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Liebe kann man nicht planen, Casanova!

1. KAPITEL

Weihnachten war wie jedes Jahr ein Fest für Handel und Kommerz. Und natürlich war es auch ein besonderer Tag für Familien. Für manche war Weihnachten aber auch einfach nur eine Farce.

Ganz Hongkong erstrahlte in der Vorweihnachtszeit im Licht unzähliger Neondekorationen, und das Geld saß den meisten Menschen lockerer als sonst in der Tasche. Ruby Maguire wusste das nur zu gut aus eigener Erfahrung, denn sie lebte bereits seit sechs Jahren in Hongkong. Eigentlich hätte es deshalb für sie ein Leichtes sein müssen, für die Kinder eines führenden Investmentbankers eine passende Weihnachtsüberraschung zu organisieren.

Einen Ausflug ins Hongkong Disneyland oder in den Ocean Park zum Beispiel. Das riesige Hologramm eines Weihnachtsbaumes in Glas. Oder sonstige ausgefallene Geschenke, so viele, dass die Kinder nicht wüssten, mit was sie zuerst spielen sollten. Das Größte wäre natürlich, wenn ihr Vater sich tatsächlich einmal einen ganzen Tag freinehmen und mit ihnen verbringen würde.

Allerdings waren die Kinder von Mr West mittlerweile groß geworden. Seine persönliche Assistentin hatte bereits durchsickern lassen, dass der Älteste wohl in diesem Jahr gar nicht dabei sein würde. Die Zweitälteste erholte sich gerade von einer schweren Verletzung, die jüngere Tochter war ein öffentlichkeitsscheues Genie und der jüngste Sohn wohl eine Mischung aus Schlitzohr, Charmebolzen und James Bond.

So viel zu der Idee mit Disneyland …

Ruby hatte sich statt auf die Geschenke deshalb erst einmal auf Russell Wests Villa konzentriert. Sie hatte den eleganten Marmorbau mit den erlesensten Gegenständen geschmückt und festlich herausgeputzt. Natürlich fehlte es nicht an frischen Blumen, allem voran an weißen Orchideen. Auch klassische rot-grüne Weihnachtssterne schmückten das Haus. Ruby hatte überall Kerzen aufgestellt, die nur darauf zu warten schienen, endlich angezündet zu werden und eine festliche Atmosphäre zu verbreiten.

Ein architektonisches Highlight der Villa war der kleine Bach, der in einer gläsernen Rinne durch die Empfangshalle floss. Er plätscherte am Fuße der mächtigen Treppe entlang bis hinaus auf die Terrasse. Ein Kleinod! Für dieses Bächlein hatte Ruby wunderschön gemusterte Goldfische besorgt, die sich in ihrem neuen Zuhause sehr wohl zu fühlen schienen.

Auf der Terrasse fehlte eigentlich nur noch eine singende Grille in einem Bambuskäfig, was in China seit Jahrhunderten so üblich war. Aber das wäre dem Australier Russell West dann doch eine Spur zu weit gegangen. Statt einer Grille hielt er sich lieber einige Singvögel, deren Melodien ihn nicht minder verzauberten.

Heute war schon der 22. Dezember. Bereits morgen sollten die drei jüngeren West-Kinder anreisen. Sie würden alles so vorfinden, wie sie es gewohnt waren: Perfekt hergerichtete Zimmer, festliche Dekoration in der ganzen Villa, und für den Fall, dass sie außer Haus speisen wollten, hatte Ruby rechtzeitig in den besten Restaurants der Stadt Tische für sie reserviert.

Ruby war weder Hausmädchen noch Köchin, obwohl auch dergleichen Tätigkeiten ab und an zu ihren Aufgaben zählten. Sie sah sich eher als so etwas wie Mr Wests rechte Hand in gesellschaftlichen Dingen. Dies umfasste unter anderem das Verfassen seiner Dinner-Reden, die Berichterstattung über Neuigkeiten aus Hongkongs Oberschicht und das Organisieren seiner gesellschaftlichen Verpflichtungen, sodass diese möglichst angenehm und stressfrei vonstattengingen.

Mr Wests großzügiger Bonus dieses Jahr zeigte Ruby, dass er wohl recht zufrieden mit ihrer Arbeit war.

Ihr letzter Auftrag war es gewesen, Weihnachtsgeschenke für die Kinder seiner Untergebenen zu besorgen. Diese Aufgabe hatte Ruby sehr viel Freude bereitet. Sie liebte es einfach, andere zu beschenken. Außerdem hatte sie auch gleich ein Verzeichnis angelegt, das die Namen, Geburtstage und besonderen Interessen der Ehefrauen und Kinder aller Angestellten enthielt. Auf eigene Faust hatte Ruby dann noch solch ein Verzeichnis für Mr Wests sonstige Geschäftskontakte angelegt – ob er es jemals gebrauchen würde, war allerdings eine andere Frage.

Denn nicht einmal die Geschenke für seine eigenen Kinder hatte Russell West selbst besorgt. Auch hierfür war Ruby zuständig. Und genau das bereitete ihr im Moment Kopfzerbrechen. Sie hatte nur noch etwa 24 Stunden Zeit, und Mr West hatte ihr weder den preislichen Rahmen genannt, noch hatte er sonst irgendwelche Hinweise gegeben.

„Keine Ideen“, murmelte Ruby, während sie den Kasten französisches Mineralwasser auf dem Küchenboden abstellte und die Flügeltüren zur Terrasse heraus öffnete. Sie ergriff ein Paar dünne Kunststoffhandschuhe und ging damit hinüber zum Vogelkäfig.

Es handelte sich hierbei nicht etwa um einen winzigen, verschnörkelten Bambuskäfig, sondern um eine große, prachtvolle Voliere. Darin gab es jede Menge Äste und kleine Büsche, Nest- und Futterplätze, und der komplette Boden war mit Zeitungen ausgelegt, die Ruby täglich wechselte.

Die meisten Gäste waren ganz begeistert von den kleinen Vögeln, die freudig ihre Lieder sangen. Und auch Ruby und ihr Arbeitgeber genossen es, dass die Tiere so viel mehr Platz hatten, als es hierzulande üblich war.

„Es sollte ein Gesetz geben, das vorschreibt, dass ein Vater die Weihnachtsgeschenke für seine Kinder selbst kauft!“, schnaubte Ruby vor sich hin und machte sich daran, den Käfig zu reinigen. Die kleinen Gangesbrillenvögel kamen ans Gitter geflogen, um sie zu begrüßen. „Was ist daran bitte schön so eine große Sache?“

„Aber hallo!“ Ruby fuhr erschrocken herum, als sie eine amüsierte Männerstimme aus Richtung der Küche hörte. Ihre Augen weiteten sich bei dem Anblick, der sich ihr bot. In der offenen Terrassentüre stand ein Mann, bekleidet mit nichts als einem schneeweißen Handtuch um die Hüften. Am unteren Ende seiner knappen Garderobe kamen zwei wohlgeformte Oberschenkel zum Vorschein, oberhalb des Handtuchs ein durchtrainierter Oberkörper mit breiten männlichen Schultern. Ruby schluckte und stand aus ihrer gebückten Haltung auf, das schmutzige Zeitungspapier zerknüllte sie fest in der Hand.

„Wer sind Sie?“

„Genau die Frage wollte ich auch gerade stellen“, antwortete der Mann mit einem Grinsen, das Ruby tatsächlich auf dumme Gedanken brachte. Schnell riss sie sich zusammen und kam ihm mit ihrer Antwort zuvor: „Ich bin Russell Wests Assistentin in gesellschaftlichen Dingen.“ Ruby versuchte das verschmitzte Lächeln ihres Gegenübers zu ignorieren. „Und Sie sind sicher einer seiner Söhne, stimmt’s? Ich frage mich nur, welcher …“

„Und was, wenn ich der Poolboy wäre?“

„Nun, ich habe keinerlei Zweifel daran, dass Sie Ihre Sache gut machen würden“, entgegnete Ruby, „allerdings gibt es hier keinen Pool!“ Sie grinste. Dann musterte sie sein fein geschnittenes Gesicht. „Ich weiß nicht … sind Sie jetzt der seines Jobs überdrüssig gewordene Geheimdienstoffizier oder der skrupellose Draufgänger?“ Schnell schickte Ruby ein Lächeln hinterher, immerhin war sie sich sicher, dass einer der Söhne ihres Chefs vor ihr stand.

„Ich habe noch nie erlebt, dass jemand eine Beleidigung derart geschickt in ein Kompliment verpacken kann“, antwortete der Mann anerkennend. „Sie müssen ja eine Menge Übung darin haben.“

„Sie sind Damon, der Jüngste!“ Jetzt war sich Ruby sicher. Sie warf das Zeitungsknäuel in den Komposteimer und streifte die Handschuhe ab. Dann streckte sie ihm ihre Hand entgegen. „Mein Name ist Ruby Maguire. Über Weihnachten kümmere ich mich hier um alles.“

„Freut mich!“ Damon hatte einen angenehm festen Händedruck. Nicht so, dass er ihr gleich die Hand zerquetschte, sondern vielmehr so, als wüsste er mit seinen Kräften umzugehen. „Wie gefällt Ihnen Ihr Job?“

„Ganz okay“, entgegnete Ruby lässig. „Übrigens werden ihre beiden Schwestern erst morgen erwartet. Und Ihr Bruder wird wohl gar nicht kommen, aber vielleicht wissen Sie das ja genauer?“

Ein Schatten schien über Damons ansonsten so entspanntes Gesicht zu huschen. Er zuckte nur mit den Schultern. Ruby ging nicht weiter darauf ein. Sie war als Einzelkind aufgewachsen, hatte allerdings ein paar ältere Stiefgeschwister, denen sie aus dem Weg zu gehen pflegte. Familiengeschichten waren nicht gerade ihre Stärke, und schon gar nicht wollte sie sich in irgendwelche Geheimnisse der Familie ihres Chefs einmischen. „Ich nehme mal an, Sie haben sich schon häuslich eingerichtet?“ Es gab sechs Schlafräume in der Villa, jeder mit einem eigenen Badezimmer. „Sie sind ja nicht zum ersten Mal hier und brauchen keine Führung durchs Haus, oder?“

„Nein, nein.“

„Kaffee?“ Ruby betrat die chromglänzende Küche und sah ihn fragend an.

„Ja, gerne. Oder Espresso, wenn möglich?“

„Kein Problem.“

„Und, Ruby … wohnen Sie hier?“, fragte Damon plötzlich mit einem etwas zu vertraut klingenden Ton in der Stimme.

„Eher nicht. Niemand wohnt hier im eigentlichen Sinn. Auch ihr Vater kommt nicht oft hierher und bleibt nur ab und zu über Nacht. Ich kümmere mich um die Vögel und seit Neuestem um die Fische, ich gieße die Blumen, bringe Wäsche in die Reinigung, fülle den Kühlschrank wieder auf und richte die Zimmer her, wenn Besuch kommt.“

„Und war das schon immer so?“

Ruby sah ihn überrascht an. „Nein. Es gab auch einmal ein anderes Leben. Da habe ich Jura studiert und mich anschließend durchs Gesellschaftsrecht gearbeitet. Bis zu dem Tag, an dem mein Vater, der Investmentbanker, beschloss, auf die Kaimaninseln zu fliehen. Für ihn war das eine tolle Lösung, denn die Gefängnisse hier sind ja berüchtigt.“ Rubys Stimme klang, als würde sie übers Wetter plaudern. „Zucker oder Süßstoff?“ Sie öffnete eine Schranktüre.

„Sie sind Harry Maguires Tochter?“ Damons Kinnlade war heruntergeklappt.

„Erwischt.“ Ruby platzierte Zucker und Süßstoff auf der Arbeitsplatte zwischen ihnen und fragte sich, was dieser Mann nur an sich hatte, dass sie so freiheraus von sich erzählte. „Ich hätte nicht gedacht, dass Sie sich mit Finanznachrichten befassen?“

„Meine Liebe, Ihr Vater hat 872 Millionen US-Dollar veruntreut und sich danach aus dem Staub gemacht. Das hat nicht nur die Finanznachrichten dominiert! Ihr Vater ist ein Supergangster!“ Er sagte das mit einem Anflug von echter Bewunderung. „Wo steckt er denn jetzt?“

„Nun, das ist die 872-Millionen-Dollar-Frage“, entgegnete Ruby und fügte nachdenklich hinzu: „Ich habe tatsächlich keine Ahnung.“

„Hattet ihr nicht so ein enges Verhältnis?“

„Doch, sehr sogar. Mein Vater war mein einziger richtiger Verwandter. Ich bin zu zweit mit ihm aufgewachsen – inklusive einer Unzahl an Kindermädchen, Butlern, Köchen, Hauslehrern. Ich habe seine Arbeit sehr geschätzt. Jetzt tue ich das nicht mehr.“

„Weil er das Gesetz gebrochen hat? Oder weil er dich verlassen hat?“, fragte Damon vorsichtig. Ruby sah ihn an und fragte sich, was sie davon halten sollte, dass er sie plötzlich duzte. Dann sah sie ihn richtig an und bemerkte, dass er sich wirklich für ihr Problem interessierte. Er war nicht mehr der strahlende Sonnyboy von vorhin.

„Das Gesetz zu befolgen ist manchmal nicht leicht.“

„Du sagst es.“ Damon lehnte sich so weit vor über die Küchentheke, dass er fast ihren Arm berührte.

Es war nicht leicht für Ruby, nicht auf Damons Mund zu starren, nicht seinen Blick zu erwidern, der geradezu dazu aufforderte, mit ihm auf sein Zimmer zu gehen.

„Hast du schon irgendwelche Pläne für deinen Aufenthalt hier?“, fragte sie schnell, denn es wurde dringend Zeit, das Thema zu wechseln.

„Hättest du eine Idee?“

„Oh ja. Du könntest mir helfen, Weihnachtsgeschenke für deine Schwestern zu besorgen.“

Damon wich erschrocken zurück, und Ruby lachte übers ganze Gesicht. „Hast du wirklich gedacht, ich frage den heiß geliebten Sohn meines Chefs, ob er mir bei meiner Arbeit hilft?“

„Ich bin nicht heiß geliebt.“

„Ich denke schon. Du müsstest mal hören, wie dein Vater von dir spricht. Mit einer Mischung aus Liebe und Enttäuschung, Stolz und Anerkennung. Ich muss zugeben, Liebe und Enttäuschung findet man bei den meisten Vätern. Stolz und Anerkennung hingegen von einem der erfolgreichsten Banker der Welt, das ist schon nicht schlecht. Frage mich, womit du dir das verdient hast?“

„Kein Kommentar. Wenn er tatsächlich so positiv von mir denkt, wollen wir es dabei belassen. Und was das Weihnachts-Shopping mit dir betrifft, ich bin dabei! Gib mir nur fünf Minuten, um mir etwas anzuziehen.“

„Ja, das wäre wohl nicht verkehrt … Lass dir aber ruhig Zeit, ich brauche noch mindestens 15 Minuten hier.“

Ruby schob den fertigen Espresso über die Theke zu Damon, woraufhin dieser rasch seine Hand ausstreckte und an ihren Fingern entlangstrich. Seine Berührung löste bei Ruby eine heftige Gänsehaut aus. Ein Kribbeln, das sich blitzschnell in ihrem ganzen Körper ausbreitete. Was hatte das bitte zu bedeuten? Erschrocken zog sie ihre Hand zurück.

Natürlich hatte sie in ihrem Leben schon Verlangen verspürt, tiefe Begierde und Lust. Aber von solch einer unbedeutenden Berührung? Ruby war verwirrt. Das durfte sie nicht zulassen.

„Was ist?“ Damon schmunzelte. „War der Kaffee zu heiß?“

„Nicht unbedingt der Kaffee …“ Ruby seufzte. „Damon, ich will es gleich ganz deutlich sagen: keine Berührungen, okay? Kein Flirten. Und auch keine persönlichen Fragen mehr. Ich habe meine Gründe dafür.“

„Du meinst doch wohl nicht meinen Vater? Er braucht davon ja nichts zu wissen.“

„Damon? Das kann wohl nicht dein Ernst sein. Dein Vater kennt sich vielleicht nicht aus mit den Interessen und Hobbys seiner Geschäftspartner – aber er hat schon zwei Augen im Kopf. Und die amourösen Eskapaden seiner Kinder bleiben einem Mann wie ihm sicher nicht verborgen.“

Ruby Maguire war eine Wahnsinnsfrau, da war sich Damon sicher, als er mit seinem Espresso in der Hand zurück zu seinem Zimmer schlenderte. Sie war ein verwöhntes Oberklassemädchen. Reich, gut erzogen und zurückhaltend, dabei aber auch frech und widersprüchlich: in seinen Augen die pure Verführung. Und dessen war Ruby sich auch noch selbst bewusst.

Es konnte gar keinen besseren Zeitvertreib für ihn geben.

Nichts würde ihn besser von den Sorgen um seinen fehlenden Bruder und seine verletzte Schwester ablenken, nichts konnte ihm das scheinheilige Weihnachtsfest besser versüßen.

Damon warf sein Handtuch achtlos aufs Bett und begann in seinem Kleiderschrank zu stöbern. Hier im Haus hatte er nur eine kleine Auswahl an Kleidung, genau das, was seinem Vater gefiel. Er wählte ein weißes Baumwollhemd und einen steingrauen Nadelstreifenanzug. Maßgeschneidert, natürlich. Dazu legte er die teure Sportarmbanduhr an, die ihm seine Schwestern zum letzten Weihnachtsfest geschenkt hatten. Alles in allem Stücke, die dem Stil des Hauses entsprachen und seinen Vater standesgemäß repräsentierten. So pflegte es Damon immer an Weihnachten zu halten. Sein Vater stellte dann keine weiteren Fragen darüber, wie Damon das restliche Jahr verbrachte.

Was für ein Typ Rubys Vater wohl gewesen war, bevor er in Ungnade fiel? Damon warf den Anzug aufs Bett und schlüpfte in sein Hemd. Reich waren die Maguires schon vorher gewesen, wenn er sich recht erinnerte. Alter New Yorker Bankadel. Einflussreich. Nötig hatte er das Geld wohl kaum gehabt.

Vielleicht war er einfach gelangweilt gewesen.

Und Ruby? Die war auf alle Fälle völlig überqualifiziert für ihre hiesige Position. Sie war es gewohnt gewesen, mit den großen Firmenbossen zu verhandeln und hatte angefangen, sich ihre eigene Karriere als Juristin aufzubauen. Sicher könnte sie trotz ihres kriminellen Vaters auch anderswo unterkommen und war nicht auf den Job bei seinem Vater angewiesen.

Diese Überlegung ließ Damon lächeln, kam sie doch seinen Verführungsplänen sehr entgegen.

Gut, sie hatte ihm Berühren, Flirten und Fragen verboten. Aber von gut aussehen und gut riechen hatte Ruby nichts gesagt.

Ihr Problem.

Damon ging ins Badezimmer und betrachtete die Fläschchen und Flakons auf der gläsernen Ablage. Bulgari, Versace, Burberry, Kiton oder Gucci? Jetzt musste er sich entscheiden. Ehne, mehne, muh … Für Ruby hingegen hatte er sich längst entschieden. Mit ihr wollte er sich eine Weile austoben, seinen Spaß haben.

Die Wahl fiel auf Gucci.

Damon fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, schlüpfte in seine Schuhe, steckte seine Brieftasche ein. Von ihm aus konnte es losgehen.

Er entdeckte Ruby in der großen Empfangshalle, wo sie gerade dabei war, einen Porzellannikolaus zwischen zwei ausladenden Farnen zu arrangieren. „So“, kommentierte sie ihr Werk, „jetzt kann der Weihnachtsmann auch ein bisschen Tropenluft schnuppern.“

Ruby drehte sich zu ihm um und schien in keiner Weise von seiner Aufmachung überrascht zu sein.

Doch dann atmete sie tief ein und schloss lächelnd die Augen.

„Gucci number one“, strahlte sie, „da werden Erinnerungen wach.“

„An einen ehemaligen Liebhaber?“

„Nein, an meinen Großvater“, verbesserte sie ihn fröhlich.

Diese Frau konnte ganz schön am Ego eines Mannes kratzen. Doch Damon liebte derartige Herausforderungen.

„Fertig?“, wollte sie von ihm wissen und eilte fast lautlos auf eine riesige Umhängetasche zu, die sie wohl beim Hereinkommen im Flur abgelegt hatte. Ihre flachen Lederballerinas passten in Damons Augen so gar nicht zu der engen grauen Hose und dem leuchtendvioletten Seidenoberteil, das Ruby trug. Die Bluse war ärmellos und hatte einen breiten bestickten Kragen – sie sah sehr nach Haute Couture aus. Und als könnte Ruby Gedanken lesen, öffnete sie einen der Garderobenschränke und entnahm ihm ein paar schwarze Riemchen-Stilettos.

„Ich mag es nicht, wie die Absätze auf dem Marmorboden klackern“, erklärte sie. „Das ist weder elegant, noch bleibt man damit unbemerkt. Nicht, dass das hier von Bedeutung gewesen wäre. Dein Vater war bestimmt kein Schürzenjäger.“ Sie stellte die Alarmanlage an. „Und das ist doch mal ein erfreulicher Unterschied zwischen ihm und den meisten anderen Männern.“

„War dein Vater denn ein Frauenheld?“, wollte Damon wissen.

„Oh ja. Für ihn war die Liebe nur ein Spiel. Alles war für ihn nur ein Spiel. Und da war es egal, ob er einem anderen Mann die Frau wegnahm – oder eben ein paar Millionen veruntreute.“

„Und welche Rolle spielte deine Mutter dabei?“

„Die lebt glücklich in Texas und ist mit einem reichen Ölbaron in dritter Ehe verheiratet. Der zweite Mann, den ich kenne, der kein Frauenheld ist.“

„Meinst du nicht, er würde dir einen Job geben?“

„Wahrscheinlich. Aber ich arbeite nicht für Familienmitglieder.“

„Eine weitere Regel?“

„Eher so etwas wie eine Überlebensstrategie. Arbeite nie für jemanden aus deiner Familie, sonst wirst du auf Schritt und Tritt überwacht.“ Sie traten vor das mächtige Eingangsportal. „Wie viel lässt dein Papa denn für Weihnachtsgeschenke üblicherweise springen?“

„Einmal hat er uns ein Flugzeug gekauft“, erinnerte sich Damon gedankenverloren. „Aber wir mussten es uns teilen.“

„Du Ärmster!“ Ruby lachte. „Also auf die Schnelle werde ich wohl keinen Jet mehr für euch besorgen können. Aber ich weiß, wo die Reichen und Schönen shoppen, da sollten wir hingehen. Ins Landmark.“

Das Landmark war ein riesiges Luxuseinkaufszentrum, gleich neben dem Landmark Oriental Hotel gelegen. Hier gab es einen von weißbehandschuhten Angestellten durchgeführten Parkservice, und alles war größer, schöner, luxuriöser als in jedem anderen Shopping-Center. Rubys Wagen, ein nachtschwarzer Audi R5, passte genau zu diesem Stil.

„Deiner?“, wollte Damon überrascht wissen.

„War das eine Frage? Ich dachte, du hättest versprochen, keine weiteren privaten Fragen zu stellen.“

„Du hast mich doch auch gerade etwas gefragt.“

„Das war geschäftlich.“

„Seit wann sind Weihnachtsgeschenke etwas Geschäftliches?“ Damon legte die Stirn in Falten. „Außerdem war meine Frage auch nichts Privates. Ich wollte lediglich wissen, ob es sich bei dem Audi um ein Geschäftsfahrzeug handelt. So viel Geschmack hätte ich meinem Vater gar nicht zugetraut.“ Er grinste.

„Es ist mein Auto. Ich habe ihn selbst ausgesucht und selbst bezahlt. Zufrieden?“

„Aber ja! Mir gefallen sogar deine Felgen. Wie gesagt, guter Geschmack.“ Dann näherte sich Damon mit zusammengekniffenen Augen Rubys Gesicht von der Seite. „Allerdings finde ich dieses Haar-Dings schon sehr speziell, wenn du meine Meinung hören willst …“ Ruby hatte das „Dings“ angelegt, nachdem sie ins Auto eingestiegen waren, und Damon hatte seither nur mit Mühe seinen Blick von dieser Scheußlichkeit abwenden können.

„Wie bitte? Das ist von Gaultier! Der letzte Schrei in Europa.“ Ruby griff sich empört an das elastische Haarband im Leopardenlook, seitlich verziert mit einer pinkfarbenen Schleife.

„Okay, okay“, winkte Damon ab. „Ich hätte da aber noch eine Frage …“

„Wo das Geld für alles herkommt?“, riet Ruby seine Gedanken. „Das möchte jeder wissen. Jeder Polizeibeamte, jeder Richter, jeder dahergelaufene Fremde“, sie warf ihm einen gespielt bösen Blick zu. „Keine Sorge, mein Vater hat mich nicht an seinen Machenschaften beteiligt. Ich hatte aber eine sehr wohlhabende Großmutter, die mich in ihrem Testament bedacht hat.“

„Aha, dann musst du also gar nicht für meinen Vater arbeiten? Das verbessert ja meine Chancen bei dir wieder schlagartig“, entgegnete Damon frech.

„Da muss ich dich leider enttäuschen. Meine Oma wollte mich nicht beim Müßiggang unterstützen. Ihr Testament sieht vor, dass ich für jeden Dollar, den ich selbst verdiene, zwei Dollar ihres Vermögens ausgeschüttet bekomme. Etwas mehr sogar, wenn ich gemeinnützige Projekte unterstütze oder Geld spende.“

Damon pfiff durch die Zähne. „Nicht schlecht. Und was hätte Omi zu deinem heißen Flitzer gesagt?“

„Ich bin mir sicher, dass sie ihn lieben würde“, schmunzelte Ruby.

Geschickt schlängelte sie sich durch Hongkongs Stadtverkehr und wechselte gekonnt die Fahrspuren auf manchmal vierspurigen Straßen. Und das mit einer Ruhe und gleichzeitig so temperamentvoll, dass Damon das Herz in die Hose rutschte.

„Es gibt auch eine eingebaute Massagefunktion in den Sitzen“, ließ Ruby verlauten, als sie Damons Unbehagen bemerkte.

„Es geht mir gut!“, entgegnete dieser etwas zu schrill und schickte ein Stoßgebet gen Himmel.

Damons nervöse Anspannung hielt an, als sie den riesigen Glaskuppelbau des Landmark betraten. „Weißt du denn eigentlich, wonach du suchst?“, wandte er mit Blick auf die vielen Etagen mit ihren unzähligen Läden und Boutiquen ein.

„Nö“, entgegnete Ruby fröhlich. „Aber deshalb sind wir ja hier: Hier ist für jeden Geschmack etwas dabei. Fangen wir doch erst mal damit an, dass du mir verrätst, ob deine Schwestern eher mädchenhaft oder eher praktisch veranlagt sind?“ Ruby sah ihn fragend an. „Also kaufen wir für Poppy lieber eine Handtasche oder Tickets fürs Royal Ballet? Sie wohnt doch in London, oder?“

„Ja. Dann würde ich Eintrittskarten fürs Ballett vorschlagen. Allerdings … können wir das ja auch bequem online von zu Hause aus erledigen, oder?“

„Oder wir stecken die Tickets in die Handtasche“, murmelte Ruby. „Nein … in die Innentasche eines schwarzen Samtmantels, den sie bei ihrem Ballettbesuch tragen kann! Ja, das ist gut. Hast du ihre Maße?“

„Sie ist 1,78 groß und superdünn. Also Größe 36, würde ich sagen.“

„Respekt. Und Lena?“

„Lena ist etwas kleiner, aber dadurch, dass sie die letzten sechs Monate in einem Rollstuhl verbracht hat, wird ihr höchstens noch Größe 34 passen.“ Damons Stimme klang geradezu besorgt.

„Mmh. Nur mal zur Sicherheit: Was denkst du denn, welche Konfektionsgröße ich trage?“

Wie nett von Ruby, dass sie ihm ermöglichte, ihren Körper genauer unter die Lupe zu nehmen. „Arme über den Kopf und dann langsam einmal im Kreis drehen“, befahl er lächelnd.

„Witzbold!“ ...

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