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Liebe kommt vor dem Fall

Liebe kommt vor dem Fall

Jill Shalvis

Knall auf Fall

Aus dem Amerikanischen von Johannes Heitmann

Jill Shalvis

Aus heiterem Himmel

Aus dem Amerikanischen von Johannes Heitmann

Jill Shalvis

Küsse und andere Katastrophen

Aus dem Amerikanischen von Johannes Heitmann

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Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder

auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich

der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Während Suzanne Carter draußen auf der Treppe saß und in der Zeitung die Anzeigen der zu vermietenden Apartments durchsah, dachte sie an ihren letzten Kontoauszug. So sehr sie auch hin und her rechnete, sie kam immer wieder zu demselben Schluss: Sie war so gut wie pleite.

Sie konnte von Glück sagen, wenn sie überhaupt ein Dach über dem Kopf bekäme, an fließend warmes Wasser oder sogar ein Bad mit Wanne durfte sie gar nicht erst denken.

Trotzdem konnte es nur besser werden, denn im Moment hatte sie rein gar nichts. Als sie vorhin von der Arbeit nach Hause gekommen war, hatte sie ihre gesamte Habe vor der Eingangstür des Apartments vorgefunden, das sie zusammen mit ihrem Verlobten bewohnte. Im ersten Moment hatte sie gedacht, das Ganze sei nur ein Scherz.

Aber dann hatte ihr Schlüssel nicht mehr ins Schloss gepasst, und sie hatte gemerkt, dass ihre Lage keineswegs zum Lachen war.

Auf jeden Fall wusste sie jetzt mit absoluter Sicherheit, dass sie für dauerhafte Beziehungen nicht geeignet war. Sie hätte gern ihren Exverlobten, von denen es mittlerweile drei gab, die Schuld am Scheitern der Beziehungen gegeben, aber das wäre nicht fair gewesen. Offenbar gelang es ihr mühelos, einen Mann von Grund auf zu ändern. Suzanne hatte Tim letztendlich so weit gebracht, dass ihm jeden Abend die Tränen in den Augen standen. Immer wieder hatte er sie angefleht, sich ihm gegenüber zu öffnen und mit ihm über ihre Gefühle zu reden. Es war ihr etwas peinlich gewesen, denn eigentlich mochte sie keine Männer, die weinten.

Allerdings hatte Tim ihre Beziehung auch nicht gerade zu retten versucht. Zumindest hatte sie ihn beim Sex mit der Putzfrau ertappt. Im Stehen an der Wohnungstür. Doch daran gab er wiederum Suzanne die Schuld, weil sie ihm durch ihre Verschlossenheit das Herz gebrochen hätte. Er hatte allen Ernstes behauptet, er habe diese Entspannung gebraucht.

Diese letzte katastrophal gescheiterte Beziehung bestärkte sie jedenfalls in ihrer Meinung, dass sie verflucht war und den Männern nur Unglück brachte. Und sie schwor sich, von nun an auf alle Männer zu verzichten, um sie vor ihr zu bewahren. Schade nur, dass niemand sie vor ihrer Wohnungssuche bewahren konnte. Vielleicht hätte sie ja um das Apartment kämpfen sollen, aber wenn sie ehrlich war, wollte sie dort auch gar nicht mehr wohnen. Seufzend nahm sie den Rotstift und kreiste das billigste Angebot ein. In Gedanken hörte sie bereits die vorwurfsvolle Stimme ihrer Mutter. Ja, Mom, dachte sie, ich bin jetzt auf dem besten Weg, vernünftig zu werden.

Alle sagten, Suzanne müsse mehr den Tatsachen ins Auge sehen. Alle, außer ihrem Vater. Von ihm hatte sie diese Unvernunft geerbt. Das behauptete zumindest ihre Mutter.

“Billig, billig, billig”, hieß es in der Anzeige für ein Einzimmerapartment mit Bad. Das klang für Suzanne nicht schlecht, denn sie hatte momentan keine Bleibe, keine Ersparnisse, und als Küchenchef verdiente sie nicht gerade ein Vermögen. Ich muss dieses Apartment haben, dachte sie entschlossen, als sie wenig später in ihren Wagen stieg und losfuhr.

Es war Montagnachmittag, und das South Village brummte vor Leben. Suzanne konnte sich noch gut daran erinnern, dass dieses Viertel am Rand von Los Angeles in ihrer Kindheit verwahrlost und verarmt gewesen war. Doch dann waren die alten Gebäude renoviert worden, und mittlerweile war das Viertel sehr beliebt. Hier wohnten Menschen der unterschiedlichsten Herkunft, und täglich strömten Touristen durch die belebten, bunten Straßen.

Die Szene traf sich in den angesagten Cafés und Restaurants, immer mehr Galerien und Ateliers wurden eröffnet, es gab originelle kleine Läden mit exotischen Waren. Und alles war darauf ausgerichtet, die jungen erfolgreichen Singles in ihren BMWs anzulocken.

Der Motor von Suzannes altem Auto begann zu stottern, als sie vor der angegebenen Adresse hielt und neugierig aus dem Fenster blickte. Schließlich drehte sie den Zündschlüssel herum und stieg aus, um das Haus genauer in Augenschein zu nehmen. Doch so sehr sie sich auch bemühte, sie konnte nichts anderes als ein altes schäbiges Gebäude darin erkennen.

Die Erker, Balkone und Sprossenfenster hatten früher bestimmt einmal reizend ausgesehen, doch jetzt musste man entweder viel Geld für Renovierung hineinstecken oder das ganze Ding einfach abreißen.

Andererseits lag das Haus im South Village, und so war es von bildschönen, makellos renovierten anderen Häusern umgeben. Suzanne wusste genau, dass sie sich die Miete für ein Apartment in einem dieser Häuser auf keinen Fall leisten konnte, doch darum ging es ihr auch gar nicht. Sie wollte der Welt lediglich beweisen, dass sie es schaffen konnte. Sie würde ihr Leben in den Griff bekommen und von nun an keinen Mann mehr am Boden zerstört zurücklassen.

Mit siebenundzwanzig Jahren konnte man das längst von ihr erwarten. “So, dann wollen wir mal”, sagte sie zu dem alten Haus und betrat den schmalen Weg, der durch einen kleinen Vorgarten zum Eingang führte.

Im Erdgeschoss hatte sich früher sicher einmal ein Geschäft befunden, stellte sie fest, als sie die zwei großen Schaufenster zur Straße hin bemerkte, die jetzt allerdings von dem hohen Unkraut, das davor wuchs, halb verdeckt waren.

Das Apartment konnte also höchstens im ersten oder zweiten Stock liegen. Noch während sie hochblickte und sich fragte, ob sie sich womöglich in der Hausnummer geirrt hatte, begann eine der großen Eichen, die das Haus umstanden, zu zittern.

Der Baum erzitterte immer stärker.

Im nächsten Augenblick fiel ein Mann aus den Ästen und landete nicht unweit von ihr auf dem Rasen. Nicht irgendein Mann, sondern ein großer, dunkelhaariger mit schlankem, muskulösem Körper.

Er richtete sich auf und sah in die Krone des Baums hinauf. Dann legte er beide Hände flach gegen den Baumstamm und … drückte?

Suzanne sah fasziniert zu, wie sich seine Rückenmuskeln dabei anspannten. Sie schaffte es einfach nicht, den Blick von ihm abzuwenden.

Dieser Mann wirkte ungemein attraktiv. Suzanne bekam einen trockenen Mund und musste schlucken.

Seine langen, kräftigen Beine steckten in ausgewaschenen Jeans, und das weiße T-Shirt saß ihm eng am Oberkörper. Er sah nicht unbedingt aus wie ein mit Muskeln bepackter Bodybuilder, was sie auch immer übertrieben fand, sondern eher wie ein großer, geschmeidiger Boxer.

Was geht es mich an, wie er aussieht, dachte sie missmutig. Sie war doch mit den Männern fertig. Ein für alle Mal. Noch ein Opfer würde ihr Gewissen nicht verkraften.

Dennoch stand sie mit offenem Mund da und beobachtete ihn, wie er mit aller Kraft gegen den Baum drückte.

Plötzlich drehte er ihr den Kopf zu und lächelte sie an. “Tut mir leid, wenn ich Sie vorhin erschreckt habe”, sagte er, bevor er sich bückte und ein Notizbuch aufhob, das ihm bei seinem Sprung aus der Hosentasche gefallen war. Suzannes Blick heftete sich automatisch auf seinen festen Po.

Hör auf damit, ihn so anzustarren, ermahnte sie sich.

Nachdem der Mann sich etwas notiert hatte, ging er leise vor sich hin pfeifend ins Haus.

Was hatte er gesagt? Hatte er sich entschuldigt? Warum? Dass er wie Tarzan aus der Baumkrone gesprungen war?

Zum Glück ahnte er nicht, dass er sie mehr zum Beben gebracht hatte als diese Eiche. Entschlossen hob sie das Kinn, verdrängte den Gedanken an den Mann und betrat nach ihm das Haus.

“Hallo?” Das Echo ihrer Stimme verhallte im Treppenhaus. Anscheinend war sie allein. Kein toller Baumkerl weit und breit.

Sie lief in den ersten Stock hinauf, und als sie vergeblich die beiden einzigen Türen zu öffnen versuchte, hörte sie Stimmen aus dem zweiten und letzten Stock. Also ging sie eine Treppe höher.

Oben angekommen, stellte sie fest, dass es hier nur ein Apartment gab. Sie betrat einen staubigen leeren Raum, anscheinend das Wohnzimmer. Dieses Zimmer war klein, doch das Fenster zeigte zur Straße und bot einen reizvollen Ausblick. Die Nachmittagssonne beschien den Holzfußboden, und Suzanne erkannte sofort, dass man dieses Apartment geschmackvoll einrichten konnte.

Die Küche war lediglich nur durch eine Theke abgetrennt, und so sah Suzanne auch sofort den Mann und die Frau, die dahinter standen und sich tief über einen Plan beugten. Die Frau blickte hoch, als sie Suzannes Schritte hörte.

Sie war ungefähr in Suzannes Alter, aber damit hörten die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Die Frau hatte ihr wundervoll schimmerndes blondes Haar straff zurückgekämmt und am Hinterkopf kunstvoll hochgesteckt. Wenn Suzanne versuchte, ihr schwer zu bändigendes Haar so zu frisieren, kugelte sie sich dabei fast immer die Arme aus. Die Frau war perfekt geschminkt und elegant gekleidet. Sie wirkte in diesem staubigen Apartment so deplatziert wie eine Prinzessin im Kuhstall.

Suzanne fragte sich gerade, wieso ihre eigene Kleidung immer so schnell zerknitterte, selbst wenn sie vollkommen still dastand, als auch der Mann aufschaute. Schlagartig vergaß sie jeden Gedanken an ihre Garderobe.

Es war der Mann aus dem Baum.

Er sah sie direkt an, und mit einem Mal wirkte der Raum winzig klein. Seine Augen hatten ein warmes Braun und blickten so verträumt, dass Suzanne glaubte, sich darin zu verlieren.

Leider hatte sie den Männern ja gerade erst abgeschworen. Wirklich schade, dachte sie, denn dieser Mann konnte jede Frau zum Schwärmen bringen.

“Hallo”, sagte sie leicht verlegen. “Ist das hier das Apartment, das in der Annonce als …”, sie schlug die Zeitung auf, “… als billig, billig, billig beschrieben wird?”

Die Frau lachte auf. Es klang nicht herablassend, wie Suzanne vielleicht erwartet hätte. Vorsichtig strich sie sich mit ihren manikürten Fingern übers Haar. “Hoffentlich hat Sie das nicht abgeschreckt.”

“Machen Sie Witze?” Suzanne dachte wieder an ihren letzten Kontoauszug. “Es hat mich angezogen wie das Licht die Motte. Wie billig ist es denn genau?”

“Darüber lässt sich reden. Aber vorher …” Die Frau wandte sich an den Mann. “Können wir das morgen besprechen?”

“Dann wird es zu spät sein, Taylor.”

Suzanne hätte sich denken können, dass er eine so tiefe sexy Stimme besaß. Sein Gesicht verriet deutlich jede Gemütsbewegung, und im Moment schien er verärgert. Entnervt rollte er den Plan zusammen.

Die Frau indessen besaß zu viel Stil, um sich ihre Gefühle anmerken zu lassen. “Das hier ist wichtiger. Ich brauche einen Mieter.”

“Sie brauchen zunächst einmal jemanden, der Ihnen diese Bäume stutzt und absichert. Auf der Ostseite kann jeder Einzelne beim nächsten Sturm umknicken, und den soll es übrigens heute Nacht geben.”

“Ryan.” Sie berührte ihn am Arm, und Suzanne hörte, wie der Mann resigniert seufzte.

Suzanne hatte es noch nie im Leben geschafft, einen Mann mit nur einer einzigen Berührung zum Schweigen zu bringen. Schon gar nicht einen solchen Traumkerl.

Liegt das jetzt an der teuren, eleganten Kleidung der Frau oder an ihrer vornehmen Art, fragte Suzanne sich. Etwas beschämt strich sie sich über ihr eigenes Sommerkleid, das nicht nur bieder, sondern auch zerknittert war. Sie trug es, weil es locker fiel und die fünf Kilos, die sie ihrer Meinung nach zu viel auf den Hüften hatte, verbarg. Ich bin ein Opfer meiner eigenen Kochkünste, dachte sie.

“Regen Sie sich doch nicht auf, die Wettervorhersage irrt sich fast immer.” Taylor tätschelte dem Mann versöhnlich den Arm. “Morgen werden wir immer noch entscheiden können, was mit den Bäumen geschehen soll.”

Er schüttelte nur den Kopf, klemmte sich seinen zusammengerollten Plan unter den Arm und kam hinter dem Tresen hervor. In jeder seiner Bewegungen drückte sich sein Unmut aus.

Interessiert beobachtete Suzanne ihn. Die Männer in ihrem Leben hatten ihre Gefühle nie offen gezeigt. Zugegeben, im Moment war da nur ihr Vater, aber auch der hielt mit seinen Gefühlen hinterm Berg. Im Haus der Carters machte man sich über intensive Gefühle eher lustig, und allen Problemen trat man mit Gelächter entgegen. Immer gut drauf und nicht an morgen denken, das war das Motto der Carters. Suzannes Exverlobte hatten ihre Gefühle ebenfalls versteckt, selbst Tim mit seinen großen verheulten Augen hatte ihr nicht gezeigt, wie hinterhältig und gerissen er in Wirklichkeit war.

Und bis gerade eben hatte Suzanne angenommen, Männer wären nun einmal so.

Ryan, der umwerfende Kerl aus dem Baum, nickte ihr kurz zu, als er an ihr vorbei zur Tür ging. Ganz flüchtig berührten sie sich an den Schultern, und entschuldigend verzog er die Lippen zu einem Lächeln.

Es war Suzanne peinlich, aber sie konnte es nicht verhindern, dass ihr Puls zu rasen begann und sie sich fast den Hals verrenkte, um Ryan hinterherzusehen. Anscheinend vermochte sie ihrem Körper nicht so leicht verständlich zu machen, dass Männer für sie tabu waren.

“Er sieht blendend aus, nicht wahr?” Taylor kam um den Tresen herum und trat neben sie.

Dem konnte Suzanne nur zustimmen, aber das behielt sie lieber für sich.

“Und obwohl er viel zu nett ist, um es mir offen zu sagen, weiß ich, dass er jetzt wütend auf mich ist.” Gleichgültig zuckte sie mit den Schultern. “Aber das wird er schon überstehen.”

Beide gingen sie jetzt zur Tür, um noch einen Blick von ihm zu erhaschen, wie er leichtfüßig die Treppe hinunterlief. Das T-Shirt spannte sich um breite Schultern und die Jeans um muskulöse Schenkel und den schönsten Männerpo, den Suzanne je gesehen hatte.

Taylor seufzte anerkennend, ehe sie auf das eigentliche Thema zurückkam. “Also, ich bin Taylor Wellington und habe die Annonce aufgegeben. Möchten Sie jetzt das Apartment?”

Suzanne hatte zwar in Liebesbeziehungen inzwischen drei Mal versagt, aber sie war nicht naiv. “Ich finde, ich sollte mir erst einmal den Rest davon ansehen.”

“Ja, natürlich. Aber denken Sie immer daran, dass es billig ist, okay? Wirklich billig. Hier ist das Schlafzimmer.” Sie drehte sich um und öffnete eine Tür, von der Suzanne angenommen hatte, sie würde zu einem Schrank gehören.

Viel größer als ein Schrank war das Schlafzimmer auch nicht, aber auch hier zeigte ein Fenster zur Straße hin, und Suzanne blickte hinunter auf Geschäfte, Galerien und die zahlreichen Passanten. Das Zimmer war niedlich, und sicher schlief sie hier besser als in ihrem Auto.

Dann entdeckte sie das Schild über dem Geschäft direkt gegenüber. “Eine Eisdiele?”

“Die jeden Abend bis um elf Uhr geöffnet ist.” Taylor nickte. “Klammern Sie sich an diesen Gedanken, wenn Sie jetzt das Bad besichtigen.”

Das Badezimmer hatte Briefmarkengröße. Keine Wanne, stellte Suzanne betrübt fest. Aber wenigstens gab es eine Dusche, ein Waschbecken und einen kleinen Badezimmerschrank.

“Alles funktioniert tadellos”, versicherte Taylor ihr. “Vorausgesetzt, Sie schalten nicht gleichzeitig den Toaster und den Föhn ein. Wenn man hier mal richtig putzt, kann es sogar nett aussehen. Na, was meinen Sie?”

“Wenn die Miete stimmt, dann nehme ich es.”

“Da werden wir uns einig, ganz sicher. Kommen Sie mit mir nach unten, da habe ich die Verträge vorbereitet. Wann würden Sie denn einziehen?”

Suzanne dachte daran, dass ihre gesamte Habe unten in das Auto gestopft war. “Am liebsten sofort.”

Taylor lachte. “Wenn Sie mir zwei Monatsmieten im Voraus zahlen und eine kleine Kaution hinterlegen, bin ich einverstanden.”

Mist. “Wie wichtig ist Ihnen denn die Sache mit der Kaution?”

Taylor sah sie prüfend an. “Sind Sie im Moment etwas knapp bei Kasse?”

“Das kann man wohl sagen.” Vor ein paar Wochen hatte sie ihre Ersparnisse dafür ausgegeben, sich gemeinsam mit Tim eine teure Schlafzimmereinrichtung zu kaufen. Und jetzt behauptete er, diese Möbel seien ein Geschenk von ihr an ihn gewesen. Beim Gedanken an das viele Geld, von dem eine Großfamilie ein ganzes Jahr lang hätte bequem leben können, wurde Suzanne wütend. Dabei hätte sie Tim noch vor einem Monat mit Freude ihren letzten Cent gegeben. “Aber ich habe einen Job”, wandte sie ein. Das stimmte auch. “Hilft das?”

“Auf jeden Fall.” Einen Moment lang dachte Taylor nach. “Auf die Kaution kann ich auch verzichten.”

Zusammen gingen sie die Treppe hinunter – Taylor in ihrer eleganten Garderobe wie eine Prinzessin auf Staatsbesuch in den Elendsvierteln, Suzanne in ihrem geblümten schlichten Kleid, als passte sie perfekt in diese Umgebung.

“Was machen Sie denn beruflich?”, erkundigte Taylor sich.

“Ich bin Küchenchef im Café Meridian.” Das Café lag nur wenige Blocks entfernt, und bei dem Gedanken an ihre Arbeitsstelle wurde Suzanne etwas unbehaglich zumute. Sie hatte zuvor in einem weniger schicken Restaurant gearbeitet, doch als Tims Schwester das Café kaufte, hatte Tim darauf bestanden, dass Suzanne für seine Schwester arbeitete. Hoffentlich ging das jetzt nach der Trennung noch gut, denn wenn sie ihren Job verlöre, hätte sie keinerlei Einkommen mehr, außer aus ihrem Party-Service. Den betrieb sie allerdings nur als Hobby, und so sollte es auch bleiben. Ein eigenes Unternehmen empfand sie dann doch als etwas zu bodenständig.

In Gedanken entschuldigte sie sich dafür sofort bei ihrer Mom.

Genau wie ihrem Vater missfiel es auch Suzanne, echten Ehrgeiz zu entwickeln. Und aus diesem Grund konnte ihre Mom mit ihr genauso wenig wie mit ihrem Dad reden, ohne irgendwann abfällig die Mundwinkel zu verziehen. Ihr Vater war jetzt fast sechzig und versuchte sein Glück immer noch als Komiker, indem er in Clubs und bei kleinen Shows auftrat. Seine persönliche Freiheit war ihm eben wichtiger als materieller Besitz und eine berufliche Karriere.

Suzannes Mutter behauptete immer, ihre Tochter käme ganz nach dem Vater.

Im ersten Stock schloss Taylor die Tür zu einem der beiden Apartments auf und ließ Suzanne den Vortritt. “Hier wohne ich.”

Suzanne durchquerte einen kleinen Flur und blieb in dem leeren Wohnzimmer stehen. Es sah hier kaum anders aus als im Stockwerk darüber, abgesehen von der Tatsache, dass alles sauber war. “Aber hier ist es so leer.”

“Ich bin auch gerade erst eingezogen und lebe vorerst nur im Schlafzimmer. Den Rest habe ich mir für diese Woche vorgenommen.”

“Das Haus gehört Ihnen?”

Taylor strich mit einem beigefarbenen Schuh über den polierten Holzfußboden. Dieser eine Schuh war sicher teurer als Suzannes gesamte Garderobe. “Ja. Seit Kurzem.”

“Verzeihen Sie meine Offenheit, aber Sie sehen doch aus wie aus dem Ei gepellt. Sie wirken so elegant und vornehm, aber ich habe den Eindruck, als hätten Sie im Moment genauso wenig Geld wie ich.”

Seufzend lockerte Taylor die Schultern. “Wie habe ich mich verraten? Weil ich kein Geld für die Pflege der Bäume ausgeben wollte?”

“Sagen wir mal, ein Verzweifelter erkennt einen anderen sofort.”

Taylor musste lachen. “Sie gefallen mir. Also schön, hier kommt die bittere Wahrheit: Ich bin mit dem sprichwörtlichen silbernen Löffel im Mund geboren, habe die besten Schulen besucht, war auf der Brown University, und das alles dank des Schweizer Bankkontos meines Urgroßvaters. Nach dem Studium habe ich ganz Europa bereist. Nur so zum Spaß.”

Suzanne sah sie stirnrunzelnd an. “Dafür bekommen Sie von mir kein Mitleid.”

“Ich weiß, das will ich auch gar nicht.” Taylor hob beschwichtigend die Hände. “Ich gebe zu, dass ich hoffnungslos verwöhnt war. Ich habe keinen einzigen Tag in meinem Leben richtig gearbeitet und musste mir trotzdem niemals Sorgen machen. Dann ist mein Urgroßvater, den ich nur alle paar Jahre mal gesehen habe, gestorben.”

“Wie unangenehm.”

“Aber er hat mir dieses Haus vermacht.”

“Ein Grundstück in bester Lage. Es muss ein Vermögen wert sein.”

“Vorausgesetzt, man steckt vorher ein kleines Vermögen hinein.” Taylor verzog das Gesicht. “Leider hat er mir keinerlei Bargeld hinterlassen. Ersparnisse habe ich ebenso wenig wie einen Job. Also bin ich pleite.”

“Abgesehen von dem Haus.”

“Genau”, stimmte Taylor ihr zu. “Deshalb brauche ich Mieter, denn sonst habe ich nichts zu essen. Sobald die Einnahmen da sind, werde ich mit dem Renovieren anfangen, das verspreche ich Ihnen. Wenn Sie mir dabei helfen möchten, brauchen Sie weniger Miete zu zahlen. Na, wollen Sie das Apartment noch immer?”

Auch als Tochter eines Lebenskünstlers hatte Suzanne gelernt, ihren Verstand zu gebrauchen. “Wieso verkaufen Sie nicht einfach?”

Sofort schüttelte Taylor entschieden den Kopf. “Gleich vor der ersten Herausforderung kneifen? Niemals.”

Suzanne musste lächeln, und ihr wurde bewusst, dass es ihr erstes richtiges Lächeln war, seit sie ihre gesamte Habe im Treppenhaus vor der verschlossenen Tür vorgefunden hatte. “Sie gefallen mir auch.”

Langsam erwiderte Taylor das Lächeln. “Freut mich.” Es klang erleichtert. “Hier sind die Mietverträge. Sie ziehen allein ein, stimmt's?”

“Ja, das stimmt. Ich habe beschlossen, von heute an als Single zu leben.”

“Schön, dann haben wir ja noch etwas gemeinsam.”

“Mir ist es ernst. Ich bin verflucht, was Beziehungen angeht.”

Taylor lachte, doch als sie Suzannes entschlossene Miene sah, wurde sie schlagartig wieder ernst. “Sie … Sie meinen es wirklich.”

Wie zum Schwur hob Suzanne eine Hand. “Wie groß die Versuchung auch immer sein mag, ich werde ihr widerstehen.”

“Einverstanden, da mache ich mit. So groß die Versuchung auch sein mag. Selbst wenn der Kerl auf Bäume klettert und einen Hintern hat, bei dessen Anblick mir die Knie zittern.”

Jetzt musste Suzanne lachen. “Selbst dann”, sagte sie, griff nach dem Stift und unterschrieb den Vertrag.

“Auf uns.” Taylor betastete ihre kunstvolle Frisur und tat mit der anderen Hand so, als höbe sie prostend ein Glas. “Und auf unsere Zukunft. Wir werden es beide schaffen. Auch ohne Männer. Sobald ich es mir leisten kann, kaufe ich uns Champagner, und dann stoßen wir richtig an.”

“Auf uns”, bekräftigte Suzanne. “Alles Gute, Taylor. Viel Glück.”

“Für dich auch, Suzanne.”

Suzanne blickte zur Decke und dachte an ihr neues Apartment. Glück konnte sie jetzt wirklich gebrauchen.

2. KAPITEL

Ryan Alondo beugte sich vor und stützte sich mit beiden Händen an der Duschkabine ab, damit ihm das heiße Wasser über den Rücken laufen konnte. Er hoffte nur, dass er nicht einschlief, während er so dastand, bis das heiße Wasser aufgebraucht war.

Erst als er den Hahn abgestellt hatte und die Kabinentür öffnete, fiel ihm auf, dass weit und breit kein Handtuch zu sehen war. “Angel!”

“Ich weiß, ich weiß, ich habe das letzte saubere Handtuch genommen.” Ein Kichern erklang vor der Badezimmertür. “Tut mir leid.”

Na wunderbar! Ihr tat es leid, und er war splitternackt. Ihm wurde allmählich kalt.

Ein kräftiger Wind fuhr ums Haus, drang durch alle Ritzen und erinnerte ihn daran, was er bei den Hausbesitzern anrichten konnte, die nicht auf seinen Ratschlag hörten, die alten, morschen Bäume vor ihren Grundstücken fällen oder wenigstens absichern zu lassen. Doch dann schob er diesen Gedanken weit von sich. Jetzt wollte er nur noch essen und anschließend schlafen. Mindestens ein Jahr lang. Da nicht damit zu rechnen war, dass ein Handtuch aus dem Nichts auftauchte, streifte er sich die Wassertropfen so gut es ging vom Körper und stieg in die Jeans. Der Stoff klebte ihm an der nassen Haut.

Kaum war er aus dem Bad, erklang Angels Stimme von der Küche her. “Dein Kühlschrank ist leer, aber ich habe eine Dose mit Suppe gefunden. Die habe ich für dich warm gemacht.”

Den Kühlschrank hatte sie selbst zusammen mit ihren Studienkollegen während des gemeinsamen Lernens gestern geplündert. Doch als Ryan in die Küche kam und seine Schwester ihn so lieb anlächelte, behielt er diesen Vorwurf für sich.

“Ich weiß, ich bin eine Plage, und bestimmt kommst du nur schwer damit klar, dass deine kleine Schwester dir die Wohnung durcheinanderbringt.” Angels Stimme klang sanft, während sie Ryan dabei zusah, wie er sich an den Tisch setzte und den Teller Suppe zu sich zog. “Aber Russ und Rafe sind solche Ferkel. In ihrer Wohnung ertrage ich es einfach nicht.”

Ihre beiden Brüder lebten tatsächlich im Chaos, und so nickte Ryan nur, während er aß. Er stand kurz vor dem Hungertod, und dagegen reichte die Suppe sicher nicht aus. Hoffentlich fand er noch etwas anderes Essbares irgendwo in einem der Schränke.

“Am Wochenende hat Lana ihr Apartment endlich fertig, und dann kann ich bei ihr einziehen”, verkündete Angel.

Ryan legte den Löffel hin und sah seine Schwester an. Sie war zwar schon achtzehn, aber er hatte sie praktisch großgezogen, und er konnte sich noch nicht an den Gedanken gewöhnen, dass sie erwachsen war. Er hatte ihr das Lesen beigebracht, wie man einen Baseball schlug, und er war mit ihr auf dem Verkehrsübungsplatz gewesen. Sollte er wirklich zulassen, dass dieses Mädchen zu Lana zog? Lana nahm das Leben etwas zu leicht, hatte ein loses Mundwerk und scheute vor keinem Schimpfwort zurück. “Ich dachte, Lana wohnt mit ihrem Freund zusammen”, sagte er vorsichtig, obwohl er Angel am liebsten verboten hätte, dort einzuziehen.

“Den hat sie rausgeworfen.”

Ryan sehnte sich zwar danach, in seinen eigenen vier Wänden endlich einmal seine Ruhe zu haben, aber was nützten ihm saubere Handtücher und ein gefüllter Kühlschrank, wenn er vor Grübeleien nachts nicht schlafen konnte? “Wirklich?”

“Wirklich.” Spontan kam Angel zu ihm, umarmte ihn von hinten und schmiegte ihre Wange an seine. “Du bist süß, wenn du dir Sorgen machst. Ich hab dich lieb, Ryan.”

Er stöhnte auf. “Oh nein, nicht auf diese Tour! Was willst du von mir?”

Angel lachte auf. “Zur Abwechslung mal gar nichts.”

Ryan verschränkte die Arme vor der Brust und drehte sich zu dem einzigen weiblichen Wesen um, das ihn immer wieder um den kleinen Finger wickeln konnte. “Ganz bestimmt nichts? Oder willst du es mir bloß noch nicht verraten?”

“Ganz bestimmt nichts.” Sie lächelte fast nachsichtig. “Du machst dir um uns drei viel zu viele Gedanken.”

Das war eine Frage der Gewohnheit. Ryans Eltern hatten ihn bekommen, als sie selbst fast noch Kinder waren. Den “besten Unfall meines Lebens” hatte seine Mutter ihn immer genannt. Es hatte Jahre gedauert, bis die beiden sich eine eigene Existenz aufgebaut hatten, und so war Ryan schon dreizehn Jahre alt gewesen, als er Geschwister bekam.

Seine Eltern waren überglücklich über ihre vier Kinder gewesen, doch dann kamen sie vor sieben Jahren bei einem Autounfall ums Leben. Mit fünfundzwanzig war es von da an Ryans Aufgabe gewesen, seine elfjährige Schwester Angel und die zwölfjährigen Zwillinge Russ und Rafe großzuziehen. Und leicht hatten die drei es ihm wirklich nicht gemacht.

“Wir sind keine armen kleinen Waisenkinder mehr”, rief Angel ihm in Erinnerung. “Du kannst ruhig damit aufhören, uns ständig vor der großen bösen Welt beschützen zu wollen.”

Das stimmte wahrscheinlich. Aber nachdem er seine Geschwister ohne größere Katastrophen wie ungewollte Schwangerschaften und Drogenmissbrauch durch die Pubertät gebracht hatte, fühlte er sich immer noch verantwortlich für sie.

Angel gab ihm einen Kuss auf die Wange, ehe sie nach dem Scheck griff, den er für sie bereits auf den Tisch gelegt hatte. “Danke. Das ist dann für die Studiengebühren und die Bücher.”

Ryan aß weiter von seiner Suppe und murmelte etwas Unverständliches. Er war wirklich hundemüde, und ihm fielen schon die Augen zu.

“Ryan, du solltest echt mal ausschlafen. Kein heißes Date heute Abend, okay?” Sie tätschelte ihm wohlwollend den Kopf. “Nicht so wie gestern, meine ich.”

Gestern Abend war er am selben College wie sie gewesen, allerdings lagen seine Unterrichtsräume in einem anderen Gebäude. Ryan stand kurz vor seinem Abschluss in Landschaftsarchitektur, und er konnte es kaum erwarten, das Geschäft mit der Baumpflege an den Nagel zu hängen. Von diesen Zukunftsplänen wussten Angel und ihre Brüder allerdings nichts, und deshalb hielten sie ihn für einen Sexbesessenen, der sich mindestens an drei Abenden pro Woche mit irgendwelchen Frauen traf.

Ryan hätte ihnen die Wahrheit sagen können, denn nachdem er ihnen zuliebe so lange seine eigenen Pläne zurückgestellt hatte, würden sie ihn sicher nach Kräften unterstützen.

Doch er wollte unbedingt etwas ganz allein schaffen und nicht wie üblich in der Gemeinschaft der vier Geschwister. Er liebte sie alle drei, aber er wollte keine Ratschläge über Studienkurse, Studentenleben oder Ähnliches hören. Außerdem hatte es noch einen anderen Vorteil, wenn sie glaubten, er würde ein wildes Liebesleben führen. Dann hörten sie wenigstens allmählich damit auf, ihn mit irgendwelchen Frauen zu verkuppeln. Diese Treffen waren bislang immer schrecklich verlaufen.

“Kein heißes Date”, stimmte er zu. Heute Abend gab es auch keine Kurse, er konnte also tatsächlich einmal ausschlafen.

Als er sich endlich wohlig seufzend ins Bett legte, war er so erschöpft, dass er sofort einschlief.

Um ein Uhr nachts schreckte er allerdings aus dem Tiefschlaf hoch, weil das Telefon klingelte. Im ersten Moment wollte er sofort weiterschlafen, aber dann fiel ihm ein, dass es vielleicht Russ oder Rafe waren, die in irgendwelchen Schwierigkeiten steckten. Oder Angel. “Wehe, wenn es nichts Dringendes ist”, brummte er, als er den Hörer abnahm.

“Ryan?”

“Ja?” Das war weder Ryan noch Rafe. Und auch nicht Angel.

“Hier spricht Taylor Wellington.”

Zum Glück weder Polizei noch Krankenhaus. Nur die Frau mit den alten und maroden Eichen vor dem Haus. Er war tatsächlich verärgert darüber gewesen, weil sie nicht einsehen wollte, wie dringend sie etwas unternehmen musste. Die Kleidung dieser Frau war mehr wert als sein Truck, aber obwohl er seinen Preis schon selbst gedrückt hatte, war sie nicht bereit gewesen, ihm den Auftrag zu geben. “Taylor, ist alles in Ordnung?”

“Nein. Sie haben mich doch wegen dieses einen Baums gewarnt. Der ist gerade umgestürzt, hat das Dach durchschlagen und ist ins Schlafzimmer des obersten Apartments gekracht. Sie müssen ihn wegräumen. Sofort.”

Dieser Baum schien mindestens hundert Jahre alt zu sein, und Ryan hatte sofort erkannt, dass er mit den Wurzeln nur noch schwach im Erdreich verankert gewesen war. “Zum Glück ist das Apartment ja unbewohnt.”

“Irrtum. Heute Abend ist meine neue Mieterin dort eingezogen. Suzanne. Sie haben sie gesehen, als Sie bei mir waren.”

Ryan konnte sich sofort an sie erinnern – rotes Haar, grüne ausdrucksvolle Augen und, so weit man es unter dem weiten Kleid hatte erkennen können, ein wohl proportionierter Körper.

In ihrem Blick hatte er Interesse gelesen, aber in seinem Leben gab es im Moment keinen Platz für noch jemanden, der Ansprüche an ihn stellte. “Ist sie …?”

“Sie ist unverletzt, aber der Baum versperrt ihr den Ausgang.”

“Ich bin schon unterwegs.” Er legte auf und nahm den Hörer sofort wieder ab, um Ryan und Rafe zu wecken. Die Zwillingsbrüder stellten bei solchen Notfällen sein Einsatzteam. Zum Glück waren beide zu Hause.

Als Ryan zu seinem Truck lief, fühlte er sich wieder einmal seinen Brüdern gegenüber wie Mom, Dad, Boss und älterer Bruder zugleich. Für einen einzigen Menschen waren das eindeutig zu viele verschiedene Rollen.

Er fuhr noch kurz bei seiner Firma vorbei, ehe er seine Brüder abholte. Dadurch verlor er zwar fünf Minuten, doch um einen Baum von einem Haus zu ziehen, benötigte er den größeren Wagen mitsamt der gesamten Ausrüstung.

Während er die Fahrzeuge wechselte, ging ein Wolkenbruch nieder, und augenblicklich war er nass bis auf die Haut. Dazu wehte noch immer ein stürmischer Wind.

Als dann seine Brüder bei ihm im Wagen saßen, fuhr er so schnell, wie er nur konnte. Im South Village war zum Glück kein Mensch mehr auf der Straße, und das war selbst zu dieser Uhrzeit ungewöhnlich. Der Sturm hatte anscheinend alle verjagt.

Endlich hielt Ryan vor dem Haus an, und bei dem Anblick, der sich ihm bot, zog sich sein Magen zusammen. Die riesige Eiche hatte tatsächlich das Dach durchschlagen. Es war nur die Ecke des Daches, aber obwohl dadurch wenigstens das Haus seine Stabilität nicht verloren hatte, war jetzt das Schlafzimmer getroffen worden, in dem sich Suzanne befand. Das kleine Fenster war genau wie der Giebel fast vollkommen verschwunden, und die entstandene Lücke wurde jetzt von dem umgestürzten Baum ausgefüllt.

Taylor kam mit besorgtem Gesicht auf den Balkon hinaus, und Ryan ging zu ihr hin und drückte ihr beruhigend den Arm. In ihrem seidenen Morgenmantel sah sie selbst um ein Uhr nachts so adrett aus wie vor zwölf Stunden.

“Die Tür ihres Schlafzimmers ist versperrt.” Taylor zog ihren Morgenmantel enger um sich und blickte zu dem zerstörten Apartment hinauf. “Der Baum liegt so, dass sie nicht hinaus kann.”

“Wir werden sie da schon rausholen.”

“Beeilen Sie sich. Und, Ryan.” Sie hielt ihn zurück, als er sich umdrehen wollte. “Es tut mir leid, dass ich nicht auf Sie gehört habe.”

“Schon gut. Es kommt alles wieder in Ordnung.” Er konnte nur hoffen, dass er damit recht behielt.

Sein Team fing mit der Arbeit an, und als die ausfahrbare Leiter parallel zu dem umgestürzten Baum am Haus hinaufführte, stieg er hoch. Der Regen schlug ihm ins Gesicht, und der Wind pfiff ihm um die Ohren, doch er konnte immer nur daran denken, was die arme Suzanne dort oben durchstehen musste. Von unten beleuchtete Rafe mit einem Strahler seinen Weg.

Ryan hatte jetzt das eingedrückte Stück der Außenmauer erreicht, aber wegen des dicken Stamms und der belaubten Zweige konnte er in das Zimmer nicht hineinsehen. Er reckte den Hals und bemühte sich, wenigstens ein bisschen zu erkennen. Der Baum war quer durch das Schlafzimmer gestürzt und hatte Suzanne bestimmt in eine der hinteren Ecken vertrieben. Gleichzeitig drückten die schweren Äste von innen gegen die Tür. Vorsichtig stieg er von der Leiter und zwängte sich durch das Laubwerk hindurch ins Zimmer.

“Suzanne?”

“Hier!” Es klang kläglich.

Ryan legte sich flach auf den Boden, und es gelang ihm, unter dem mächtigen Stamm hindurchzukriechen. Einige Zweige zerkratzten ihm dabei die Arme und den Rücken, aber das merkte er kaum. Er richtete sich halb auf und blickte sich suchend um. Wo steckte sie denn?

Auf einmal hörte er ein Niesen; es kam aus der äußersten Ecke. Zum Glück ist sie noch am Leben, dachte er erleichtert und bahnte sich zu ihr einen Weg durch Äste und Zweige.

Schließlich schaltete er seine Taschenlampe ein, ließ den Lichtkegel kreisen, und dann sah er sie. Suzanne kauerte am Boden, hatte die Knie angezogen und beide Arme darum geschlungen.

Nachdem er noch über einige sperrige Äste sowie unzählige Glasscherben gestiegen war, hatte er sie erreicht. “Suzanne? Alles in Ordnung?”

Sie nickte nur, während sie am ganzen Körper zitterte. Das weite T-Shirt, das sie trug, war vollkommen durchnässt, und das Haar klebte ihr in Strähnen am Kopf. Ryan kniete sich vor sie hin und begann, ihren Körper nach Verletzungen abzusuchen. Dabei gab er sich große Mühe, nicht auf ihre Brüste zu achten, die sich unter dem T-Shirt deutlich abzeichneten. Der Saum reichte nicht ganz bis zum Slip und gab ihren Bauch frei. Bei jedem Atemzug, den sie machte, erzitterte sie erneut, und er hätte nicht sagen können, ob vor Angst oder Kälte.

Wahrscheinlich stand sie unter Schock. Ohne zu zögern, legte er die Taschenlampe hin, und nahm Suzanne in die Arme.

3. KAPITEL

Suzanne schmiegte sich an Ryans Brust und begann plötzlich vor Erleichterung zu weinen. Obwohl er genauso nass war wie sie, strahlte sein Körper Wärme aus, und sie presste sich immer enger an ihn. Es war ihr vollkommen gleichgültig, dass sie diesen Mann kaum kannte.

Im Moment war sie nur unsagbar dankbar, einen anderen Menschen bei sich zu haben. Sie schloss die Augen und versuchte, nicht mehr auf den Sturm zu hören, der draußen noch immer wütete.

Ein heftiger Windstoß fegte plötzlich durchs Zimmer, und die Glasscherben auf dem Boden klirrten leise.

“Das ist die zerbrochene Scheibe”, sagte Ryan.

Als sie wieder zu zittern begann, setzte er sich etwas bequemer hin und nahm sie auf den Schoß. Mit seinem Körper schützte er sie so gut es ging vor der Kälte, und sie konnte sich nicht erinnern, dass sich schon einmal jemand so rührend um sie gekümmert hätte. Die Gefühle, die sie dabei verspürte, hatten mit Dankbarkeit allerdings nichts mehr zu tun.

“Sind Sie verletzt?” Er klang besorgt. Es musste daran liegen, dass sie sich wie eine dumme Gans benahm.

“Suzanne?”

Immer noch zitterte sie, aber mittlerweile war sie sich sicher, dass es nicht an der Kälte lag. Stumm schüttelte sie den Kopf.

Ryan legte ihr wärmend einen Arm um die Schultern und eine Hand auf den nackten Bauch, ehe er ihr prüfend ins Gesicht blickte. “Sind Sie sicher?”

Sie nickte bloß. Vor Schwäche vermochte sie nicht zu sprechen.

Er wollte sich lieber selbst davon überzeugen, und so hob er die Taschenlampe wieder auf und leuchtete Suzanne von Kopf bis Fuß ab.

Sie sah an sich hinunter. Ihr T-Shirt war so nass, dass es nichts mehr verbarg, und der Slip hatte auch keine trockene Faser mehr. Beide Kleidungsstücke waren außerdem verrutscht, sodass sie kaum noch etwas vor ihm verbargen. Beschämt presste sie die Augen zusammen.

In der Annahme, sie machte das aus Angst, legte er die Taschenlampe wieder weg und umrahmte ihr Gesicht mit beiden Händen. “Ihnen geht es gut, also brauchen wir Sie nur noch hier herauszubekommen. Na, wie klingt das?”

“Gut. Ich hoffe, es klappt.”

“Oh, das wird es.”

Während er sie mit einem Arm festhielt, zog er ein Sprechfunkgerät aus der Tasche und erteilte irgendwelche Befehle. Doch in ihren Ohren dröhnte der Funkverkehr so laut, dass sie kein Wort davon verstand. Erschöpft lehnte sie den Kopf an seine Brust und spürte das Vibrieren seiner Stimme. Seltsamerweise fand sie das unglaublich erotisch. Er riecht gut, mein sexy Held, dachte sie, und er fühlt sich auch gut an.

Wie hatte das alles nur geschehen können? Mitten im Schlaf war sie durch den lautesten Donner, den sie je gehört hatte, geweckt worden. Das nächste Krachen, das kurz darauf folgte, hatte aber nicht von einem Donner gestammt, sondern von dem umstürzenden Baum.

Suzanne war von der Matratze hochgesprungen, die Taylor ihr geliehen hatte, und genau in diesem Augenblick hatte der Baum die Decke und das Fenster durchschlagen.

Wie gelähmt hatte sie dann in der Ecke gehockt und es nicht begreifen können, dass der Baum sie so knapp verfehlt hatte und sie immer noch am Leben war. Dann hatte sie Taylors panische Stimme im Treppenhaus gehört, als sie nach ihr rief.

Und jetzt wurde sie ausgerechnet von dem Mann gerettet, der sie gestern Nachmittag so sehr beeindruckt hatte. Er war der erstaunlichste, stärkste und aufregendste Mann, den es gab.

Andererseits war auch er nur ein Mann.

Ich habe allen Männern abgeschworen, rief sie sich ins Gedächtnis. Allen. Taylor war Zeuge. Dieser Schwur kam ihr jetzt sehr gelegen, denn sonst wäre ihr Entschluss vielleicht ins Wanken geraten, so verführerisch fühlten Ryans feste Muskeln sich an.

Ein Blitz erhellte den Raum, und Sekunden später krachte der Donner. Unwillkürlich zuckte sie zusammen und presste sich so dicht wie möglich an Ryan.

Er strich ihr über den Rücken. “Keine Angst. Wir kommen hier heil heraus, das verspreche ich.”

Sie nickte nur und genoss das beruhigende Streicheln seiner Hand.

“In der Zwischenzeit”, sagte er, “stellen Sie sich vor, Sie wären ganz woanders. Zum Beispiel in Ihrem weichen warmen Bett. Okay?”

Das mit dem Bett konnte sie sich vorstellen, aber nur, wenn Ryan auch mit darin lag.

Nein, nein, nein, sagte sie sich sofort. Denk nicht daran.

“Irgendwo.” Seine Stimme klang betörend. “Suchen Sie sich einen Ort aus, an dem Sie jetzt am liebsten wären.”

Wo sie jetzt am liebsten wäre? “Also”, begann sie und räusperte sich, “wenn ich unter Stress stehe, dann …”

“Dann was?”

“Dann esse ich Eiscreme.”

“Eiscreme?”

“Genau. Im Moment könnte ich eine ganze Eisdiele leer essen.”

Ryan lachte auf. “Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Wenn Sie mir etwas Schokoladeneis übrig lassen, komme ich gern mit. Abgemacht?”

Sie hob den Kopf und blinzelte, um seinen Gesichtsausdruck zu erkennen. Dieser Mann wollte mit ihr Schokoladeneis essen? Das sagte er doch nur ihr zuliebe, oder? “Sie mögen auch Schokoladeneis? Am besten schmeckt es direkt aus der Packung, stimmt's?”

Sein Streicheln war bis jetzt nur tröstend gewesen, doch während sie sich so ansahen, bekam es etwas Verführerisches und Verlangendes.

“Eine schöne Frau lädt mich zum Eisessen ein?” Sein Lächeln verfehlte nicht seine Wirkung, und schlagartig vergaß sie, wo sie war. “Mit Ihnen zusammen würde ich auch aufgespießte Käfer essen.”

Suzannes letzter Verlobter hätte bei der Vorstellung, Eis direkt aus der Packung zu essen, die Nase gerümpft. Ihr erster Verlobter dagegen hätte ihr sofort gesagt, wie viele Kalorien in einer Familienpackung Eiscreme steckten. Dieser Mann dagegen, ihr mutiger Held, war zu allem bereit, nur damit sie ihre Angst vergaß.

Ein Blitzschlag erhellte Ryans Gesicht, kurz bevor der Donner die Wände erbeben ließ. Wieder zuckte Suzanne zusammen, und Ryan fuhr mit seinen Händen an ihren Armen hinauf, ehe er ihr Gesicht umfasste. Mit den Daumen strich er ihr über die Wangen. “Wir verschwinden von hier, ja? Jetzt sofort. Einverstanden?”

Sie sah erschrocken hinter sich zu der riesigen Baumkrone, die das gesamte Zimmer ausfüllte. Durch die Tür kamen sie nicht hinaus, und sie wusste, dass sie sich hier im zweiten Stockwerk befanden. Ryan konnte schließlich auch nicht fliegen, also blieb ihnen nur eine Leiter als Ausweg. Suzanne schluckte und versuchte, sich zu beherrschen. “Ich schätze, wir verschwinden auf dem Weg, auf dem Sie gekommen sind, ja?”

“Stimmt.” Er hob ein paar Zweige an und beleuchtete mit der Taschenlampe den Spalt unter dem Stamm. "Wenn wir da hindurchkriechen, kommen wir nach drei Metern zum Fenster.

Abgesehen von der Tatsache, dass es dieses Fenster nicht mehr gab.

Er schob sie von seinem Schoß, knöpfte sich das langärmelige Hemd auf und zog es aus. Darunter trug er ein dunkles T-Shirt. “Tut mir leid, dass es nass ist, aber es ist immer noch besser als nichts.”

Suzanne streifte sich das Hemd über und war dankbar dafür, dass es ihr bis zu den Schenkeln reichte. Noch dankbarer war sie allerdings, dass sie noch immer Ryans Körperwärme darin spürte.

Er knipste die Taschenlampe aus und steckte sie sich in die Hosentasche. “Ich krieche als Erster hindurch und schiebe die Glasscherben beiseite, so gut ich kann. Bleiben Sie dicht hinter mir.”

Trotz der plötzlichen Dunkelheit erkannte sie Besorgnis in seinem Blick. Das verlieh ihr Mut, und dennoch wünschte sie sich, er würde sie noch einmal in den Arm nehmen. Nur um sie zu trösten. Sie spürte noch seine Finger an ihrer Wange und malte sich aus, er würde ihr damit durchs Haar streichen.

“Suzanne?”

“Alles klar.” Sie antwortete ruhig, damit er nicht meinte, sie würde wieder in Panik geraten. Wenn sie sich jetzt unkontrolliert verhielt, dann lag das nicht mehr an der Katastrophe, sondern nur noch an ihrem Retter.

Dennoch schlug ihr Herz seinetwegen wie wild, und sie ärgerte sich darüber, weil sie solche Gefühle jetzt überhaupt nicht gebrauchen konnte.

Ryan ging auf die Knie, dann nahm er Suzanne bei der Hand und zog daran, bis auch sie sich hinkniete. Als er ihr aufmunternd zunickte, atmete sie tief durch. Er würde bestimmt alles tun, um sie hier heil herauszubringen. Daran sollte sie sich halten.

“Wir sind draußen, bevor Sie es richtig merken”, sagte er, duckte sich und machte sich daran, unter dem Baum hindurchzukriechen. Als in diesem Moment wieder ein Donner das Zimmer erbeben ließ, stieß Suzanne Ryan fast um, so eilig hatte sie es, ihm zu folgen.

“Genau!”, rief er ihr zu. “Bleiben Sie ganz dicht hinter mir.”

Am liebsten hätte sie sich auf ihn gelegt. Während sie sich ganz flach machte und unter dem Baum hindurchzwängte, heulte der Sturm, und das beschädigte Mauerwerk ächzte bedrohlich. Suzanne hatte das Gefühl, als läge ihr Leben buchstäblich in den Händen des Mannes vor ihr.

Panik kann die seltsamsten Empfindungen in einem Menschen auslösen, dachte sie und versuchte, sich abzulenken. Morgen früh sähe sie das alles bestimmt viel nüchterner. Sie würde zur Arbeit gehen wie sonst, und sie würde dafür sorgen, dass sie wieder Geld auf dem Konto hätte. Und als Erstes würde sie sich Möbel davon kaufen. Schöne Möbel.

Wieder krachte ein Donner, und sie erstarrte vor Schreck. Doch Ryan, der sich schon auf der anderen Seite des Zimmers befand, packte sie bei den Armen und zog sie unter den Ästen hervor, bis sie vor ihm kniete.

“Das ist nur Mutter Natur, die etwas schlecht gelaunt ist. Uns geht es gut.”

Ja, dachte Suzanne, hob den Kopf und blickte direkt auf seinen Mund.

Er hatte einen wohlgeformten Mund mit festen, sinnlichen Lippen, und sofort malte sie sich aus, wie es sein mochte, diese zu küssen. Wusste Ryan überhaupt, wie man eine Frau richtig küsste?

Ihr Blick wanderte langsam von seinem Mund zu den dunklen Augen, die wie gebannt auf sie gerichtet waren. Doch, er weiß es ganz genau, stellte sie fest und verspürte ein heißes Kribbeln.

Wieso kamen ihr bloß in solch einer Situation derartige Gedanken? Wie konnte sie gerade jetzt eine solche Lust empfinden? Suzanne begriff sich selbst nicht mehr. Und noch während sie darüber nachdachte, entdeckte sie in Ryans Blick dieselbe Lust und Sehnsucht.

Ein paar Sekunden lang rührte sich keiner von ihnen.

“Sind Sie bereit?”, fragte er schließlich und brach damit den Bann.

Sie schluckte. “Ja, ich bin bereit.”

“Wir klettern einfach durch das Loch in der Wand und steigen die Leiter hinunter.”

Genau, ganz einfach. Durch das Loch und die Leiter hinunter. “Verstanden.”

Der nächste Blitz wurde von einem krachenden Donner begleitet, was bedeutete, dass sich das Gewitter jetzt direkt über ihnen befand.

“Um Himmels willen”, flüsterte sie entsetzt. “Etwas Eiscreme könnte ich jetzt wirklich gebrauchen.”

“Ich wünschte, ich hätte ein Eis für Sie.” Das Echo des Donners hing immer noch in der Luft. “Aber wenn es nur um eine Ablenkung geht, dann kann ich Ihnen das hier bieten.” Spontan zog er sie an sich, und seine Wärme hüllte sie förmlich ein, bevor er die Lippen auf ihren Mund senkte.

Suzanne griff mit beiden Händen in sein Haar. Fast verzweifelt suchte sie in einer Welt, die sich vollkommen aufzulösen schien, nach einem Halt.

Ryans Kuss war wunderbar, und Dunkelheit, Unwetter und Angst verliehen diesem Erlebnis zusätzlich etwas ungeheuer Aufregendes.

Doch dann löste er sich schon wieder von ihr, und sie hätte fast laut protestiert. Als sie hörte, dass er genauso heftig atmete wie sie, musste sie sich zurückhalten, um seinen Kopf nicht wieder an sich zu ziehen.

Gerade hatte sie sich einigermaßen unter Kontrolle, da beugte er sich zu ihr vor und strich leicht mit seinen Lippen über ihre. Ohne zu zögern, erwiderte sie den Kuss und stöhnte laut auf, als er ihn noch vertiefte und mit der Zunge in ihren Mund eindrang.

Eigentlich hätte sie nach den Ereignissen dieser Nacht nichts mehr überraschen dürfen, doch dieser einfache Kuss tat es, indem er sie bis in ihr Innerstes berührte. Schließlich löste sich Ryan von ihr, sah sie verwundert an, und da wusste sie, dass er genauso überrascht war wie sie.

Suzanne war davon überzeugt, dass sie noch lange Albträume haben würde, in denen sie mit kaum etwas anderem bekleidet als mit Ryans Hemd die lange Leiter hinunterstieg. Als sie endlich unten angekommen war, wurde sie von Ryans Team, der entsetzten Taylor und der Feuerwehr, die mittlerweile zur Unterstützung angerückt war, in Empfang genommen.

Es war kaum eine Stunde vergangen, seit sie von dem umstürzenden Baum aus dem Schlaf gerissen worden war.

Taylor war außer sich vor Sorge und bestand darauf, dass Suzanne bei ihr übernachtete. Es gab zwar keinen Strom, aber mit der von Ryan geliehenen Taschenlampe fanden die beiden Frauen den Weg zu Taylors Schlafzimmer. Nachdem Taylor ein paar Kerzen angezündet hatte, bestaunte Suzanne das riesige vergoldete Bett. Mit Antiquitäten kannte sie sich nicht aus, dennoch wusste sie, dass dieses Prunkstück ein kleines Vermögen wert war.

“Ich weiß.” Taylors Stimme klang müde. “Bargeld besitze ich keines, aber trotzdem bin ich nicht arm. Klingt ziemlich unglaubwürdig, stimmt's? Ich könnte den ganzen Kram verkaufen und mit dem Erlös unsere Staatsverschuldung ausgleichen.” Versonnen blickte sie sich im Zimmer um, das vollgestopft war mit Antiquitäten, und Suzanne wurde klar, dass Taylor aus irgendeinem Grund sehr an diesen alten Möbeln hing. “Aber ich habe so viel Zeit damit verbracht, das alles zusammenzutragen, dass ich mich einfach nicht davon trennen mag. Mir bedeutet jedes einzelne Stück sehr viel.”

Sie kreiste mit den Schultern, als wollte sie die sentimentalen Erinnerungen abschütteln, ehe sie an ihren weißen mit vergoldeten Schnitzereien versehenen Kleiderschrank trat und einen eleganten Pyjama aus Seide herausholte.

“Hier, nimm das”, sagte sie zu Suzanne. “Geh aber erst einmal unter die heiße Dusche. Wenn du magst, kann ich dir auch ein Schaumbad einlassen.”

“Nein, nein.”

“Und während du dich aufwärmst, kann ich uns etwas kochen.”

“Taylor.”

“Magst du Cracker mit Käsedipp? Ich habe auch noch eine Flasche Wein, die bestimmt …”

“Taylor, ich werde dich nicht verklagen.”

Es überraschte Suzanne, als Taylor sie auf einmal umarmte und so eng an sich zog, dass sie kaum noch Luft bekam. “Denkst du denn, mir geht es ums Geld?” Ihr Flüstern klang entsetzt. “Du bist meine Freundin, und nur weil ich sparen wollte, wärst du beinahe ums Leben gekommen.”

Etwas verlegen machte Suzanne sich frei. “Deine Freundin?”

“Wir haben uns doch verbündet. Meinst du, ich schließe mit jeder beliebigen Frau einen Pakt, für immer Single zu bleiben?” Unvermittelt wandte Taylor sich ab, trat ans Fenster und starrte in die Dunkelheit hinaus.

“Es tut mir so leid, Suzanne. Ich werde mir niemals verzeihen, was heute Nacht passiert ist”, sagte sie leise.

“Aber es geht mir doch gut, Taylor. Sieh mal.” Sie stellte sich neben sie, rollte die Ärmel von Ryans Hemd auf und zeigte Taylor ihre Arme. Sein männlicher Duft stieg ihr in die Nase und ließ sie wieder daran denken, wie lieb er sie getröstet hatte. “Ich habe nicht einmal einen Kratzer abbekommen.”

“Wirst du jetzt ausziehen?”

“Tja, eine Dachwohnung ohne Dach ist mir ein bisschen zu ungemütlich.”

“Aber neben meinem Apartment ist noch eins frei.”

“Das ist nett von dir. Leider sind diese Apartments hier doppelt so groß, und ich bin sicher, dass ich mir das nicht leisten kann.”

“Doch, weil du dafür keinen Cent mehr als für die Dachwohnung zahlen wirst. Der erste Monat ist natürlich als Entschädigung für heute Nacht mietfrei. Bitte, Suzanne, bleib.”

Die Vorstellung, wieder auf Wohnungssuche gehen zu müssen, behagte ihr nicht. Andererseits wollte sie die Situation auch nicht ausnutzen. “Taylor.”

“Das ist mir wichtig. Du bist mir wichtig, Suzanne.”

Es war schon lange her, seit jemand sich so sehr gewünscht hatte, dass sie blieb. Ihr Vater und ihre Mutter liebten sie, da war sie sich sicher, aber sie hätten sie niemals darum gebeten.

Außerdem ehrte sie Taylors angebotene Freundschaft. “Vielen Dank.”

“Heißt das, du bleibst?”

“Es heißt: Vielen Dank, ich bleibe gern hier.” Sie lächelte verlegen. “Im Moment würde ich in meinem Wagen nachts ziemlich frieren.”

Erleichtert erwiderte Taylor das Lächeln. “Heute Nacht müsstest du dann allerdings in meinem Bett schlafen.”

Als Suzanne das Bad verließ, wartete im Schlafzimmer bereits ein Becher mit heißer Schokolade auf sie.

“Glaub bloß nicht, dass ich das jetzt immer für dich mache”, warnte Taylor sie. “Ich bin eher daran gewöhnt, bedient zu werden, als selbst jemanden zu bedienen.” Sie rutschte an den äußersten Rand des Bettes und ließ Suzanne sehr viel Platz.

Erst als sie sich auch ins Bett legte, merkte sie, wie todmüde sie war. Sie zog sich die flauschige Decke bis zum Hals und seufzte wohlig, weil es so warm war und so bequem. “Es wäre eine Sünde, dieses Bett zu verkaufen. Der pure Luxus.”

“Ich weiß, aber mit dem Erlös für dieses Schlafzimmer und die ganzen anderen Antiquitäten, die ich noch eingelagert habe, könnte ich die Renovierungsarbeiten bezahlen.”

“Noch mehr Antiquitäten? Das ist ja wunderbar.” Suzanne bewunderte Menschen, die geduldig suchten, bis sie etwas fanden, das perfekt zu ihrer Sammlung passte.

“Es ist ein schrecklich teures Hobby.” Taylor klopfte auf das Kopfkissen. “Und ich kann es mir jetzt sowieso nichts mehr leisten. Aber keine Bange. Gleich morgen früh werde ich dir beim Umräumen deiner Sachen in das untere Apartment helfen. Sobald Ryan den Baum entfernt hat, werde ich alle anderen Arbeiten in Auftrag geben. Ich brauche einen Architekten, einen Bauunternehmer und noch andere Handwerker.”

Ryan. Allein beim Klang seines Namens war Suzanne wieder hellwach. Für sie war er nicht mehr der Mann, der aus Bäumen fiel, sondern ein Held. Und genau deswegen musste sie ihm aus dem Weg gehen, sonst brachte er sie noch dazu, ihren Vorsatz zu vergessen, Single zu bleiben. Wenn sie auch noch ihren persönlichen Helden seelisch zugrunde richtete, dann würde sie sich das nicht verzeihen. “Wird er oft hier im Haus sein?”

“Wahrscheinlich die ganze Woche. So lange dauert es, bis er den umgestürzten Baum entfernt und die übrigen gestutzt hat.”

Eine ganze Woche. Würde er wieder in diesem verführerischen Ton mit ihr sprechen, der sie glauben ließ, sie wäre die einzige Frau auf der Welt? Würde er sie wieder mit diesen kräftigen warmen Händen berühren? Oder, noch besser, würde er sie noch einmal so sinnlich küssen?

Jetzt geht meine Fantasie wieder mit mir durch, stellte sie ärgerlich fest. Ich will nicht mehr an ihn denken. Auf keinen Fall. Und ich brauche nichts und niemanden außer mir selbst und meinem Job als Chefkoch.

4. KAPITEL

Es ist nur ein Kuss gewesen, sagte Ryan sich die ganze Nacht, während er sich schlaflos hin und her wälzte.

Dennoch, selbst bei Sturm, Kälte und Regen hatte dieser Kuss ihn erregt.

Natürlich gab es eine ganze Reihe von möglichen Gründen, wieso er sich zu Suzanne hingezogen fühlte. In erster Linie hatte es sicher an dieser ungewöhnlichen Situation gelegen. Suzanne hatte panische Angst gehabt, weil sie bei dem Unwetter in ihrem eigenen Schlafzimmer eingesperrt gewesen war.

Doch insgeheim wusste er, dass diese starke Anziehungskraft, die unleugbar zwischen ihnen bestand, nichts mit den schrecklichen Ereignissen der vergangenen Nacht zu tun hatten. Und auch nicht mit seinem Wunsch, Suzanne beschützen zu wollen.

Schon im Morgengrauen stand Ryan auf. Er konnte es kaum erwarten, sie wieder zu sehen, und weckte sofort sein Team. Was nicht schwer war, weil beide Brüder diese Nacht bei ihm im Wohnzimmer auf dem Sofa schliefen.

Als Ryan das Licht einschaltete, zog sich Russ stöhnend die Decke über den Kopf. “Noch fünf Minuten, Mom”, murmelte er.

Seine Mutter war seit sieben Jahren tot, und Ryan hatte seine Brüder jeden Morgen wecken müssen, damit sie pünktlich zur Schule kamen. Trotzdem redete Russ, der noch immer Schwierigkeiten mit dem Aufstehen hatte, morgens zuerst mit seiner Mutter.

Ryan schlug die Decke zurück. Russ' Zwillingsbruder Rafe war im Laufe der Nacht vom Sofa gefallen und hatte einfach auf dem Fußboden weitergeschlafen.

Ryan stieß ihn vorsichtig mit dem Fuß an. “Es gibt Cornflakes und frischen Kaffee. Beeilt euch, wir haben heute eine Menge Arbeit vor uns.”

“Wir haben uns doch gerade erst hingelegt”, beschwerte Rafe sich.

“Und jetzt stehen wir wieder auf.”

“Donuts wären mir lieber.” Rafe erhob sich vom Boden, wankte schlaftrunken ins Bad, um einen Moment später hellwach den Kopf ins Zimmer zu stecken. “Retten wir heute wieder ein paar hübsche Rothaarige?”

Ryan zog dem bereits wieder eingeschlafenen Russ die Füße vom Sofa. “Der heutige Tag bringt euch nichts als einen riesigen Baum, den wir fällen müssen. Heute sind wir keine Retter in der Not mehr.”

“Oh Mann.” Russ bedeckte sich die Augen mit einem Arm und stöhnte. Im nächsten Moment nahm er den Arm fort und lächelte strahlend. “Hey! Zieh dir heute aber kein T-Shirt unter das Hemd an, ja? Nur für alle Fälle.”

“Wieso?”

“Falls uns heute durch Zufall wieder eine hübsche Rothaarige in durchnässter Unterwäsche über den Weg läuft.” Russ spitzte vielsagend die Lippen. “Wenn du ihr dann kein Hemd leihen kannst, dann …” Er wackelte mit den Augenbrauen.

Ryan riss ihm die Decke weg. “Steh endlich auf, du Widerling. Und dass du das alles so lustig findest, kann ich nicht ganz nachvollziehen. Die Frau hätte sterben können.”

“Ach, Ryan, hör doch auf. Ich hab ja nur Spaß gemacht.” Russ stand auf und reckte sich laut gähnend. “Sie sah nur süß aus. Und wie sie so nass die Leiter herunterkam, da …” Er verstummte, als Ryan ihn wütend anfunkelte. “Schon gut. Ich werde jetzt ganz brav frühstücken.”

“Prima Idee.” Zusammen gingen sie in die Küche, und während Russ sich hungrig an den Tisch setzte, lehnte Ryan sich an den Tresen. Er musste sich erst einmal von dem Bild ablenken, dass Russ in ihm geweckt hatte. Suzanne, wie sie spärlich bekleidet nach ihm die Leiter hinunterstieg.

“Magst du sie etwa?”, erkundigte sich Russ neugierig. “Gestern Nacht schienst du sehr um sie besorgt zu sein.”

“Iss lieber, damit wir endlich an die Arbeit gehen können”, wies Ryan ihn ungehalten zurecht.

“Schon gut, schon gut, du bist heute ja super gelaunt.”

Ryan ärgerte sich ja selbst über seine Gereiztheit, doch er konnte nichts dagegen tun.

Die Gewitterfront war abgezogen, und über Südkalifornien schien wieder wie gewohnt die Sonne. Ryan saß am Steuer und hörte seinen Brüdern zu, die sich über eine Party unterhielten, zu der sie heute Abend eingeladen waren. Im South Village herrschte um sieben Uhr früh noch kaum Verkehr, doch es waren schon zahlreiche Fußgänger unterwegs. Eine Frau joggte in kurzer Hose und einem bauchfreien Oberteil vorbei, und wie auf Kommando drehten Rafe und Russ sich in ihren Sitzen um. Sie stießen sich fast die Köpfe, um die beste Sicht zu bekommen.

“Werdet endlich erwachsen”, knurrte Ryan und wünschte sich, er hätte noch eine zweite Tasse Kaffee getrunken.

“Wenn Erwachsensein heißt, dass wir einer hübschen Frau nicht mehr nachsehen dürfen, dann verzichte ich gern darauf.”

“Sei still, Rafe, und hör auf, ihn noch mehr zu reizen.” Russ blickte Ryan besorgt an. “Was ist denn los mit dir, großer Bruder?”

“Nichts ist los.”

“Du siehst doch sonst auch schönen Frauen hinterher. Und mindestens mit jeder zweiten steigst du ins Bett.”

Das stimmte nicht im Entferntesten. Jedenfalls jetzt nicht mehr. Mit Anfang zwanzig war Ryan auch kein Kostverächter gewesen.

“Du Stier.” Aus Rafes Stimme klang Stolz. “Eines Tages will ich so sein wie du.”

Wenn die beiden wüssten. Ryan musste sich um Aufträge kümmern, damit sie alle etwas zu essen hatten, und abends studierte er. Da blieb ihm nicht mehr viel Energie, um den Stier zu spielen. Meist war er zu müde, um an Sex auch nur zu denken. Und das mit zweiunddreißig. Wirklich traurig. “Es dreht sich nicht alles um Sex.”

“Doch, tut es wohl”, widersprach Russ, und Rafe musste lachen.

Vor Taylors Haus hielten sie an und stiegen aus. Ryan begutachtete zum ersten Mal bei Tageslicht, welchen Schaden der Baum angerichtet hatte. Er stieß einen leisen Pfiff aus. In der vergangenen Nacht hatte er sich in erster Linie nur um Suzanne gekümmert, aber jetzt erkannte er, wie schwierig es werden würde, diesen riesigen Baum aus dem Gebäude zu entfernen. Nachdem er mit seinen Brüdern die Leiter neben dem Baum angelegt hatte, stieg er hinauf, um von oben genauer beurteilen zu können, was zu tun war. Auf halbem Weg blieb er stehen, um sich die Arbeitshandschuhe aus dem Gürtel zu holen und sie anzuziehen. Doch plötzlich hielt er mitten in der Bewegung inne.

Er blickte direkt in das Fenster des ersten Stocks und hatte offenbar das Schlafzimmer vor sich. Dort stand das größte Bett, das er jemals gesehen hatte.

Und darin lagen zwei schlafende Frauen – Taylor und Suzanne.

Suzanne war kein Morgenmensch. Sie hätte sich lieber foltern lassen, als gleich nach dem Aufwachen aus dem Bett zu steigen. Doch nach dem hellen Sonnenstrahl zu urteilen, der ihre geschlossenen Lider traf, würde sie genau das tun müssen, wenn sie pünktlich zur Arbeit kommen wollte.

Nur widerwillig öffnete sie die Augen. Sie sehnte sich nach Kaffee und kalter Pizza, aber eine Frau wie Taylor hatte sicher keine Pizza im Kühlschrank.

Seufzend drehte sie sich auf die Seite und sah jetzt Taylor direkt vor sich, die selbst im Schlaf so perfekt wirkte wie immer. Wie schaffte diese Frau es, sogar im Bett ihr Haar kaum zu zerzausen? Das war doch unglaublich. Wenn sie nicht so großzügig und liebenswert wäre, hätte Suzanne sie mit Sicherheit schon aus Prinzip verabscheut.

Ihr Blick wanderte zum Fenster, doch statt der Häuser von Los Angeles erblickte sie breite Schultern und eine muskulöse Brust und etwas höher genau das Gesicht, das sie die ganze Nacht über in ihren Träumen verfolgt hatte.

Ryan.

Da ihm die Sonne im Rücken stand, konnte sie seinen Gesichtsausdruck nicht deutlich erkennen, aber bestimmt sah er sie dafür umso besser. Ihr Körper reagierte prompt auf ihn mit einem Kribbeln, und zögernd hob sie eine Hand, um ihm zuzuwinken.

Er winkte zurück, und sein jungenhaftes Lächeln ließ sie innerlich aufstöhnen. Dann stieg er weiter die Leiter hinauf, und Suzanne bekam nacheinander einen straffen Bauch, schmale Hüften und endlos lange Beine zu sehen, bevor Ryan schließlich ganz verschwand und sie mit ihren Gedanken allein ließ.

Sie drehte sich auf den Rücken und schloss die Augen. An die Arbeit und den Tag, der vor ihr lag, mochte sie jetzt nicht denken. Nein, lieber an die vergangene Nacht, als sie in Ryans Armen gelegen hatte.

Den Baum zu zerkleinern war körperliche Schwerstarbeit. Ryan bestellte sich deshalb per Handy bei einer Arbeitsvermittlung ein paar Hilfskräfte und hoffte nur, dass die Männer, die kurz darauf kamen, wenigstens schon einmal in ihrem Leben eine Motorsäge in der Hand gehalten hatten.

Wie immer bei solchen schwierigen Jobs, machte er sich Sorgen um Rafe und Russ, aber die beiden zeigten den Arbeitern so geschickt, was sie zu tun hatten, dass Ryan regelrecht Stolz empfand.

Doch sein Stolz bekam einen Dämpfer, als er sich fragte, ob die beiden ihr Studium überhaupt beenden würden. Russ hatte sich ein Semester frei genommen, und Rafe besuchte im Moment nur wenige Kurse.

Er wünschte sich für sie, dass es ihnen einmal besser ging und sie nicht ihr Leben lang Bäume fällen mussten wie ihr Vater. Obwohl die körperliche Arbeit ihnen anscheinend Spaß machte. Seltsam, dachte Ryan. Er hatte das elterliche Geschäft bloß deshalb fortgeführt, damit sie auch weiterhin ein Dach über dem Kopf hatten, doch jetzt gefiel der Job den beiden sehr viel mehr als ihm. Wäre es denn so schlimm, wenn Russ und Rafe das Geschäft übernähmen?

Aus diesen Gedanken wurde er jäh gerissen, als er aus dem Augenwinkel eine rothaarige Frau erblickte, die aus dem Haus trat und schnell zur Gartenpforte lief. Es war Suzanne.

Jetzt überquerte sie mit wehendem Haar die Straße. Heute trug sie einen weißen weiten Rock und eine ärmellose Bluse.

Von ihrem aufregenden Körper war kaum etwas zu sehen, und Ryan gab sich große Mühe, nicht allzu deutlich zu ihr hinüberzustarren. Vergeblich.

“Ertappt!”, rief Rafe und schlug ihm auf die Schulter.

Ryan beachtete seinen Bruder nicht, sondern beobachtete weiter Suzanne, wie sie in ein Auto stieg und in raschem Tempo davonfuhr. “Das ist Suzanne”, sagte er erklärend.

“Ich weiß, wer sie ist. Die sexy Frau, die wir gestern Nacht gerettet haben.”

Sexy? Allerdings, und genau deswegen ging sie Ryan auch nicht mehr aus dem Kopf. Aber es störte ihn, dass Rafe denselben Gedanken hatte.

Suzannes Wagen war schon bald seinen Blicken entschwunden. Anscheinend litt sie unter keinerlei Nachwirkungen von der vergangenen Nacht.

“Ryan?”

“Ja?”

“Aufwachen, sie ist weg.”

Er schüttelte den Kopf. Benahm er sich tatsächlich wie ein liebeskranker Teenager? Noch einen Menschen mit Ansprüchen an ihn konnte er in seinem Leben doch nun wirklich nicht gebrauchen.

Aber wieder einmal musste er zugeben, dass diese Frau ihn anzog, zumindest körperlich.

“Trocken sieht sie auch gut aus”, kommentierte Rafe unbekümmert. “Wie willst du sie bei deinen ständigen Dates eigentlich noch einplanen?” Lachend machte er sich wieder an die Arbeit.

Ja, fragte Ryan sich selbst, wie passt sie in meinen Plan? Gleichzeitig war er jedoch fest entschlossen, sich irgendwie Zeit für sie zu nehmen.

“Ryan?”

Er war immer noch in Gedanken versunken, als er sich zu Taylor umdrehte, die jetzt auch aus dem Haus trat. Das Kleid, das sie trug, war so kurz, dass es jedem Mann den Verstand rauben musste.

“Ich habe gerade mit der Versicherung telefoniert. Also nehmen Sie's mir nicht übel, wenn ich nicht gerade in bester Stimmung bin.”

Ryan nickte. “Dann sind wir ja schon zwei.”

Taylor lächelte und sprach in gelassenem Tonfall weiter. “Darf ich ganz offen sein?”

“Natürlich.”

“Mir ist klar, dass Sie mich wegen der letzten Nacht für einen leichtfertigen Menschen halten müssen.” Er wollte etwas erwidern, aber sie hob eine Hand. “Nein, lassen Sie mich ausreden. Ehrlich gesagt, kann ich mir dieses Haus gar nicht leisten. Ich habe es geerbt, besitze aber keinerlei Kapital, um es zu reparieren. Und obwohl es vielleicht nicht so aussieht”, sie hob resigniert die Schultern, “verfüge ich auch in absehbarer Zukunft über keinerlei Einkommen.”

“Klingt nicht nach pünktlicher Zahlung meiner Rechnung.”

“Ich werde Sie dennoch bezahlen, denn ich habe bereits einen Plan, wie ich an Geld kommen kann. Deshalb fahren Sie bitte mit der Arbeit fort und stutzen Sie auch die anderen Bäume, die Sie nicht für sicher halten. Ende nächster Woche habe ich das nötige Geld zusammen. Ich kann nur hoffen, dass Sie damit einverstanden sind, denn …”

“Schon in Ordnung”, schnitt er ihr das Wort ab, und ihm gelang sogar ein Lächeln.

“Ganz bestimmt?”, hakte Taylor nach.

Die Hälfte seiner Kunden zahlten erst, wenn er ihnen mit einer Klage drohte, da freute Ryan sich über jeden, der überhaupt freiwillig zahlte. “Keine Bange, wir sorgen schon dafür, dass Sie wegen dieser Bäume keine Angst mehr haben müssen. Das Schlimmste ist ohnehin überstanden.”

Taylor drehte sich um und besah sich das Haus, das eine Renovierung so dringend brauchte. Besorgt runzelte sie die Stirn. “Das kann ich wirklich nur hoffen.”

5. KAPITEL

Suzanne fuhr wie betäubt nach Hause. Ich bin arbeitslos, ging es ihr immer wieder durch den Kopf. Wie ist das alles nur so schnell passiert? Mein Leben läuft ab wie in einem schlechten Film, nur mit dem Unterschied, dass ich nicht einfach aufstehen und das Kino verlassen kann, dachte sie in einem Anflug von Sarkasmus.

Als sie vor Taylors Haus anhielt, blieb sie unschlüssig im Auto sitzen. Sie hatte Taylor versprochen, nicht auszuziehen, doch jetzt wusste sie nicht, wie sie die Miete bezahlen sollte.

Der umgestürzte Baum war bereits zum Großteil zerkleinert und der Vorgarten voller Holzstücke und Äste. Die Männer arbeiteten konzentriert, und sofort hatte Suzanne auch Ryan entdeckt.

Selbst aus der Entfernung erkannte sie in seinen Bewegungen und Gesten die Autorität. Energisch gab er Anweisungen, arbeitete selbst aber auch hart. Suzanne konnte kaum den Blick von ihm wenden.

Unvermittelt drehte er sich zur Straße um, und als er sie in ihrem Wagen entdeckte, schenkte ihr ein strahlendes Lächeln, ehe er mit seiner Arbeit fortfuhr.

Ryan. Er trug eine Jeans und ein Baumwollhemd, und seine muskulöse Brust und die kräftigen Arme zeichneten sich deutlich darunter ab. Sein Bauch war flach und fest, ja sein ganzer Körper schien nur aus kräftigen Muskeln zu bestehen, als er sich nach der Kettensäge bückte, um selbst einen starken Ast zu zerkleinern.

Der Stamm der mächtigen Eiche lag jetzt in handlichen Stücken aufgestapelt auf dem Rasen und wirkte harmlos, doch oben im Giebel sah Suzanne das klaffende Loch, wo sich erst gestern noch ihr Schlafzimmer befunden hatte. Es würde lange dauern, bis dieses Apartment wieder bewohnbar wäre. Sie empfand Mitleid mit Taylor, aber im Moment hatte sie selbst auch genug Probleme.

Inzwischen war ihre Benommenheit gewichen, aber dafür empfand sie jetzt ohnmächtige Wut über das, was sie auf ihrer Arbeitsstelle erlebt hatte. Ihre Hände zitterten, als sie ihre Tasche nahm und darin nach dem Handy zu suchen begann. Sie fand einen alten Kugelschreiber, einen Lippenstift, eine Kerze mit Vanilleduft, aber kein Handy. Ärgerlich schob sie die unbezahlte Abrechnung ihrer Kreditkarte zur Seite und auch den Brief, in dem ihr dritter Exverlobter sie anflehte, zu ihm zurückzukommen. Endlich entdeckte sie das Handy und hoffte, dass der Akku nicht leer war.

Das war er nicht, doch dafür bekam sie keinen Empfang. Sollte ihr heute denn überhaupt nichts gelingen? Sie schnappte sich die Tüte mit dem Becher Eiscreme, den sie aus dem Café mitgenommen hatte, und stieg aus dem Auto.

Immer noch bekam sie keinen Empfang zum Telefonieren.

Den Blick fest auf das Display gerichtet, betrat sie den Vorgarten. Dann blieb sie wieder stehen und wartete. Je länger das Handy nicht funktionierte, desto wütender wurde sie. Ihre Ungeduld, die sie mit allen Rothaarigen gemeinsam zu haben schien, wuchs.

Als das Handy endlich piepste und damit einen Empfang signalisierte, tippte Suzanne die Nummer ihres Ex ein und setzte sich auf einen Holzstamm. Während sie sich dann das Handy ans Ohr hielt, nahm sie den Eisbecher samt Löffel aus der Tüte, klemmte ihn sich zwischen die Knie und begann zu essen. Gerade ließ sie sich ihren ersten Löffel Schokoladeneis im Munde zergehen, da meldete sich Tim.

“Suzanne?” Seine Stimme klang freundlich wie immer, und das war auch einer der Gründe gewesen, die sie gestört hatten. Kannte dieser Mann denn keine Gefühle wie Ärger oder Frust?

“Wie kann ich dir helfen?”, erkundigte er sich.

Wie er ihr helfen konnte? Zum Beispiel, indem er langsam und qualvoll starb!

“Tim, ich dachte, wir beide hätten uns in gegenseitigem Einvernehmen getrennt.”

“Tja, weißt du, ich vermisse dich immer noch. Das wird sich auch niemals ändern.”

So ein Blödsinn. Von seiner eigenen Schwester wusste sie, dass er sich statt seiner Putzfrau jetzt die Sekretärin geschnappt hatte. “Wenn das stimmt, wieso hast du dann …?”

“Suzanne? Bist du noch dran? Hallo?”

“Ja! Ich bin noch dran. Tim, du …” Wieder verstummte sie und überlegte, was sie sagen sollte.

“Der Empfang wird ganz schlecht. Hallo? Hallo?”

Verdammt, sie hörte ihn doch ganz klar und deutlich. Suzanne stand auf und ging rückwärts auf die Haustür zu. “Der Empfang ist bestens, das sehe ich am Display”, zischte sie ins Handy. “Also, verrat mir jetzt bitte, wieso du beschlossen hast, mein ganzes Leben zu ruinieren.”

“Das klingt aber etwas sehr dramatisch, findest du nicht?”

“Wie bitte?” Sie lachte laut auf, ganz getreu dem Motto ihrer Familie, lieber zu lachen als zu weinen. “Nein, das finde ich nicht. Aber wenn du möchtest, kann ich gern dramatisch werden.” Sie unterbrach sich erneut, aber dieses Mal, um sich einen großen Löffel voll Eis in den Mund zu schieben. Der herrliche Geschmack ließ sie fast aufstöhnen, doch sofort riss sie sich zusammen. “Warum hast du mich feuern lassen?”

“Ach so, das meinst du. Weißt du, es war für mich zu schmerzvoll, zu wissen, dass du im Restaurant meiner Schwester arbeitest. Ich hätte nicht mehr dort hingehen können, ohne an unsere Trennung erinnert zu werden. Deshalb habe ich jemanden gesucht, der für diesen Job besser geeignet ist. Das ist alles.”

“Was, einen besseren Chefkoch als mich? Wer ist es?”

“Eine Frau, die mich so lieben wird, wie ich es verdiene.”

Suzanne verzog das Gesicht. “Tim, was hat das denn mit Kochen zu tun?”

“Sie ist meine neue Freundin und so verliebt, dass sie alles für mich zu tun bereit ist.”

Nein, sie konnte sich nicht länger beherrschen. Ihr Temperament ließ sie jede Verhaltensregel der Carters vergessen. “Du bist ein Schwein! Du hast mich feuern lassen, damit deine neue Flamme zu ein paar sexuellen Gefälligkeiten bereit ist?”, schrie sie ins Handy.

“Nein, ich habe dich feuern lassen, um ein paar sexuelle Gefälligkeiten zu bekommen, zu denen du niemals bereit warst”, entgegnete er ruhig. “Mir wurde erst jetzt klar, wie wenig wir in dieser Hinsicht zueinander passten.” Er machte eine Pause, ehe er hinzufügte: “Vielleicht solltest du mal eine Therapie machen, Suzanne.”

Sie legte den Kopf in den Nacken, blickte in den blauen Himmel und zählte bis zehn. “Ich brauche keine Sexualtherapie.”

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