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Liebe im Land des Lächelns

1. KAPITEL

Sie würde nie wieder glücklich sein.

Der Gedanke verfolgte und quälte sie.

Unauffällig stand Helen Hanson auf und verließ den Saal, in dem die Hochzeitsgesellschaft feierte. Niemand beachtete sie. Kein Wunder, schließlich hatte sie die meisten noch nie zuvor gesehen. Das Brautpaar war – dem Brauch entsprechend – bereits zur Hochzeitsreise aufgebrochen, und die wenigen Menschen hier, die sie kannte, waren wahrscheinlich froh, wenn sie sich nicht mit ihr abgeben mussten.

Sie fühlte sich schwach, das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und ihr war heiß. Das konnten doch wohl keine Hitzewallungen sein? Mit einundvierzig war sie eigentlich zu jung für die Wechseljahre. Ein Nervenzusammenbruch?

Mit angestrengtem Lächeln suchte sie sich zwischen den Tischen hindurch einen Weg nach draußen. Niemand sollte merken, wie schlecht es ihr ging.

Doch sie würde nie wieder glücklich sein.

„Hör auf damit“, flüsterte sie, als sie endlich den Flur erreicht hatte. Am liebsten wäre sie einfach gegangen, hätte sich in ihrem Hotelzimmer eingeschlossen, das teure Abendkleid mit ihrem alten Flanellschlafanzug vertauscht und sich im Bett verkrochen. Dort konnte sie wenigstens aufhören, die anstrengende Rolle der selbstbewussten, entscheidungsfreudigen und kompetenten Geschäftsfrau zu spielen, für die sie alle hielten.

Nimm dich zusammen, Helen, dies ist schließlich ein glücklicher Tag, sagte sie sich, doch sie konnte die Tränen nicht länger zurückhalten.

Es gab wirklich keinen Grund zum Weinen. Sie befand sich auf der Hochzeit ihrer Tochter Jenny, die sie nach der Geburt zu Adoption hatte freigeben müssen und nach über zwanzig Jahren endlich wiedergefunden hatte – und sie heiratete einen Mann, den Helen gut kannte und sehr schätzte. Dennoch brannten ihre Augen.

„Mrs. Hanson.“

Helen erkannte die tiefe Stimme sofort an dem leichten Akzent und straffte die Schultern. Sie hätte wissen müssen, dass sie hier in Tokio nirgends vor ihm sicher war. Wie dumm von ihr, sich trotzdem in der Öffentlichkeit so gehen zu lassen!

Hastig blinzelte sie die Tränen weg und setzte ihr eingeübtes Lächeln wieder auf. „Mr. Taka“, sagte sie freundlich. „Ich hoffe, Sie und Ihre Begleitung verbringen schöne Stunden hier.“

Thomas Taka – der sich von manchen Tom nennen ließ, aber zu diesem Kreis gehörte Helen nicht – sah jedoch ebenfalls nicht sehr glücklich aus. Wie bei den geschäftlichen Treffen wirkte er gelangweilt, unnahbar und kühl.

„Wir alle fühlen uns durch Ihr Kommen sehr geehrt“, fügte sie so herzlich wie möglich hinzu. Immerhin war Thomas Taka der Firmenchef von TAKA, dem japanischen Konzern, mit dem Helen für ihre marode Verlagsgruppe eine Fusion anstrebte.

„Sie wirken traurig“, sagte Thomas Taka. Forschend sah er sie an.

Obwohl die Fusionsverhandlungen sich nun schon Monate hinzogen, hatte sich Helen noch immer nicht an diesen durchdringenden Blick gewöhnt. Auch der Rest des Mannes schüchterte sie ein, dabei wusste sie nicht einmal genau, warum.

Thomas Taka war zwanzig Jahre jünger als ihr verstorbener Mann George und etwas kleiner als er, wenn auch für einen Japaner ungewöhnlich groß. Das lag vielleicht an seiner amerikanischen Mutter, von der das Gerücht ging, dass sie eine strahlende Schönheit gewesen war. Trotz seiner siebenundvierzig Jahre war sein volles Haar immer noch tiefschwarz.

Man konnte Thomas Taka wohl als gutaussehend bezeichnen. Helen jedoch kümmerte das nicht. Ihre einzige Sorge war die Fusion, die er immer wieder hinauszögerte.

„Frauen weinen nun einmal bei Hochzeiten“, erwiderte sie leichthin. „Das ist sicherlich nicht nur in den USA so.“

Er zeigte den Anflug eines Lächelns – das hoffte sie zumindest. Bei seinen so strengen Gesichtszügen war das schwer zu sagen. Im Gegensatz zu den stets freundlich lächelnden TAKA-Mitarbeitern wirkte er immer verschlossen und ernst.

Vielleicht hatte sie deshalb letzte Nacht von ihm geträumt – von ihm als Krieger, der sie als nicht ganz unwillige Beute verschleppte.

Heute trug er einen maßgeschneiderten Smoking, doch in ihrem Traum hatte er …

Sie unterdrückte den unwillkommenen Gedanken. Natürlich tauchte der Mann nur deshalb schon seit Wochen in ihren Träumen auf, weil er die Macht hatte, über Bestehen oder Untergang ihrer Firma zu entscheiden. Das war alles.

„Sie sitzen nicht bei Ihrer Familie am Tisch“, bemerkte er.

Eisern lächelte sie weiter. Sie freute sich ehrlich, ihre drei Stiefsöhne und deren Frauen zusammen zu sehen. Es war nicht immer so gewesen – zu Georges Lebzeiten hatte keiner der drei mit dem Vater etwas zu tun haben wollen. Helen hatte sie nach seinem Tod wieder zusammengebracht. Jetzt arbeiteten alle drei in der Firma und hatten dabei sogar privat ihr Glück gefunden – was sie zum Teil ebenfalls Helen verdankten.

Dennoch war ihr klar, dass die drei sie nur widerwillig tolerierten. Von Anfang an hatten sie Helen als „böse Stiefmutter“ abgelehnt.

„Ich sitze mit Freunden von Jennys Eltern zusammen“, antwortete sie.

„Aber nicht bei Ihren Söhnen.“

Danke für den Hinweis. „Es sind die Söhne meines Mannes“, korrigierte sie automatisch. Das wusste er natürlich, ebenso wie er über fast alle anderen Details ihres Privatlebens informiert war. Als sich herausgestellt hatte, dass Jenny ihre leibliche Tochter war – von der niemand außer Helen etwas wusste –, hätte er deshalb fast die Fusionsverhandlungen gestoppt. Eine Firma wie TAKA wollte mit Skandalen dieser Art nichts zu tun haben.

„Richtig“, sagte er. „Die Söhne Ihres Mannes. Es muss schwer für Sie sein.“

Weil sie nicht genau wusste, was er mit „es“ meinte, schwieg sie, und er fuhr fort: „Der Verlust Ihres Mannes. Es ist noch nicht lange her, Sie leiden offenbar noch darunter.“

George war vor neun Monaten gestorben, und auch das wusste er. Schließlich war ihr ja ebenso bekannt, dass Taka verwitwet war und er die Firma erst vor zwei Jahren von seinem Vater Yukio übernommen hatte.

„Ja, es ist nicht einfach“, erwiderte sie. „Auch Sie haben Ihre Frau verloren.“

„Vor vielen Jahren schon.“

„Das tut mir leid.“

Statt einer Antwort senkte er kaum merklich den Kopf. Schon dieses Gefühlseingeständnis überraschte Helen. Normalerweise wirkte der Mann wie ein Eisblock. „Ihre Begleiterin sucht Sie sicherlich schon“, sagte sie in der Hoffnung, dass er endlich verschwinden würde.

„Sind Sie hier draußen, weil es Ihnen nicht gut geht?“, fragte er.

„Nein, es ist alles in Ordnung.“

„Man flüchtet normalerweise nicht, um Freudentränen zu vergießen. Sie wirken verstört.“

Dass ausgerechnet ihm das auffiel, gefiel ihr gar nicht – und noch schlimmer war, dass ihre Augen schon wieder brannten. Sie schluckte und merkte, dass ihr Lächeln zu zittern begann.

Thomas Taka kniff die Augen zusammen und streckte ihr eine Hand hin. „Kommen Sie.“ Seine Finger waren schlank, aber kräftig. „Ich weiß einen ruhigen Platz.“

Eigentlich war ihr der Flur ruhig genug. Mit Thomas Takas Mitleid konnte sie nichts anfangen. Sie wollte nur eins von ihm: die Zustimmung zu der Fusion, die Hanson Media retten würde.

Er legte eine Hand unter ihren Ellenbogen.

Die erste Berührung überhaupt seit Tagen, und das ausgerechnet von ihm. Helens Augen brannten stärker, doch sie versuchte, die dazugehörigen Gefühle zu ignorieren. Das tat sie schließlich schon seit Monaten – wenn nicht Jahren.

Sie blickte zu ihm auf und bemerkte völlig unzusammenhängend, wie dicht seine Wimpern waren. „Danke“, flüsterte sie.

Er nickte knapp und unpersönlich, doch sein Blick blieb kurz und vielsagend an ihren Lippen hängen.

Beinahe wäre sie gestolpert, als sie ihm den Korridor entlang folgte. Vielleicht verlor sie ja wirklich den Verstand? Dass Männer ihr lüsterne Blicke zuwarfen, war sie gewohnt. Doch ausgerechnet Thomas Taka …

Sie war verrückt geworden, ganz eindeutig.

Hinter ihnen wurde die Musik aus dem Festsaal immer leiser, und sie blieben vor einem Aufzug stehen. Die Feier fand im Anderson-Hotel statt, eins der Hotels, das Jennys Adoptiveltern gehörte.

Auch in der Kabine ließ Thomas Taka ihren Ellenbogen nicht los, und Helen gestand sich ein, dass sie den Halt gut gebrauchen konnte – auch wenn er von ihm kam.

Sie fragte auch nicht, wo er sie hinbrachte oder warum er nicht zu seiner schönen jungen Begleiterin zurückkehrte. Stattdessen starrte sie die geschlossene Tür an, bis sie sich öffnete und sie direkt in einem tropischen Gewächshaus landeten.

So wirkte es jedenfalls auf den ersten Blick. Überall wuchsen großblättrige Pflanzen, und die ganze Anlage hatte nichts mit den gezirkelten Gärten gemein, die in Japan so beliebt waren. Das hier erweckte mehr den Eindruck eines Dschungels.

„Setzen Sie sich doch.“ Thomas führte sie zu einer schmiedeeisernen Bank mit roten Seidenkissen unter einer Art Trauerweide.

Erst als sie saß, ließ er ihren Ellenbogen los, doch er nahm nicht neben ihr Platz, sondern ging zu einem anderen riesigen Baum, der ein paar Schritte entfernt stand.

Helen blickte zu seiner Krone hinauf und entdeckte weit darüber die Decke, die zum größten Teil aus Glas bestand. Als sie wieder zu Thomas sah, war der dabei, eins der Blätter am Baum zu streicheln.

Verlegen schaute Helen woanders hin und entdeckte, dass sich an den verglasten Garten ein Wohnareal anschloss.

„Ist dies Ihr Zimmer?“, fragte sie.

„Ja.“

Wobei „Zimmer“ leicht untertrieben wirkte. Selbst der Begriff „Suite“ traf das Ausmaß nicht ganz. Hier handelte es sich schon eher um ein Penthouse von der Sorte, wie selbst sie noch nie eins von innen gesehen hatte. Dabei war sie als Frau von George Hanson einigen Luxus gewohnt.

Als Trophäe von George Hanson, schoss es ihr durch den Kopf.

„Darf ich mich umsehen?“, fragte sie und stand auf. Hinter dem Dschungel floss ein Wasserlauf quer durch den Raum, über den eine Brücke in den Wohnbereich führte.

„Gern.“

Helen schritt über das fließende Wasser hinweg und betrachtete die Kunstgegenstände, die an der gegenüberliegenden Wand ausgestellt waren.

Schwerter. Masken. Kostbare Vasen. Sie trat näher an eins der Schwerter heran, um den kunstvoll ziselierten Griff zu betrachten.

„Das gehörte meinem Ururgroßvater. Er war einer der letzten Samurai.“

Also hatte Thomas die Suite nicht nur für heute Nacht gemietet. Offenbar wohnte er hier.

„Es ist wunderschön, wie die ganze Sammlung. Dann sind das alles Familienerbstücke?“

„Ja.“ Thomas nahm das Schwert von der Wand. „Tradition ist wichtig“, murmelte er. „Viele Familien vergessen das.“

Es sah aus, als wäre er es gewohnt, mit einem Schwert umzugehen. In diesem Moment konnte sie ihn sich gut als Samurai vorstellen. Wie der Krieger in meinem Traum, dachte sie.

„Gehen Sie denn auf Ihre Gegner immer noch mit dem Schwert los?“, fragte sie leichthin.

Er blickte von der Klinge in seiner Hand zu ihr. „Dann hätten ja die Rechtsanwälte keinen Spaß mehr.“

Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass er einen Witz gemacht hatte. Sogar seine Mundwinkel waren jetzt etwas nach oben gebogen.

Sie lächelte. „Stimmt auch wieder.“

In dem darauf folgenden Schweigen konnte sie den Blick nicht von seinem lächelnden Mund lösen. Seine Lippen waren gar nicht so schmal, wie sie immer wirkten, sondern voll und weich.

„Ich sollte mich dann mal wieder unten blicken lassen, bevor man mich sucht“, sagte sie hastig.

„Wie Sie wünschen.“

Als ob jemand sie vermissen würde. Sie war froh, dass er das nicht laut aussprach. „Vielen Dank für Ihre Zeit, Mr. Taka. Das war sehr freundlich von Ihnen.“

„Ich bin selten freundlich, Mrs. Hanson.“ Sorgfältig hängte er das Schwert wieder auf. „Und das wissen Sie auch. Vielleicht brauchte ich selbst eine Entschuldigung, um mich von der Feier zu entfernen.“

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass Sie sich freiwillig von Ihrer zauberhaften Begleiterin trennen wollten“, sagte sie. Die junge Frau, mit der Thomas Taka gekommen war, wirkte höchstens wie fünfundzwanzig. Der Altersunterschied war genauso auffallend, wie er bei Helen und George immer gewesen war.

„Sie ist in der Tat zauberhaft“, erwiderte er unverbindlich, ging über die Brücke zurück zum Aufzug und drückte auf den Knopf. Helen folgte ihm.

„Ihre Söhne sollten sich schämen.“

Das bisschen Entspannung, das Helen der Besuch in diesem wundersamen Penthouse eingebracht hatte, verflüchtigte sich sofort. „Ich glaube nicht, dass meine Stiefsöhne sich wegen irgendetwas schämen müssen.“

Ganz im Gegenteil, sie war auf die drei sehr stolz. Allerdings auch realistisch genug zu wissen, dass sie ihr wahrscheinlich niemals positive Gefühle entgegenbringen würden.

„Sie haben Ihnen gegenüber Pflichten, und stattdessen verhalten sie sich in der Öffentlichkeit respektlos“, sagte Thomas.

„Sie sind erwachsen und haben ein Recht auf ihre eigene Meinung“, hielt Helen dagegen, auch wenn es etwas schwach klang. Jack, der Älteste der drei, war nur sechs Jahre jünger als sie. „Was Ihnen wie Respektlosigkeit vorkommt, ist vielleicht nur eine Art, offen miteinander umzugehen. Mein Mann schätzte freie Meinungsäußerung.“

Im Geiste bat sie für diese Lüge um Verzeihung. George hatte sich nie um die Meinung anderer geschert. „Sie sind Geschäftsmann“, fuhr sie fort. „Sicherlich wissen Sie, wie fruchtbar es sein kann, wenn verschiedene Ideen auf den Tisch kommen.“

„Eine Hochzeitsfeier ist aber kein Geschäftstermin“, widersprach er. „Wenn Ihr Mann noch lebte, würde er vielleicht …“

„Aber er ist tot“, erwiderte sie ruhig. „Mir ist klar, dass Sie lieber mit ihm verhandelt hätten als mit mir. Und ich vermute, Sie hätten jetzt lieber nur mit Jack zu tun.“ Helen trat in den Aufzug und wandte sich zu ihm um. „Aber ich halte nun einmal die Aktienmehrheit in der Firma, also haben Sie mich wohl am Hals – wie man in meinem Land sagt.“

Thomas Taka hob die Hand in die Lichtschranke, um die Türen offen zu halten. Wieder waren seine Mundwinkel nach oben gebogen, doch diesmal wirkte sein Gesicht dadurch nur noch härter. „Vergessen Sie nicht, Mrs. Hanson, dass Sie sich im Augenblick in meinem Land befinden.“

Er ließ die Hand sinken und trat einen Schritt zurück.

Als die Türen sich endlich geschlossen hatten, atmete Helen erleichtert aus. „Oh George“, flüsterte sie. „Ich habe dir mein Herz geschenkt, und du … du hast mich einfach sitzen lassen.“ Mit einer zerrütteten Familie, die sie nie akzeptiert hatte, und einer Firma, die kurz vor dem Ruin stand. Und der Aufgabe, beide irgendwie zu retten.

Vielleicht würde sie wirklich nie wieder glücklich sein, jedenfalls nicht auf die Weise, wie Jenny und Richard es gerade waren. Vielleicht hatte sie so ein Glück überhaupt noch nicht erlebt und sich die starken Gefühle zu Beginn ihrer Ehe mit George nur eingebildet.

Wie auch immer, noch hatte sie keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Nicht, wenn es um alles oder nichts ging und ihr als Gegner ein moderner Samurai-Krieger namens Thomas Taka gegenüberstand.

Vom schmückenden Blondchen zur Medienchefin?

Seufzend legte Helen die Boulevardzeitung zur Seite, deren reißerische Überschrift ihr ins Auge gefallen war. Sie war früh aufgestanden und die kurze Strecke von ihrem zum Anderson-Hotel gelaufen, um sich von Andrew und Evan zu verabschieden, die nach Chicago zurückflogen. Jetzt saß sie dort im Frühstücksraum und ärgerte sich wieder einmal über die Regenbogenpresse.

Würde das denn nie aufhören?

Unter der reißerischen Überschrift war ein großes, Jahre altes Foto von ihr und George abgedruckt, auf dem sie tatsächlich so aussah, wie der Artikel sie beschrieb – wie ein lebendiges Statussymbol, mit dem ihr Mann sich schmückte. Die blonden langen Haare mit Haarspray zu einer bombastischen Frisur gestylt, Diamanten an jeder freien Stelle. Das schwarze Kleid viel zu kurz und viel zu tief ausgeschnitten, und der Mann neben ihr ein schwerreicher, etwas grob geschnitzter Kerl, der besitzergreifend einen Arm um sie legte.

George hatte es so gewollt. Erst seit seinem Tod gab und kleidete sie sich wieder so, wie es ihr eigentlich entsprach. Das naturblonde Haar trug sie meist zum schlichten Pferdeschwanz gebunden, der teure Schmuck, mit dem er sie behängt hatte, lag zu Hause im Safe und würde, wenn es nach ihr ging, nie wieder das Tageslicht sehen. Sie beschränkte sich auf einige schlichte Armbänder, ihre Lieblingsuhr und zwei geschmackvolle Ketten. An manchen Tagen hätte sie ihren klotzigen Ehering am liebsten gleich mit weggeschlossen.

George hatte ihn ihr vor Jahren an einem exotischen Strand angesteckt. Sowohl ihre als auch seine Familie waren erst später über die Eheschließung informiert worden. Als sie mit dem Finger leicht über sein Gesicht auf dem Foto in der Zeitung strich, wartete sie auf die gewohnte Trauer, doch die kam diesmal nicht. Zu viel hatte sich geändert.

Lustlos schob sie den Teller mit Obst und Joghurt zur Seite. Appetit hatte sie jetzt keinen mehr, dafür bohrende Kopfschmerzen. Thomas Taka musste sie am Vorabend für mehr als unhöflich gehalten haben. Das nächste Treffen wegen der Fusion stand erst am folgenden Tag an, und es war durchaus möglich, dass der TAKA-Chef die Fusionsverhandlungen wegen ihres Verhaltens abbrach.

Aus Sorge darüber hatte sie in der Nacht kein Auge zugetan, und sie fühlte sich unausgeschlafen und gereizt. Einen Ellenbogen auf die unsägliche Zeitung gestützt, trank sie in kleinen Schlucken ihren Kaffee.

„Bei der Morgenlektüre, Mrs. Hanson?“

Sie zuckte so heftig zusammen, dass einige Spritzer Kaffee das weiße Leinentischtuch trafen. Beinahe hätte sie halblaut geflucht, aber das hätte den Mann, der wie aus dem Nichts an ihrem Tisch aufgetaucht war, erst recht davon überzeugt, dass sie eine ungehobelte, unhöfliche Amerikanerin war.

Am liebsten wäre sie aufgesprungen, damit sie nicht zu ihm aufschauen musste, aber sie zwang sich zu einem freundlichen Lächeln und blieb sitzen. „Guten Morgen, Mr. Taka.“

Neben ihm stand die junge Frau, mit der er auch bei der Feier gewesen war. Im hellen Morgenlicht wirkte sie noch jünger und schöner als am Abend zuvor.

„Darf ich Ihnen beiden Kaffee anbieten?“, fragte Helen und griff nach der großen silbernen Kaffeekanne auf dem Tisch.

„Ich mache mir nicht viel aus Kaffee“, erwiderte Thomas, den Blick auf die Boulevardzeitung gerichtet. Sein Gesichtsausdruck verriet nichts, doch Helen spürte seine Missbilligung deutlich. Wie bei jedem Treffen, seit sie in Tokio war.

Die junge Frau sagte leise etwas zu ihm, das Helen, die nur gebrochen Japanisch sprach, nicht verstand. Er zog eine Kreditkarte hervor und reichte sie ihr. Mit einem fröhlichen „good bye“ zu Helen und einer kurzen Verbeugung wandte die Frau sich ab und tänzelte hinaus.

„Es würde sicher nicht lange dauern, Tee für Sie zu bringen“, sagte Helen zu Thomas.

„Danke, aber ich muss ablehnen. Ich habe zu arbeiten.“ Seine Stimme klang höflich, aber sehr kühl. „Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Morgen. Genießen Sie Ihre Lektüre.“

Unwillkürlich presste sie die Lippen zusammen. „Eine sehr erfreuliche Lektüre ist das nicht“, erwiderte sie ebenso höflich. „Aber ein älterer Mann in Begleitung einer jungen Frau scheint immer für Aufsehen zu sorgen.“ Sie blickte in die Richtung, in die seine Begleiterin verschwunden war. „Das ist Ihnen sicherlich auch schon aufgefallen.“

Hatte sie das wirklich gesagt? Sie konnte es selbst kaum fassen. Obwohl seine Miene nach wie vor undurchdringlich wirkte, glaubte sie, mit ihrer Bemerkung ins Schwarze getroffen zu haben. Triumph empfand sie allerdings nicht dabei, im Gegenteil, sie ärgerte sich, dass dieser Mann sie so aus der Reserve lockte. Immerhin hing das Schicksal ihrer Firma von ihm ab. Wieso ließ sie sich dann zu solchen Unhöflichkeiten hinreißen?

„Es wäre mir eine Ehre, mit meiner Cousine fotografiert zu werden“, erwiderte er geschmeidig. „Wie Sie selbst sagten, ist sie eine zauberhafte junge Frau. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte.“

Er neigte den Kopf ein wenig und wandte sich ab, bevor Helen zu einer Antwort kam.

Innerlich fluchend zog sie einige Yen-Noten aus der Tasche und legte sie auf den Tisch, um die Rechnung zu begleichen, dann stand sie auf und eilte ihm nach. Sie holte ihn ein, als er gerade das Hotel verließ.

Wahrscheinlich war es in Japan höchst unschicklich, wenn eine Frau einem Mann nachrannte, aber darauf konnte sie jetzt keine Rücksicht nehmen. Wenn sie nicht mit ihm sprach, bevor er seinen wartenden Wagen erreichte, würde sie ihn erst am nächsten Tag wiedersehen, um sich zu entschuldigen – und dann war es womöglich schon zu spät.

Als sie ihn erreicht hatte, streckte sie die Hand nach ihm aus und berührte ihn am Arm. „Mr. Taka.“

Er blieb stehen und blickte eisig auf ihre Finger. Hastig zog sie die Hand zurück, als ihr klar wurde, dass sie schon wieder die Etikette verletzte.

Sumimasen. Es tut mir leid. Ich habe eine sehr unhöfliche Bemerkung gemacht, Mr. Taka, und ich hoffe, dass Sie meine Entschuldigung annehmen.“

Tom betrachtete die blonde Frau vor sich mit einer Mischung aus Verwunderung und Neugier. Sie schien nicht zu merken, dass sie den Passantenstrom auf dem Gehsteig behinderte, sondern blickte ihn unverwandt an.

„Warum?“, fragte er.

Sie runzelte die Stirn, wodurch ihr Gesicht noch schmaler wirkte. Die ganze Frau wirkte schmal, hochgewachsen und hell. Oft trug sie auch noch weiße Kleidung.

Wieso musste sie an jeder einzelnen Besprechung selbst teilnehmen und überließ das nicht ihren Mitarbeitern, wie zu Beginn der Verhandlungen?

„Warum Sie meine Entschuldigung annehmen sollten?“, fragte sie. Ihre Stimme war dunkel und ausdruckslos, ganz anders als der melodische Singsang der Frauen in seinem Land. Und sie blickte ihm direkt in die Augen, was ebenfalls ungewöhnlich war. Seine Mutter war zwar auch Amerikanerin, wirkte aber mit ihrem dunklen Haar fast selbst wie eine Japanerin. Und da sie schon als Kind nach Japan gekommen war, hatte sie fast alle japanischen Gepflogenheiten angenommen.

Eigentlich hätte er diesen direkten Blick Helens unhöflich finden müssen, doch stattdessen ertappte er sich dabei, dass ihre Augenfarbe ihn an den Briefbeschwerer aus kostbarer grüner Jade erinnerte, den seine Tochter ihm zum Geburtstag geschenkt hatte.

Er mochte den Typ Frau nicht, den Helen Hanson verkörperte – dennoch weckte sie als Person sein Interesse.

Sein Fahrer stand wartend neben dem Wagen auf dem Gehsteig und würde ihm den Schlag öffnen, sobald er einen Schritt auf das Auto zumachte. Tom ignorierte ihn.

„Warum ist es Ihnen überhaupt wichtig?“, fragte er. „Die Verhandlungen sind an einem Punkt angelangt, wo kleine Unstimmigkeiten keinen Unterschied mehr machen.“

Das stimmte allerdings nicht ganz. Wenn er wollte, konnte er die Fusion immer noch absagen. Doch obwohl sein Vater genau das wünschte, war das nicht seine Absicht.

„Dann hoffe ich, dass Sie meine Entschuldigung annehmen, weil ich normalerweise nicht so unhöflich bin. Zu niemandem.“

„Also üben Sie an mir?“

Jetzt wurde sie tatsächlich ein wenig rot. „Ich war ärgerlich – wegen des Artikels in der Zeitung. Das hätte ich nicht an Ihnen auslassen dürfen.“

Schweigend betrachtete er sie. Sie steckte in einem Anzug wie ein Mann – Hose und Jackett. Doch die weiße Seide war auf Figur geschnitten und betonte Kurven, die definitiv nicht männlich wirkten. Statt einer Krawatte trug sie eine einzelne Perle an einer zierlichen Goldkette, die einen Fingerbreit über dem Revers auf ihrer nackten Haut ruhte.

„War der Artikel denn falsch?“, fragte er.

Sie presste kurz die Lippen aufeinander. „Es war Tratsch.“

„Erfunden?“

„Trivial, veraltet und völlig übertrieben formuliert. Ich hatte gehofft, dass die Boulevardzeitungen mittlerweile ein anderes Thema gefunden hätten als die längst überstandenen Schwierigkeiten der Hanson Media Gruppe.“

„Sind sie denn überstanden?“

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