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Liebe ist stärker als Rache

1. KAPITEL

Maddie Vasquez verbarg sich im Dunkeln wie ein Dieb. Nur wenige Meter von ihr entfernt ragten die Mauern von Mendozas luxuriösestem Hotel empor. Ein Bauwerk am prächtigen Plaza Indepencia. Es gibt überhaupt keinen Grund, mich wie eine Verbrecherin zu fühlen, sagte sie sich, ich brauche einfach nur einen Moment, um mich zu sammeln. Sie beobachtete, wie die Menschen in das Foyer strömten: die Reichen und Schönen, die Elite Mendozas.

Es war später Abend, und die funkelnden Lichter in Bäumen und Büschen kündeten vom Einbruch der Nacht. Die Atmosphäre hatte etwas Märchenhaftes. Maddie presste die vollen Lippen zusammen und bemühte sich, ihr wild pochendes Herz zu beruhigen. An Märchen glaubte sie schon lange nicht mehr. Sie hatte sich niemals irgendwelchen Illusionen hingegeben. Bei einer Mutter, die einen lediglich als eine Art Vorzeigepuppe betrachtete, und einem Vater, der einen ablehnte, weil man ihm nicht den verlorenen Sohn ersetzen konnte, wusste man: Das Leben ist kein Zuckerschlecken.

Maddie schüttelte den Kopf, als könnte sie sich so von der plötzlichen Trauer befreien. Aus den Augenwinkeln sah sie einen eleganten, silberfarbenen Wagen vorfahren. Instinktiv wich sie ein Stück zurück. Der Wagen war ein Oldtimer und musste ein Vermögen gekostet haben. Ihre Hände begannen zu zittern. War das womöglich …? Der livrierte Portier öffnete den Schlag der Limousine, und der Fahrer stieg aus.

Tatsächlich! Nicolás Cristobal de Rojas! Der erfolgreichste Winzer der Provinz – inzwischen wahrscheinlich ganz Argentiniens. Außerdem hatte er expandiert und war nun Besitzer diverser Weinberge in Frankreich, was ihm jährlich zwei Ernten einbrachte. Das Winzergeschäft war schwierig und unberechenbar, offenbar jedoch nicht für das Weingut de Rojas. Dort hatte sich der Gewinn in den letzten Jahren vervielfacht. Genau diese Aura von Reichtum und Erfolg umgab diesen breitschultrigen, hochgewachsenen Mann.

Er trug einen schwarzen Smoking, und Maddie erhaschte einen Blick auf seine ebenmäßigen und doch so arroganten Gesichtszüge, als er sich scheinbar gelangweilt umsah. Sein Blick glitt zufällig über die Stelle, wo sie sich verbarg, und ihr Herz fing wieder an zu rasen.

Sie holte tief Luft. Wie hatte sie das intensive Blau seiner Augen vergessen können? Nicolás kam ihr schlanker, sehniger vor … und sehr, sehr sexy. Mit seinem dichten dunkelblonden Haar war er schon immer aufgefallen – vor allem aber seines unglaublichen Charismas und guten Aussehens wegen. Doch die eigentliche Anziehung ging von etwas Anderem aus, und das hatte mit Macht und Erotik zu tun.

In diesem Moment bemerkte sie, dass der Portier noch jemandem aus dem Wagen half – einer blonden Schönheit. Der Glanz ihres langen Haares wurde nur übertroffen von dem des bodenlangen Silberlamékleides, das ihren perfekten Körper umschmeichelte.

Die Frau hängte sich bei Nicolás ein. Maddie konnte sein Gesicht nicht sehen, aber an der Art, wie die Frau ihn anlächelte, konnte man ablesen, dass sein Blick heiß und sexy sein musste. Ein stechender Schmerz durchfuhr Maddie. Instinktiv legte sie die Hand auf ihr Herz. Bitte nicht! flehte sie innerlich. Er sollte nicht diese Wirkung auf sie haben. Sie wollte nicht, dass er überhaupt irgendeine Wirkung auf sie hatte!

Als Teenie hatte sie von ihm geträumt, hatte ihn zum Helden ihrer Fantasiewelt gemacht. Und wozu hatte das geführt? Zu einer absoluten Katastrophe! Letztlich hatte es der Fehde, die seit Generationen zwischen ihren Familien herrschte, neue Nahrung gegeben und ihre Familie zerstört. Es war eine Zeit extrem intensiver Gefühle gewesen – und ein Albtraum!

Sie erinnerte sich daran, als sie Nicolás das letzte Mal gesehen hatte. In einem Londoner Nachtclub. Ihre Blicke hatten sich über die Köpfe der Menge hinweg getroffen. Nie würde sie den Ausdruck tiefen Hasses in seinen Augen vergessen, bevor er sich umdrehte und verschwand.

Noch einmal atmete Maddie tief durch. Dann reckte sie entschlossen das Kinn. Schließlich konnte sie nicht die ganze Nacht hier stehen bleiben. Sie war hier, um Nicolás Cristobal de Rojas klarzumachen, dass sie nicht die Absicht hatte, an ihn zu verkaufen. Nicht jetzt – und auch nicht in Zukunft. Sie würde das Erbe ihres Vaters bewahren. Das Vermächtnis ihrer Familie würde nicht mit seinem Tod untergehen. Das musste sie Nicolás de Rojas unmissverständlich zu verstehen geben – sonst würde er sie ebenso unter Druck setzen wie ihren Vater. Er hatte dessen labilen körperlichen und seelischen Zustand ausgenutzt, um ihn zum Verkauf zu bewegen.

Liebend gerne hätte sie sich hinter einem Anwalt versteckt, aber den konnte sie einfach nicht bezahlen. Außerdem sollte de Rojas nicht denken, sie wäre zu feige, sich persönlich mit ihm auseinanderzusetzen. Also verdrängte sie die Erinnerung an ihre letzte Begegnung, sonst würde sie aller Mut verlassen. Jetzt zählte lediglich die Gegenwart – und die Zukunft.

Wer konnte besser wissen als sie, wie gnadenlos die Familie der de Rojas’ sein konnte. Trotzdem schockierte es sie, wie Nicolás mit einem hilflosen, kranken Mann umgegangen war. Eigentlich hätte sie ein solches Verhalten eher ihrem eigenen Vater zugetraut – aber nie Nicolás.

Nervös strich sie den schimmernden Stoff ihres schwarzen Kleides glatt. Ihr Budget hatte es ihr nicht erlaubt, sich ein Abendkleid zu kaufen. Aber wenn man zu dem noblen, alljährlich stattfindenden Dinner von Mendozas Winzern wollte, dann musste man sich entsprechend kleiden. Glücklicherweise hatte sie dieses Kleid in einem Schrank entdeckt, der offensichtlich der Zerstörungswut ihres Vaters entgangen war.

Auf den ersten Blick hatte es schlicht und elegant gewirkt mit dem hochgeschlossenen Kragen, aber als sie sich dann umdrehte und im Spiegel betrachtete, musste sie feststellen, dass der Rückenausschnitt etwas „sehr tief“ war. Aber nun war es zu spät. Alle anderen Kleider hätten erst in die Reinigung gemusst.

Hätte Mutter nur einen etwas dezenteren Geschmack gehabt oder wäre sie wenigstens etwas größer gewesen, wünschte sich Maddie. Bei ihr reichte das Kleid gerade mal bis zur Mitte der Schenkel. Ihren hellen Teint, die schwarzen Haare und die strahlend grünen Augen verdankte sie ihrer Urgroßmutter, die mit der ersten Welle der Immigranten eingewandert war und in die Vasquez-Familie eingeheiratet hatte.

Als sie jetzt aus dem Schutz des Schattens heraustrat, fühlte sie sich entblößt und verwundbar. Sie nahm allen Mut zusammen, ignorierte die Blicke, die sie streiften, und betrat die pompöse Eingangshalle des Hotels.

Nicolás Cristobal de Rojas unterdrückte ein Gähnen. Er hatte die letzten Wochen rund um die Uhr gearbeitet, um die diesjährige Ernte einzubringen. Es war einer der heißesten Sommer überhaupt, und dies bedeutete: Entweder wäre die Ernte fantastisch – oder absolut ruiniert. Wie immer arbeitete er bis zur Erschöpfung – eine Eigenschaft, die er seiner traumatisierten Kindheit verdankte.

„Also wirklich, mein Lieber. Bin ich wirklich so langweilig?“, hörte er plötzlich.

Nic zwang sich, in die Gegenwart zurückzukehren. Er sah die Frau an seiner Seite an und setzte ein charmantes Lächeln auf. „Auf keinen Fall!“

Seine blonde Begleiterin gab ihm spielerisch einen Klaps auf den Arm. „Ich glaube, du brauchst ein wenig Abwechslung. Du solltest nach Buenos Aires fahren. Wie du es in dieser öden Gegend überhaupt aushältst, ist mir ein Rätsel.“ Sie schüttelte sich theatralisch. Dann murmelte sie eine Entschuldigung und stakste mit schwingenden Hüften auf ihren High Heels davon.

Auch wenn er gegen weibliche Verführungskünste immun war, beobachtete er doch amüsiert, wie sich alle Köpfe nach Estelle umdrehten – zumindest alle männlichen. Trotzdem schätzte er sich glücklich, dass sie mitgekommen war – ihre Anwesenheit schützte ihn wenigstens vor den hartnäckigsten Vamps Mendozas. Er war wirklich nicht in der Stimmung, sich mit diesen Frauen abzugeben. Seine letzte Geliebte hatte ihm eine furchtbare Szene gemacht: Er hätte überhaupt keine Gefühle – überhaupt kein Herz. Auf eine Wiederholung konnte er wirklich verzichten.

Letztendlich musste Sex auch nicht unbedingt sein. Ehrlich gesagt, seine letzten Affären hatten ein schales Gefühl hinterlassen. Sie kamen ihm seltsam … seelenlos vor. Und eine längerfristige Beziehung kam für ihn nicht infrage. Die zerstörerische Ehe seiner Eltern hatte ihn von klein auf geprägt. Selbstverständlich hatte er vor, eines Tages zu heiraten. Schließlich galt es, die Erbfolge zu sichern. Aber er würde bei der Wahl einer Partnerin sehr vorsichtig sein.

In diesem Moment sah er eine Frau den Ballsaal betreten. Unwillkürlich überlief ihn ein Schauer, und seine Nackenhaare stellten sich auf. Genau wie eben vor dem Hotel, als er das Gefühl hatte, beobachtet zu werden.

Er konnte das Gesicht der Frau nicht sehen, nur die langen, wohlgeformten Beine und das kurze Kleid aus einem schimmernden Material, das ihren schlanken Körper wie eine zweite Haut umgab. Aber irgendwie kam sie ihm seltsam vertraut vor. Auch das rabenschwarze Haar, das ihr in wilden Locken über den Rücken floss – und dann drehte sie sich um. Sogar aus der Entfernung sah er, wie sie einen Moment erstarrte. Dann ging sie weiter – geradewegs auf ihn zu.

Absurderweise überkam ihn der Impuls zu flüchten. Ein Gedanke durchzuckte ihn, aber sofort tat er ihn als unsinnig ab. Nein, das kann nicht sein. Das ist doch Jahre her … und sie war damals in London.

Das Gemurmel der Menge erschien ihm plötzlich ganz weit weg, und dann blieb sie vor ihm stehen. Sie ist es wirklich – und sie ist wunderschön! An Attraktivität hatte es ihr ja nie gemangelt – sie wirkte schon immer wie eine Elfe – aber sie hatte sich zu einer wahren Schönheit entwickelt. Ihre königliche Haltung, ihr schlanker und doch weiblicher Körper machten sie einfach unwiderstehlich – gefährlich unwiderstehlich.

Nic war gar nicht bewusst gewesen, dass er sie so unverblümt musterte, bis er bemerkte, dass ihr das Blut in die Wangen gestiegen war. Was eine direkte – und unmissverständliche Wirkung – auf seine Hormone ausübte.

Schlagartig wich die Langeweile, deren er noch eben scherzhaft bezichtigt worden war. Widerstrebende Gefühle durchströmten ihn. Dominierend war jedoch das Gefühl von Verrat und Demütigung. Immer noch – nach all den Jahren. Er begrub seinen inneren Aufruhr unter einer Lawine eiskalter Wut – Hauptsache, sie tötete das Begehren, das ihn so heftig erfasst hatte. Seine Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen, als er ihrem Blick begegnete. Diesem Blick aus den grünsten Augen der Welt. Er mobilisierte die letzten Reserven an Selbstbeherrschung. Nur nicht an die Vergangenheit denken, nur nicht daran, wie es war, in den Tiefen dieser smaragdgrünen Augen zu versinken und sich in ihnen zu verlieren. Leider war ihm das schon einmal passiert.

„Madalena Vasquez“, sagte er gedehnt. Nichts verriet seinen inneren Aufruhr. „Was willst du denn hier?“

Maddie zuckte innerlich zusammen, bemühte sich jedoch, äußerlich gelassen zu wirken. Es gab einmal eine Zeit, da hat er mich „Maddie“ genannt, dachte sie. Die wenigen Schritte von der Tür bis zu ihm waren ihr unüberwindbar vorgekommen. Dass die Schuhe ihrer Mutter eine Nummer zu groß waren, machte es nicht leichter, die Contenance zu bewahren. Sie registrierte, wie das Stimmengewirr um sie herum erstarb. Zweifelsohne waren die geflüsterten Bemerkungen nicht gerade schmeichelhaft. Wahrscheinlich reden jetzt alle über den Skandal, als Vater Mutter und mich vor acht Jahren aus dem Haus warf.

Nicolás de Rojas’ Mund verzog sich zu einem bemühten Lächeln. „Darf ich dir mein Beileid zum Tod deines Vaters aussprechen?“

„Das kannst du dir sparen! Sein Tod ist dir doch völlig gleichgültig“, fuhr sie ihn mit unterdrückter Stimme an. Trauer und hilfloser Zorn schnürten ihr die Kehle zu.

Der Mann verschränkte die Arme vor der Brust. Die Geste ließ seinen durchtrainierten Oberkörper noch beeindruckender wirken. Ein Schauer überlief Maddies nackten Rücken.

„Stimmt – es lässt mich ziemlich kalt. Aber ich kann zumindest der Höflichkeit Genüge tun.“

Das Blut schoss Maddie ins Gesicht. Sie hatte vor ein paar Jahren in der Zeitung gelesen, dass sein Vater gestorben war. Sie beide entstammten Familien, die ohne mit der Wimper zu zucken auf den Gräbern der jeweils anderen getanzt hätten. Es war jedoch sicher nicht ihre Art, sich über den Tod eines Menschen zu freuen – nicht einmal über den eines Feindes. „Zum Tod deines Vaters ebenfalls herzliches Beileid“, kondolierte sie steif.

Nic hob die Brauen, und sein Gesichtsausdruck wurde hart. „Nicht zum Tod meiner Mutter ebenfalls? Sie hat sich umgebracht, als sie von der Affäre zwischen deiner Mutter und meinem Vater erfuhr … übrigens durch deinen Vater.“

Alle Farbe wich aus Maddies Gesicht. Ihr war nicht klar gewesen, dass Nic von dem Verhältnis wusste. Sie registrierte, dass er seine eisige Wut kaum unter der Maske eisiger Höflichkeit verbergen konnte. Ihr schwindelte. „Das … das wusste ich nicht.“

Mit einer brüsken Geste unterbrach Nic sie. „Natürlich nicht. Du konntest es ja nicht erwarten, das Vermögen eurer Familie in Europa zu verprassen – zusammen mit deiner Mutter, dieser, dieser …“

Wie habe ich nur so naiv sein können? warf sie sich vor. Sie hatte tatsächlich geglaubt, mit ein paar versöhnlichen Worten zumindest einen Waffenstillstand wahren zu können. Offensichtlich ging die Fehde, die schon seit Generationen zwischen den beiden Familien herrschte, unvermindert heftig weiter. Aber es lag auch noch etwas anderes in der Luft, etwas, das sie lieber nicht genauer definieren wollte.

Nicolás ließ seinen Blick durch den Raum schweifen und stieß einen unterdrückten Fluch aus. Kurzentschlossen packte er Maddie am Arm und zog sie in eine etwas ruhigere Ecke. Und nun ließ er die höfliche Maske fallen.

Maddie riss sich los und rieb sich den schmerzenden Arm. „Wie kannst du es wagen, mich so zu behandeln?“, fauchte sie.

„Ich frage dich noch einmal: Was willst du hier, Vasquez? Du bist hier nicht willkommen.“

Angesichts seiner Arroganz stieg unbändige Wut in ihr auf. Sie reckte ihr Kinn. „Ich gehöre ebenso hierher wie du. Und zu deiner Information: Du hast meinen Vater nicht zwingen können, an dich zu verkaufen, und bei mir wird dir das auch nicht gelingen.“

Nicolás de Rojas schnaubte verächtlich. „Was willst du denn mit diesen alten, knorrigen Weinstöcken. Eure Trauben haben schon seit Jahren keinen nennenswerten Wein mehr hervorgebracht!“

Nie würde sie ihm zeigen, wie weh es ihr tat, dass ihr Vater das Weingut derart heruntergewirtschaftet hatte. „Die de Rojas haben ja dafür gesorgt, dass er aus dem Markt gedrängt wurde“, zischte sie.

„Wir haben nur Gleiches mit Gleichem vergolten. Liebend gerne würde ich bekennen, dass wir jahrelang Intrigen gesponnen haben, um deinen Vater zu ruinieren, aber leider muss ich dir mitteilen: Die Weine eures Weinguts verkauften sich nicht mehr, weil sie einfach minderwertig waren – so einfach ist das. Und das habt ihr völlig ohne unser Zutun geschafft.“

Unwillkürlich wich Maddie zurück. Nic hat wahrscheinlich recht, dachte sie. Das Bedürfnis, räumliche Distanz zu ihm herzustellen, rührte weniger von seinem Verhalten her als von der Verwirrung, die seine Nähe in ihr hervorrief. Erinnerungen an jene verbotene Nacht stiegen in ihr auf. Sie fest an ihn geschmiegt, jeden einzelnen Muskel seines Körpers – und seine Erregung – deutlich spürbar. Damals war sie glücklich gewesen. Sie hatte ihn so begehrt …

„Hier steckst du!“

„Nicht jetzt, Estella.“ Nic warf der Frau, die neben ihnen auftauchte, einen ungehaltenen Blick zu.

Grenzenlose Erleichterung über die Unterbrechung durchströmte Maddie. Sie betrachtete verstohlen die hübsche Blondine, die sie schon draußen vor dem Hotel erblickt hatte. Höflich machte sie Anstalten, die beiden allein zu lassen, aber Nic hielt sie am Arm zurück.

„Estella! Wenn du bitte am Tisch auf mich warten würdest!“

Die junge Frau stieß einen Laut der Überraschung aus, blickte verblüfft von einem zum andern und zog sich dann kopfschüttelnd zurück. Ziemlich gelassen für eine Geliebte, schoss es Maddie durch den Kopf. Erneut befreite sie sich heftig aus Nics Griff. Dabei glitt ihr der Träger des Kleides von der Schulter. Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie den Funken des Begehrens in Nicolás’ tiefblauen Augen aufblitzen.

Das bilde ich mir ein, sagte sie sich sofort, dieser Mann empfindet mir gegenüber nichts anderes als Hass und Verachtung. „Ich bin lediglich deshalb gekommen“, begann sie hastig, um ihre plötzliche Befangenheit zu überspielen, „damit du weißt, dass ich wieder zurück bin … und nicht vorhabe zu verkaufen. Und selbst wenn – glaubst du allen Ernstes, ich würde an einen de Rojas verkaufen? Nach allem, was ihr uns angetan habt? Eher würde ich das Weingut niederbrennen! Allerdings habe ich vor, ihm wieder zu seinem früheren Ansehen zu verhelfen.“

Nicolás warf den Kopf in den Nacken und brach in schallendes Gelächter aus. Beim Anblick seiner braun gebrannten Kehle bekam Maddie plötzlich weiche Knie, und eine verräterische Hitze stieg in ihre Wangen.

„Du musst deinen Vater ja ganz schön um den Finger gewickelt haben, dass er gerade dir alles vermacht hat. Und das nach dieser unappetitlichen Geschichte, nachdem du mit deiner Mutter plötzlich von der Bildfläche verschwunden warst! Alle hier gingen davon aus, dass er es eher irgendeinem dahergelaufenen Clochard vermachen würde als einer von euch beiden.“

Unwillkürlich ballte Maddie die Hände zu Fäusten bei der Erinnerung an diese schreckliche Zeit. Ihr Vater war so verletzt und wütend gewesen – zu Recht natürlich. „Was weißt du denn schon!“, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Dabei besaß dein Vater doch zum Zeitpunkt seines Todes keinen einzigen Peso mehr“, fuhr Nic ungerührt fort. „Aber vielleicht finanziert ja der neue Mann deiner Mutter, dieser Schweizer Bankier, deine Schnapsidee?“ Plötzlich versteinerte sich seine Miene. „Oder hast du dir in London selber einen reichen Ehemann geangelt? Wenn ich mich recht entsinne, verkehrst du ja in den entsprechenden Klubs.“

„Meine Mutter finanziert mich nicht! Und ich habe auch keinen reichen Ehemann, Freund oder Liebhaber! Nicht dass dich das übrigens etwas anginge.“

Mit gespieltem Erstaunen blickte Nic sie an. „Du bildest dir also allen Ernstes ein, das verwöhnte Vasquez-Prinzesschen könne einfach hier hereinspazieren und schnell mal ein bankrottes Weingut retten? Und das ohne Hilfe, oder überhaupt Ahnung von der Materie zu haben? Ist das gerade dein neues Hobby, weil die Partys auf den Jachten in Cannes dich inzwischen langweilen?“

Mittlerweile kochte Maddie vor Zorn. Was weiß er denn, wie hart ich dafür gearbeitet habe, um eines Tages die Anerkennung meines Vaters zu bekommen? Um zu beweisen, dass sie ebenso tüchtig war wie ein Mann – und wie ihr verstorbener Bruder. Und jetzt war es zu spät … Aber sie würde sich dem Vermächtnis würdig erweisen und das Erbe zum Erfolg führen. Nie mehr würde sie zulassen, dass ein Mann ihr im Wege stand, so wie ihr Vater.

„Du hast die Situation richtig erkannt, de Rojas“, stieß sie vehement hervor. „Komm mir nicht in die Quere – und vor allem: Gib dich nicht der Hoffnung hin, dass ich jemals verkaufen werde.“ Maddie überlegte, wie sie es fertigbringen sollte zu gehen, ohne dass er das Rückendekolleté zu Gesicht bekam.

„Ich gebe dir höchstens zwei Wochen. Dann wirst du schreiend Reißaus nehmen. Du weißt doch überhaupt nicht, wie man ein Weingut bewirtschaftet. Du hast doch keinen einzigen Tag in euren Weinbergen gearbeitet. Außerdem habt ihr seit Jahren keinen nennenswerten Wein mehr hervorgebracht. Dein Vater hat sich mit seinen überteuerten Weinen einfach in etwas verrannt. Vasquez, glaub mir, du überschätzt dich! Eines Tages wirst du gezwungen sein zu verkaufen. Und ich schwöre dir – egal zu welchem Preis – ich werde auf jeden Fall mithalten. Das wird es mir wert sein, damit die Vasquez-Familie endlich für immer von hier verschwindet.“

Seine Worte trafen Maddie wie ein Schlag. Hatte sie selbst ihm doch gestanden, dass sie nie im Weinberg gearbeitet hatte. Und jetzt verwendete er diese Information, die sie ihm im Vertrauen gegeben hatte, gegen sie.

„Irgendwann wird euer Weingut auf jeden Fall den de Rojas gehören. Du verlängerst nur unnötig dein Leiden. Noch diese Woche könntest du wieder in London auf einer Modenschau sein. Und du würdest dein Leben lang genug Geld haben. Ich werde persönlich dafür sorgen, dass du nie mehr hierher zurückkehren musst.“

Maddie schluckte krampfhaft. Sie hatte plötzlich das Gefühl, nur einen Schritt von einem Abgrund entfernt zu sein. Nics offene Feindseligkeit tat so weh. Und diese Tatsache erschreckte sie zutiefst.

„Hier ist mein Zuhause – genauso wie deines. Du kannst mich nicht von hier vertreiben … nur über meine Leiche.“

Leider wusste sie nur zu genau, dass Nic recht hatte. Natürlich nicht mit dem, was ihr Leben betraf. Davon hatte er keine Ahnung, und sie würde sich hüten, ihn darüber aufzuklären.

Sie trat einen Schritt zurück. „Lass dich ja nicht auf meinem Land blicken, de Rojas. Du bist nicht willkommen … und das betrifft auch deine Leute.“

„Ich bewundere dein schauspielerisches Talent, Vasquez, und bin gespannt, wie lange du die Charade aufrechterhalten kannst.“

Abrupt wandte Maddie sich ab und ging. Beinahe wäre sie gestolpert. Das hätte mir gerade noch gefehlt, dachte sie, biss die Zähne zusammen und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie nicht vor allen Leuten und vor allem vor diesem arroganten Rojas ihre Schuhe verlieren würde.

Hocherhobenen Kopfes verließ sie den Saal. Aber als sie schließlich in den rostigen Jeep ihres Vaters kletterte, überwältigten sie die Gefühle. Sie fing an zu zittern, und es dauerte lange, bis sie sich wieder gefangen hatte.

Unglücklicherweise lag Nic mit der Einschätzung der Situation richtig: Sie stand sozusagen vor dem Nichts. Aber der Teufel soll mich holen, dachte Maddie trotzig, wenn ich es nicht wenigstens versuche. Die Versöhnung mit ihrem Vater war viel zu spät gekommen, obwohl sie nie die Hoffnung aufgegeben hatte. Sie wäre schon vor Jahren wiedergekommen, wenn er dies zugelassen hätte. Solange sie denken konnte, hatte sie sich immer nur eins gewünscht: auf dem Weingut zu arbeiten.

Als sie schließlich den Brief ihres todkranken Vaters erhielt, konnte sie gar nicht anders, als ihm ihre Rückkehr und Unterstützung zuzusichern.

Ihrer beider Beziehung war nie besonders eng gewesen. Er hatte immer nur einen Sohn gewollt – keine Tochter. Außerdem war er der felsenfesten Überzeugung, eine Frau gehöre ins Haus und nicht ins Geschäft. Aber als er auf dem Totenbett lag und ihm bewusst wurde, dass die Arbeit von Generationen verloren sein würde, bereute er diese Einstellung bitter.

Maddie hatte inständig gehofft, noch rechtzeitig zu kommen. Ihr Vater starb jedoch, als sie noch im Flugzeug saß. Sein Anwalt hatte sie vom Flughafen abgeholt und ihr die Nachricht überbracht. So blieb Maddie nur, vom Flughafen aus direkt zur Beerdigung zu eilen, die in engstem Kreise auf dem kleinen Familienfriedhof des Vasquez-Anwesens stattfand.

Sie hatte nicht einmal ihre Mutter erreichen können, die sich gerade auf einer Seereise mit ihrem vierten – zehn Jahre jüngeren – Ehemann befand. Nie zuvor hatte Maddie sich so einsam gefühlt.

Die Familiengeschichte überlieferte, dass die Vorfahren der beiden Familien ursprünglich zwei Freunde waren, die Spanien verließen und hofften, in Argentinien ihr Glück zu machen.

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