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Liebe x vier

Inhaltsangabe:

 

Er hat das Herz eines Heiligen, den Geist eines Philosophen und das Geschick des Teufels – Jake Bennet – alias Roger Roon.

Er stürzt meine Gefühle in ein Chaos, er erlaubt mir, so zu sein, wie es mir all die Jahre zuvor verboten war.

Durch ihn habe ich die Chance, einmal das Abenteuer zu spüren – etwas Unvernünftiges zu tun.

Dennoch werde ich Matt heiraten und in mein vorbestimmtes Leben eintreten, er gibt mir Halt – ihn liebe ich!

 

 

*** Der neue, herzzerreißende Liebesroman von

Any Cherubim ***

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gedicht

 

 

„Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten, glänzenden Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben und der köstlichste Geruch erfüllte die Luft. Er sah nichts als die blaue Blume und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als sie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte. Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung.ˮ

            Novalis: Heinrich von Ofterdingen

 

 

 

 

 

 

Kapitel 1

The One

Hannah

 

 

Eine New Yorker Vernissage hatte ich mir wirklich anders vorgestellt – Gäste, die in kleinen Grüppchen ihr Sektglas festhielten und mit fragenden Gesichtern die ausgestellten Bilder bestaunten. Ruhiges Gemurmel, vielleicht leise Musik. Zumindest hatte ich es so im Kopf, dicht gefolgt von der Vorstellung, dass dies ein Ort wäre, an dem man den künstlerischen Gedanken auf sich wirken lassen könnte.

Aber das hier hatte ich nicht erwartet! Dies war keine gewöhnliche Vernissage, sondern vielmehr eine Party. Laute Musik beschallte das Kunsthaus, Kellner mit freiem Oberkörper, nur bekleidet mit schwarzen langen Hosen, einer Fliege und weißen Handmanschetten, versorgten die Gäste mit Getränken und kleinen Häppchen. Die Damen trugen die tollsten Cocktail- und Abendkleider. Die Stimmung schien ausgesprochen gut. Für Lisa hatte ich mich in mein enges schwarzes Etuikleid und High Heels gezwängt und meine Haare auf große Lockenwickler aufgedreht. Ein wenig unwohl fühlte ich mich schon, so aufgebrezelt. Durch meine hohen Absätze brannten mir die Füße.

»Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?«, fragte ich Lisa, meine beste Freundin, verwundert. Ihr hatte ich es zu verdanken, heute Abend nicht gemütlich mit einer DVD und einem Becher Eiscreme auf dem Sofa zu liegen.

»Jetzt stell dich nicht so an! Ist doch eine nette Party. Tante Nancy weiß eben, wie sie ihre Gäste überrascht. Ihre Vernissagen sind nie langweilig.«

Noch bevor ich etwas erwidern konnte, zog sie mich in das Getümmel. Bestimmt hatten die Gäste den Anlass des heutigen Abends schon längst vergessen. Die Bilder wurden zwar von mehreren Spots angestrahlt, doch niemand schien sie zu beachten, obwohl die Creme de la creme der New Yorker Kunstszene zugegen war. Lisas Tante Nancy war Kunstliebhaberin, Galeristin und bot jungen Talenten eine Chance.

Heute feierte sie ihr Geschäftsjubiläum. Seit zwanzig Jahren war Nancy Hollister im Kunstgeschäft eine feste Größe und hatte sich im Laufe der Zeit einen Namen gemacht.

Einer der Oben-ohne-Kellner lief gerade an uns vorbei. Sofort nutzte Lisa die Gelegenheit und schnappte sich zwei Sektgläser. Und weil sie es gern übertrieb, fing sie an, einen ganzen Stapel der liebevoll angerichteten Snacks vom Tablett zu stibitzen. Erstaunt beobachtete der Kellner, wie sein Tablett immer leerer wurde und als Lisa bemerkte, wie unverschämt er dies fand, nahm sie ihm gleich das ganze Tablett ab. Sein Mund klappte auf, er wollte etwas sagen, doch man sah ihm deutlich an, wie er sich auf die Zunge biss und seinen Kommentar herunterschluckte.

Ich dagegen starrte sie vorwurfsvoll an ‒ wie konnte man so gierig sein?

»Was?«, versuchte sie sich zu verteidigen, als sie meinen tadelnden Blick bemerkte. »Ich habe den ganzen Tag noch nichts gegessen.«

Typisch Lisa! Wenn ihr Magen sie nicht mit lautem Knurren daran erinnern würde, dass er gefüllt werden wollte, dann würde sie ihn komplett vergessen.

Genüsslich stopfte sie sich den ersten Happen in den Mund und spülte ihn mit einem Schluck Sekt hinunter.

»Wo Tante Nancy wohl steckt?«, fragte sie mit vollem Mund. Unsere Blicke wanderten durch die Menge.

»Sie wird sich schon noch zeigen. Bestimmt hat sie alle Hände voll zu tun.«

Wir schoben uns durch die Menge zu einem kleinen Bistrotisch am Rande der Party. Von dort aus hatten wir eine bessere Sicht. Lisa verputzte ihre Häppchenration und kippte den Sekt in einem Zug hinunter. Zufrieden mit ihrer Mahlzeit, lächelte sie mich an. In ihrem aprikotfarbenen, kurzen Kleid leuchtete ihre gebräunte Haut golden. Ihre blauen Augen waren heute etwas kräftiger geschminkt als sonst, ihr Haar trug sie wie immer offen. Sie hatte von Natur aus wunderschöne Wellen und sah meist aus, als käme sie gerade vom Friseur. Ihre Wirkung auf Männer war ihr durchaus bewusst. Trotzdem war sie überzeugter Single. Bisher hatte sie mir nicht verraten, warum sie sich niemals auf einen Mann einließ.

»Da ist sie ja«, rief Lisa und winkte hektisch ihre Tante zu uns.

Nancy Hollister war eine sehr attraktive Frau und ihr tolles, rotes Kleid passte ausgezeichnet zu ihrem Typ. Sie wirkte wie Jane Fonda ‒ frisch, modern und sexy. Kaum hatte sie Lisa entdeckt, breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus.

»Na endlich! Wo habt ihr euch den ganzen Abend versteckt?« Sie begrüßte uns mit Küsschen.

»Schön, dass ihr endlich da seid. Mischt euch ein wenig unter die Leute und habt Spaß. Heute sind attraktive Männer da.« Sie zwinkerte Lisa zu, die jedoch genervt von dem Thema ihre Augen verdrehte.

»Tante Nancy, bitte«, stöhnte sie. »Du weißt genau, dass ich nicht deswegen hier bin. Mit meinem Studium und meinem Job habe ich schon genug zu tun. Und Hannah wird sehr bald heiraten, wie du weißt.«

»Na und! Was hast du gegen ein wenig Spaß? Außerdem ist Hannah noch nicht unter der Haube!« Sie lachte und zwinkerte mir vielsagend zu.

Eigentlich mochte ich Lisas Tante sehr, trotz ihrer eigenwilligen Ansichten über die Ehe. Sie selbst war bisher vier mal verheiratet. Keine der Ehen hatte länger als drei Jahre gehalten. Seit fünf Jahren war sie nun Single und Lisa der Meinung, dass dies für Tante Nancy und die Männer am besten war.

»Tanzt, Mädchen, und habt Spaß. Kein Mann ist es wert, auf alles zu verzichten. Das Leben ist zu kurz, um sich für jemanden aufzusparen.« Sie tätschelte Lisa, nahm sich gut gelaunt ein Glas Martini von einem Tablett und ging.

Kopfschüttelnd sah Lisa ihr hinterher.

»Meine Tante! Es ist mir ein Rätsel, wie sie und meine Mutter Geschwister sein konnten. Sie sehen sich weder ähnlich, noch haben sie irgendetwas gemeinsam. Manchmal frage ich mich, ob Tante Nancy als Baby vertauscht wurde.«

Kichernd trank ich noch einen Schluck und spürte, wie der Alkohol meinen Körper langsam wärmte.

Ich wusste, was Lisa damit meinte. Nancy genoss ihr Leben in vollen Zügen. Sie verzichtete auf nichts, ging offen mit ihren Bedürfnissen und Plänen um. Sie war selbstständig und unabhängig. Sie scherte sich einen Dreck darum, was andere von ihr hielten, und sie ließ sich niemals vorschreiben, was sie zu tun hatte. Sie musste keine Erwartungen erfüllen. Insgeheim bewunderte ich sie, aber das konnte ich niemals zugeben.

Durch meine Verlobung mit Matt war mein Schicksal klar vorgegeben. Bald würde ich die Frau von Matt Baldwin sein. Er war der Sohn von John Baldwin, dem Firmeninhaber von Baldwin Industries. Nach unserer Hochzeit sollte er die Firma übernehmen, weil sein Vater sich aus dem Geschäft zurückziehen wollte.

»Wie schafft es deine Tante, dass sie sämtliche Aufmerksamkeit auf sich zieht? Sieh dir das an!«

Alle Augen waren auf Nancy gerichtet und man merkte, wie sehr sie es genoss. Sie blieb bei einer Herrenrunde stehen und war sofort in eine Unterhaltung vertieft.

»Tja, ich würde sagen, meine Tante ist noch dick im Geschäft!«, meinte Lisa grinsend.

Eine Weile betrachtete ich die Männer und mir fiel auf, wie sie ihr an den Lippen hingen. Es waren bewundernde Blicke, aber auch solche voller Erwartungen und Hoffnungen. Natürlich spürte Nancy dies und genoss es, wie die Männer um ihre Gunst buhlten.

»Oh, da ist Mrs. Mundist. Ich begrüße sie eben, bin gleich wieder da«, sagte Lisa und schon rauschte sie davon und ließ mich allein an dem Bistrotisch stehen.

Ich nutzte die Gelegenheit, um meinen Sekt gegen Wasser einzutauschen. Die zwei winzigen Schlucke, die ich davon getrunken hatte, bereiteten mir Unbehagen. Ich trank wenig Alkohol, weil ich ihn einfach nicht vertrug. Er brachte eine Seite von mir zum Vorschein, die mich Dinge sagen oder tun ließ, für die ich mich hinterher meistens schämte. Also hatte ich schon vor langer Zeit beschlossen, so wenig wie möglich von dem Zeugs zu mir zu nehmen.

Ich leerte das halbe Glas Wasser in einem Zug und hoffte, damit den Sekt in mir verdünnen zu können. Jetzt fühlte ich mich schon viel besser. Trotzdem blieb eine gewisse Unbehaglichkeit, ich hatte das Gefühl, dass mich jemand beobachtete. Mein Blick wanderte durch die Menge, bis ich schließlich auf das Augenpaar traf, welches mich ungeniert musterte.

Es waren braune, warme Augen, die mich für einen Moment gefangen hielten. Der Typ stand bei Nancy und hatte seine Aufmerksamkeit auf mich gerichtet. Wie die meisten trug er einen schwarzen Anzug. Sein Haar war dunkel und kurz. Nur einzelne Strähnen hingen ihm lässig ins Gesicht. Breite Schultern und ein leicht gebräunter Teint ließen ihn wie einem Magazin entsprungen erscheinen.

Als sich unsere Blicke trafen, zuckte ein Grinsen um seine vollen Lippen. Sein Blick war intensiv und irgendwie hatte ich den Eindruck, ihn schon einmal gesehen zu haben. Ungeniert wanderten seine Augen frech über meinen Körper. Wie unverschämt! Empört, über seine aufdringlichen Blicke, wandte ich mich ab und war froh, als Lisa wieder zurückkam. Sie nahm sich ein weiteres Sektglas und sah zu ihrer Tante.

»Deine Tante ist schon eine sehr ungewöhnliche Frau.«

»Weißt du, Hannah, sie war noch nie anders. Sie hat schon immer das getan, worauf sie Lust hatte, und hielt nicht viel von den gesellschaftlichen Regeln.«

»Also, ich mag sie. Sie hat zwar ihre Eigenarten, ist aber trotzdem erfolgreich in ihrem Job. Und sie ist frei ‒ ihr eigener Chef. ... Sieh sie dir an, sie ist immer noch sehr begehrt.«

Der Typ mit den braunen Augen legte gerade seinen Arm um ihre Schultern, als wären sie ein Paar.

»Und wie man sieht, hat sie sich für diesen Abend schon entschieden«, sagte ich in einem abfälligen Ton. Solche Typen konnte ich ja überhaupt nicht ausstehen – machten sich erst an die Gastgeberin ran, und falls diese nicht einwilligen würde, suchten sie im Saal eben schon mal ein neues Opfer – nur so für den Fall, damit man nicht allein nach Hause gehen musste.

»Oh, das ist ja ... Tja, meine Liebe, mit Geld kann man einiges kaufen.«

Verdutzt sah ich zu Lisa. »Kaufen? Wie meinst du das?«

Um Lisas Mundwinkel huschte ein wissendes Lächeln. »Na, du weißt schon. Nancy bucht sich Männer für besondere Anlässe und gewisse Stunden ‒ wenn du verstehst, was ich meine.«

Was? Schockiert sah ich zu Nancy und hielt die Luft an. »Sie kauft sich die Männer? Aber ... das hat sie doch gar nicht nötig! Sie könnte doch jeden haben!«

»Natürlich hat sie das nicht nötig. Aber so hat sie alles unter Kontrolle und muss niemandem Rechenschaft ablegen.«

Mein Mund klappte auf und mir wurde bei diesem Geständnis ganz heiß. Deutlich spürte ich, wie sich meine Wangen färbten. Oh mein Gott! Wie bekam ich jetzt dieses Bild wieder aus meinem Kopf? Das war ... eklig. Fassungslos huschte mein Blick wieder zu Nancy und ihrem gebuchten und bezahlten … Mann.

»Sag bloß, du wusstest nicht, dass Nancy sich Männer bucht!«

»Woher sollte ich das wissen, Lisa? Ich bin verlobt und organisiere gerade meine Hochzeit, wie du weißt. Hallo? Du bist meine Trauzeugin, schon vergessen? Ich kümmere mich nicht um, …«

»Ja ja, ist ja schon gut. Hier in New York ist vieles anders als im prüden Richland. Du solltest dich endlich daran gewöhnen! Aber nicht dass du jetzt denkst, Tante Nancy bucht die alle. Sie ist Stammkundin bei „The One“.«

»Bei wem?«

»Jetzt sag bloß, du hast auch noch nie etwas von dem Mann gehört, der den Escort neu erfunden hat?«

»Nein! Woher auch? Ich habe noch nie einen Mann … stundenweise gekauft.«

Lisa lachte und rückte näher zu mir. »Der Typ, der aussieht wie ein junger Gott, das ist der König des Escort-Services mit dem gewissen Extra«, flüsterte sie mir zu. »Roger Roon hat den besten Ruf in der Damenwelt. In den Kreisen meiner Tante nennt man ihn „The One“.«

Ich konnte nicht anders, ich musste ihn einfach anstarren. Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter, wenn ich an seinen Blick von vorhin dachte. Die Vorstellung, dass er sich bezahlen ließ, stieß mich ab, dennoch strahlte er eine gewisse Anziehungskraft aus. Es war nicht nur sein außergewöhnlich gutes Aussehen, sondern auch sein herausfordernder Blick, der mich verunsicherte. Und dieser merkwürdige Name passte überhaupt nicht zu ihm.

»Hey, starr ihn nicht so an. Er sieht schon eine Weile zu uns.« Lisa stupste mich warnend an. Mist! Schnell trank ich einen Schluck Wasser, um die Bilder von Nancy und Roger in meinem Kopf wieder loszuwerden.

»Jetzt schau nicht so betroffen. Viele Frauen buchen Escorts und ich habe gehört, der Sex soll fantastisch sein.« Den letzten Teil flüsterte Lisa mir ins Ohr. Ich schloss meine Augen und versuchte krampfhaft, das Kopfkino wieder auszuschalten.

»Jetzt krieg dich wieder ein. Du kannst mir glauben, Nancy ist bei „The One“ in den allerbesten Händen.«

Sie grinste mich frech an und rückte nochmals näher. »Du solltest es vielleicht auch mal ausprobieren, Hannah. Für ein New Yorker Mädchen, bist du einfach viel zu prüde und irgendwie passt das so gar nicht zu dir.«

»Spinnst du? … Ich werde bald heiraten und außerdem bin ich mit Matt glücklich.« Was glaubte sie eigentlich, was sie mir da vorschlug? Ich würde Matt niemals betrügen, und warum sollte ich das tun?

»Er wäre schon eine Sünde wert!« Ihr verträumter Blick ließ mich fassungslos mit dem Kopf schütteln.

»Können wir bitte das Thema wechseln?«

»Wieso ist dir das unangenehm? Genau das ist es, was Tante Nancy vorhin gemeint hat. Du solltest Spaß haben, bevor du dich für immer an Matt bindest. Vielleicht würde dir ein Seitensprung ganz gut tun!«

»Jetzt reicht es aber! Du bist meine Freundin und solltest so etwas nicht sagen.« Mir wurde ganz übel bei dem Gedanken. Ich und ein Seitensprung? Gott bewahre! Ich liebte Matt. Ich war glücklich mit ihm. Warum sollte ich das alles aufs Spiel setzen?

»Ich glaube, du hast zu viel getrunken. Du redest wirklich Blödsinn.« Das war die einzige Erklärung, die ich für Lisas Vorschlag hatte.

»Ach, komm schon! Sei kein Spielverderber. Hast du noch niemals daran gedacht, Sex mit einem anderen Mann zu haben?«

Meine Güte, was war nur in sie gefahren. Sie kannte Matt doch auch. Sie war genauso mit ihm befreundet wie mit mir. Was würde er wohl denken, wenn er wüsste, was sie mir gerade vorschlug?

»Lisa, bitte! Hör auf damit! Du weißt genauso gut wie ich, dass ich so etwas nie machen würde.«

»Was würdest du nicht machen, Hannah?«, hörte ich Nancys Stimme hinter mir.

Ertappt! Erschrocken wandte ich mich um. Meine Wangen färbten sich verräterisch und ein dicker Kloß setzte sich in meinem Hals fest. Ich brauchte gar nicht erst aufzusehen, ich wusste, dass Nancy und dieser „The One“ mich fixierten. Oh mein Gott, wie peinlich! Das hatte mir gerade noch gefehlt. Die angespannte Stille war unerträglich.

»Oh, ähhh ... ich ... nichts!«, stotterte ich und hoffte inständig, der Erdboden würde sich auftun.

»Hannah meinte, dass sie niemals so kreativ sein könnte wie die Künstler hier«, rettete mich Lisa und zeigte auf ein Bild, das in unserer Nähe an der Wand hing. Obwohl es ein schlechter Versuch war, schien Nancy mit der Antwort zufrieden und begann, über den Maler zu erzählen. Angestrengt versuchte ich, mich auf ihren Mund zu konzentrieren, versuchte, seinen Blick, der immer noch ungeniert auf mir ruhte, zu ignorieren. Ich traute mir selbst nicht über den Weg. Es kostete mich viel Kraft, ihn nicht anzusehen. Er würde sofort wissen, dass er unser Thema gewesen war.

»Entschuldigt mich bitte!«, brachte ich gerade noch rechtzeitig hervor, schaffte es, mich aus der peinlichen Situation zu stehlen, und lief schnell zur Damentoilette. Verdammt! Wenn Matt hier wäre, wäre mir das bestimmt nicht passiert. Am Waschbecken kramte ich mein Handy aus der Handtasche und sah nach, ob mein Verlobter mir eine Nachricht hinterlassen hatte. Er war erst seit zwei Tagen auf dieser überaus wichtigen Geschäftsreise, die mehrere Wochen dauern würde. Eigentlich war ich gewohnt allein zu sein, schließlich war er sehr viel unterwegs. Aber ausgerechnet jetzt wünschte ich mir, er würde anrufen. Ich brauchte das Gefühl von Beständigkeit, welches nur er mir geben konnte.

Keine Anrufe in Abwesenheit und auch keine SMS. Ich hielt meine Hände unter den kalten Wasserstrahl und legte sie zur Abkühlung auf mein Genick. Meine innere Hitze verschwand und langsam beruhigte ich mich wieder.

Erst jetzt bemerkte ich, dass ich nicht allein auf der Damentoilette war. Als ich das Handy wieder zurück in die Tasche steckte, wurde ich unfreiwillig Zeugin eines intimen Gesprächs. Zwei Damen unterhielten sich über ihre Kabinen hinweg.

»Ich frage mich wirklich, wie Nancy an Rogers Nummer gekommen ist. Wie man hört, bekommt die nicht jede. Dabei habe ich schon alles versucht.«

»Du bist nicht die Einzige, Carla. Aber soweit ich weiß, sucht er sich seine Kundinnen aus, und ist dabei sehr wählerisch.«

»Eben! Ich frage mich, was Nancy hat, was ich nicht zu bieten hätte. Ich bin viel jünger und mein Körper ist um einiges knackiger, als ihrer.«

»Vielleicht zahlt sie besser?«

»Dass ich nicht lache! Ich würde Roger das Doppelte zahlen.«

»Tja, meine Liebe, auch wenn es dir nicht passt, aber Nancy muss etwas an sich haben, was ihm gefällt. Außerdem kann er es sich leisten. Niemand in seiner Branche kann mit dem Service mithalten, den er bietet. Er macht seinem Spitznamen alle Ehre. Er ist eben „The One“.«

»Ach, was weißt du schon, Bea? Ich werde ihn schon noch bekommen. Darauf kannst du wetten.«

Ich stöhnte leise und schloss genervt meine Augen. Mein Magen rebellierte. Gab es denn heute Abend kein anderes Thema mehr? Ich trocknete meine Hände ab und sah zu, dass ich schnell die Damentoilette wieder verließ. Ein Gigolo eroberte sämtliche Frauenherzen – wie romantisch!

Immer noch stand er mit Nancy bei Lisa. Angeregt unterhielten sie sich. Na super! Ich wollte nach Hause. Noch mal würde ich diese Situation nicht ertragen.

Ich verlangsamte meine Schritte, als ich in die Kunsthalle zurückkehrte.

»Da bist du ja. Alles in Ordnung?« Lisa kam auf mich zu und sah mich besorgt an. Nancy und ihr Begleiter mischten sich unter die anderen Gäste, was mich erleichtert aufatmen ließ.

»Ja, mach dir keine Gedanken.«

»Er hat mitbekommen, dass du über ihn gesprochen hast«, flüsterte sie. »Aber keine Sorge, ich habe etwas passendes als Ausrede gesagt.«

Lisa wusste, wie peinlich mir das alles war. Lächelnd hakte sie sich bei mir unter und führte mich zu unserem Tisch zurück. Dabei kam mir der Gedanke, dass ich lieber nicht wissen wollte, was sie sich ausgedacht hatte.

»Komm, lass uns noch einen Drink nehmen, und dann führe ich dich zu dem Highlight des Abends. Es soll wirklich großartig sein«, sagte Lisa, weil sie genau wusste, dass das Thema „The One“ für mich endgültig erledigt war.

»Ich würde jetzt lieber nach Hause gehen!«

»Och, komm schon, Hannah. Dich und mich erwartet doch zu Hause nichts. Wir sind noch jung, beide heute Nacht allein und sollten dies ausnutzen und Spaß haben«, bettelte sie und sah mich mit ihren blauen Augen wie ein kleines Hündchen an. Sie wusste genau, dass sie mich so überreden konnte, und schob zur Verstärkung ihre Unterlippe schmollend hervor. Damit hatte sie es schon immer geschafft, mich zum Lachen zu bringen. Ich seufzte und erklärte mich einverstanden, noch zu bleiben.

»Ich hole uns noch schnell etwas zu trinken«, sagte sie freudestrahlend und machte sich auf den Weg zur Bar.

 

Kapitel 2

Das beste Stück

Hannah

 

Bisher war alles in meinem Leben nach Plan verlaufen. Ich lief, wie man so schön sagte, immer in der Spur. Die rebellische Pubertät, von der viele Eltern erzählten, blieb bei mir aus. Zumindest hatte ich mit meiner Mutter wenig Streit wegen der Uhrzeiten, zu denen ich abends zu Hause sein musste, oder wegen der Erlaubnis, auf eine Party zu gehen gehabt. Damals war ich eher das schüchterne Mädchen gewesen, das gern im Haushalt half und sich aus Jungs und Partys nichts machte. Das änderte sich auch nicht, als ich weit weg von zu Hause auf dem College war. Ich lernte zwar Matt kennen, doch unsere Liebe wuchs ganz langsam. Wie oft hatte meine Mutter mir haarsträubende Geschichten von Nachbarskindern erzählt, die völlig betrunken von der Polizei aufgegriffen worden waren. Sie war froh, dass ich nicht so war. Nur manchmal, wenn ich abends in meinem Bett lag, wünschte ich mir insgeheim, dabei gewesen zu sein. Doch niemals durften diese Gedanken einen Weg aus meinem Kopf finden.

»Entschuldigen Sie, Nancy hat uns gar nicht vorgestellt.« Eine tiefe, dunkle Stimme ließ meine Gedanken verstummen. Ich sah auf und blickte in lebendige, braune Augen, die von vielen schwarzen, dichten Wimpern umrahmt wurden. Sie gehörten Roger Roon. Er überragte mich, um mehr als einen Kopf. Aus der Nähe sah er noch attraktiver aus und mein Kopf war plötzlich wie leergefegt. Oh Gott!

Was sollte das jetzt werden? Erwartete er jetzt etwa eine Entschuldigung? Auf die konnte er lange warten, denn schließlich konnte er nicht sicher sein, dass ich vorher von ihm gesprochen hatte. Stolz reckte ich ihm mein Kinn entgegen.

»Ich weiß, wer Sie sind«, gab ich ihm in einem abfälligen Ton zur Antwort.

Er ignorierte meine Bemerkung und streckte mir lächelnd seine Hand entgegen. Zögernd ergriff ich sie, weil ich gut erzogen war.

»Hannah, Hannah Parker«, sagte ich kühl und war überrascht, wie weich und gleichzeitig kräftig sich seine Hand anfühlte.

»Mein Name ist Roger Roon.«

Meine Güte, er sah unglaublich gut aus. Markante Wangen, volle Lippen und diese Augen … »Sie heißen doch nicht wirklich so, oder?«

Sein Lächeln wurde breiter und makellose weiße Zähne kamen zum Vorschein.

»Jeder hat sein Geheimnis, oder? Welches ist Ihres, Mrs. Parker?«

Was dachte sich dieser Kerl eigentlich? Und was sollte das hier werden? Eine plumpe Anmache?

»Sollten Sie sich nicht um ... Nancy kümmern?«, gab ich zickig von mir.

Er sah sich nach ihr um. Sie stand ein paar Meter von uns entfernt und bemerkte noch nicht mal, dass ihr gekaufter Freund sich gerade eine neue Buchung zu besorgen versuchte. Als könnte er meine Gedanken erraten, wurde sein Grinsen anzüglicher.

»Auch ich habe hin und wieder mal eine Pause. Darf ich Sie etwas fragen?«

Wenn er mich jetzt um ein Date bat, bekäme ich bestimmt einen Lachanfall. »Was möchten Sie denn wissen?«

Wieder fixierten mich seine Augen und er wartete einen Moment, bevor er mit seiner Frage herausrückte.

»Was ist eigentlich Ihr Problem?«

Gelassen sah ich ihn an, aber innerlich begann ich zu kochen und wusste gar nicht so recht, warum.

»Ich habe ein Problem? Wie kommen Sie denn darauf?« Nervös strich ich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht, weil ich nicht wusste, was ich mit meinen Händen tun sollte. Er schien meine Unsicherheit zu bemerken, was mich nur noch mehr verärgerte.

»Ich sehe es Ihnen an und ... ich konnte hören, was Sie eben zu Nancys Nichte sagten.«

Hitze stieg in meine Wangen. Seine Augen hielten mich gefangen, meine Stimme verabschiedete sich und der Kloß in meinem Hals wurde wieder dicker. Ich fühlte mich ertappt. Würde er mir jetzt eine Szene machen?

Doch stattdessen lächelte er und griff in seine Hosentasche.

Irritiert starrte ich auf seine Hand, die mir ein kleines Kärtchen entgegenstreckte.

»Hier, meine Karte. Sie sehen aus, als könnten Sie hin und wieder etwas Spaß gebrauchen, Hannah. Sie sind viel zu steif. Ich kann dafür sorgen, dass Sie sich entspannen, und stehe Ihnen jederzeit zur Verfügung. Ein Anruf genügt!«

Sein überhebliches Grinsen brachte mich so in Rage, dass mein Herz wild gegen meine Brust hämmerte. Am liebsten hätte ich ihn geohrfeigt. Der Typ hatte vielleicht Nerven! Fassungslos starrte ich ihn an, und bevor ich etwas erwidern konnte, machte er auf dem Absatz kehrt und verschwand in der Menge.

Mit seiner Karte in der Hand stand ich da und bekam meinen Mund nicht wieder zu. Was für eine Unverschämtheit! Was glaubte er eigentlich, wer er war? Wo war mir das letzte Mal so viel Arroganz begegnet?

Ich stand kurz davor wütend zu ihm zu gehen und ihm meine Meinung zu sagen, doch der Gedanke, Nancy die Party zu ruinieren, hielt mich zurück. Ich presste meine Lippen aufeinander, um das Beben in mir einzudämmen.

»Hier, dein Drink!« Lisa drückte mir ein Martiniglas in die Hand und entdeckte dabei die Karte, die ich verkrampft zwischen meinen Fingern hielt.

»Was ist das?«

Damit ich ihr diese Peinlichkeit nicht erklären musste, stopfte ich die Karte schnell in meine Handtasche. Damit war das dämliche Ding verschwunden.

»Äh, ... nichts! … Hat Nancy für heute Abend ein Programm oder so etwas Ähnliches?«, fragte ich, um sie abzulenken.

»Oh ja! Soweit ich weiß, soll um Mitternacht ein ganz besonderer Künstler kommen. Leider hat sie mir nicht verraten, wer es ist, aber seine Skulptur soll noch heute Abend für einen guten Zweck versteigert werden. Nancy unterstützt heute Abend ein Waisenhaus in Kambodscha. Willst du das geheimnisvolle Kunstobjekt mal sehen?«

Mir war alles recht, was mich auf andere Gedanken brachte, und so ließ ich mich von ihr durch die Menge schieben.

 

***

 

Lisa sah sich kurz um, öffnete eine Tür und wir huschten hindurch. In dem Raum war es dunkel, nur in der Mitte war ein großer, abgedeckter Gegenstand schemenhaft zu erkennen. Lisa knipste das Licht an. Verpackte Bilder und gut gefüllte Weinregale standen an der Wand. Durch die Besen und Putzmittel, die ebenfalls in einem Regal untergebracht waren, wirkte der Raum eher wie eine Abstellkammer. Jetzt konnte ich auch erkennen, was sich in der Mitte des Raumes befand – eine verhüllte Skulptur.

Lisa nahm eine Sektflasche aus dem Weinregal und öffnete diese.

»Trifft sich gut, meinen Martini hab ich leider schon ausgetrunken.« Der Korken knallte gegen die Decke und schäumend sprudelte der Inhalt zu Boden.

»Huch! Der Sekt hat es aber eilig«, kicherte sie.

»Pass auf, dass du das Kunstwerk nicht besudelst. Dürfen wir eigentlich hier rein?«, fragte ich ein wenig nervös. Gedämpft hörte ich die Musik von draußen und rechnete schon damit, dass die Tür aufgehen und man uns erwischen würde.

Lisa nahm einen Schluck aus der Flasche und hielt sie mir hin. »Natürlich dürfen wir nicht hier rein. Nancy wäre bestimmt sauer, wenn sie wüsste, dass ich dir ihre Überraschung schon vorab zeige. Aber was sie nicht weiß, macht sie nicht heiß, oder?«, gluckste sie.

Sie hatte eindeutig schon zu viel. So langsam machte sich ein Schwips bei ihr bemerkbar. Kopfschüttelnd nahm ich ihr die Flasche ab.

»Ich bin wirklich gespannt. Nancy hofft, mit der Skulptur eine Rekordsumme zu erzielen. Der Name des Künstlers soll den Preis in die Höhe jagen. Und es ist für einen guten Zweck. Die Presse wird morgen in allen Zeitungen davon berichten.« Sie trat zu dem Kunstwerk und zog vorsichtig an dem Tuch, sodass die Statue enthüllt wurde. Gespannt, was sich Besonderes darunter verbergen würde, hielt ich für einen Moment die Luft an.

Mit dem Tuch in der Hand betrachteten wir die Figur. Ein Mann, nackt, wie Gott ihn geschaffen hatte, stand auf einem kleinen Podest. Die Skulptur bestand aus einem glatten, weißen Material, welches an weißen Kalkstein erinnerte. Die Muskeln und Sehnen hatte der Künstler gut herausgearbeitet. Kräftig, stark und doch sehr fein. Den rechten Arm streckte er von sich und zeigte das Peace-Zeichen. Es erinnerte mich an Michelangelos David, wobei das Original noch viel genauer und detailreicher war.

Lisa nahm mir die Flasche aus der Hand und trank einen großen Schluck. So langsam hatte ich den Eindruck, wir sollten das Ding wieder abdecken und verschwinden.

»Komm, lass uns gehen.«

»Warte noch, ... hicks, ich will mir noch seinen Hintern ansehen«, sagte sie. Gerade, als sie um die Sektpfütze einen großen Ausfallschritt machen wollte, rutschte sie aus. Ich sah sie schon im Geiste auf die Skulptur fallen, hielt sie am Ellenbogen fest, was zur Folge hatte, dass ich selbst ins Straucheln geriet. Um mich noch irgendwie abzufangen, hielt ich mich reflexartig am Nächstbesten fest, was ich zu fassen bekam. Es knackte. Ehe ich begriff, was genau geschah, fielen Lisa und ich zu Boden. Die Statue wackelte gefährlich und ich hielt den Atem an. Tausend Stoßgebete schickte ich zum Himmel, in der Hoffnung, dass das Schlimmste nicht eintreffen würde. Wir hatten Glück im Unglück – das Kunstwerk blieb stehen. Doch als Lisa zu mir schaute und sah, was in meiner Hand lag, prustete sie lauthals los.

Verdammter Mist! Da lag der Penis der Statue in meiner Hand.

»Ich finde das nicht witzig. Was machen wir jetzt? Lisa!« Ich stand auf und suchte fieberhaft nach einer Lösung. Eine Panikattacke bahnte sich an. Mir wurde heiß und kalt, wenn ich daran dachte, dass jetzt gleich die Tür aufgehen würde und Nancy ihr Highlight des Abends präsentieren wollte.

»Hilf mir doch! Wie soll ich das wieder hinbekommen? Gibt es hier so was wie einen Alleskleber?«, fuhr ich sie an und sah mich auf den Regalen um. Doch ich fand nichts, womit ich das Ding wieder ankleben konnte.

Plötzlich verstummte auch noch die Musik draußen und wir hörten Nancy durch ein Mikrofon zu ihren Gästen sprechen. Es war so weit – sie wollte das Kunstwerk präsentieren.

»Oh Gott! Lisa! Was sollen wir tun?«

Mein Herz klopfte und mein Blut geriet in Wallung. Das Ding in meiner Hand fühlte sich plötzlich wie eine tickende Zeitbombe an, die ich unbedingt loswerden sollte. Mit Lisa konnte ich nicht weiter rechnen, je mehr ich in Panik geriet, desto belustigter lachte sie. Mittlerweile war schon ihr Mascara verschmiert und Tränen vermischten sich mit ihrem Make-up. Die Tür öffnete sich, jemand kam herein. Ich blieb wie angewurzelt stehen und versteckte den abgebrochenen Penis hinter meinem Rücken. Ich hatte schon passende Worte im Kopf, die mir aber im Hals stecken blieben, als ich erkannte, wer den Raum betrat.

»Was macht ihr denn hier drin?« Seine tiefe Stimme ging mir durch und durch und ich kam mir wie ein kleines Schulmädchen vor, das beim Schwänzen erwischt wurde. Verräterisch reagierte mein Blut und schoss sogleich in mein Gesicht. Peinlicher konnte es jetzt nicht mehr werden. Selbst Lisa schien sich jetzt zusammenreißen zu können und augenblicklich verstummte auch ihr Lachen.

»Es war nicht ihre Schuld«, begann sie zu stammeln. »Ich bin ausgerutscht und Hannah wollte mir helfen, dabei ist sie ...«

Seine Augen blieben erst an Lisa hängen, dann sah er zu mir, und als er auf die abgebrochene Stelle an der Statue schaute, zog er erstaunt seine Stirn kraus.

»Nancy hat mich geschickt, ich soll die Statue rausschieben«, grinste er dämlich.

Endlich fand ich meine Stimme wieder »Ich hab nach etwas gesucht, womit ich ihn wieder ankleben kann, aber nichts gefunden.« Zumindest sollte er nicht denken, dass es mir egal wäre.

»Entweder ich bringe den Kerl ohne sein bestes Stück hinaus oder uns fällt auf die Schnelle noch etwas ein.« Roger trat zu dem Kunstwerk und nahm die Stelle näher in Augenschein. Lisa begann die Regale zu durchsuchen, in der Hoffnung, etwas zu finden, womit wir kleben konnten.

Roger starrte nachdenklich auf das Ding in meiner Hand, welches ich ihm entgegenstreckte. »Gehen Sie mit allen Männern so grob um?« Ein Schmunzeln huschte über seine Lippen und am liebsten hätte ich ihm Gift ins Gesicht gespritzt. Jetzt bereute ich es, nicht aus der Sektflasche getrunken zu haben. Ich wäre mutiger und hätte mich wahrscheinlich getraut, ihm eine patzige Antwort um die Ohren zu schmettern. Doch so schluckte ich meinen Ärger hinunter.

Er wartete auf eine Antwort von mir, und als diese nicht kam, schüttelte er grinsend den Kopf und griff in seine Hosentasche. »Sie sollten sagen, was Sie denken, Hannah.«

Er zog ein kleines Päckchen Kaugummi heraus. Er gab Lisa und mir einen. »Kauen!«, wies er uns an.

Was sollte das? Wir brauchten eine Lösung und keinen Kaugummi. Er schob sich gleich zwei Streifen in den Mund. Ich zögerte und versuchte, aus seinen Worten schlau zu werden. War ich so leicht zu durchschauen? Mit einer Handbewegung forderte er mich auf, schneller zu kauen.

Von draußen hörten wir Nancys Stimme, wie sie über den Künstler sprach und sein Projekt beschrieb, welches er mit dem Erlös unterstützen wollte.

Wir kauten alle andächtig und langsam dämmerte mir, was er vorhatte. Nein! Das würde nie und nimmer funktionieren. Zumindest würde es nicht lange halten.

Er hob seine Hand vor Lisas Mund und wartete, bis sie ihren Kaugummi direkt auf seine Handfläche spuckte. Ich zögerte, als er seine Hand vor meinen Mund hielt. Dabei sah er mir direkt in die Augen.

Eigentlich sollte ich ihm dankbar für seine Hilfe sein, doch mein Stolz hinderte mich daran. Gleichzeitig hielten mich seine Augen gefangen. Mir gefiel das warme Braun, es streichelte meine Haut und dennoch sorgte es dafür, dass ich mich unter seinem Blick klein fühlte.

Kaum sichtbar zog er seine Augenbrauen in die Höhe. Stumm forderte er mich damit auf, es meiner Freundin gleichzutun. Dabei widerstrebte es mir, überhaupt zu spucken.

Sein Grinsen wurde breiter, als ich meinen Kaugummi aus dem Mund nahm und auf seine Hand legte.

Jetzt ging alles sehr schnell und wir hörten, wie Nancy draußen schon nach dem Kunstwerk rief.

»Oh Gott! Schnell!«

Roger knetete die vier Kaugummis zusammen und nahm mir den Penis aus der Hand. Die klebrige Masse presste er auf das abgebrochene Ende.

»Los! Deckt die Statue wieder ab«, rief er uns zu. Lisa und ich hoben das Tuch auf und warfen es etwas ungeschickt darüber. Genau in dem Moment, als der Stoff die Skulptur wieder verhüllte, ging die Tür auf und zwei Kellner betraten den Raum.

Roger nestelte immer noch unter dem Tuch, ohne zu sehen, was er genau tat. Mit festem Druck presste er den Penis wieder an den Körper, in der Hoffnung, dass der Kaugummi das abgebrochene Stück halten würde. Die beiden Kellner traten näher und sahen uns verwundert an.

»Ihr könnt sie jetzt hinausbringen«, sagte Roger, bevor einer der beiden uns fragen konnte, was wir hier zu suchen hatten. Er löste die Rollen und mit klopfendem Herzen sah ich zu, wie die perplexen Kellner das Kunstwerk aus dem Raum schoben.

»Ich weiß zwar nicht, ob es funktionieren wird, aber einen Versuch war es wert.«

»Danke, Roger. Das war knapp! Und Sie meinen das hält?« Lisa lächelte ihn honigsüß an. Sie war nervös, das sah ihr gar nicht ähnlich. Seit wann löste ein Mann Nervosität bei ihr aus?

»Keine Ahnung, vielleicht für ein paar Minuten. Wir können nur hoffen, dass das gute Stück die Versteigerung übersteht«, meinte er und bedeutete uns mit einem Wink, den Raum zu verlassen.

Unter tosendem Applaus wurde das Objekt in die Mitte der Halle gebracht. Die Gäste bildeten um Nancy und das Kunstwerk einen Kreis.

Mein Magen zuckte nervös und ich hatte Mühe, das Zittern meiner Hände zu unterdrücken.

»Es wird schon schiefgehen«, kicherte Lisa neben mir leise. Sie fand es immer noch total lustig und hatte nicht die geringste Angst, dass wir dafür verantwortlich gemacht werden könnten. Ich durfte gar nicht darüber nachdenken, was Matt dazu sagen würde, wenn er es erfuhr. Da bin ich einmal ohne ihn unterwegs und dann passierte gleich solch eine Katastrophe.

 

 

Kapitel 3

Peinlichkeit hoch zehn

Hannah

 

»Liebe Freunde, jetzt kommen wir endlich zu dem Stück, das ich euch wirklich ans Herz legen möchte. Der geheimnisvolle Prominente ist heute Abend unter uns. Lange Zeit behielt er seine Leidenschaft für sich und nun will er sich ganz offiziell als Künstler vorstellen. Er ist euch allen bekannt als ein Mann, der nicht nur mit großen Reden viel Aufmerksamkeit erlangt hat, sondern auch durch seine Taten. Seit vielen Jahren unterstützt er unser Projekt für junge, aufstrebende Künstler. Bitte begrüßt mit mir den amtierenden Gouverneur unseres Staates, Dave Snyder.«

Tosender Applaus und Blitzlichtgewitter setzten ein. Erst jetzt fielen mir die Sicherheitsleute auf, die sich in der Halle befanden. Die Gäste reckten neugierig ihre Köpfe, sodass Lisa und ich ihn nicht sehen konnten. Selbst auf Zehenspitzen konnte ich in der Mitte neben Nancy nur sein graues Haar erkennen.

»WOW!!! Dave Snyder! Damit hatte ich nicht gerechnet.« Lisa drängte sich zwischen den Gästen durch, um wenigstens einen kurzen Blick auf den Politiker zu erhaschen. Die eingeladenen Journalisten riefen ihm ein paar Anweisungen zu, wie er in die Kamera zu lächeln hatte. Während Nancy dem Gouverneur ein paar Fragen stellte, sah ich mich nach Roger um. Er hatte vor uns den Lagerraum verlassen und seitdem hatte ich ihn nicht mehr gesehen. Bestimmt stand er in Nancys Nähe. Na ja, eigentlich konnte es mir auch egal sein.

Ein Trommelwirbel dröhnte laut aus den Lautsprechern. Jetzt war der Moment gekommen. Die Skulptur wurde enthüllt. Mein Mund war vor Nervosität ganz trocken. Ich schloss meine Augen und versuchte, anhand der Reaktionen der Gäste herauszuhören, ob unser Missgeschick verborgen blieb. Lautes Lachen, Empörung und das Knipsen vieler Kameras drangen zu mir. Jemand zog mich zwischen den Gästen hindurch.

»Hannah, sieh nur!«, rief Lisa mir zu, während ich einigen Gästen ein paar entschuldigende Worte wegen meines Vordrängelns zurief.

In Lisas Gesicht spiegelte sich große Begeisterung, aber auch Verwirrung. Ich folgte ihrem Blick und da sah ich den Skandal, der sich in den nächsten Tagen durch die gesamte Presse ziehen würde. Der Gouverneur schien erst nicht zu verstehen, was die Gäste so in Aufruhr versetzte. Nancy, die eine der Ersten gewesen war, die die Panne entdeckt hatte, blieb ruhig und ich glaubte sogar, Belustigung in ihrem Gesicht erkennen zu können.

Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt. Oh Gott! Wie konnte das nur passieren? Ich war nicht fähig zu reagieren, ich starrte auf den Penis, der wie eine Eins vom Körper abstand. Er sah aus, als wäre er voll erigiert. Stoßweise entwich mir mein Atem und ich konnte keinen klaren Gedanken fassen.

»Das ist ja pornografisch«, hörte ich jemanden sagen.

»Und das von einem Politiker!«, sagte eine andere Stimme. Zwischen dem Gelächter und Getuschel der Leute wurde mir schlagartig klar, warum sich dieser sogenannte „The One“ einfach aus dem Staub gemacht hatte.

Damit war der Skandal perfekt und vielleicht Nancys guter Ruf dahin. Oh, mein Gott! Wir sollten irgendetwas tun. Nur was?

Mein schlechtes Gewissen kämpfte gegen diese Peinlichkeit an. Sollte ich mich stellen und das Missgeschick beichten? Vor all den Menschen und der gesamten Presse? Mir wurde schlecht, wenn ich an die Schlagzeilen dachte.

»Verlobte des begehrten Junggesellen Matt Baldwin in Pornoskandal verwickelt.«

Was würde Matt nur von mir denken und was hätte das für Nancy, Dave Snyder und das Unternehmen von Matts Vater für Konsequenzen? Mir brach der Schweiß aus und in Gedanken verfluchte ich diesen Gigolo. Was sollte ich nur tun? Mit geschlossenen Augen versuchte ich, eine Entscheidung zu treffen.

»Entschuldigen Sie, Gouverneur, liebe Nancy und verehrte Gäste.«

Ich kannte diese Stimme und öffnete sofort meine Augen.

»Ich glaube, ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig.« Während Roger Nancy das Mikrofon aus der Hand nahm und ihr zuzwinkerte, wandte er sich der Presse und den Gästen zu. Dabei lief er zu der Skulptur und löste den Penis. Der Kaugummi zog Fäden, was die Menge tuscheln ließ. Doch er ließ sich davon nicht stören und setzte das Genital der Skulptur in seiner ursprünglichen Form wieder an – ruhig und völlig gelassen.

»Bevor wir das Kunstwerk von Gouverneur Snyder zu Ihnen bringen konnten, war ich einen Moment unachtsam und stieß ausgerechnet gegen … dieses wertvolle und gute Stück. Dabei brach es ab.« Die Leute kicherten. »Ich entschuldige mich in aller Form bei Ihnen, Mr. Snyder, und auch bei dir, Nancy. Nichtsdestotrotz sollte dieser kleine Unfall nicht im Vordergrund stehen, sondern der Grund, warum der Gouverneur uns dieses Kunstwerk zur Verfügung stellt. Es sind die Kinder, denen wir mit dem Geld ein Lächeln ins Gesicht zaubern wollen. Deshalb biete ich als Anfangsgebot 10.000 Dollar. Wer bietet mehr?« Ein Raunen ging durch die Menge, bis schließlich jemand anfing zu klatschen und die Gäste laut applaudierten.

Nancy war diejenige, die als Erste ihre Fassung wiedererlangte.

»Wow, Roger! Das ist dein Applaus.« Sie lächelte ihn an und schon wurde aus der Menge ein neues Gebot gerufen. Damit war die Versteigerung in vollem Gange.

»Er ist ein Held. Anders kann ich es nicht sagen. Er hat dich wirklich gerettet und aus allem herausgehalten. Du solltest dich bei ihm bedanken«, sagte Lisa, die mich aus der Masse der Leute führte.

»Ich? Was glaubst du, warum mir das passiert ist? Das Ding wäre niemals abgebrochen, wenn du ...« Ich brach mitten im Satz ab, weil ich keine Lust hatte, mit ihr darüber zu streiten. Im Grunde hatte sie ja recht. Mindestens ein Dankeschön sollte ich über meine Lippen bringen.

Wir sahen dem Treiben noch eine Weile zu. Der Preis war schnell in die Höhe gestiegen und es war kein Ende in Sicht.

Lisa und ich versuchten, Roger in der Menge auszumachen. Doch er schien wie vom Erdboden verschluckt zu sein.

»Lass uns noch irgendwo auf den heutigen Abend anstoßen.«

»Nein, ich will nach Hause. Für heute Abend habe ich wirklich genug.« Meine Füße brannten und ich sehnte mich nach meinem Bett. Schließlich gab Lisa nach. Wir verabschiedeten uns nicht von Nancy. Sie hatte jetzt sowieso keine Zeit. In Gedanken wünschte ich mir, dass die Versteigerung ein großer Erfolg werden und die Presse diesen Vorfall schnell vergessen würde.

Tief atmete ich die klare Sommerluft ein, während ich auf Lisa wartete, die sich noch von jemandem verabschiedete. Was für ein Abend! Und wie mutig von diesem Kerl. Ich sollte ihm wirklich danken.

»Und? Alles gut gegangen?«, hörte ich seine Stimme hinter mir. Abrupt drehte ich mich um. Da stand er. Lässig lehnte er an der Hauswand und rauchte eine Zigarette. Seine Fliege hatte er von seinem Hals entfernt und ein paar Hemdknöpfe geöffnet. Ich brauchte eine Weile, bis ich meine Stimme wiederfand.

»Oh ja, … ich denke, Sie haben den Abend gerettet.«

Er stemmte sich von der Hauswand ab und lief mir entgegen. Im Licht der Laterne blieb er mir gegenüber stehen. »Es war mir eine Ehre, Ihnen zu helfen.«

Sein Blick war sanft und dieses warme Gefühl breitete sich wieder in meinem Körper aus. Wie schaffte er es nur, mich immer wieder so in Verlegenheit zu bringen?

Ich nickte und kämpfte mit den Worten, die sich in meinem Kopf bildeten.

»So, wir können gehen. … Oh, Roger!« Lisa kam gerade zu uns. Sie hatte wirklich ein Talent, mir ständig dazwischenzufunken. »Das haben Sie großartig gemacht. Vielen Dank. Sie haben uns gerettet«, sagte sie.

Das Lächeln auf seinem Gesicht wurde breiter. »Keine Ursache! Ich hoffe nur, die Presse wird die Story nicht komplett ausschlachten. Außerdem war es ja mein Fehler. Ich habe ...«

»Papperlapapp!«, unterbrach sie ihn. »Wenn Sie nicht gewesen wären, hätten Hannah und ich nicht gewusst, wie wir das hätten erklären sollen. Stimmt´s, Hannah?« Mit ihrem Ellenbogen stieß sie mir in die Hüften, als dezente Aufforderung, ihn nicht wie ein Mondkalb anzustarren und endlich die richtigen Dankesworte hervorzubringen.

»Lisa hat recht! Sie haben uns gerettet. Vielen Dank!«

Sein Blick wanderte über mein Gesicht. »Gern geschehen!«, sagte er lächelnd. »Tja, dann … einen schönen Abend noch!«

»Danke, Ihnen auch. Und falls wir mal etwas für Sie tun können …!«, rief Lisa ihm noch zu, bevor ich sie endgültig mit mir zog.

Die Tage vergingen und ich war allein in unserem Appartement. Solange er in Los Angeles war, genoss ich es, mich mit einem Buch ins Bett zu verkriechen, das Programm im Fernsehen allein bestimmen zu können und mal nicht auf irgendwelche Partys zu gehen. Matt war ein sehr unternehmungslustiger Typ. Er war mehr unterwegs als zu Hause und schleppte mich fast jedes Wochenende zu den Treffen seiner Freunde mit. Er kam aus einer wohlhabenden und erfolgreichen Unternehmerfamilie. Schon bald würde er die Firma seines Vaters übernehmen. Er liebte Golf, Tennis und Segeltörns, die er mit seinen Kumpels unternahm. Diesmal war er für mehrere Wochen in Los Angeles, um einen wichtigen Kunden zu gewinnen.

Ich dagegen war gern zu Hause und legte am Wochenende mal die Füße hoch, genoss die Ruhe und Stille. Nur Lisa versuchte jeden Abend, meine Pläne zu durchkreuzen. Noch bevor Matt fort gewesen war, hatte sie mir angedroht, mich überall hin mitzuschleppen, aus Angst, ich könnte vereinsamen. Bis auf Nancys Geschäftsjubiläum hatte ich es bisher geschafft, ihre Einladungen freundlich auszuschlagen.

Nancy und auch der Gouverneur kamen in den Presseberichten glimpflich davon. Die Storyjäger ließen es sich zwar nicht nehmen, in allen Einzelheiten über den Vorfall zu schreiben, aber die Berichte waren durchweg positiv. Ganze zwei Tage wurde in allen Zeitungen auf der Titelseite darüber berichtet. Endlich wurde es wieder ruhiger und Nancy erzählte Lisa, dass sie jetzt noch mehr Kunstinteressenten hatte als vorher. Das beruhigte mich und ließ mich nachts wieder besser schlafen.

 

***

 

Mit Matt telefonierte ich fast jeden Tag. Den Vorfall verschwieg ich ihm allerdings. Ich wollte es ihm in einer ruhigen Minute erzählen, wenn er wieder zu Hause war.

Ein paar Tage später saß ich auf dem Sofa. In meiner Hand hielt ich das alte Notizbuch meines Vaters. Liebevoll strich ich über den mit Ornamenten verzierten Ledereinband. Es war klein, etwas abgegriffen, aber noch gut erhalten. Mein größter Schatz, den ich immer bei mir trug, und das Einzige, was mir von meinem Vater geblieben war, zusammen mit dem silbernen Armkettchen. Das Kettchen war wirklich wunderschön gearbeitet. Eine Blüte, deren Blätter aus vielen kleinen blauen Topas-Herzen bestanden, zierte es. Bestimmt war das Schmuckstück sehr wertvoll.

Das Kettchen und das Notizbuch war sein Erbe an mich. Das Büchlein war gefüllt mit Versen, Gedichten und Poesie, die mein Vater für mich aufgeschrieben hatte.

Aus den Lautsprechern unserer Musikanlage ertönten die Klänge eines Orchesters, dessen klassische Musik mich jedes Mal völlig verzauberte. Mit 16 Jahren hatte ich dieses Faible entdeckt, was Matt überhaupt nicht verstehen konnte. Er hatte sich oft über die Sprüche und kleinen Gedichte lustig gemacht, die ich früher auf all meine Schulordner geschrieben hatte. Für mich klang in den Gedichten die Stimme meines Vaters mit und manchmal wünschte ich mir, dass die Menschen noch so miteinander sprechen würden. Es lag keine Hektik in den Versen, sie waren wohlüberlegt und hatten diese geheimnisvolle Kraft, die mir eine Gänsehaut bescherte. Es waren Worte voller Romantik und Wahrheit, die mich jedes Mal beflügelten. Die klassischen Stücke von Vivaldi, Debussy oder Frédéric Chopin unterstrichen diese Wirkung noch.

So verbrachte ich manche Abende mit den Träumen meines Vaters und begab mich im Geist in die Bilder hinein, die er mit Worten niedergeschrieben hatte. Leider gab es niemanden, der diese Leidenschaft mit mir teilte – außer meinen verstorbenen Vater. Und nur manchmal erbarmte sich Lisa und sah sich mit mir ein paar alte Filme an.

Heute würde wieder so ein Abend sein und ich war schon voller Vorfreude in eine Videothek gegangen und hatte mir mehrere DVDs mit Verfilmungen von Jane Austens Romanen ausgeliehen, von denen ich wusste, dass Lisa sie mochte.

In der Küche bereitete ich unser Abendessen vor. Ich freute mich, dass sie ihren heiligen Samstagabend mit mir verbringen wollte. Ein gemütlicher Mädelsabend mit einer romantischen DVD und Knabberzeug – das hatten wir schon lange mal wieder vorgehabt. Die Spaghetti waren gerade fertig, als es klingelte. Schnell öffnete ich die Tür und schenkte uns beiden schon einmal Wein ein.

»Hmmm, ... hier duftet es aber lecker!« Laut schloss sie die Eingangstür.

»Hi! Du kommst gerade rechtzeitig. Das Essen ist fertig.« Wir umarmten uns kurz, sie setzte sich und trank einen großen Schluck. »Was für ein Tag«, stöhnte sie und streckte müde ihre Glieder von sich. »Du kannst dir nicht vorstellen, was heute im Neil´s für Leute waren. Die merkwürdigsten Typen mit den verrücktesten Bestellungen. Ein Mann wollte nicht nur einen Kaffee, sondern auch gleich die ganze Maschine kaufen«, erzählte sie, während ich ihr eine Portion Nudeln auf den Teller schöpfte.

Lisa arbeitete schon lange in Neil´s Coffee Shop. Wir hatten uns dort kennengelernt. Sie schüttete mir damals versehentlich ein Glas Wasser über meine Hose, was ihr total peinlich war. Als Entschuldigung spendierte sie mir ein paarmal den Kaffee und seither waren wir Freundinnen. Eigentlich war sie so etwas wie eine Schwester für mich. Sie war ein ehrlicher und gleichzeitig verschwiegener Mensch. Sie sprach kaum über ihre Familie oder ihre Vergangenheit. Manchmal war sie traurig und nichts und niemand schaffte es dann, sie aus ihrem Tief zu reißen. Es war noch nie meine Art gewesen, sie zu drängen, sich mir anzuvertrauen, aber ich hoffte, dass sie mir eines Tages erzählen würde, was sie so oft in dunkle und tiefe Gedanken zerrte. Ich wusste, dass sie ein Geheimnis in sich trug.

Ansonsten war sie, neben Matt, der großartigste und lustigste Mensch, den ich kannte.

 

***

 

Nachdem Aufräumen der Küche holte ich die DVDs aus der Schublade, während Lisa sich schon über die Schüssel mit dem Popcorn hermachte, die ich auf den Wohnzimmertisch gestellt hatte.

»Was möchtest du zuerst ansehen?«, fragte ich und hielt ihr „Stolz und Vorurteil“, „Shakespeare in Love“ und „Notting Hill“ hin.«

»Oh, Hannah, nicht schon wieder! Ich kann ja deine Liebe für Jane Austen, Poesie und all den Kram verstehen, aber wie oft hast du diese Filme schon gesehen?«

»Ich weiß, ich übertreibe es, aber ich kann auch nichts dafür. Meine Hände greifen schon ganz automatisch nach diesen Hüllen, wenn ich vor dem Regal mit den Liebesschnulzen stehe. Ich liebe diese Filme einfach, du doch eigentlich auch?«

»Na gut, aber erst sehen wir uns „Notting Hill“ an und dann kannst du deinen „Shakespeare oder Stolz und Vorurteil„ von mir aus einlegen«, gab sie nach und verdrehte dabei genervt ihre Augen.

Während des Films sprachen wir kaum. Wir konnten es beide nicht ausstehen, wenn ständig jemand dazwischenquatschte. Nach circa neunzig Minuten lief der Abspann und Lisa hatte das Popcorn fast allein aufgegessen.

Mein Handy klingelte und sofort sprang ich auf, da ich wusste, wer so spät noch anrief. Ich freute mich auf Matts Stimme und verließ das Wohnzimmer. Diese paar Minuten wollte ich allein mit ihm verbringen. Freudestrahlend setzte ich mich auf unser Bett und erzählte ihm, wie sehr ich ihn vermisste. Doch darauf ging er nicht ein, was mich verwunderte. Es trübte ein wenig meine Freude und hinterließ ein enttäuschtes Gefühl in mir. Vermisste er mich nicht so sehr wie ich ihn? Das Gespräch hörte sich wie ein Pflichtanruf an und ehrlich gesagt machte ich mir Sorgen.

»Was ist los, Matt?«

»Nichts, was soll sein? Ich bin nur müde, das ist alles.«

»Das sagst du in den letzten Tagen oft. Geht es mit dem Vertragsabschluss nicht voran?«, hakte ich nach.

»Doch, doch. Die Chancen stehen gut, aber noch habe ich den Kunden nicht in der Tasche. Die Verträge sind noch nicht ganz sauber und wir ändern immer wieder die Satzungen. Aber ich bin zuversichtlich.«

»Vermisst du mich wenigstens?«

»Natürlich, das weißt du doch. Hat meine Mutter sich bei dir gemeldet?« Wieso sprach er im gleichen Atemzug von seiner Mutter? Wich er mir etwa aus? Ein Teil von mir wollte dem auf den Grund gehen, doch ein noch viel größerer Teil flüsterte mir besänftigend zu, ich solle es lassen. Vernünftigerweise gab ich nach. Schließlich hatte er angerufen – also dachte er wenigstens an mich.

»Nein, sie hat sich nicht bei mir gemeldet. Warum?«

»Ich weiß auch nicht, sie sagte, du solltest ihr die Gästeliste und deine Wünsche für die Hochzeitstorte zuschicken. Sie möchte alles mit dir durchgehen.«

Genervt schloss ich meine Augen. Ich wusste, dass Victoria die Fäden gern in der Hand hielt, und genau das störte mich. Am liebsten würde sie die Hochzeit für uns planen. Ständig hatte sie etwas an meinen Vorstellungen und Wünschen auszusetzen. Für meinen Geschmack lief die Veranstaltung ein wenig aus dem Ruder – zu viele Gäste, zu viele Ideen und viel zu viel Geld. Mehr als einmal hatte ich mich von Matt breitschlagen lassen, auf die Ideen seiner Mutter einzugehen. Nur einmal schaffte ich es, mich durchzusetzen. An diesem Tag war sie auf die wahnwitzige Idee gekommen, mich in ihr Brautkleid stecken zu wollen. Nicht dass sie an ihrem Tag nicht wunderschön ausgesehen hatte, aber ich stellte mir für mich etwas ganz anderes vor als einen Traum aus Spitze. Außerdem hatte ich schon ein Kleid angezahlt und würde es bald bei der Schneiderin abholen können.

Nur Matt war es zu verdanken gewesen, dass wir nicht gestritten hatten. Seine Mutter war zwar zwei Wochen lang beleidigt und zeigte seitdem eine gewisse Reserviertheit mir gegenüber, aber damit konnte ich leben.

Ich seufzte. »Ich werde sie anrufen. Aber wenn sie sich wieder zu sehr einmischt, dann kann ich für nichts garantieren.«

»Oh, ... Liebling, versuche dich bitte mit meiner Mutter zu verstehen. Du weißt, nach unserer Hochzeit wirst du eng mit ihr zusammenarbeiten. Meine Familie würde es sehr begrüßen, wenn du dich dann, gemeinsam mit meiner Mutter, um die Öffentlichkeitsarbeit kümmern würdest. Abgesehen davon, möchte ich so schnell wie möglich ein Baby mit dir.«

Ich schluckte hart bei dem letzten Satz. Ein Baby? Jetzt?! Das war neu. Natürlich wollten wir eine Familie, aber doch nicht so schnell und schon gar nicht jetzt! Ich sah mich schon mit einem dicken Bauch in einer schmuddeligen Küche stehen, völlig überfordert und fertig mit den Nerven.

»Willst du aus mir ein Heimchen am Herd machen?«, fragte ich ihn lachend, obwohl ich es ernst meinte.

Matt lachte amüsiert. »Ehrlich gesagt, ja, Schatz. Ich stelle es mir toll vor, wenn ich abends nach Hause komme, meine Kinder schlafen und meine schöne Frau auf mich wartet.«

»Das kann nicht dein Ernst sein! Ich will Kinder, ja, aber nicht sofort. Du weißt, wie wichtig es mir ist, endlich selbstständig zu sein. Außerdem, ... ich bin noch nicht so weit. Ich will arbeiten, Matt. Ich will herausfinden, zu was ich in der Lage bin.«

Er seufzte schwer und gab mir somit das Gefühl, dass meine Wünsche und Bestrebungen eher zweitrangig waren. Es war wie ein Schlag ins Gesicht.

»Meinst du nicht, dass du das alles ein wenig zu wichtig nimmst?«

Ich riss meine Augen auf und konnte nicht glauben, was er gerade gesagt hatte. »Denkst du das wirklich? Ich nehme mich und meine Träume zu ernst? Matt, ich will nicht das gleiche Leben wie deine Mutter führen. Dafür bin ich nicht die Richtige.«

»Schatz, jetzt sei nicht sauer. So habe ich es ja nicht gemeint. Du kennst mich. Ich meine ja nur, du brauchst das alles nicht. Ich verdiene genug für uns beide. Außerdem, wenn ich die Firma übernommen habe, dann brauche ich dich an meiner Seite.«

Ich hätte jetzt wirklich mit ihm streiten können. Wütend ging ich im Schlafzimmer auf und ab. In meiner linken Hand hielt ich seinen Pullover, an dem ich seinen Duft noch wahrnahm. Ich pfefferte ihn in eine Ecke, als wäre der Stoff mit einer ekligen Substanz benetzt.

Ich schwieg und überlegte, was ich dazu sagen sollte. Aber ich fand keine Worte. Vielleicht war er auch zu müde, um mich zu verstehen?

»Hannah? Bist du noch dran?«

Am liebsten würde ich nichts sagen, doch das gehörte sich nicht. »Ja.«

»Jetzt bist du sauer, oder?«

»Wärst du das nicht?«

Wieder seufzte er, doch diesmal klang ein leidiger Ton mit. »Es tut mir leid, Schatz. Ehrlich! Können wir darüber sprechen, wenn ich wieder da bin? Natürlich sind mir deine Ziele und Träume wichtig, das weißt du. Aber es ist so schwierig, das alles am Telefon zu besprechen.«

Da gab ich ihm recht. »In Ordnung. Geh jetzt schlafen, wir telefonieren morgen.«

Nachdenklich und mit gemischten Gefühlen ging ich nach dem Gespräch wieder zu Lisa ins Wohnzimmer.

 

 

 

 

 

Kapitel 4

Zerstörter Luxus

Hannah

 

»Und? War es Matt?«

»Ja, das war er.« Ich nahm den Film und legte ihn in den Player ein. »Soll ich dir noch mehr Popcorn machen?«

»Nein, aber eine zweite Flasche Wein wäre nicht schlecht.«

Ich schlenderte in die Küche, öffnete die Flasche und schenkte erst Lisa und dann mir ein. Mein Ärger war in der Zwischenzeit etwas verraucht.

»Und jetzt erzähl, warum bist du so deprimiert?«

Achselzuckend suchte ich eine Erklärung. »Ich weiß auch nicht. Seine Mutter will die Gästeliste und ich soll ihr sagen, wen ich noch alles einladen möchte. Dabei hat sie die Gästeliste schon vier mal überarbeitet und ständig waren mehr als zwanzig Personen zusätzlich darauf. Und dann … dann hat Matt gesagt, dass er es am liebsten hätte, wenn wir bald ein Baby bekommen würden.«

»Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?«

»Doch, das waren genau seine Worte. Dabei haben wir noch nicht mal ernsthaft über ein Baby gesprochen. Damit hat er mich total überrumpelt.«

»Tja, das sehe ich.«

»Früher oder später werden wir auch nach Washington zu seiner Familie ziehen müssen, wenn Matt die Geschäfte nicht mehr von hier aus führen kann.«

Ich wusste, dass jetzt eine Diskussion folgen würde. Lisa war schon immer ein Freund der Unabhängigkeit gewesen. Sie kniff ihre Augen zusammen und sah mich abschätzend an.

»Ich weiß genau, was du jetzt denkst, aber so ist es nicht. Wirklich!« Ich stand auf und musste mich bewegen.

»Ach, und was denke ich?« Sie zog ihre Beine zu sich und folgte mir mit ihren Blicken durch den Raum.

»Du denkst, ich schenke Matt meine Träume oder meine Freiheit.«

»Ja, ganz genau. Das denke ich, und soll ich dir noch was sagen? Ich glaube sogar, dass eine Hochzeit zu früh ist.« Sie erhob ihre Stimme und ein leicht patziger Ton schwang darin mit. Sie ließ ihren Gedanken freien Lauf. »Du weißt, ich mag Matt. Du bist meine beste Freundin, aber du lässt dich in ein Leben drängen, das du dir so nicht ausgesucht hättest.«

Als sie das sagte, blieb ich abrupt stehen und starrte sie an.

»Wozu lasse ich mich drängen?«

»Das weißt du ganz genau. Und wenn du ehrlich zu dir selbst wärst, dann könntest du es zugeben. ... Du bist noch nicht bereit für ein Baby, für eine Familie, und für Matts Familie schon gar nicht. Zwischen dir und Matt sind noch so viele Dinge unausgesprochen.«

»Und woher willst du das wissen?«, warf ich ihr verärgert zu.

»Hör endlich auf dir etwas vorzumachen, Hannah. Ich will, dass du glücklich wirst.«

»Ach? Und du denkst, Matt wäre nicht der Richtige für mich?« Wie konnte sie so etwas nur sagen? Sie wusste doch ganz genau, dass ich ihn liebte und wie gut wir uns verstanden. Sie war die einzige Person, die alles über mich wusste - über Matt, mich und mein Leben.

Sie stand auf und lief auf mich zu.

»Süße, ich weiß, dass das hart klingen mag. Aber ihr solltet dringend über eure Wünsche und eure Zukunft sprechen.« Lisa legte ihre Hand auf meinen Arm und redete weiter auf mich ein. Ich wusste, dass sie recht hatte. Jedes einzelne Wort stimmte. Es wäre ein Fehler, all meine Träume und Wünsche aufzugeben, nur um Matt und seine Familie zufriedenzustellen.

»Sorg doch dafür, dass diese laute Stimme der Vernunft endlich mal ihre Klappe hält. Genieße dein Leben, mach doch endlich mal Dinge, die du schon immer mal tun wolltest.«

»Aber das tue ich doch. Ich … «

»Ich rede davon, dass ihr euch jetzt schon wie ein altes Ehepaar benehmt. Er geht seinem Job nach, und wenn ihr am Wochenende endlich mal Zeit habt, ist Matt oft unterwegs. Wann habt ihr mal etwas gemeinsam gemacht, etwas, das euch beiden Spaß macht? Du hast mir noch nie begeistert von eurer Zweisamkeit erzählt, geschweige denn von einer feurigen Liebesnacht. Da läuft etwas schief, Süße. Und ich will dich rechtzeitig warnen. Du darfst dich nicht völlig von ihm abhängig machen. Du weißt ja noch nicht einmal, wie es ist, andere Männer zu küssen. Du bist bereit, alles für ihn aufzugeben, nur, weil du denkst, dass das Leben so ist. Du versteckst dich hinter all den Erwartungen und Regeln, die man dir vorgibt, doch insgeheim schlummert eine ganz andere Hannah in dir, das weiß ich. Und ich weiß auch, dass Matt dich liebt, und gerade deshalb wird und muss er auf dich Rücksicht nehmen.«

Mal wieder war ich wie erschlagen von der Wahrheit, die Lisa mir ins Gesicht schleuderte. Ihre Worte fanden den Weg zu der Seite, die ich immer zurückhielt. Die Seite, welche in meinem bisherigen Leben einfach nur Chaos angerichtet hätte.

Ich schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter.

»Komm, lass uns den Wein austrinken. Du wirst sehen, wenn du nur einmal das tust, was dein Herz dir sagt, dann findet sich der Rest schon. Du musst dich nur trauen.«

Eine Stunde später war ich allein. Der Fernseher lief noch. Ich hatte ihn absichtlich nicht ausgeschaltet. Die Schießerei des Spielfilms, der gerade ausgestrahlt wurde, übertönte meine Wut. Die Stimme in mir wurde immer lauter – sie schrie gegen den Fernseher an.

Der Alkohol zeigte seine Wirkung und ich grübelte über die deutlichen Worte meiner Freundin nach. Vieles, was sie gesagt hatte, stimmte und machte mir gleichzeitig Angst. Aber was war so falsch daran, sich ein bisschen hintenanzustellen, um dem Menschen, den man liebte, den Vortritt zu lassen – zumindest für eine gewisse Zeit?

War ich wirklich so feige? Ja, hallte es laut in meinen Gedanken. Die Flasche Wein in meiner Hand war fast leer und mir schwirrte der Kopf. Ich war betrunken und es fühlte sich gut an. Ich schaltete das Programm auf einen Musiksender und fing an zu tanzen. Heute konnte ich mich gehen lassen. Die beherrschte, vernünftige und konservative Hannah hatte ich mit dem letzten Schluck Wein tief in mir begraben. Jetzt durfte die Hannah raus, von der Lisa heute Abend gesprochen hatte. Ich war ja allein und niemand würde davon erfahren. Morgen wäre ich wieder die Alte und würde dem gradlinigen Weg folgen, den meine Mutter mir anerzogen hatte.

Meine eigene Party gefiel mir so gut, dass ich tanzend in die Küche lief und noch eine Flasche Wein öffnete. Die Musik drehte ich noch lauter, sodass keine Nebengeräusche mehr zu hören waren. In vollen Zügen genoss ich es und tanzte wild zu den lauten Klängen, bis ich Trottel über meine eigenen Füße stolperte und fiel. Dabei rutschte die Flasche Rotwein aus meiner Hand und ergoss sich auf den weißen Berberteppich. Rot wie Blut gluckerte der Inhalt heraus und breitete sich aus.

»Oh, nein!« Schnell hob ich die Flasche auf, doch es war bereits zu spät. Der Fleck war so riesig, das würde ich niemals vertuschen können. Ich war zu betrunken, um den Fleck sofort mit Salz zu behandeln. Wie sollte ich das nur erklären? Was würde Matt dazu sagen? Meine Gedanken flogen wild durcheinander, bis ich plötzlich innehielt und anfing zu lachen. Ich bekam so einen Lachanfall, dass ich mir sogar den Bauch halten musste.

»Na, Lisa! Siehst du, wie mutig ich bin? Ich bin kein Feigling, ha! Ich werde dir beweisen, dass ich auch an mich denke«, sagte ich zu mir.

Umständlich zog ich mich am Sofa hoch, weil meine Beine sich wie Pudding anfühlten. Schließlich schaffte ich es aufzustehen, nur um erneut über meine Füße zu stolpern. Diesmal fiel ich hart auf die Fliesen und spürte einen dumpfen Schmerz. Ich beschloss, einfach liegen zu bleiben und mich von meinem Rausch in einen tiefen Schlaf treiben zu lassen.

 

***

 

Das Sonnenlicht fiel ins Wohnzimmer, sogar durch meine geschlossenen Augen nahm ich das grelle Schimmern wahr. Mein Kopf dröhnte und sobald ich mich bewegte, wurde der pochende Schmerz unerträglich. Ich gähnte und riskierte es, ein Auge einen winzigen Spalt zu öffnen. Schlagartig wurde ich wach, als mir alles einfiel, was letzte Nacht passiert war. Vorsichtig setzte ich mich auf, doch der stechende Schmerz, der mir durch den Kopf jagte, ließ mich innehalten. Ein zweites Mal versuchte ich es, aber diesmal langsamer. In meinem Mund war ein übler Geschmack, den ich schnell loswerden musste. Nach und nach gewöhnten sich meine Augen an das Licht, das Pochen in meinem Kopf wurde immer unerträglicher. Ich brauchte dringend eine Schmerztablette. Erinnerungen drängten sich in mein Gedächtnis. Mist! Was hatte ich mir gestern nur dabei gedacht? Ich erkannte das Chaos, das ich hinterlassen hatte. Das hatte ich jetzt davon. Der Berberteppich von Matt sah aus, als hätte ein verblutender Körper die ganze Nacht darauf gelegen. Matt würde mich umbringen. Ich hatte jetzt schon seine Stimme im Ohr, wie er mir sagen würde, wie viel Tausende von Dollar er für das kostbare Stück bezahlt hatte. Er würde von mir wissen wollen, was ich hier veranstaltet hatte. Wie sollte ich das nur erklären?

Schnell wischte ich diesen Gedanken beiseite. Darüber konnte ich mir später noch Sorgen machen. Erst mal nahm ich eine Tablette und begann aufzuräumen.

Gerade als ich in der Küche fertig war, klingelte es an der Tür. »Entschuldige, habe ich dich geweckt?«, wollte Lisa direkt an der Tür von mir wissen.

»Nein, ich bin schon auf. Aber was machst du hier?«, fragte ich sie und lief in die Küche.

»Ich habe Donuts mitgebracht, die wollte ich mit dir essen.« Sie legte die Tüte auf die Theke und ich hörte in ihrer Stimme, dass sie noch etwas auf dem Herzen hatte.

»Musst du nicht arbeiten?«, wollte ich wissen, während ich uns einen Kaffee aufbrühte.

»Nein, erst heute Nachmittag. Ich habe Neil angerufen und die Schicht mit Ben getauscht, weil ich ... mich bei dir entschuldigen wollte.«

Mitten in meiner Bewegung hielt ich inne. »Was? ... Bei mir entschuldigen? Aber weshalb?« Ich goss einen großen Schluck Milch in unsere Tassen und betätigte den Knopf der Kaffeemaschine. Lisa kletterte ein bisschen umständlich auf den Barhocker und sah mich mitleidig an.

»Na ja, es war nicht richtig, was ich gestern Abend alles zu dir gesagt habe.«

»Ach, vergiss es, Lisa. Du hattest ja mit ein paar Dingen recht«, unterbrach ich sie.

»Nein, hör zu. Ich weiß, dass es nicht leicht ist für dich. Du und Matt, ihr seid ein tolles Paar. Und er hat eben einfach diesen Job. Ich bewundere euch, ehrlich. Vielleicht war ich gestern nur neidisch. Es geht mich auch nichts an.«

Lisa und neidisch? Auf mich? Aber das hatte sie doch gar nicht nötig. Sie könnte jederzeit einen Freund haben. Sie war hübsch und sehr intelligent. Manchmal fragte ich mich schon, warum sie keinen Mann in ihr Leben ließ.

»Aber du hast mir gestern Abend klargemacht, dass ich dringend mit Matt über einiges sprechen muss. Damit lagst du zumindest nicht falsch.«

Der Kaffee war fertig. Ich reichte ihr eine Tasse und setzte mich zu ihr an die Küchentheke. Kurz schwiegen wir und hingen unseren Gedanken nach, bis sie in das Wohnzimmer blickte und dort den großen, blutroten Fleck auf dem Teppich entdeckte. Normalerweise liebte ich die offene Bauweise unserer Wohnung. Es gab keine Tür zwischen dem Wohnzimmer und der Küche. Alles war frei einsehbar und folglich sprang der Fleck ihr schon fast entgegen.

»Ach, herrje! Was hast du denn gemacht?«

»Äh, ich bin gestolpert. Leider!«

»Na, der ist hin. Das bekommst du nie wieder raus«, klärte sie mich auf.

»Ich weiß.«

»Vielleicht kannst du ihn in eine Reinigung geben«, überlegte sie.

»Ja, mal sehen, aber ehrlich gesagt, glaube ich kaum, dass der Fleck wieder rausgeht. … Aber was ich noch sagen wollte, du hattest recht – Matt und ich benehmen uns wirklich wie ein altes Ehepaar. Ich genieße die freie Zeit, die ich ohne ihn habe. Er ist mein bester Freund, Lisa. Ich liebe ihn, auch wenn wir unsere Sexualität nicht so leidenschaftlich ausleben wie andere verliebte Paare. Das, was wir haben, ist solide und sicher. Er gibt mir das Gefühl, dass mein Leben in der richtigen Spur läuft, verstehst du?«

Sie nickte, sagte aber nichts dazu.

»Ich bin mir so unsicher, was ich wegen seiner Pläne machen soll. Einerseits will ich auch eine Familie und andererseits würde ich gerne erst ein paar Dinge ausprobieren. Beides lässt sich nun mal nicht vereinen.«

»Das ist wirklich keine leichte Entscheidung. Ich verstehe dich. ... Komm, es ist so schönes Wetter draußen. Lass uns spazieren gehen. Dann können wir über alles ausführlich sprechen.«

Lisa verstand es schon immer, meine trüben Gedanken zu vertreiben, und ich sprang sogleich auf. Frische Luft und ein Spaziergang im Central Park würden mir bestimmt helfen, meinen Kopf wieder freizubekommen. »Okay, aber lass mich hier das Chaos noch beseitigen und duschen. Du kannst dich ja so lange über die Donuts hermachen.«

 

 

Kapitel 5

Roger Roon feat. Jake Bennet

Jake

 

Wie meine Schwester am Telefon erzählt hatte, befand sich die Einladung meiner Großmutter im Briefkasten. Ungeöffnet warf ich sie auf die Theke meiner Küche und schenkte mir einen Drink ein – den brauchte ich jetzt. Schon der erste Schluck entspannte mich. Ich löste die Krawatte, knöpfte mein Hemd auf und schlenderte zur Terrasse meines Appartements. Leicht ließ sich das große Panoramafenster öffnen und ich trat in die laue Sommernacht New Yorks. Die Lichter der Stadt funkelten und glitzerten um die Wette und eine leichte Brise strich mir warm übers Gesicht. Ich war müde und legte meinen Kopf in den Nacken, sah in die sternenklare Nacht.

Diese Einladung war so viel mehr, als nur der Geburtstag meiner Großmutter. Sie würde bedeuten zurückzugehen – zurück in mein altes Leben, mit dem ich eigentlich abgeschlossen hatte. Seit sechs Jahren hatte ich all das hinter mir gelassen, war bereit gewesen, allen Erwartungen und Wünschen meiner Familie zu trotzen.

Meine Schwester Laura und Granny verstanden meine Schuld, die mich damals fast aufgefressen hatte. Dass ich unser Zuhause verließ, versuchten sie mit viel gutem Zureden zu verhindern. Aber sie begriffen einfach nicht, dass ich keine andere Wahl hatte, dass ich sogar meiner eigenen Mutter, durch meine Anwesenheit die Luft zum Atmen genommen habe. Es war für uns alle das Beste gewesen.

Und jetzt sollte ich zurück – wenn auch nur für ein paar Tage. Meine Familie kannte mich nicht mehr. Sie wussten nichts von meinem neuen Leben, welches ich mir aufgebaut hatte – und das war auch gut so. Die Wahrheit zu kennen, würde meine Mutter umbringen, meinen Vater mich endgültig verstoßen und meine Brüder mich nur noch mehr verachten lassen. Um sie und auch mich zu schützen, erfand ich diese Lüge. Jake Bennet – ein erfolgreicher Börsenmakler, der es mit Fleiß geschafft hatte, in einem luxuriösen Appartement zu leben, teure Autos zu fahren und mit den schönsten und reichsten Frauen New Yorks auszugehen.

Mein Glas war bereits leer, als ich einen weiteren Schluck nehmen wollte. Es waren quälende Gefühle, die sich langsam wieder an die Oberfläche schlängelten – ich brauchte einen weiteren Drink.

Ich ging hinein. Mein Blick wanderte automatisch zu der Einladung, der ich meinen betrübten Zustand zu verdanken hatte. Erinnerungen wollten sich in mein Gedächtnis schleichen, doch der Whisky half, sie zu vertreiben. Ich nahm gleich die ganze Flasche.

Das verschlafene kleine Nest Dundee in der Nähe von Binghamton hatte ich damals nicht schnell genug hinter mir lassen können. Und ich vermisste es bis jetzt nicht – keine Sekunde. So wie mich niemand aus meiner Familie je vermisst hatte, außer Granny und vielleicht Laura.

Auch heute spürte ich noch diese hasserfüllten Blicke der Einwohner von damals, wenn ich durch die Straßen streifte, hörte den Spott der anderen Kinder und das Getuschel hinter meinem Rücken. Kalte Blicke, die mir deutlich gemacht hatten, dass dieser dunkle Punkt wie ein Schatten über dem ganzen Dorf lag – und das für immer.

Heute fühlte ich mich stark genug, um es ihnen allen zu zeigen. Sie sollten sehen, wie gut mein Leben jetzt war, wie viel Geld ich besaß und was für Designer-Anzüge ich trug. Als reicher Börsenmakler würde ich dort auftauchen, ihnen zeigen, wie großartig mein Leben in New York war. Es gab nur ein Problem – ich brauchte eine Frau. Eine, die dieses Spiel mitspielte und mir dabei half, diesmal als Sieger und endgültig aus Dundee zu verschwinden.

Die Flasche mit dem Whisky war fast leer, als ich mir noch einmal nachschenken wollte, und ich spürte schon die betäubende Wirkung. Ich hatte genug und sollte schlafen gehen. Nur in Boxershorts bekleidet, ließ ich mich in mein Bett fallen.

 

***

 

Der Umschlag mit dem Lohn der letzten Nacht steckte noch in meiner Jackentasche, als ich in den frühen Morgenstunden nach Hause kam. Meine Kundin war eine sehr attraktive und angenehme Person gewesen. Ich sollte mir wirklich überlegen, sie in den Kreis meiner Stammkundschaft aufzunehmen. Sie zahlte gut und ihre Gesellschaft war niemals langweilig. Sie war überaus intelligent und es war leicht, sie zu verwöhnen. Besser konnte ein Job nicht laufen.

Mein Magen grummelte, wenn ich an meine nächste Verabredung dachte. Diese hatte nichts mit meinem Job als Escort zu tun und Vieles hing von dieser Dame ab.

Mein Anrufbeantworter blinkte. Ich ließ die Mitteilungen abspielen. Darauf waren einige Kundinnen und Nancy, die um einen Rückruf bat.

Ich nahm mein Handy, wählte ihre Nummer und es dauerte auch nicht lange, bis sie abnahm. Nancy schlief nie aus. Sie war eine der wenigen Frauen, die ich kannte, die jeden Morgen schon hundert Dinge zu erledigen hatte.

»Hey, ich sollte dich zurückrufen?«

»Hallo, ich wollte mich noch einmal bei dir bedanken. Du hast meine Party gerettet.«

Ich grinste vor mich hin, als ich an den Abend vor ein paar Tagen dachte. »Was hat die Auktion eingebracht?«

»Du wirst es nicht glauben, aber jemand hat tatsächlich 84.000 Dollar geboten. Das ist einfach fantastisch, Schatz.«

Ihre gute Laune war ansteckend und ich freute mich sehr für sie.

»Wow! Das ist unfassbar! Und wer ist der Käufer?«, wollte ich wissen, während ich durch mein Appartement lief, um auf die Terrasse zu gehen. Ich setzte mich in einen Liegestuhl.

»Willy Month, ein reicher Industrieller. Er sammelt ungewöhnliche Kunstwerke. … Aber sag mal, was ist eigentlich passiert? Ich konnte dich nirgends mehr finden. Du warst wie vom Erdboden verschluckt.«

»Das erzähle ich dir ein anderes Mal. Ich bin jedenfalls erleichtert, dass es nicht wirklich zu einem Skandal gekommen ist.«

»Ja, das bin ich auch.«

»Ich werde mich jetzt noch ein wenig hinlegen. Heute Nachmittag ist das Treffen mit Monika.«

»Hattest du eine anstrengende Nacht?« Sie machte sich immer Sorgen um mich – manchmal benahm sie sich wie meine Mutter.

Ich schmunzelte. »Du weißt doch, Frauen sind nur anstrengend, wenn sie shoppen gehen.«

Ein kleines Lachen entfuhr ihr. »Das stimmt, aber nur manchmal. … Melde dich, wenn das Treffen vorbei ist.«

»Jetzt bist du neugierig.«

Wieder lachte sie und das nur, weil ich sie ertappt hatte.

»Bis bald, Nancy.«

 

***

 

Dass mein Herz ein paar Takte zu schnell schlug und ich nervös war, ließ ich mir nicht anmerken, als ich an der Bethesda Terrace entlanglief. Ich war frisch geduscht, trug mehr oder weniger Freizeitkleidung und eine Sonnenbrille. Mein T-Shirt verbarg kaum die Tattoos auf meinen Oberarmen. Normalerweise achtete ich darauf, dass meine Kundinnen diese beim ersten Treffen nicht zu Gesicht bekamen. Aber diesmal war es kein geschäftlicher Termin. Diesmal ging es um eine Privatangelegenheit.

Die Sonne schien warm an diesem Sonntagnachmittag und einige Touristen fotografierten den Engel, der auf einer Schale über dem Brunnen stand. Der Platz um den Brunnen war ein beliebter Treffpunkt. Ich nutzte oft öffentliche Schauplätze für die ersten Begegnungen mit meinen Kundinnen, denn die Damen waren nervös und eine Hotellobby gab ihnen das Gefühl, etwas Anrüchiges zu tun. Ein öffentlicher Ort mitten unter Leuten machte es für viele Frauen einfacher.

Nur heute war es kein übliches Treffen. Ich stand schon eine Weile am Brunnen und langsam beschlich mich das Gefühl, dass sie nicht kommen würde. Was noch viel schlimmer war, war die Gewissheit, dadurch keine Lösung für mein Problem zu haben. Ich hatte nur noch wenige Tage Zeit.

Minuten vergingen, während meine Laune auf den absoluten Tiefpunkt sank. Unpünktlichkeit und Unzuverlässigkeit konnte ich nicht ausstehen. Es waren Eigenschaften, die meine Mutter uns Kindern früh ausgetrieben hatte. Ein Blick auf mein Handy verriet mir, dass Monika mich wohl versetzt hatte. Und ehrlich gesagt, war das Gefühl, als ich mit ihr telefoniert hatte, nicht wirklich gut gewesen. Sie hatte so professionell und abgeklärt geklungen, eben wie jemand, der genug Erfahrung in unserem Geschäft hatte. Es war Nancys Idee gewesen, sie zu engagieren.

»Hallo!«, rief jemand und ich brauchte ein paar Sekunden, bis ich die Quelle der Stimme entdeckt hatte. Zuerst sah ich nur Nancys Nichte, die mit einem Finger auf mich zeigte. Ich zog meine Sonnenbrille tiefer. Tatsächlich, es waren die jungen Frauen, die ich vor ein paar Tagen auf der Vernissage kennengelernt hatte.

»Roger!« Lisa zog ihre Freundin mit sich und deutlich konnte ich in ihrem Gesicht erkennen, dass sie nicht so begeistert war, mich zu sehen. Das ließ mich innerlich schon wieder über sie schmunzeln. Noch nie war mir so ein versteckter Rebell, wie sie es war, begegnet.

»Wie geht es Ihnen? Haben Sie die Schlagzeilen alle gut überstanden?«, fragte Lisa und schenkte mir ein herzliches Lächeln. Hannah hingegen vermied es, mich anzusehen. Schon am Abend von Nancys Jubiläum war mir das aufgefallen und hatte mich amüsiert.

»Oh ja. Ich bin nur froh, dass Nancy keinen Schaden davon getragen hat. Und bei euch? Genießt ihr die Sonne?«

»Ja, es ist einfach zu schön, um zu Hause zu versauern. Wir gehen hier spazieren. Und Sie?«

Ich presste meine Lippen zusammen und überlegte, was ich ihnen als Antwort bieten sollte. Der Reiz, Hannah erneut zu schocken, war einfach zu groß.

»Ich arbeite. Ich treffe mich mit einer Kundin.«

Sie wurde blass und ihre Augen fixierten mich. Es war nicht nötig, mehr zu erzählen. Was sie davon hielt, spiegelte sich in ihrem Gesicht wider. Schnell blickte sie zurück auf den Asphalt, um mir nicht in die Augen schauen zu müssen. Es war ihr total unangenehm und es gefiel mir, sie so zu sehen.

»Dann sollten wir Sie nicht länger stören.«

»Keine Sorge, ihr stört mich nicht. Es sieht eher danach aus, als hätte die Dame mich versetzt.« Ich sah mich suchend um, blickte aber gleich darauf wieder zu ihnen.

Hannah grinste frech. »Oh, das passiert Ihnen auch?« Ihr Ton war sarkastisch. Und diesmal blitzte etwas in ihren Augen auf. Sie war jetzt mutig genug, mir ihr Kinn entgegenzustrecken und mich zu mustern. Das verblüffte mich und ich gestand mir ein, dass ich sie unterschätzt hatte. Die junge Frau war wirklich anders.

»Ja, natürlich. Das ist sozusagen ein ... Berufsrisiko«, sagte ich und lachte, weil sie sich sofort wieder in ihr Schneckenhaus verkroch. Angewidert verzog sie ihren Mund dabei.

»Das tut mir leid für Sie. … Aber vielleicht könnten wir für Ihren Ausfall aufkommen«, schlug Lisa mir vor.

»Lisa!«, ermahnte Hannah sie.

Ich konnte nicht anders und lachte ihnen breit entgegen. Meine Verabredung war nicht aufgetaucht und ich genoss die Gesellschaft der beiden. Außerdem wusste ich genau, dass Hannah alles lieber täte, als Zeit mit mir zu verbringen. Merkwürdigerweise bereitete es mir großen Spaß, diese junge Frau zu reizen. Hannahs entsetztes Gesicht war es schon wert, auf das Angebot von Lisa einzugehen.

»Sehr gern!«, sagte ich deshalb besonders freundlich. Entsetzt über meine Zustimmung und überhaupt nicht damit einverstanden, funkelten Hannahs Augen mich an. Deutlich sah ich, wie sie nach einer Ausrede suchte. Jede wäre ihr recht gewesen.

»Und wenn Ihre Kundin doch noch kommt und sich nur verspätet hat?«, versuchte sie, unserer Verabredung zu entkommen.

»Das glaube ich kaum, sie ist schon mehr als eine halbe Stunde zu spät. … Wollen wir?« Frech bot ich Lisa und ihr meinen Arm an. Lisa zögerte keinen Moment. Nur Hannah sträubte sich und zog es vor, neben ihrer Freundin zu gehen.

Besser hätte dieser Nachmittag nicht laufen können. Hannah wiederzusehen, versprach höchst interessant zu werden, und als sie mir einen bösen Blick zuwarf, konnte ich mir ein arrogantes Lachen nicht verkneifen.

 

***

 

Eine Weile spazierten wir gemeinsam an dem kleinen angelegten See entlang und sahen den Enten beim Schwimmen zu. Der Tag war perfekt für einen Ausflug wie diesen. Es war lange her, dass ich nur zum Spaß meine Zeit im Central Park verbracht hatte. Meistens trainierte ich meinen Körper oder fuhr mit meinem geliebten Porsche durch die Straßen. Ich hatte eine Schwäche für schnelle Autos, von denen alle kleinen und großen Jungs träumten. Auf die Gesichter meiner Familie war ich gespannt, wenn ich mit meinem schwarzen Baby die Einfahrt zu unserem Grundstück entlang fahren würde.

»War es eine wichtige Kundin, die Sie versetzt hat?«

Lisa riss mich aus meinen Gedanken.

»Ich denke, wir können das alberne „Sie“ lassen. Du weißt ja, wie ich heiße.«

Ihr Gesicht erhellte sich bei meinem Angebot, während Hannah mir einen grimmigen Blick zuwarf. Sie spielte an ihrem Armkettchen, das sie auch schon an der Vernissage getragen hatte. Ob das ein Zeichen für ihre Nervosität war?

»Um ehrlich zu sein, es war keine richtige Kundin. Es war mehr … eine Frau, mit der ich eine Vereinbarung hatte.«

»Eine Vereinbarung?«

»Lisa! Sei nicht so neugierig«, ermahnte Hannah ihre Freundin.

»Schon gut. … Dort drüben ist das Seerestaurant. Darf ich euch auf einen Kaffee oder ein Glas Wein einladen?« Ich ging mit zügigen Schritten Richtung Eingang.

In dem kleinen Restaurant setzten wir uns auf die Terrasse und bestellten bei einer jungen Kellnerin unsere Getränke.

Hannah saß mir gegenüber und ich hatte den Eindruck, dass ihre anfängliche Gereiztheit sich ein wenig gelegt hatte.

Um nicht wieder auf das vorige Thema zu kommen, wollte ich die Unterhaltung mit etwas Unverfänglicherem weiterführen.

»Was macht ihr beruflich?« Ich sah dabei bewusst Hannah an.

»Also, ich jobbe in Neil´s Coffee Shop und finanziere damit einen Teil meines Studiums«, sagte Lisa. »Hannah arbeitet als Lehrerin, aber nur aushilfsweise ...«

»Danke, Lisa. Ich habe einen eigenen Mund, mit dem ich selbst sprechen kann«, unterbrach sie ihre Freundin. … »Ich heirate in drei Monaten und werde dann in der Firma meines Mannes arbeiten.« Der spitze Ton in ihrer Stimme ließ Lisa endgültig verstummen und ich fragte mich, warum sie eigentlich in meiner Gegenwart so verkrampft wirkte. Lag es an mir? War es wirklich die Tatsache, dass ich ein Escort-Man war? War das Grund genug, um über mich zu urteilen?

»Meinen Glückwunsch. Und in was für eine Firma heiratest du ein?«

»In Baldwin Industries. Matt übernimmt die Geschäftsleitung in der Firma seines Vater, und ich werde mich gemeinsam mit seiner Mutter, um die Öffentlichkeitsarbeit kümmern.«

Unsicherheit war in ihrer Stimme zu hören, die sie überspielte, indem sie einen großen Schluck von ihrem Wasser nahm.

»Darf ich dich etwas fragen?«, rief Lisa.

»Natürlich!«

Hannah warf ihr einen warnenden Blick zu, was ihre Freundin jedoch ignorierte. Offensichtlich war es ihr total unangenehm, über meinen Job zu sprechen. Wieso war sie nur so verklemmt?

»Du warst vorhin verabredet und deine Kundin hat dich sitzen lassen, das kann ich gar nicht glauben. Welche Idiotin lässt ein Date mir dir platzen?«

»Na ja, wir waren nicht im üblichen Sinne verabredet. Sie schuldete mir noch einen Gefallen.«

»Einen Gefallen? … Den schulden wir dir ja eigentlich auch noch.«

»Lasst uns von etwas anderem sprechen. Es langweilt euch bestimmt«, versuchte ich auszuweichen.

»Es langweilt mich überhaupt nicht!«

»Lisa! Vielleicht will er aber auch nichts erzählen. Es geht uns ja schließlich auch nichts an«, mischte sich Hannah in unsere Unterhaltung ein.

»Schon gut. Ich kann verstehen, dass deine Freundin gerne mehr darüber erfahren würde.«

»Keine Sorge, ich nicht!«, gab sie gereizt von sich. Mit ihrer Lüge brachte sie mich wieder zum Lachen. Ich wusste genau, dass sie ebenso darauf brannte, mehr darüber zu erfahren, doch sie war viel zu stolz, um das zuzugeben. Sie studierte mich, ohne mich dabei anzusehen. Jede Geste und Miene nahm sie wahr.

Hannah war ein natürlicher Typ, zurückhaltend und vorsichtig. Wer ihr Vertrauen wollte, musste es sich erst einmal verdienen.

Und wenn ich es mir recht überlegte, war sie genau der Typ, den meine Familie sympathisch finden würde. Sie könnte vielleicht für Monika einspringen. Sie war zwar nicht so aufgeschlossen, doch irgendetwas in ihren Augen sagte mir, dass mehr hinter ihrer gut aufgebauten Fassade steckte.

Ich zündete mir eine Zigarette an und inhalierte den Rauch tief ein. Dabei dachte ich über meine neue Erkenntnis nach. Und ganz plötzlich wurde mir klar, dass sie genau das verkörperte, was ich suchte. Das Problem war nur, dass sie mich für meine Arbeit verachtete. Ein weiterer Punkt wäre, dass ich vielleicht zu viel von mir preisgeben müsste. Die Gefahr, dass sie hinter den Namen Roger Roon blicken könnte, war groß – möglicherweise zu groß.

»Was für einen Gefallen sollte diese Frau für dich tun? Vielleicht können wir für sie einspringen«, unterbrach Lisa meine Gedanken. Ich blies den Rauch aus. Nervös fing ich an, mit meinem Bein zu wippen. »Willst du das wirklich wissen?«

»Jetzt spuck es schon aus, Roger.«

»Na gut! Ich brauche für ein Wochenende eine Begleitung, die mit mir meine Familie besucht. Genauer gesagt, meine Großmutter feiert ihren Geburtstag.« Jetzt war es raus, trotzdem hielt ich die Luft an, während ich in ihre Gesichter sah. Entweder würden sie sich gleich vom Acker machen oder mich hier und jetzt in die Schranken weisen.

»Oh, das ist … doch eigentlich kein Problem!«

Verwundert sah Hannah zu ihrer Freundin. Wahrscheinlich konnte Hannah nicht glauben, was Lisa von sich gab. »Wann musst du denn zu deiner Familie?«, wollte sie wissen.

»Nächstes Wochenende.«

Sie nickte und sah zu Hannah, die die Geste als Aufforderung aufnahm, dass sie den Part der Begleitung übernehmen sollte.

»Sag mal, spinnst du? Du kannst doch nicht einfach …«, sprudelte es aus Hannah hervor.

»Was ist denn schon dabei? Ich finde, wir sind es ihm schuldig. Du hast doch gerade nichts zu tun und genug Zeit. Ich muss leider arbeiten. Es wäre die Chance für dich, endlich mal etwas anderes zu erleben. Er hat deinen kleinen Hintern vor dieser riesigen Blamage gerettet - schon vergessen?«

»Hast du sie noch alle? Ich kann doch nicht einfach mit ihm zu seiner Familie fahren!«

»Wieso nicht? Erstens ist Matt nicht da, zweitens kennt Tante Nancy Roger ja recht gut und drittens braucht er Hilfe. Also, wo ist das Problem?«

»Na, … ich bin verlobt! Wieso scheinst du das ständig zu vergessen?«

»Ich vergesse überhaupt nichts! Außerdem hat niemand gesagt, dass du Sex mit ihm haben musst.«

Hannah sog scharf die Luft ein und schien so erschrocken über Lisas Direktheit, dass sie mir schon wieder leidtat. Obwohl ihr Gesichtsausdruck mit ihren weit aufgerissenen blauen Augen eher belustigend war. »Mädels, ich möchte nicht, dass ihr wegen mir streitet. Ich kann auch jemand anderen fragen, ehrlich!«, versuchte ich, die beiden zu beruhigen.

»Wir streiten nicht«, sagte Hannah schnippisch.

»Das ist doch völlig egal, du schuldest ihm etwas und ich finde, du könntest dir wenigstens anhören, um was es genau geht.«

Ein paar Gäste sahen schon zu unserem Tisch. Vor Aufregung schienen die beiden das nicht mitzubekommen.

»Du warst das mit dem Penis, nicht ich! Er war derjenige, der alles wieder in Ordnung gebracht hat. Also solltest du dich bei ihm revanchieren und ihn zumindest anhören.« Lisa erhob sich.

»Lisa, setz dich wieder hin. Bitte!«

»Keine Sorge, Roger. Ich muss jetzt sowieso gehen. Das hat nichts mit dir zu tun. … Sei mir nicht böse, Hannah, und denk fair darüber nach. Ich finde, du schuldest ihm etwas. … Ich muss los. Ruf´ mich heute Abend an, ja?« Damit hauchte sie Hannah einen Kuss auf die Wange und rauschte davon.

 

***

 

Aufgewühlt spielte sie mal wieder an ihrem Armkettchen. Ich vermutete, es war ihr unangenehm, dass Lisa sie einfach so hatte sitzen lassen. Ein trauriger Ausdruck legte sich auf ihre Augen. Sie sah wunderschön aus. Das Sonnenlicht ließ ihr braunes Haar glänzen und ihre Haut leuchten. Sie war weder geschminkt, noch in irgendeiner Weise künstlich aufgebrezelt. Sie war eine natürliche Schönheit. Ob sie sich dessen bewusst war? Ich fragte mich, wie es sich wohl anfühlen würde, über ihre Haut zu streichen. Die meisten Frauen, die mich buchten, waren schön, aber Hannah war besonders.

Endlich sah sie zu mir. »Es tut mir leid. Ich war von Anfang an … voreingenommen. … Es liegt nicht an dir, sondern an mir.«

Genau in dem Augenblick erkannte ich, wie schwer es ihr gefallen sein musste, diese Worte auszusprechen.

Nervös benetzte sie ihre Lippen. »Ich war nicht fair dir gegenüber und das, obwohl ich dir wirklich dankbar sein sollte. Lisa ist meine beste Freundin und es war nicht richtig von ihr, mich mit dir hier allein zu lassen. Aber in einem Punkt gebe ich ihr recht. Ich bin dir etwas schuldig. Deshalb … erzähl mir von dem Geburtstag.«

Völlig fasziniert von ihren Lippen, hörte ich nur mit einem Ohr zu. Eigentlich sollte ich dankend ablehnen und mich auf den Heimweg machen. Doch irgendetwas hielt mich weiter auf dem Stuhl gefangen und machte es mir unmöglich aufzustehen.

»Ist schon in Ordnung, ich ...«, wehrte ich mit einer Handbewegung ab.

»Nein! Bitte! Erzähl mir davon. Vielleicht finden wir eine Lösung.« Ihre Augen fixierten mich und sie wartete auf eine Reaktion von mir. Am liebsten würde ich sie fragen, ob sie mich begleiten würde, doch durfte ich das?

»Okay, fangen wir von vorne an«, sagte ich und streckte ihr meine Hand entgegen. »Jake Bennet, ich freue mich, dich kennenzulernen, Hannah.«

Irritiert sah sie mich an und zögerte, mir ihre Hand zu reichen – wie bei unserer ersten Begegnung.

»Hannah Parker«, erwiderte sie tonlos.

»Ich möchte nicht, dass Lisa und du meinetwegen streitet. Ihr seid doch Freundinnen. … Ich hoffe, dass du und ich unsere unausgesprochenen Probleme aus der Welt schaffen können.«

Sie nickte, was mich mehr freute, als ich mir eingestehen wollte.

»Dann ist Jake dein richtiger Name?«

Ich nickte. »Roger Roon benutze ich sozusagen nur als Pseudonym. Ich bitte dich jedoch, meinen wahren Namen für dich zu behalten. Es gibt nur eine Handvoll Leute in New York, die ihn kennen. Und das soll auch so bleiben.«

Mein Herz schlug laut gegen meine Brust, als sie mich nickend anlächelte. Wow! Sie faszinierte mich und verschlug mir die Sprache. Erst als sie den Bann zwischen uns brach und sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht streifte, schien mein Hirn wieder zu funktionieren. Was war das denn eben? Sofort versuchte ich, mich wieder zu konzentrieren.

»Ich arbeite seit sechs Jahren als Escort-Man. Meine Verabredung heute war wirklich keine Kundin, sondern jemand, die sich bereit erklärt hatte, mich nächstes Wochenende zu meiner Familie zu begleiten.«

»Und warum brauchst du jemanden? Du hast doch bestimmt auch Kolleginnen. Ich verstehe den Hintergrund nicht ganz.«

»In meinem Job ist absolute Diskretion sehr wichtig. Wenn ich dir davon erzähle, erwarte ich die gleiche Diskretion von dir.«

»Natürlich!«

Außer Nancy wusste niemand davon. Wenn ich ihr jetzt von den Umständen berichtete, dann musste ich ihr wirklich vertrauen können. Mein Ruf und mein Job lagen dann in ihren Händen. Bisher hatte ich große Schwierigkeiten gehabt, mich überhaupt jemandem anzuvertrauen. Das alles war mit meiner Vergangenheit behaftet, von der ich mich vor langer Zeit getrennt hatte. Und jetzt saß diese schöne, unschuldige und merkwürdige junge Frau vor mir und sah mich mit ihren großen, blauen Augen an. Ich verstand es selbst nicht, aber bei ihr fühlte ich kein Risiko, nicht so wie bei Monika. Ich warf mich einfach in die Wellen und wartete, ob sie mich verschlucken oder wieder ausspucken würden.

»Seit sechs Jahren bin ich „The One“. Ich habe meine Heimat verlassen, um in New York ein neues Leben anzufangen. Meine Großmutter feiert am nächsten Sonntag ihren Geburtstag und meine Familie organisiert ein großes Fest. Als ich damals ging, versprach ich ihr wiederzukommen, mit einer Frau an meiner Seite. Niemand weiß von meinem Leben hier.«

»Du meinst, sie wissen nicht, dass du ...«

»Nein! Und das dürfen sie auch nie erfahren. Sie glauben, ich habe Karriere an der Börse gemacht.«

Ich beobachtete ihre Augen, suchte Abneigung und Spott darin, doch das Blau blieb weiterhin so strahlend und tiefgründig wie der Ozean.

»Der Geburtstag wird in unserem Städtchen groß gefeiert. Vier Tage, also von Freitagabend bis Montagmittag brauche ich jemanden, der ...«

»... der deine Freundin spielt?«

»Ja.«

»Und warum fragst du nicht eine Kollegin oder sagst deiner Großmutter einfach, dass du Single bist? Ich meine, das ist doch heutzutage kein Problem mehr.«

»Ich kenne niemanden, außer vielleicht Monika, die dies glaubhaft meiner Familie hätte vorspielen können. Und wie du weißt, hat sie mich versetzt. Außerdem ist meine Großmutter krank und ich rechne damit, dass ich sie das letzte Mal sehen werde. Ich möchte einfach, dass sie weiß, dass ich glücklich bin. Es war ihr sehnlichster Wunsch, mich mit einer Frau glücklich zu sehen. Sie soll sich um mich keine Sorgen machen, versteht du?«

Hannah nickte. »Sie bedeutet dir sehr viel, habe ich recht?«

Ich war es nicht gewohnt, über solch persönliche Dinge zu sprechen. Ein merkwürdiges Gefühl durchdrang mich, als ihr Blick mich bis ins Mark traf. »Ja«, sagte ich zögernd. »Ich glaube, du wärst jemand, der ihr gefallen könnte. Natürlich würde ich dafür bezahlen.«

Schon lange war ich nicht mehr so aufgeregt gewesen wie in diesen Sekunden. Was wohl in ihrem hübschen Köpfchen vor sich ging?

 

Kapitel 6

Deal or no Deal

Hannah

 

Ich war nicht fähig, etwas zu sagen. Um ehrlich zu sein, war ich stinksauer auf Lisa. Wie konnte sie mir so etwas nur antun? Aber je länger ich in diese warmen, braunen Augen sah, desto mehr wusste ich, dass ich mir dieses Abenteuer nicht entgehen lassen konnte. Vier Tage! … Vier Tage, in denen ich etwas anderes sehen durfte. Bevor ich in das vorgestrickte Leben mit Matt ging, könnte ich etwas erleben, das mein Geheimnis bliebe. Niemand außer Lisa würde davon wissen. Für kurze Zeit würde ich aus meinem Leben aussteigen und sogar jemandem aus der Patsche helfen. Mit klopfendem Herzen grinste ich den Mann an, der mir dies ermöglichte.

»Okay, ich werde dich begleiten.«

Er hatte wohl nicht mit meiner Zusage gerechnet.

»Ist das dein Ernst?«, fragte er mich Sekunden später.

»Wieso nicht! Du hast mir schließlich auch geholfen und damit wären wir quitt. Wie alt wird denn deine Großmutter?«

»Oh, sie wird achtzig Jahre. Ganz Dundee feiert dieses Ereignis mit. Wir reisen am Freitag an. Am Sonntagvormittag nach der Kirche gibt der Bürgermeister einen Empfang und am Abend beginnt die eigentliche Feier.«

»Das ist sehr ungewöhnlich. Warum wird so ein großes Tamtam veranstaltet?«

»Na ja, meine Großmutter ist ein sehr geschätztes Mitglied der Gemeinde. Dundee hat ihr viel zu verdanken. Sie hat eine Stiftung für benachteiligte Kinder gegründet und viele Jahre wohltätig gearbeitet. Sie sammelte Spendengelder und konnte so zum Beispiel die Grundschule sanieren lassen. Mit den Jahren ist ihre Stiftung sehr groß geworden und unterstützt bereits viele andere Projekte. Kurzum, an ihrem Geburtstag wollen sie sie ehren. … Aber noch einmal zu unserer Vereinbarung. Mir ist wichtig, dass meine Familie nichts von meiner Arbeit erfährt. Also, … was ich damit sagen will, du bist dort meine Freundin und du solltest … keine Hemmungen mir gegenüber haben.«

Oh! Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Meine anfängliche Euphorie wich und Zweifel keimten auf.

»Keine Sorge, du musst nicht mit mir schlafen«, lachte er, als er bemerkte, wie peinlich mir dieses Thema war.

»Mehr als Händchenhalten oder ein paar wenige Berührungen werden nicht geschehen. Aber du solltest keine Angst vor mir haben.«

»Ich habe keine Angst vor dir. Ich … ich bin es nur nicht gewohnt, dass ein fremder Mann mich berührt.« Oder hatte ich doch Angst? Ich konnte es nicht einschätzen, ich wusste nur, dass er in mir ständig Bilder im Kopf hervorrief, die ich eigentlich nicht haben sollte.

»Mach dir keine Sorgen. Meine Familie wird entzückt von dir sein, und ehe du dich versiehst, ist das Wochenende vorbei.« Er schob mir eine Visitenkarte über den Tisch.

»Hier, auf dieser Karte steht meine Handynummer. Unter dieser privaten Nummer kannst du mich immer erreichen.«

 

***

 

Wie ein aufgeschrecktes Huhn lief ich im Wohnzimmer auf und ab. Ich war nervös wegen der Zusage, die ich Jake noch an diesem Nachmittag gegeben hatte. Jake Bennet – so hieß er also wirklich. Der Name passte viel besser zu ihm und ließ ihn gleich sympathischer wirken.

Seit gestern hatte ich von Matt nichts mehr gehört und je später es wurde, desto eher rechnete ich mit seinem Anruf. Der Rotweinfleck auf dem weißen Berberteppich leuchtete mir in jedem Winkel der Wohnung entgegen, mahnte mich eindringlich, das Ganze wieder abzublasen. Kurzerhand rollte ich Matts gutes Stück zusammen und stellte es in den Flur, damit ich den Beweis meiner Orgie nicht sehen musste.

Das Telefon klingelte und für einen kurzen Moment schreckte ich zusammen.

»Hallo?«

»Hannah, hier spricht deine Mutter. Seit Tagen versuche ich, dich zu erreichen. Wo steckst du denn?«

Oh nein! Nicht auch noch meine Mutter. Sie war mal wieder sauer. Der strenge Ton schürte mein schlechtes Gewissen. »Oh! Mom! Äh, ich ... wieso, ist etwas passiert?« Mein Magen zog sich zusammen. Ich hatte absolut keine Lust, jetzt mir ihr zu sprechen. Sie war imstande und würde meine Aufregung durchs Telefon spüren.

»Wieso muss immer gleich was passiert sein, wenn ich meine Tochter zu sprechen wünsche? Aber eigentlich hatte ich erwartet, dass du anrufen würdest.«

Ihr vorwurfsvoller Ton war deutlich zu hören, doch diesmal ließ ich mich nicht darauf ein.

»Mom, es tut mir leid. In letzter Zeit habe ich einfach zu viel um die Ohren.«

»So? Soweit ich weiß, sind Ferien, also musst du nicht unterrichten.«

Ich verdrehte die Augen. »Na, die Vorbereitungen für die Hochzeit und all das, du weißt schon.« Ich redete mich heraus und sie spürte das, doch heute war es mir egal. Sie war weit entfernt und ich hier in New York. Außerdem war sie die Letzte, der ich von den aufregenden Ereignissen der letzten Tage erzählen konnte.

Unser Verhältnis war nicht das beste. Ihre strenge und besitzergreifende Art war manchmal schon extrem. Erst seit ich in New York war, spürte ich, wie gut mir der Abstand zu ihr tat.

»Ja, ja, … die Hochzeit! Bist du immer noch nicht zur Vernunft gekommen?«

»Ach, Mom! Ich will mich nicht mit dir streiten.«

»Du weißt genau, wie ich dazu stehe. Aber du hörst ja nicht mehr auf mich, seit du von zu Hause fort bist. Und daran ist nur dieser Matt schuld.«

Ich gab es auf, es hatte keinen Sinn mit ihr zu diskutieren.

»Lass uns über etwas anderes reden. Bist du wenigstens mal zu einem der Skatnachmittage gegangen?«

»Nein, warum sollte ich? Außerdem will ich mit den alten Weibern dort nichts zu tun haben. Ich gehe regelmäßig in die Kirche. Pastor Luis hat schon nach dir gefragt. In New York gibt es doch auch Messen. Gehst du auch regelmäßig hin?«

Röte schoss mir ins Gesicht und ich war froh, dass sie mich jetzt nicht sehen konnte. Natürlich ging ich nicht regelmäßig zum Gottesdienst. Wie hätte ich das auch noch schaffen sollen? Seit ich zu Matt nach New York gezogen war, konnte ich schon froh sein, wenn wir mal einen Tag zu Hause verbrachten. Ständig gab es Verabredungen, da war in unserem Terminkalender kein Platz für die Kirche.

»Natürlich, Mom, richte Pastor Luis liebe Grüße aus.« Ich gähnte laut. »Ich muss jetzt wirklich ins Bett. Sei nicht böse. Gute Nacht, Mom.«

»Na ja, dann gute Nacht, Hannah.«

Seufzend legte ich auf. Meine Mutter konnte schon sehr anstrengend sein. Sie hatte es mir bis heute nicht verziehen, dass ich nach New York gegangen war. Ich war ihre einzige Tochter. Sie war nie darüber hinweggekommen, dass mein Vater uns verlassen hatte. Er war einfach verschwunden, ohne eine Nachricht oder einen Hinweis zu hinterlassen, wohin. Er hatte uns verlassen und meine Mutter damit anfangs in tiefe Depressionen gestürzt.

Kein gutes Haar ließ sie seitdem an jungen Männern, die sich für mich interessierten. Sie traute keinem Mann mehr über den Weg. Als Matt und ich beschlossen hatten zu heiraten, war sie sofort dagegen gewesen. Nach vielen Diskussionen gab sie schließlich nach. Doch nur ich erkannte ihren misstrauischen Blick, wenn Matt und ich bei ihr waren. Das alles lag jetzt ein paar Monate zurück und ich war froh, dass ich mich von ihr lösen konnte. Nach New York zu gehen, war der erste richtige Schritt in meine neue Freiheit gewesen – ohne sie. Ich liebte meine Mom, doch sie wollte aus mir stets ein Mädchen machen, das ich nie sein würde. Ohne Matt hätte ich das nicht geschafft.

Ich seufzte. Hätte ich länger mit ihr gesprochen, wäre ihr meine Aufregung sicherlich aufgefallen. Sie kannte mich zu gut.

Es dauerte nicht lange und Matt rief an. Es war angenehm, seine Stimme zu hören, und ich hatte ihn vermisst.

»Hi Liebling! Was hast du heute Schönes gemacht?«, fragte er gut gelaunt.

»Ich war mit Lisa im Central Park spazieren.«

»Toll! …«, gab er gut gelaunt von sich. »Stell dir vor, heute hat der Kunde endlich einen Teil des Vertrages unterschrieben«, unterbrach er mich und begann überschwänglich weiterzuerzählen. Mir blieb nichts anderes übrig, als ihm zuzuhören.

»Jetzt will er uns auf sein Anwesen einladen. Er verlegt die ganze Angelegenheit einfach in seine Villa. Ist das nicht unglaublich? Wenn er die restlichen Verträge auch noch unterschreibt, dann ...«

»Das ist großartig, Matt! ... Aber hör mal, ich muss dringend mit dir reden«, sagte ich strenger, in der Hoffnung, er bemerkte, wie ernst es mir war. Ich konnte ja verstehen, dass er völlig aus dem Häuschen war, und vielleicht erwischte ich auch nicht den richtigen Zeitpunkt, um mit ihm zu sprechen. Aber wann war bei Matt schon der richtige Zeitpunkt?

»Was ist?«

Ich wartete, bis ich mir sicher war, dass er mir wirklich zuhören würde. »Schatz, wegen der Sache von gestern Abend, ich finde, wir sollten vor unserer Hochzeit unbedingt noch mal über unsere Zukunft sprechen.«

Er schwieg eine Weile und seufzte dann. »Warum? Du hast es dir doch nicht etwa anders überlegt, oder?«

»Nein, … aber ich, … ich finde, wir sollten uns über unsere Zukunft einig sein.«

»Ich bin eigentlich immer davon ausgegangen, dass du so schnell wie möglich schwanger werden willst. Alle jungen, verheirateten Frauen wünschen sich doch Kinder.«

»Das tue ich auch, nur nicht gleich nach der Hochzeit. Ich will damit einfach noch warten, Matt. Versteh mich nicht falsch, ich gebe meinen Beruf als Lehrerin auf, um als deine Angestellte in deiner Firma zu arbeiten. Und wenn ich das tue, will ich nicht sofort schwanger werden. Verstehst du?«

Noch bevor Matt etwas erwidern konnte, wurde er von jemandem gerufen.

»Bleib kurz dran, Hannah.« Es dauerte ein paar Sekunden, bis er sich wieder an mich wandte. »Also, Schatz. Wir müssen das Gespräch verschieben. Ich muss los. Wir fliegen mit dem Privatjet. Ich rufe dich an, wenn ich auf dem Anwesen bin. Ich liebe dich, bis bald.« Verwirrt starrte ich ein paar Sekunden lang das Handy an und flüsterte ihm ein „Ich liebe dich“ hinterher.

 

***

 

Ich hatte genug Zeit zum Nachdenken. Die halbe Nacht wälzte ich mich unruhig im Bett hin und her. Mein Entschluss, Jake Bennet zu helfen, geriet ins Wanken. Vielleicht hatte ich zu voreilig zugesagt. Mir war nicht klar gewesen, wie groß mein schlechtes Gewissen Matt gegenüber sein würde. Mit keinem Wort hatte ich ihm am Telefon von Jake Bennet erzählt. Wie würde er wohl darauf reagieren? Ich wusste zumindest, dass er nicht begeistert sein würde.

Lisa steckte den ganzen Tag in der Uni. Erst am späten Nachmittag holte sie mich ab. Gemeinsam fuhren wir den Teppich zur Reinigung. Im Auto ließ ich meiner Wut freien Lauf. Die gestrige Aktion hatte ich ihr noch nicht verziehen. Ich schimpfte wie ein Rohrspatz. Sie schlängelte sich in den New Yorker Verkehr ein, grinste vor sich hin, sagte aber nichts, während ich ihr Vorwürfe machte.

»Du hast mich einfach in diese Situation geworfen und mich im Stich gelassen! Wie konntest du nur? Vor allem war ich nicht allein schuld, dass an der Statue der Penis abgebrochen ist, und das weißt du genau!«

»Jetzt krieg dich wieder ein. Ich dachte eben, Roger wäre eine willkommene Ablenkung für dich. Außerdem hilfst du einem Freund, mehr nicht!«

»Und wie soll ich das Matt erklären? Hast du schon mal daran gedacht, dass wir ein verliebtes Paar spielen müssen? Verliebte Blicke, Händchen halten und all das?« Zu viel Nähe, schoss es mir durch den Kopf. Es kribbelte in meinem Bauch, was mich nervös an meinem Armkettchen zwirbeln ließ.

»Ich kann das nicht, Lisa. Ich hab einfach nicht nachgedacht und ihm zu schnell eine Zusage gegeben.«

»Jetzt beruhige dich. Es wird schon schiefgehen.«

Sie fuhr auf den Parkplatz eines Einkaufscenters und sah mich an. »Hannah, du hast doch nichts zu verlieren. Ich meine es nicht böse, aber manchmal muss man dich wirklich zu deinem Glück zwingen. … Wann soll es denn losgehen?«

»Er will mich am Freitag abholen. Dabei ist mir heute Nacht eingefallen, dass ich so gut wie nichts über ihn weiß. Als Paar weiß man doch, welche Vorlieben und Abneigungen man hat, oder nicht? Was ist, wenn seine Mutter oder sonst wer wissen will, wie wir uns kennengelernt haben? Oder was seine Lieblingsfarbe ist oder ich mich einfach verplappere? Und was sage ich Matt?«

Lisa schüttelte mit dem Kopf. »Du machst dir einfach zu viele Sorgen. Matt brauchst du vorerst gar nichts zu sagen. Und Roger rufst du an! Jetzt gleich! Sag ihm, du möchtest dich noch mal mit ihm treffen.«

»Was? Jetzt?«

»Ja, mach schon! Triff dich mit ihm. Sag ihm all das und dann kannst du dich noch immer entscheiden. Außerdem hat er dann die Möglichkeit, sich rechtzeitig jemand anderen zu suchen.«

Ich nickte. Eine Nachricht würde da genügen. Ich zog mein Handy aus der Tasche und schrieb ihm. Ich hatte jetzt nicht den Nerv, ihn am Telefon zu sprechen. Kaum hatte ich die Nachricht abgeschickt, piepste mein Handy.

»Das ging ja schnell! Und?«, fragte Lisa und beugte sich zu mir, um die Nachricht lesen zu können.

»Er will mich treffen. Jetzt!«

»Na also! Und wo?«

»Am blauen Engel.«

Lisa ließ den Motor wieder an und fuhr bereits aus der Parklücke heraus. »Du gehst da jetzt hin und wirst dich mit ihm unterhalten wie ein normaler, vernünftiger Mensch. Hast du mich verstanden? Ich bringe den Teppich in die Reinigung und du meldest dich, sobald du wieder zu Hause bist. In Ordnung?«

»Ist ja schon gut!«

Lisa hielt im absoluten Halteverbot, nur um mich aussteigen zu lassen. Resigniert öffnete ich die Autotür.

»Schnell, bevor ich ein Ticket kassiere. Bis später!«

»Bis später!« Mit deutlich erhöhtem Puls gab ich der Autotür einen Schups und sie fiel zu. Lisa gab Gas und dann sah ich ihr nach, wie sie vom Verkehr verschluckt wurde.

 

 

 

 

 

Kapitel 7

Erfundene Wahrheiten

Hannah

 

Vor mir erstreckte sich der Central Park. Entschlossen, diesem Möchtegern-Frauenversteher eine Absage zu erteilen, lief ich in den Park. Es war viel los. Kinder spielten am Ufer des Harlem Meers und überall lagen die Leute in der Sonne und genossen ihren Feierabend. Kurz schaute ich auf meine Armbanduhr. Eigentlich müsste er schon da sein. Ich blickte mich um, sah suchend hinunter zum Ufer und auf die Terrasse des kleinen Restaurants. Schlendernd ging ich die wenigen Stufen bis zum Ufer und setzte mich auf die letzte Stufe der Treppe. Meine Kopfschmerzen waren wie weggeblasen. Wie friedlich es hier war. Im moosgrünen Wasser schwammen ein paar Enten.

Wahrscheinlich hatte Jake Bennet es sich doch anders überlegt und versetzte mich. Wenn das seine Art war, mit Frauen umzugehen, dann wusste ich nicht, wie er es geschafft hatte, dass sie ihm alle aus der Hand fraßen. Ein weiteres Mal sah ich auf meine Armbanduhr. Jetzt war er schon mehr als zwanzig Minuten zu spät. Ich hätte mir gleich denken können, dass er es mit der Pünktlichkeit nicht so genau nahm. Verärgert warf ich einen Stein ins Wasser, als ein Schatten von hinten auf mich fiel.

Er war da. Mit einer Hand schützte ich meine Augen und blickte zu ihm auf. Jake grinste mal wieder so unverschämt und wirkte dabei umwerfend. Er trug ein weißes Hemd, Jeans und Sonnenbrille, war unrasiert, was ihn verwegen und sehr sexy aussehen ließ.

»Entschuldige, wartest du schon lange?«, fragte er und setzte sich neben mich auf die Steinstufen.

»Um ehrlich zu sein, wollte ich gerade gehen«, gab ich gewohnt schnippisch zurück und legte ein falsches Lächeln in mein Gesicht. Er nahm seine Sonnenbrille ab. Seine Augen schimmerten im Sonnenlicht einfach unglaublich. Schnell maßregelte ich meine Gedanken.

»Du wolltest mich sprechen?«, unterbrach er mich und genau in dem Moment erreichte mich sein Aftershave. Ich beherrschte mich, nicht meine Augen zu schließen und seinen Duft genussvoll in mich aufzunehmen. Herb und frisch, mit einer süßen Note. Verdammt!

»Was ist los? Du siehst nicht sehr glücklich aus!«

»Doch, ich bin sehr glücklich«, flunkerte ich. Wachsam studierte er mich, ich hatte das Gefühl, dass er direkt in mich hineinsehen konnte. Schnell wendete ich mich ab und sah auf das Wasser.

»Komm, wir laufen ein Stück.« Er stand auf und reichte mir seine Hand. Was hatte er vor? Ein Stück laufen? Seine Hand ignorierend, erhob ich mich.

»Das schaffe ich allein, danke«, sagte ich leise. Er erwiderte nichts, nur durch sein dämliches Grinsen wusste ich, dass er mich gehört hatte.

Schweigend gingen wir den kleinen Weg am Wasser entlang.

»Also Hannah, kann es sein, dass du es dir anders überlegt hast? Darf ich fragen, warum?«

»Ich … ehrlich gesagt, … ich weiß es nicht.«

»Du bist dir unsicher?«

»Ja. Gestern Nacht konnte ich nicht schlafen und da sind mir einige Dinge durch den Kopf gegangen. Wir fahren in wenigen Tagen und ich weiß nichts von dir. Bist du nicht der Meinung, ich sollte zumindest ein paar persönliche Dinge wissen? Ich hab solche Panik bei dem Gedanken, dass mich jemand etwas fragen könnte und ich keine passende Antwort darauf habe.«

Er nickte und lachte. »Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Das kriegen wir beide schon hin.«

Wir beide? Abrupt blieb ich stehen und sah ihn ernst an.

Er zog seine Augenbrauen hoch. »Ich denke, das dürfte kein Problem sein. Was willst du von mir wissen? Vertrau mir und frag mich einfach.«

Vertrauen? Ich kannte ihn kaum und es fiel mir schwer, mich auf ihn einzulassen. Er schien meine Gedanken zu erraten und für einen kurzen Moment verdunkelten sich seine Augen.

»Ich meine das nicht persönlich. Aber als ich erfuhr, dass Nancy ...«

»Ach so, Nancy! Nancy ist nur eine gute Freundin. … Hannah! In meinem Job geht es nicht nur um Sex. Es ist eine Dienstleistung wie jede andere auch.«

»Aber diese eine Sache ist illegal«, warf ich ein, was ihn wieder grinsen ließ.

»Hast du schon einmal darüber nachgedacht, wie es den Leuten gehen würde, wenn es Prostitution nicht gäbe? Meistens sind die Damen, die mich buchen, einsam. Viele sind verheiratet oder ihr Partner betrügt sie. Es ist mir wichtig, dass meine Kundinnen sich wohlfühlen, sie bezahlen schließlich dafür. In meinem Job sind Menschenkenntnis und Fingerspitzengefühl gefragt. Ich kann es mir nicht erlauben, indiskret oder stümperhaft zu arbeiten. Verstehst du?«

Ich war ehrlich beeindruckt von seinen Worten. Aber warum hatte es mich von Anfang an so abgeschreckt? Lag es daran, dass er sich und seinen Körper verkaufte? Ich fand dieses Thema schon immer moralisch verwerflich. Obwohl ich mir nie große Gedanken darüber gemacht hatte. Es war das erste Mal, dass ich überhaupt mit diesem Milieu in Berührung kam. Der Ruf, den dieses Gewerbe hatte – schmutzig und dreckig, hatte mich immer abgeschreckt. Dabei wirkte Jake überhaupt nicht so auf mich. Vielleicht hatte ich ihn wirklich zu schnell abgestempelt. Schamgefühl durchflutete mich und ich spürte, wie mir die Röte ins Gesicht schoss.

Er musterte mich, schien in meinem Gesicht lesen zu können. »Dir geht es um die Tatsache, dass ich mit anderen Frauen schlafe«, stellte er fest. Jetzt schaffte ich es nicht einmal mehr, ihm ins Gesicht zu schauen.

»Hannah, das braucht kein Thema zwischen uns zu sein. Es sei denn, du möchtest es.«

Oh Gott! Mein Herz setzte aus. Ein Bild meiner Fantasie mit ihm schlich durch meinen Kopf. Diese Vorstellung musste ich sofort verbannen. Es ging hier nur darum, ihm einen Gefallen zu tun. Weiter nichts! Unfähig zu sprechen, nickte ich und sah dabei zu, wie er sich nachdenklich durchs Haar fuhr.

»Okay, vielleicht hast du recht und wir sollten mehr voneinander wissen. … Hast du Hunger? Lass uns hier irgendwo etwas essen gehen.«

 

***

 

Wir saßen wieder in dem kleinen Restaurant, direkt am Wasser. Die gleiche Bedienung wie gestern brachte uns unsere Getränke und die Speisekarte. Mein Mund war so trocken, dass ich sogleich einen großen Schluck von meiner Cola nahm. Kaum hatten wir beide unser Essen gewählt, verschwand die Kellnerin. Erwartungsvoll sah mich Jake an. »Also, Schatz, erzähl mir etwas von dir. Wo bist du aufgewachsen?«

Ein Lachen entwich mir. »Ich bin in Richland aufgewachsen. Meine Mutter war Lehrerin und hat mich allein großgezogen.«

»Und was ist mit deinem Vater?«

»Als ich vier Jahre alt war, hat er uns verlassen. Mit 16 erfuhr ich, dass er gestorben ist.«

»Das tut mir leid.«

»Das muss es nicht. Ich kann mich kaum an ihn erinnern. Ich bin dran. Was magst du, wo verbringst du deinen Urlaub?«

»Meinen Urlaub? Tja, mal hier, mal da. Ich habe da nichts Bestimmtes. … Ich liebe schnelle Autos, bin sportlich und mag Kunst. Ich bin 28 Jahre alt und in Dundee aufgewachsen. Vor ein paar Jahren ging ich nach New York. Hm … was noch?« Er überlegte eine Weile. »Ach, zu deiner Frage, wie wir uns kennengelernt haben. Wir haben uns hier im Central Park kennengelernt. Ich habe dich am blauen Engel angesprochen und nach der Uhrzeit gefragt. So kamen wir ins Gespräch. Ich glaube, das ist am einfachsten. Reicht dir das?«

Na ja, viel Persönliches hatte er mir nicht über sich verraten. Aber es war zumindest ein Anfang.

»In Ordnung, aber was ist mit deiner Familie? Hast du Geschwister?«

»Ja, zwei Brüder und eine Schwester. William, Adam und Laura. Adam ist mit Chloe verheiratet und hat zwei Jungs.«

»Wow! Dann bist du ja schon Onkel. Wie heißen deine Neffen?«

Er pustete nachdenklich und schien zu überlegen. »Tja, das weiß ich nicht mehr so genau.«

Jetzt stutzte ich und sah ihn stirnrunzelnd an. »Wieso weißt du das nicht? Das ist doch deine Familie!«

»Es ist kompliziert, Hannah. Ich weiß es deshalb nicht, weil ich aufgehört habe, danach zu fragen und sie schon lange nicht mehr gesehen habe.«

»Und wie lange warst du schon nicht mehr zu Hause?«

»Sechs Jahre«, antwortete er und jetzt spürte ich, dass er nervös war.

Es war ihm total unangenehm, das sah ich ihm an. Er sprach nicht gerne über seine Familie und ich vermutete, auch nicht über sich selbst. Aber wenn er wollte, dass ich ihm half, dann musste er mir schon mehr erzählen.

»Und deine Eltern?«

»Mein Vater betreibt mit meinen Brüdern eine Autowerkstatt. Meine Mutter führt mit meiner Schwester Laura und meiner Schwägerin das Restaurant direkt neben der Werkstatt. Es ist sozusagen ein Familienunternehmen.«

Die Kellnerin kam. Mit großem Appetit fingen wir an zu essen. Jake bestellte sich einen weiteren Rotwein. »Du solltest den probieren. Er ist wirklich gut«, sagte er und nahm gleich darauf den letzten Schluck aus seinem Glas.

»Danke, ich bleibe lieber bei der Cola.«

»Warum? Du magst doch Alkohol? An der Vernissage hast du doch auch welchen getrunken.«

»Ich mag ihn schon, aber ich muss ihn vorsichtig genießen. Ich vertrage nicht allzu viel.«

»So? Was passiert denn, wenn du zu viel hast?«

»Das willst du nicht wirklich wissen«, erklärte ich ihm verlegen.

»Jetzt komm schon, verrate es mir, damit ich notfalls richtig reagieren kann.«

»Schon gut. Ich werde davon müde«, sagte ich halbherzig.

Er sah mich schief an und eine Falte erschien auf seiner Stirn.

»Das ist alles? Irgendwie glaube ich dir das nicht.«

Mist! Ich wollte ihm diese Sache nicht verraten. »Glaub es oder lass es.« Ich lachte wieder und verschwieg ihm meine Gedanken.

»Du bist geheimnisvoll.«

»Du auch«, konterte ich grinsend. Mir wurde heiß bei seinem Blick. … »Was ist deine schönste Erinnerung?«

Während er überlegte, nahm ich einen letzten Bissen und schob satt und zufrieden den Teller von mir.

»Ich glaube, als ich meinen Sportwagen kaufte.«

»Was für einen Wagen fährst du?«

»Einen Porsche 911 Carrera S Cabriolet.«

Jetzt verschluckte ich mich fast an der Cola. »Du fährst Porsche? Wow!« Ich fand diese Autos schon immer sehr aufregend. Matt fuhr ausschließlich in dunklen Limousinen. Heimlich sah ich oft den Sportwagen hinterher, wenn sie auf der Straße an mir vorbeischossen. Damit konnte Jake ganz eindeutig bei mir punkten.

»Und was hast du für ein Geheimnis?«, stellte er nun die nächste Frage an mich.

»Ich? Ich weiß nicht?«

»Na, du weißt schon. Jeder hat etwas, was er nicht erzählt und für sich behält. Ich kenne jemanden, der mag den Geruch von Elefantenscheiße.«

Ich lachte laut. »Elefanten ...? Iiieeehhh!«

Abwehrend hielt er seine Hände von sich und lachte mich breit an. »Ich mag diesen Geruch nicht, Hannah!«

Es war schon erstaunlich, in seiner Gegenwart fühlte ich mich plötzlich richtig wohl.

»Also sag schon, was verbirgst du?«

Ich sah auf meine Hände und haderte mit mir. »Also gut. Ich habe eine Schwäche für Poesie, Gedichte und alte Sprachen.«

Zuerst verzog Jake seine Lippen und sah mich ungläubig an.

»Das soll dein Geheimnis sein?«

»Ja, wieso nicht?«

»Na, ich glaube, das tun Tausende mit dir. Oder steckt dahinter eine Abartigkeit, die du mir nicht erzählen willst?«

Wieder entlockte er mir ein Lachen.

»Nein, es ist einfach, dass niemand in meinem Umfeld dies mit mir teilen kann. Weder Matt noch Lisa können diese Liebe verstehen. Ich wollte mal Literatur studieren, aber meine Mutter hat so lange auf mich eingeredet, bis ich einwilligte, Lehrerin zu werden.«

»Und woher kommt diese Liebe?«

»Von meinem Vater«, sagte ich leiser. »Du kennst doch bestimmt auch ein paar Werke. Schließlich sind sie ein Bestandteil der Lehrpläne.«

Er schüttelte mit dem Kopf.

»Natürlich! Das steht im Lehrplan. Zufällig weiß ich das genau.«

»Kann sein, wahrscheinlich habe ich da gerade gefehlt.«

»Jake! Das ist Stoff, der über mehrere Wochen unterrichtet wird. Das musst du mitbekommen haben. … Mal überlegen, was könntest du schon einmal gehört haben? … Ah, ja! Dieses hier kennst du bestimmt!«

 

Herz, mein Herz, was soll das geben?

Was bedränget dich so sehr?

Welch ein fremdes, neues Leben!

Ich erkenne dich nicht mehr.

Weg ist alles, was du liebtest,

Weg, warum du dich betrübtest,

Weg dein Fleiß und deine Ruh –

Ach, wie kamst du nur dazu!

                  Johann Wolfgang von Goethe

 

Als ich geendet hatte, sagte Jake kein Wort. Bewunderung lag in seinen Augen. Mein Herzschlag beschleunigte sich.

»Das war wunderschön.« Seine Stimme war rau und seine Augen waren jetzt so anders – dunkler – funkelten fast schwarz. Nervös wischte ich meine Hände an meiner Hose ab und schaffte es nicht, seinem Blick standzuhalten.

»Und? Kommt es dir irgendwie bekannt vor?«

»Öh, nein!« Sein Stocken ließ mich vermuten, dass er mir etwas verschwieg.

»Was ist zwischen deiner Familie und dir passiert?«, wollte ich wissen, um von mir wieder etwas abzulenken.

Nervös fuhr er sich durch sein Haar. »Ist das wichtig?«

»Ja, natürlich! Wie kommst du darauf, dass gerade ich sie überzeugen kann?«

»Weil du ...«, er lächelte, »weil du genau die Sorte Frau bist, die sie für mich ausgesucht hätten. Du bist ehrlich, ein wenig schüchtern, aber gradlinig. Das ist mir schon auf der Party aufgefallen. Du lässt dich nicht so leicht beeinflussen und bewahrst dir eine gewisse Distanz, die sehr selten geworden ist.«

So schätzte er mich ein? Wow! Das brachte mich in Verlegenheit, und was noch viel schlimmer war, es gefiel mir sogar, dass er so von mir dachte.

»Du brauchst nichts weiter zu tun, als du selbst zu sein.«

Das war also der Deal! Eigentlich nicht schwer.

»Ich weiß, was du jetzt denkst, aber ... glaub mir, ich kann ihnen die Wahrheit nicht antun. Das würde ...«

»Ich verstehe. … Aber ich weiß nicht, ob ich dafür die Richtige bin. Du magst mich vielleicht für geeignet halten, aber ...« Wenn er wüsste, wie oft ich meine Entscheidung schon geändert hatte. Ich war alles andere als gradlinig. Dieses ewige Hin und Her machte mich noch ganz wahnsinnig.

»Hannah, mit dir an meiner Seite wird meine Großmutter eine schöne Illusion im Kopf haben. Was gibt es Schöneres, als ihr diese Vorstellung zu schenken? … Das bin ich ihr einfach schuldig.« Die Stille, die zwischen uns herrschte, war einerseits merkwürdig und andererseits hatte ich das Gefühl, dass er mir plötzlich nicht mehr so unnahbar vorkam. Irgendwie verlor ich meine anfängliche Nervosität. Er war ein Mann mit Fehlern und Schwächen, das begriff ich jetzt und genau das machte ihn irgendwie menschlicher.

Bei dem Gedanken lächelte ich ihn an und auch er erwiderte es, was mich mit Wärme erfüllte.

»Okay, Jake! Ich werde dir helfen, aber wenn es nicht klappt, ...«

»Dann haben wir es wenigstens versucht.«

Kapitel 8

Das Abenteuer beginnt

Hannah

 

Zwei Tage bevor dieses kleine Abenteuer beginnen sollte, saß ich beim Friseur und ging mit Lisa nochmals die Liste durch, die wir zusammen gemacht hatten.

»Für den eigentlichen Geburtstag brauchst du zwei Kleider. Vielleicht ein schönes Kostüm für den Vormittag in der Kirche und für den Abend etwas Elegantes und gleichzeitig Reizendes, das deiner Figur schmeichelt.«

Seit ich mit Matt zusammen war, kaufte ich mir hin und wieder etwas Vorzeigbares, doch nur aus dem Grund, weil wir seine Eltern besuchten. Ansonsten bevorzugte ich Jeans und Blusen, gewöhnliche Kleidung eben nichts Aufregendes. Mir war klar, dass ich dies ändern müsste, wenn ich erst verheiratet wäre.

Bei unserem ersten Treffen gaben die Baldwins ein Gartenfest. Alle waren modern und stilsicher gekleidet. Ich trug eine lockere Leinenhose und ein passendes Shirt, dazu offene Sandalen. Die Blicke der feinen Gesellschaft hatten unangenehm auf mir geruht und ich hatte mich irgendwie deplatziert gefühlt. Von da an achtete ich auf meine Garderobe, wenn ich mit Matt unterwegs war. Seine Familie war sehr reich und hatte einen festen Platz in der Gesellschaft, und wenn ich dazugehören wollte, musste ich mich anpassen.

Genauso würde es meine Pflicht sein, meinen Job als Lehrerin aufzugeben und voll in das Familienunternehmen einzusteigen. Genaugenommen hatte Viktoria es so geplant. Sie brauchte eine Sekretärin.

Sie hielt die Fäden der Familie in der Hand. Sie war das reinste Organisationstalent und behielt die Übersicht sowie das Kommando in der Familie wie auch in der Firma. Manchmal entdeckte ich in ihr viel Ähnlichkeit mit meiner Mom. Sie war eine sehr strenge Frau und duldete keine Widerworte. Hin und wieder hatte ich sogar den Eindruck, dass sich niemand in der Familie traute, ihre Entscheidungen anzuzweifeln. Zugegeben, Matts Heiratsantrag hatte nicht nur die Familie sehr überrascht, sondern auch mich. Wir kannten uns gerade ein Jahr und hatten beide gerade unseren Abschluss gemacht, da ging Matt seinen Pflichten als Sohn nach. Er überredete mich, mit nach New York zu ziehen, schließlich konnte ich auch hier als Lehrerin arbeiten. Vor ein paar Monaten kaufte er dann dieses Appartement.

»Hey! Wo bist du wieder mit deinen Gedanken? Wir sollten uns nach dem Friseur noch nach passenden Schuhen umschauen«, sagte Lisa und fuchtelte wild mit ihrer Hand vor meinen Augen.

»Entschuldige. Schuhe? Aber ich kann doch die nehmen, die ich habe. Außerdem willst du mich immer in so hohe Dinger stecken, in denen ich kaum laufen kann.«

»Ja ja! Wir werden sehen. … Wie lange wird es noch dauern?«, fragte sie die Friseurin, die die Spitzen meines schulterlangen Haares schnitt.

»Etwa 30 Minuten«, gab diese ihr zur Antwort.

Als die Friseuse uns kurz allein ließ, beugte ich mich zu Lisa hinüber. »Lisa? Meinst du, ich soll Matt wirklich nichts davon erzählen? Ich meine, er wird mich zwischendurch bestimmt anrufen. Was soll ich ihm sagen, wo ich bin?«

Sie zuckte mit den Achseln. »Erst mal würde ich ihm nichts sagen. Du kannst ihm immer noch davon erzählen, wenn er wieder da ist.«

Vielleicht hatte sie recht. Wir hatten schon genug Diskussionen am Telefon gehabt und außerdem war ich erwachsen genug, um meine Entscheidungen allein zu treffen. Unsere Telefonate beschränkten sich auf ein paar Minuten am Tag. Er fehlte mir. Ich brauchte das Gefühl seiner starken Arme – den Halt in meinem Leben. Bisher war ich noch nie so lange von ihm getrennt gewesen. Ich war zwar gern allein, doch diesmal flüchtete ich mich von einem Termin zum nächsten. Anfangs hatte ich es genossen, doch mittlerweile gab es immer mehr Momente, in denen ich ihn gerne bei mir gehabt hätte. Die Wohnung war so leer ohne ihn. Bilder unserer letzten Liebesnacht schossen mir durch den Kopf. Auch wenn es nicht so stürmisch und leidenschaftlich zwischen uns war, waren wir beide zufrieden. Sex war nicht das Wichtigste, hatte er einmal gesagt und da stimmte ich ihm zu. Wir hatten eine solide Basis für unsere Ehe geschaffen – wir verstanden uns, stritten nie und harmonierten miteinander. Alles war gut geplant und durchdacht – ich brauchte das.

 

***

 

Ich war aufgeregt wie ein junges Huhn. Wenn Lisa heute Nacht nicht bei mir schlafen würde, würde ich wahrscheinlich Jakes Nummer wählen und ihm absagen. Matt meldete sich nur per SMS, was mich ein wenig enttäuschte. Aber immerhin gab er ein Lebenszeichen von sich.

So aufgewühlt, wie ich war, schaffte ich es noch nicht mal vernünftig, meinen Koffer für die paar Tage zu packen.

»Wieso bist du so nervös? Beruhige dich und trinke einen Schluck Wein.«

Ich gehorchte und setzte mich auf die Bettkante neben meinen Koffer, schaute Lisa dabei zu, wie sie meine Unterwäsche und die neuen Sachen fein säuberlich im Koffer verschwinden ließ. Ihr Weinglas hatte sie mir in die Hand gedrückt. Ich nippte daran.

»Du wirst sehen, Roger wird sich um alles kümmern und du wirst eine tolle Zeit mit ihm haben. Also mal ehrlich, Hannah, ich kenne mindestens fünfzig Frauen, die gerne mit dir tauschen würden.«

»Du hast leicht reden. Ich gehe da ja nicht zum Spaß hin. Und ich glaube, für ihn ist das auch kein Spaziergang. … Ich will ihm lediglich den Gefallen tun. Wir werden beide die ganze Zeit über angespannt sein. Na, du weißt schon. Er …«

Herrje! Warum fiel es mir so schwer, ihr klarzumachen, dass diese Sache vielleicht auch übel enden könnte?

»Vertrau ihm einfach. Er weiß schon, was er tut. Trotzdem frage ich mich, was genau passiert ist, dass er seine Familie so lange nicht gesehen hat.«

Das stimmte, das fragte ich mich auch. Vielleicht würde ich es ja noch herausfinden.

»Jedenfalls wird es aufregend werden mit ihm.«

Ich verdrehte die Augen.

»Gib es endlich zu, du magst ihn«, sagte sie und klappte den Deckel des Koffers zu.

»Lisa! Ich mag ihn nicht, ich … gebe zu, sein Job ist ...«

»Du meinst, weil er ein Escort-Man ist und mit Frauen gegen Bezahlung schläft?«

Ich schaffte es einfach nicht, diese Worte über meine Lippen zu bringen, und nickte nur.

»Wie konnte er nur so einen Job annehmen? Es gab doch bestimmt andere Möglichkeiten, als ausgerechnet damit sein Geld zu verdienen.«

»Kann sein! Aber vielleicht gefällt ihm sein Job. Tante Nancy sagt, er ist der Beste, den sie je gebucht hat.«

»Wie auch immer. Ich werde ihm helfen und damit hat sich diese Sache dann für mich erledigt.« Ich trank den letzten Schluck aus dem Weinglas.

»Komm, es ist schon spät. Wir sollten ins Bett gehen und versuchen zu schlafen. Du kannst dir keine Augenschatten leisten. Du musst morgen gut aussehen.«

Gemeinsam schlossen wir den Koffer. Mein viel zu teures Abendkleid, das Lisa und ich noch gekauft hatten, war sicher in einem Kleidersack verpackt. Hoffentlich dachte ich morgen daran, es mitzunehmen.

In dieser Nacht schien der Mond sanft durch mein Schlafzimmerfenster. »Lisa? Schläfst du schon?«, fragte ich in die Stille.

»Nein, noch nicht.«

»Hast du schon mal das Gefühl gehabt, das Richtige zu tun, obwohl du genau weißt, dass es eigentlich falsch ist?«

»Wie meinst du das?«

»Also, mein Herz sagt, ich mache das Richtige, aber mein Kopf schreit mich an, ich soll es nicht tun!«

»Ja, das kenne ich. Sogar besser, als du dir vielleicht jetzt vorstellen kannst. Manchmal muss man auch mal etwas tun, was nicht von einem erwartet wird. Weißt du, was ich meine?«

»Ja«, flüsterte ich.

»Und jetzt schlaf. Du wirst sehen, es wird alles gutgehen.«

Meine Mutter hatte mich dazu erzogen, nichts dem Zufall zu überlassen, alles zu planen, alles durchzustrukturieren und niemals vom Plan abzuweichen. Sie brachte mir bei, dass ich durch Kontrolle mein Leben besser im Griff haben würde. Seit ich hier in New York war und mich von meiner Mom ein Stück weit lösen konnte, ertappte ich mich des Öfteren dabei, wie ich immer wieder von genau diesem vorgefertigten und einstudierten Verhalten abwich. Das Gefühl, etwas falsch zu machen, ermahnte mich – der Drang in meinem Herzen nach Freiheit wurde immer stärker.

Meine Mom kannte diese Seite an mir. Sie sagte dann immer, ich wäre meinem Vater so ähnlich. Mit Disziplin und Regeln hatte sie diese Stimme stets zum Schweigen gebracht. Normalerweise führten diese Ausrutscher dazu, dass ich mich in dem Augenblick des Regelverstoßes zwar gut fühlte, mich hinterher jedoch das schlechte Gewissen plagte, und dann gab ich ihr meist recht.

Matt wusste davon nichts. Er hielt meine Mutter nur für sehr streng und ich beließ es dabei. Das Problem zwischen Mom und Matt war ohnehin schon groß genug.

Als Lisa gleichmäßig und ruhig atmete, fiel ich schließlich in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

 

***

 

Pünktlich um ein Uhr war es dann soweit. So oft hatte ich das Wiedersehen zwischen Jake und mir geprobt. Was ich sagen wollte, wie ich ihm die Hand geben und aussehen würde. Ich wollte unbedingt cool und selbstbewusst wirken. Doch als ich mit dem Trolley in der einen und dem Kleidersack in der anderen Hand das Haus verließ, raubte mir sein Anblick den Atem. Fort waren alle meine schauspielerischen Übungen, die ich Tage vorher noch einstudiert hatte. Mein Auftritt glich dem eines sabbernden Teenies, der seine Rockband anhimmelte. Mein Gott! Wieso schaffte dieser Mann es immer wieder, mich so in seinen Bann zu ziehen?

Lässig lehnte er an seinem Porsche und grinste. Er trug eine dunkle Hose und ein weißes Hemd, dessen Ärmel er leger hochgekrempelt hatte. Dadurch konnte ich ein Stück seines Tattoos erkennen. Seine Muskeln zeichneten sich unter dem Stoff des Hemdes deutlich ab. Er sah unfassbar gut aus – sexy und aufregend zugleich. Jake grinste frech und wie so oft spürte ich, wie mir das Blut in den Kopf schoss.

Er stemmte sich vom Auto ab und lief mir entgegen.

»Hallo Hannah! Du siehst fantastisch aus«, sagte er musternd. Was war an meinem heutigen Outfit fantastisch? Ich trug eine weiße Stoffhose und ein dunkelblaues Shirt. Nichts Spektakuläres.

Er nahm mir den Koffer ab.

»Du hast ja wirklich einen Porsche. Wow!«, sagte ich ehrlich begeistert und um ihn von meiner Unsicherheit abzulenken.

Lachend führte er mich zu seinem Sportwagen und verstaute den Trolley, bevor er mir die Tür aufhielt, damit ich einsteigen konnte. Der schwarze Lack glänzte in der Sonne und ich freute mich, meine erste Fahrt in so einem schicken Auto zu machen.

»Das habe ich dir doch gesagt. Bereit, Schatz?«

Bemüht elegant setzte ich mich. »Ja, aber bitte nenn mich nicht Schatz. Das passt nicht zu mir, okay?«

Während er um den Wagen herumging, bewunderte ich die Innenausstattung. Alles war aus feinstem Leder und sehr edel. Noch nie war ich in einem solch teuren Auto gesessen. Jake drückte einen Knopf und schon öffnete sich automatisch das Dach.

»Was für einen Kosenamen soll ich dir geben? Sweety, Hasi oder Mausi?«, fragte er lachend.

»Nenn mich doch einfach Hannah. Das kann sich jeder merken.«

Er beugte sich zu mir und griff mit einer Hand zu meinem Gurt. Plötzlich hatte ich wieder seinen Duft in der Nase. Am liebsten wäre ich noch näher an seinen Hals gerückt und hätte tief dieses süße und würzige Aroma eingesogen, doch ich konnte mich gerade noch zusammenreißen. Seine plötzliche Nähe ließ mein Herz schneller schlagen und dieses merkwürdige, warme Gefühl breitete sich in mir aus. Sein Blick wanderte von meinem Gesicht zum Ausschnitt der Bluse. Fast wäre ich zusammengezuckt, als ich plötzlich Hitze zwischen meinen Schenkeln spürte. Was war nur los mit mir? Dieses fremde und intensive Gefühl verunsicherte mich.

Er wollte mich anschnallen.

»Danke, … dass ... ähhh ... kann ich auch allein«, flüsterte ich und räusperte mich schnell, als ich ihm den Gurt aus der Hand nahm.

»Gut!« Seine Stimme war rau und tief. Langsam, ohne mich aus den Augen zu lassen, wich er zurück, das gab mir meine alte Sicherheit wieder. Mein Haar hatte Lisa zu einem hübschen Zopf geflochten, jedoch hatten sich einige Strähnen verirrt, die ich mir mit einer Handbewegung hinters Ohr strich.

Der Motor schnurrte wie ein Kätzchen und Jake fädelte sich in den Verkehr ein. Ich war ganz froh, dass er mir Zeit gab, mich wieder zu fangen. Bestimmt hatte er bemerkt, wie schnell mein Herz geschlagen hatte und mein Körper auf seine Nähe reagierte. Peinlicher konnte es nicht werden!

Wir ließen New York hinter uns. Felder und Wiesen zogen in rasanter Geschwindigkeit an uns vorüber.

Irgendwann schielte ich zum Tacho. Achtzig Meilen pro Stunde waren erlaubt, doch die Nadel zeigte hundertfünfzig an.

»Du fährst zu schnell, Jake.«

Er sah auf den Tacho und ging sogleich vom Gas herunter.

»Entschuldige, es fällt mir schwer, mich an die Geschwindigkeitsbegrenzung zu halten.«

Die Nadel fiel langsam wieder, und als sie knapp bei der vorgeschriebenen Geschwindigkeit blieb, entspannte ich mich.

»Wenn es dir schwerfällt, warum kaufst du dir dann so ein Auto?«

»Na, weil ich es liebe. Bei 400 PS wird mein Herz eben schwach.«

»Wie schnell fährt der Wagen denn?«

»Von 0 auf 100 ist er in 4,7 Sekunden. Da ist es schwer, bei den vorgeschriebenen Begrenzungen zu bleiben. … Kennst du das Gefühl, wenn die Pferdestärken dich in den Sitz drücken, und du schneller bist als alle anderen? Das ist wie ein Rausch.« Seine Augen leuchteten vor Begeisterung und das schiefe Grinsen wich jetzt einem breiten Lachen.

Ich schüttelte den Kopf und versuchte, mir vorzustellen, was er meinte. In meinen kühnsten Vorstellungen war es dieses Auto, mit dem ich über den Highway schoss. Doch nie würde ich mir diesen Traum erfüllen können, deshalb genoss ich die Fahrt in vollen Zügen. Das edle Design der Armaturen und das weiche Leder der Sitze – all das hatte schon etwas. Wie es sich wohl anfühlen würde, soviel Kraft durch die Straßen zu lenken?

»Darf ich mal fahren?«

Sofort wich alles, was eben noch fröhlich und begeistert gewesen war, aus seinem Gesicht. Diese Falten mitten auf seiner Stirn erschienen und ich bildete mir sogar ein, dass er bleich wurde. Hatte er etwa Angst?

»Nein! Auf keinen Fall. Du bist doch noch nie mit so einem Auto gefahren, oder?«

»Nein. Aber ich würde es gerne mal versuchen.«

»Ausgeschlossen, Hannah. Das kann ich nicht verantworten.«

»Na, hör mal! Ich habe den Führerschein und kann fahren.«

»Das mag ja sein, aber das hier ist kein normales Auto. Das ist meine einzige große Liebe und niemand außer mir darf jemals damit fahren. Ich mag es noch nicht mal, wenn jemand den Lack berührt.«

»Du übertreibst«, lachte ich.

»Nein, das ist mein voller Ernst. Ich bin der Fahrer dieses Babys und sonst niemand.«

Ungläubig schüttelte ich den Kopf. »Jake! Das ist kindisch!«

Wie ein trotziger, kleiner Junge nahm sein Gesicht harte Züge an und seine Lippen waren nur noch schmale Schlitze.

»Mag sein, aber bei Frauen und bei Autos kenne ich kein Pardon.«

Darauf fiel mir wirklich nichts mehr ein. Ich gab auf. Schmollend schaltete ich das Radio ein. Sofort dröhnte laute Musik aus den Boxen. Ich drehte es etwas leiser.

»Sei nicht böse auf mich, aber ich habe noch nie jemanden fahren lassen.« Er blickte zu mir.

»Entspann dich, Jake. War ja nur eine Frage.«

Eine Weile sprachen wir nicht und ich genoss die Fahrt. Seine Anspannung wich allmählich und ich spürte, wie er immer wieder zu mir rüberlinste.

»Was ist das eigentlich für eine Blume an deinem Armkettchen? Hat sie eine bestimmte Bedeutung?«

Ich hatte gar nicht bemerkt, wie ich mal wieder daran herumspielte. Blöde Angewohnheit!

»Oh, das ist die blaue Blume.«

»Du trägst das Armkettchen immer, nicht wahr? Hat es dir dein Verlobter geschenkt?«

»Oh nein! Das habe ich von meinem Vater geerbt, als ich sechzehn Jahre alt wurde. Und du hast recht, die Blume hat wirklich eine Bedeutung. Die blaue Blume ist in der Dichtkunst das Symbol der Romantik. Sie steht für Natur, Mensch und Geist«, erklärte ich ihm. Ich liebte diese Blume – genau wie mein Vater, der die Romantik liebte. … Wie weit ist es noch bis Dundee?«

»Bei dem Tempo? Noch eine Weile, aber wir haben ja Zeit. Warum? Brauchst du eine Pause?«

»Nein, ich frage nur.«

»Willst du mal dieses Gefühl, von dem ich vorhin gesprochen habe, kennenlernen? Ich fahre auch vorsichtig – versprochen.« Erwartungsvoll blickte er immer wieder zu mir rüber.

»Du meinst, du willst mir zeigen, wie schnell dein Baby fährt?« Ein Kribbeln lief über meine Haut und mein Herz war plötzlich in Aufruhr.

»Ja, wenn du möchtest. … Ich bin ein guter Fahrer und die Strecke bietet sich gerade an.«

Wir waren allein auf dem Highway, kein Verkehr, der uns gefährlich werden konnte. Die Vorstellung allein brachte mich schon durcheinander.

»Ja, wieso nicht!«

Er freute sich sichtlich und biss sich, aufgeregt wie ein kleiner Junge, auf die Lippen. »Also, halt dich fest, Blue. Es wird dich umhauen«, sagte er.

Blue? Noch bevor ich dazu kam, ihn zu fragen, was er mit Blue meinte, schossen wir schon davon. Die Kraft der PS drückte mich in den Sitz, während mein Blut sich vom Adrenalinstoß anfühlte, als würde es mit einem Elektroquirl steif geschlagen.

»Wahhh!« Jake gab immer noch Gas und noch lange war die Geschwindigkeit, die das Auto fahren konnte, nicht erreicht. Ich hielt mich an der Türhalterung fest, während mir sämtliche Gesichtszüge entglitten. Jake lachte vor Freude.

Mein Körper fühlte sich schwer und bewegungsunfähig an. Ich konnte nicht verhindern, dass ein paar Schreie meiner Kehle entwichen. Es war das unglaublichste Gefühl, das ich je erlebt hatte.

Kurz sah Jake zu mir rüber und sofort ging er vom Gas. Mein Puls raste und ich atmete schneller. Sämtliche Farbe war mir aus dem Gesicht gewichen.

»Geht es dir gut, Hannah? Alles in Ordnung?« Besorgt berührte er mich an meinem Arm. Ich schaffte es nur zu nicken. Jake fuhr in die nächste Parkbucht und hielt an.

»Ist dir schlecht? War das zu viel? Hannah? Sag doch etwas.«

Ich sah ihm in die Augen – sekundenlang. »Das war der absolute Wahnsinn! Ich wünschte, ich hätte auch so ein Auto.«

Seine besorgte Miene verschwand und das für ihn typische freche Grinsen nahm sein ganzes Gesicht ein.

»Ehrlich? Dir hat es gefallen?«

»Wie kann das jemandem nicht gefallen? Das war großartig, wenn auch bestimmt nicht erlaubt. Aber … Jake, ich glaubte wirklich, ich könnte fliegen.«

Jetzt schüttelte er den Kopf und lachte. »Komm, suchen wir uns ein Café.«

 

***

 

Keine vier Meilen weiter besorgte Jake mir ein Wasser und einen Kaffee. Wir tranken ihn in der warmen Nachmittagssonne und gingen ein paar Meter spazieren.

»Ich hätte nicht gedacht, dass dir dieser Sprint gefällt.«

»Ehrlich? Ich auch nicht, aber trotzdem ist es gefährlich. Dein Führerschein ist ja permanent gefährdet!« Wir lachten und Jake erklärte mir, worauf es beim Fahren mit solch schnellen Autos ankam. Er war total in seinem Element und schien seine Anspannung völlig vergessen zu haben. Ein warmes Gefühl durchfuhr mich, wenn ich in sein Gesicht sah, wie er strahlte.

»So, wir sollten weiter. Zwei Stunden haben wir noch vor uns«, sagte er und hielt mir die Tür auf. Bevor ich einstieg, hielt ich inne. »Da fällt mir ein, was hast du mit „Blue“ vorhin gemeint?«

»Na, dich! Das ist jetzt dein Kosename.«

Blue? Blau? Mein Kosename? Wie ungewöhnlich, aber er gefiel mir – sehr sogar.

Sachte schloss er die Tür, nachdem ich eingestiegen war, und ging um den Wagen herum. Als er wieder neben mir saß, zögerte er. Sein Blick blieb auf der blauen Blume haften und wanderte schließlich zu meinen Augen. Nur das kräftige Schlagen der Schmetterlinge in meinem Bauch könnte mich verraten. Ich hielt die Luft an.

»Du bist eine erstaunliche Frau, Hannah.«

Kein Grinsen, kein Lachen. Er sah mich völlig ernst an. Dieser Blick und seine Worte gingen mir durch und durch. Ich öffnete meinen Mund, wollte ihm irgendetwas sagen, doch ich war nicht fähig dazu. Was tat dieser Mann nur mit mir?

Der Augenblick war vorbei und er startete den Motor. In einem angenehmen Tempo folgten wir dem Straßenverlauf und schwiegen. Wir hingen beide unseren Gedanken nach.

Mein Handy vibrierte in meiner Handtasche. Ich wusste genau, dass Jake mich aus den Augenwinkeln beobachtete. Zum Glück war es kein Anruf, sondern nur eine Nachricht. Matt schrieb, er würde mich heute Abend anrufen. Ich schrieb ihm zurück:

 

            Hi, bin heute Abend unterwegs.

            Rufe mich morgen an. ILD H.

 

Ich drückte auf ›senden‹ und verdrängte das schlechte Gewissen, das versuchte, sich in mein Herz zu schleichen.

»Alles in Ordnung?«, fragte Jake, sah mich dabei aber nicht an.

»Ja, es war Matt. … Erzähl mir etwas über dich und deine Familie.«

Kaum schnitt ich dieses Thema an, verkrampften sich seine Hände am Lenkrad.

»Du sagtest, du warst sechs Jahre nicht mehr zu Hause. Dann wird deine Familie sich sicher sehr freuen, wenn sie dich zu Gesicht bekommt.«

Er keuchte lachend und sah stur geradeaus. »Ich ging damals im Streit, Hannah. Meine Heimkehr hat nichts mit meiner Familie zu tun. Ich tue das einzig und allein für meine Großmutter.«

Deutlich bemerkte ich die Verbissenheit und den Schmerz in seinem Gesicht. Seine Wangenknochen traten mahlend hervor. Am liebsten hätte ich meine Hand auf seinen Oberarm gelegt, um ihn zu trösten, doch ich traute mich nicht.

»Hast du dir überlegt, was passiert, wenn sie dahinterkommen und wir es nicht schaffen sollten, ihnen das verliebte Paar vorzuspielen?«

»Das wird nicht passieren.« Er beschleunigte wieder das Tempo.

Was war nur vorgefallen in seiner Familie? Fragen konnte ich ihn nicht. Aber vielleicht würde er es mir erzählen. Doch er blieb stumm, schien tief in Gedanken versunken.

Die Stadt Binghamton flog nur so an uns vorbei, bis wir bei Owego über die große Brücke des Susquehanna River fuhren. Ab da verfinsterte sich seine Laune. Was ging nur in ihm vor? Als er seine dunkle Sonnenbrille aufsetzte, spürte ich regelrecht, dass es ihm nicht gutging. Sein linker Arm ruhte zwar auf seinem Schenkel, doch das nervöse Zucken und das leichte Zittern seiner Finger blieben mir nicht verborgen.

Bei Waverly hielt er plötzlich in einer Parkbucht an und stieg aus.

»Jake! Was ist? Alles in Ordnung?«

»Ja, gib mir nur ein paar Minuten. Es geht gleich wieder.« Er lief in langsamen Schritten ein paar Meter. Dabei stemmte er seine Fäuste in die Hüfte und atmete laut hörbar aus.

Ich griff in meiner Handtasche nach der Wasserflasche und folgte ihm.

»Sechs Jahre, sechs verdammte Jahre!«, flüsterte er gequält.

»Hier, trink das!« Wortlos nahm er die Flasche und trank das Wasser in einem Zug aus.

»Ist dir schlecht geworden? Oder … hast du …?«

»Ich kann nicht darüber reden, Hannah. Aber mach dir keine Sorgen, es geht mir gut. … In einer Dreiviertelstunde sind wir da und dann bin ich wieder der Alte.«

Ich wusste instinktiv, dass das alles mit seiner Vergangenheit zu tun haben musste. Nach sechs Jahren zurückzukommen, war bestimmt nicht leicht. Ich konnte ihn gut verstehen.

Nach weiteren Minuten, in denen er mit sich rang, kehrten wir schließlich zurück zum Auto und stiegen ein.

»Erzähl mir etwas von dir«, sagte er, während er den Motor wieder anließ. »Erzähl mir von deiner Hochzeit. Was trägst du für ein Kleid?«

Ich begriff schon, dass ich ihn ablenken sollte, aber war meine Hochzeit dafür das richtige Thema? Die Pädagogin in mir fände es besser, wenn er über seine Probleme sprechen würde, aber mir war auch klar, dass das zu viel verlangt war. Wir kannten uns schließlich kaum.

Ich lachte. »Ich trage ein langes, weißes Kleid mit einer Schleppe und einem langen Schleier. Ich habe es in einer kleinen Boutique entdeckt. Die hauseigene Schneiderin ändert noch ein paar Kleinigkeiten.«

»Wolltest du schon als kleines Mädchen heiraten?«

»Na klar. Welches Mädchen träumt denn nicht davon? Magst du Hochzeiten?«

»Ja, ich wurde schon ein paar mal dafür gebucht. Ich mag die Stimmung, die an solchen Tagen zwischen den Paaren herrscht. Sie sind so voller Glück.«

Wir fielen in einen leichten Plauderton und endlich entspannte sich Jake wieder, wir unterhielten uns über Hochzeiten im Allgemeinen und blieben schließlich bei meiner Tätigkeit als Lehrerin hängen. Keine Spur mehr von Anspannung – Gott sei Dank!

 

 

 

 

 

Kapitel 9

Alte Gefühle, altes Leben

Jake

 

Mein Magen krampfte mit jedem Meter mehr, den wir uns Dundee näherten. In den letzten zwei Stunden tauchten Bilder aus meiner Vergangenheit auf, die ich schon lange tief vergraben hatte, blassrosa Narben waren auf meiner Seele zurückgeblieben. Mit jedem Meter brachen diese wieder auf. Der tiefe Schmerz von damals brodelte langsam in mir hoch und verursachte ein Gefühl von zunehmender Enge in meiner Brust. Ich hörte die Schreie meiner Mutter und sah die hasserfüllten Blicke meines Vaters direkt vor mir. Gleichzeitig das schrille Lachen … Ich hielt es einfach nicht länger aus. Ich musste stark sein, durfte diese Erinnerungen nicht zulassen, damit der Schmerz und meine Panik mich nicht auffraßen.

Nie hätte ich damit gerechnet, dass mich die Vergangenheit auf dieser Fahrt so schnell einholen würde. Dabei fühlte es sich eher so an, als würde ich ihr hinterherjagen. Meine Lunge zog sich zusammen, und kurz bevor ich glaubte, nicht mehr atmen zu können, fuhr ich rechts ran und stieg aus. Tief atmete ich ein und aus und lief am Straßenrand ein paar Meter. In dem Augenblick war es mir egal, ob Hannah erkannte, wie schwach ich in Wahrheit war. Ich brauchte sie nur ein paar Tage. Dann würde ich zurückkehren nach New York und alles würde wieder wie vorher sein. Roger Roon, der Escort-Man.

Verdammt noch mal, reiß dich zusammen, Jake. Süße Wut spornte mich an. Verzweifelt klammerte ich mich daran fest und trat gegen einen Stein am Boden. Und tatsächlich, der Horror in meinem Kopf ebbte ab und die schrecklichen Bilder verschwammen. Die Stärke von Roger Roon kehrte zurück. Ich durfte das einfach nicht mehr zulassen. Mit aller Gewalt drängte ich in mir den erfolgreichen Börsenmakler hervor, der frei von Schuld und Angst war. Ein Mann, der es geschafft hatte, ein neues Leben zu beginnen. Mein Herzschlag beruhigte sich und die kleine Panikattacke war vorüber. Erleichterung durchflutete mich.

Hannah reichte mir ihre kleine Flasche Wasser und gleich fühlte ich mich besser. Die Besorgnis in ihrem Gesicht rührte mich, doch machte sie mir auch klar, wie leicht sie mich durchschauen konnte.

Ganz ruhig, alter Junge! Sie durfte auf keinen Fall merken, wie kaputt ich eigentlich war. Außerdem fing sie gerade erst an, mich mit anderen Augen zu sehen. Normalerweise war es so, dass die Frauen Wachs in meinen Händen waren. Sie vertrauten mir und ließen sich fallen. Sie waren dann sie selbst und brauchten sich nicht zu verstellen. Sie wussten genau, dass ich nur Augen für sie hatte und, dass sie keine Konkurrenz befürchten mussten. Für die gekaufte Zeit gehörte ich ganz ihnen. Ich ließ mich auf sie ein und meine Kundinnen gaben mir das Gefühl, der Beste zu sein.

Doch Hannah war anders. Hinter ihrer kratzbürstigen Art versteckte sich ein völlig anderes Wesen. Krampfhaft versuchte sie, ihre Fassade aufrechtzuerhalten, obwohl sie genau spürte, dass etwas aus ihr herausbrechen wollte, doch sie versuchte es, mit allen Mitteln, zurückzuhalten. Ich sah es in ihren blauen Augen. Wild und verräterisch flackerte es in ihnen, als ich sie das erste Mal ansprach. Jetzt war sie für die nächsten Tage meine Verbündete und ich wusste, dass sie ihre Rolle großartig spielen würde.

Ich ließ den Motor wieder an. »Erzähl mir etwas von dir. Erzähl mir von deiner Hochzeit. Was trägst du für ein Kleid?«

Ihre Stimme hatte eine beruhigende Wirkung auf mich. Der Klang war wie Balsam auf meiner Seele – so reinigend!

Ob sie spürte, wie sehr ich es gerade ihr zu verdanken hatte, dass ich nicht völlig durchdrehte?

Unsere Unterhaltung tat mir gut und schneller, als ich dachte, gelang es mir, mich völlig auf Hannah zu konzentrieren. Sie erstaunte mich immer wieder und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, sie schon sehr lange zu kennen. Eine merkwürdige Wärme schlich in mir hoch, die ich bisher nicht gekannt hatte. Ein neues Gefühl, das sich süß und zärtlich in meinem Bauch breitmachte.

 

***

 

Das Ortsschild von Dundee tauchte vor uns auf. Ich blieb ruhig und gelassen und drosselte die Geschwindigkeit.

»Bist du bereit? Wir sind gleich da.«

Hannah warf mir einen besorgten Blick zu, den ich mit einem sicheren Lächeln quittierte. Ich strich ihr über den Arm. »Wird schon klappen.«

»Ja.«

Sie blickte aus dem Fenster. Nichts hatte sich hier verändert. Eigentlich war Dundee immer noch das verschlafene kleine Örtchen, welches ich vor sechs Jahren verlassen hatte. Die Häuser mit ihren gepflegten Vorgärten waren frisch gestrichen. Meine Heimat war umsäumt von großen Laubbäumen, kleinen Wäldern und grünen Wiesen, in denen ich mit meinen Brüdern früher Räuber und Gendarm gespielt hatte. 1700 Seelen lebten hier – kein Vergleich zu New York, der Millionenmetropole.

Wir fuhren durch die Hauptstraße, die uns vorbei an der Ahornbäumen gesäumten Allee führte, zu dem Grundstück meiner Eltern. Schon sah ich das erleuchtete Reklameschild:

 

            Bennet´s Coffee & Car

 

Ich bog auf den staubigen Schotterweg und fuhr am Gebäude von Bennet´s Coffee Shop vorbei, direkt auf das dahinterliegende Grundstück. Große Eichen schützten unser Haus vor neugierigen Blicken. Wie ich erwartet hatte, war Mom´s Coffee Shop geschlossen. Sie hatte bestimmt alle Hände voll zu tun, die Geburtstagsfeier von Granny vorzubereiten.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, wieder hier zu sein. Ich sollte nicht darüber nachdenken.

Auf dem Vorplatz unseres Hauses standen zwei Autos. Ich erkannte den roten, alten Dodge meines Bruders, dessen Motorhaube geöffnet war. Drei Männer in blauen Arbeitshosen bückten sich zum Motor. Ich wusste genau, wer die Männer waren, schluckte und spürte die neugierigen Blicke, als ich vor unserem Haus parkte.

»Jetzt wirst du meine Familie kennenlernen. Aufgeregt?«

»Ein wenig!«, gab sie flüsternd zu, ohne ihren Blick von unserem großen Haus abzuwenden.

Ich zwinkerte ihr noch einmal zu, bevor wir ausstiegen. Noch bevor ich das erste Mal meinem Vater und meinen Brüdern entgegen treten konnte, schrie jemand im Haus auf und rannte uns entgegen.

»Ich werd verrückt! Ein Porsche 911 Carrera S Cabriolet!«, hörte ich einen meiner Brüder sagen, bevor ich von dem Geschrei meiner Schwester abgelenkt wurde.

»Jake! Jake! Ich kann es nicht glauben! Du bist wirklich gekommen!« Laura rannte die Stufen des Hauses hinunter und warf sich mir lachend in die Arme. Ich fing sie auf und drehte mich mit ihr im Kreis. Es war wunderbar, sie endlich wiederzusehen.

»Wow! Jake! Du siehst großartig aus. Sag mal, nimmst du Anabolika? Du hast ja wahnsinnige Muskeln bekommen«, sagte Laura begeistert. Sie drückte bewundernd meinen Bizeps. Ihr dunkles Haar trug sie schon immer kurz und auch ihre Grübchen beim Lachen waren noch immer so süß wie früher. Je älter sie wurde, desto mehr ähnelte sie meiner Mutter.

Von ihrem Geschrei angelockt, verließ meine Mutter das Haus und kam mit Tränen in den Augen auf uns zugelaufen.

»Jake, mein Junge!«, sagte sie und konnte ihre Tränen nicht länger zurückhalten. Laura löste sich von mir, damit ich meine Mom begrüßen konnte.

»Dass du endlich nach Hause kommst!«

»Mom!«

Sie umarmte mich. Der Duft ihres Parfums umwehte mich und stieß tausend Erinnerungen wach. Wie sehr hatte ich diesen Duft vermisst. Es war ein seltsames Gefühl, mit vielen Bildern und Erinnerungen, die jetzt auf mich einströmten.

»Mom, bitte weine nicht! Sieh mal, ich habe jemanden mitgebracht.« Vorsichtig löste ich ihre Arme und zog Hannah zu mir.

»Darf ich euch meine Freundin Hannah vorstellen? Hannah, das sind meine Mom und meine Schwester Laura.«

Wie erwartet war Hannah schüchtern, doch sie streckte meiner Mutter ihre Hand entgegen und lächelte freundlich. »Ich freue mich sehr, Sie kennenzulernen, Mrs. Bennet. Jake hat mir schon viel von Ihnen erzählt.«

»Ich freue mich auch sehr. Aber lass doch das alberne Sie. Ich bin Pat.« Meine Mutter sah zu mir. »Wie hübsch sie ist!«

»Mensch, Jake, da hast du aber einen hübschen Fisch an der Angel«, lachte Laura.

»Hi, ich bin Laura, Jakes schlaue Schwester. Das hat er dir bestimmt nicht erzählt«, lachte sie und umarmte Hannah herzlich.

Wir wurden von dem Gemurmel der drei Männer, die noch immer um den alten Dodge standen, abgelenkt. Jetzt liefen sie endlich auf uns zu. Es waren meine beiden Brüder und mein Vater. Ich hatte schon damit gerechnet, dass unser Wiedersehen nicht in übermäßiger Freude ausfallen würde, aber ich fühlte die Kälte in ihren Blicken.

»Dass du dich hier auch mal wieder blicken lässt?« Das war mein Vater Carl. Er, William und Adam musterten neugierig Hannah und mich, wobei Adams Interesse mehr meinem Auto galt.

Mein alter Herr war grau geworden. In seinem Gesicht hatten sich tiefe Falten gebildet und auch sein Bauch war deutlich größer geworden. Sein Blick war streng und kalt.

»Hallo Vater.« Meinen Brüdern nickte ich nur zu. Die Mauer, die sie damals zwischen uns gezogen hatten, war noch immer deutlich spürbar.

Mein Vater ließ mich nicht aus den Augen. Seine Haltung mir gegenüber hatte sich nicht geändert. Im Gegensatz zu meiner Mom und Laura schien er nicht gerade erfreut zu sein, mich zu sehen.

»Ich bin wegen Granny und Mom hier. Am Montag werden Hannah und ich wieder abreisen.«

Er nickte, ohne eine Gesichtsregung zu zeigen. Für Hannah war diese Szene bestimmt merkwürdig. Die Anspannung, die zwischen meinem Vater und mir herrschte, war allen bewusst.

»Hallo, ich bin Hannah.« Auch ihm streckte sie ihre Hand entgegen. Er wischte seine schmutzigen Finger an seiner Hose ab, bevor er sie ihr reichte.

»Willkommen in Dundee.«

Wenigstens hatte er so viel Anstand, sie willkommen zu heißen, jedoch brachte er kein Lächeln über seine Lippen, was Hannah bestimmt einschüchterte.

»Ist das dein Wagen?«, fragte Adam und ging begeistert um den Porsche herum. Er war vier Jahre älter als ich und ein absoluter Autonarr. Schon als Kind war uns allen klar gewesen, dass Adam einmal in der Werkstatt mitarbeiten würde. William, mein ältester Bruder, warf ihm einen grimmigen Blick zu, und bevor ich etwas sagen konnte, wurde unsere Aufmerksamkeit zum Haus gelenkt.

Es polterte und jemand fluchte. »Jake! Verfluchter Rollstuhl! Jake Bennet!« Alle Augen richteten sich auf die Eingangstür. Granny in ihrem Rollstuhl kam an die Stufen des Hauses. Sie trug ihren alten Strohhut und paffte an einer Zigarre.

»Granny!«, rief ich erfreut. Schon wollte ich zu ihr laufen, doch sie drehte den Rollstuhl zur Rampe, die meine Brüder nachträglich am Haus angebaut hatten. Sie warf die Zigarre in den Staub und gab dem Rollstuhl einen Schups. Schnell nahm der Stuhl Fahrt auf und sauste, schneller, als mir lieb war, die Rampe hinunter.

»Granny!« Scharf sog meine Mom die Luft ein und Laura entfuhr ein kleiner Schrei. Erschrocken rannte ich ihr entgegen und wollte die drohende Gefahr des Sturzes abfangen, doch sie lachte. »Yiephiehhh!«

Geschickter, als ich vermutet hatte, gelang ihr eine Drehung und beim Bremsen wirbelte sie gehörig Staub auf. Sie liebte es wohl noch immer, uns alle zu schocken.

»Na? Wie war ich?« Ein rauchiges Lachen entfuhr ihrer Kehle, als der Stuhl zum Stehen kam und sie ihre Hände in die Luft warf. Im Hintergrund hörte ich, wie meine Mom erleichtert aufatmete.

Kopfschüttelnd lief ich zu ihr. »Wie immer großartig, aber zu risikofreudig für meinen Geschmack.«

Granny erhob sich vorsichtig aus ihrem Rollstuhl und ließ sich von mir fest in die Arme nehmen. Wie lange hatte ich auf dieses Wiedersehen gewartet. Erst jetzt wurde mir bewusst, wie sehr sie mir gefehlt hatte.

»Risikofreudig? Rede keinen Unfug! Entweder man kann es oder eben nicht. … Mein Junge, lass dich ansehen! Endlich bist du wieder zu Hause!«

Sie schaute mich an und nach so langer Zeit konnte ich wieder in ihre gütigen Augen sehen, die mich schon immer verstanden hatten.

»Heiliger Bimbam, Junge! Du bist der pure Sex!« Anerkennend klopfte sie mir auf den Hintern.

»Mutter!«, ermahnte Pat sie.

Ich schmunzelte, weil Granny immer noch aussprach, was ihr in den Sinn kam. Niemand ahnte, wie nah sie mit ihrer Feststellung an der Wahrheit lag.

»Was denn? Er sieht großartig aus und das werde ich ihm wohl noch sagen dürfen.«

»Du hast mir so gefehlt«, sagte ich lachend und umarmte sie noch einmal. Ich liebte diese Frau!

»Da bist du selbst schuld. Ich habe immer gesagt, du machst einen Fehler, wenn du gehst, … aber lassen wir das.«

»Wie geht es dir?«

»Na ja, wie soll es einer alten Frau gehen, die an manchen Tagen an so ein Ding gefesselt ist?«, meinte sie und gab dem Rollstuhl einen Tritt. Sie hatte sich nicht verändert. Sie war noch genauso bissig und direkt, wie immer.

Wie oft hatte es in unserer Familie deswegen Streit gegeben, aber ich liebte sie gerade deshalb. Ihr Hannah als meine feste Freundin zu verkaufen, würde keine leichte Aufgabe sein. Sie hatte mir schon immer angesehen, wenn ich log. Aber diese sechs Jahre hatten auch sie verändert. Ihr Körper alterte.

»Und wer ist das?« Sie zeigte auf Hannah, die sofort zu uns kam.

»Das ist meine Überraschung«, lachte ich. »Hannah Parker, meine Freundin.«

Die beiden Frauen reichten sich die Hände. Granny ließ es sich nicht nehmen und musterte Hannah genau.

»Ich freue mich, an Ihrem achtzigsten Geburtstag dabei sein zu dürfen, Mrs. Bennet.«

»Papperlapapp, Kindchen, ich bin Granny und ehrlich gesagt hab ich keinen blassen Schimmer, warum so ein Aufstand deswegen veranstaltet wird.« Sie behielt Hannahs Hand in ihrer und musterte sie weiter. »Eine wirkliche Schönheit hast du dir da ausgesucht. Bist du sicher, dass du solch ein Juwel verdient hast, Jake?«

Hannah errötete, was sie wirklich süß aussehen ließ.

»Ja, ich bin mir ganz sicher. Sie ist das Beste, was mir in New York passieren konnte.« Stolz legte ich meinen Arm um ihre Schulter und Hannah ließ es geschehen.

Zufrieden setzte sich Granny wieder in den Rollstuhl. »Nachdem wir uns alle begrüßt haben, können wir jetzt endlich essen? Ich verhungere gleich. William, schieb mich wieder hoch ins Haus, los!«

»Nein!

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