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Liebe mich, wenn du dich traust

Randy C. Möbes

Liebe mich, wenn du dich traust


Die Originalausgabe erschien 2007 als Taschenbuch unter dem Titel "Egon! Wenn ich dich erwische"


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Kapitel 1

Kylie geht voll auf die Bremse. Sobald das Auto steht, springt sie raus und rennt quer über die Wiese auf Egon zu. Schon von weitem sieht Egon sie mit einem Zettel winken.

Laut rufend kommt Kylie immer näher. „Egon, ich hab gewonnen! Ich hab wirklich gewonnen und du kommst mit.“

Damit hat Egon nicht gerechnet und lässt resigniert den Kopf sinken.

Völlig aufgedreht tanzt Kylie vor ihr rum. „Stell dir vor, vier Wochen mit den „Wild Guys“. Wir können jedes Konzert anhören und fahren mit ihnen von einem Hotel zum nächsten. Das wird fantastisch.“

Egon starrt sie an. „Was soll daran fantastisch sein? Die sehen aus wie Idioten und ihre Musik ist auch nicht besser. Und außerdem kann ich zurzeit gar nicht weg, wir haben viel zu viel zu tun.“ Kylie winkt genervt ab. Sie weiß genau, dass Egon wieder mal nur eine Ausrede sucht. „Das stimmt nicht. Ich hab bereits mit deiner Mutter gesprochen und sie sagt, dass du ruhig mitfahren kannst. Außerdem bist du bis zur Ernte wieder hier.“ Egon sieht Kylie von der Seite an und streicht ihrem Pferd noch einmal über den Hals, dann schickt sie es zurück zu den anderen. Ihr Blick ist immer noch auf das Pferd gerichtet, während sie zu Kylie sagt: „Ich habe trotzdem keine Zeit. Ab Oktober bin ich weg und bis dahin muss ich noch einiges erledigen.“

Aufgebracht sieht Kylie ihre Freundin an. „Das ist schon wieder eine Ausrede. Seitdem du den Wettbewerb gewonnen hast, hast du deinen Studienplatz und auch dein Stipendium sicher, also was willst du noch erledigen? Du hast versprochen mitzukommen, jetzt halte dein Versprechen auch.“ Langsam dreht Egon ihren Kopf zu Kylie und sieht sie eindringlich an. „Ich muss mich aber noch um eine Unterbringung kümmern.“

Jetzt muss Kylie lachen. „Du lässt auch nichts aus. Hast du vergessen, dass ich dabei war, als du einen Antrag auf einen Wohnheimplatz gestellt hast. Sie haben gesagt, dass du erst im September Bescheid bekommst und bis dahin sind es noch zwei Monate. Schluss mit den Ausreden! Du kommst mit!“

Egon zieht die Stirn kraus. „Was soll ich da? Die können mich eh nicht leiden.“

Aufgeregt schüttelt Kylie den Kopf. „Doch, sie können dich leiden. Da geh ich jede Wette ein.“

Ein spitzbübisches Grinsen zieht sich über Egons Gesicht. „Die Wette nehme ich an. Wenn ich gewinne, was bekomm ich?“ Kylie starrt sie nur an, was Egon laut auflachen lässt. „Also wenn ich gewinne, lässt du mich in Zukunft mit deiner Band in Ruhe und ich brauche mir ihre dämliche Musik auch nicht mehr anhören. Und wenn du gewinnen solltest, mache ich, was du willst.“

Schelmisch grinst Kylie zurück. „Du machst dann, was ich will, egal was? Okay, ich werde mir was ausdenken.“ Kylie weiß, dass Egon für Dummheiten immer zu haben ist und sie hat meistens auch die blödesten Einfälle. Egal, was Kylie verlangen wird, Egon wird es auch machen, vorausgesetzt Kylie gewinnt die Wette.

Kylie streckt ihr die Hand hin. „Abgemacht, und du kommst mit.“ Egon zögert einen Moment. „Du sagst mir aber noch, bevor wir losfahren, was du von mir willst.“ Entschlossen greift sie Kylies Hand. Beide Mädchen grinsen sich an und in ihren Augen blitzt es verdächtig auf.

Kaum macht Egon die Haustür auf, kommt ihr auch schon Frank entgegen. „Da bist du ja endlich. Ich komme mit meinen Hausaufgaben nicht klar. Unser Lehrer hatte heut schlechte Laune und da hat er sich was ganz Gemeines ausgedacht.“

Egon grinst ihren neunjährigen Bruder an. „Was hast du schon wieder angestellt?“ Verlegen senkt er den Kopf. „Die Türklinke von unserem Klassenraum war locker, ich wollte sie nur festmachen. Ich kann gar nichts dafür.“ Das sieht ihm mal wieder ähnlich. Nur mit Mühe kann Egon sich ein Lachen verkneifen. „Ich will genau wissen, was los war.“

Frank sieht sie eindringlich an. „Versprich mir, dass du nichts Mama sagst.“ Während Egon nickt, breitet sich ein Grinsen auf ihrem Gesicht aus. „Also die Klinke war schon etwas locker und ich habe noch ein bisschen nachgeholfen und als Herr Lehmann aufmachen wollte, hatte er sie in der Hand. Es hat eine halbe Stunde gedauert, bis sie die Tür aufbekommen haben und unser Unterricht war vorbei. Doch leider hat Herr Lehmann gesagt, ich soll zu morgen einen Vortrag über das Thema, das wir behandeln wollten, ausarbeiten. Er will ihn sogar benoten. Du musst mir unbedingt helfen.“

Egon hat bereits das Blatt in der Hand und liest sich die Aufgabe durch. Sie schaut auf ihre Uhr. Schon so spät, sie muss gleich los und Theresa aus dem Kindergarten abholen. Schnell rennt sie hoch in ihr Zimmer, welches sie sich mit Theresa teilt, und sucht aus ihren Unterlagen etwas raus. Kaum wieder unten in der Küche, legt sie die Blätter auf den Tisch und nimmt sich einen Stift aus Franks Tasche. Rasch hat sie einige Stellen markiert. „So, das schreibst du dir jetzt sauber ab. Das sind sie wichtigsten Fakten. Wir sprechen das aber noch mal durch, wenn ich Theresa abgeholt habe.“ Frank nickt nur, denn er weiß genau, dass Egon dafür keine Zeit haben wird und er hat ein Haufen Arbeit gespart.

Sobald Egon mit Theresa wieder da ist, kommt auch schon Jörg an. „Egon, du musst mir mal den Splitter rausmachen. Papa fährt gleich Mama abholen und ich muss noch die Kühe reintreiben.“ Erschrocken sieht Egon auf die Uhr. Was, bereits so spät, und sie hat noch nicht einmal mit dem Essenmachen angefangen.

Mit Nadel und Pinzette bewaffnet geht sie zu Jörg rüber, um den Splitter rauszuholen. Fast jeden Tag kommt Jörg mit irgendwelchen Verletzungen zu ihr. Entweder hat er sich mal wieder in der Schule geprügelt oder er hat sich bei der Arbeit verletzt. Er hat einfach zwei linke Hände, sagt ihr Vater immer. Obwohl er bereits fünfzehn ist, schafft er es nicht, einen Tag ohne Schrammen und Beulen zu überstehen.

Kaum hat Egon den Splitter raus, springt er auch schon wieder auf und geht. Inzwischen ist Frank mit seinen Hausaufgaben fertig und räumt seine Sachen zusammen. Kurz lässt Egon den Blick über ihn schweifen. „Wir gehen das nachher durch, jetzt passt du erst mal auf Theresa auf, während ich mich ums Essen kümmere.“

Theresa sieht sie erwartungsvoll an. „Gibt es heute Pudding?“ Egon sieht liebevoll auf die Vierjährige runter. Wenn Theresa sie mit ihren großen blauen Augen ansieht, kann sie einfach nicht Nein sagen. Langsam nickt Egon. „Gut, ich mach dir welchen.“ Egon muss sich beeilen, um alles fertigzubekommen, aber sie schafft es. Genau in dem Moment, wo ihre Mutter das Haus betritt, ist das Essen fertig und der Tisch gedeckt.

Es ist bei ihnen üblich, dass sie alle zusammen zu Abend essen, denn das ist die einzige Zeit, die sie gemeinsam verbringen können. Auf dem kleinen Bauernhof gibt es immer eine Menge Arbeit und da muss jeder mit anfassen. Auch der Gemüsestand auf dem Markt, ihre größte Einnahmequelle, muss abgesichert sein. Ihre Mutter steht von früh bis abends dort und verkauft Obst und Gemüse aus eigenem Anbau. An den Wochenenden hat ihr Vater dann auch hin und wieder Kremserfahrten und ab und zu kommt auch mal jemand zum Reiten. Aber das ist alles nicht viel. Da sie auf jeden Cent angewiesen sind, können sie nicht mal eine Aushilfe in der Erntezeit einstellen. Egon macht sich jetzt schon Gedanken, wie es wird, wenn sie zum Studium geht. Sie hat Angst, dass es ihre Eltern nicht schaffen, schließlich fehlt dann eine ganze Arbeitskraft.

Nach dem Essen räumen sie gemeinsam den Tisch ab und nebenbei unterhalten sie sich noch über alles Mögliche.
Frau Olsen sieht ihre Tochter von der Seite an. „Rudolfine, willst du nicht deine Sachen packen?“ Egon sieht ihre Mutter eindringlich an. „Mama, kannst du mich nicht Egon nennen, so wie alle anderen auch? Und wieso soll ich packen?“ Ihre Mutter sieht schmunzelnd zu ihr rüber. „Du hast deinen Namen nach deinem Vater bekommen und er heißt nun einmal Rudolf, und außerdem weißt du genau, dass ich dich nur Rudolfine rufe, wenn es wichtig ist.“ Ihr Blick schweift von ihrer Tochter zu ihrem Mann. Er sieht seine älteste Tochter schulterzuckend an. „Ich weiß gar nicht, was du gegen den Namen hast.“

Egons Blick ist fest auf ihren Vater gerichtet. „Gegen Rudolf hätte ich ja auch nichts, aber das ‚fine’ stört mich gewaltig. Warum kannst du nicht Egon heißen? Dann hätten wir beide kein Problem.“

Ihr Vater muss lachen. „Auf meine alten Tage lass ich mich nicht mehr umtaufen.“ Jetzt mischt sich auch Jörg ein: „Egon gefällt dir doch nur wegen der Olsenbande und weil du genauso viel Scheiße im Kopf hast wie Egon Olsen.“

„Hab ich gar nicht.“ Und schon nimmt sie einen klitschnassen Schwamm und steckt ihn ihrem Bruder in den Hemdkragen. Schreiend springt Jörg auf und will nach Egon greifen, doch sie ist viel zu schnell und wendig. Eh er sich versieht, hat sie ihm auch noch auf den nassen Schwamm gehauen, sodass ihm jetzt das ganze Wasser den Rücken lang runterläuft. Fluchend zieht er sich das Hemd aus und schmeißt es vor Egons Füße. „Jetzt kannst du es auch waschen.“ Mit Unschuldsmiene sieht sie ihn an. „Ich habe leider keine Zeit. Mama sagt, ich muss packen.“ Mit dem Fuß schiebt sie das Hemd zu ihm zurück und dreht sich zu ihrer Mutter. „Du hast mir noch nicht gesagt, warum ich packen soll.“

Ein Lächeln zieht über das Gesicht ihrer Mutter, als sie ihren Blick musternd über ihre Tochter gleiten lässt. „War Kylie heute nicht hier?“ Misstrauisch geworden nickt Egon langsam und beobachtet ihre Mutter genau. „Na dann wird sie dir doch auch gesagt haben, dass ihr morgen Nachmittag losfahrt.“ Egon reißt die Augen auf. „Was, morgen schon?!“ Bei dem entsetzten Gesichtsausdruck ihrer Tochter muss sie unwillkürlich lachen.

Blitzschnell dreht sich Egon um und verschwindet in ihr Zimmer, um ein paar Sachen zusammenzusuchen. Vier Wochen sind sie unterwegs, wo soll sie nur so viel Sachen hernehmen? Geschwind geht sie zu ihren Brüdern rüber und schaut in deren Schrank nach.

Als Jörg reinkommt, hat sie gerade seine Jeans und zwei von seinen T-Shirts in den Händen. Erstaunt sieht er sie an. „Was willst du damit?“ Sie sieht ihn verständnislos an. „Ist doch klar, was ich damit will. Ich nehm´ die Sachen mit und werde sie anziehen.“ Lachend schüttelt er den Kopf. „Die sind dir doch viel zu groß. Du bist schon der perfekte Lacher, wenn du in meinen Sachen zur Schule gehst, aber bei solchen Typen kannste nicht so rumrennen.“ Sie sieht ihn verächtlich an. „Und ob ich das kann.“ Rasch nimmt sie sich noch ein paar von seinen Socken. Jörg hält sich denn Bauch vor Lachen. „Willste vielleicht auch noch ein paar Boxershorts von mir haben?“ Egon überlegt einen kleinen Moment, dann nickt sie mit einem strahlenden Lächeln.

Als Jörg ihr die Boxershorts reicht, sieht er sie eindringlich an. „Du hast schon wieder was ausgeheckt. Wen willst du diesmal verarschen?“ Egon versucht ein ernstes Gesicht zu machen, doch das hält sie nicht durch und prustet los vor Lachen. „Ich habe mit Kylie gewettet. Das werden bestimmt die lustigsten vier Wochen meines Lebens.“ Verständnislos sieht Jörg sie an und schnell erzählt Egon ihm alles.

Lachend meint er zu Egon: „Kylie muss doch klar sein, dass sie die Wette niemals gewinnen kann. Man kann dich ja so schon kaum ertragen, wenn du es dann auch noch drauf anlegst, erst recht nicht.“ Grimassenziehend steckt Egon ihm die Zunge raus und verschwindet. „Am besten, du nimmst auch noch das Base Cap, das du immer zum Ausmisten aufhast, mit“, ruft Jörg ihr noch hinterher.

Nachdem Egon alles in einer großen Reisetasche verstaut hat, setzt sie sich an ihr Klavier und spielt einige ihrer Lieblingsstücke von Mozart.

Erschrocken fährt Egon zusammen, als sie die Hand auf ihrer Schulter spürt. Schmunzelnd sieht ihre Mutter sie an. „Wenn du spielst, vergisst du wirklich alles um dich herum, aber jetzt ist Schluss. Du musst morgen früh Theresa in den Kindergarten bringen. Wenn es dir nichts ausmacht, kannst du auch noch Frank und Jörg zur Schule fahren. Papa fährt dich dann am Nachmittag zu Kylie.“ Egon lässt die Hände sinken und sieht ihre Mutter eindringlich an. „Mama, es ist doch viel zu viel zu tun, das Beste ist, ich bleibe hier. Kylie kann auch allein fahren.“ Lachend schüttelt ihre Mutter den Kopf. „Kommt überhaupt nicht infrage. Du fährst mit! Ab Oktober müssen wir auch ohne dich zurechtkommen und glaub mir, wir schaffen das schon.“ Egon holt bereits tief Luft und will loslegen: „Ja aber,…“, doch ihre Mutter lässt sie gar nicht erst zu Wort kommen. „Nichts ja aber. Noch eine Woche und dann haben die Jungs Ferien und können helfen. Du sollst dich noch mal vor deinem Studium erholen und etwas erleben. Also genieß die Zeit.“ Damit ist es für ihre Mutter erledigt. Sie wartet noch, bis Egon vom Klavier aufgestanden ist und gemeinsam gehen sie nach oben.

 

Kapitel 2

Im letzten Moment kommt Egon bei Kylie in dem großen Stadthaus an. Aufgeregt kommt ihr Kylie bereits entgegen. „Wo bleibst du denn? Ich hab schon gedacht, du kommst doch nicht mit.“ Egon grinst sie an. „Wenn das so ist, wünsch ich dir viel Spaß und dreh gleich wieder um.“ Kylie greift sie am Ärmel und zieht sie weiter ins Wohnzimmer. „Nichts da. Du bleibst und ich hab mir auch bereits etwas überlegt, wenn ich die Wette gewinne.“ Grinsend schüttelt Egon den Kopf. „Du wirst nicht gewinnen.“ Aus zusammengekniffenen Augen sieht Kylie sie an. „Die Jungs sind in Ordnung und sie werde dich auch mögen, genauso wie du sie.“ Jetzt lacht Egon richtig los. „Du kannst mir glauben, ich hasse sie jetzt bereits und lass uns erst einmal da sein, dann werden sie mich auch hassen. Nun sag schon, was mich erwartet, solltest du gewinnen. Was du allerdings niemals wirst.“

Kylie richtet sich zu ihrer vollen Größe auf und ist einen halben Kopf größer als Egon. „Also, wenn ich gewinne, gehen wir beide ganz groß aus. In einen richtigen Nachtclub. Und du musst dich richtig wie ein Mädchen anziehen und schminken. Und du wirst tanzen und flirten und sollte der passende Typ auftauchen, wirst du ihn auch küssen.“ Bei jedem Wort sind Egons Augen immer größer geworden. „Das wirst du nie erleben!“ Herausfordernd streckt Kylie ihr die Hand entgegen. „Nimmst du an?“ Grinsend schlägt Egon ein. „Du wirst nie gewinnen.“

In diesem Moment kommt Kylies Mutter rein und sieht die beiden Mädchen an. „Kylie, willst du Egon nicht ein paar von deinen Sachen geben, damit sie wenigstens die vier Wochen anständig rumläuft.“ Mit weit aufgerissenen Augen starrt Kylie ihre Mutter an, sagt aber kein Wort.

„Keine Angst, Frau von Winterstein, ich habe meine Sachen extra gewaschen und mein Bruder hat mir seine Jeans als Wechselhose mitgegeben.“ Egon kann Kylies Mutter nicht besonders gut leiden. Sie hält sich für etwas Besseres, nur weil sie die Firma und einen Haufen Geld geerbt hat. Zum Glück ist Kylie, obwohl sie ein Einzelkind ist, nicht so.

Frau von Winterstein sieht Egon von oben herab an. „Das ist eine berühmte Band, da kannst du nicht als Bauernlümmel hingehen. Du musst dich schon ein bisschen anpassen.“ Egon muss grinsen. „Ach, ich komme schon mit ihren Macken klar und wenn sie nicht mit mir klarkommen, ist es ihr Problem.“

Als ihr Hausmädchen reinkommt und mitteilt, dass das Taxi da ist, atmet Kylie erleichtert auf. „Los, komm Egon, wir müssen.“ Während Kylie Egon zur Tür drängt, winkt sie kurz noch ihrer Mutter zu. „Wir sehen uns in vier Wochen wieder.“ Kylie kann gar nicht schnell genug ins Taxi kommen. Es ist jedes Mal dasselbe, wenn Egon und ihre Mutter zusammentreffen. Ihre Mutter muss aber auch immer auf die ärmlichen Verhältnisse, aus denen Egon kommt, anspielen und Egon lässt sich das natürlich nicht gefallen.

„Sag mal, wie soll das eigentlich ablaufen?“ Fragend sieht Egon Kylie von der Seite an. Gedankenverloren hat Kylie die ganze Zeit aus dem Fenster geschaut und schrickt jetzt bei Egons Worten gewaltig zusammen. Verwirrt schaut sie Egon an. „Jetzt fahren wir erst mal nach Berlin zur Konzerthalle und dort können wir uns noch den Rest des Konzertes anhören, dann werden wir die Jungs kennenlernen und dann werden wir wohl zum Hotel fahren.“

„Mich interessiert vielmehr, wie die vier Wochen ablaufen sollen.“

Kylie zuckt mit den Schultern. „Na, das weiß ich auch nicht. Lass dich doch einfach überraschen. Es wird bestimmt fantastisch.“

Genervt sieht Egon sie an. „Wir werden ihren Dreck wegräumen dürfen und was ist daran schon fantastisch?“

Kylie winkt ab. „Das glaub ich nicht und wenn schon, wir dürfen schließlich kostenlos auf jedes Konzert.“ Egon schüttelt den Kopf und schaut wieder aus dem Fenster. Wie konnte sie sich nur auf den Quatsch einlassen? Wenn sie da schon mitmachen muss, wird sie wenigstens ihren Spaß haben und die Wette wird sie auch gewinnen. Bei diesen Gedanken zieht ein spitzbübisches Grinsen über ihr Gesicht.

Kaum hält das Taxi vor der Konzerthalle, kommt auch schon ein Bodyguard und führt sie nach hinten in einen kleinen Aufenthaltsraum. Von dort können sie die Musik hören.

Egon lässt sich in einen Sessel fallen, zieht sich einen Stuhl ran und legt ihre Beine darauf. Es war heute ein anstrengender Tag. Egon musste noch einiges vorbereiten, damit ihre Brüder auch ohne sie zurechtkommen. Dann war Theresa auch noch so unglücklich, dass ihr Egon ihr geliebtes Benny Bärchen, das sie ursprünglich mitnehmen wollte, in die Arme gedrückt hat. Seitdem sie denken kann, war dieser Teddybär immer an ihrer Seite, selbst auf Klassenfahrt hatte sie ihn mitgenommen. Doch Theresa hat sie so niedergeschlagen angesehen, dass Egon gar nicht anders konnte. Theresa hat ihr auch versprochen, gut auf ihn aufzupassen.

Kylie läuft aufgeregt hin und her. Sie kann es kaum erwarten, endlich den fünf Bandmitgliedern gegenüberzustehen.

Die Musik verstummt und kurz darauf nähern sich Schritte. Als sich die Tür öffnet und die Jungs reinkommen, bleibt Kylie wie angewurzelt stehen und starrt sie an. Egon ist kurz vor dem Einschlafen und öffnet die Augen nur einen Spaltbreit. Sie denkt kein bisschen dran, sie zu begrüßen oder auch nur richtig anzusehen.

Kylie hat sich schnell wieder von ihrer ersten Aufregung erholt und stürmt gleich auf die Jungs zu. „Hallo! Ich bin Kylie und das ist Egon.“ Sie deutet kurz auf Egon, wendet sich aber sofort wieder den Jungs zu und plappert munter drauf los. „Ich bin ganz aufgeregt, euch endlich kennenzulernen und ihr glaubt gar nicht, wie sehr wir uns freuen, hier sein zu dürfen. Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich gewonnen habe und vier Wochen mit euch verbringen darf.“

Egon hat sich immer noch nicht gerührt und beobachtet die Jungs aus den Augenschlitzen heraus. Drei von ihnen sind ziemlich auffällig tätowiert und haben bunte Haare, die in allen Richtungen abstehen, auch ihre Klamotten sind typisch für Punks. Einer scheint schüchtern zu sein. Er ist unauffällig gekleidet und ist gleich neben der Tür stehen geblieben und sieht nur von weitem zu. Der Fünfte passt überhaupt nicht dazu. Er scheint aus einer Modezeitschrift gesprungen zu sein, so geschniegelt und gestriegelt ist er.

Der Größte der fünf Typen sieht zu Egon rüber und meint dann lachend zu Kylie: „Ich glaube, wir machen es heute ganz kurz. Ich bin Ben, das sind Pat, Dustin, Simon und Philipp. Wir freuen uns, dass ihr hier seid, auch wenn Egon es langweilig findet und lieber schläft.“ Geschwind ist Kylie bei Egon und schüttelt sie an der Schulter. „Egon, reiß dich ein bisschen zusammen. Sie sind hier.“

„Na und?“ Genervt öffnet Egon langsam die Augen.

Pat muss grinsen. „Noch einer, der es nicht leiden kann, geweckt zu werden.“ Sein Blick wandert zu Ben und dann zu Kylie. „Jetzt geht’s erst mal ins Hotel und morgen fahren wir dann nach Hamburg.“ Kaum hat Pat ausgesprochen, wird auch schon an der Tür geklopft und der Bodyguard teilt ihnen mit, dass der Tourbus bereitsteht. Galant bietet Philipp Kylie den Arm an und geleitet sie zum Bus und die anderen folgen. Egon sieht ihnen kopfschüttelnd hinterher. In der einen Hand bereits ihre Tasche will sie gerade nach Kylies greifen, als ihr Simon zuvorkommt. Ohne sie weiter zu beachten, nimmt er Kylies Taschen und geht zum Bus. Egon folgt ihm langsam und bekommt noch am Rande mit, wie Pat Kylie den Bus zeigt. Der Bus ist größer, als Egon gedacht hat. Er ist in zwei Räume geteilt. Der vordere Raum dient als Wohnraum mit Eckcouch, zwei Sessel und ein Fernseher auf der einen und noch einmal zwei Sessel auf der anderen Seite. Sogar eine kleine Küche ist eingebaut. Von hier aus geht es zur Toilette und gleich daneben ist die Tür zum zweiten Raum, der als Schlafraum dient. Sechs Betten und zwei schmale Einbauschränke konnte Egon sehen.

Auf der Fahrt zum Hotel unterhält sich Kylie angeregt mit Pat. Egon hat sich ihnen gegenüber ans Fenster gesetzt und starrt in die Nacht hinaus. Ben setzt sich neben Egon. Auch die anderen haben sich zu ihnen gesetzt. Ben sieht Egon an. „Wir sind gleich im Hotel, da kannste weiter schlafen, aber morgen musste pünktlich zum Frühstück erscheinen.“ Egon starrt ihn an. „Wie soll der ganze Quatsch eigentlich ablaufen?“ Ben zuckt mit den Schultern und wirft den anderen einen Blick zu. „So richtig wissen wir das auch noch nicht. Bisher hatten wir noch keine Praktikanten, aber uns wird schon was einfallen.“ Egon sieht Ben von oben bis unten an. „Na, wenn ich dich so anschaue, glaube ich kaum, dass du zu irgendeinem vernünftigen Gedanken fähig bist.“ Ben muss gewaltig schlucken, doch Kylie schaltet sich sofort ein. „Das war nicht so gemeint. Egon ist einfach nur müde.“ Egon sieht Kylie herausfordernd an. „Es war genau so gemeint.“

Zum Glück hält der Bus gerade an. „Ich glaub, wir sind schon da“, meint Pat mit einem Schmunzeln im Gesicht.

Kylie verlässt an Pats Seite den Bus und Ben hat sich bereit erklärt, ihre Taschen zu tragen. Mit ihrer Tasche in der Hand folgt Egon ihnen.

Sie sind in einem erstklassigen Hotel untergebracht. Jeder hat sein eigenes Zimmer, außer Kylie und Egon, sie müssen sich eins teilen.

Kaum hat sich die Tür hinter Egon geschlossen, lässt sie auch schon die Tasche fallen, zieht ihr T-Shirt aus und lässt es ebenfalls auf den Boden fallen. Auf dem Weg zum Bett zieht sie noch ihre Hose aus, die auch auf dem Boden landet, und lässt sich ins Bett fallen. Kylie sieht zu ihr rüber. So unordentlich ist Egon sonst nie. Geschwind streift auch sie ihre Sachen ab und huscht ins Bett.

Die Jungs haben sich noch in Pats Zimmer getroffen und sprechen noch den Tagesablauf für morgen durch. „Wir müssen uns überlegen, welche Aufgaben die beiden erledigen können“, meint Dustin so ganz nebenbei, als er seine Ratte Jacky aus seiner Jackentasche holt. Sofort macht sich Jacky auf den Weg zur Schulter und hält von dort Ausschau nach etwas Fressbaren. Während Philipp ihr ein Stück Keks hinhält, fragt er: „Was haltet ihr eigentlich von den beiden?“ Schmunzelnd sieht Pat von einem zum anderen. „Also Kylie gefällt mir ganz gut, nur dieser Egon ist so ’n Ding für sich.“ Philipp richtet seinen Blick auf Pat. „Hat Kylie nicht geschrieben, dass sie ihre beste Freundin mitbringen will?“

Ben nickt. „Ja das hat sie, aber vielleicht konnte sie nicht.“ Gähnend streckt Pat sich. „Ich würde sagen, wir sprechen morgen mit den beiden und entscheiden dann, was sie machen können. Ich hau mich jetzt auch hin.“ Auch die anderen suchen ihre Zimmer auf, es war schließlich für alle ein langer Tag.

Kapitel 3

Egon öffnet die Augen und weiß im ersten Moment gar nicht, wo sie ist und was überhaupt los ist. Langsam fällt ihr alles wieder ein und sie schüttelt den Kopf über sich selbst. Wie konnte sie sich nur auf so einen Schwachsinn einlassen?

Es ist noch sehr früh und so beschließt sie, noch eine Weile durchs Internet zu surfen. Vielleicht trifft sie ja ihren Kumpel „StolperJoe“. Sie kennen sich jetzt bereits über ein Jahr, allerdings nur übers Internet und keiner kennt den richtigen Namen des anderen. Mit ihm kann sie über alles reden und er hat auch immer einen guten Tipp parat oder ein paar aufmunternde Worte. Auch er schüttet sein Herz bei ihr aus, nur denkt er, sie ist ein Junge und sie hat noch keinen Grund gesehen, ihm mitzuteilen, dass sie ein Mädchen ist. Da er in Amerika wohnt, ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie sich einmal begegnen werden, auch wollte er noch nie, dass sie ihm ein Bild schickt. Selbst wenn sie ihm ein Bild von sich schicken würde, würde er nicht drauf kommen, dass sie ein Mädchen ist. Meistens trägt sie Hip-Hopper-Hosen und ein weites T-Shirt, ihre roten Haare sind kurz und strubblig. Ihre Figur erinnert eher an einen halbwüchsigen Burschen als an ein Mädchen. Sie hat kaum Brust und auch keinen Hintern, dafür aber recht breite Schultern.

Sie ist bereits eine ganze Weile im Internet, doch von „StolperJoe“ ist nichts zu sehen. In einer E-Mail schreibt sie ihm, dass sie zurzeit mit ein paar Freunden ihrer Freundin Urlaub macht und daher auch etwas öfter im Internet sein wird. Allerdings erwähnt sie nicht, dass es sich bei den Freunden um eine Band handelt und auch erwähnt sie keine Namen. Vielleicht kennt er sie ja, sie spielen schließlich die Musik, die er gern hört und in Amerika sollen die „Wild Guys“ ja ganz schön berühmt sein. Auch teilt sie ihm mit, dass sie eigentlich gar nicht hier sein möchte, weil es zu Hause einfach zu viel Arbeit gibt, doch von der Wette erwähnt sie lieber nichts.

Nachdem sie ihr Herz bei „StolperJoe“ ausgeschüttet hat, geht sie auf die Website von der Band, um einiges über sie zu erfahren. Doch leider kann Egon sie nicht aufrufen, da sie zurzeit bearbeitet wird. Dafür findet sie einen Fan-Shop und über die übertrieben hohen Preise ist sie entsetzt.

Ein Rascheln aus Kylies Bett lässt sie aufschauen.

„Was machst du denn schon so früh?“, kommt es verschlafen von Kylie. Egon sieht sie mürrisch an. „Na der Typ hat doch gesagt, wir sollen pünktlich zum Frühstück kommen.“ Kylie zieht sich die Decke über den Kopf. „Aber doch nicht mitten in der Nacht.“ Genau in diesen Moment wird an der Tür geklopft. „Hey, aufstehen, wir gehen jetzt frühstücken und dann wollen wir los.“

„Wir kommen ja schon“, murrt Kylie. Egon klappt den Laptop zu und schlüpft rasch in ihre Hose, denn vorhin hat sie nur schnell ihr T-Shirt übergezogen. Erstaunt sieht Kylie sie an. „Haben deine Brüder nichts dagegen gehabt, als du euren Laptop mitgenommen hast?“ Grinsend zuckt Egon mit den Schultern. „Keine Ahnung. Als ich ihn eingepackt habe, waren sie in der Schule.“ Egon greift nach ihrem Base Cap und will dann zur Tür raus. Kylie ruft ihr noch zu. „Willst du dir nicht die Haare kämmen?“

„Wozu? Du hast die Typen doch gesehen, da will ich nicht aus der Reihe tanzen.“

Als Egon runter kommt, sitzen schon alle am Tisch und essen. Nach einem gemaulten „Morgen“ setzt sich Egon zu ihnen und greift sich gleich ein Brötchen. Unauffällig lässt sie ihren Blick von einem zum anderen schweifen.

Pat hat eine dunkle gemusterte 7/8-Hose und ein schwarzes T-Shirt an. Egon kann deutlich die vielen Tattoos an seinen Unterarmen sehen. Auch die Ketten an seiner Hose sind nicht zu übersehen. Seine Haare sind wie gestern, schwarz mit grünen Punkten, nur stehen sie heute nicht nach allen Richtungen ab.

Ben ist ganz in schwarz gekleidet. Seine 7/8-Hose ist mit unzähligen Aufnähern und Ketten verziert, doch sein Achselshirt ist rein schwarz ohne jedes Muster, wodurch seinen bunten Tattoos an beiden Armen noch hervorgehoben werden. Neugierig versucht Egon zu erkennen, was sich unter dem Achselshirt verbirgt, doch leider kann sie nur ein kleines Stück von dem Tattoo sehen. Es scheint über seine linke Brustseite zu gehen. Auch seine schwarzen Haare mit roten Spitzen sind heute ordentlich gekämmt und nicht zu Stacheln gestylt.

Dustin hingegen hat eine Hip-Hopper-Hose an und ein einfaches Sweatshirt, dessen Ärmel er etwas hochgeschoben hat, wodurch seine Tattoos am rechten Arm deutlich zu sehen sind und auch seine braunen Haare mit einem großen, wasserstoffblonden Fleck sind anständig frisiert.

Simon ist genau wie gestern unauffällig gekleidet. Einfache Jeans und T-Shirt, auch seine Haare sind nicht gefärbt und anständig gekämmt. Er hat gestern kein Wort zu ihnen gesagt und auch jetzt sitzt er ganz still da.

Als Egons Blick zu Philipp schweift, hätte sie beinahe losgelacht. Er hat doch tatsächlich den kleinen Finger abgespreizt, als er seine Tasse Kaffee vornehm zum Mund geführt hat, um einen Schluck zu trinken. Egon kann es kaum glauben, er trägt wieder so einen schnieken Anzug, Hemd und sogar Krawatte. Natürlich sind seine schwarzen Haare anständig frisiert und seine einzelne rote Haarsträhne ist perfekt ausgerichtet. Abrupt wird Egon aus ihren Betrachtungen gerissen, als Pat sie fragt, wie sie denn geschlafen hat. Ohne ihn anzuschauen, meint sie kauend: „Beschissen.“ Fragend sind alle Augen auf sie gerichtet, doch Egon sieht keinen von ihnen an und isst genüsslich weiter. Ihre Aufmerksamkeit wird jedoch gleich auf Kylie gelenkt, die lachend auf den Tisch zu kommt und schon von weitem ist ihre Stimme zu hören. „Einen wunderschönen guten Morgen wünsch ich euch. Ich hoffe, ihr habt genauso gut geschlafen wie ich.“ Eh einer etwas sagen kann, ist Kylie eine Runde um den Tisch und hat jeden kurz gedrückt, dann lässt sie sich auf ihren Platz nieder und sieht Pat mit einem umwerfenden Lächeln an. „Na, wie sieht der Tagesablauf aus?“

Pat ist ganz durcheinander und muss sich erst einmal räuspern. Langsam lässt er seinen Blick über Kylie schweifen. Sie sieht wirklich gut aus. Heute trägt sie ein enges, bauchfreies Oberteil in zartem Rosa und eine weiße Hüfthose. Ihr blondes, gewelltes Haar fällt ihr offen über die Schultern.

Egon ist der Blick von Pat und auch der anderen nicht entgangen und ein Schmunzeln zieht über ihr Gesicht. Das ist wieder mal typisch, wenn Kerle ein bisschen Haut sehen, fangen sie an zu sabbern und ihr bisschen Verstand ist ganz weg. Nur Simon und Dustin scheint es nicht zu interessieren. Simon sieht stur auf sein Brötchen und traut sich gar nicht aufzuschauen. Man, ist der Typ schüchtern, geht es Egon durch den Kopf. Doch was ist mit Dustin los? Er zupft ständig an seinem Sweatshirt rum und eben war ihr, als ob er ein Stück Brötchen in den Ärmel geschoben hat. Neugierig beobachtet Egon Dustin, irgendetwas stimmt bei dem Typen nicht. Plötzlich springt er auf und meint grinsend: „Ich geh schon mal und hol meine Sachen. Wir treffen uns dann im Bus.“ Auch Ben springt mit auf. „Warte, ich komm mit.“ Auch für die anderen ist es das Zeichen, dass sie sich jetzt fertigmachen müssen. Pat sieht Kylie lächelnd an. „Wir verstauen jetzt unsere Sachen im Bus und dann fahren wir los. Soll dir jemand beim Tragen helfen?“ Das ist zu viel für Egon und sie prustet los vor Lachen. „Lass Kylie doch ihren Plunder alleine schleppen, sie wollte das ganze Zeug doch mitnehmen.“ Kylie funkelt sie wütend an. Egon steht grinsend auf. „Ich werde dann mal meine Sachen holen. Du hast ja wieder mal einen Trottel gefunden, der deine Sachen schleppt.“ Und schon dreht sie sich um und geht.

Als Egon mit ihrer Tasche zum Bus kommt, steht Ben bereits vor dem Bus. „Kannst schon reingehen, Knirps, ich warte noch auf die anderen.“ Egon bleibt vor ihm stehen, lässt ihre Tasche genau auf seinen Fuß fallen und stemmt die Hände in die Seiten. Funkensprühend sieht sie ihn aus ihren blauen Augen an und streckt sich zu ihrer vollen Größe, was gerade mal 1,60 m ist. „Nenn mich nie wieder so, sonst lernste mich kennen.“

Vollkommen verdattert sieht Ben auf sie runter, sie ist immerhin zwei Köpfe kleiner als er. Langsam zieht ein Grinsen über sein Gesicht. „Oh ja, bei deiner großen, imposanten Gestalt bekomme ich jetzt schon Angst.“ Egon holt schon tief Luft, doch bevor sie etwas sagen kann, hört sie Kylies Stimme hinter sich. „Egon, was stehst du hier herum? Steig lieber ein.“ Kylie nimmt Egon an den Schultern und schiebt sie zur Tür. Egon will sich noch mal umdrehen. „Meine Tasche.“ Kylie schiebt sie weiter. „Die bringt Pat schon mit rein.“ Schnell wirft Kylie Pat noch ein betörendes Lächeln zu.

Im Bus sieht Egon Kylie mit einem hinterhältigen Grinsen an. „Du hast mich eben auf eine super Idee gebracht.“ Kylie reißt die Augen auf. „Was hast du vor?“ Frech grinst Egon sie an. „Lass dich überraschen.“ Bevor Kylie noch etwas sagen kann, lässt sich Egon in den Sessel am Fenster fallen und schaut hinaus.

Langsam kommen auch die anderen und machen es sich gemütlich. Als Letzter kommt Ben und bleibt vor Egon stehen. „Hey, das ist mein Platz. Setz dich woanders hin.“ Egon würdigt ihn keines Blickes. „Es war kein Schild dran.“

Ben versucht, ruhig zu bleiben. „Dann sag ich es dir jetzt. Das ist mein Platz, kein anderer setzt sich hier hin.“ Langsam dreht Egon sich zu ihm und sieht ihn herausfordernd an. „Jetzt ist es mein Platz und du musst dir einen anderen suchen.“ Ben stützt sich mit einer Hand auf die Lehne und sieht Egon eindringlich an. „Da irrst du dich, mein Freund, und wenn du nicht sofort deinen Arsch hier hochhebst, lernst du mich kennen.“ Egon grinst ihn frech an. „Um mal was klarzustellen, ich bin nicht dein Freund und ich bleib hier sitzen, auch wenn du dich noch so sehr aufregst, Benny Bärchen.“

Ben muss erst einmal tief Luft holen, das hat noch keiner zu ihm gesagt. Wutschnaubend fährt er Egon an: „Du Grünschnabel wirst mich jetzt kennenlernen.“ Gerade will er nach Egon greifen, da geht Pat dazwischen. „Hey! Ben, das kannste nicht machen.“ Auch Kylie drängt sich schon dazwischen. „Ich muss mich für Egon entschuldigen. War alles nicht so gemeint, hat nur schlecht geschlafen. Du verstehst?!“

Egon grinst Ben immer noch frech an. „Es war alles genau so gemeint, wie ich es gesagt habe.“ Kylie fährt zu Egon herum und starrt sie aufgebracht an. „Egon, halt jetzt endlich die Klappe!“

„Nö! Warum sollte ich?“

Kylie dreht sich zu Ben. „Egon ist heute nicht gut drauf. Einfach in Ruhe lassen und nicht hinhören. Ist am besten so.“ Vorsichtig schiebt sie ihn zur Couch und Pat drückt ihn runter. Pat und Kylie setzten sich zu ihm.

Simon und Dustin haben es sich bereits auf der Couch bequem gemacht und Philipp sitzt in seinem Sessel gegenüber von Egon.

Pat sieht Ben an. „Lass Egon dort sitzen, bis er sich beruhigt hat.“

Ben sieht Kylie fragend an. „Warum hast du nicht deine beste Freundin mitgebracht? So wie du es auch geschrieben hast.“ Verdutzt sieht Kylie sie an. „Hab ich doch.“ Alle Augen sind erstaunt auf sie gerichtet. Kylie sieht von einem zum anderen. „Habt ihr etwa gedacht, Egon ist ein Junge? Nee, sie ist doch meine beste Freundin.“ Über die verdatterten Gesichter der Jungs muss Kylie lachen. Ihr ist überhaupt nicht in den Sinn gekommen, sie könnten Egon für einen Jungen halten, aber im Nachhinein muss sie schon zugeben, dass sich Egon wirklich nicht wie ein Mädchen benimmt.

Während der ganzen Fahrt sitzt Egon im Sessel und schaut aus dem Fenster. Kylie sitzt mit den Jungs zusammen und unterhält sich prächtig.

Kaum hält der Bus, geht Kylie zu Egon und rüttelt sie sanft an der Schulter, damit sie aufwacht. „He Egon, wir sind in Hamburg. Los komm, wir gehen ins Hotel.“ Etwas verwirrt sieht sich Egon um. Sie hat doch tatsächlich die ganze Fahrt verschlafen. Während die anderen schon aussteigen, streckt sich Egon erst noch genüsslich.

Dustin steht noch an der Tür und richtet seine Sachen. Egon mustert ihn neugierig, irgendwas ist merkwürdig an ihm. Langsam geht Egon auf ihn zu und da sieht sie eine kleine Nase und zwei schwarze Knopfaugen aus seinem Halsausschnitt schauen. Egon muss grinsen. „He Dustin, dir ist gerade noch ein Kopf gewachsen und ich muss sagen, dass der besser aussieht.“ Mit ihrer Tasche in der Hand geht sie an ihm vorbei, während er Jacky wieder zurück in sein Sweatshirt schiebt.

Diesmal bewohnen sie eine geräumige Suite, die aus einem Wohnzimmer, zwei Bädern und vier Schlafzimmern besteht. Wie selbstverständlich verschwinden die Jungs sofort in die Zimmer. Pat und Ben in eins, Simon und Dustin in das nächste und Philipp allein in eins. Ein Zimmer ist noch frei und das nehmen sich Kylie und Egon.

Als die beiden Mädchen allein sind, sieht Kylie Egon eindringlich an. „War das vorhin im Bus nötig? Das ist unser erster Tag und du hast es dir bereits mit Ben verscherzt. Sei doch ein bisschen netter zu ihnen.“ Grinsend schüttelt Egon den Kopf. „Kommt überhaupt nicht infrage. Wir sind ihre Gäste, also müssen sie zu uns nett sein und nicht umgekehrt.“

„Du bist mit Absicht so unausstehlich, gib zu, du machst das nur wegen dieser blöden Wette.“ Egon zuckt grinsend mit den Schultern. „Und wenn’s so wäre?“ Kylie kommt ganz dicht zu Egon ran und sieht sie bittend an. „Komm, lass uns die Wette vergessen, die kannst du nur gewinnen. Ich gebe mich geschlagen, du hast gewonnen und jetzt sei wieder du selbst.“ Ein misstrauisches Schmunzeln zieht über Egons Gesicht. „Nein, ich geh lieber auf Nummer sicher, schließlich hängt für mich ’ne Menge dran.“ Ohne Kylie weiter zu beachten, geht Egon zum Fenster und schaut hinaus. Sie sind mitten in der Stadt, ringsherum nur Häuser, nicht ein einziger Baum ist zu sehen. Kylie schaut Egon hinterher. „Geh duschen, wir wollen gleich essen gehen. Versprich mir wenigstens, dass du dich im Restaurant zurückhältst.“ Egon dreht ihr das Gesicht zu. „Ich verspreche dir gar nichts. Wenn sie mich provozieren, bekommen sie Feuerwerk.“ Jetzt ist es Kylie, die grinst. „Sie werden dich nicht provozieren, sie werden sehr freundlich zu dir sein. Bis jetzt haben sie gedacht, du bist ein Junge, doch ich hab ihnen gesagt, dass du ein Mädchen bist. Glaub mir, sie werden überaus freundlich zu dir sein.“ Nachdenklich sieht Egon sie an, dann zuckt sie mit den Schultern. „Ach das wird ihnen schon irgendwann vergehen, lass mich nur machen.“ Damit nimmt sie ihre Tasche und sucht sich frische Sachen aus.

Eine Stunde später gehen sie alle gemeinsam ins Hotelrestaurant zum Essen. Pat und Kylie sind darauf bedacht, dass Egon nicht zu dicht bei Ben sitzt. Ben hat seit der Fahrt nichts mehr zu Egon gesagt, doch immer wieder wirft er ihr vernichtende Blicke zu.

Zu Egons großem Erstaunen sehen die Jungs jetzt richtig annehmbar aus. Sie tragen alle schwarze Hosen und dazu ein Hemd und Jackett. Auch Kylie ist in ein elegantes Kleid geschlüpft. Egon hat zwar auch ein Kleid, ihr einziges, mitgenommen, aber sie denkt nicht im Traum daran, es anzuziehen. Sie trägt wieder eine Jeans und ein T-Shirt.

Während des Essens unterhalten sich Kylie und Pat über den Ablauf ihres Praktikums. Egon tut uninteressiert und isst genüsslich vor sich hin, doch sie achtet auf jedes Wort, nicht die kleinste Kleinigkeit entgeht ihr. Gerade hat Pat gesagt, dass sie morgen Vormittag proben und Nachmittag ist das Konzert. „Da gibt es für euch ’ne Menge Kleinigkeiten zu tun, ihr könnt aber trotzdem die Musik hören.“ Egon hebt den Kopf und sieht Pat an. „Das ist nicht dein Ernst? Ich soll mir euer Katzengejaule anhören? Kannste vergessen.“ Ohne weiter auf Pats geschocktes Gesicht zu achten, isst sie weiter.

Noch immer starrt Pat Egon mit weit aufgerissenen Augen an. Er kann es nicht fassen, sie bezeichnet ihre Musik als Katzengejaule. Bevor er jedoch etwas erwidern kann, fährt Ben dazwischen. „Was fällt dir Grünschnabel eigentlich ein? Es gibt genug Menschen, die unsere Musik hören, sonst hätten wir schließlich nicht so viele Alben verkauft und unsere Konzerte sind auch immer ausverkauft. Aber was versteht schon so ein Hinterwäldler davon?!“ Aus zusammengekniffenen Augen sieht Egon ihn an. „Lieber ein Hinterwäldler als ’ne Matschbirne, nicht wahr, Benny Bärchen?“ Ben zieht scharf die Luft ein und will schon aufspringen, doch Pat und Dustin halten ihn auf. Pat auf der einen und Dustin auf der anderen Seite drücken ihn wieder auf seinen Platz zurück. „Ben, beruhige dich.“ Pats Blick ist fest auf Ben gerichtet, bis dieser leicht nickt.

Dustin sieht Egon an. „Kannst du noch was anderes, außer Leute zu beleidigen?“ Grinsend schüttelt Egon den Kopf. „Nö, aber darin bin ich doch ganz gut. Oder?“ Unwillkürlich muss Dustin lachen, was ihm einen strafenden Blick von Ben einbringt.

Pat sieht Kylie mit einem verführerischen Lächeln an. „Wir wollen nur noch die Songs für das Konzert durchsprechen und dann wollen wir noch in einen Club gehen. Ihr könnt gern mitkommen.“ Bens Kopf schnellt hoch, er sieht Pat an, als ob dieser den Verstand verloren hat, dann wandert sein Blick zu Egon. Dustin hat hastig sein grinsendes Gesicht gesenkt. Egon hat alles beobachtet und meint jetzt mit einem hinterhältig Grinsen im Gesicht. „Hört sich interessant an, vielleicht wird es sogar lustig. Ich bin dabei.“ Wutschnaubend schlägt Ben die Hände auf den Tisch und steht auf. Er wirft einen kurzen drohenden Blick auf Egon, dann dreht er sich um und geht. Egon sieht ihm, immer noch grinsend, hinterher und meint so laut, damit er es auch noch hören kann. „Wir sollen unbedingt noch in eine Apotheke gehen und Baldriantropfen für Benny Bärchen holen.“ Aus dem Augenwinkel sieht Egon, wie Bens Schritt kurz stockt, doch dann geht er zügig weiter.

Kylie funkelt Egon an. „Lass ihn endlich in Ruhe!“

Wieder oben in ihrer Suite machen sie es sich alle im Wohnzimmer bequem. Von Ben ist allerdings weit und breit nichts zu sehen.

Pat hat sich zu Philipp aufs Sofa gesetzt und zieht Kylie neben sich. Egon lässt sich in den Sessel ihnen gegenüber fallen. Dustin setzt sich in den Sessel gleich neben Egon und Simon setzt sich in den etwas abseits stehenden Sessel. Pat hat ein Blatt vor sich und so wie Dustin die Songs vorschlägt, schreibt er sie auf, vorausgesetzt, er ist auch damit einverstanden. Hin und wieder sieht er mal zu Philipp oder Simon rüber, die dann immer zustimmend nicken. Gerade, als sie fertig sind, kommt Ben rein. Ohne einen anzusehen, nimmt er das Blatt und schaut es sich an.

Er sieht aus, als ob er joggen war. Sein T-Shirt klebt ihm schweißnass am Körper, jeder einzelne Muskel ist genau zuerkennen und deutlich kann Egon sehen, wie ihm immer noch der Schweiß an den Schläfen runterläuft. Es kostet Egon einige Anstrengung, ihren Blick von ihm loszureißen.

Ben gibt das Blatt nickend an Pat zurück und will gerade in sein Zimmer verschwinden, da klingelt auf einmal ein Handy. Kylie schreckt auf. „Das ist meins.“ Schnell rückt sie ein kleines Stück von Pat ab und nimmt das Gespräch an.

„Ja Mama, es ist alles in Ordnung und Egon benimmt sich auch.“

Alle Ohren sind gespitzt.

„Ich hab dir doch gesagt, dass sich Egon benimmt. Du brauchst dir keine Gedanken machen.“ Kylie verdreht schon die Augen. „Mama! Jetzt hör auf. Sie macht nichts, wofür wir uns schämen müssen.“

Die Augen der Jungs sind starr auf Kylie gerichtet. Egon springt lachend auf und kommt zu Kylie rüber, beugt sich übers Handy und meint mit zuckersüßer Stimme: „Frau von Winterstein, ich habe heute beim Essen nicht mal geschmatzt und heute beim Frühstück habe ich auch nur vier Brötchen verschwinden lassen und sie gleich nach Hause geschickt. Diese Wochen gibt es dann zweimal was zu Essen bei uns.“

Krampfhaft versucht Kylie, Egon wegzuschieben. „Egon, was erzählst du für ’ne Scheiße. Mama, glaub das bloß nicht.“ Entsetzt reißt Egon die Augen auf und ruft ins Handy. „Sie können mir glauben, ich habe wirklich nicht geschmatzt.“ Egon kann sich kaum noch halten vor Lachen und verschwindet in ihr Zimmer. Kylie sieht ihr wutschnaubend hinterher. „Mama, Egon macht das nur, weil du sie immer so behandelst. Ich muss jetzt Schluss machen. Bis bald.“ Während Kylie noch die geschlossene Tür anfunkelt, sieht Pat sie grinsend an. „Was war das eben?“

Dustin lacht immer noch laut vor sich hin, während Simon nur still schmunzelt. Auch Philipp grinst übers ganze Gesicht und Ben ist vor seiner Tür stehen geblieben und starrt Kylie fragend an. Kylie zuckt mit den Schultern. „Meine Mutter und Egon kommen überhaupt nicht miteinander klar. Meine Mutter reibt Egon immer unter die Nase, dass sie aus ärmlichen Verhältnissen kommt und Egon ist nicht gerade auf den Mund gefallen.“

„Ach, dann sind wir nicht die Einzigen, mit denen sie sich anlegt“, meint Ben grinsend. Aufgeregt schüttelt Kylie ihren Kopf. „Sie ist nicht so. Normalerweise ist sie supernett und freundlich. Ihr müsst ihr nur eine Chance geben und sie erst einmal kennenlernen.“ Bittend lässt Kylie ihren Blick von einem zum anderen schweifen. Dustin nickt grinsend. „Ihre Art gefällt mir. Sie ist kein verzogenes Modepüppchen und lässt sich nichts gefallen. Das ist doch super.“ Ben funkelt ihn an. „Wenn sie dir so gut gefällt, dann nimm sie dir doch, dann lässt sie mich hoffentlich in Ruhe.“ Dustin grinst übers ganze Gesicht. „Die Idee ist nicht mal so schlecht.“ Kylie zieht die Augenbrauen hoch. „Das ist überhaupt keine gute Idee, eher eine beschissene.“ Lachend klopft Dustin ihr auf die Schulter. „Lass mich mal machen. Und jetzt sollten wir uns fertigmachen, schließlich wollen wir ja noch ausgehen.“

Gleich nachdem Egon in ihr Zimmer gegangen ist, hat sie sich an den Laptop gesetzt und gehofft, dass sie „StolperJoe“ trifft. Doch wieder nichts, aber zumindest hat er ihr eine E-Mail geschickt.

Er scheint gewaltige Probleme mit einer Angestellten zu haben. In jedem Satz hat er bestimmt zwei Schimpfnamen für sie gefunden. Als Egon alles durchgelesen hat, schüttelt sie den Kopf. Das Weibsstück ist ja ganz schön frech, sie hat ihn, den Chef und Gründer der Firma, doch tatsächlich angeschnauzt und die gesamte Firma infrage gestellt. „StolperJoe“ hat ihr zwar nie gesagt, um was für eine Firma es sich handelt, aber sie erwirtschaften bereits seit Jahren gute Gewinne.

Egon schlägt ihm vor, sie achtkantig wieder rauszuwerfen. So etwas kann er sich doch nicht bieten lassen. Auch Egon macht sich Luft und erzählt ihm, dass ein Freund ihrer Freundin sie gewaltig nervt. Sie beschreibt ihn als eingebildeten, aufbrausenden Möchtegern-Macho.

Egon klappt den Laptop zu und streckt sich, sie ist schrecklich müde. Rasch streift sie ihre Sachen ab und zieht die Pyjamajacke von Jörg an. Schon seit Jörg sie in der Größe eingeholt hat, und das ist bereits gut drei Jahre her und inzwischen ist er auch schon ein ganzes Teil größer als sie, teilen sie sich die Sachen. Er trägt die Pyjamahose und sie die Jacke, auch die Hosen und T-Shirts, die ihm zu klein werden, trägt sie.

Gähnend lässt sie sich ins Bett fallen. Wenn die anderen noch ausgehen wollen, sollen sie doch, aber ohne mich, ist ihr letzter Gedanke und dann ist sie auch schon eingeschlafen.

Als Kylie ins Zimmer kommt, sieht sie sich um. Alles ist anständig aufgeräumt. Selbst ihre Sachen, die sie vorhin einfach so hingeschmissen hat, sind ordentlich zusammengelegt. Das sieht Egon wieder mal ähnlich. Bereits auf der Klassenfahrt hat sie immer den anderen nachgeräumt.

Kylie geht rüber zum Bett und berührt Egon vorsichtig an der Schulter. „Hey, wolltest du nicht mit in den Club kommen?“ Doch nur ein leises Murren ist die Antwort. Ein Schmunzeln breitet sich auf Kylies Gesicht aus. „War mir längst klar, dass du nicht mitkommst. Das wäre ja auch zu schön gewesen.“ Rasch sucht sich Kylie ihre Sachen zusammen und verschwindet ins Bad.

Eine Stunde später treffen sich alle wieder im Wohnzimmer. Dustin sieht Kylie fragend an. „Wo ist Egon?“ Grinsend zuckt sie mit den Schultern. „Schläft bereits.“

Es ist wirklich ein erstklassiger Club. Kylie und die Jungs amüsieren sich hervorragend. Pat und Ben tanzen abwechselnd mit Kylie und auch Philipp versucht hin und wieder mal, sich ihr zu nähern. Kylie fühlt sich wie im Paradies, sie genießt es, von so vielen Jungs umschwärmt zu werden.

Gerade kommt sie wieder von der Tanzfläche und lässt sich in die Polster fallen. Ohne dass sie etwas sagen muss, bestellt Pat ihr einen Pina Colada, ihr absolutes Lieblingsgetränk. Auch reichlich Champagner hat sie heute bereits getrunken und sie befindet sich in bester Laune und flirtet mit allen fünf Jungs gleichzeitig. Simon ist allerdings von ihrer Art etwas überrumpelt und zieht sich verlegen zurück. Dustin ist zwar freundlich zu ihr, gibt ihr aber klar zu verstehen, dass er kein Interesse hat. Als sie ihm gerade wieder mal einen Kuss auf die Wange drücken will, zieht er seinen Kopf weg. „Kylie, bitte lass das. Ich steh nicht auf solche Modepüppchen, wie du es bist.“ Enttäuscht sieht Kylie ihn an. „Nicht mal ein bisschen rumschmusen? Und außerdem bin ich kein Modepüppchen.“ Grinsend legt Ben den Arm um Kylie. „Der Typ steht auf solche ungehobelten Mannsweiber, wie Egon es ist. Mit ihr würde er flirten, was das Zeug hält.“ Kylie schüttelt den Kopf. „Keine Chance! Sie würde nie in so einen Club gehen und erst recht nicht flirten.“ Verwundert sieht Dustin sie an. „Aber sie hat doch gesagt, dass sie mitkommen will.“ Lachend schüttelt Kylie den Kopf. „Das hat sie nur gesagt, weil sie ganz genau weiß, dass Ben sich darüber aufregt.“ Ben zieht die Stirn kraus. „Was soll das denn heißen? Ich bin ein ganz ruhiger Typ und reg mich überhaupt nicht auf.“ Kylie muss lachen. „Ja, das habe ich gesehen.“ Pat grinst übers ganze Gesicht. „Das stimmt wirklich. Normalerweise bringt ihn so schnell nichts aus der Ruhe.“ Mit treuherzigem Blick sieht Ben Kylie an. „Siehst du, ich bin völlig unschuldig.“

Nachdenklich sieht Kylie ihn einen Augenblick an, dann lacht sie los. „Das muss ich Egon erzählen.“ Ben reißt die Augen auf. „Kein Wort zu ihr!“ Sie kann deutlich sehen, dass es bereits wieder in ihm brodelt. „Ich versteh dich überhaupt nicht. Kaum fällt ihr Name und du wirst sauer.“ Ben zuckt nur mit den Schultern. Grinsend klopft Dustin ihm auf die Schulter. „Ihr hattet halt einen beschissenen Anfang. Am besten ihr entschuldigt euch beide und dann wird es schon.“ Ben starrt ihn wutschnaubend an. „Das kannste vergessen. Kein Wort rede ich mit dem Weib.“

Pat hat Ben die ganze Zeit beobachtet und ihm ist aufgefallen, dass Ben mehr getrunken hat als üblich. Verführerisch lächelnd streckt Pat Kylie die Hand entgegen. „Komm Kylie, einen letzten Tanz und dann geht’s ins Hotel.“

Kurz nach drei Uhr sind sie in der Suite. Geschwind drückt Kylie noch jedem einen Gutenachtkuss auf den Mund und dann verschwindet sie in ihr Zimmer. Die Jungs stehen noch da und schauen ihr hinterher.

„Diese Kylie ist ja ein ganz flotter Käfer. Man kann wahnsinnig schönen Spaß mit ihr haben. Schade, dass Egon nicht auch so ist“, meint Pat und grinst Dustin an.

„Kylie ist nur ein verzogenes Püppchen. Ich glaub nicht, dass man richtig Spaß mit ihr haben kann. Bei Egon sieht es anders aus. Sie hat immer ihren Spaß und braucht sich nicht erst mit Champagner zuzuschütten.“ Langsam dreht sich Dustin um und will in sein Zimmer verschwinden. Philipp sieht ihn eindringlich an. „Sehr weise gesprochen. Du bist also davon überzeugt, dass Kylie, wenn sie nichts getrunken hat, nicht so lustig ist?“ Langsam und nachdenklich nickt Philipp vor sich hin. „Nein, heute im Bus hatte sie nichts getrunken und war trotzdem lustig.“ Dustin dreht sich zu ihm. „Sie war nicht lustig, sie war aufgedreht.“ Nachdenklich kratzt sich Philipp am Kinn. „Das könnte auch sein. Ich werde der Sache mal auf den Grund gehen, gleich morgen.“ Damit dreht sich Philipp um und geht in sein Zimmer. Verwundert sehen die anderen sich an, dann gehen sie kopfschüttelnd in ihre Zimmer.

Kapitel 4

 

Tief in seinen Träumen versunken schläft Ben friedlich in seinem Bett, als er durch einen höllischen Krach aufgeschreckt wird. Kerzengerade sitzt er da und sieht sich benommen um. Auch Pat ist hochgefahren und sieht sich verwirrt um.

Beide springen aus ihren Betten und stürmen ins Wohnzimmer.

Egon sitzt auf dem Sofa, ihre Beine hat sie vor sich auf den Tisch gelegt und blättert in einer Zeitschrift rum. Die Stereoanlage ist auf volle Lautstärke gestellt.

Auch die anderen sind aus ihren Zimmern gestürmt und starren jetzt Egon an.

Ben stellt die Anlage aus und schreit Egon an: „Du blöde Kuh, was fällt dir eigentlich ein, um diese Zeit so einen Krach zu veranstalten?!“ Wieder ist dieses freche Grinsen auf Egons Gesicht. „Ach nee, ich hab dich doch nicht etwa aus deinen Träumen gerissen? Ich würde jetzt fast sagen, es tut mir Leid, aber dann müsste ich ja lügen.“ Wutschnaubend geht Ben einen Schritt auf sie zu, doch sofort ist Kylie dazwischen. „Ben, ich entschuldige mich für Egon. Ich verspreche dir auch, dass es nie wieder vorkommt.“ Aus zusammengekniffenen Augen sieht Ben Egon an. „Es wird auch nie wieder vorkommen, denn du packst deine Sachen und verschwindest.“ Sein Blick ist starr auf Egon gerichtet. Freudig nickt Egon ihm zu. „Bin schon weg!“ Egon springt auf und will in ihr Zimmer, doch Kylie schnellt nach vorn und hält sie fest. „Nein! Wenn sie gehen muss, geh ich auch.“

Egon lässt den Kopf sinken, dann hebt sie ihn wieder und sieht Ben frech grinsend an. Bedauernd zuckt sie mit den Schultern. „Siehst du, ich will ja gehen, aber sie lässt mich nicht.“

Ben funkelt sie an. „Warum bist du überhaupt hergekommen, wenn du uns nicht ausstehen kannst?“ Drohend geht Egon einen Schritt auf ihn zu. „Warum habt ihr überhaupt so ein saublödes Preisausschreiben gemacht? Und dann musstet ihr ja auch noch Kylie auswählen, ihr hättet ja auch jemand anders nehmen können.“

„Wenn ich gewusst hätte, was für eine blöde Sumpfkuh sie mitbringt, hätte ich es auch. Wer kann denn schon ahnen, dass es so viel Blödheit in einem Menschen gibt.“

Nur mit Mühe kann Egon ein Lachen unterdrücken. „Du brauchst nur in den Spiegel zu schauen, du übertrumpfst mich doch bei weitem.“

Ben atmet tief durch. „Ich geh jetzt duschen und wenn ich wiederkomme, bist du weg.“ Noch einmal sieht er Egon warnend an. Egon kann nicht mehr und prustet los vor Lachen. „Wenn du wütend bist, beben deine Nasenflügel und deine Augenbraue zuckt, man sieht das lustig aus.“ Ben stürmt ins Bad und knallt die Tür zu.

Noch immer lachend geht Egon in ihr Zimmer.

Kylie sieht verzweifelt von einem zum anderen. „Wenn Egon gehen muss, geh ich auch, das war nicht nur so gesagt.“ Pat sieht Kylie bittend an. „Du kannst doch bleiben, aber mit Egon geht es wirklich nicht mehr.“

„Ach, so schlimm find ich Egon gar nicht. Von miraus kann sie ruhig bleiben“, mischt sich Dustin schmunzelnd ein.

„Irgendwie habe ich das Gefühl, sie nimmt das alles, unsere Musik und uns, nicht ernst. Warum ist sie überhaupt mit dir mitgekommen?“ Philipp sieht Kylie neugierig an. Doch Kylie antwortet ihm nicht, sondern klammert sich an Pat. „Bitte, du musst noch mal mit Ben reden. Sie muss bleiben, ich sag ihr auch, dass sie sich benehmen soll.“ Jetzt muss sogar Simon lachen. „Glaubst du, dass sie auf dich hört?“

Sie waren so in ihr Gespräch vertieft, dass keiner mitbekommen hat, wie Egon reingekommen ist. Erst als sie hinter Pat stehend laut aufschreit: „Man Simon, du kannst ja sprechen. Ich hab bereits gedacht, du bist stumm.“ Simon läuft rot an und alle Blicke gehen zu Egon.

Grinsend steht Egon mit ihrer Tasche in der Hand da. „Na dann wünsch ich euch noch viel Spaß.“ Und schon geht sie zur Tür. Kylie greift sie am Arm. „Warte! Ich komm mit.“ Egon streift kopfschüttelnd ihre Hand ab. „Du kannst ruhig hier bleiben. Ich finde allein nach Hause.“ Aufgeregt schüttelt Kylie den Kopf. „Nein! Ich hab dich hierher geschleppt und wenn du gehst, geh ich auch.“ Entschlossen sieht Kylie zu Pat rüber. „Ich pack jetzt meine Sachen.“ Gerade als sie an der Tür ist, kommt Ben aus dem Bad. „Von mir aus kann Egon bleiben.“ Er richtet seinen Blick drohend auf Egon. „Aber wehe, du quatschst mich noch einmal an.“

„Das kann ich beim besten Willen nicht…“, weiter kommt Egon nicht, denn Kylie ist auf sie zugesprungen und hält ihr den Mund zu. „Halt die Klappe! Sie wird dich in Ruhe lassen, ich werde dafür sorgen.“ Kylie schiebt Egon zu ihrem Zimmer. „Los, rein.“ Egon hat endlich wieder ihren Mund frei und protestiert. „Was soll das? Ich hatte sie bereits so weit und du versaust mir wieder alles. Jetzt muss ich doch noch hier bleiben.“ Hastig schließt Kylie die Tür. „Nur einer hasst dich, nicht alle.“ Egon zuckt grinsend mit den Schultern. „Aber leiden kann mich keiner.“ Kylie baut sich vor ihr auf. „Denkste! Dustin findet dich echt gut. Er ist richtig begeistert von dir.“ Mit offenem Mund starrt Egon sie an. „Das kann nicht sein. Da musst du dich irren. Ha, ich weiß, du erzählst das nur, damit ich aufgebe und du die Wette gewinnst. Das klappt aber nicht.“ Kylie nimmt Egon an den Schultern. „Mit so was mach ich keine Scherze, das weißt du genau. Er mag dich wirklich.“ Egon lässt sich langsam aufs Bett sinken. „Der arme Junge, das muss ich sofort ändern. Ich lass mir ganz schnell etwas einfallen.“

„Egon, warum bist du nicht einmal ein bisschen nett zu einem Kerl?“

„Was habe ich davon? Nichts! Die wollen eine doch nur betatschen und ins Bett kriegen. Nicht mit mir!“ Egon springt auf, geht zum Fenster und schaut in den gerade erwachten Morgen. Langsam stellt sich Kylie hinter Egon und mit sanfter Stimme spricht sie auf Egon ein. „Bitte, versprich mir, dass du jetzt Ben in Ruhe lässt. Die anderen haben mir gesagt, dass er normalerweise ganz ruhig und friedlich ist. So hab ich ihn gestern auch erlebt, bis dein Name gefallen ist.“ Kylie zuckt mit den Schultern. „Dustin meint, ihr hattet nur einen beschissenen Anfang und solltet euch gegenseitig entschuldigen und dann noch mal von vorne anfangen.“ Egon dreht sich zu Kylie. „Das ist nicht dein Ernst. Ich mich entschuldigen?! Kommt überhaupt nicht infrage.“ Kylie grinst Egon an. „Was hältst du wirklich von ihm?“ Egon zieht die Augenbraue hoch. „Sie sind alle idiotische Hornochsen.“

„Na, Simon ganz bestimmt nicht.“ Egon muss lachen. „Nee, der ist ein Trottel, wie er im Buche steht.“ Mit funkelnden Augen sieht Kylie Egon an. „Du kannst mir nicht erzählen, dass du sie alle nicht leiden kannst. Was ist zum Beispiel mit Philipp? Er ist absolut kein Hornochse.“

„Nein, er ist ein eingebildeter Lackaffe.“ Kylie braust auf. „Er ist überhaupt nicht eingebildet.“ Egon grinst übers ganze Gesicht. „Na gut, dann ist er eben nicht eingebildet, aber er benimmt sich etwas eigenartig. Er würde super zu deiner Mutter passen.“ Mit ernster Miene imitiert Egon Philipp beim Kaffeetrinken. Kylie prustet los vor Lachen. „Du übertreibst. So schlimm ist er nicht.“ Plötzlichwerden sie durch ein lautes Klopfen aufgeschreckt und drehen sich zur Tür. Pat schaut herein. „Wir gehen jetzt frühstücken, danach holen wir die Sachen und es geht gleich in den Bus.“ Kylie nickt ihm lächelnd zu. „Wir kommen.“

Ein paar Minuten später verlassen alle gemeinsam die Suite und gehen zum Frühstück. Während des gesamten Frühstücks sagt Egon kein Wort. Kylie hingegen plappert munter drauf los. „Wieso geht es gleich in den Bus?“ Pat lächelt sie betörend an. „Wir fahren gleich zur Probe und nach dem Konzert geht es gleich weiter nach Frankfurt, da haben wir morgen ein Konzert. Von dort fahren wir gleich nach Stuttgart. Wir werden jetzt eine Weile im Bus schlafen und sind auf sehr engem Raum. Also bitte keine Streitereien.“ Sein Blick ist langsam zu Egon gewandert, doch diese beachtet ihn überhaupt nicht.

 

Im Tourbus hat sich Egon wieder in den Sessel gesetzt. Ben schluckt gewaltig, sagt aber kein Wort und setzt sich zu Pat und Kylie auf die Couch. Dustin hat sich in den Sessel gegenüber von Egon gesetzt und versucht, sich mit Egon zu unterhalten. Egon sieht aus dem Fenster und ignoriert ihn vollständig.

Bereits mehrfach hat Dustin ihr Fragen gestellt. Langsam streckt er die Hand aus und berührt sie am Arm. „Hallo Egon! Ich hab dich was gefragt.“ Verwundert sieht Egon ihn an. „Seit wann sitzt du denn hier? Ich habe dich gar nicht mitbekommen.“ Dustin muss grinsen, er weiß genau, dass sie ihn mitbekommen hat und er hat auch gesehen, dass sie ihn mehrfach aus dem Augenwinkel angesehen hat. „Ich hab dich gefragt, warum du gestern nicht mit in den Club gekommen bist.“ Mit hochgezogenen Augenbrauen sieht Egon ihn an. „Da musst du noch fragen?! Es ist schon schlimm genug, dass ich den ganzen Tag mit euch verbringen muss, da will ich wenigsten abends meine Ruhe haben.“ Dustin muss lachen. „Warum bist du dann überhaupt mit Kylie mitgekommen? Sie hätte doch auch jemand anders mitbringen können.“ Egon verdreht die Augen. „Genau das habe ich ihr auch gesagt, aber nein, sie wollte unbedingt, dass ich mitfahre und dann hat sie mich dazu gezwungen.“ Egon lässt sich tiefer in den Sessel sinken und schließt die Augen. Keinen Augenblick länger hätte sie Dustin ansehen können, ohne loszulachen.

„Du brauchst es dir gar nicht mehr so bequem machen, wir sind bereits da.“ Dustin streckt sich noch genüsslich, als der Bus schon zum Stehen kommt. Kylie kommt zu Egon rüber und zieht sie aus dem Sessel. „Los, komm! Pat will uns jetzt alles zeigen.“ Genervt sieht Egon sie an und folgt ihr langsam.

Vor dem Bus sieht Philipp Egon von oben bis unten an und meint grinsend: „Du darfst dich ruhig ein bisschen schneller bewegen.“

„Nö! Ich bin im Urlaub, da bewege ich mich nicht schneller.“ Erstaunt sieht Philipp sie an. „Urlaub? Noch mal ganz langsam für dich. Ihr macht hier ein Praktikum, das heißt, ihr müsst auch ein bisschen arbeiten. Wir verlangen ja nicht viel, aber ein bisschen.“ Auf Egon Gesicht liegt ein Grinsen und ihre Augen sind herausfordernd auf ihn gerichtet. „Wenn du dir einbildest, ich räume euren Dreck weg, haste dich gewaltig geirrt. Ich mache Urlaub.“ In aller Ruhe folgt Egon den anderen in die Konzerthalle.

Pat hat ihnen die Bühne und auch sonst alles gezeigt. In dem kleinen Aufenthaltsraum setzt er sich mit ihnen hin und sagt ihnen, was sie heute zu tun haben. „Wir beginnen gleich mit der Probe, da könnt ihr machen, was ihr wollt. Danach werden wir uns etwas hinlegen, wir hatten schließlich sehr wenig Schlaf.“ Strafend ist sein Blick auf Egon gerichtet. „Heute Abend, beim Konzert, sorgt ihr dafür, dass immer ein paar Flaschen Wasser und Handtücher in der Nähe sind. Wir brauchen ziemlich viele. Am besten ist es, wenn ihr an der Seite steht und sie uns zureicht. Kurz bevor das Konzert zu Ende ist, bestellt ihr dann Essen. Wenn wir fertig mit duschen sind, soll es hier sein. Wir werden hier Essen und dann geht’s wieder in den Bus.“ Er schenkt Kylie ein bezauberndes Lächeln. „Ihr könnt euch ja ein bisschen die Gegend ansehen. Die Probe dauert etwa zwei Stunden.“

Ben reißt die Tür auf. „Wo bleibst du denn? Wir wollen endlich anfangen.“ Rasch haucht Pat Kylie einen Kuss auf den Mund und eilt Ben hinterher. Egon klatscht sich lachend auf die Oberschenkel. „Siehste, das haste nun von deiner Freundlichkeit. Heut küsst er dich und morgen nimmt er dich ins Bett und gefragt wirst du überhaupt nicht mehr.“

„Du spinnst!“ Kylie springt auf und geht hinter die Bühne, um den Jungs bei der Probe zu zuschauen.

Gelangweilt sieht sich Egon um. Vor der Halle ist ihr der große Truck aufgefallen. Er hat die gleiche Kennzeichnung wie ihr Tourbus, also muss er auch zu ihnen gehören. Neugierig geht sie hin und sieht ihn sich an.

Ein Mann von etwa dreißig Jahren sieht sie fragend an. Kurz sagt Egon ihm, wer sie ist und dass sie Praktikant bei den „Wild Guys“ ist. Der Mann ist sehr nett zu ihr und beantwortet ihr auch gern jede Frage. Egon interessiert sich für die gesamte Technik und dem Mann ist auch schnell klar geworden, dass sie eine Menge Ahnung davon hat. „Wenn du willst, kannst du uns in Frankfurt beim Aufbau helfen. Musst allerdings zeitig aufstehen.“ Egon nickt begeistert. „Kein Problem! Zeitiges Aufstehen bin ich gewöhnt. Wann soll ich denn da sein?“ Der Typ grinst sie an. „Okay, sei morgen gegen acht am Truck. Wenn ich nicht da sein sollte, frag einfach nach David.“ Egon unterhält sich noch eine ganze Weile mit den Leuten und lässt sich auch schon den gesamten Aufbau erklären.

Gähnend streckt David sich. „Egon, für heut ist Schluss. Wir hauen uns jetzt hin, schließlich müssen wir heute noch abbauen und nach Frankfurt fahren.“

„Da kann ich euch doch helfen“, meint Egon sofort. Lachend schüttelt David den Kopf. „Nee, mein Junge, da seid ihr längst unterwegs nach Frankfurt.“ Egon starrt ihn kurz an. Er hält sie für einen Jungen, na gut, soll er doch. „Okay, dann werde ich mal wieder gehen. Bis morgen.“

 

Als Egon den Tourbus betritt, ist noch keiner, außer dem Fahrer, da. Sofort nimmt Egon ihren Laptop und macht es sich wieder im Sessel bequem.

Zu ihrem Bedauern ist „StolperJoe“ wieder nicht online, nicht mal eine E-Mail hat er ihr geschickt. Rasch berichtet sie ihm, dass sich ihr Urlaub doch noch etwas positiv entwickelt. Sie hat eine tolle Freizeitbeschäftigung gefunden. „Meine Freundin und ihre verrückte Truppe werden mich da bestimmt nicht belästigen, da macht man sich nämlich die Finger schmutzig und das ist nichts für die.“ Auch berichtet sie ihm kurz, dass der eine Typ ständig mit ihrer Freundin flirtet.

Nachdem sie ihr Herz ausgeschüttet hat, setzt sie die Kopfhörer auf, lehnt sich gemütlich in den Sessel zurück und hört ihre Musik. Völlig entspannt liegt sie im Sessel, sie ist so tief runtergerutscht, dass sie ihre Beine auf den gegenüberliegenden Sessel legen kann. Ihre Augen sind geschlossen und ihr Gesicht ist friedlich entspannt und der Laptop steht auf ihren Oberschenkeln. Tief in ihre Musik versunken bekommt sie nicht mit, wie Kylie und die Jungs reinkommen. Ben sieht kurz zu ihr rüber, dann wandert sein Blick über den Tisch, der immer noch von heute Morgen vollgestapelt ist. „Sitzt faul rum, anstatt mal ein bisschen was wegzuräumen.“ Sofort legt Kylie ihm beruhigend die Hand auf den Arm. „Lass sie einfach so sitzen, da stört sie keinen und sie spricht auch ganz bestimmt keinen an.“

„Nee, wenn man pennt, kann man auch keinen ansprechen.“ Ben wirft einen verachtenden Blick auf Egon. Kylie schnauft vor Wut. „Hey, sie schläft nicht, sie hört nur Musik.“ Ehe Kylie reagieren kann, tritt Ben gegen den Sessel. „Los, aufsehen, jetzt wird ein bisschen aufgeräumt.“

Egon schrickt hoch, im letzten Moment kann sie noch ihren Laptop festhalten. Wutschnaubend steht sie auf und starrt Ben an. „Kylie, sag diesem gehirnamputierten Neandertaler, wenn er das noch mal macht, ziehe ich ihm was über den Schädel.“ Bens Augen sprühen Funken. „Wie hast du mich genannt?“

„Du solltest dir mal die Füße waschen, damit der Dreck nachrutschen kann.“ Mit ihrem Laptop unter dem Arm geht sie nach hinten in den Schlafraum. Wütend sieht Ben ihr hinterher. Zur Vorsicht legt Kylie ihre Hand auf seinen Arm. „Lass sie einfach in Ruhe.“ Kopfschüttelnd kommt Dustin näher. „Das eben war wirklich nicht nett von dir. Sie hat doch keinem was getan, sie hat doch nur Musik gehört.“ Dustin sieht Kylie an. „Was hört sie eigentlich für Musik? Unsere scheint ihr ja nicht zu gefallen.“ Kylie sieht ihn etwas verlegen an. „Glaube mir, ihre Musik gefällt dir auch nicht, aber sie nimmt Rücksicht und hört sie nur mit Kopfhörer. Dann will sie allerdings auch in Ruhe gelassen werden.“ Philipp zuckt mit den Schultern. „Ist doch ganz in Ordnung. Solange sie uns nicht belästigt, kann sie doch ihre Musik hören.“ Er sieht Ben grinsend an. „Und du wirst sie dann auch in Ruhe lassen. Schließlich willst du auch deine Ruhe haben, wenn du Musik hörst.“

„Ich höre aber auch vernünftige Musik, die jeder hören kann.“ Ben lässt sich in seinen Sessel fallen und legt die Beine auf den gegenüberliegenden Sessel und schließt die Augen. Er hat die Nase gestrichen voll.

Pat zieht Kylie zu sich ran. „Wir legen uns jetzt eine Weile hin. Komm, du kannst auch etwas Ruhe gebrauchen. Es wird heute ein langer Abend.“ Langsam schiebt er sie hinter in den Schlafraum und sieht sich um, als er Egon ganz hinten auf dem Bett an der Stirnseite liegen sieht, muss er lachen. Kylie starrt ihn an. „Was ist mit dir?“ Lachend zeigt Pat auf Egon. Neugierig geworden sieht Egon zu ihnen nach vorne.

„Das ist Bens Bett. Ihr scheint beide die gleichen Vorlieben zu haben.“ Egon springt aus dem Bett. „Könnt ihr nicht Schilder ranmachen?!“ Genervt stürmt sie an ihnen vorbei in den Wohnraum und lässt sich auf die Couch fallen.

Simon hat eben den Tisch abgeräumt und will jetzt auch nach hinten verschwinden. Egon schenkt ihm ein mitleidiges Lächeln. Der arme Kerl muss für das faule Pack Dreckbuddelchen spielen.

Dustin kommt mit einer Flasche Wasser zu ihr rüber und hält sie ihr hin. „Willst du ein Schluck?“ Egon schüttelt den Kopf. Dustin setzt sich zu ihr auf die Couch und stellt einen Teller mit klein geschnittenem Obst auf den Tisch. Dann zieht er kurz seinen Ärmel etwas auseinander und lässt Jacky rausklettern. Sofort stürzt sich der kleine Kerl auf das Obst. Fasziniert beobachtet Egon die kleine braunweiße Ratte und Dustin wiederrum beobachtet Egon. „Das ist übrigens Jacky, mein zweiter Kopf.“

„Ich hatte Recht, er sieht besser aus als du.“ Egon beginnt damit, Jacky mit einem Finger zu streicheln und es dauert nicht lange und Jacky sitzt auf ihrer Schulter.

Philipp steht bei Ben und spricht leise mit ihm, dann streckt er sich, wirft Dustin kurz einen Blick zu und verschwindet nach hinten. Dustin hat bereits mehrere Male gegähnt und steht jetzt auf. „Komm Jacky, wir gehen jetzt auch ’ne Weile schlafen.“ Fragend sieht er Egon an. „Kommst du auch mit?“ Egon schüttelt entsetzt den Kopf. „Um die Zeit schlafen, nee danke.“ Während Dustin schulterzuckend nach hinten geht, sieht Ben zu Egon rüber. „Wenn du schon nicht schlafen willst, dann halt wenigsten die Klappe und lass andere schlafen.“ Egon steckt ihm die Zunge raus und steht auf. „Keine Angst, ich geh schon.“ Und damit ist sie auch schon aus dem Bus.

 

Sie hat vorhin auf der Bühne ein Keyboard gesehen und jetzt, wo alle schlafen, fällt es doch nicht auf, wenn sie ein bisschen spielt. Schnurstracks geht sie zum Keyboard. Es ist ein ausgezeichnetes Keyboard, zu Hause hat sie nur ein altes Klavier. Sanft tippt sie eine Taste an und lauscht dem Ton. Doch hastig zieht sie ihre Hand zurück und schaut sich um, ob wirklich keiner da ist. Es ist niemand zu sehen.

Halt, bevor ich anfange, muss ich meine Uhr stellen, sonst erwischt mich noch jemand, geht es ihr durch den Kopf und geschwind stellt sie ihre Uhr auf eine Stunde.

Erst langsam und zaghaft beginnt sie ihr Spiel, doch bald gleiten ihre Hände wie von selbst über die Tasten und sie schließt die Augen und lauscht nur noch dem Klang.

Tief in ihrem Spiel versunken schrickt sie gewaltig zusammen, als ihre Uhr zu piepen beginnt. Erschrocken reißt sie die Augen auf. Was, bereits eine Stunde um? Ihr kommt es gerade mal wie fünf Minuten vor und sie würde gern noch weiterspielen. Doch das ist viel zu riskant, die Jungs werden bestimmt bald aufstehen.

Unentschlossen steht Egon vor der Konzerthalle. Sie hat keine Lust, wieder in den Bus zurückzukehren. Bestimmt macht sie dann Ben wach und dann ist wieder der Teufel los.

Ihr Bus und auch der Truck stehen auf der Rückseite, vor dem Hintereingang. Langsam schlendert Egon an der Halle entlang. Jetzt ist sie schon fast bis an der Ecke und kann deutlich Stimmen hören. Neugierig geht sie weiter, bis sie um die Ecke schauen kann.

Unglaublich viele junge Mädchen sitzen auf ihren Jacken oder auf dem blanken Boden vor dem großen Eingang. Egon kann kaum fassen, wie viele verrückte Mädchen es gibt. Bisher hat sie immer gedacht, Kylie ist eine Ausnahme.
„Egon, du musst jetzt rein. Wir müssen das Tor verschließen.“ Erschrocken sieht sich Egon um, sofort erkennt sie ein paar von den Leuten aus dem Truck. Egon geht ein paar Schritte nach hinten und beobachtet, wie das große Tor zugefahren und verschlossen wird. Ein großer, kräftiger Kerl, von den anderen Piet genannt, kommt auf sie zu. „Wenn du jetzt noch mal raus willst, musst du einen Ausweis haben, um wieder reingelassen zu werden. Die haben hier ihren eigenen Sicherheitsdienst und die gehen nur nach Ausweis. Musst mal bei Ben nachfragen, er müsste welche haben.“ Lächelnd schüttelt Egon den Kopf. „Nee schon gut, ich will gar nicht raus.“

Als Egon wieder in den Bus kommt, ist immer noch alles still. Ben schläft friedlich in seinem Sessel. Egon setzt sich auf die Couch und beobachtet ihn eine Weile. Er hat für einen Kerl unheimlich lange Wimpern und auch so sieht er recht gut aus. Sein muskulöser Körper könnte so mancher Frau zum Verhängnis werden. Während Egon ihn noch weiter betrachtet, regt er sich im Schlaf. Ein sanftes Lächeln erscheint um seinen Mund. Plötzlich streckt er sich und gibt einen leisen Knurrlaut von sich.

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