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Liebe im Visier

1. KAPITEL

„Sie gefährden die Ermittlung!“, sagte Detective Sergeant Rick Marquez aufgebracht zu der neuen Mitarbeiterin in seinem Revier in San Antonio.

Gwendolyn Cassaway zuckte zusammen. „Tut mir leid. Ich bin gestolpert. Es war ein Versehen.“

Er sah sie aus verengten dunklen Augen an, die sinnlich geschwungenen Lippen fest zusammengepresst. „Sie sind nur deshalb gestolpert, weil Sie kurzsichtig sind und sich weigern, eine Brille zu tragen.“ Seiner Meinung nach konnte sie sich die Mühe sowieso sparen. Sie war nämlich alles andere als eine Schönheit, auch wenn sie eine tolle Haut hatte. Am auffallendsten war noch ihr langes platinblondes Haar, das sie jedoch immer hochgesteckt trug.

„Die Brille stört mich einfach bei der Arbeit. Ständig sind die Gläser verschmiert“, verteidigte sie sich. „Irgendwie taugen die ganzen Reinigungsmittel nichts.“

Marquez seufzte genervt auf und ließ sich auf die Schreibtischkante in seinem Büro sinken, eine Position, die nicht nur seinen Colt und sein Dienstgradabzeichen zum Vorschein brachte, sondern auch seine langen muskulösen Beine – und zwar sehr vorteilhaft. Rick war groß und kräftig gebaut, dabei jedoch schlank. Er hatte die olivbraune Haut der Hispano-Amerikaner und trug das lange schwarze Haar in einem Pferdeschwanz.

Obwohl er sehr attraktiv war, hatte er bisher noch keine feste Freundin. Die meisten Frauen weinten sich nämlich nur wegen anderer Typen an seiner Schulter aus. Wenn sie doch mal Interesse an ihm hatten, brachen sie spätestens dann den Kontakt zu ihm ab, sobald sie feststellten, dass er seine Dienstwaffe auch außerhalb der Arbeitszeit trug.

Also ging er nach wie vor allein in die Oper und in Konzerte. Im Grunde genommen ging er überall allein hin. Er war jetzt fast einunddreißig und einsamer als je zuvor. Was ihn ziemlich reizbar machte.

Und Gwen Cassaway mit ihrer Ungeschicklichkeit machte alles nur noch schlimmer. Sie ermittelten gerade in einem Mordfall – eine hübsche blonde Studienanfängerin war in ihrer Wohnung brutal überfallen und getötet worden. Bisher hatten sie keine Verdächtigen, und die Spuren am Tatort waren auch ohne Gwens Patzer schon unzureichend genug. Sie wäre eben fast in eine Blutlache getreten.

Marquez hatte entsprechend schlechte Laune. Außerdem hatte er Hunger, und es nervte ihn, dass er einen Teil seiner Mittagspause darauf verschwenden musste, ihr den Marsch zu blasen. Aber wenn er das nicht übernahm, würde der Lieutenant es tun, und Cal Hollister hatte ein noch hitzigeres Temperament als Marquez.

„Außerdem setzen Sie damit Ihren Job aufs Spiel“, fügte er hinzu. „Schließlich sind Sie noch neu im Dezernat.“

Gwen verzog das Gesicht. „Ich weiß.“ Sie zuckte die Achseln. „Na ja, wenn es hart auf hart kommt, gehe ich eben wieder zur Polizei nach Atlanta zurück“, sagte sie.

Marquez fiel auf, dass ihre Augen blassgrün waren – fast durchscheinend. Eine solche Farbe hatte er noch nie gesehen. „Sie müssen in Zukunft besser aufpassen, Miss Cassaway“, ermahnte er sie.

„Ja, Sir. Ich werde mein Bestes tun.“

Er versuchte, den Blick von ihrem lächerlichen T-Shirt abzuwenden. Es war mit kleinen grünen Marsmenschen bedruckt, unter denen ‚Haben Sie zufällig irgendwo mein Raumschiff gesehen?‘ stand. Er unterdrückte ein Grinsen.

Gwen zog ihre Jeansjacke enger um sich, als habe sie seine Gedanken erraten. „Sorry. Gibt es hier irgendwelche Vorschriften gegen T-Shirts?“

„Das werden Sie schon herausfinden, sobald der Lieutenant Sie sieht.“

Sie seufzte. „Ich werde mir Mühe geben, in Zukunft weniger aufzufallen. Aber ich komme eben aus einer sehr schrägen Familie. Meine Mutter arbeitete für das FBI, mein Vater ist beim Militär, und mein Bruder …“ Sie schluckte. „Mein Bruder war beim Heeresnachrichtendienst.“

Marquez runzelte die Stirn. „Ist er tot?“

Gwen nickte. Sie konnte noch nicht darüber reden. Der Schmerz über Larrys Verlust war zu frisch.

„Tut mir leid“, sagte er unbeholfen.

Sie blickte zu Boden. „Larry starb während eines verdeckten Einsatzes im Mittleren Osten. Er war mein einziger Bruder. Es fällt mir sehr schwer, darüber zu reden.“

„Kann ich verstehen.“ Rick stand auf und warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Zeit zum Mittagessen.“

„Also, ich habe schon etwas anderes vor …“, begann sie hastig.

Er sah sie irritiert an. „Das war nur eine Bemerkung, keine Einladung. Ich gehe grundsätzlich nicht mit Kolleginnen aus.“

Gwen lief hochrot an. „Sorry. Ich war nur … ich meine …“

Er machte eine ungeduldige Geste. „Schon gut. Kümmern Sie sich bitte um eine vernünftige Sehhilfe. Sie können unmöglich einen Tatort untersuchen, wenn Sie nichts erkennen!“

Sie nickte. „Ja, Sir. Selbstverständlich.“

Er öffnete die Tür und ließ ihr den Vortritt. Dabei fiel ihm auf, dass sie gut roch. Sie duftete wie die Rosen im Garten seiner Adoptivmutter in Jacobsville, aber sehr dezent. Manche ihrer Kolleginnen überschütteten sich förmlich mir Parfum und wunderten sich dann über Kopfschmerzen und Allergien.

Vor der Tür blieb Gwendolyn so abrupt stehen, dass Rick sie von hinten anrempelte. Unwillkürlich legte er ihr die Hände auf die Schultern, damit sie nicht umkippte.

„Tut mir leid!“, rief sie erschrocken. Schade, dass er seine Hände gleich wieder wegnahm. Sie hatten sich so gut auf ihren Schultern angefühlt.

„Was ist los?“, fragte er ungeduldig.

Gwen konnte sich nur mühsam auf das Gespräch konzentrieren. Detective Sergeant Marquez war wirklich unglaublich sexy. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen, seit sie vor ein paar Wochen zu seinem Team gestoßen war. „Ich wollte Sie nur fragen, ob ich Alice Fowler im kriminaltechnischen Labor auf die Untersuchungsergebnisse der Digitalkamera ansprechen soll, die wir in der Wohnung der Ermordeten gefunden haben. Inzwischen hat sie vielleicht ein paar Hinweise gefunden.“

„Gute Idee. Machen Sie das.“

„Okay, dann schaue ich dort gleich nach der Mittagspause auf dem Rückweg vorbei“, sagte Gwen, froh über Marquez’ Reaktion. „Danke.“

Rick nickte jedoch nur geistesabwesend. In Gedanken war er bereits bei dem leckeren Boeuf Stroganoff, das er sich gleich bestellen wollte. Er freute sich schon die ganze Woche darauf. Da heute Freitag war, konnte er mal ein bisschen über die Stränge schlagen.

Am nächsten Tag hatte er frei. Er hatte seiner Adoptivmutter Barbara versprochen, ihr beim Einwecken der Tomaten zu helfen, die ihr ein befreundeter Biogärtner geschenkt hatte. Sie bereitete die Gerichte in ihrem Café in Jacobsville nämlich gern mit Biozutaten zu.

Er hatte Barbara viel zu verdanken. Sie hatte ihn nach dem Tod ihres Mannes und dem seiner Mutter und seines Stiefvaters adoptiert, was er ihr gar nicht hoch genug anrechnen konnte. Damals hatte er nämlich als extrem gefährdeter Jugendlicher gegolten. Auf der Highschool war er ständig in Prügeleien geraten und hatte auch sonst allerlei angestellt. Barbara hatte ihn trotzdem bei sich aufgenommen.

Inzwischen liebte er sie genauso wie seine echte Mutter und empfand ihr gegenüber einen ausgeprägten Beschützerinstinkt. Nur an seinen Stiefvater dachte er nicht gern zurück.

Eins allerdings störte ihn an ihr: Dass sie ihm ständig in den Ohren lag, endlich zu heiraten und eine Familie zu gründen. Immer wieder versuchte sie ihn zu verkuppeln, aber irgendwie schien er auf dem Heiratsmarkt der ewige Ladenhüter zu sein.

Gwen sah Rick hinterher, als er hinausging. Das Missverständnis wegen der Mittagspause eben war ihr total peinlich. Marquez hatte ganz offensichtlich kein Interesse an ihr, auch wenn sie von ihren Kollegen wusste, dass er keine Freundin hatte. Schade, aber leider nichts Neues.

Gwen war sich bewusst, dass sie nicht besonders hübsch war. Sie kleidete sich auch nicht gerade aufreizend, und sie hatte ziemlich altmodische Moralvorstellungen. Die meisten Männer standen nun einmal nicht auf Frauen, die Sex vor der Ehe für eine Sünde hielten.

Sie war mal mit einem Mann ausgegangen, der fast vor Lachen zusammengebrochen war, als sie ihm das erzählt hatte. Doch dann war er wütend geworden und hatte ihr Vorhaltungen gemacht, sich von ihm ins Theater und zum Essen einladen zu lassen, ohne dafür eine Gegenleistung zu bringen. Die Erfahrung war ihr eine Lehre gewesen. „Ich bin wie Don Quijote“, murmelte sie vor sich hin.

„Dafür hast du aber das falsche Geschlecht“, bemerkte Detective Sergeant Gail Rogers belustigt, die ihre Bemerkung aufgeschnappt hatte. Sie und Gwen hatten sich in den letzten Wochen angefreundet, und Gwen bewunderte die ältere Frau sehr. „Warum vergleichst du dich mit Don Quijote?“

Gwen blickte sich verstohlen um. Gott sei Dank war gerade niemand in Hörweite. „Sex vor der Ehe ist für mich tabu“, flüsterte sie. „Die Männer halten mich deshalb für verrückt.“ Sie zuckte die Achseln. „Ich bin wie Don Quijote, der in einer dekadenten Welt für Moral und Anstand kämpft.“

Gail Rogers lächelte. „Auf seine Art war er sehr nobel. Ein Idealist und ein Träumer.“

„Leider war er auch total durchgeknallt“, sagte Gwen seufzend.

„Stimmt, aber er gab den Menschen um sich herum das Gefühl, wertvoll zu sein. Zum Beispiel der Prostituierten, die er zu einer großen Lady idealisierte. Er hat den Menschen beigebracht, wieder Träume zu haben. Sie haben ihn dafür sehr verehrt.“

Gwen lachte. „Stimmt, darin war er gut.“

„Ich finde, Menschen sollten an ihren Idealen festhalten, auch wenn man sie deswegen verspottet“, sagte Gail aufmunternd. „Steh ruhig zu deinen Prinzipien. Jede Gesellschaft braucht ihre Außenseiter.“ Sie beugte sich vor. „Anpasser haben noch nie Geschichte gemacht.“

„Danke, das hast du nett gesagt.“

Gail sah sie nachdenklich an. „Was war eben eigentlich los? Macht Marquez dir das Leben schwer?“

„Ach, das war meine eigene Schuld“, gestand Gwen. „Ich vertrage keine Kontaktlinsen und hasse Brillen. Ich bin am Tatort gestolpert, weil ich keine aufhatte, und hätte dabei fast wichtige Spuren verwischt.“ Sie verzog das Gesicht. „Deshalb der Rüffel. Aber ich habe ihn verdient“, fügte sie hastig hinzu, um Sergeant Marquez nicht in ein schlechtes Licht zu rücken.

Gail sah sie aus schmalen Augen an. „Du magst ihn, oder?“

Gwen wurde rot. „Ich respektiere ihn“, antwortete sie ausweichend.

„Er ist ein guter Mann. Ziemlich aufbrausend zwar, aber daran wirst du dich schon noch gewöhnen.“

Gwen lachte nervös. „Ich tue mein Bestes.“

Sie verließen gemeinsam das Gebäude. „Wie hast du das eigentlich in Atlanta gemacht?“, fragte Gail plötzlich.

„Wie bitte?“

„Na, bei der Polizei. Wo du gearbeitet hast.“

„Ach so!“ Gwen überlegte sich fieberhaft eine Antwort. „Ach, da brauchte ich die Brille nicht so oft.“

„Ich verstehe.“

Nein, das tut sie nicht, dachte Gwen, als sie auf dem Parkplatz ankamen und sich trennten. Woher auch? Gail hatte nämlich keine Ahnung, dass sie ein Geheimnis hütete.

Sie aß einen Salat und ein halbes Käsesandwich zum Mittagessen und bestellte sich zum Dessert einen Cappuccino. Genießerisch schloss sie beim Trinken die Augen. Das Aroma des Kaffees erinnerte sie immer an Italien, an das kleine Café in der Nähe der Ruinen …

Hastig klappte sie die Augen wieder auf und sah sich um, ob womöglich jemand ihre Gedanken erraten hatte. Sie musste aufpassen, dass sie sich nicht verplapperte. Offiziell war sie jetzt eine junge Nachwuchsdetektivin, das durfte sie nicht vergessen.

Ihre Gedanken schweiften wieder zu Detective Sergeant Marquez. Er würde bald etwas erfahren, das ihm vermutlich schwer zu schaffen machen würde. Bis es soweit war, hatte sie den Auftrag, ihn zu beobachten, sich möglichst unauffällig zu verhalten und herauszufinden, wie viel er oder seine Adoptivmutter bereits über seine Herkunft wussten. Sie durfte ihm nichts verraten. Noch nicht.

Nachdem Gwen ihren Kaffee ausgetrunken hatte, bezahlte sie und ging nach draußen. Das Wetter in Texas spielte mal wieder verrückt. Das Frühjahr war ungewöhnlich kalt gewesen und der Sommer so heiß und trocken, dass das Vieh reihenweise bei Flächenbränden umgekommen war. Jetzt hingegen, im November, war es für die Jahreszeit noch erstaunlich warm.

Als Gwen ins Auto stieg, schwitzte sie sogar. Rasch zog sie sich ihre Jacke aus. Gott sei Dank hatte ihr Wagen eine Klimaanlage. Wie hatten die Menschen früher nur ohne so etwas überlebt? Das Leben in Texas konnte nicht einfach gewesen sein, vor allem nicht auf dem Land. Unvorstellbar, in der Sommerhitze eine Herde Rinder brandmarken zu müssen, ganz zu schweigen von der Feldarbeit!

Sie startete den Motor und fuhr zum kriminaltechnischen Labor, um sich nach den Untersuchungsergebnissen für die Digitalkamera zu erkundigen. Alice Fowler hatte tatsächlich etwas gefunden. Die ermordete Studentin hatte vor ihrem Apartmentblock ein befreundetes Pärchen fotografiert, und auf einem der Fotos war im Hintergrund ein seltsam aussehender Mann zu erkennen, der offensichtlich nicht dazugehörte.

Schon allein vom Erscheinungsbild her passte er nicht zu den anderen. Der Wohnblock war ein mittelklassiger Apartmentkomplex, und der Mann sah eher schäbig und ungepflegt aus. Hm, sehr interessant. Und ziemlich verdächtig. Hoffentlich konnte sie ihn mithilfe der neuen Gesichtswiedererkennungs-Software identifizieren.

Gwen fuhr weiter zum Revier, in Gedanken mal wieder bei Marquez und dem, was ihm bevorstand. Hoffentlich ging alles gut.

Barbara drehte sich zu ihrem Adoptivsohn um und hob die Augenbrauen. „Kannst du die Tomaten nicht einfach enthäuten, anstatt immer das ganze Fleisch wegzuschneiden?“

Rick verzog schuldbewusst das Gesicht. „Sorry“, sagte er und gab sich mehr Mühe. Die in einem großen Topf mit kochendem Wasser sterilisierten Einweckgläser würden gleich mit duftenden Tomatenscheiben gefüllt und im Dampfkocher eingekocht werden. Rick beäugte das Gerät misstrauisch. „Ich hasse diese Dinger“, murmelte er. „Selbst die sichersten Töpfe sind gefährlich.“

„So ein Quatsch“, sagte Barbara unwirsch, schüttete Tomaten in ein Sieb, tauchte es in einen weiteren Topf mit kochendem Wasser und holte es kurz darauf wieder heraus. Sie stellte es vor Rick in die Spüle. „Da. Jetzt lassen sie sich besser enthäuten. Ich sage dir jedes Jahr, dass es auf diese Weise viel schneller geht, aber du willst ja nie auf mich hören!“

„Das Schälen macht mir eben Spaß“, antwortete Rick grinsend. „Dabei kann ich meinen Frust abbauen.“

„Ach wirklich? Welchen Frust?“

„Da ist doch diese neue Frau im Revier.“

Barbara nickte. „Gwen Cassaway.“

Rick ließ vor Schreck das Messer fallen und starrte seine Stiefmutter verdutzt an. „Woher weißt du das?“

„Na, du sprichst doch ständig über sie!“

„Wirklich? Ist mir noch gar nicht aufgefallen.“

Barbara enthäutete eine Tomate. „Du beklagst dich ständig darüber, dass sie über Gegenstände stolpert, Tatorte ruiniert, Kaffee verschüttet, ihr Handy nicht findet …“ Barbara hob den Blick zu Rick, der noch immer wie angewurzelt dastand. „Mach schon, die Tomaten verarbeiten sich nicht von allein.“

Er stöhnte genervt auf.

„Denk einfach an meinen leckeren Rindereintopf“, versuchte Barbara ihm die Arbeit schmackhafter zu machen.

„Warum kaust du dir nicht einfach eines dieser Dinger, mit denen man die Luft aus Gefrierbeuteln saugen kann, und frierst die Tomaten stattdessen ein?“

„Und was ist, wenn wir mal einen Stromausfall haben?“, wandte Barbara ein.

Rick überlegte kurz. „Dann hole ich eben zwanzig Beutel Eis und mehrere Kühltaschen.“

Sie musste lachen. „Okay, aber wir wissen nicht, was mit der Energieversorgung passiert, wenn wir mal wieder einen genauso heftigen KMA haben wie bei dem Carrington Event 1859.“

Er blinzelte verwirrt. „Wie bitte?“

„1859 gab es einen starken koronalen Massenauswurf namens Carrington Event“, erklärte sie. „Als er auf die Erde traf, spielte die Elektrik auf dem ganzen Planeten verrückt. Dabei steckte sie damals erst in den Kinderschuhen. Jetzt stell dir nur mal die heutigen Folgen vor, wo wir doch vollkommen abhängig von Strom sind. Banken, Kommunikation, Apotheken, die Regierung, das Militär – alle sind auf Strom angewiesen. Sogar unsere Wasserversorgung ist computergesteuert. Nicht auszudenken, was passiert, wenn das alles zusammenbricht.“

Rick stieß einen lauten Pfiff aus. „Ich war mal in einem Supermarkt, in dem die Computer ausfielen. Die Kreditkarten konnten nicht mehr eingelesen werden. Die meisten Kunden mussten wieder gehen, da sie nicht bezahlen konnten. Ich hatte glücklicherweise genug Bargeld dabei.“

„Siehst du?“ Barbara arbeitete weiter.

„Du hast recht, das wäre eine Katastrophe. Ist so etwas denn wahrscheinlich?“

„Früher oder später wird es wieder passieren. Die Sonne verläuft in Elfjahreszyklen, mit einer minimalen und einer maximalen Sonneneinstrahlung. Das nächste Maximum ist den Wissenschaftlern zufolge nächstes Jahr. Vielleicht erwischt es uns ja dann.“

„Dabei fällt mir ein, bei uns kam neulich so ein Typ aufs Revier und wollte Flyer verteilen.“

„Worum ging’s?“

„Darum, dass nächstes Jahr die Welt untergeht und wir uns mit Hüten aus Alufolie vor elektromagnetischen Impulsen schützen müssen.“

„Aha, EMP’s“, sagte Barbara fachmännisch. „Wenn du mich fragst, müsste man in eine vergrößerte Leidener Flasche steigen, um wirklich davor geschützt zu sein. Und sämtliche Computer, die man retten will, müsste man mitnehmen.“ Sie warf Rick einen Blick zu. „Ein EMP, und unsere Militärcomputer stürzen ab wie tote Vögel.“

Rick legte das Messer hin. „Woher weißt du das bloß alles?“, fragte er irritiert.

„Aus dem Internet.“ Sie zog ihren iPod aus ihrer Tasche, um Rick zu demonstrieren, was sie meinte. „Ich habe Wi-Fi im Haus, wie du weißt. Ich logge mich einfach bei den entsprechenden Websites ein. Ich habe eine für das Wetter im Weltall, drei Radare für das Wetter auf der Erde und etwa zehn Sites, die mir alles verraten, was die Regierung verschweigt …“

„Meine Mutter, die Verschwörungstheoretikerin“, stöhnte Rick.

„In den Nachrichten erfährt man doch nichts mehr“, entgegnete sie. „Die Medien werden von drei großen Gesellschaften beherrscht, die darüber entscheiden, was wir zu hören kriegen. Was sich meistens darauf beschränkt, welcher Moderator gerade betrunken vor der Kamera stand, welche Fernsehsendung die besten Einschaltquoten erzielt hat oder welcher Politiker sich zur Wiederwahl stellt.“

Sie griff nach einer Tomate. „Früher bekamen wir noch Nachrichten präsentiert, die ihren Namen verdienten“, sagte sie aufgebracht. „Auch in den Zeitungen. Es gab noch echte Reporter. Unsere Jacobsville Times ist da eine große Ausnahme.“

„Ich weiß“, antwortete Rick. „Der Polizeichef hat alle Hände voll damit zu tun, Minette Raynor vor den Drogenbaronen zu schützen. Sie kennt sie alle und scheut sich nicht, ihre Namen abzudrucken.“ Er schüttelte den Kopf. „Damit setzt sie ihr Leben aufs Spiel.“

Minette war die Herausgeberin der Jacobsville Times.

„Irgendjemand muss schließlich etwas gegen diese Kerle unternehmen“, sagte Barbara hitzig, während sie die nächste Tomate enthäutete. Danach sammelte sie sämtliche Schalen ein und warf sie in den grünen Kompostbeutel. Sie verschwendete grundsätzlich keine organischen Abfälle.

„Du hast ja recht“, räumte Rick ein. „Das Problem ist nur, dass die Polizei kaum etwas gegen den Drogenhandel ausrichten kann. Solange die Nachfrage nach Drogen besteht, gibt es auch ein Angebot. So laufen diese Dinge nun einmal.“

Barbara pellte weiter. „Wusstest du übrigens schon, dass Winslow Grange eine Ranch in Comanche Wells gekauft hat, neben der Ranch seines Chefs?“ Grange war Ex-Major der US-Armee und verwaltete die Ranch von Jason Pendleton.

„Welchen Chef meinst du?“

Sie blinzelte. „Wie bitte?“

„Grange arbeitet nicht nur für Pendleton, sondern auch für Eb Scott“, erklärte Rick. Scott bildete in seinem Trainingslager in Jacobsville Antiterrorismus-Einheiten aus. „Ich dürfte dir das eigentlich gar nicht erzählen, aber Grange war in die Pendleton-Entführung verwickelt. Er hat Gracie Pendleton zurückgeholt, nachdem sie von diesem im Exil lebenden ehemaligen südamerikanischen Diktator entführt worden war, Emilio Machado.“

„Machado?“

„Ja.“ Rick schälte die nächste Tomate. „Der Mann ist ein Phänomen.“

„Wie meinst du das?“

„Er hat als Kind in Mexiko auf einer Farm gearbeitet, und schon als Teenager gegen ausländische Wirtschaftsinteressenten protestiert. Irgendwann hatte er die Nase voll von der harten und schlecht bezahlten Arbeit. Da er Gitarre spielen und singen konnte, hat er eine Weile in Bars gespielt und dann einen Job als Entertainer auf einem Kreuzfahrtschiff angenommen. Als ihm das zu langweilig wurde, wurde er Söldner, ging nach Südamerika und trat einer paramilitärischen Gruppe bei.“

Rick lächelte. „Er hat die Ureinwohner eines kleinen Landes am Amazonas namens Barrera vor einem ausländischen Konzern gerettet, der sie alle töten lassen wollte, um an die Bodenschätze zu kommen. Daraufhin arbeitete er sich bis zum General hoch. Anscheinend besitzt er große Führungsqualitäten, denn als der Präsident vor vier Jahren starb, wurde Machado zum Nachfolger gewählt.“ Er warf ihr einen Blick zu. „Unglaublich, oder?“

„Wenn die Menschen ihn dort so sehr lieben, warum ist er dann jetzt im Exil in Mexiko und muss Menschen entführen, um genug Geld für die Rückeroberung der Herrschaft zu bekommen?“

„Er wurde ja nicht von seinem Volk vertrieben, sondern von einem Verbrecher namens Pedro Mendez. Er riss die Herrschaft an sich, als Machado sich gerade in einem Nachbarland befand, um ein Handelsabkommen zu unterzeichnen.“

„Das wusste ich nicht.“

„Es ist auch streng geheim. Du darfst also nichts ausplaudern“, sagte Rick. „Wie dem auch sei, dieser Mendez hat Machados gesamtes Personal töten lassen und kontrolliert sämtliche Medien. Unzählige Menschen sind im Gefängnis gelandet – Politiker, Schriftsteller – alle, die dem neuen Regime gefährlich werden konnten. Und jetzt verbündet Mendez sich auch noch mit den Drogenbaronen der Nachbarländer. Anscheinend wächst Kokain in seinem Land so gut, dass er die Bauern dazu ‚ermuntert‘, Kokain statt Gemüse und Getreide anzubauen. Mendez hat übrigens auch sämtliche Firmen nationalisiert, sodass er absolute Kontrolle hat.“

„Kein Wunder, dass der General versucht, sein Land zurückzuerobern“, sagte Barbara. „Hoffentlich gelingt es ihm auch.“

„Bin ganz deiner Meinung. Aber das darf ich natürlich nicht öffentlich äußern“, fügte er hinzu. „Machado wird nämlich wegen Kidnapping gesucht, und das ist ein Kapitalverbrechen. Sollte er gefasst und vor Gericht gestellt werden, könnte das sein Todesurteil bedeuten.“

Barbara verzog das Gesicht. „Mir gefallen seine Geldbeschaffungsmethoden auch nicht, aber es ist immerhin für einen guten Zweck. Er scheint so eine Art moderner edler Ritter zu sein.“

Rick musste unwillkürlich lachen.

„Was ist denn daran so komisch?“

„Ich lachte nicht über den Begriff, sondern über Gwen. Sie ist nämlich gestern im Revier herumgelaufen und hat gemurmelt, dass sie Don Quijote ist.“

Barbara lachte schallend. „Was hat sie?“

Belustigt schüttelte Rick den Kopf. „Gail Rogers hat es mir erzählt. Scheint, dass unser neuester Detective mit dem Sex bis zur Ehe warten will und sich daher mit Don Quijote in eine Schublade steckt, der Ehre und Moral in einer dekadenten Welt wiederherstellen wollte.“

„So, so!“ Barbara lächelte vielsagend.

Rick stöhnte genervt auf.

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