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Líebesreíse nach Gríechenland

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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

“Du bist ganz die Tochter deiner Mutter – du hast dein Leben verpfuscht”, urteilte Spyros Manoulis. Olympia wich dem Blick ihres Großvaters nicht aus, obwohl sie am liebsten die Flucht ergriffen hätte. Sie war gekommen, um zu betteln, und wenn es ihm gut tat, sie zu beschimpfen, dann sollte er es tun. Hauptsache, sie konnte ihn seiner Tochter gegenüber gnädiger stimmen.

Spyros Manoulis ging im Salon der Suite des eleganten Londoner Hotels auf und ab. Er war über siebzig, hatte aber immer noch eine sportliche Figur und volles weißes Haar. “Sieh dich doch nur an, Olympia! Schon siebenundzwanzig und immer noch keinen Mann, von Kindern ganz zu schweigen! Vor zehn Jahren habe ich dich mit offenen Armen bei mir aufgenommen und alles getan, um dir den Weg zu ebnen …”

Er verstummte, um Atem zu schöpfen, aber Olympia wusste, was jetzt kommen würde. Sie kniff die grünen Augen leicht zusammen und wurde blass, was ihr rotbraunes Haar, das sie zu einem Zopf geflochten hatte, noch dunkler erscheinen ließ.

“Und wie hast du mir meine Großzügigkeit gedankt?” Spyros erregte sich immer mehr. “Du hast Schande über unsere Familie gebracht. Du hast mich in meiner Ehre gekränkt, deinen Ruf ruiniert und die Cozakis beleidigt und vor den Kopf gestoßen.”

“Ja.” Sie hätte sich selbst zu einem Mord bekannt, wenn es ihr die Gelegenheit gegeben hätte, ein gutes Wort für ihre Mutter einzulegen.

“So eine vorteilhafte Ehe auszuschlagen! Und du mochtest Gregoris Cozakis! Ich kann mich noch ganz genau daran erinnern, wie du vor Rührung geweint hast, als er dir den Verlobungsring an den Finger gesteckt hat.”

Olympia presste die Lippen zusammen, um bei diesen Vorwürfen nicht die Beherrschung zu verlieren.

“Dann hast du aus einer Laune heraus alles kaputtgemacht.” Tiefe Verbitterung sprach aus seinem Gesicht. “Du hast dich unmöglich gemacht, du hast mich unmöglich gemacht, du …”

“Zehn Jahre sind eine lange Zeit”, wandte sie ein, doch ihr Großvater widersprach ihr sofort.

“Nicht lange genug, um die Erinnerung an diese Schande aus meinem Gedächtnis zu tilgen! Mich hat nur interessiert, wie du jetzt aussiehst. Deshalb habe ich deiner Bitte um ein Treffen zugestimmt. Ich möchte aber von vornherein klarstellen, dass du von mir keinerlei finanzielle Unterstützung zu erwarten hast.”

Olympia schoss die Röte ins Gesicht. “Keinen Penny würde ich von dir nehmen! Aber meine Mutter, deine Tochter …”

“Hätte meine verblendete Tochter dich nach griechischer Tradition zu einem anständigen jungen Mädchen erzogen, wäre uns diese Familienschande erspart und meine Ehre unangetastet geblieben!”

Ihr Mut sank. Doch sie würde zu verhindern wissen, dass ihre Mutter immer noch unter den Sünden der Tochter zu leiden hatte. Sie straffte sich und sah ihren Großvater entschlossen an. “Lass uns offen miteinander reden …”

“Nein! Kein Wort werde ich mir anhören.” Spyros ging zum Fenster. “Geh nach Hause, und denk darüber nach, was du dir und deiner Mutter angetan hast! Hättest du Gregoris Cozakis geheiratet …”

“Eher hätte ich ihn kastriert!” Nun, da ihr klar war, dass sie ihren Großvater nicht umstimmen konnte, verlor auch sie die Beherrschung. Doch als er sie mit hochgezogenen Brauen verächtlich musterte, errötete sie erneut. “Entschuldigung …”

“Gregoris hätte dir wenigstens beigebracht, zu schweigen, wenn ein Mann spricht.”

Olympia atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Anstatt ihn zu besänftigen, hatte sie noch Öl ins Feuer gegossen. Sie hätte schuldbewusst und reuig reagieren sollen, als er von ihrer geplatzten Verlobung gesprochen hatte.

Spyros Manoulis machte eine Geste, die etwas Endgültiges hatte. “Nur durch eine Ehe mit Gregoris könntest du mich umstimmen.”

“Warum verlangst du nicht gleich, dass ich auf den Mount Everest klettere?”

“Ich sehe, du hast mich verstanden”, erklärte er trocken.

Plötzlich ritt sie der Teufel. “Wenn ich ihn dazu bringe, mich zu heiraten, bekomme ich dann immer noch das gesamte Manoulis-Imperium als Mitgift?”

Spyros horchte auf. “Wie willst du das denn schaffen? Schließlich geht es um Gregoris Cozakis, den du beleidigt hast, wie man einen Mann nicht schlimmer beleidigen kann – und der jede Frau haben kann, die er will.”

“Nur wenige Frauen bringen als Trostpflaster eine derartige Mitgift mit in die Ehe.”

Schockiert sah er sie an. “Schreckst du wirklich vor nichts zurück?”

“Als du mich verkaufen wolltest wie einen deiner Tanker, habe ich meine Ideale und jedes Gefühl für Anstand verloren”, erwiderte sie. “Aber damit hast du meine Frage noch nicht beantwortet.”

“Die Frage ist überflüssig, weil sie völlig sinnlos ist.”

“Trotzdem hätte ich gern eine Antwort.”

“Damals wollte ich Gregoris zu eurer Hochzeit die Verantwortung für das Manoulis-Imperium übertragen. Dasselbe würde ich heute auch noch tun – mit allergrößtem Vergnügen sogar.” Seine Wut war verraucht, und er klang jetzt wie ein enttäuschter alter Mann. “Mein Herzenswunsch ist es, mein Lebenswerk an einen fähigen Nachfolger zu übergeben. Ist das so schwer zu verstehen?”

Olympia biss sich auf die Lippe. Das Unternehmen bedeutete ihrem Großvater mehr als die eigenen Kinder, der Meinung war sie schon immer gewesen. Ihre Mutter dagegen sah das anders. Irini Manoulis war eine sehr sanftmütige Frau und hatte es ihrem Vater nie übel genommen, dass er sie verstoßen hatte.

Aber es war sinnlos, darüber weiter nachzudenken. Sie, Olympia, hatte mit ihrer Mission keinen Erfolg gehabt. Ihr Großvater war zu keinen Eingeständnissen bereit und hatte sie nur aus Neugier empfangen. Was wollte sie hier eigentlich noch? Sie ging zur Tür.

Doch dann machte sie einen letzten Versuch. “Meine Mutter, deine Tochter, ist sehr krank …”

Spyros schimpfte auf Griechisch. Empört wirbelte Olympia herum, ihre grünen Augen funkelten angriffslustig. “Wenn sie arm und ohne ausreichende medizinische Versorgung stirbt, ist das allein deine Schuld! Ich kann nur hoffen, dass dich dein Gewissen bis ins Grab verfolgt – und darüber hinaus, denn genau das hast du verdient.”

Sekundenlang blickte Spyros Manoulis sie sprachlos an. Dann drehte er sich um.

Olympia ging. Nach außen hin gelassen, durchquerte sie das belebte Hotelfoyer und trat auf die Straße. Ihre Lage war völlig aussichtslos, und schuld daran war Gregoris Cozakis.

Obwohl er unvorstellbar reich war, hatte ihn die Geldgier dazu getrieben, sich als Neunzehnjähriger mit einem übergewichtigen Mädchen zu verloben, das er alles andere als attraktiv fand. Da es sich dabei jedoch um die Erbin des Manoulis-Vermögens handelte, hatte er sich nicht daran gestört. Gregoris Cozakis hatte ihr, Olympia Manoulis, das Herz gebrochen, ihren Stolz verletzt und dafür gesorgt, dass Spyros ihr und ihrer Mutter nie verzeihen würde.

Ihre Mutter war wohl unter keinem guten Stern geboren. Die ersten einundzwanzig Jahre ihres Lebens hatte Irini Manoulis behütet und von allem nur erdenklichen Luxus umgeben zugebracht. Doch dann hatte sie einen fatalen Fehler begangen: Sie hatte sich in einen Engländer verliebt. Spyros war natürlich gegen die Verbindung gewesen, und Irini war zu dem geliebten Mann nach London geflohen. Am Abend vor der Hochzeit raste er mit seinem Motorrad in den Tod.

Kurz darauf stellte Irini fest, dass sie schwanger war. Jetzt gab es natürlich kein Zurück mehr, denn sie war ledig und erwartete ein Kind. Als Tochter aus gutem Hause hatte sie keinen Beruf erlernt und musste jeden Job annehmen, der sich ihr bot. Trotzdem hatte sie ihre Tochter allein und ohne fremde Hilfe großgezogen. Seit sich Olympia erinnern konnte, hatte ihre Mutter, die von Natur aus kein robuster Typ war, blass und erschöpft ausgesehen. Jahrelange und viel zu schwere Arbeit hatte sie krank gemacht und ihr Herz immer mehr geschwächt.

Als sie, Olympia, dann ihr eigenes Geld verdiente, hatten sich die Verhältnisse gebessert. Sogar eine kleine Wohnung hatten sie sich leisten können, was ihnen als Himmel auf Erden erschienen war. Doch vor achtzehn Monaten war die Firma, bei der sie, Olympia, als Empfangsdame angestellt gewesen war, in Konkurs gegangen, und sie hatte sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen müssen – und selbst die waren in letzter Zeit immer rarer geworden.

Nachdem auch die letzten Ersparnisse aufgebraucht gewesen waren, hatten sie die Wohnung aufgeben und Räume beziehen müssen, die das Sozialamt ihnen zur Verfügung stellte. Dort waren auch arbeitslose Jugendliche untergebracht, von denen einige so aggressiv waren, dass sich Irini allein nicht mehr vor die Tür traute. Sie, Olympia, hatte mit ansehen müssen, wie ihre geliebte Mutter von Tag zu Tag schwächer wurde. Es schien, als hätte Irini sich endgültig aufgegeben.

Sie wird sterben, dachte Olympia verzweifelt. Irini sprach nur noch von der Vergangenheit, denn die Gegenwart konnte sie nicht ertragen. Sie lebte in einer heruntergekommenen Wohnung, die sie aus Geldmangel nicht heizten, besaß weder Telefon noch Fernseher und hatte Nachbarn, die sie als bedrohlich empfand.

Olympia fragte sich oft, ob sie vor zehn Jahren genauso gehandelt hätte, wenn sie geahnt hätte, was die Zukunft bringen würde. Vielleicht wäre sie jetzt mit einem der reichsten Männer der Welt verheiratet, und ihre Mutter wäre medizinisch bestens versorgt. Mit siebzehn hatte sie das nicht voraussehen können, sonst hätte sie ihrer Mutter zuliebe geheiratet.

Selbst nachdem Gregoris keine drei Meter von ihr entfernt ein hinreißendes Topmodel hemmungslos geküsst hatte?

Selbst nachdem er Katerina, seiner Cousine zweiten Grades, anvertraut hatte, seine Verlobte wäre dick, dumm und unattraktiv, aber im wahrsten Sinne des Wortes ihr Gewicht in Gold wert?

Selbst nachdem er sie am Morgen nach dem verhängnisvollen Abend beschuldigt hatte, sie wäre eine Hure? Er hatte gesagt, er würde es ablehnen, das zu nehmen, was ein anderer Mann ihm übrig gelassen hatte.

Um die schmerzlichen Erinnerungen zu vertreiben, blieb Olympia vor einem Schaufenster stehen und betrachtete die Auslagen. Sie war sich ziemlich sicher, dass Gregoris auch gerade in London war, und zwar aus demselben Grund wie ihr Großvater. In der Zeitung hatte nämlich gestanden, dass in dieser Woche eine Tagung griechischer Großindustrieller mit Geschäftsbeziehungen zu England stattfand.

Und Gregoris hatte einen seiner Geschäftssitze in London. Wahrscheinlich hielt er sich sogar in diesem Moment in seinem Büro auf. Was hatte sie also zu verlieren?

Sie wusste, dass Gregoris immer noch nicht verheiratet war und Spyros nie scherzte, wenn es um Geld ging. Er würde Millionen über Millionen zahlen, nur um seine Enkelin mit Gregoris Cozakis verheiratet zu sehen. Mit Liebe hatte das Ganze nichts zu tun, es ging allein um die Vereinigung zweier Wirtschaftsimperien. Und deshalb sah sie eine Chance für sich, selbst wenn sie in Gregoris’ Augen hässlich und obendrein unmoralisch war.

Hatte sie den Verstand verloren, an eine solche Heirat auch nur zu denken? Nein, sie war es ihrer Mutter schuldig, die auf so vieles verzichtet hatte, um ihre Tochter zur Welt zu bringen und großzuziehen. Jetzt war es an ihr, Irini ein Opfer zu bringen.

Olympia betrachtete kritisch ihr Spiegelbild in der Schaufensterscheibe. Sie war dunkelhaarig, knapp einssiebzig groß und trug ein graues Kostüm, das schon bessere Zeiten gesehen hatte. Selbst jetzt, da sie am Essen sparen musste, war sie nicht gertenschlank, sondern hatte üppige Formen – entsetzlich unmoderne Formen. Die musste sie von ihrer Familie väterlicherseits geerbt haben, denn Irini war klein und zierlich. Aber ich bin mein ganzes Gewicht in Gold wert, dachte Olympia zynisch. Und wenn Gregoris Cozakis eins wollte, dann war es Geld.

Er plante einen größeren Coup und hatte sich darum äußerste Ruhe ausbedungen.

Deshalb runzelte Gregoris Cozakis die Stirn, als Gerry Marsden, sein Assistent, auf ihn zukam und sich neben ihn stellte. “Es tut mir leid, Sir, aber da ist eine Frau, die Sie dringend sprechen möchte. Sie…”

“Ich möchte jetzt wirklich nicht gestört werden, und schon gar nicht von irgendeiner Frau”, unterbrach ihn Gregoris ungehalten.

“Sie behauptet, sie sei Olympia Manoulis, Spyros Manoulis’ Enkelin. Die Empfangsdame meint jedoch, so würde sie nicht aussehen.”

Olympia Manoulis? Gregoris verharrte mitten in der Bewegung und blickte nachdenklich vor sich hin. Olympia Manoulis. Der Schmerz und die Wut, die sich in all den Jahren nie ganz gelegt hatten, flammten erneut mit ungebrochener Macht auf. Wie konnte es dieses Flittchen nur wagen, seine Büroräume zu betreten und nach ihm zu fragen? Er sprang so unvermittelt auf, dass seine Mitarbeiter erschrocken aufsahen.

Er ging mit großen Schritten zum Fenster und drehte ihnen den Rücken zu. Spyros hatte geschworen, dass er ihr nie verzeihen würde, und er war ein Mann, der Wort hielt. Er, Gregoris, bedauerte den alten Mann, dessen Enkelin die Familienehre in den Schmutz gezogen hatte, von ganzem Herzen. Spyros’ Sohn war während einer Regatta ertrunken, und seine Tochter hatte ein außereheliches Kind. Sein, Gregoris’, Vater vertrat die Ansicht, die Manoulis seien keine gute Familie und er könnte froh sein, dass es nicht zur Heirat gekommen war.

Er, Gregoris, dagegen sah das längst nicht so abgeklärt. Die Erinnerungen brachten ihn immer noch zur Weißglut. Welche Erniedrigung, öffentlich damit konfrontiert zu werden, dass seine unschuldige Verlobte in seinem Auto mit seinem betrunkenen Freund Sex gehabt hatte! Was Olympia ihm, Gregoris Cozakis, angetan hatte, war ungeheuerlich gewesen, und er bedauerte, dass er nie die Möglichkeit gehabt hatte, sich an ihr zu rächen.

“Sir?”, brach Gerry Marsden das spannungsgeladene Schweigen, das im Raum herrschte.

Gregoris dreht sich um. “Lassen Sie die Frau warten.”

Gerry Marsden konnte sein Erstaunen nur mit Mühe verbergen. “Bis wann? Was soll ihr die Empfangssekretärin sagen?”

“Nichts.” Stolz hob Gregoris den Kopf. “Lassen Sie die Lady einfach warten.”

Die Zeit kroch nur so dahin: Mittag, früher Nachmittag, Spätnachmittag. Olympia hatte den Eindruck, dass viele Mitarbeiter das luxuriös ausgestattete Foyer nur durchquerten, um sie verstohlen zu mustern.

Trotzdem ließ sie den Kopf nicht hängen, sondern bemühte sich um Haltung. Schließlich hatte sie bereits etwas erreicht. Gregoris hatte es weder abgelehnt, sie zu sehen, noch hatte er sie des Hauses verwiesen. Wahrscheinlich hatte er nur ungeheuer viel zu tun. Ja, so musste es sein.

Gregoris war ihre letzte Hoffnung. Und was machte es schon, dass ihr Stolz verletzt war? Hatte Irini an ihren Stolz gedacht, als sie die Fußböden fremder Leute scheuerte, nur um ihre Tochter ernähren und einkleiden zu können?

Um kurz vor fünf stand die Empfangsdame von ihrem Tisch auf. “Mr. Cozakis ist nicht mehr im Hause, Miss Manoulis.”

Olympia wurde blass, ließ sich sonst jedoch keinerlei Gefühlsregung anmerken und ging hoch erhobenen Hauptes zum Lift. Sie würde nicht aufgeben. Sie würde am nächsten Tag wiederkommen, und wenn es ihr noch so schwer fiel.

Erst als sie an der Haltestelle stand und auf den Bus wartete, kam ihr der Gedanke, dass sie die Situation wohl falsch eingeschätzt hatte. Gregoris war nicht mehr der, in den sie sich damals so verliebt hatte. Er war kein ungeduldiger und unbeherrschter Teenager mehr, er war nicht mehr der verwöhnte Millionärssohn, sondern ein überaus erfolgreicher Unternehmer.

Gregoris war ein erwachsener Mann – ein Grieche. Wie ihr Großvater sah er keinerlei Veranlassung, sein Verhalten zu rechtfertigen. Statt ihr mitteilen zu lassen, dass er nicht zu sprechen wäre, hatte er sie warten und hoffen lassen. Mit dieser Taktik hätte sie eigentlich rechnen müssen.

Schon an der Wohnungstür duftete es nach Essen, und Olympia eilte sofort in die Küche. “Wir hatten doch vereinbart, dass ich koche, Mum”, begrüßte sie ihre Mutter und war entsetzt darüber, wie kraftlos diese wieder wirkte.

Irini lächelte. “Das ist doch das Wenigste, was ich für dich tun kann, wo du den ganzen Tag unterwegs warst, um einen Job zu finden.”

Olympia verschwieg ihr die Wahrheit, denn sie wollte sie nicht beunruhigen. Irini wäre über den Plan schockiert gewesen, selbst wenn sie, Olympia, ihr über das, was vor zehn Jahren in Athen wirklich passiert war, nie reinen Wein eingeschenkt hatte. Damals wie auch jetzt wollte sie ihre Mutter nicht unnötig belasten.

Am nächsten Morgen drei Minuten nach neun bat Olympia die Empfangsdame des Cozakis-Bürogebäudes zum zweiten Mal um einen Termin bei Gregoris. Zehn Minuten nach neun näherte sich Gerry Marsden seinem Boss, der schon seit acht an seinem Schreibtisch saß. “Miss Manoulis ist wieder da, Sir.”

“Haben Sie die Tenco-Akte besorgt?”, fragte Gregoris, ohne darauf einzugehen.

Als ihr die Empfangsdame gegen Abend mitteilte, dass Mr. Cozakis das Haus bereits verlassen habe, hätte Olympia vor Verzweiflung am liebsten geschrien.

Als Olympia am dritten Tag aus dem Lift trat und zum Empfang ging, konnte sie nur mit Mühe Haltung bewahren. Doch als sie in der Mittagszeit von der Toilette zurückkehrte, fand sie zu ihrer Überraschung eine Tasse Tee und einen Teller mit Keksen an ihrem Platz. Sie schenkte der Empfangsdame ein dankbares Lächeln, die ihr daraufhin verschwörerisch zuzwinkerte.

Sie hatte das Gefühl, dass mittlerweile jeder Mitarbeiter im Hause Cozakis einmal durch das Foyer gegangen war, nur um einen Blick auf sie zu erhaschen. Hatte ihr beharrliches Warten sie anfangs irritiert, erregte es jetzt Mitleid. Aber das nützt mir nichts, solange Gregoris einen eigenen Eingang hat, dachte Olympia.

Gegen drei verspürte sie allmählich Panik. Gregoris würde in den nächsten Tagen bestimmt wieder nach Griechenland zurückfliegen und wäre damit für sie nicht mehr erreichbar. Also musste sie handeln, denn sie hatte nichts mehr zu verlieren. Ohne lange zu überlegen, stand sie auf, eilte an der überraschten Empfangsdame vorbei und lief weiter den Flur entlang, der, wie sie mittlerweile wusste, zu seinen Räumen führte.

Als sie die Tür am Ende des Korridors erreicht hatte, stellte sich ihr ein Mann entgegen und hielt sie am Arm fest. “Es tut mir leid, Miss Manoulis, aber ohne Erlaubnis kommt hier niemand herein”, sagte er mit starkem griechischem Akzent.

“Damianos …” Sie hatte Gregoris’ bulligen Bodyguard sofort wiedererkannt. “Hätten Sie nicht einfach in die andere Richtung sehen können?”

“Bitte gehen Sie nach Hause. Denken Sie an Ihren Großvater. Der Boss wird sich so ein Verhalten nicht bieten lassen.” Bei diesen Worten lockerte er unwillkürlich den Griff. Das erwies sich allerdings als Fehler. Geschickt befreite sie sich und war mit einem Satz an der Tür, die sie sofort aufriss.

Irritiert schaute Gregoris von seinem Schreibtisch auf und erhob sich.

Olympia wusste, dass sie nur wenige Sekunden Zeit hatte. Dann würde Damianos sie hinauswerfen.

“Bist du ein Feigling oder ein Mann, dass du dich vor einer Frau fürchtest?”, brachte sie atemlos hervor.

2. KAPITEL

Gregoris nickte Damianos kurz zu, woraufhin sich dieser sofort zurückzog und die Tür hinter sich schloss. Olympia rang um Fassung und bewunderte gleichzeitig die Selbstbeherrschung, mit der Gregoris auf ihre Provokation reagierte. Wäre sie ein Mann gewesen, wäre er sicher auf sie losgegangen.

“Es tut mir leid …”, log sie.

Fasziniert betrachtete sie ihn. Er erschien ihr noch größer als vor zehn Jahren, er musste fast einsneunzig sein. Auf alle Fälle wirkte seine Figur athletischer, und seine Schultern waren breiter geworden. Ihr Magen krampfte sich zusammen, und sie wich unwillkürlich einen Schritt zurück.

Gregoris sah einfach umwerfend aus. Sein konservativer dunkler Geschäftsanzug stand in verwirrendem Gegensatz zu seiner männlich-aggressiven Ausstrahlung. Gregoris war ein erwachsener Mann. An den schönen Jüngling, der ihr Herz vor zehn Jahren im Sturm erobert hatte, erinnerten nur noch die ebenmäßigen Gesichtszüge. Und die goldbraunen Augen, die sie schon immer an einen Jaguar hatten denken lassen.

“Wie kannst du dich nur so unwürdig benehmen?” Nicht die leiseste Gefühlsregung schwang in seinen Worten mit.

“Das habe ich nicht!”

“So? Einzig und allein aus Rücksicht auf deinen Großvater habe ich dich nicht gleich am ersten Tag gewaltsam ins Freie befördern lassen”, erwiderte er in dem gleichen leidenschaftslosen Ton.

Obwohl Gregoris völlig gelassen schien, hatte Olympia Angst vor ihm, und sie musste sich zwingen, ihm in die Augen zu sehen. “Ich möchte dir einen Vorschlag machen.”

“Und ich möchte deinen Vorschlag nicht hören.” Er sprach ganz ruhig, doch plötzlich war die Atmosphäre sehr spannungsgeladen. Olympia rann ein Schauer über den Rücken, als Gregoris sie langsam und verächtlich von Kopf bis Fuß musterte. Dabei wurde ihr bewusst, dass ihr Kostüm zerknittert war, dass sich einzelne Strähnen aus ihrer Frisur gelöst hatten und ihr unordentlich ins Gesicht fielen und wie hässlich sie überhaupt war. Der Schöne und das Biest, schoss es ihr durch den Kopf.

Aber es war eine Tatsache, die sie zu akzeptieren gelernt hatte. Jetzt konnte sie damit umgehen, vor zehn Jahren war sie daran verzweifelt, dass ihr Aussehen nicht im Entferntesten dem glich, was Gregoris hätte fesseln können.

“Wie kannst du mir nur ins Gesicht sehen?”, fragte Gregoris unvermittelt und nicht mehr ganz so ruhig.

“Ich habe ein reines Gewissen.” Stolz legte Olympia zur Bestätigung den Kopf zurück.

“Du bist nichts weiter als ein kleines Flittchen”, widersprach er und lächelte unverschämt.

Da dieser Vorwurf jeglicher Grundlage entbehrte, traf er sie nicht. Sie fand es nur erstaunlich, dass Gregoris selbst nach zehn Jahren noch das Bedürfnis verspürte, sie zu beleidigen. Es ist Ironie des Schicksals, dachte sie, dass ich als angebliches Flittchen mehr Eindruck auf ihn gemacht habe, als es mir als brave Verlobte je gelungen ist.

Sie lachte traurig. “Denk von mir, was du willst”, antwortete sie und zuckte die Schultern. “Ich bin hierhergekommen, um dir ein Geschäft anzubieten.”

“Spyros Manoulis würde nie auf die Idee kommen, dich als seine Unterhändlerin zu schicken.”

“Wie es aussieht, bin ich von uns dreien die Einzige, die den Mut hat, die Dinge beim Namen zu nennen. Kannst du nicht für einen Augenblick die Vergangenheit vergessen und mir zuhören?”

“Nein.”

Olympia war ehrlich überrascht. “Warum nicht?”

Als er darauf nichts erwiderte, sondern sie nur mit unbewegter Miene ansah, atmete sie tief ein und machte ihren Vorschlag. “Mein Großvater wünscht immer noch, dass du Manoulis Industries übernimmst. Das wolltet ihr, du und dein Vater, doch schon damals. Es ist vor zehn Jahren nicht um mich gegangen, ich war lediglich Mittel zum Zweck.”

“Was soll denn dieser Unsinn?” Gregoris war ganz offensichtlich angewidert.

“Ich beschränke mich auf das Wesentliche, okay?”

“Nein. Verlass bitte dieses Zimmer”, brachte er hervor.

“Nein!” Sie ballte die zitternden Hände zu Fäusten. “Du hattest deine Rache, zehn Jahre lang …”

“Wovon redest du überhaupt?”

“Wenn du mich heiratest, überschreibe ich dir alles.”

Endlich war es ihr gelungen, seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Er schien wie vom Donner gerührt.

“Es wäre natürlich keine normale Ehe – nur eine Zweckehe, mit der mein Großvater zufrieden wäre. Ich bin ihm sowieso egal, also wird er sich um unser Zusammenleben nicht weiter kümmern”, erklärte Olympia schnell. Sie wollte ihm ihren Vorschlag möglichst genau erklären, bevor er wieder aus der für ihn untypischen Apathie erwachte. “Ich könnte hier in England bleiben und würde nur so viel an Unterhalt beanspruchen, dass ich davon leben kann. Dafür würde dir dann das ganz Manoulis-Imperium gehören, und du hättest den Vorteil, dich nicht mit ...

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