchen lutschen.) Wie auch immer, du hast mir gemailt, und ich kann es einfach nicht fassen. Du hast mir wirklich gemailt, und ich weiß ganz genau, dass es keine Gruppenmail war. Zuerst einmal hast du »Liebe Georgie« geschrieben, statt »Hi da draußen«, und dann hast du ja auch über meinen Dad geschrieben, und du würdest doch nicht in einer Gruppenmail über meinen Dad schreiben, oder? Ich meine, du würdest ja wohl kaum deinen ganzen Fans mailen und mit denen über ihre toten Väter reden. Zuerst mal würden die meisten von den Vätern ja noch nicht einmal tot sein, und es würde einen doch ganz schön fertigmachen, wenn man eine Mail über seinen toten Vater bekäme, obwohl der gar nicht tot ist, oder? Aber mich hat deine Mail überhaupt nicht fertiggemacht, denn sie war so wahr, und ich hatte noch nie so darüber nachgedacht, aber natürlich lebt mein Vater in meinem Herzen und in meinen Erinnerungen weiter, und solange ich an ihn denke und mit ihm rede (natürlich nur, wenn ich allein bin), existiert er noch. Und du hast dieses tolle Gedicht ganz speziell mir empfohlen, weil du wusstest, dass es mir davon besser gehen würde. Ich liebe die erste Zeile. Philip Larkin hat ja so recht, der Ton-Zerstörer terrorisiert mich wirklich. Bei dem Teil, in dem steht, dass unsere Eltern uns mit ihren eigenen Fehlern vollstopfen, bin ich allerdings anderer Meinung. Auf gar keinen Fall werde ich jemals Kinder so rumkommandieren oder so ein ignoranter Rassist werden wie er. Oder Alkohol trinken. Aber ist das Leben wirklich für alle so ein Elend? Es muss doch auch irgendwo nette Eltern geben. Mein richtiger Vater hätte mich bestimmt nie terrorisiert, und wenn er noch leben würde, dann würde meine Mum so fröhlich und sorglos sein, wie sie früher war, und sie würde – nun ja, sie würde auch nicht dauernd so krank sein.

Wie sind denn deine Eltern? Haben die dich auch terrorisiert? Hast du mir deshalb das Gedicht empfohlen? Sorry, ich will wirklich nicht neugierig sein, aber ich hoffe echt, sie sind kein bisschen wie der Ton-Zerstörer. Und sowieso mache ich jetzt besser Schluss. Ich habe Michaela drüben in der Kinderabteilung gelassen, wo sie sich Winnie-Puuh-Bücher anschaut, und ich höre sie rufen: »Ferkel! Ferkel! Komm und iss deinen Honig!« Vielen, vielen Dank dafür, dass du mir gemailt und von dem Gedicht erzählt hast. Ich habe es in einer Gedichtsammlung gefunden, und die werde ich mir jetzt sofort ausleihen. Und jedes Mal, wenn ich traurig bin, werde ich es lesen und an dich denken.

Alles Liebe,

deine Freundin Georgie

PS: Darf ich dich denn jetzt meinen Freund nennen? Früher hätten wir uns noch auf Papier und so geschrieben, und die Leute hätten uns als Brieffreunde bezeichnet. Vielleicht könnten wir uns also Mailfreunde nennen?

Von: info@dylancurtland.com
An: georgieharris@hotmail.com
Betreff: Re: Wow und danke!!
Datum: Samstag, 22. Juli, 19:37

Liebe Georgie,

manchmal tun Eltern Dinge, die uns egoistisch und grausam erscheinen, aber in Wahrheit sind alle Erwachsenen im Herzen große Kinder – genauso verängstigt und verletzlich wie die Kinder, die sie herumkommandieren. Ich habe Glück, denke ich. Wie du hatte ich einen wundervollen Vater, und meine Mutter ist einfach einzigartig – schön, witzig und klug. Aber damit will ich nicht sagen, dass es zwischendurch nicht auch schwierige Zeiten gab. Darf ich dir eine kleine Hausaufgabe stellen? Ich will, dass du versuchst dahinterzukommen, warum der Ton-Zerstörer so ist, wie er ist. Denk an das Gedicht von Larkin und versuche herauszufinden, wie seine Eltern waren. Was könnte es sein, das ihn zu einem solchen Arsch macht?

Dein Mailfreund

Dylan x

Von: georgieharris@hotmail.com
An: info@dylancurtland.com
Betreff: Stief-Ärsche
Datum: Sonntag, 23. Juli, 11:45

Lieber Dylan,

oh mein Gott!! Zwei Mails von dir in nur zwei Tagen! Ich bin gerade bei Jessica, und sie hat mir erlaubt, ihren Laptop zu benutzen, während sie sich ihren Pony an den Spitzen pink färbt. Ich sitze auf ihrem Bett, und in ihrem Zimmer kommt man sich vor, als würde man mitten in einem gigantischen Marshmallow sitzen. Alles – von ihrem Bettbezug über den Teppich bis hin zu ihrem Föhn – ist pink. Sogar ihr Laptop ist pink! Ich habe Angst, wenn ich den irgendwo abstelle, finde ich ihn womöglich nicht mehr wieder!

Jessica hat heute Abend eine Verabredung mit einem Jungen aus der zehnten Klasse. Er heißt Jamie Phelps. Na ja, eine richtige Verabredung ist es eigentlich nicht, sondern eine Party bei Jamies Freund Bez, aber damit steht fest, dass er auch da sein wird, und sie hofft, dass etwas passiert. Jessica steht schon auf Jamie, seit wir auf die Ruislip Gardens High gekommen sind, und angeblich hat er letzten Donnerstag, als sie auf dem Flur vor dem Chemielabor an ihm vorbeigegangen ist, zu ihr hingesehen und »Hallo« gesagt. Jetzt ist sie also überzeugt, dass es die wahre Liebe ist. Jamie ist vermutlich der attraktivste Junge an der Ruislip Gardens – natürlich nur, wenn man auf Jungs steht –, ich persönlich ziehe Männer vor. Aber wie auch immer, Jessica hat ihrer Mum jedenfalls nicht gesagt, wo sie hingeht, denn ihre Mum mag es nicht, wenn sie zu älteren Jungs nach Hause geht. Sie sagt, die haben schlechten Einfluss auf sie und denken immer nur an das eine. Hmm, ich glaube, Jessica denkt selbst ziemlich viel an das eine. Sie redet ständig über Sex (zumindest wenn sie nicht gerade über die Tierkreis-Diät redet). Ihre guten Vorsätze fürs neue Jahr waren, vier Kilo abzunehmen und ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Wäre es nicht cool, wenn ihre Jungfräulichkeit so richtig schwer wäre – dann könnte sie beide guten Vorsätze auf einmal erfüllen! Na, wie auch immer, ihre Mutter glaubt jedenfalls, sie geht auf eine Party bei Kate Nummer eins (wir ziehen mit zwei Mädchen herum, die beide Kate heißen, also müssen wir ihnen Nummern geben, um Komplikationen zu vermeiden). Kate Nummer eins sieht toll aus – ein bisschen wie Cameron Diaz, aber das Problem ist, sie weiß es, wenn du verstehst, was ich meine. Und Kate Nummer zwei ist ein bisschen mehr wie ich. Sie hat auch dunkelbraune Haare, aber ihre sind kürzer und wirklich lockig. Okay, ich beeile mich jetzt mal besser, denn Jessica kann jeden Augenblick zurückkommen, und ich will nicht, dass sie deine Mails sieht, denn – nun ja, das ist ein bisschen kompliziert, aber sie heimst immer alle Aufmerksamkeit von den Jungen in unserer Schule ein, und es ist einfach schön, mal etwas für mich allein zu haben.

Ich habe über das, was du über deine Eltern und all das gesagt hast, nachgedacht und – oh nein, ich höre, sie kommt zurück!

G x

Von: georgieharris@hotmail.com
An: info@dylancurtland.com
Betreff: Stief-Ärsche, zweiter Teil
Datum: Montag, 24. Juli, 16:13

Lieber Dylan,

tut mir leid wegen Samstag – Jessica kam plötzlich zurück in ihr Zimmer gerannt und ist total ausgeflippt wegen ihrer Haare. Sie hat ein bisschen zu viel Farbe aufgetragen, und so waren schließlich nicht nur die Spitzen von ihrem Pony pink, sondern der ganze Pony! Ich weiß, es hört sich fies an, aber am liebsten hätte ich laut losgelacht, denn mit ihrem pinken Pony und ihren wasserstoffblonden Haaren sah sie total aus wie eins dieser ekligen Krabbenstäbchen, die sie immer isst. Ich wusste, ich durfte nicht lachen, also musste ich an etwas wirklich Trauriges denken, um mich abzulenken. Immer, wenn ich mich am Lachen hindern muss, denke ich an den Tag, an dem mein Vater gestorben ist und daran, wie das Gesicht meiner Mutter ganz grau wurde, als sie mir von dem Unfall erzählt hat. Er ist bei einem Motoradunfall auf der Autobahn gestorben. Nun ja, wenigstens ein Gutes kam dabei heraus – es bewahrt mich davor, in der Schule Ärger zu bekommen. Es ist nämlich so: Ich habe immer diesen fürchterlichen Drang zu kichern, wenn ich ausgeschimpft werde, obwohl ich weiß, dass ich damit die Sache milliardenmal schlimmer mache. Aber wenn ich daran denke, wie mein Vater da auf der Straße gelegen hat und neben ihm sein Motorrad als ein einziger Schrotthaufen und das Blut und so … es ist kaum zu glauben, wie schnell da das Lachen aufhört. Es ist ein bisschen so, als wenn man Wasser auf eine heiße Herdplatte gießt und sich das Ganze dann einfach zischend in nichts auflöst.

Gestern Abend habe ich es also geschafft, mir das Lachen zu verkneifen, und stattdessen habe ich Jessica von deinen Mails erzählt. Ich weiß, ich habe gesagt, ich würde das nicht machen, aber sie war so fertig wegen ihrer Haare, und ich dachte, das würde sie ein bisschen ablenken. Ich dachte, sie würde hin und weg sein, weil du, der weltberühmte Dylan Curtland, mir Mails schickst, die ja nun auf gar keinen Fall nur Spam sein können. Das Problem war, dass das ganze Drama mit ihren Haaren sie wirklich traumatisiert hatte, sodass sie überhaupt nicht hin und weg von deinen neuen Mails war. Im Gegenteil, sie hat gesagt, ich sei blöd, weil ich dir die ganze Zeit E-Mails schreibe, und ich sollte mir lieber mal ein echtes Leben anschaffen. (Du denkst aber nicht, dass ich blöd bin, oder? Wenn du das denken würdest, hättest du mir doch nicht geantwortet, stimmt’s?) Jessica kann manchmal ein bisschen so sein. Meine Mum sagt, sie ist eine verwöhnte kleine Madame, aber ich glaube, es liegt an dem Stress, den sie mit den Vorbereitungen für ihre künftige Karriere als Supermodel hat.

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