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Liebe ist die schönste Naturkatastrophe der Welt

Kasie West

Liebe ist die
schönste Naturkatastrophe
der Welt

Aus dem amerikanischen Englisch
von Anne Markus

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Blaubeertage
Die Nacht der gestohlenen Küsse

Inhaltsverzeichnis

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1

Irgendwo in einem Winkel meines Verstands, vermutlich dem Teil, der für die Vernunft verantwortlich war, wusste ich es: Ich musste ihn loslassen und gehen, um wenigstens einen Teil meiner Würde zu bewahren. Stattdessen legte ich meine Arme noch fester um ihn und presste meine Wange an seine Brust. Mit Vernunft hatte das rein gar nichts zu tun, das hier war pure Verzweiflung. Und obwohl ich wusste, wie abstoßend Verzweiflung sein konnte, konnte ich nicht anders.

Er seufzte und atmete dabei tief aus, sodass ich meine Arme noch enger um ihn schlingen konnte. Töteten Boaschlangen ihre Opfer nicht genau so? Nicht einmal der Gedanke brachte mich dazu, ihn loszulassen.

»Gia, es tut mir leid.«

»Dann tu es nicht. Und wenn du’s doch unbedingt tun musst, kann es nicht noch zwei Stunden warten?«

»Und genau weil du das gerade gesagt hast, kann es nicht warten. Das Einzige, was dir etwas bedeutet, ist, dass deine Freundinnen mich zu Gesicht bekommen.«

»Das stimmt nicht.« Okay, irgendwie stimmte es doch. Aber das lag nur an Jules. Sie war vor einem Jahr zu unserer Clique gestoßen und hatte seitdem alles drangesetzt, meine besten Freundinnen langsam, aber sicher gegen mich aufzuhetzen. Seit Neuestem unterstellte sie mir, ich würde damit lügen, dass ich seit zwei Monaten einen festen Freund hätte. Insofern: Ja, es stimmte, ich wollte meinen Freundinnen beweisen, dass ich nicht gelogen hatte. Sie sollten sehen, dass Jules diejenige war, die versuchte, unsere Clique auseinanderzubringen. Es war Jules, die mindestens zu einem Viertel aus reiner Boshaftigkeit bestand. Nicht ich.

Das war aber nicht der einzige Grund, warum ich wollte, dass Bradley mich heute Abend begleitete. Ich hatte ihn wirklich gemocht, zumindest bevor er beschlossen hatte, auf dem Schulparkplatz am Abend des Abschlussballs mit mir Schluss zu machen. Auch jetzt, nachdem er die Arschlochkarte gezogen hatte, müsste er doch einfach nur da reingehen, beweisen, dass er existierte, vielleicht Jules kurz einen Schlag in die Magengrube verpassen, und dann könnte er wieder gehen. War das zu viel verlangt? Und hallo, das hier war mein Abschlussball. Wollte er mich wirklich zwingen, diesen Abend, an dem ich möglicherweise zur Ballkönigin gekrönt werden würde, ganz allein zu verbringen?

»Nein, das ist nicht das Einzige, das mir etwas bedeutet …« Meine Stimme brach, obwohl ich mir Mühe gab, keine Schwäche zu zeigen. Na gut, mal abgesehen von dem An-ihm-Kleben-wie-ein-nasses-T-Shirt.

»Doch, das ist es. Und der Beweis dafür war dein erster Satz heute Abend: ›Meine Freundinnen werden vor Neid sterben.‹ Im Ernst, Gia? Das fällt dir als Erstes ein, nachdem wir uns zwei Wochen lang nicht gesehen haben?«

Ich überlegte. Hatte ich das wirklich gesagt oder hatte er das erfunden, um sich besser zu fühlen? Er sah tatsächlich umwerfend gut aus. Und ja, natürlich wollte ich ihn meinen Freundinnen zeigen. Konnte er mir das verübeln?

»Und den ganzen Weg hierher hast du unseren Auftritt geplant. Du hast mir Anweisungen gegeben, wie ich dich anzusehen habe.«

»Ich hab halt einen leichten Hang zur Kontrollsucht. Das weißt du doch.«

»Leichten Hang?«

Etwas weiter entfernt von dort, wo ich meinen Freund, äh, meinen Exfreund, beinahe zu Tode drückte, bog ein Auto in eine freie Parklücke. Hinten stieg ein Pärchen aus. Ich kannte sie nicht.

»Gia.« Bradley löste sich aus meiner Umklammerung und trat einen Schritt zurück. »Ich muss los. Ich hab eine weite Fahrt vor mir.«

Wenigstens sah er so aus, als täte es ihm ehrlich leid.

Ich verschränkte meine Arme und fand endlich ein bisschen meiner Würde wieder, wenn auch viel zu spät. »Na schön. Fahr doch.«

»Du solltest trotzdem reingehen. Du siehst atemberaubend aus.«

»Kannst du mich bitte einfach nur zum Teufel schicken und dann verschwinden? Nach alldem will ich dich nicht auch noch süß finden müssen.« Er war süß und der Gedanke, dass meine Verzweiflung, ihn zu verlieren, mit mehr als nur mit meinen Freundinnen zu tun hatte, drohte mich zu überwältigen. Ich schob das Gefühl weit von mir. Er sollte nicht wissen, dass er mich wirklich verletzt hatte.

Er verzog seinen Mund zu einem verschmitzten Lächeln und hob dann seine Stimme: »Mit dir rede ich kein Wort mehr. Du bist eine egoistische, oberflächliche Zicke, geschieht dir ganz recht, alleine da reinzugehen!«

Warum klang das so überzeugend? Ich ging auf das Spiel ein und feuerte zurück: »Ich hasse dich, du Mistkerl!«

Er warf mir eine Kusshand zu und ich lächelte. Ich schaute ihm nach, bis er ins Auto gestiegen und losgefahren war. Erst dann glitt mir das Lächeln aus dem Gesicht und mein Magen zog sich zusammen. Vermutlich ging er davon aus, mich würde schon irgendjemand nach Hause bringen. Gott sei Dank waren alle meine Freundinnen drinnen … und warteten darauf, dass ich mit dem Typen aufkreuzte, mit dem ich seit zwei Monaten angegeben hatte. Ich knurrte unwillig, versuchte den Schmerz in Wut zu verwandeln und lehnte mich an die Heckklappe eines roten Pickups. Und genau in dem Moment kreuzte ich den Blick eines Jungen, der im Auto gegenüber von mir auf dem Fahrersitz saß. Ich richtete mich schnell auf, straffte meine Schultern – nicht einmal ein Fremder durfte mich so schwach sehen – und er senkte den Blick.

Wieso hockte der Typ überhaupt da in seinem Auto? Er hielt ein Buch in der Hand und begann zu lesen. Er las? Wer saß während einer Prom auf dem Parkplatz und las? Dann kapierte ich es. Das Pärchen, das hinten aus dem Wagen gestiegen war, er hatte sie gefahren. Seine kleine Schwester vielleicht oder sein kleiner Bruder.

Ich musterte ihn. Viel konnte ich von ihm nicht erkennen, aber er sah gar nicht so schlecht aus. Braunes Haar, olivfarbener Hautton. Möglicherweise war er sogar groß – sein Kopf reichte über die Kopfstütze –, aber das war schwer zu sagen. Ansonsten war er überhaupt nicht mein Typ: verwuschelte Haare, eher dünn, Brille – aber er würde reichen müssen.

Ich ging zu ihm hinüber. Er las ein Geografiebuch oder irgendetwas über die Welt in achtzig Tagen. Ich klopfte an die Scheibe. Zögernd sah er auf. Noch länger dauerte es, bis er sein Fenster heruntergekurbelt hatte.

»Hi«, sagte ich.

»Hey.«

»Gehst du hier zur Schule?« Wenn das nämlich der Fall war und ich ihn nur noch nie gesehen hatte, würde mein Plan nicht funktionieren. Weil andere ihn kennen würden.

»Was?«

»Gehst du hier auf die Schule?«

»Nein. Wir sind gerade hergezogen, ich mach das Schuljahr an meiner alten Schule zu Ende.«

Noch besser. Sie waren neu in der Gegend. »Bist du hier, um deinen Bruder abzusetzen?«

»Schwester.«

»Perfekt.«

Seine Augenbrauen schossen in die Höhe.

»Du bist mein Date heute Abend.«

»Äh …« Sein Mund klappte auf, aber das war alles, was herauskam.

»Wohnst du in der Nähe? Du kannst dadrinnen nämlich nicht in Jeans und T-Shirt aufkreuzen. Schon gar nicht in einem T-Shirt mit einer Telefonzelle drauf.«

Er blickte kurz an sich runter, dann wieder mich an. »Eine Telefonzelle? Echt jetzt?«

»Besitzt du wenigstens irgendeine dunkle Hose und ein Hemd? Vielleicht eine Krawatte? Eine blaugrüne Krawatte würde perfekt zu meinem Outfit passen, aber ich versuche mir keine unnötigen Hoffnungen zu machen.«

Ich legte den Kopf schief. Er war leider wirklich nicht mein Typ. Meine Freundinnen würden das durchschauen. »Und besitzt du zufällig Kontaktlinsen und irgendein Haarpflegeprodukt?«

»Ich kurbel dann jetzt das Fenster mal wieder hoch.«

»Nein. Bitte nicht.« Ich legte meine Hand in den Fensterrahmen. War ich jemals schon so verzweifelt gewesen? »Mein Freund hat eben mit mir Schluss gemacht. Das hast du vielleicht sogar mitgekriegt. Und ich möchte wirklich nicht allein auf meinen Highschool-Abschlussball gehen. Außerdem glauben meine Freundinnen nicht mal, dass mein Freund existiert. Lange Geschichte, aber du musst für ihn einspringen. Zwei Stunden. Das ist alles, worum ich dich bitte. Außerdem sitzt du hier ja sowieso nur herum und wartest auf deine Schwester.«

Mist. Seine Schwester. Würde sie seinen Namen quer durch die Turnhalle brüllen und alles ruinieren? Wir würden ihr einfach aus dem Weg gehen müssen. Oder sie in unser Geheimnis einweihen. Das würde ich noch entscheiden. »Das macht viel mehr Spaß, als auf dem Parkplatz herumzusitzen.«

Er sah mich immer noch an, als sei ich verrückt geworden. Und so fühlte ich mich auch.

»Du willst, dass ich einen auf Captain America mache?« Er machte eine Handbewegung Richtung Straße.

Kurz war ich verwirrt, aber dann begriff ich, dass er Bradley meinte, der ziemlich muskulös gebaut war. »Sie haben ihn noch nicht kennengelernt und wissen gar nicht, wie er aussieht. Außerdem bist du …« Ich zeigte auf ihn, ohne meinen Satz zu beenden. Ich versuchte einen anderen Superhelden zu finden, mit dem ich ihn vergleichen könnte, aber mit Superhelden kannte ich mich nicht aus. Gab es welche, die eher dünn waren? Spiderman? Das klang nicht gerade nach einem Kompliment.

Er saß immer noch da, starrte mich an und wartete darauf, dass ich den Satz beendete.

»Ich kann dich bezahlen.«

Er zog seine Augenbrauen hoch. »Ich glaube, dass es dafür Profis gibt. Vielleicht kannst du es ja mal mit 1-800-ESCORTSERVICE versuchen?«

Ich verdrehte die Augen, konnte mir aber ein Grinsen nicht verkneifen. »Die Nummer kennst du anscheinend auswendig, hm?«

Er lachte kurz auf.

»Schön. Wenn es dir unangenehm ist, Geld anzunehmen, schulde ich dir was.«

»Und das wäre?«

»Keine Ahnung … Wenn du irgendwann mal ein falsches Date brauchst, springe ich gerne ein.«

»Für gewöhnlich habe ich falsche Dates nicht wirklich nötig.«

»Schön. Es freut mich, dass du immer ein echtes Date findest, ich aber nicht. Na gut, normalerweise schon, aber ganz offensichtlich nicht auf einem leeren Parkplatz.« Musste ich etwa noch in falsche Tränen ausbrechen, um mir einen falschen Freund zu angeln?

»Na gut.«

»Na gut?« Ich war überrascht, obwohl ich wirklich gehofft hatte, dass er mitmachte.

»Ja. Ich wohne sechs Häuserblöcke entfernt. Ich fahr eben nach Hause und zieh mir etwas Angemesseneres für einen Ball an.« Er schloss das Fenster, leise vor sich hin murmelnd, dass er kaum glauben konnte, was er hier tat. Dann fuhr er los.

Fünf Minuten lang stand ich auf dem Parkplatz und fragte mich, ob das einfach nur seine Taktik war, um aus der ganzen Sache rauszukommen. Wahrscheinlich schickte er seiner Schwester jetzt eine Nachricht, dass sie anrufen sollte, wenn sie abgeholt werden wollte. Und überhaupt – warum war er eigentlich auf dem Parkplatz geblieben, wenn er in der Nähe wohnte? Wäre er nicht besser nach Hause gefahren, um dort zu warten?

Ich holte mein Handy heraus und checkte Instagram und Twitter, um sicherzustellen, dass Bradley nichts von unserem Beziehungsende verbreitet hatte. Nichts. Ich hatte das erwartet, Bradley war nicht oft online. Noch ein Grund, warum Jules dachte, ich hätte ihn erfunden. Ich twitterte, dass der Abschlussball der absolute Hit werden würde, und steckte das Handy wieder zurück in meine Clutch, die perfekt zu meinem Kleid passte.

Weitere zehn Minuten verstrichen und ich war mir inzwischen sicher, dass er nicht mehr kommen würde. Ich ging all die Ausreden durch, die ich meinen Freundinnen auftischen würde, wenn ich drinnen war. Er ist krank geworden. Er musste für seine Abschlussklausuren am Montag lernen … er geht nämlich aufs College.

Ich seufzte. Das war doch alles erbärmlich.

Die Wahrheit. Ich musste die Wahrheit sagen. Er hat mit mir auf dem Parkplatz Schluss gemacht. Bei diesem Gedanken brannten Tränen in meinen Augen. Bradley hatte mit mir auf einem Parkplatz Schluss gemacht! Ich hatte es verbockt und ihn verloren und jetzt verlor ich möglicherweise mehr als nur ihn. War es das letzte Beweisstück, das meine Freundinnen brauchten, um Jules’ Behauptungen Glauben zu schenken? Ich hatte den Blick schon vor Augen, den Jules mir zuwerfen würde, wenn ich die Wahrheit sagte. Den War-ja-klar-dass-es-ihn-nicht-gibt-Blick. Den Blick, den sie mir jedes Mal zuwarf, wenn ich Bradley erwähnte. Es war dieser Blick, der mich immer wieder dazu gebracht hatte, immer mehr von Bradley zu erzählen. Zu blöd, dass ich bereits so viel erzählt hatte, dass sogar meine anderen Freundinnen angefangen hatten, an seiner Existenz zu zweifeln.

Wir hatten uns in einem Café an der University of California in Los Angeles bei einem Filmfestival getroffen, bei dem mein älterer Bruder mitmachte. Als er mich alleine im Café sitzen sah, hatte Bradley mich für eine Studentin gehalten. Ich hatte dem nicht widersprochen, weil ich tatsächlich ab nächstem Semester an der UCLA studieren würde. Ich hatte an dem Wochenende gerade meine vorläufige Zusage bekommen und fühlte mich, als gehörte ich so gut wie dazu. Bradley und ich hatten Telefonnummern ausgetauscht und eine Weile Nachrichten hin- und hergeschrieben. Und aus der bloßen Anziehung wurde mehr. Er riss blöde Witze und erzählte coole Geschichten von diversen Orten auf der Welt, an denen er schon gewesen war. Er war interessant. Ein paar Wochen später gestand ich ihm, wie alt ich wirklich war. Zu diesem Zeitpunkt mochten wir uns bereits. Das Hauptproblem war, dass ich drei Stunden von der UCLA entfernt wohnte. Deswegen hatte er mich in den zwei Monaten, in denen wir zusammen waren, bloß ein paarmal besucht und keine meiner Freundinnen kennengelernt. Und jetzt war es aus.

Ich straffte meine Schultern und blickte auf die Eingangstür der Sporthalle. Ich brauchte keinen Freund, weder einen echten noch einen falschen. Meine Freundinnen mochten mich, egal mit wem ich zusammen war oder nicht. Noch während ich das dachte, wünschte ich mir, dass es auch stimmte. Ich konnte unmöglich sowohl meinen Freund als auch meine Freundinnen an einem einzigen Abend verlieren. Mein Leben wäre leer ohne sie.

Gerade als ich den ersten Schritt auf die Tür zu machte, streifte mich Scheinwerferlicht und warf meinen Schatten auf den Asphalt.

Der Junge stieg aus dem Auto. »Wolltest du etwa ohne mich da rein, nachdem du so lange gebettelt hast?«

2

Ich lächelte. Ich konnte nicht anders. Er hatte tatsächlich einen Anzug an – schwarz, mit hellgrauer Krawatte. Seine Brille war verschwunden und er war groß.

Genau, was ich brauchte. Jeder würde uns sehen. Am Ende des Abends konnte er mit mir Schluss machen. Keine überheblichen Blicke von Jules, keine mitleidigen Seufzer von Laney und keine Nun-rück-einfach-mitder-Wahrheit-raus-Kopfbewegungen von Claire. Und es war auch gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt. Mein So-als-ob-Freund sorgte einfach nur dafür, meinen Abend in normale Bahnen zurückzulenken. Keine große Sache. Ganz besonders, wenn die Ein-Viertel-böse-Jules so in die Schranken verwiesen werden würde.

»Hi«, sagte ich und ging auf das Auto zu. Erwarvor der offenen Fahrertür stehen geblieben, als sei er noch unschlüssig. »Du siehst toll aus.« Mein Blick fiel auf seine Haare, die ich jetzt aus der Nähe sah. Sie waren das reinste Chaos. Ein Chaos, das er scheinbar versucht hatte zu bändigen.

»Setz dich mal für eine Sekunde.« Ich zeigte auf den Fahrersitz. Er zog eine Augenbraue hoch, gehorchte aber. Ich fischte einen kleinen Kamm aus meiner Handtasche, um ihn zu frisieren. Nachdem ich ihm die Haare aus der Stirn gekämmt und in Form gebracht hatte, nickte ich zufrieden. »Im Anzug siehst du richtig gut aus.«

Er schüttelte den Kopf und seufzte. »Bringen wir es hinter uns.«

Er stand auf und reichte mir seinen Arm. Ich griff jedoch nach seiner Hand und zog ihn in Richtung Turnhalle.

»Moment. Warte mal«, sagte er, blieb abrupt stehen und riss mich damit nach hinten, was auf meinen High Heels kein Spaß war. »Ich brauche noch ein bisschen Hintergrund-Info. Du willst deinen Freundinnen doch glaubhaft machen, dass wir beide uns tatsächlich kennen, oder?«

»Oh, stimmt. Lass mal sehen.«

»Ein Name wäre ein guter Anfang.«

Ich lachte. Ich hatte ihm noch nicht mal meinen Namen gesagt. »Ich heiße Gia Montgomery. Siebzehn. Bin hier an der wunderbaren Freemont High in der Abschlussklasse und muss als Mitglied der Schülervertretung normalerweise nicht um Verabredungen betteln. Jedenfalls musste ich das bis heute nicht.«

»Notiert.«

»Und für die nächsten zwei Stunden bist du Bradley Harris. Drittes Jahr an der UCLA, übrigens der Grund, warum meine Eltern nicht mit der Beziehung einverstanden sind. Sie finden dich zu alt für mich.«

»Das bin ich auch«, sagte er.

Ich war mir nicht sicher, ob er damit Bradley meinte oder sich selbst. Hatte er nicht vorhin gesagt, dass er auf die Highschool ging? »Wie alt bist du denn?«

»Wenn ich im dritten Jahr im College bin, müsste ich mindestens, na was? Einundzwanzig sein?«

Er meinte Bradley. Ich verdrehte meine Augen. »Ja. Aber das sind nur vier Jahre Altersunterschied.«

»Was kein Weltuntergang wäre, wenn du nicht noch auf die Highschool gehen würdest. Und nicht minderjährig wärst.«

»Ich gehe nur noch fünf Wochen auf die Highschool und du klingst wie meine Eltern.«

Er zuckte mit den Schultern. »Sie klingen wie gute Eltern.«

»Was soll’s, jetzt ist es sowieso egal. Wenn der Abend vorbei ist, darfst du mit mir Schluss machen. Vorzugsweise vor meinen Freundinnen. Versuch bitte keine große Szene zu machen. Schnell und leise. Dann kannst du, genau wie der echte Bradley, für immer verschwinden und die Sache ist erledigt.« Bei diesen Worten bildete sich ein Kloß in meinem Hals und vor meinem inneren Auge spielte sich noch einmal ab, wie Bradley mich stehen lassen hatte, als gäbe es nichts Einfacheres auf der Welt. Ich schob den Gedanken beiseite und lächelte ihn an.

»Das schaffe ich.«

»Gut. Was ist mit deiner Schwester? Wird sie uns dadrinnen Schwierigkeiten machen? Durch die Sporthalle rennen und deinen Namen brüllen?«

»Nein. Meine Schwester rechnet nicht damit, mich dadrinnen in diesem Aufzug zu treffen. Und sie hat sowieso nur Augen für ihr Date. Aber wenn ich sie kommen sehe, fange ich sie ab und weihe sie ein. Sie ist cool. Sie macht bestimmt mit.«

»Warum schickst du ihr keine Nachricht? Nur für alle Fälle.«

»Das würde ich ja, aber beim Umziehen hab ich auf die Schnelle mein Handy vergessen.« Er klopfte auf seine Hosentaschen, um mir zu zeigen, dass es stimmte.

»Sie wird nicht ausflippen?«

»Wird sie nicht.«

»Okay, dann können wir, denke ich.«

Er grinste mich an, als hätte ich einen wesentlichen Punkt übersehen.

»Was?«

»Ach nichts. Lass uns reingehen.« Sein Gang war selbstbewusst, es schien ihm noch nicht einmal etwas auszumachen, meine Hand zu halten.

Gleich neben der Eingangstür gab ich dem Lehrer die Eintrittskarten, die ich für Bradley und mich gekauft hatte, und wir gingen weiter in den Ballsaal. Die Musik war laut – eine Live-Band spielte – und nicht besonders gut. Beim Casting, das wir organisiert hatten, war diese Band als Sieger hervorgegangen. Wir hatten uns für das kleinste Übel entscheiden müssen. Letztes Jahr hatten wir eine bekannte Band aus unserer Stadt gehabt, aber mit den »erschwinglicheren« Eintrittspreisen von diesem Jahr gab das Budget laut Mr Lund nicht mehr her.

Ich entdeckte meine Freundinnen und ihre Dates auf der anderen Seite des Saals, sie standen um einen Bartisch herum. Ich schloss für einen Moment die Augen und versuchte all mein schauspielerisches Können zutage zu fördern, was nicht gerade viel war, aber reichen musste. Mein So-als-ob-Freund neben mir schien kein bisschen nervös zu sein. Natürlich nicht – er hatte nichts zu verlieren.

»Meine Schwester tanzt gerade. Im Moment brauchen wir uns also keine Sorgen zu machen, glaube ich«, sagte er.

Ich folgte seinem Blick zu einem Mädchen ganz in Blau – der Rock des Kleides bestand aus verschiedenen Tüllschichten. Sie war hübsch – langes braunes Haar, nettes Gesicht. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen, vermutlich war sie jünger als ich. Obwohl, hatte er nicht gesagt, dass sie gerade erst hergezogen waren? Vielleicht war das ja wirklich vor Kurzem gewesen. Allerdings konnte ich auch ihren Freund nicht einordnen, also kehrte ich doch wieder zu meiner Theorie zurück, dass sie jünger war.

»Okay. Könntest du versuchen, mich anzuschauen, als wärst du wahnsinnig verliebt in mich?«

»Captain America und du – seid ihr wahnsinnig verliebt ineinander gewesen?«

Ich öffnete den Mund – mein erster Gedanke war »Na klar« zu antworten, aber ich sagte es nicht, denn es stimmte nicht. Bradley und ich waren … Na ja, wir waren halt glücklich gewesen. Wenigstens war ich bis heute Abend noch davon ausgegangen. Ich setzte mein allerbestes Flirt-Lächeln auf und war heilfroh, dass ich meine Gefühle wieder unter Kontrolle hatte, die mich auf dem Parkplatz noch zu überwältigen gedroht hatten. »Hast du keine Erfahrungswerte, wie so etwas aussehen soll?«

Er konzentrierte sich kurz und richtete dann einen Blick auf mich, in dem sich glühendes Verlangen spiegelte. Mann, war der gut.

»Das ist vielleicht ein bisschen dick aufgetragen.«

Sein Blick wurde weniger intensiv und zum ersten Mal fiel mir auf, dass seine Augen blau waren. Nicht gut. Bradley hatte braune Augen.

»Wirklich so schlimm?«

»Nein. Dein Blick ist super.« Was bedeutete, dass er wusste, wie es sich anfühlte, wenn man verliebt war. Ich war diejenige, die keine Erfahrungswerte hatte. »Deine Augenfarbe stört mich.«

»Das hat mir noch nie jemand gesagt. Danke fürs Kompliment.«

»Tut mir leid. Mit Sicherheit sagen dir die Mädchen, dass sie verträumt aussehen oder so.« Denn das stimmte. »Es ist bloß so …«

»… dass Bradleys Augen smaragdgrün sind? Nein, zart schmelzend schokoladenbraun?«

Ich lachte, denn er hatte seine Hand auf die Brust gelegt und seine Stimme hatte einen melodramatischen Ton angenommen. »Ja, genau. Zart schmelzend.«

Er suchte meinen Blick. »Wie deine.«

»Na ja, seine Augen erinnern eher an Schokolade, meine an Tinte, aber …« Ich schüttelte den Kopf und versuchte wieder zum Thema zurückzukommen. »Achte nur darauf, dass du niemanden direkt ansiehst.«

»Zum Glück kommt das ja auch überhaupt nicht seltsam rüber. Glaubst du, dass sich deine Freundinnen an die Augenfarbe eines Typen erinnern, den sie noch nie getroffen haben? Habt ihr euch wirklich so oft über seine Augenfarbe unterhalten?«

»Nein. Na ja, sie haben halt ein paar Fotos gesehen.«

»Sie haben Fotos gesehen?« Seine Augen wurden groß. »Und wie genau hast du dir vorgestellt, damit durchzukommen?«

»Na ja, es waren keine Nahaufnahmen. Und auf einem war sein Gesicht nur halb zu sehen.« Sehr zu meinem Leidwesen hatte Bradley es nicht gemocht, sich fotografieren zu lassen. »Es ist schon eine Weile her, seit sie die Fotos gesehen haben. Ich denke, ihr beide seid euch ähnlich genug, dass es funktioniert. Aber gib dir ein bisschen Mühe, sie nicht direkt anzusehen, ohne dabei seltsam rüberzukommen.«

Er nahm meine Hand in seine, küsste sie, sah mich mit diesem flammenden Blick an und sagte: »Tja, ich habe sowieso nur Augen für dich.«

Er war echt gut. Ich lachte. »Dort drüben sind meine Freundinnen. Los.«

»Wie kommen deine Freundinnen darauf, dass es mich nicht gibt, wenn sie Fotos gesehen haben?«, fragte er, als wir uns einen Weg durch die tanzenden Paare bahnten.

»Weil du zur UCLA gehst und ich normalerweise dich besucht habe. Wenn du mal herkamst, wolltest du lieber die Zeit mit mir verbringen als mit meinen Freundinnen.«

»Verstehe. Ich bin ein Snob.«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Wenn du mich besucht hast, haben wir uns mit meinen Freunden getroffen?«

»Nein. Wir haben uns ja so selten gesehen. Wir wollten nichts mit anderen unternehmen, wenn wir zusammen waren.«

»Okay, du warst also mein Geheimnis.«

»Nein, ich wollte es so. Und außerdem bist du eben drei Stunden gefahren, um zu meiner Prom zu kommen, und hast also ganz offensichtlich vorgehabt, alle meine Freundinnen kennenzulernen.« Es fühlte sich immer merkwürdiger an, dass wir uns unterhielten, als sei er wirklich Bradley. Ich schüttelte den Kopf. »Er hat vorgehabt, meine Freundinnen kennenzulernen.«

»Und trotzdem hat er mit dir auf dem Parkplatz Schluss gemacht, bevor es dazu kam.«

Ich biss auf die Innenseite meiner Wange. Noch zehn Schritte, dann wären wir da. Ich hatte keine Zeit mehr, ihm zu erklären, dass ich Bradley nicht so behandelt hatte, wie er es verdient hatte. Dass mir nach zwei Wochen ohne ihn keine bessere Begrüßung eingefallen war, als dass meine Freundinnen vor Neid sterben würden. Weil er einfach wahnsinnig gut aussah. Aber ich hätte ihm lieber genau das sagen sollen, anstatt mir Gedanken darüber zu machen, was meine Freundinnen von ihm halten würden. Was aber nicht leicht war, wenn man zwei Monate lang einem Kreuzverhör ausgesetzt war, ob er nun existierte oder nicht; zwei Monate, in denen ich alles über ihn erzählt hatte. Alles nur wegen Jules. Ich hätte ihre unablässigen Unterstellungen nie so nah an mich ranlassen dürfen.

Claire war die Erste, die mich bemerkte, und ihre Augen leuchteten vor Erleichterung auf, als ihr Blick auf meine Begleitung fiel. Wir waren am engsten befreundet, sie war immer diejenige, die mir, wenn nötig, zur Seite stand. »Gia!«

Alle drehten sich um.

Jules’ Blick war unbezahlbar. Erst lächelte sie selbstzufrieden, dann klappte ihr kaum merklich die Kinnlade runter. Und ausnahmsweise trug Laney mal nicht ihre übliche Mitleidsmiene. Ich strahlte über das ganze Gesicht. »Hallo, alle zusammen. Das ist Bradley.«

Er hob seine Hand und winkte kurz. Keine Ahnung, ob es unbeabsichtigt war oder ob er einen Scherz machen wollte, aber als er »Schön, euch alle kennenzulernen« sagte, klang seine Stimme tief und rauchig.

Claire machte große Augen. »Nicht schlecht, Gia«, stand in ihrem Blick geschrieben.

Jules hatte sich schnell wieder im Griff und musterte ihn von Kopf bis Fuß. Ich hielt die Luft an und wartete darauf, dass sie einen Kommentar abgab, von wegen er sähe ganz anders als auf den Fotos aus oder wäre so gar nicht mein Typ. Stattdessen wandte sie sich an ihn: »Ich bin erstaunt, dass du freiwillig zu einer Highschool-Prom kommst.«

Er sah mir tief in die Augen, ließ seinen Arm über meinen Rücken gleiten und legte ihn um meine Taille. »Gia war es wichtig.« Bei diesen Worten zog er mich an sich. Mein Rücken prickelte bei seiner Berührung. Instinktiv wollte ich mich von ihm losmachen, aber wäre er Bradley gewesen, hätte ich anders reagiert. Ich hätte mich an ihn geschmiegt. Ich hätte glücklich geseufzt. Ich zwang mich zu beidem.

Jules grinste. »Ist das euer Beziehungs-Motto? ›Was Gia wichtig ist?‹« Sie machte tatsächlich Anführungszeichen in der Luft.

Garrett, Jules’ Date, lachte, verstummte aber schnell, als ihm einer der anderen Jungen in den Rücken stieß.

»Nein«, erwiderte mein falscher Freund, bevor ich antworten konnte. »Aber das wäre keine schlechte Idee.«

Jetzt lachten alle, außer mir. Ich war damit beschäftigt, Jules hasserfüllte Blicke zuzuwerfen.

»Wir gehen dann mal tanzen«, sagte der Junge, der so tat, als wäre er Bradley. Und als er mich zur Tanzfläche führte, wurde mir schlagartig klar, dass ich seinen echten Namen nicht kannte. Hatte er deswegen so gegrinst, als wir in die Sporthalle gegangen waren? Und als der Junge-von-dem-ich-nicht-wusste-wie-er-hieß mich zum Tanzen an sich zog, legte ich meine Stirn an seine Brust und flüsterte: »Tut mir leid.«

3

Was tut dir leid?«, fragte So-als-ob-Bradley.

»Ich weiß nicht mal, wie du wirklich heißt.«

Ich konnte es an seiner Brust spüren, dass er leise in sich hineinlachte. Dann beugte er sich so weit hinunter, dass sein Atem mein Ohr kitzelte, und sagte: »Ich heiße Bradley.«

Verblüfft schaute ich zu ihm auf. »Echt jetzt?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich mache Method Acting. Ich muss mich in eine Person verwandeln, um sie zu spielen.«

»Du bist Schauspieler?« Das würde mich nicht überraschen. Ohne Zweifel: Er war wirklich gut.

Er schien zu überlegen. »Davon hast du mir nichts gesagt. Bin ich das?«

Ich lachte und gab ihm einen Klaps auf die Brust. »Hör auf damit.«

Er schaute über meine Schulter zu meinen Freundinnen, die um einen Tisch herumstanden. »Nette Freundinnen hast du.«

»Im Großen und Ganzen sind sie nett. Bloß Jules versucht mich ständig auszubooten.«

»Wieso?«

»Ich hab keine Ahnung. Vermutlich glaubt sie, dass ich das Alpha-Weibchen in unserem Rudel bin und dass es nur Platz für eine an der Spitze gibt, ohne dass die eine die andere frisst.«

»Wenn ich deinen etwas seltsamen Wolfsrudel-Vergleich richtig verstehe, meinst du, dass sie die Anführerin eurer Clique werden will?«

Ich zuckte mit den Schultern und beobachtete Jules, die sich auf der anderen Seite des Saals bei Claire unterhakte und etwas zu ihr sagte. »Eine andere Erklärung fällt mir nicht ein. Sie ist der Hauptgrund, warum ich dich heute Abend brauche. Sie glaubt, ich hätte gelogen. Und ich wollte ihr nicht noch mehr Fläche bieten, um mich anzugreifen. Sie findet auch so schon genug Gründe, auf mich loszugehen, ohne dass ich es ihr auf dem Silbertablett serviere.«

Er zog seine Augenbrauen hoch – das tat er gerne, so viel hatte ich bereits mitbekommen. »Und wenn sie herausfindet, dass du gelogen hast …?«

»Ja, das ist mir schon klar. Jetzt lüge ich wirklich und vorher habe ich es nicht getan. Aber sie glaubt, dass ich gelogen habe. Und wenn ich ohne dich hier aufgekreuzt wäre, wäre ich abgeschrieben gewesen.«

»Und du vertraust nicht darauf, dass deine anderen Freundinnen dich genug mögen, um sie nicht damit durchkommen zu lassen?«

»Sie mögen mich. Aber Jules arbeitet seit zwei Monaten daran, mich abzuservieren. Sie dachte wirklich, sie hätte etwas gegen mich in der Hand. Sie dachte, dass ich ihnen etwas verheimliche. Mit dem heutigen Abend muss ich ihnen das Gegenteil beweisen.«

»Aber wenn du wirklich das Alpha-Weibchen bist, warum schmeißt du sie dann nicht einfach raus?«

Über diese Frage dachte ich schon seit Längerem nach. Die einfache Antwort war: Weil ich nicht glaubte, dass ich annähernd so viel Macht hatte, wie Jules annahm. Und der andere Grund, den ich mir selbst nur in meinen dunkelsten Momenten eingestand, war der, dass ich Angst hatte, meine Freundinnen würden sich für sie entscheiden, wenn sie die Wahl hätten. Ich hatte Angst, dass meine Mitschüler, egal wie selbstsicher ich auftrat, mich in Wirklichkeit nicht mochten. Und dass sie vielleicht einen guten Grund dafür hatten. Das würde ich ihm allerdings nicht unter die Nase reiben. Für heute Abend hatte er schon genug meiner Schwächen gesehen. »Weil ich nur zu einem Achtel böse bin.«

»Bitte, was?«

»Manchmal denke ich, dass Jules zu einem Viertel aus reiner Boshaftigkeit besteht. Aber das ist es ja … Vermutlich will ich nicht so sein: Das Mädchen, das drauf angewiesen ist, jemanden aus der Clique zu werfen. Ich hatte gehofft, wir könnten das irgendwie begraben, einen Waffenstillstand schließen, neutralen Boden finden, keine Ahnung.« Und mal abgesehen von den anderen Gründen, warum ich Angst davor hatte, Unruhe zu stiften, stimmte das ja auch. Ich wollte, dass wir alle miteinander auskamen.

»Du magst Analogien, stimmt’s?«

»Ja, das stimmt. Worte haben Macht.«

Er legte den Kopf schief, als würde er über meine Antwort nachdenken. »Aber ich hab’s immer noch nicht begriffen. Wenn sie Fotos von ihm gesehen haben, warum glauben sie dann nicht, dass es ihn gibt?«

Ich lachte trocken auf. »Weil es nur so wenige sind. Es war ja nicht so, dass wir ständig zusammen waren, um Fotos zu machen. Wir haben halt … hatten … eine Fernbeziehung. Jules glaubt wahrscheinlich, dass ich irgendeinen Typen auf der Straße gebeten habe, sich mit mir fotografieren zu lassen.«

Er lachte. »Keine Ahnung, wie sie auf so was kommt.«

Ich lief rot an und schaute zu Boden. »Jaja, schon gut.« Es war wirklich lächerlich, dass ich mir ausgerechnet heute Abend einen falschen Freund zulegen musste. Was nicht notwendig gewesen wäre, wenn mein durch und durch echter Freund nicht mit mir Schluss gemacht hätte.

»Alles okay bei dir? Traurig wegen der Sache mit Captain America?«

Ich atmete durch die Nase ein und achtete darauf, dass meine Stimme ganz fest klang, als ich antwortete: »Nein. Alles bestens. Zwischen uns war nichts wirklich Ernstes. Eine kurze Fernbeziehung halt. Nichts von Bedeutung.« Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich versuchte, ihn oder mich mit meiner Antwort zu überzeugen.

Er schwieg so lange, dass ich zu ihm hochsah. Hörte er mir noch zu? Sein Blick war auf mich gerichtet, als suchte er nach etwas in mir, von dem ich gar nicht wusste, ob ich es hatte. Der Song war zu Ende, ein schnellerer folgte. Rasch trat ich einen Schritt zurück. »Na gut. Und wie heißt du in Wirklichkeit?«

»Wir können uns heute Abend keinen Ausrutscher erlauben, oder? Alles, was du wissen musst, ist, dass ich Bradley heiße.« Endlich wandte er seinen Blick von mir ab und ich konnte wieder normal weiteratmen. Er streckte seine Hand nach mir aus. Ich nahm sie, er drehte mich und zog mich dann wieder in seine Arme, bewegte sich im Rhythmus.

»Gar nicht so übel«, staunte ich.

»Was? Meine schauspielerischen Leistungen oder wie ich tanze?«

»Na ja, beides, aber ich meinte das Tanzen.«

»Das liegt daran, dass du bereits die Fünfte bist, für die ich als Abschlussball-Partner einspringe. Da musste ich notgedrungen meine Tanzfähigkeiten auffrischen.«

»Schon klar.«

»Also, Gia Montgomery.«

»Ja, Junge ohne Namen?«

Er lachte. »Ich kann immer noch nicht fassen, dass du mir für den Stunt hier Geld angeboten hast. Läufst du eigentlich oft durch die Gegend und bietest Leuten an, sie für solche Dienste zu bezahlen?«

»Nein, normalerweise bekomme ich mit einem bloßen Lächeln alles, was ich will.« Ich war tatsächlich ein bisschen überrascht gewesen, dass es so schwer gewesen war, ihn aus dem Auto zu bekommen.

»Und was hat es dir bisher eingebracht?«

»Abgesehen von dir im Anzug?«

Er sah an sich hinab, als würde ihm erst in diesem Moment auffallen, dass er einen trug. »Den hast du nicht deinem Lächeln zu verdanken.«

»Sondern?« Ich war neugierig. Erst hatte er versucht, das Fenster vor meiner Nase zuzumachen, und sich dann einen Wimpernschlag später bereit erklärt, mein Date zu sein.

»Gia!« Ich drehte mich um, als ich meinen Namen hörte. Ein Mädchen mit langen blonden Haaren winkte mir zu. »Ich hab für dich gestimmt!« Sie zeigte zur Bühne, auf der auf einem Hocker ein glitzerndes Diadem auf seine Trägerin wartete. Ich lächelte sie an und formte mit den Lippen ein stummes »Danke«. Als ich mein So-als-ob-Date wieder ansah, funkelten seine Augen belustigt.

»Was?«

»Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich mit einer High-school-Ballkönigin tanze.«

»Na ja, tust du ja auch nicht. Bis jetzt ist noch niemand gekrönt worden.«

»Wer war das?« Er deutete mit der Hand auf das blonde Mädchen.

»Sie ist in meinem Geschichtskurs.«

Er nahm meine Hand. »Wir sollten mal lieber zu deinen Freundinnen zurückgehen.«

Die anderen hatten sich inzwischen an einen Tisch gesetzt und überlegten, ob sie vom Ball verschwinden und etwas Spannenderes unternehmen sollten. Und auf dieses »Spannendere« versuchten sie sich gerade zu einigen. Ich warf einen Blick in Richtung Bühne, denn ich wusste, dass ich nicht eher gehen konnte, als bis das Ballkönigspaar verkündet wurde. Jules war das natürlich total egal – wahrscheinlich war das der Grund, warum sie schon gehen wollte. Sie war anscheinend beleidigt, weil sie nicht nominiert worden war. Sie würde das niemals laut zugeben, aber ich sah, wie sie jedes Mal ihren Mund verzog, wenn jemand darauf zu sprechen kam.

Laney flüsterte: »Tut mir leid«, als ich neben ihr stand. Ich war mir nicht sicher, was genau ihr leidtat … vielleicht all die Monate, die sie mir Bradley nicht abgenommen hatte? Ich schlängelte mich um den Tisch herum, die Hand meines falschen Dates immer fest im Griff, dann nahmen wir mit Blick auf die Tanzfläche Platz.

Jules stand auf und hielt ihr Handy hoch. »Rückt mal alle enger zusammen, ich will ein Foto machen.« Das taten wir, und als sie auslöste, spürte ich, wie sich mein falscher Freund hinter mich schob. Wahrscheinlich versteckte er sein Gesicht hinter meinem Kopf. Jules betrachtete das Foto, bat uns aber um kein zweites. Dann wandte sie sich an So-als-Bradley: »Na, wie vertreiben sich College-Studenten denn so die Zeit? Das heißt, außer Highschool-Mädels aufzureißen.«

Er zuckte mit keiner Wimper. Wahrscheinlich, weil er sich nicht wirklich angesprochen fühlte. »Na ja, Gia und ich gehen nach dem Ball auf eine Party. Die ist aber nur für geladene Gäste – hilft euch also nicht weiter. Gibt’s hier nicht eine Spielhalle oder so, wo ihr alle hingehen könntet?« Er klang so, als bemühte er sich, besonders höflich zu sein, aber unter dem Tisch drückte er mein Knie und ich musste mir auf die Lippen beißen, um mir das Lachen zu verkneifen. Ich hätte ihn für seine Antwort umarmen können. »Ich komm nicht von hier, keine Ahnung, was man in der Gegend so machen kann.«

Jules reagierte wie ein Bluthund: Beim ersten Tropfen Blut wurden ihre Sinne hellwach. Sie sollte zur Polizei gehen, ihr entging nicht die kleinste Ungereimtheit. »Aber wie kommt’s, dass du hier zu einer Party eingeladen bist, wenn du gar nicht aus der Gegend kommst?«

So-als-ob-Bradley hatte sofort eine Antwort parat. »Wer hat gesagt, dass die Party hier in der Gegend ist?« Was dann folgte, war eine Art Blickduell, denn beide starrten sich nur wortlos an. Es war Jules, die zuerst wegschaute, und ich atmete erleichtert auf. Ich musste bloß diesen Abend überstehen. Und wenn sie jetzt schon anfing herumzuschnüffeln, würde sie womöglich herausfinden, dass der Junge neben mir nicht der war, für den ich ihn ausgab.

Mein Date musste mein besorgtes Gesicht gesehen haben, denn er schaute mich mit diesem Ich-bin-total-verliebt-in-dich-Blick an und streifte mit seinen Lippen sanft über meine Wange. Meine Kehle schnürte sich zu. Er war ein wirklich guter Schauspieler.

»Mach nicht so ein sorgenvolles Gesicht«, flüsterte er. »Damit verrätst du uns noch.« Er strich eine Haarsträhne hinter mein Ohr. »Jetzt kichere ein bisschen, als hätte ich etwas Lustiges gesagt.«

Das tat ich. Es war sogar gar nicht so schwer, aber genau in dem Moment erblickte ich eine Person auf der Tanzfläche, die mein Kichern in der Kehle ersticken ließ. Seine Schwester. Und sie starrte uns an.

4

Verwirrt kniff sie die Augen zusammen, dann sagte sie etwas zu dem Jungen, der neben ihr stand. Auch er schaute zu uns hinüber und nickte. Und damit marschierten sie beide los – in unsere Richtung.

»Sie kommen«, flüsterte ich.

So-als-ob-Bradley folgte meinem Blick und lächelte, als wäre das keine große Sache. »Ich kümmere mich darum.«

Er stand auf. Ich war unsicher, ob ich mitkommen oder einfach hier sitzen bleiben und zuschauen sollte. Ich entschied mich für die zweite Variante.

Als die beiden sich gegenüberstanden, redete seine Schwester sofort los. Sie deutete auf seine Klamotten. Er entgegnete etwas. Ihr Kopf fuhr zu mir herum, in ihrem Blick blitzte Wut. So viel zum Coolbleiben.

»Was geht da denn ab?«, zischte Jules. War ja klar, dass sie das als Erste mitbekam. Die ganze Sache würde mir gleich ins Gesicht fliegen. Ich wusste es. Wahrscheinlich verdiente ich es auch. Ich hatte eine Riesendummheit begangen und es hatte gerade mal eine Stunde gedauert, bis wir aufflogen. Ich hätte einfach sofort die Wahrheit sagen sollen: Bradley hat mit mir Schluss gemacht. Claire und Laney hätten das verstanden. Sie hätten mir geglaubt. Wahrscheinlich hätten sie sogar für mich den Abend sausen lassen, um meinen Kummer mit Eiscreme zu begraben, so wie wir es bei Claire gemacht hatten, als ihr Freund letztes Jahr mit ihr Schluss gemacht hatte. Aber ich hatte einfach null Selbstvertrauen.

Ich stand auf, schaute Jules an und sagte: »Etwas, über das du mit Sicherheit ausgesprochen glücklich sein wirst.« Ich wartete ihre Reaktion gar nicht erst ab. Ich ging rüber zu So-als-ob-Bradley, der sich bemühte, seine Schwester wegzulotsen.

»Na komm, lass uns das draußen besprechen«, hörte ich ihn sagen, als ich mich näherte.

Als ich sie erreichte, drehte sie sich zu mir um und stemmte die Hände in die Hüften. Etwas an ihrem Gesichtsausdruck kam mir irgendwie bekannt vor.

»Nein«, knurrte sie. »Du wirst meinen Bruder nicht ausnutzen. Er ist ein netter Kerl und er ist in der Vergangenheit schon von zu vielen egoistischen Zicken wie dir verletzt worden.«

»Nun übertreib mal nicht, Bec. Es war nur die eine.«

»Es tut mir leid«, sagte ich zu seiner Schwester, sah aber ihn dabei an. »Ich wollte daraus keine große Sache machen.« Jetzt wandte ich mich ihr zu. »Du hast recht. Ich hätte deinen Bruder nicht ausnutzen sollen. Er ist ein netter Kerl.«

Sie nickte und wirkte verblüfft, als hätte sie nicht damit gerechnet, dass ich ihr zustimmen würde. »Ja, das ist er und er sollte sich mit Leuten wie dir nicht abgeben müssen.«

»Nicht verallgemeinern, Bec. Du kennst Gia doch gar nicht.«

Jetzt lachte Bec laut auf. »Das hat sie dir also gesagt? Dass sie mich nicht kennt? Typisch.«

»Kenne ich dich denn?«, fragte ich sie verwirrt und musterte sie noch einmal genau.

»Nein. Tust du nicht«, antwortete Bec, aber ich hatte das Gefühl, dass sie genau das Gegenteil meinte. Ich versuchte mich zu erinnern, ob wir uns in der Schule schon einmal begegnet waren. Hatte ich ihr irgendwas getan? Ich kannte viele Leute, schließlich war ich Vorsitzende der Schülervertretung, aber unsere Schule war groß mit mindestens zweitausend Schülern. Trotzdem, ich musste versuchen, mir Namen und Gesichter besser zu merken.

Ich zeigte zu unserem Tisch. »Es tut mir leid. Ich hab heute Abend ziemlich viel verbockt, aber das hier bringe ich in Ordnung. Ich sage ihnen, was wirklich passiert ist.« Das war der Moment der Wahrheit. Ich drehte mich zu meinen Freundinnen, die uns mittlerweile alle von der anderen Seite des Saals anstarrten. Entweder würden sie mir verzeihen oder sie würden es nicht tun. Ich machte einen Schritt vorwärts, doch jemand packte mich am Handgelenk und zog mich zurück.

»Nein. Tu’s nicht. Du hattest recht. Jules ist mindestens zu einem Viertel böse. Sie wird dich fertigmachen.«

»Ist schon okay. Das wird schon. Meine anderen Freundinnen werden für mich Partei ergreifen. Tausend Dank für deine Hilfe heute Abend. Du warst echt super.« Ich stellte mich auf meine Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange, dann wirbelte ich herum, bevor ich es mir anders überlegen konnte.

Auf dem Weg zu unserem Tisch ging ich alles durch, was ich sagen wollte. Ich wusste, dass Jules jedes Detail auseinandernehmen würde – auch darauf bereitete ich mich vor. Ich hatte mich monatelang gegen ihre Sticheleien gewehrt, ich würde auch jetzt mit ihr klarkommen.

Ich konzentrierte mich auf Claire, denn in ihrem Gesichtsausdruck erkannte ich echte Anteilnahme, was mir einen gewissen Trost gab. Ich trat an den Tisch.

»Alles okay?«, fragte Claire.

»Nein. Ich muss euch etwas sagen. Euch beiden.«

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