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Liebe hoch zwei

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1. KAPITEL

Eigentlich ist das nicht meine Art, doch in dieser Situation kann ich einfach nicht anders. Mutig stemme ich meine Fäuste in die Hüften, um irgendwie ein bisschen mehr Volumen an den Schultern zu erzeugen, und lege einen herausfordernden „Das ist jetzt kein Spaß mehr“-Blick auf.

„Schwarzwald? Wirklich?“, donnere ich aus voller Brust und erschrecke selbst ein wenig. Meine Stimme ist so fest und tief, dass ich mir selbst fremd vorkomme. Es fällt mir schwer, die Fassung zu bewahren, denn tief in meinem Inneren zetert bereits das schlechte Gewissen los.

Clemens räuspert sich neben mir und durchbricht damit die gefährliche Stille, die sich in dem warmen Büro ausgebreitet hat. Mir gegenüber sitzt Herr Pfaffenhofen. Seines Zeichens oberster Oberguru von „Detail in Textile“ – der Bekleidungsfirma der Zukunft mit ihren gefühlten drölfiarden Filialen, quer über den Erdball verteilt, bei minimalst niedrigen Herstellungskosten – ganz ohne Kinderhände.

„Du solltest dich etwas abkühlen“, holt mich jemand flüsternd aus meinen abschweifenden Gedanken zurück in die Gegenwart. Clemens. Er ist also noch da und hat sich nicht, wie ich vermutet hätte, rechtzeitig aus der Schussbahn gebracht. Allmählich dämmert mir, dass ich ein wenig über das Ziel hinausgeschossen bin, was augenblicklich die Schamesröte auf meine Wangen treibt. Als weitere Auswirkung auf diese Erkenntnis verraucht mein übersteigertes Selbstbewusstsein genauso schnell, wie es gekommen war: Puff, weg.

Herr Pfaffenhofen sitzt erhaben hinter seinem Schreibtisch, die Ellenbogen auf die Armlehnen seines Stuhls gestützt, legt die Fingerspitzen aneinander und führt sie an seinen blassrosa Mund. Für einen Mann im gesetzten Alter sieht er gar nicht so schlecht aus. Seinerzeit war er sicherlich ein Frauenheld. Kaum merklich schüttle ich den Kopf, um endlich mal beim Thema zu bleiben.

„Lassen Sie die Dame nur, Herr Roßner“, plaudert er vollkommen unberührt ob meines Gefühlsausbruchs. Allmählich spüre ich, wie es mir die Kehle zuschnürt. In schlechten Filmen würde nun irgendeiner von uns über den Haufen geschossen werden, und ich fluche innerlich, keine schusssichere Weste zu besitzen.

„Frau Behrendt, was stört Sie denn so am Schwarzwald, dass Sie hier – verzeihen Sie mir diese unsachliche Bezeichnung – wie eine Furie hereingestürzt kommen?“

Wie eine Furie? Nun, ich wurde schon mit weit schlimmeren Namen bedacht. Clemens räuspert sich wieder.

Dem neugierigen Blick des Obergurus weiche ich aus und wende mich kurz an Clemens. Auch er sieht mich an, die Augenbrauen hochgezogen. Nun spüre ich einen Hauch Verlegenheit aufkeimen.

„Wissen Sie, Herr Pfaffenhofen, ich verstehe die Relation nicht. Der Einkauf war vergangenes Jahr eine Woche auf Mallorca, und diese Abteilung besteht aus zwanzig Personen. Die Web-Entwickler durften immerhin an den Gardasee, zehn Personen, und selbst die Putzkolonne reiste für ein Seminar, wobei es mir noch immer schleierhaft ist, was die da gelernt haben sollen, nach Kroatien. Aber wir, das Marketing, lediglich fünfzehn Personen, sollen in den Schwarzwald fahren?“

Ich gebe ja zu, mein Anliegen ist nun nicht von absoluter Dringlichkeit, aber ich meine: Schwarzwald?!

Ein Schmunzeln breitet sich auf dem Gesicht des Obergurus aus, während Clemens die Hände auf den Rücken legt wie ein festgenommener Schwerverbrecher und den Blick auf die Spitzen seiner blank polierten Lackschuhe heftet. Ob ich über das Ziel hinausgeschossen bin? Nein, eigentlich nicht. Ich bin eine gute Mitarbeiterin, habe schon einige bahnbrechende Aktionen ins Leben gerufen und warte schon seit einem Jahr auf die Gelegenheit zu solch einem Seminar, das mir beibringen soll, wie ich noch effizienter arbeiten kann. Und jetzt soll ich es ausgerechnet im Schwarzwald absitzen.

Ich meine, ich wohne in Hamburg. Eine wahnsinnig tolle Stadt, mit ihrem Dialekt und dem Wasser und der Geschäftigkeit – ich brauche kein idyllisches von Wäldern durchzogenes Fleckchen Erde ohne wirklichen Anschluss zur Außenwelt. Und auch wenn wir Dezember haben und es sicherlich eine tolle Gelegenheit wäre, um endlich mal Skifahren zu lernen, so muss ich offen gestehen: Skifahren im Bikini kommt nicht so gut.

„Ich verstehe, worauf Sie hinauswollen“, durchbricht Herr Pfaffenhofen meine Gedanken und ich bin ihm sehr dankbar dafür. Das letzte Bild, das vor meinem inneren Auge entsteht, sieht irgendwie grotesk aus, manifestiert sich jedoch augenblicklich in eine neue Idee für den Werbespot einer Bikini-Kollektion. „Allerdings sind die Seminare auch den Abteilungsleistungen angepasst.“ Er lässt seinen Blick bedeutsam auf ein Blatt vor sich gleiten, von dem vielleicht ein paar zu viele rote Zahlen hervorstechen. „Vielleicht können Sie Ihre Leistungen ja dank dieses Seminars soweit steigern, dass die nächste Aktion an einem eindrucksvolleren Ort abgehalten werden kann. Sie wissen, dass ich stets fair bin. Zu allen meinen Mitarbeitern. Allerdings erwarte ich im Gegenzug Leistung, Frau Behrendt, weswegen ich Ihnen leider sagen muss, dass für die Marketingabteilung in diesem Jahr nur der Schwarzwald infrage kommt.“

Nach diesen Worten nickt er uns freundlich zu und sieht dann stur an uns vorbei zur Tür, durch die ich nur wenige Minuten zuvor wutentbrannt in sein Büro gerauscht bin. Damit gibt er uns unmissverständlich zu verstehen, dass er zu keinem Kompromiss bereit ist. Ich widerstehe dem Drang, Clemens zu retten, indem ich klarstelle, dass er mich nur vor dieser Dummheit bewahren wollte – schließlich hatte er sich am lautesten beschwert, dass wir in ein Kaff reisen sollen, das auf keiner Karte zu finden ist. Nun, Rückgrat war noch nie eins seiner bestechenden Körperteile – wenngleich ich sagen muss, dass ich nicht sicher bin, ob es an ihm überhaupt ein Körperteil gibt, welches als bestechend anzusehen wäre. Ich will es auch gar nicht wissen. Und falls doch, bräuchte ich nur 60% meiner Kolleginnen fragen, die auf Weihnachtsfeiern und Sommerfesten spontan verschwunden waren und tags drauf gekränkt an ihren Schreibtischen gesessen hatten.

Ich kann ein Seufzen nicht unterdrücken, während ich mit Clemens das Büro verlasse. Innerlich wappne ich mich gegen einen Redeschwall, der sich hauptsächlich mit meiner impulsiven Ader beschäftigen wird, und bin erstaunt, als Clemens mich, nachdem die Tür ins Schloss gefallen ist, in eine feste Umarmung zieht.

Ich stehe da, lasse die Arme an meinem Körper schlapp herabhängen und rieche sein aufdringliches Aftershave.

Endlich lässt er mich los und lächelt verlegen. Mit einer Hand fährt er sich über seinen Nacken, als er meinem Blick ausweicht. Unsicher richte ich meine Bluse und meinen Blazer und schaue, ob der Rock auch wirklich noch bis zu den Knien reicht. Dabei fällt mir eine meiner hellbraunen Strähnen aus dem Zopf und kitzelt mich energisch an der Nase. Clemens streicht sie mir fast zärtlich aus dem Gesicht und verweilt einen Augenblick zu lange an meinem Ohr. Ich runzle die Stirn, als er mich anlächelt. Das muss ich ihm lassen, flirten kann er mit seinen stahlgrauen Augen, die absolut symmetrisch in einem gebräunten Gesicht sitzen, das von blonden, kurzen Haaren umrahmt wird. Ich verstehe schon, weshalb so viele meiner Kolleginnen seinem Charme erliegen – dennoch ist er Abteilungsleiter, steht damit über mir, und wenn ich etwas konsequent ablehne, dann Sex mit dem Vorgesetzten. Auch wenn er das sicher gerne anders sähe. Oder deute ich seine Gesten vielleicht falsch? Noch dazu ist Mr Marketingchef scharf auf einen Managerposten, der, wie man munkelt, bald freigeräumt werden soll. Vermutlich nicht ohne Grund. Ob der arme Manager wohl auch wegen eines falschen Seminarortes protestiert hatte?

Ich bekomme Gänsehaut bei diesem Gedanken und seufze.

„Lass den Kopf nicht hängen. Skiurlaub kann auch sehr schön sein.“ Clemens nimmt meine Hände in seine und geht leicht in die Knie, um meinen Blick einzufangen. Er legt so viel Gefühl in jeden einzelnen Wimpernschlag, dass mir, wenn ich nicht so dringend auf Toilette müsste, echt anders werden könnte. Aktuell führe ich das Kribbeln unterhalb meines Glitzergürtels auf eine Warnung meiner zum Bersten gespannten Blase zurück.

„Du hast sicher recht“, antworte ich daher rasch. Allmählich werden seine Finger schwitzig, und ich muss wirklich dringend.

„Das ist mein Mädchen.“ Er freut sich wirklich und lässt endlich meine Hände los. Ich wische diese nahezu unbemerkt an meinem Rock ab.

„Frau Mayer wird sich um die Hotelreservierung kümmern. Vielleicht solltest du mit ihr reden, dann kann sie wenigstens auf deine Wünsche eingehen. Ich bin mir sicher, dass man dort auch Wellnessbehandlungen buchen kann. Vielleicht stimmt dich ja die Aussicht auf eine Hot-Stone-Massage etwas milder.“ Mit diesen Worten und einem Fingerzeig auf Frau Mayer, die Chefsekretärin, dreht er sich auf dem Absatz um und stiefelt klackernd den Flur entlang wie eine Frau auf High Heels.

Unsicher blicke ich zu Frau Mayer. Einem jungen Ding mit Knopf im Ohr, Brille auf der Nase und einem hohen Pferdeschwanz. Sie ist so akkurat geschminkt, dass ich fürchte, neben ihr wie der Kinostar in einem Horrorstreifen auszusehen. Ich verkneife mir die Unsicherheit und trete näher an ihr Pult. Sie mustert mich, schweigt jedoch eisern.

„Ähm“, beginne ich und schlucke den seltsamen Kloß in meinem Hals hinunter, „ich soll Sie bitten, mir ein Zimmer für das Marketing-Seminar zu buchen.“

Schweigen. Was für eine harte Nuss.

„Einzelzimmer, bitte.“ Jetzt schaut sie zumindest mal in die Richtung, in die Clemens verschwunden ist – ob das als ein gutes Zeichen zu deuten ist?

„Sind Sie sich sicher?“, faucht sie unwirsch, ohne mich dabei anzusehen. Insgeheim bin ich froh, dass sie so abweisend ist, denn dann kann sich mein schlechtes Gewissen nicht melden, als mein ohnehin gebrechlicher Geduldsfaden auch den letzten Halt verliert.

„Sie buchen mir nun dieses blöde Einzelzimmer in dieser blöden Gegend mit dem blöden Namen, den sich ohnehin niemand merken kann …“

„Hinterschaffensbühl“, schmettert sie mir da mit einem honigsüßen Tonfall entgegen. Ich schließe die Lider, zähle innerlich bis zwanzig, ehe ich sie wieder ansehe.

„Okay, den sich keiner merken kann, außer Ihnen“, murmle ich, nicke knapp, um zumindest einen Hauch Reserviertheit aufrechtzuerhalten und stöckle von dannen. Ziel ist die Damentoilette – ich muss jetzt einfach heulen, ob der Dreistigkeit dieser Welt. Wozu habe ich seit Bekanntwerden des Seminars Obst, Gemüse und Sushi in rauen Mengen in mich gestopft und weitestgehend auf Schokolade und Zucker verzichtet, wenn ich nun nicht mal meinen neuen Bikini spazieren tragen kann?

2. KAPITEL

Nervös trommeln meine lackierten Fingernägel auf den blank polierten Tresen. Dieses Seminar ist ein einziges Desaster. Es begann wie eines. Führte sich fort wie eines. Und aktuell findet es seinen Höhepunkt.

„Nein, Frau Behrendt, für Sie ist nichts reserviert.“

Ich sehe deutlich vor mir, wie diese junge Frau Mayer in Hamburg hinter ihrem Pult sitzt, teuflisch lacht und ihre perfekt gestylte Mähne in den Nacken wirft. Ich sehe aber auch ihre Kehle – diesen ewig langen Hals, bei dem selbst ein stolzer Schwan vor Neid erblassen würde, und ich überlege mir, ob meine Hände wohl ausreichen würden, um ihr nutzbringend die Gurgel umzudrehen.

Nun mischt sich Clemens ein. Er baut sich zur vollen Größe auf, wohl um imposanter und gefährlicher zu wirken.

„Das kann nicht sein, die Sekretärin persönlich hat das Zimmer reserviert – ich war dabei.“

Ach? War er das? Ich rufe mir die Situation ins Gedächtnis und auch, wie mich Fräulein Mayer wegen dieses Hundeldumpelstädtenamens hat auflaufen lassen wie einen Dampfer bei Ebbe.

„Das mag ja sein“, beginnt nun der Hotelier und mustert Clemens abschätzig, „aber hier kam jedenfalls keine Reservierung an.“ Dieser Mann sollte Poker spielen. Er verzieht keine Miene, lächelt nicht, heult nicht, er steht einfach da, als würde ihm ein Stock dort stecken, wo keiner hingehört, und starrt uns an. Ich bin ein wenig irritiert, von dem spitzen Näschen in seinem Gesicht und warte eigentlich nur darauf, dass es wie bei Pinocchio plötzlich länger wird, aber das passiert nicht. Als er sich räuspert, fühle ich mich ertappt und seufze ergeben.

„Das kann nicht sein“, meint nun Clemens und reibt meine Oberarme, als wäre ich ein verschüchtertes Kind. Vielleicht wirke ich so, gefühlte zehntausend Kilometer von Hamburg entfernt. Wie ich hier stehe, in absoluter Kälte, an einem Ort, den selbst das Navi des Mietwagens nicht auf Anhieb finden konnte, und wo es kein Zimmer für mich gibt. Ich nicke mechanisch, woraufhin Clemens die Stirn krauszieht.

„Sie hat deine tröstenden Worte wohl missverstanden.“ So wie Clemens mit seinen grauen Augen dreinschaut, versteht er nicht, was ich meine. „Meinen Ausraster vorm Obergu…

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