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Liebe – wild wie das Meer

1. KAPITEL

„Es heißt Sin-sier“, erklärte Vicki St. Cyr und lehnte sich an den Hoteltresen. Sie war es gewöhnt, dass man ihren Namen falsch aussprach.

„Glauben Sie ihr kein Wort“, erklang eine volltönende Stimme hinter ihr.

Erschrocken fuhr Vicki herum – und sah, dass ein wohlbekanntes dunkles Augenpaar fest auf die Hotelangestellte gerichtet war.

Die junge Frau hinter dem Tresen blickte auf und zeigte mit einem Mal den typisch töricht-strahlenden Ausdruck, den die Aufmerksamkeit eines umwerfend gut aussehenden jungen Mannes oft auslöste. „Kann ich Ihnen helfen, Sir?“

„Im Moment nicht, danke.“ Jack wandte sich Vicki zu, und sofort wurde ihr heiß.

„Hi, Jack.“ Zu spät bemerkte sie, dass sie befangen die Arme vor der Brust verschränkt hatte. „Komisch, dass wir uns hier treffen.“

„Vicki. Was für eine Überraschung!“, sagte er und klang dabei keine Spur verwunderter als sie selbst. Dabei musterte er sie derart intensiv, dass er bis auf den Grund ihrer Seele zu blicken schien – falls sie überhaupt noch eine hatte. „Ich habe gehört, du suchst mich.“

Woher wusste er das? Das brachte sie um das Überraschungsmoment. Aber Jack war ihr schon immer um eine Nasenlänge voraus gewesen. Warum sollte das ausgerechnet jetzt anders sein? „Ich habe dir einen … Antrag zu machen.“

Müde lehnte er sich an den Tresen. „Sehr romantisch.“

„Nicht was du denkst“, sagte sie und bereute ihren schulmeisterlichen Ton sofort. Sagen wir, einen geschäftlichen Vorschlag.“

„Vielleicht sollten wir uns dazu in einen etwas privateren Bereich zurückziehen“, schlug er bedeutungsvoll vor. Zur Hotelangestellten sagte er: „Sie braucht ihr Zimmer nicht.“

Plötzliche Sehnsucht, Angst, Erwartung und vorweggenommene Reue – all diese Gefühle überkamen sie mit einem Mal. Vicki schob den Schulterriemen ihrer Handtasche höher und atmete tief durch.

Sie war stark genug, um mit Jack klarzukommen. Außerdem blieb ihr gar nichts anderes übrig.

„Wie kommst du darauf, dass ich mein Zimmer nicht brauche?“, fragte sie – obwohl sie beide die Antwort kannten.

„Weil du bei mir bleibst. Wie in alten Zeiten.“ Er grinste breit und unwiderstehlich.

Ehe sie sich’s versah, ging er mit ihrer Reisetasche zum Ausgang. Staunend betrachtete sie seine schmalen Hüften in den engen ausgewaschenen Jeans. Das T-Shirt spannte über seinem muskulösen Rücken.

„Soll ich die Buchung stornieren?“, fragte die Angestellte, die noch immer in Jacks Richtung sah – selbst als er schon durch die Drehtür verschwunden war. „Allerdings fällt dann eine Gebühr von fünfzig Dollar an, weil …“

„Schon gut.“ Vicki legte ihre Kreditkarte hin. Was machte das schon – bei all ihren Schulden! Dafür sparte sie sich die Kosten des Aufenthalts in diesem exklusiven Hotel, die mit Sicherheit ein Vielfaches betragen hätten.

Seit zwei Jahren versuchte sie nun, den Schein zu wahren, wodurch sie fast ihr gesamtes restliches Geld verloren hatte. Ansonsten wäre sie wohl kaum hierhergekommen.

Aber in verzweifelten Situationen halfen oft nur verzweifelte Maßnahmen. Wie zum Beispiel, Jack Drummond in seine Höhle zu folgen.

Jack saß am Steuer seines alten Mustang, als Vicki das Hotel verließ. Die gleißende Sonne Südfloridas schien gnadenlos auf den Asphalt. Von der jadegrünen Sonderlackierung des Wagens wurden tanzende diamantförmige Lichtreflexe zurückgeworfen. Der Motor lief bereits, und die Beifahrertür stand einladend offen.

Wusste Jack, dass sie kein Auto hatte? Früher hätte sie sich eines gemietet und darauf bestanden, selbst zu fahren, um im Zweifelsfall unabhängig zu sein.

Aber in ihrer jetzigen Situation konnte sie sich diesen Luxus nicht leisten. Also stieg sie ein und machte es sich auf dem angenehm kühlen Ledersitz bequem. „Woher wusstest du, dass ich hier bin?“, fragte sie.

„Meine Spione sind überall.“ Ohne sie anzusehen, lenkte er den Wagen vom Parkplatz des teuren Ramona Beach Hotels.

Vicki nutzte die Gelegenheit, um Jack genauer zu betrachten. Sein Gesicht war gebräunt wie immer, und in den dunklen Haaren spielte das Sonnenlicht. „Du hast gar keine Spione. Ich kenne dich doch als Einzelgänger.“

„Na ja, du warst bei den New Yorker Drummonds“, sagte er und umfasste das Lenkrad fester. „Da konnte ich mir leicht ausrechnen, dass ich der Nächste bin.“

Vicki atmete tief ein. „Ich habe zwei Wochen zur Entspannung bei Sinclair und seiner Mom verbracht. Hat Spaß gemacht, alte Freunde wiederzusehen.“

Jack verzog den Mund zu einem lässigen Lächeln. „Ich kenne dich. Du tust nichts ohne Hintergedanken. Fragt sich nur, worum es dir diesmal geht.“

„Ganz einfach. Ich helfe Katherine Drummond, die Teile eines dreihundert Jahre alten Familienpokals zu finden.“

„Und das tust du aus rein geschichtlichem Interesse?“ Er wandte sich ihr zu und lachte, was seine schön geformten Wangenknochen betonte. „Ich habe gehört, du handelst jetzt mit Antiquitäten.“

„Zu dem Pokal gibt es interessante Überlieferungen.“

„Ja, allerdings. Davon habe ich gehört.“ Er verstellte die Stimme wie ein Märchenerzähler. „Es waren einmal drei Brüder, die das gute alte Schottland verließen und nach einer stürmischen Überfahrt die Neue Welt erreichten. Hier sagten sie einander Lebewohl – nicht ohne das Versprechen, eines Tages das Familienvermögen wieder zusammenführen zu wollen. Erst dann würde der mächtige Clan der Drummonds wieder so glücklich und ruhmreich werden wie die hochgeschätzten Vorfahren.“

Er lachte laut auf. „Jetzt komm schon, sei ehrlich, Vicki. Das ist nicht dein Stil.“

„Es ist eine Belohnung ausgesetzt“, gab sie zu. Eine gute Gelegenheit, die Karten auf den Tisch zu legen. Einen Mann wie Jack sprach Geld mit Sicherheit mehr an als irgendwelche Sentimentalitäten.

„Zehntausend Dollar.“ Er bog in eine von Palmen gesäumte Nebenstrecke ein. „In meinem Kofferraum habe ich Sachen, die doppelt so viel wert sind.“

„Pro Teil zwanzigtausend Dollar“, stellte sie richtig. „Ich habe Katherine überredet, die Prämie auszusetzen. Um damit die richtige Sorte Schatzsucher anzusprechen.“

„Wie mich.“

„Wie mich!“

Als er sie mit seinen dunklen Augen betrachtete, drängten eine Menge Gefühle, die sie bisher gut unter Verschluss gehalten hatte, an die Oberfläche. Die Macht, mit der dies geschah, bestürzte sie.

„Nicht, dass ich das Geld wirklich brauche“, beeilte sie sich einzuschränken. „Aber wer weiß, was die Suche nach dem Pokal alles bringt …“

„Und dazu brauchst du mein spezielles Wissen.“

„Du bist der erfolgreichste Schatzsucher der ganzen Atlantikküste. Vor Kurzem habe ich einen Artikel über dein neues Boot mit der Spezialausrüstung gelesen. Du bist berühmt.“

„Berühmt-berüchtigt, würden einige sagen.“

„Höchstwahrscheinlich befindet sich das Teil des Pokals irgendwo in deinem Haus.“ Das erste Bruchstück hatte sie in Long Island gefunden, auf dem Speicher von Sinclair Drummond, Jacks Cousin.

„Wenn es überhaupt irgendwo ist.“ Er bog in eine andere Nebenstraße ab, die bald darauf abrupt endete.

Sie hatten den Strand erreicht. Jack parkte den Wagen vor einem breiten Anlegesteg. Am anderen Ende lag ein elegantes Schiff mit chromblitzender Reling, das mit den Wellen auf und ab schwang.

„Dein Privathafen sieht anders aus als früher.“

„Es ist lange her …“ Jack war bereits ausgestiegen und ging mit ihrer Tasche Richtung Schiff.

„So lange nun auch wieder nicht. Damals standen hier ein Gebäude und ein Tor.“ Und eine Bank, wo sie sich im Mondschein geliebt hatten.

„Ist alles dem letzten Hurrikan zum Opfer gefallen. Dafür ist der Weg jetzt kürzer.“

„Muss ganz schön frustrierend sein, so mit einem Schlag Land zu verlieren.“

„Nicht wenn man Veränderungen liebt.“ Schwungvoll lud er ihre Tasche ins Boot.

Vicki schritt den Holzsteg entlang, wobei sie unwillkürlich versuchte, sich so gewandt wie Jack zu bewegen.

Nachdem er ihr beim Einsteigen geholfen hatte, sah sie sich um. An Deck befand sich ein bequemer Sessel für Hochseefischerei. Sie setzte sich hinein und hielt sich an den Armlehnen fest, denn Jack als Captain fuhr nicht eben langsam. Als er startete, spürte sie die Kraft der Motoren und stützte sich mit den Füßen ab. Das Boot hüpfte nur so über die Wellen.

Schon nach kurzer Zeit tauchte am Horizont Jacks Insel auf. Das Haus sah man nicht, nur Palmen, wodurch sie wirkte wie in der Geschichte über Robinson Crusoe. Hier würde sie mit Jack allein sein – falls sie nicht vorhatte, zum Festland zu schwimmen.

Der Hafen der Insel hatte sich nicht verändert. Jahrhunderte zuvor war er von einflussreichen Drummonds im Stil der damaligen Zeit aus Korallengestein errichtet worden. Zwei Türme hatten möglicherweise der Verteidigung gedient. Vielleicht ließen sie sich noch immer zu diesem Zweck nutzen … Wenn man den Gerüchten von Jacks sagenhaftem Reichtum glaubte, konnte man jedenfalls auf diese Idee kommen.

„Bist du überhaupt noch seefest?“, wollte Jack wissen, als sie beim Aussteigen ins Straucheln kam.

„In letzter Zeit habe ich nicht viel Zeit auf dem Wasser verbracht.“

„Was für eine Schande!“ Während er sie betrachtete, spürte sie zu ihrem Schrecken, dass sie doch tatsächlich rot wurde! Warum hatte er eine solche Wirkung auf sie? Dabei war sie es doch normalerweise, der die Männer aus der Hand fraßen! Und schließlich war Jack Vergangenheit, nichts weiter.

Ob er mich noch attraktiv findet? schoss es ihr durch den Kopf. Der Gedanke verunsicherte sie. Dabei spielte das gar keine Rolle. Sie war nicht hierhergekommen, damit er sich wieder in sie verliebte – sondern um mit seiner Hilfe den Pokal zu finden.

Das alte Haus auf der Insel glich mehr einer Festung als einem behaglichen Zuhause. Mit seinen dicken Kalksteinmauern erhob es sich hinter einer wilden Hecke, die den Strand vom Inneren der Insel abtrennte. An der Front gab es nur zwei winzige Fenster. Zum Ausgleich war das schwere eisenbeschlagene Tor weit geöffnet, um Luft und Licht hereinzulassen.

„Hast du noch andere Gäste?“ Womöglich eine andere Frau? So wie sie ihn kannte, blieb er nie lange allein. Er wurde von Frauen regelrecht umschwärmt.

„Wir sind allein.“ Er ging ihr voraus. Die Morgensonne zauberte goldene Reflexe in seine dunklen Haare, bis er durch den Torbogen im Dunkel seines Privatheiligtums verschwand.

Gut so. Im Augenblick konnte sie keine Konkurrenz gebrauchen. Früher hätte sie einen solchen Wettstreit vielleicht anregend gefunden, aber inzwischen war ihr die Unbekümmertheit und das Selbstvertrauen der Jugend verloren gegangen.

Der reich gemusterte Marmorboden der Eingangshalle stand in angenehmem Gegensatz zum abweisenden Äußeren des Hauses. Jacks Vorfahren mochten Piraten gewesen sein, aber ganz offensichtlich hatten sie schöne und teure Dinge durchaus zu schätzen gewusst.

Jack wirkte so arrogant wie eh und je. Selbst von hinten betrachtet strahlte er Selbstsicherheit aus: die breiten Schultern, die – wie üblich – zu langen Haare, die fast das T-Shirt berührten … Jack war ein Mann, den Konventionen nicht kümmerten.

Hineingeboren in eine Familie halb krimineller Schatzsucher, hatte er es nie nötig gehabt, sich anzupassen. In den vergangenen fünf Jahren hatte er – wohlgemerkt auf legale Art – mehr Geld gemacht als seine Vorfahren in all den Jahrhunderten zuvor.

Vor dem großen Kühlschrank aus Edelstahl füllte er ein Glas Wasser und reichte es ihr. „Ist noch zu früh für Champagner. Aber deine Ankunft will ich trotzdem feiern.“

Entwaffnend charmant blinzelte er ihr zu. Freute er sich tatsächlich über das Wiedersehen? „Die Freude ist ganz auf meiner Seite.“ Wenn er mit ihr flirten wollte, nur zu. Das konnte sie auch. „Du hast mir gefehlt, Jack.“

„Das wird ja immer besser. Ich kann mir noch immer nicht vorstellen, was du wirklich willst“, erwiderte er gänzlich unromantisch. Mit verschränkten muskulösen Armen lehnte er an dem schweren Holztisch in der Küche.

Vicki schalt sich dafür, aber wie hätten ihr die feinen goldenen Härchen auf der gebräunten Haut entgehen sollen!

„Ich besuche einen alten Freund, um damit anderen Freunden zu helfen. Das reicht doch wohl als Motiv?“

„Nein. So wenig wie die Hälfte einer Belohnung von zwanzigtausend Dollar. Jedenfalls für die Vicki St. Cyr, die ich kenne. Außer natürlich, an deiner Finanzlage hat sich etwas geändert.“ Mit zusammengekniffenen Augen sah er sie an.

Vicki gab sich alle Mühe, sich nichts anmerken zu lassen. Zum Glück hatte die Presse noch keinen Wind vom wirtschaftlichen Ruin ihres Vaters bekommen. Die Aufregung um seinen plötzlichen Tod durch einen Schlaganfall hatte alles andere überschattet.

Jetzt stand sie allein und mit leeren Händen da. Ihre Mom hatte sich mit einem reichen Freund ihres Dads nach Korsika abgesetzt.

„Ich finde immer etwas Schönes, für das ich zehntausend Dollar ausgeben kann“, behauptete sie und spielte mit ihrem silbernen Armband, das zwölf Dollar gekostet hatte. „So ist das eben, wenn man einen exklusiven Geschmack hat.“

„Kein Problem, wenn man wie du mit einem goldenen Löffel im Mund geboren wurde. Du hast es doch noch nie nötig gehabt, eigenes Geld zu verdienen.“

„Ich finde es aber durchaus befriedigend.“ Auf keinen Fall durfte er wissen, wie sehr sie darauf angewiesen war. Dann würde er nicht widerstehen können und mit ihr Katz und Maus spielen, dessen war sie sich sicher. „Dadurch fühle ich mich so … normal.“

Jack legte den Kopf zurück und lachte so laut, dass die Steinwände und die hohe Decke davon widerhallten. „Normal? Du? Auf niemanden trifft das Wort weniger zu als auf dich! Das gefällt mir ja so an dir.“

„Es ist lang her … Vielleicht bin ich gar nicht mehr so unkonventionell.“

„Das bezweifle ich sehr.“ Er lächelte.

„Aber warum machst du dir überhaupt die Mühe, Geld zu verdienen?“ Angriff war noch immer die beste Verteidigung. „Mit dem Reichtum, den deine Vorfahren erbeutet haben, könntest du weiß Gott bequem leben. Stattdessen fährst du jeden Tag auf der Suche nach Golddublonen aufs Meer hinaus, als ob dein Leben davon abhängt.“

„Ich langweile mich schnell.“

Vicki bekam ein beklommenes Gefühl in der Magengegend. Sie selbst war ihm auch langweilig geworden. Nach acht wunderschönen Monaten war er plötzlich gegangen. Vielleicht hatten ihn Schätze gelockt, vielleicht eine andere Frau … „Das stimmt allerdings. Und was machst du mit dem ganzen Geld?“

„Ich kaufe mir neue Spielsachen. Und den Rest lasse ich in Säcken im Haus herumliegen.“ Lachend blinzelte er ihr zu.

Um ein Haar hätte sie sich tatsächlich nach den Säcken mit spanischem Silber umgesehen!

„Am meisten faszinieren mich Schiffe. Seit Kurzem habe ich …“

„… ein neues. Weiß ich. Das würde ich gern mal sehen.“

„Du meinst sie.“ Er grinste.

Vicki verspannte sich. Bilder einer attraktiven Blondine tauchten vor ihrem inneren Auge auf. „Dein Schiff ist weiblich?“

„Alle Schiffe sind weiblich.“

„Und warum?“

Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht weil sie uns Männer ganz verrückt machen.“ Er sah sie lange an, und sie spürte, wie ihr unter seinem Blick heiß wurde. „Aber wir lieben sie trotzdem.“

Bei dem Wort Liebe zuckte sie unwillkürlich zusammen, und ihr Herz tat einen Hüpfer. Die Empfindung verwirrte sie. Warum brachte Jack Drummond sie dermaßen aus dem Gleichgewicht? Kein anderer Mann schaffte das.

„Also, zu dem Pokal. Er ist Teil deiner Familiengeschichte und möglicherweise irgendwo hier im Haus versteckt.“ Sie wies auf die Steinmauern, die sie umgaben. „Hast du eine Idee, wo er sein könnte?“

Jack machte ein nachdenkliches Gesicht. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung.“

„Können wir vielleicht in den Familienaufzeichnungen nachschauen?“

„Piraten sind nicht gerade für ihre gewissenhaften Protokolle bekannt.“

„Niemand wird so reich wie deine Vorfahren ohne ein Minimum an schriftlicher Buchführung.“ Gedankenverloren legte sie einen Finger an den Mund. „Ich wette, irgendwo stehen alte ledergebundene Bestandsbücher.“

„Und selbst wenn, warum sollte ein wertloses Bruchstück darin verzeichnet sein? Vielleicht ist es einfach weggeworfen worden.“

„Ein Erbstück? Kann ich mir nicht vorstellen.“ Trotzdem war ihre Besorgnis geweckt. Jeden Tag trennten sich Menschen von kostbaren Dingen, nur weil sie alt waren und wertlos schienen. „Dazu sind die Drummonds viel zu stolz auf ihre schottische Abstammung. Wie man sieht.“ Sie wies auf das Wappen über dem offenen Küchenkamin.

Jack lächelte. „Also gut. Es gibt Aufzeichnungen.“ Aufmerksam betrachtete er sie. „Die ich sehr sorgfältig durchgesehen habe. Von einem Pokal keine Spur.“

„Wie gesagt, es geht nicht um den Pokal im Ganzen. Den Stiel haben wir in New York gefunden. Das bedeutet, du hast entweder den Fuß oder das Kelchteil. Möglich also, dass dein Teil als etwas anderes erfasst wurde, weil man es nicht als das erkannt hat, was es wirklich ist. Warum schauen wir die Bücher nicht von der Zeit des ersten Besitzers an durch?“

„Oh, von ihm ist nichts erhalten. Er hat auch dieses Haus nicht gebaut. Soweit man weiß, war er überhaupt nie auf der Insel. Er ist mit all seinen Habseligkeiten ertrunken, als sein Schiff unterging.“

Vicki runzelte die Stirn. „Wer hat dann das Anwesen hier gebaut und deinen Zweig der Familie gegründet?“

„Sein Sohn. Er ist an Land geschwommen und hat die Insel in Besitz genommen. Obwohl er zu diesem Zeitpunkt erst fünfzehn war, hat er sich erfolgreich behauptet. Dabei ging er der Überlieferung nach nicht eben zimperlich vor. Mit Raub und Gaunereien hat er neues Vermögen aufgehäuft.“ Ironisch fügte Jack hinzu: „Bestimmt war er ein netter Kerl.“

„Scheint mir auch so.“ Vicki zog eine Braue hoch. Inzwischen hatte sie ziemlich der Mut verlassen. „Wenn sein Vater den Pokal hatte, ist er mit ihm untergegangen.“

„Zusammen mit allem, was seine Plündereien eingebracht haben, und seiner jugendlichen Geliebten.“

Vicki atmete tief ein. Jack spielte mit ihr. Er hatte von Anfang an gewusst, was sie von ihm wollte! Aber er war Schatzsucher und hatte jede Menge Erfahrung, was Unterwasserexpeditionen anging. „Weit weg von hier?“

„Nein, das Schiff muss ganz in der Nähe untergegangen sein. Der Sohn wurde mit einem Stück Treibholz, an dem er sich festgehalten hatte, hier angespült.“

„Wenn es so ist, dann suchen wir doch das Wrack!“

Wieder lachte er schallend. „Na klar! Wir werfen einfach eine Angelschnur aus und ziehen es an Land. Nach dem Schiff wird schon seit Jahren gesucht.“

Vicki sah die Chancen auf ihre Zehntausend-Dollar-Belohnung schwinden. „Und weshalb hat man es bisher nicht gefunden?“

Er zuckte die Achseln. „Keine Ahnung.“

„Jetzt komm schon, Jack! Ich merke dir doch an, dass du es selbst auch schon gesucht hast.“

„Ja, schon vor einiger Zeit. Aber die Wahrheit ist: Die Gewässer hier sind voller alter Wracks, und ich bin jedes Mal auf etwas anderes gestoßen, das mich in Atem gehalten hat. Auf dieser Route sind die spanischen Flotten nach Havanna gesegelt. Viele von ihnen sind in Hurrikane geraten und gesunken. Du kannst dir vorstellen, was das für einen Schatzsucher bedeutet.“

„Aber inzwischen bist du viel besser ausgerüstet.“ Vor lauter Aufregung verspürte Vicki ein Prickeln. „Ich wette, dass ein Schatz an Bord ist.“

„Ganz sicher sogar.“ Jack sah sie belustigt an. „Hätte nie gedacht, dass du darum bittest, mit mir auf Schatzsuche zu gehen.“

„Ich bitte dich nicht!“

„Noch nicht. Aber wenn ich jetzt nicht bald Ja sage, tust du es.“

Welch Arroganz! Am liebsten hätte sie ihm eine gescheuert. „Ich frage nur.“

„Nein.“ Er drehte sich um, ging ein paar Schritte durch die Küche und verschwand durch eine Tür am anderen Ende.

Einen Moment lang starrte Vicki ihm mit offenem Mund hinterher, dann folgte sie ihm in einen langen Gang zwischen groben Steinwänden. „Was soll das heißen … Nein?

Jack wandte sich ihr zu. „Nein heißt, dass ich dich nicht auf die Suche nach dem Teil irgendeines alten Pokals mitnehme. Obwohl ich schon gern wüsste, warum du so scharf darauf bist.“

„Könnte doch sein, dass die alte Legende stimmt. Was, wenn die Drummonds erst wieder glücklich werden, wenn der Pokal zusammengesetzt ist?“ Fragend zog sie eine Augenbraue hoch. Mit großer Mühe schaffte sie es, ihrer Stimme einen gleichgültigen Klang zu geben.

Auch Jack zog eine Braue hoch. „Soweit ich es beurteilen kann, geht es uns Drummonds durchaus gut.“

„Aber eine wirklich glückliche Ehe führt keiner von euch.“ Nur sein Cousin Sinclair hatte jetzt die Chance dazu – nicht zuletzt, weil sie sich in sein Liebesglück eingemischt hatte.

„Vielleicht fühlen wir uns deshalb so gut.“ Er zuckte mit den Schultern und ging weiter.

Vicki beeilte sich, um mit ihm Schritt zu halten. „Waren deine Eltern glücklich verheiratet?“

„Nein, weißt du ja. Bei der Scheidung hat meine Mom Dad bis aufs Hemd ausgezogen. Sogar diese Insel hat sie bekommen.“

Seine Mom war ein berühmtes Model aus Nicaragua und inzwischen zum vierten oder fünften Mal verheiratet. „Siehst du? Sinclairs Eltern auch nicht! Seine Mom steckt als treibende Kraft hinter der Suche nach dem Pokal. Weil sie nicht möchte, dass ihr Sohn ebenso leidet wie sie.“

„Wie alt ist Sinclair? Spielt er noch immer mit seinen Hedgefonds?“, spottete Jack.

„Sinclair ist ein sehr netter Mann, nimm das bitte zur Kenntnis. Und außerdem hat er sich gerade verliebt.“

„Und was ist jetzt mit deiner Theorie über den Familienfluch? Von wegen, die Drummonds können nicht glücklich werden!“

„Dazu solltest du wissen, dass er und seine Freundin jahrelang heimlich ineinander verliebt waren – sie war seine Haushälterin –, und erst die Suche nach dem Pokal hat sie zusammengebracht.“ Ihre eigene Rolle dabei verschwieg sie.

Vor einer mit Schnitzereien verzierten Holztür blieb er stehen und legte die Hand auf den Griff. „Wie süß. Was, wenn ich gar nicht vorhabe, mich zu verlieben?“

„Vielleicht bist du es schon.“

„In dich?“ Er blinzelte ihr zu.

„In dich selbst.“ Wieso sah er noch genauso unverschämt gut aus wie damals? Sonne und Seeluft hatten seine Haut goldfarben gebräunt, und er wirkte edel wie die antike griechische Statue eines Diskuswerfers.

Gut, dass sie nicht mehr so empfindsam war – ansonsten hätte sie sich womöglich gleich wieder in ihn verliebt. „Okay, das war jetzt unnötig“, nahm sie sich zurück. „Im Gegenteil, du bist überraschend bescheiden, wenn man deine Erfolge bedenkt. Bestimmt reißen sich die Frauen um dich.“

Nachdenklich sah er sie an. „Es stimmt schon …“

„Was? Das mit der Selbstverliebtheit?“

„Nein, aber dass ich nie verliebt war. Jedenfalls nicht wirklich.“ Mit seinen dunklen Augen sah er sie an, und einen Moment wirkte es, als wollte er mehr sagen. Doch er schwieg.

Sie wollte sich darüber lustig machen, wie er sich all die Jahre nach ihr verzehrt hatte, doch auch sie schwieg. Da war wohl eher der Wunsch der Vater des Gedankens … „Und jetzt bereust du es?“

Er stand noch immer vor der Tür. „Ich will Kinder.“

Ungläubig sah Vicki ihn an. Jack Drummond wünschte sich eine Familie!

Vermutlich wollte er sie nur aufziehen. „Vielleicht werden beim nächsten Sturm welche angespült“, scherzte sie.

„Auch wenn du es nicht glaubst, ich meine es ernst. Ich mag Kinder. Durch sie sieht man vieles mit anderen Augen. Und sie mögen Spielzeug – genau wie ich.“

Vicki lachte. „Du bist immer für eine Überraschung gut, Jack. Aber wenn es wirklich so ist, wieso ist Castle Drummond dann noch immer ohne Nachwuchs?“

„Offensichtlich habe ich die Mutter meiner Kinder noch nicht getroffen.“ Er neigte den Kopf und sah sie lange an. „Glaube ich wenigstens.“

Täuschte sie sich, oder klang seine Stimme bedeutungsvoll?

Spielte er mit ihr? Wenn es so war, konnte es ihr nur recht sein, denn vielleicht ließ sich ein Vorteil daraus ziehen.

„Siehst du? Du musst den Pokal finden, dann lernst du die Richtige kennen und kannst eine Familie gründen. Am besten studieren wir die komplizierten Karten, die du so liebst, ob irgendwo das Wrack verzeichnet ist.“ Sie trat näher zu ihm. Kein Zweifel, Jack war interessiert, auch wenn er es nicht zugab.

„Wie ich sehe, hast du begriffen, dass der Weg zum Herz eines Mannes über seine Seekarten führt.“ Er öffnete die Tür. „Aber zuerst gehen wir ins Bett.“

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