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Liebe macht dämlich

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Danksagung
  8. Prolog
  9. Kapitel 1
  10. Kapitel 2
  11. Kapitel 3
  12. Kapitel 4
  13. Kapitel 5
  14. Kapitel 6
  15. Kapitel 7
  16. Kapitel 8
  17. Kapitel 9
  18. Kapitel 10
  19. Kapitel 11
  20. Kapitel 12
  21. Kapitel 13
  22. Kapitel 14
  23. Kapitel 15
  24. Kapitel 16
  25. Kapitel 17
  26. Kapitel 18
  27. Kapitel 19
  28. Kapitel 20
  29. Kapitel 21
  30. Kapitel 22
  31. Kapitel 23
  32. Kapitel 24
  33. Kapitel 25
  34. Kapitel 26
  35. Kapitel 27
  36. Kapitel 28
  37. Kapitel 29
  38. Kapitel 30
  39. Kapitel 31
  40. Epilog

Über die Autorin

Katy Regan ist Redakteurin bei der englischen Marie Claire. Bisherige Highlights in ihrem Job: zehn Tage in einem Nudistencamp und eine Woche als Fußballerfrau – alles im Namen des investigativen Journalismus. 2004, auf der Höhe ihres Ruhms als Londons rasende Reporterin, wurde sie schwanger – von ihrem besten Freund (der noch heute ihr bester Freund ist!). Nach ihrem Debüt Kein Sex unter Freunden, das 2010 ebenfalls bei Bastei Lübbe erschienen ist, ist Liebe macht dämlich nun ihr zweiter Roman. Katy Regan lebt gemeinsam mit ihrem Sohn in Hertfordshire.

Danksagung

Tausend Dank an das unglaubliche Team bei HarperCollins, das so hart dafür gearbeitet hat, dieses Buch so gut zu machen wie nur irgend möglich. Ich bin so dankbar. Besonderer Dank gilt der sehr talentierten Sarah Ritherdon – meiner Lektorin – für ihren unverwüstlichen Glauben an das Buch, für ihr Verständnis und dafür, dass sie an den richtigen Stellen gelacht und geweint hat! An die begabte Lizzy Kremer, die einfach die beste Agentin ist, die eine Autorin sich wünschen kann. Und Dank auch an Laura West und alle bei David Higham Associates für ihre Unterstützung. Danke an Johanna Campbell für die langen Telefonate aus Australien über Vertriebswege. Alle Ungereimtheiten stammen von mir! … Und an Martin Roper, die Oberstufe der Ashlyns School und meine Nichte Charlotte für das »txt spk« und dafür, dass sie mich daran erinnert haben, wie es mit siebzehn ist. LOL.

Wie jeder weiß, der mich kennt, war dies das Härteste, was ich JEMALS gemacht habe. (Was? Aber doch nicht härter als das erste Buch?!) Ich bin ALLEN meinen wunderbaren Freunden und meiner Familie dankbar dafür, dass sie mir zugehört haben, wenn ich über die Geschichte redete (und redete und redete), vor allem Rowan Coleman für seine Schreibtipps, seine Ermutigungen und die vielen Tassen Kaffee! Mein besonderer Dank gilt jedoch Louis Quail für die morgendlichen Unterhaltungen über die Handlung – ähm, ich meine die entspannenden Kaffeetrinken – und für seine andauernde Liebe und Unterstützung. Dank auch an Greg Knight für seine Witze, dafür, dass er mir die süßeste Arnold-Schwarzenegger-Geschichte aller Zeiten erzählt hat und niemals bezweifelte, dass dieses Buch geschrieben werden würde, selbst als ich das tat. Ich stehe für immer in seiner Schuld.

Prolog

September 2008

Ich wusste in dem Moment, als ich am Morgen die Augen aufschlug und die Sonne durch die Lamellen unserer Fensterläden drang und Streifen auf Martins Gesicht zeichnete, dass heute der Tag war. Ich drehte mich um und betrachtete ihn. Seine Züge waren im Schlaf entspannt, sein Kopf lag seitlich auf dem Kissen, sein Mund stand offen.

Das war’s, beschloss ich mit Tränen in den Augen, ich hatte das Ende des Weges erreicht. Ich konnte das einfach nicht mehr. Es brachte mich um. Nicht sanft wie in dem Lied, sondern langsam und qualvoll, es quetschte mir das Leben aus dem Leib wie Hände, die um meinen Hals lagen.

Ich griff zu ihm hinüber und schob ihm vorsichtig (wahrscheinlich schuldbewusst wegen dem, was noch kommen würde) sein dunkles Haar – das ganz feucht war von der Altweibersommer-Nacht – aus dem Gesicht, sodass es hochstand und seine Geheimratsecken enthüllte. Ich hatte gesehen, wie sie entstanden waren. Dieses tiefer werdende V war wie eine Messlatte für die vierzehn Jahre, die wir zusammen verbracht hatten. Manchmal erschien es mir, als hätten sich meine Gefühle mit seinen Haaren zurückgezogen. Vierzehn Jahre. Mehr als ein Drittel meines Lebens. Wusste ich überhaupt noch, wer ich ohne ihn war? Mein Herz klopfte nervös.

»Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, meine Schöne«, murmelte er halb verschlafen, bevor er einen seiner Arme schwer über meine Brust legte.

Ich schluckte. Ich hatte das Gefühl, als würde ich einen Mundvoll vertrockneter Blätter schlucken.

»Danke«, erwiderte ich schließlich. Aber es klang schon alles andere als glücklich.

Das nächste Mal, wenn ich in diesem Bett läge, würde ich allein sein. Was ich da noch nicht vorhersehen konnte, war jedoch, dass ich eigentlich wegen eines Geschenks mit meinem Verlobten Schluss machen würde – dem Mann, den ich in einem Monat heiraten sollte, dem einzigen Mann, den ich je geliebt und der mich je geliebt hatte. Einem Geschenk, das er für mich gekauft hatte.

»Für dich, Geburtstagskind: ein Blaubeer-Smoothie und Eier Benedikt mit – wie ich zu behaupten wage – einer Sauce hollandaise, die einen Michelin-Stern verdient hat.«

Es war jetzt zwei Stunden später (von denen er eine damit verbracht hatte, die Hollandaise zu perfektionieren), deshalb war ich inzwischen eine unglückliche Mischung aus so hungrig, dass ich genervt war, und so schuldbewusst, dass ich genervt war. Martin stellte das Tablett auf der Decke vor mir ab, dann setzte er sich aufs Bett. Er zog den Gürtel seines weißen Bademantels aus Waffelpikee straffer, den es bei Boots das Jahr zuvor an Weihnachten kostenlos zu der Magimix-Kaffeemaschine gegeben hatte.

Ich blickte auf das hohe Glas mit dem Minzezweig, der so liebevoll obendrauf gelegt war, und dann auf sein Gesicht – so ein angenehmes, freundliches Gesicht, das ich so gut kannte: den geraden, schmalen Mund, der tief in ein großzügiges Kinn eingeprägt war, das einem Mann voller joie de vivre gehörte, der die guten Dinge des Lebens liebte; die leicht nach oben gebogene Nase, in der er so gerne herumpopelte, wenn er glaubte, dass ich nicht hinsah; runde Wangen, bei denen man ständig die Hände ausstrecken und reinkneifen wollte, und diese kleinen, doch immer strahlenden dunklen Augen hinter der Hornbrille, ein bisschen zu weit auseinander – wie bei einem Schaf – und doch so voller unerschütterlicher Liebe, dass ich weinen wollte.

Ich zwang mich zu lächeln. »Danke, Schatz.«

»Gern geschehen. Und? Möchte das Geburtstagskind jetzt sein Geschenk, während es sein Frühstück isst, oder später?«

Martin redete gerne in der dritten Person mit mir.

»Oh, ich glaube, jetzt.«

»Gute Entscheidung.« Martin griff tief in die Tasche seines Bademantels und holte einen Umschlag heraus, um den eine rote Schleife gewickelt war. Martin war schon immer ein ausgezeichneter Geschenkeverpacker gewesen, ungewöhnlich für einen Mann, wie ich immer dachte. Ein kurzes Aufflackern von Hoffnung: Theaterkarten vielleicht? Ein Gutschein für eine Gesichtsbehandlung? Ein Gutschein für ein Modegeschäft? Es spielte eigentlich keine Rolle, da ich bereits beschlossen hatte, dass ich es nicht behalten konnte.

»Komm schon, Caro, die Spannung bringt mich um. Willst du es nicht aufmachen?«, sagte er, und seine Augen glänzten.

Mit zitternden Händen öffnete ich den Umschlag. Ein Prospekt mit dem Bild von einem herbstlich bunten Baum.

»Ihr Führer für den National Trust« stand auf dem wenig reizvollen Titelblatt.

Eine Mitgliedschaft im National Trust? Ich musste kurz den Atem anhalten. Wenn es mit zweiunddreißig eine Mitgliedschaft im National Trust war, was kam dann mit vierzig? Flachmänner für Sie und Ihn? Die Vicar-of-Dibley-DVD-Box? Herrje, ich war dabei, meinen Dad zu heiraten. (Wenn mein Dad die normale Art von Dad gewesen wäre, was er nicht ist.)

»Und? Gefällt es dir?«, fragte er und rückte näher, während ich den Mitgliedsausweis in meiner zitternden Hand hielt. »Ich dachte, nach den Flitterwochen, wenn wir an den Wochenenden wieder mehr Zeit haben, könnten wir mit dem Herrensitz …«

»Natürlich gefällt es mir!«, unterbrach ich ihn, und dann passierte etwas ganz, ganz Schreckliches. Ich fing an zu weinen. Ich fing an zu weinen und konnte nicht mehr aufhören.

Martin sah mich erschrocken an.

»Caro, meine Güte, was ist denn los?« Der Mitgliedsprospekt war jetzt nass von Tränen. »Bitte sag es mir. Was ist denn nicht in Ordnung, um Himmels willen?«

Und es endete dort, an dem Ort, der unser Ehebett hätte werden sollen. Martin, der einzige Mann, den ich jemals wirklich gekannt hatte, der Mann, der mich seit mehr als zehn Jahren liebte, der darüber gesprochen hatte, dass er mit mir Kinder wollte, der mich im Arm gehalten hatte, während ich mich durch die Selbstbewusstseinskrisen der späten Zwanziger heulte, der sich mein Gejammer über meine Eltern und meine verrückte Familie angehört hatte, der das Beste und das Schlimmste von mir kannte – die hässliche Wahrheit über mich – und der mich doch mehr akzeptierte als jeder andere auf der Welt, lag neben mir, tröstete mich und streichelte über mein Haar.

Und ich würde gleich sein großes Herz in eine Million Teile zerbrechen.

1

Anfang Juni 2009

Ich schätze, man kann sagen, dass sich die Dinge in meinem Leben neun Monate später kaum verbessert hatten, als meine siebzehnjährige Schwester an einem Sonntagnachmittag vor meiner Tür stand und ich betrunken und allein war.

Und wenn ich betrunken sage, dann meine ich nicht herumtorkelnd-sturzbesoffen. Gott, nein! Das wäre ja peinlich gewesen. Es war mehr dieses Zwei-große-Gläser-Wein-Betrunken. Okay, vielleicht auch eine halbe Flasche, verschärft durch zwei Kippen und den kleinen Rest aus einer Flasche Prosecco. Ich würde sagen, wenn man nur den reinen Alkoholkonsum nimmt, dann hätte ich jemanden davon überzeugen können, dass ich nicht betrunken war. Wenn ich nicht geweint hätte. Oder wenn ich nicht mit besagter Flasche Prosecco in der Hand die Tür geöffnet hätte. Oder wenn ich nicht an einem Sonntag um vier Uhr nachmittags barfuß vor der Tür gestanden hätte, in einem Brautkleid und mit einer Tiara auf dem Kopf.

Es hatte geregnet, stundenlang gegossen, aber gerade klarte es wieder auf, sodass der Himmel glühte und die Reihe weißer Reihenhäuser hinter Lexi und die Bäume im Battersea Park – die jetzt im Hochsommer wie Brokkoli-Köpfe aussahen – unwirklich erscheinen ließ, wie ein Bühnenbild.

Sie hatte einen Rollkoffer mit lauter fuchsiafarbenen Lippen darauf dabei und trug eine goldene Leggins und ein silbernes Band, das sie sich auf griechische Art um die Stirn gewickelt hatte. In dem leuchtenden Licht fiel mir auf, wie hübsch sie geworden war, mit ihrem jungenhaften Kurzhaarschnitt und einem katzenhaften Lidstrich, eine moderne Version von Wonder Woman. Ich dagegen muss wie eine Kandidatin für die schlampigste Braut des Jahres ausgesehen haben.

»Hi! Ich bin’s, Lexi.«

Dachte sie, ich wäre dement? Dass ich daran erinnert werden musste, wer sie war, bevor man mich zu der Kirche zurückbrachte, um dort mit der Hochzeit fortzufahren, von der ich offensichtlich weggelaufen war?

»Tut mir leid. Komme ich gerade ungelegen?«

Ich wollte mich mit einer Hand am Türrahmen abstützen, verfehlte ihn aber, sodass ich nach vorn stolperte und einen merkwürdigen unabsichtlichen Tanz auf den Stufen vor der Haustür aufführte.

»Äh … nein.«

»Okay, es ist nur, weil du …« Mir war bewusst, dass ich schwankte, weil die Bäume sich bewegten, obwohl kein Wind wehte. »… aussiehst, als hättest du geweint. Und du trägst ein Brautkleid.« Ich schaute an mir herunter. Das war nicht gelogen. »Und eine Tiara. Und du hast eine leere Flasche Wein in der Hand.«

»Das ist Prosecco.«

Wenn man von der leeren Flasche Prosecco und der Tatsache absah, dass mein Haus nach Alkohol und Zigaretten stank und dass Pat Benatars Love is a Battlefield aus der Stereoanlage dröhnte, fand ich, dass ich das alles ganz elegant bewältigte. Es war nur schade, dass mein Brautkleid eine fast anderthalb Meter lange Schleppe hatte, denn so konnte ich nicht behaupten, es wäre ein Abendkleid. Aber es wurde ja, wie ich schon sagte, auch alles dadurch schlimmer, dass ich betrunken war – und das mitten am Nachmittag.

»Wie lange willst du denn bleiben?« Wir stehen jetzt in meiner Küche, und ich versuche, so fröhlich wie möglich zu klingen.

Lexi lehnt am Türrahmen und blickt sich um.

»Äh, na ja, ich dachte, vielleicht für die Sommerferien …?«, fragt sie hoffnungsvoll.

Die Sommerferien? Ich muss beinahe würgen.

»Was? Du meinst, den ganzen Sommer?«

»Äh, ja.« Sie lächelt. Sie hat immer noch den gleichen kleinen Schmollmund wie als Baby. Rosig und engelsgleich. Ein echter Drew-Barrymore-Mund. »Wieso? Willst du irgendwo hin?«

»Nein.«

»Cool«, sagt sie fröhlich, als wäre damit alles geklärt.

Sie setzt sich an den Küchentisch und bedient sich an der Schale mit Pistazien. In mir beginnt Panik aufzusteigen – das kommt alles ein bisschen plötzlich, oder? Ein bisschen unerwartet. Sie ist jetzt seit einer halben Stunde da, und ich habe nicht das Gefühl, dass wir schon zu dem eigentlichen Grund für ihr Hiersein vorgedrungen sind.

»Hör zu, Lexi …«, beginne ich sanft. Sie sieht mich mit ihren großen braunen Augen an – es liegt etwas Hoffnungsvolles darin, etwas Unschuldiges und Vertrauensseliges, und ich fühle mich jetzt schon schlecht. »Von mir aus kannst du gerne eine Weile bleiben, aber du verstehst doch sicher, dass ich einen Job habe, einen wirklich anstrengenden Job. Ich bin den ganzen Tag nicht da …«

»Ich kann mich gut allein beschäftigen.« Sie zuckt mit den Schultern. »Ich bin es gewöhnt, mich um mich selbst zu kümmern.«

Das ist es ja, was mir Sorgen macht.

»Ich habe oft auch noch abends geschäftliche Termine.«

»Echt? Cool. Vielleicht könnte ich ja zu ein paar davon mitkommen?«

Ich seufze. Mein Magen zieht sich zusammen wie ein Weichtier in seiner Schale.

»Oder dir bei deinem Job helfen? Ich habe nämlich beschlossen, dass ich arbeiten gehen will – die Schule ist nichts für mich. Eigentlich dachte ich – weil ich doch Schuhe so liebe, wirklich eine echte Leidenschaft für sie habe –, ich könnte Schuhdesignerin werden. Ich könnte hier die Schuhe entwerfen, ich meine, so richtig abgefahrene Modelle, viel besser als das, was man in den Läden so sieht«, fährt sie mit ihrem breiten Yorkshire-Akzent fort. Meinen hört man schon fast nicht mehr, nachdem mir mal jemand gesagt hat, ich würde klingen wie der Kricket-Kommentator Geoff Boycott. »Ich könnte sie zeichnen – Kunst ist mein bestes Fach – und dann die Entwürfe nach China schicken, wo ein Team von Leuten sie herstellt und dann hierherschickt.«

Sie sieht mich an, als wenn sie sagen wollte: »Bin ich ein Genie, oder was?«, und eine merkwürdige Übelkeit steigt in mir auf, als wäre das alles schon viel zu surreal, als dass ich noch damit fertigwerden könnte. Zum Glück erklingt dann ein Geräusch wie das Brüllen eines Löwen. Ihr Handy. Schon wieder.

Sie geht dran. »Jo.«

Das hat sie auch beim letzten Anruf gesagt, also nehme ich an, es ist die gleiche Person.

»Ja, ja, ich bin jetzt da.« Pause. »Ja, sie ist cool. Ja, ich denke schon …« Sie sieht mich an und verzieht entschuldigend das Gesicht – also hat sie eindeutig demjenigen am anderen Ende der Leitung von ihrem Plan erzählt, hierherzukommen und mich zu überraschen. Nur mir nicht.

Ihre Stimme wird leiser.

»Ja, ich weiß, Carls, ich weiß. Ich spreche irgendwann mit ihm.«

Also Stress mit dem Freund?

Sie verdreht die Augen und macht das Bla-bla-bla-Zeichen mit der Hand. Es folgen eine lange Pause, dann ein Keuchen und ein »Das ist ein Scherz!«, dann ein noch lauteres Keuchen und ein »Was? Und das bleibt jetzt echt so?«

Nach ungefähr fünf Sekunden – und ohne dass ich eine Verabschiedung hätte erkennen können – legt sie auf.

»Was ist passiert? Ist alles in Ordnung?«

»Oh ja«, versichert sie und zerbeißt eine Pistazie mit den Zähnen, »meine Freundin Carly hat sich nur die Haare gefärbt, und das ist total schiefgegangen.«

Wir sitzen am Küchentisch, ich immer noch im Brautkleid und mit einem beginnenden Kater.

»Hör zu, Schatz, wegen dieser Sache mit der Schule … Weiß Dad, dass du nicht vorhast, nach den Ferien wieder hinzugehen?«

»Ja. Weiß nicht. Mir egal. Ich rede im Moment nicht mit ihm – und mit Mum übrigens auch nicht.«

»Was? Wie meinst du das, du redest nicht mit ihnen? Willst du damit sagen, du bist mit dem Zug den ganzen Weg nach London gekommen und hast ihnen nichts davon erzählt? Lexi? Okay, ich rufe Dad jetzt sofort an.«

Ich hole meine Tasche und wühle auf der Suche nach meinem Handy darin herum, aber Lexi beugt sich über den Tisch und schlägt mit der Hand darauf.

»Caroline, nicht. Bitte.«

Sie senkt den Kopf und sieht mich unter ihren seidig schwarzen Wimpern hindurch an, die ich als Teenager immer so gerne gehabt hätte.

»Weg von der Tasche, Caroline. Weg von der Tasche, komm schon …«

Sie nimmt mir langsam die Tasche aus der Hand, als wäre ich jemand, der sich selbst verletzt, und die Tasche voller Rasierklingen.

»Bitte ruf Dad nicht an. Sie wissen, dass ich hier bin – Dad hat mich zum Bahnhof gefahren.« Sie sieht ein bisschen verlegen aus. »Und er hat mir das Zugticket bezahlt. Er hat mir auch ein bisschen Geld gegeben. Du weißt schon, für die Ferien.«

»Oh, hat er das? Und hatte er auch vor, mich anzurufen und mir Bescheid zu sagen?«

Sie zieht die Nase kraus.

»Hm, ja. Aber ich glaube, dein Handy war ausgeschaltet.«

Ich will ihren Kommentar gerade als absolut absurd abtun, als mir einfällt: Ja, das stimmt. Ich schalte immer alle Kommunikationsmittel aus, wenn ich vorhabe, in Selbstmitleid zu baden. Man hat so einfach viel mehr davon.

Wir sitzen uns eine Minute lang schweigend gegenüber. Ich schaue mich in der Küche um, sehe das Chaos – die Flora-Margarine mit den Brandlöchern im Deckel, die leere Flasche Prosecco (mit einer Zigarettenkippe darin), die kleine Schwester, die die Pistazien aufisst und verkündet, dass sie den Sommer bei mir verbringen will. Den ganzen Sommer. Gott, ich hasse den Sommer, und plötzlich befällt mich die nackte Panik, eine Art Schwindel, als befände ich mich im freien Fall.

Dann klingelt Lexis Handy erneut. Dieses Mal sieht sie auf das Display und läuft nach oben, um den Anruf entgegenzunehmen.

Großartig. Ich sitze mit einem liebeskranken Teenager fest.

Sofort rufe ich über das Festnetz Dad an. Es klingelt dreimal, bevor sich der Anrufbeantworter einschaltet. Wenn sie auf irgendeine obskure griechische Insel geflogen sind, um da ihren Yoga-Urlaub zu machen, dann bringe ich ihn um, das schwöre ich.

»Hi, dies ist das glückliche Heim von Cassandra und Trevor Steele. Leider sind wir derzeit anderweitig beschäftigt, aber hinterlassen Sie uns gerne eine Nachricht …«

Dann: »Hallooo?«

In letzter Zeit klingt Dad, als wäre er gerade von einer Jacht in der Karibik gesprungen, um ans Telefon zu gehen, so enthusiastisch ist er.

»Dad, hier ist Caroline.«

»Ah, die liebe Caro! Ich wollte dich gerade anrufen.«

»Wirklich? Gut.«

Ich widerstehe dem Drang, ihm Vorwürfe zu machen. Das funktioniert bei Dad nie.

»Denkst du, du könntest mir vielleicht erklären, was los ist?«

»Ah. Lexi?«

»Ja, Dad, Lexi.«

»Die Sache ist die, Schatz, ich habe schon den ganzen Nachmittag versucht, dich anzurufen, aber du warst nicht zu erreichen.«

(Merke: emotionale Erpressung schon drei Sekunden nach Gesprächsbeginn.)

»Ich verstehe, und da hast du sie einfach so zu mir geschickt?«

»Nein! So war es nicht. Sieh mal, ich kann hören, dass du wütend bist …«

»Bin ich das? So wütend bin ich gar nicht.«

»Also nehmen wir uns einen Moment, um uns zu entspannen. Ein paar tiefe Atemzüge. Möchtest du, dass ich dich zurückrufe?«

»Nein, mir geht’s gut. Ich möchte jetzt darüber reden.«

»Okay, also gut.« (Dramatischer Seufzer.) »Die Sache ist die, Schatz, Lex ist … wie soll ich das ausdrücken … im Moment ›auf See‹. Sie befindet sich in einer Übergangsphase, da sind eine Menge innerer Konflikte. In letzter Zeit war sie etwas neben der Spur, sie ist voller Wut auf die Welt. Der normale Teenager-Kram, aber auch eine Traurigkeit, ein Suchen; ihre Mutter und ich haben das Gefühl, dass es da einige unerfüllte Bedürfnisse gibt.«

Ich halte den Hörer für eine Sekunde von meinem Mund weg und fluche leise und voller Inbrunst.

»Dad, denkst du, ich könnte das auch noch mal in einfachem Englisch hören, bitte?«

»Also, im Grunde hat sie entschieden …« (Seufzer.) »Lex hat entschieden, nach dem Sommer nicht weiter zur Schule zu gehen und ihren Abschluss zu machen.«

Puh, das ist eine Erleichterung. Nach dem, was er da gefaselt hat, hätte man glauben können, sie hätte sich für eine Geschlechtsumwandlung angemeldet.

»Im Grunde hat sie die Schule letzten Monat verlassen und hängt seitdem zu Hause rum, weint viel und verhält sich feindselig. Wie du dir vorstellen kannst, machen ihre Mutter und ich uns große Sorgen, und wir dachten – na ja, eigentlich war es Lexis Idee –, dass es ihr guttun würde, ein bisschen Zeit mit dir zu verbringen. Du führst in London ein so reizvolles Leben.«

»Tue ich das?«

»Und du warst immer so zielstrebig, so leistungsorientiert, Caro, du hast deinen Abschluss gemacht und bist auf die Universität gegangen. Du hast immer alles richtig gemacht. Du wärst ein großartiges Vorbild für Lex, die jetzt Führung braucht. Deshalb lade ich dich ein, diese Gelegenheit zu ergreifen, Caro. Cass und ich laden dich ein …«

»Hör auf, mich einzuladen, Dad«, unterbreche ich ihn, »das ist keine verdammte Party.«

Er macht dieses Geräusch, und ich weiß, dass er sich manisch an die Stirn klopft, was er immer tut, wenn er gestresst ist.

»Ich schätze, was ich zu sagen versuche, ist: Könntest du mit ihr reden? Bitte, Schatz? Sie ist sehr wütend über etwas, und irgendetwas muss passiert sein, dass sie plötzlich aus der Schule aussteigt, aus dem Leben, einfach so …«

»Wahrscheinlich hat sie nur Liebeskummer, Dad. Sie ist siebzehn, da kommt einem so etwas vor wie das Ende der Welt …« (Als wenn ich das wüsste.)

»Aber das ist es nicht. Da irrst du dich, weil …«

Es scheppert, als Lexi die Treppe herunterstürmt.

»Hör zu, sie kommt gerade.«

»Ich weiß, und ich rede gleich mit ihr, aber … Würdest du diese eine Sache für uns tun, Caro? Würdest du mit deiner Schwester reden? Ihre Mutter und ich möchten einfach nicht, dass sie ihr Leben wegwirft. Und abgesehen von allem anderen würde es dir auch die Möglichkeit geben, sie besser kennenzulernen. Sie ist wirklich ein gutes Kind, ein großartiges Kind.«

Warum redete er plötzlich so, als würde er in einer Folge der Waltons mitspielen?

»Das werde ich, Dad, okay? Natürlich werde ich das. Außerdem kommt sie da gerade …«

Ich halte den Hörer hoch.

»Es ist Dad«, sage ich. »Ich glaube, du solltest mit ihm reden.«

Lexi telefoniert schon seit Stunden. Sie sitzt zusammengerollt wie eine Katze am Fenster in der Abendsonne und spielt mit dem Telefonkabel. Ich beobachte sie, während sie redet, und ich muss zugeben, dass sie sehr hübsch ist. Sie hat dickes dunkles Haar, das mit viel Mühe auf »unordentlich« gestylt ist, eine hübsche Stupsnase – die Nase ihrer Mutter, nicht den Steele-Zinken, den ich geerbt habe. Und dann diese Augen: weit auseinanderliegend, schokoladenbraun – mit ein wenig schwarzem Kajal ummalt, um das Katzenhafte zu betonen – und eingefasst von etwas zu buschigen Augenbrauen, die ihr ein natürliches, exotisches Aussehen verleihen, als würde sie lächerlich aussehen, wenn sie sich schminkte.

Sie redet ewig mit Dad. Zuerst sind da nur das übliche trotzige Schnauben und das Augenverdrehen und ein »Ja, schon gut, Dad, deshalb brauchst du kein Nasenbluten zu kriegen«.

Aber dann wird ihre Stimme viel leiser und weicher, und als ich das nächste Mal hinsehe, rollt eine dicke, fette Träne über ihr Gesicht.

»Ich weiß das, Dad«, meint sie. »Ich weiß, es ist nur, weil ihr euch Sorgen macht … Natürlich würde ich es dir sagen, wenn da was wäre. Du weißt, dass ich dir immer alles erzähle …«

Lügnerin, denke ich. Mädchen erzählen ihren Vätern nicht alles. Zumindest habe ich das nicht getan, was aber vermutlich daran lag, dass Dad immer das Reden übernommen hat.

»Aber da ist nichts, ich schwöre es«, fährt sie fort und wischt sich mit der Handfläche über die Nase. Obwohl ich es nicht will, geht mir der Anblick zu Herzen. Selbst wenn es sich nur um Liebeskummer handeln sollte, ist sie richtig fertig, richtig aufgelöst – und sie hat die Schule geschmissen. Es muss etwas Ernstes sein.

Schließlich verspricht sie: »Das werde ich. Ich vermisse euch auch. Ja, ich liebe euch auch.« Dann legt sie auf und sieht mich an, während ihr Wimperntusche über die Wange läuft. »Mein Gott, jetzt guck mich an«, sagt sie und lacht unter Tränen. »Ich muss doch aussehen wie eine totale Hackfresse.«

»Willst du darüber reden?«

Ich sitze jetzt neben ihr.

»Nein. Ehrlich. Mir geht’s gut.«

»Sicher?« Ich stoße sie mit dem Ellenbogen an. »Ich kann dir vielleicht helfen, weißt du. Vor allem, wo ich doch so eine ausgesprochen vernünftige, besonnene und erwachsene Person bin.«

Lexi betrachtet mich in meinem Brautkleid.

»Ja, genau!« Sie lacht. »Ich dachte immer, das wärst du. Doch jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher.«

Es entsteht eine Pause.

»Jedenfalls«, sage ich schließlich und lege meine Hand auf ihr Knie, »werden wir das hinkriegen, okay? Wir beide, was immer es auch ist, wir bringen dich wieder auf Kurs.«

»Okay.« Sie schnieft. »Danke. Du bist sehr nett zu mir.«

»Oh, ich weiß, meine Güte kennt keine Grenzen.«

»Mit mir kommt schon alles wieder in Ordnung«, versichert sie. »Ich brauche einfach ein bisschen Abstand von Doncaster und, um ehrlich zu sein, ein bisschen Zeit für mich.«

Dann lehnt sie den Kopf gegen die Heizung und betrachtet mich mit vom Weinen immer noch ganz glasigen dunklen Augen.

»Und weißt du was?«, fragt sie und streichelt abwesend über den Stoff meines Brautkleides. »Es ist in Ordnung, verlassen zu werden. Wir werden alle verlassen. Auch Carly ist gerade verlassen worden, also macht dich das noch lange nicht zu einem Freak.«

Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.

***

Erst als Lexi im Bett liegt, tue ich das, was ich schon den ganzen Tag tun will. Ich lehne mich gegen mein Kopfkissen, hole mein Notizbuch – das perfekt ist mit seinen hübschen Streifen und dem harten Umschlag – aus meiner Nachttischschublade und fange an, neue Punkte aufzulisten.

Erledigen:

NICHT SO WICHTIG

  • Etwas mit Quinoa kochen
  • Augenbrauen zupfen
  • Das Gästezimmer streichen
  • Die Fotoalben sortieren (Fotoecken kaufen)
  • Den tropfenden Wasserhahn reparieren
  • Zu mehr lokalen Kulturveranstaltungen gehen. Kommendes Wochenende: Installation eines interessant klingenden deutschen Künstlers in der Pump House Gallery. (Kommt Toby mit? Unmöglich. Shona und Paul? Möglich. Martin? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit. Rufe ihn morgen an.)
  • Lernen, wie man den iPod benutzt, den ich schon seit Weihnachten habe. Tu es einfach!!!
  • 3 x 12 Kniebeugen und 3 x 12 Sit-ups vor dem Schlafengehen (morgen damit anfangen)

WICHTIG

  • Jedes Wochenende mindestens zwei Stunden Büroarbeit erledigen. Keine Ausreden!
  • Jeden Tag etwas für mich selbst tun, um Stress abzubauen, selbst wenn es nur zehn Minuten Atmen sind (nur das, und zwar konzentriert, nicht nur Atmen-Atmen)
  • Arbeit: einen Gang höher schalten. Zwei neue Verträge pro Woche mit neuen Klienten abschließen.
  • SO SCHNELL WIE MÖGLICH HerausFINDEN, WAS MIT LEXI LOS IST!!!
  • Die Sache in Ordnung bringen. Und sie dann so schnell wie möglich wieder nach Doncaster zurückschicken.

Das Letzte war nur ein Scherz … irgendwie.

2

Ich sollte erklären, dass ich, wenn ich »Schwester« sage, eigentlich Halbschwester meine. Lexi wurde geboren, als ich fünfzehn war – was bedeutet, dass sie jetzt siebzehn ist –, ungefähr sieben Monate, nachdem mein Dad mit Cassandra zusammengezogen war, was bedeutet, dass er sie geschwängert hat, während er noch mit Mum zusammenlebte. Meine Mutter hat mich das nie vergessen lassen.

Ich erinnere mich noch an den Tag, an dem Lexi geboren wurde – der 12. September 1991. Es war ein Donnerstagmorgen, ein Schulmorgen, und Mum füllte gerade die Waschmaschine mit einer Ladung Wäsche. Mum füllte damals immer die Waschmaschine mit Wäsche, vor allem, nachdem Dad uns verlassen hatte. Es war lächerlich: Sie stopfte sie entweder in die Maschine oder hängte sie auf die Leine, wie bei einem verrückten nervösen Tick, den sie – wie mir jetzt klar wird – eindeutig auch hatte.

Sie hielt den Hintern in die Luft gestreckt und trug eine türkisfarbene Jogginghose, die Dad die Entscheidung, uns zu verlassen, nicht schwerer gemacht haben dürfte, so viel steht fest!

»Dein Vater hat seine zweite Tochter bekommen«, verkündete sie. »Möge Gott ihr beistehen, Caroline, bei zwei so verrückten Elternteilen! Alexis Simone haben sie sie genannt, das arme kleine Ding. Das war sicher die Idee von diesem Teufelsweib.«

»Teufelsweib« war die Bezeichnung, die in unserem Haus für Cassandra verwendet wurde, was ich – obwohl ich erst fünfzehn und gerade von meinem Vater verlassen worden war – ein bisschen hart fand. Aber was wusste ich schon? Mum ist eine Frau, für die alles schwarz-weiß ist. Liebe oder Hass, dazwischen gibt es bei ihr nichts.

Ich weiß noch, dass ich sofort einen eifersüchtigen Stich verspürte, weil sie Alexis Simone bekommen hatte und ich Caroline Marie, einen Namen, der auch für ein Binnenschiff taugte. Aber da war auch noch ein anderes Gefühl, das mich überraschte: Freude. Überwältigende, schwindelerregende Freude, die verhinderte, dass ich mein Weetabix-Müsli herunterschlucken konnte. Ich hatte eine Schwester! Ich hatte mir immer eine Schwester gewünscht. Vor allem, weil ich mich mit meinem Bruder Chris, der meines Erachtens leicht autistische Züge aufwies und dessen große Liebe sein vollgekrümelter Nintendo war, ein bisschen betrogen gefühlt hatte.

»Und? Geht es ihr gut? Ich meine, ist sie gesund?«, fragte ich. Ich betrachtete mich gerne als fürsorgliche Person und sah selbst damals schon über persönliche Befindlichkeiten hinweg, was auch notwendig war, denn wenn jemand zwei Verrückte als Eltern hatte, dann war ich das.

»Oh ja, es geht ihr gut … körperlich«, betonte Mum und knallte die Waschmittelschublade zu. »Die Zeit wird zeigen, was sie mit ihrem Verstand anrichten.«

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, wie es sein würde, eine Halbschwester zu haben. Ich schätze, ich dachte irgendwie, dass wir uns gegenseitig Klamotten leihen und über Jungs reden würden, selbst wenn Alexis – Lexi, wie sie bald genannt wurde – erst einen Tag alt war und ich darauf noch jahrelang würde warten müssen.

Damals fuhr ich jedes zweite Wochenende von Mums Haus in Harrogate zu Dads Haus (na ja, es gehörte eigentlich Cassandra) in Doncaster. Cassandra war eine extravagante Amerikanerin, die ein Glasauge so lange vollquatschen konnte, dass es einschlief, und die immer extrem weite Kleider trug, die aussahen, als wäre sie mit einem Wasserfarbkasten zusammengestoßen. Dad hatte sie auf dem Höhepunkt seiner Midlife-Crisis bei einem Kurs mit dem Titel »Heile dein Leben« kennengelernt, den sie bei sich zu Hause veranstaltet hatte.

Jedenfalls wollte ich an jenem Wochenende unbedingt zu Dad, um meine neue Schwester mit dem coolen Namen kennenzulernen. Meine kleine Schwester. Meine eigene Vertraute! Jemand, der mich vor meiner verrückten Familie retten würde – und vor allem vor mir selbst und diesem alles in allem unterdurchschnittlichen Leben, das ich führte.

Sobald ich jedoch das Haus betrat, wurde mir die andere Sache bewusst, die ich nicht bedacht hatte – abgesehen von der Tatsache, dass ich noch ungefähr sechzehn Jahre würde warten müssen, bevor ich mit meiner Schwester über mein Problem sprechen könnte, dass ich noch immer Jungfrau war (und bei dem Tempo, in dem sich die Dinge entwickelten, wäre ich dann immer noch eine) –: der Umstand, dass mein Vater ganz verrückt nach diesem neuen kleinen Wesen sein würde und das meine Welt endgültig zusammenbrechen lassen würde.

Cassandra stillte gerade, als ich ankam, und Dad saß neben ihr auf dem Sofa und streichelte Lexis Kopf. Ich stand im Türrahmen, und meine Kehle schnürte sich vor lauter Eifersucht zusammen.

Eigentlich hätte man davon ausgehen sollen, dass Cassandra als Life-Coach und Dad – der sich in einen Yoga liebenden Therapie-Süchtigen verwandelt hatte und Worte wie »innere Öffnung« in normalen Gesprächen verwendete – sensibel reagieren und mir Zeit geben würden, mich an die Situation zu gewöhnen. Aber nein. Cassandra hob Lexi einfach von ihren gigantischen Brüsten, die aus einem Büstenhalter heraushingen, der so groß war wie ein Kopfkissenbezug.

»Caroline, das ist Alexis Simone, deine kleine Schwester. Ist sie nicht süß?«

Sie war so leicht, dass sie mir fast durch die Finger gerutscht wäre.

»Ja, sie ist, ähm … süß«, erwiderte ich und hielt sie so, wie man ein Bündel Feuerholz hält – ein Versuch, all die kleinen Knochen und alle anderen Teile zusammenzuhalten. Ich war entsetzt, schockiert darüber, wie klein sie war. Was sollte sie mir nützen? Wie konnte dieses weiche, quäkende Ding, das aussah wie ein neugeborener Affe, mich vor irgendetwas retten?

Cassandra lächelte mich an, den Kopf zur Seite gelegt. Dann holte Dad seine Kamera heraus. Das war so peinlich!

»Leg sie an deine Brust, Süße«, drängte mich Cassandra, deren riesige Hupen immer noch wie Wasserbomben baumelten. »Babys lieben Hautkontakt, dadurch fühlen sie sich sicher.«

Tja, aber ich fühlte mich nicht sicher, ich kam mir vor wie ein totaler Idiot. Ich berührte ihren Kopf – nur weil ich das Gefühl hatte, dass ich das tun müsste –, aber er fühlte sich an wie ein überreifer Pfirsich, und ich bekam weiche Knie. Dann fing das Baby an, mit dem Kopf gegen mich zu stoßen. Das entwickelte sich alles gar nicht gut.

»Ah, sieh nur, sie sucht«, schwärmte Cassandra.

»Wie meinst du das?« Es klang wie etwas, was ein Maulwurf tat.

»Sie glaubt, du hast Milch, Süße. Sie hat Hunger. Sie denkt, dass du auch ihre Mami bist.«

Dad schoss immer noch Fotos. »Meine beiden kleinen Mädchen«, sagte er ständig. »Meine beiden großartigen Mädchen«, was mich aus Gründen, dich ich immer noch nicht wirklich verstehe, plötzlich so wütend und so traurig machte, dass ich mich kaum noch davon abhalten konnte, ihn zu schlagen.

Gegen neun Uhr abends tranken wir endlich Tee, und währenddessen wurde Lexi ständig zwischen Dad, Cassandra und dem Babykorb hin und her gereicht. Niemand fragte mich etwas – außer Dad, der wissen wollte, seit wann ich so viele Schuppen hätte. Dann ging ich ins Bett, eine Stunde früher als sonst, und heulte mir die Augen aus dem Kopf, während ich die ganze Zeit Lexi zuhörte, die das Gleiche machte.

Dad war, sosehr ich ihn liebte, niemals ein Vater für mich und Chris gewesen, aber für jemand anders war er es jetzt. Und das tat weh. Das tat so weh wie nichts anderes je zuvor. Und wenn ich ehrlich bin, dann hielt sich die an jenem Tag gewonnene Erkenntnis – dass Alexis Simone nämlich nicht, wie ich gehofft hatte, meine als kleine Schwester verkleidete Retterin, sondern ein Eindringling war – lange bei mir. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann hat sich daran vermutlich bis heute nichts geändert.

3

Am Morgen nach Lexis Ankunft in London wache ich von einem dröhnenden Geräusch auf. Zuerst glaube ich, dass ich einen Kater habe, aber dann stelle ich fest, dass ich mich dafür nicht annährend schlecht genug fühle, denn meine Kater gehören eher zu der Beim-Aufwachen-direkt-übergeben-Sorte. Ich entferne meine Ohrstöpsel und taste auf dem Boden nach meiner Brille. Morgens muss ich mich nämlich erst wieder an die Wahrnehmung der Welt gewöhnen, weil meine Kurzsichtigkeit inzwischen so weit fortgeschritten ist, dass ich mein eigenes Spiegelbild grüße.

Es dauert nicht lange, bis mir klar wird, dass das Dröhnen Musik ist und dass die von unten kommt.

Erst da fällt mir wieder ein, dass ich einen Gast habe.

»Lexi?« Ich hämmere jetzt im Schlafanzug gegen die Badezimmertür. »Lexi, bist du da drin?«

»Ja«, ertönt eine gedämpfte Stimme von drinnen. »Komm rein, wenn du willst. Ich bin angezogen.«

Ich reiße die Tür auf. Es ist dunstig und warm. Gerade eben so kann ich Lexi erkennen, die vor dem Waschbecken steht, aber sonst sehe ich nicht viel.

»Äh, Musik?«, rufe ich in einem Tonfall, der – wie ich hoffe – als ein humorvolles »Es macht mir überhaupt nichts aus, dass du um sieben Uhr morgens Rockmusik hörst« durchgeht. Am Ende hebt sich meine Stimme jedoch vorwurfsvoll.

»Gossip!«, schreit sie zurück.

»Wie bitte?«

»GOSSIP!« Sie dreht sich vom Waschbecken weg. »Die MUSIK. Das ist GOSSIP. Warum? Magst du die?«

»ICH KANN NICHT BEHAUPTEN, DASS ICH SCHON MAL VON IHNEN GEHÖRT HÄTTE!«

»WAS?! BETH DITTO IST EINE FEMINISTISCHE IKONE UNSERER ZEIT!«

»ICH DACHTE, DU HÄTTEST GESAGT, DIE BAND HEISST GOSSIP.«

»HEISST SIE AUCH. BETH DITTO IST DIE SÄNGERIN DER GRUPPE GOSSIP.«

»OH …«

»Warum SCHREIEN WIR?«

»ICH WEISS ES NICHT. ICH KANN NICHTS HÖREN, WEIL ICH NICHTS SEHEN KANN, UND ICH KANN NICHTS SEHEN, WEIL ICH MEINE BRILLE NICHT AUFHABE. ICH GLAUBE, ICH HABE SIE HIER DRIN LIEGEN LASSEN.«

»Oh mein Gott«, kichert Lexi, als ich mein Gesicht direkt vor ihres halte. »Du bist wirklich blind, oder?«

Sie tastet am Waschbecken herum, reicht mir meine Brille, und ich setze sie auf. Erst da wird alles klar. Na ja, fast klar, denn etwas trübt mir noch immer die Sicht. Lexi hat sich eine Plastiktüte über die Haare gestülpt, und violette Haarfarbe läuft ihr über die Stirn und an ihren Ohren entlang. Mein glänzend weißes italienisches Designer-Waschbecken – aus einem Laden am Lavender Hill, das eine obszöne Menge Geld gekostet hat – ist vollgekleckst mit violetter Farbe. Und die Wand auch. Und das Handtuch um Lexis Schultern auch. Und, wie ich feststelle, auch meine Brille. Daher die dunklen Flecken vor meinen Augen.

»Äh, das Waschbecken«, quietsche ich und denke: Reiß dich zusammen, Caroline. Bleib locker.

»Das Waschbecken?«, fragt Lexi.

»Es ist voller Farbe.« Ich betonte das Wort »Farbe«.

»Oh!« Sie beißt sich auf die Nägel. »Scheiße. Aber das geht wieder ab, oder?«

Sie will mit ihren farbverschmierten Fingern daran reiben.

»Äh, Lex, mach das nicht.« Ich versuche, ruhig zu klingen, während ich die Hysterie unterdrücke, die in mir aufsteigt.

»Wenn ich nur …« Sie leckt an ihren Fingern und macht einen neuen Versuch.

»Hör auf!« Eigentlich will ich, dass es ganz normal klingt, aber es schießt aus meinem Mund wie eine kleine, harte Kugel. »JETZT. Bitte, Lexi.«

»Schon gut, Madam.« Nun rubbelt sie fröhlich mit meinem Waschlappen daran herum. »Beruhige dich. Ich mache es doch nur ganz vorsichtig ein bisschen …«

Sie wischt sich einen Tropfen Farbe ab, der ihr über die Stirn läuft, und will dann wieder zum Waschlappen greifen. An diesem Punkt raste ich aus. Ich schlittere im Zeichentrick-Stil in meinen Frotteesocken über den Badezimmerboden und kralle mich an der Seite des Waschbeckens fest. »VERDAMMT NOCH MAL, LASS ES EINFACH, OKAY? LASS …« Ich reiße mich zusammen. »Lass es.«

Sie hört auf zu reiben.

»Oh, okay. Tut mir leid«, entschuldigt sie sich. Zuckt sie wirklich zusammen?

Etwas sagt mir, dass unser kleines Arrangement vielleicht nicht so gut funktionieren wird. Etwas sagt mir, dass ich schon zu lange allein lebe.

Mal abgesehen davon, dass meine Schwester für den Sommer bei mir wohnen will, mache ich mir manchmal Sorgen darüber, was es über mein Leben aussagt, dass ich mich immer darauf freue, am Montag wieder arbeiten zu gehen. Eigentlich fing das mit den verhassten Wochenenden ganz langsam an. In meinen vierzehn Jahren mit Martin waren die Wochenenden okay. Na ja, sie waren so wie die von anderen – von anderen Paaren jedenfalls.

Endlose Grillabende und Besuche bei den Fast-Schwiegereltern, Sonntagnachmittage im Tate Modern, obwohl keiner von uns wirklich etwas von dem mochte, was dort ausgestellt wurde, sodass wir immer im Museumsshop endeten, wo ich noch eine Dalí-Postkarte und Martin schon mal das nächste Geburtstagsgeschenk für seine Mutter kaufte – normalerweise einen weiteren Topfhandschuh im Liberty-Druck.

Nach der Trennung genoss ich für ungefähr drei Monate meine wiedergewonnene Freiheit. Als der Reiz des Neuen jedoch vorbei war und meine besorgten Freundinnen, die ständig vorbeigekommen waren, sich wieder ihren vernachlässigten Lebensgefährten zuwandten, fing ich an, die Wochenenden zu fürchten, vor allem die Wochenenden im Sommer. Und Feiertage sind das Werk des Teufels. Die zwei im Mai – eine Foltermethode. Weil mir das, was ich mit dem Sommer in London verband – Schwimmen im Tooting Bec Lido, Picknicks im Hampstead Heath, Shakespeare im Regent’s Park –, allein keinen Spaß machte und ich mich manchmal – obwohl ich es hasse, das zuzugeben – einsam fühlte. Mich überfiel sogar Panik. Und in solchen Momenten dachte ich darüber nach, ob ich mit Martin vielleicht einen Riesenfehler gemacht hatte – tatsächlich frage ich mich auch jetzt noch manchmal, ob ich mit Martin vielleicht einen Riesenfehler gemacht habe. Schließlich habe ich irgendwie den »Zeitplan« nicht eingehalten. Zumindest hat er gerne etwas unternommen, selbst wenn es nur ein Ausflug ins Duxford-Luftfahrtmuseum war. Außerdem ist Martin Squire ganz einfach der netteste Mann auf der Welt. Weshalb er wahrscheinlich nicht der richtige Mann für mich war.

Ich hole mein Handy raus und rufe ihn an. Ich vermisse das Wir-Gefühl am meisten morgens, wenn ich an der Battersea Park Station sitze, der zu Kopf steigende ölige Geruch des Londoner Sommers in der Luft liegt und der Himmel schon strahlend blau ist. Vielleicht liegt es daran, dass es mich an die Sommer erinnert, in denen wir hier zusammen gesessen haben und Martin eine seiner morgendlichen Aufmunterungsansprachen hielt: »Caro, nimm’s doch nicht so schwer, du hast doch immer noch mich. Was ist das Schlimmste, was passieren kann?«, fragte er dann. »Du verlierst einen Klienten. Du versagst.«

Ich bekomme schon bei dem Gedanken Krämpfe.

Das Telefon klingelt und klingelt, was merkwürdig ist, weil Martin sonst immer drangeht. Ich hinterlasse eine Nachricht.

»Hallo, ich bin’s. Warum gehst du nicht ans Telefon? Ich wollte wissen, ob du vielleicht am Samstag mit mir in eine Ausstellung gehst? Wollte dich rechtzeitig fragen. Ist von einem deutschen Künstler, irgendwas Konzeptionelles. Hab’s in Time Out gesehen. Vielleicht ist es Schrott, aber es wäre schön, dich mal wiederzusehen. Wie immer. Außerdem wirst du es nicht glauben, aber rate, wer den Sommer bei mir verbringt? Meine verdammte Schwester! Wie du dir vorstellen kannst, raste ich gerade aus. Ich brauche eine Martin-Aufmunterungsansprache. Oh ja, und wegen der Ausstellung. Du willst wahrscheinlich wissen …«

»… wo sie stattfindet«, will ich gerade sagen, aber ein Güterzug nähert sich, und als er vorbei ist, passt nichts mehr auf den Anrufbeantworter, und ich höre nur noch ein Besetztzeichen.

Shona ist als Einzige im Büro, als ich komme. Sie telefoniert, und an ihrem geraden, angespannten Rücken und ihrem abgehackten Tonfall kann ich auch erkennen, mit wem. Sie drückt auf »Halten«, erschaudert, legt ihre Finger an ihre Schläfe und tut so, als würde sie abdrücken. Shona macht keinen Hehl daraus, was sie von Leuten hält, vor allem nicht daraus, was sie von Darryl Schumacher hält.

»Das ist Darryl Spacko Smacker«, zischt sie. »Will einen Termin für den Pitch für Minty Me machen – und hat natürlich wieder gefragt, ob ich mit ihm essen gehe.«

»Sag ihm, ich bin noch nicht da. Sag ihm, ich rufe ihn zurück, okay?«

»Sie ruft zurück«, sagt Shona.

Dann, etwas wütender: »Ich sagte, sie ruft zurück!«

Noch wütender: »Ich glaube nicht, dass meine Pläne für das Wochenende für den Mundhygiene-Markt wirklich von Belang sind, oder, Darryl?«

Sie knallt den Hörer auf.

»Geiler Bock«, höre ich sie leise murmeln, bevor sie ein weiteres Gespräch entgegennimmt. Gott, ich liebe Shona. Ich wünschte, ich könnte mehr so sein wie Shona. Sie verabscheut Idioten und zeigt es ihnen auch. Sie hat nie Stress und würde für ihren Job nie ihre Prinzipien verraten – weshalb sie nach sieben Jahren in der Firma immer noch die Sekretärin des Vertriebsteams ist. Wenn wir erlauben würden, dass sie versucht, etwas zu verkaufen, dann wären wir längst insolvent.

Darryl Schumacher ist der Einkaufsleiter der Langley’s-Supermärkte und bekannt dafür, dass den Frauen bei ihm schlecht wird, aber auch für die härtesten Deals im Mundhygiene-Bereich. Ich bearbeite ihn jetzt schon seit Wochen und bewege mich auf der feinen Linie zwischen dem, was unsere Chefin geschicktes Verkaufen nennt, und dem »Holzhammer-Effekt« (das heißt: ganz viel Hämmern und kein Ergebnis). Mundhygiene-Produkte an Supermärkte zu verkaufen ist mein Beruf. Ich weiß, damit rettet man nicht die Welt, aber ich liebe meinen Job und scheine ganz gut darin zu sein. Andererseits schätze ich – ohne mich selbst loben zu wollen –, dass ich so ziemlich in allem gut bin, was ich mir vornehme. »Caroline ist eine sehr fähige junge Dame«, haben die Lehrer in meine Zeugnisse geschrieben. Sie kennen diese Typen: nur Einsen im Abitur, erstklassiger Schulabschluss, sofortige Aufnahme in das Skidmore-Colt-Davis’-Graduierten-Programm – im Grunde eine Streberin.

Die Sache mit Schumacher steckt in der heißen Phase. Wenn er mich kalt erwischt, dann könnte ich den Deal verlieren, aber wenn ich meine Karten richtig ausspiele, dann stehen nächste Woche die Mini-Minty-Me-Atemerfrischer in den Regalen aller Niederlassungen von Langley’s, was für die Firma Profit bedeutet – und für mich die Aussicht darauf, als »Verkäufer des Jahres« bei den Annual Awards des August’s Institute of Sales nominiert zu werden. Nicht, dass das ein Highlight wäre oder so etwas.

Deshalb ist jetzt, wo ich gerade ins Büro gekommen bin und noch kalt erwischt werden kann, nicht der richtige Zeitpunkt, mich mit Schumacher zu befassen. Ich bin abgelenkt durch Lexis Ankunft, und ich möchte Toby eine Mail schicken.

An: toby.delaney@scd.co.uk
Von: caroline.steele@scd.co.uk
Betreff: Invasion der Teenager-Mutanten-Schwester in 64 Coombe Gardens. Aargh!
Watete am Sonntag gerade knietief im Bürokram-Sumpf (stimmt nicht, aber das braucht er nicht zu wissen), als es an der Tür klingelte. Du wirst nie erraten, wer davor stand und mir verkündete, dass sie den Sommer bei mir verbringen will?!

Plötzlich fasst mir jemand an die Schulter, und dann erklingt ein vertrautes Schuljungen-Kichern.

»Schreibst du mir schon wieder Liebesbriefe? Mach mal ’ne Pause, ja? Die verstopfen mein Postfach.«

»Herrje, Toby. Wegen dir hätte ich fast einen Herzinfarkt bekommen.«

Er lacht und kaut einen Keks. Ich kenne niemanden, der so viel isst wie Toby Delaney und trotzdem noch einen konkaven Bauch hat.

»Diese Wirkung habe ich oft auf Frauen«, sagt er und setzt sich an seinen Schreibtisch.

Seine ganze Krawatte ist voller Kekskrümel, aber selbst das schmälert leider nicht seine atemberaubende Attraktivität. Tatsächlich verstärken sie sie sogar noch, was ich anregend und demoralisierend zugleich finde. Je weniger er es darauf anlegt – und das tut er nie –, desto reizvoller scheint er zu werden.

Ich lehne mich im Stuhl zurück und gebe mich betont lässig. Das ist etwas, was ich jetzt schon fast ein Jahr lang perfektioniert habe, denn so lange sitze ich nun schon jemandem gegenüber, den ich so appetitlich finde, dass ich mich kaum davon abhalten kann, ihn auszuziehen und zu vernaschen.

»Und? Wie war dein Wochenende?«, frage ich.

»Oh, du weißt schon … hab dich vermisst«, haucht er und wirft mir einen Stift vor die Füße.

»Halt den Mund, Delaney!«

»Das ist die Wahrheit!«, versichert er und greift sich gespielt verletzt an die Brust. »Und jetzt heb den Stift auf. Ich will dein Höschen sehen.«

Ich werfe den Stift zurück.

»Was ist mit dir?«, fragt er. »Schönes Wochenende gehabt, Steeley? Oder hast du ein Geheimnis?«

Doch dann ertönt das vertraute »Dong«, als sein Computer anfängt zu arbeiten. Ich warte darauf, dass er das Gespräch wieder aufnimmt, aber er ist zu beschäftigt damit, auf den Bildschirm zu starren.

»Caroline toppt erneut die Verkaufsziele«, liest er mit einem südafrikanischen Akzent, um sich über die Mail unserer Chefin lustig zu machen. »Du Schlampe.« Er schüttelt den Kopf. »Du verdammte dämliche Kuh.«

Ich will gerade mit einer total witzigen Bemerkung darauf antworten, als eine vertraute Gestalt neben unseren Schreibtischen auftaucht.

»Was höre ich da, Mr Delaney? Dämliche Kuh?«

Janine Cross. Unsere Chefin. Mindestens ein Meter sechzig südafrikanische Muskeln und Eier. Ich meine das natürlich im übertragenen Sinne, obwohl es mich nicht überraschen würde, wenn sie in dieser hautengen Stoffhose tatsächlich ein paar stahlharte Eier hätte.

»Höre ich da etwa einen Anflug von Eifersucht?«

»Äh …« Toby kann nicht sprechen. Was jedoch vor allem an dem Keks liegt, der ihm fast aus dem Mund quillt.

»Oder ist das nur gesunde Konkurrenz?«

»Oh, nur, äh, Konkurrenz«, murmelt Toby.

Janine schüttelt den Kopf über ihn, dann lächelt sie mich an. »Dann haben Sie also Morrisons? Gut gemacht. Sogar sehr gut gemacht. Jetzt müssen Sie nur noch bei Schumacher den Sack zumachen, Caroline, aber ich zweifle nicht daran, dass Sie das schaffen. Wenn sie so weitermachen, dann sind Sie definitiv im Rennen für den ›Verkäufer des Jahres‹.« Sie tippt Toby auf die Schulter. »Von ihr können Sie noch was lernen, Toby, und glauben Sie nicht, dass ich nicht bemerkt hätte, dass Sie letzte Woche zweimal zu spät waren und Ihr Verkaufsziel seit drei Wochen nicht erreicht haben.« Dann dreht sie sich um und geht mit ihren Rennpferd-Gliedmaßen auf das etwas verängstigt aussehende Marketing-Team zu.

Toby sieht mich an und schüttelt den Kopf.

»Du bist eine solche Schleimerin, Steele.«

Ich will gerade etwas erwidern, als ein hohes »Iihk! Iihk!« – eindeutig das Geräusch aus der Duschszene in Psycho – uns unterbricht.

»Was zum Teufel ist das?«, ruft Toby.

»Was?«

»Dieses Geräusch aus der Duschszene in Psycho

»Ich habe keine Ahnung.«

Toby sieht sich um. »Also, es kommt nicht von mir.«

Das Geräusch dauert an, wird lauter, drängender.

»Ich habe nicht gesagt, dass es von dir kommt.«

»Und woher kommt es dann?«

»Ich weiß es nicht!«

»Es kommt von dir, Steele!« Toby rutscht mit dem Stuhl zurück und zeigt auf meine Tasche.

Ich hebe sie hoch, öffne sie und sehe hinein.

»Hast du da einen Vergewaltigungsalarm drin? Das ist so typisch für dich.«

»Was zum Teufel meinst du damit?«

»Dann eine Bombe?«

»Sei nicht albern.«

»Was ist es denn dann?«

»Ich weiß es nicht!« Ich halte die Tasche einen Meter von mir weg. »Aber ich werde nicht nachsehen – das kannst du machen.« Ich gehe zu ihm und werfe die Tasche auf seinen Tisch.

»Oh, nett. Dann kriege ich also die Taschenbombe«, witzelt Toby und schüttelt sie neben seinem Ohr. Dann öffnet er die Tasche. »Herrje, das ist ja ein eigenes Ökosystem.«

Er wühlt ein bisschen und holt dann, während sich ein spöttisches Grinsen auf seinem Gesicht ausbreitet, mein Handy heraus. Das »Iihk! Iihk!« wird ohrenbetäubend. Er steht auf und gibt es mir. »LEXI« steht da in silberner Schrift.

»Hallo?«

»Hi!«, sagt die Yorkshire-Stimme am anderen Ende der Leitung. »Wie findest du deinen neuen Klingelton? Abgefahren, was?«

»Und wie lange bleibt sie?«

Toby amüsiert sich köstlich, versucht aber, es nicht zu zeigen. Shona sitzt auf ihrem Tisch und beißt auf ihren Bleistift, während sie versucht, eine Lösung zu finden. Es ist das, was Shona in problematischen Situationen immer tut.

Aus irgendeinem Grund scheint Toby eine »Krisensitzung« einberufen zu haben und ist mit seinem Bürostuhl zu mir herübergerollt, was jede Menge Probleme verursacht, vor allem in meiner Beckenregion, da ich ihn riechen kann. Diesen sauberen Frisch-aus-der-Dusche-Duft, der nur aus Pheromonen gemacht ist und in den sich ein Hauch von frischen, süßen Backwaren mischt. Etwas zum Vernaschen. Da regt sich was zwischen meinen Beinen.

»Den ganzen Sommer«, antworte ich und tue so, als würde ich gewissenhaft meine Mails lesen, während ich mir Toby nackt im Bett vorstelle – und mich, wie ich meinen Kopf in seinem Brusthaar vergrabe.

»Was? Den Juli und den August?«

»Das ist der ganze Sommer, oder nicht?«

Toby zieht die Luft ein. »Oh, Steeley«, sagt er dann und drückt meine Schulter. Das Etwas, das sich zwischen meinen Beinen regt, hüpft jetzt. »Dein Haus mit einer anderen Person teilen? Wie wirst du damit fertig?«

»Nicht sehr gut. Überall liegt Zeug rum.«

»Oh nein, nicht Zeug! Im Haus?«

»Hau ab!« Ich stoße ihn in die Seite.

Shona stöhnt. Arme Shona. Sie arbeitet jetzt schon fast ein Jahr mit Toby und mir zusammen, und die ständige sexuelle Spannung, die sie mit aushalten muss, macht ihr offensichtlich zu schaffen.

»Und was, wenn sie die Symmetrie der Kissen zerstört? Wenn sie den Wasserhahn nicht richtig zudreht? Wenn sie deine Ein-Frau-Rettungsaktion für das Great Barrier Reef verdirbt?«

Ich haue ihm auf den Kopf, während er mich mit seinen swimmingpoolblauen Augen anstrahlt.

»Du bist so gemein! Und heute Morgen hat sie sich in meinem Bad die Haare gefärbt – mein brandneues italienisches Bad war voller violetter Farbe.«

Toby bricht in Gelächter aus. »Verdammt, es wundert mich, dass du es ins Büro geschafft hast.«

»Wie alt ist sie?«, fragt Shona.

»Siebzehn.«

Toby fällt fast vom Stuhl.

»Siebzehn?« Heather, unsere Arbeitsschutzbeauftragte, schwingt herum und seufzt dramatisch, aber wir ignorieren sie alle, weil sie das mehrmals am Tag macht. »Du hast mir nie erzählt, dass du eine siebzehnjährige Schwester hast!«

»Halbschwester«, korrigiere ich.

»Das ist so cool«, meint Shona. »Als Kind hätte ich meine drei Brüder umgebracht, um eine Schwester zu bekommen.«

Toby und ich runzeln die Stirn. Shona sagt oft Dinge, bei denen die Leute die Stirn runzeln.

Toby legt seine Füße auf meinen Tisch. »Und wie ist sie so? Ist sie …«

»Delaney!«

»Mein Gott, Delaney«, stimmt Shona mir zu.

»Was?«, fragt er mit weit aufgerissenen Augen, entrüstet über die Ungerechtigkeit. »Schülerin, wollte ich sagen. Vielen Dank auch, ihr beiden.« Er stößt mit seinem Stift in einen Klumpen Knetkleber. »Für wen haltet ihr beide mich? Ich bin ein verantwortungsbewusster, verheirateter Mann.«

»Nun, da du ja ein so großer Fan von Verantwortung bist, vielleicht solltest du dich freiwillig als Brandschutzbeauftragter melden? Na, Schlaumeise? Was meinst du dazu?«

Unsere »Krisensitzung« – offensichtlich für Toby nur eine Gelegenheit, sich über mich lustig zu machen – wird plötzlich von Heather unterbrochen, die Toby scherzhaft mit ihrem Brandschutzhandbuch auf den Kopf schlägt.

»Fünfzig Mäuse für die ersten drei Freiwilligen und eine Stunde mit mir, in der ich dir zeige, wie es geht.«

»Das, H, ist ein Angebot, das ich kaum ablehnen kann«, sagt Toby, während Heather in ihren Pumps auf und ab hüpft, offensichtlich entzückt über ihren Eröffnungszug. »Aber ich glaube, ich muss diesmal verzichten. Das ist mehr Carolines Ding, nicht wahr, Caroline?« Und dann lächelt er auf eine Weise, dass ich ihn gleichzeitig schlagen und knutschen möchte.

Und so werde ich zu einer der drei Brandschutzbeauftragten des Büros – ich, Heather und Toupet-Dom aus der Buchhaltung. Ich verbringe die nächste Stunde damit, zu lernen, wie man die Feuerlöscher bedient, und sitze in einem besonderen Stuhl, mit dem behinderte Menschen im Notfall aus dem Büro evakuiert werden können, wobei ich von Toupet-Doms Körpergeruch fast ohnmächtig werde. Mehrmals versuche ich, Lexi zu erreichen, aber zu meiner Beunruhigung geht sie nicht ans Telefon, bis endlich gegen Mittag – als ich gerade mit meiner PowerPoint-Präsentation (genauer gesagt mit einer sehr gut gemachten Tortengrafik) beschäftigt bin, in der die Gründe für die Zuwächse der Mundhygiene-Artikel im Asda-Onlineshop dargestellt sind – das Duschszenengeräusch aus Psycho ertönt. Sofort schnappe ich mir das Handy, das auf dem Tisch liegt, aber es zuckt in meiner Hand wie eine lebendige Forelle.

Es ist eine SMS.

Bin in der Stadt. So’n Oldie wollte uns hartes Zeug verticken! WMPL!
C u l8r
DWBH. (Smiley)
Ha ha. Lol. Lex xxxxx

Was?

»Bin in der Stadt« ist alles, was ich verstehe. Also ist sie in der Stadt, aber wo in der Stadt? In Soho? In Shoreditch? Am letzten Ende von Hackney?

Sofort schreibe ich Toby eine Mail. Er hat einen neunzehnjährigen Bruder. Er wird wissen, was sie damit meint.

An: toby.delaney@scd.co.uk
Von: caroline.steele@scd.co.uk
Diese SMS ist von Lexi. Muss ich mir Sorgen machen?
Bin in der Stadt. So’n Oldie wollte uns hartes Zeug verticken! WMPL!
C u l8r
DWBH. (Smiley)
Ha ha. Lol. Lex xxxxx

Fünf Sekunden später ertönt das »Ping« einer neuen Mail in meinem Postfach.

Von: toby.delaney@scd.co.uk
Betreff: Übersetzungsservice von »Die Kids von heute«
Ein alter Knacker wollte ihr Drogen verkaufen. Dabei hat sie sich fast in die Hose gemacht vor Lachen (wet my pants laughing). Sie sagt: Don’t worry be happy!
An: toby.delaney@scd.co.uk
Keine Sorgen machen? Ich STERBE vor Sorge. Ich glaube nicht, dass ich mit dieser Verantwortung für einen anderen Menschen und dieser Zusammenwohnen-Geschichte klarkomme, du hast recht.

Er schreibt zurück.

Von: toby.delaney@scd.co.uk
Entspann dich. Könnte doch lustig werden. Ich fänd’s toll, wenn sich eine Siebzehnjährige den ganzen Sommer über mein Geschwafel kaputtlachen würde. Obwohl mir da noch etwas eingefallen ist. Dir vielleicht auch? Ändert die Tatsache, dass deine Schwester bei dir wohnt, etwas an dem Buchclub? Ich meine, müssen wir uns einen anderen Treffpunkt suchen??!

Ich schreibe zurück.

Das, Mr Delaney, ist das Letzte, worüber ich mir gerade Gedanken mache.

4

Als ich aus dem Büro nach Hause komme, sonnt sich Lexi im Garten. Erst als sie die Ausgabe von Time Out hochhebt, in der sie liest, und mit dieser komisch tiefen Stimme mit mir redet (ich stelle fest, dass sie kaum je normal spricht), fällt mir auf, dass sie oben ohne ist.

»Guten Taaaag. Du bist früh dran. War’s gut im Büro?«

»Ja, gut, danke.« Ich weiß nicht, wo ich hingucken soll, deshalb interessiere ich mich plötzlich für den Türrahmen. »Sehr produktiv.«

»Toll.« Sie lächelt fröhlich. Ihre langen Beine sind auf der Liege ausgestreckt. Sie trägt grellroten Lippenstift und eine riesige viereckige Sonnenbrille. »Und? Wie findest du’s?«

»Was?«

»Na, mein Tattoo, Dampfhirn!« Sie streckt mir ihren rechten Arm hin.

Voller Entsetzen blicke ich auf den Anker (einen Anker?) mitten auf ihrem rechten Oberarm. Ich kann es nicht glauben. Dad wird mich umbringen. Ich habe das überwältigende Bedürfnis, meinen Kopf gegen die Wand zu schlagen.

»Das hast du heute machen lassen?«

»Ja, gefällt es dir nicht? Es sieht aus wie das von Amy Winehouse. Ironisch irgendwie, oder, dieses Matrosensymbol?«

»Wer hat dir das angetan?«

»Ein Tattoo-Künstler hat mir das angetan.« Sie lacht. »Ein sehr attraktiver Tattoo-Künstler, der aussah wie Paolo Nutini, wenn du es genau wissen willst.«

Wer zum Teufel ist Paolo Nutini?

»Wo?«

»Am Camden Market. Es ist voll krass da. Ich hätte ein Vermögen ausgeben können. Und weißt du was? Ich habe einen Job!« Sie stützt sich auf die Ellbogen, und ich muss den Blick abwenden, damit es nicht so aussieht, als würde ich auf ihren Busen starren. »Ich habe diesen Typen namens Wayne getroffen.«

»Wayne?« Ich verziehe das Gesicht. »Unglücklicher Name.«

»Ich weiß, aber er hat den absolut abgefahrensten Laden überhaupt. Na ja, er gehört nicht ihm, sondern seinem Kumpel, aber er arbeitet halbtags dort. Wir sind ins Gespräch gekommen, weil er ursprünglich aus Sheffield kommt und sein Akzent auffällt. Ich sagte, ich sei den Sommer über hier, und er meinte, er bräuchte Hilfe an den Wochenenden und manchmal auch unter der Woche, deshalb …«

»Warte. Wer ist dieser Wayne?«

»Er hat einen Laden am Camden Market, hab ich doch schon gesagt. Und er wohnt in Battersea!«

»Wo?«

»Auf einem Boot, ist das nicht der Wahnsinn? Willst du sehen, was ich mir noch gekauft habe?«

»Ja, sicher.« Ich beschließe, später auf diese Wayne-Sache zurückzukommen; das geht mir alles zu schnell. Also steht sie auf und läuft auf ihren dünnen Storchenbeinen durch den Garten. Sie nimmt meine Hand.

»Komm mit in mein Boudoir«, fordert sie mich auf, was in ihrem breiten Yorkshire-Akzent lächerlich klingt, und ich folge ihr hilflos.

Wir gehen durch das Wohnzimmer.

»Sorry wegen der Unordnung«, entschuldigt sie sich und tritt auf die Kissen, die sie vorher auf den Boden geworfen haben muss. »Ich habe die neuen Sachen anprobiert und wollte gerade aufräumen, als du kamst.«

»Schon gut!«, lüge ich und lege die Kissen hastig wieder zurück auf das Sofa.

Wir gehen ins Gästezimmer.

»Okay, warte hier.« Sie legt ihre Hände auf meine Schultern und schiebt mich an die Wand. Und dann geht sie rein und schließt die Tür, sodass ich zurückbleibe, sie anstarre und mir plötzlich wie eine Fremde in meinem eigenen Haus vorkomme. Fünf Sekunden später ertönt Musik.

»Ta-da!« Sie reißt die Tür auf.

»Nett«, kommentiere ich. »Was genau ist das?«

»Das ist ein Playsuit. Ein echtes Vintage-Stück.« Es sieht aus wie ein enges Unterhemd mit angenähter Hose.

»Und wann würdest du so was anziehen?«

»Immer, zum Einkaufen?«

Nicht, wenn du mit mir einkaufen gehst!

»Wenn ich in einem Café im Battersea Park rumhänge, vielleicht mit hochhackigen Sandalen«, überlegt sie und nimmt eine Pose ein wie die Damen in Badeanzügen auf diesen alten Postkarten aus den Zwanzigerjahren.

»Und ich habe noch die hier …« Sie hält mir ein Paar Schuhe vor das Gesicht. »Und das hier …« Sie setzt einen violetten Filzhut auf.

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