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Liebe, die vom Himmel fällt

Debbie Macomber

Liebe, die vom Himmel fällt

Übersetzung aus dem Amerikanischen von Sabine Schlimm

1. KAPITEL

Anne Fletcher nahm den letzten Karton mit Weihnachtsschmuck aus dem Schrank im Gästezimmer. Sie freute sich auf Weihnachten. Das war schon immer so gewesen, und es würde auch künftig immer so sein, ganz egal, wie es ihr ansonsten ging. Noch war es etwas früh im Jahr; nur noch wenige Tage bis Thanksgiving. Aber ein bisschen Weihnachtsstimmung würde sie sicher von ihren Problemen ablenken – von dem Kummer, den sie seit der Scheidung mit sich herumtrug, von der finanziellen Unsicherheit und von dem Gefühl, verraten worden zu sein.

„Nein“, sagte sie laut. Sie durfte sich nicht gestatten, in diese Richtung weiterzudenken, sonst versank sie in einem Sumpf aus Trübsinn und Selbstmitleid. Das passierte ihr nur allzu oft. Sobald sie anfing, über alles nachzudenken, was sie verloren hatte, barsten die Dämme, und der Schmerz überrollte sie.

Als sie, den Karton in der Hand, über den Flur ging, warf sie einen kurzen Blick ins Atelier. Einen Moment lang hielt sie inne und betrachtete die Staffelei. Dort stand das Bild, an dem sie gerade arbeitete, und leuchtete ihr mit den prächtigen Farben eines Sonnenuntergangs über dem Pazifischen Ozean entgegen. Ja, sie war zwar geschieden, aber ihr Leben hatte auch positive Seiten. Nie hätte sie es früher für möglich gehalten, dass sie so in ihrer Kunst aufgehen würde.

Wie anders sah ihr Leben nun, mit neunundfünfzig, aus, als sie es sich noch vor ein paar Jahren vorgestellt hatte! Was Burton getan hatte, war unverzeihlich. Er hatte sie nicht nur verletzt, sondern sie auch um einVermögen betrogen, das ihr zustand.

Erneut gebot Anne sich Einhalt. So bittere Erinnerungen und Gedanken wollte sie gar nicht erst an sich heranlassen. Sie hatte sich schon genug damit beschäftigt – damals, als sie gerade erfahren hatte, dass Burton eine andere gefunden hatte und ihre fünfunddreißigjährige Ehe beenden wollte. Zunächst versuchte sie noch, sich einzureden, dass es sich lediglich um eine Affäre handelte – mehr nicht. Schließlich machten viele Männer in seinem Alter eine Midlife-Crisis durch. Früher oder später würde Burton wieder zur Besinnung kommen und erkennen, was er ihr und ihrem gemeinsamen Sohn Roy angetan hatte.

Leider war es anders gelaufen. Wie betäubt war Anne nach der Scheidung aus dem Gerichtssaal gegangen. Erst in dem Moment, als der Richter den Hammer fallen ließ und das Urteil für rechtskräftig erklärte, gestand sie sich ein, dass ihr Mann tatsächlich zu so einem Verrat fähig war. Sie hätte es wissen, hätte darauf vorbereitet sein können. Schließlich war Burton als Scheidungsanwalt mit allen Wassern gewaschen. Er wusste zu überzeugen und kannte jeden Trick. Und trotzdem hatte sie ihm vertraut.

Auch ihre Freunde waren fassungslos gewesen, allerdings weniger wegen Burtons Betrug. Sie verstanden einfach nicht, wieso Anne sich nicht wehrte. Aber sie war keine Kämpferin, und ihr graute davor, die schmutzige Wäsche ihrer Ehe, ihres gesamten Privatlebens vor Gericht auszubreiten. Burton hatte ihr einen Anwalt empfohlen, den sie gehorsam beauftragt hatte. Nie im Leben hätte sie sich träumen lassen, dass derselbe Mann gleich nach der Scheidung in Burtons Kanzlei anfangen würde. Natürlich war er bezahlt worden …

Burton hatte behauptet, er wolle eine faire Regelung. Weil Anne die ganze Zeit damit rechnete, dass er seinen furchtbaren Fehler bald erkennen und zu ihr zurückkehren würde, vertraute sie ihm blindlings. Auf Anraten ihres Anwalts akzeptierte sie die Scheidungsvereinbarung widerspruchslos. Erst viel zu spät stellte sie fest, dass alle Regelungen zu ihren Ungunsten ausfielen. Anne hatte sich um Vermögen im Wert von Tausenden von Dollar bringen lassen. Und sie hatte es nicht einmal gemerkt.

Der Trick, zu dem Burton in diesem speziellen Fall gegriffen hatte, war einfach: Er hielt sie hin. Zweimal kam er, in Tränen aufgelöst, zu ihr, bettelte um Vergebung und sprach von Versöhnung, während er gleichzeitig hinter ihrem Rücken das gemeinsame Vermögen ins Ausland schaffte. Die ganze Zeit tat er nichts anderes, als sie zu belügen, zu betrügen und zu bestehlen. Weil sie ihn liebte, vertraute sie ihm und glaubte ihm aufs Wort. Dass er sie auf diese Weise hintergehen würde, hätte er sich niemals träumen lassen. Nun stand sie nach dreißig Jahren Ehe mit fast nichts da. Musste man noch extra erwähnen, dass ihr Exmann ihr selbstverständlich keinen Unterhalt zahlte?

Natürlich hätte Anne ihn theoretisch verklagen und vor Gericht als Dieb entlarven können – aber was sollte das bringen? Schon vor langer Zeit hatte sie entschieden, dass es besser war, ihre Würde zu bewahren. Von jeher hatte sie geglaubt, dass es im Leben eine Art ausgleichende Gerechtigkeit gab. Irgendwie würde Gott ihr früher oder später zurückgeben, was sie verloren hatte. Dieser Glaube hatte ihr über die Bitterkeit und den Ärger hinweggeholfen.

Anne weigerte sich einfach, zu verbittern. Schließlich brachte Zorn sie nicht weiter – nicht einmal, wenn er berechtigt war. Sie fand sich mit der Situation ab. Mit dem Wenigen, was sie aus ihrer Ehe gerettet hatte, kaufte sie sich ein bescheidenes Häuschen auf St. Gabriel, einer kleinen Insel im Puget Sound im Bundesstaat Washington. Vor vielen, vielen Jahren, in der Zeit, als sie Burton begegnet war, hatte sie einmal Kunst studiert. Sie war begabt, und die Malerei machte ihr Spaß. Allerdings hatte sie während ihrer Ehe ihre eigene Tätigkeit hintangestellt. Die Gattin eines prominenten Scheidungsanwalts zu sein, brachte viele Verpflichtungen mit sich, und sie hatte Burtons Karriere unterstützt, wo sie nur konnte. Sie bemühte sich, die perfekte Ehefrau und Gastgeberin zu werden, sein Erfolg sollte auch ihrer sein.

Dass sie nur ein Kind bekamen, bedauerte sie; sie nannten den Sohn nach Annes Vater. Roy war ein Geschenk, ein Sonnenstrahl, der ihr Leben mit Licht erfüllte. Wann immer Anne nicht gerade damit beschäftigt war, die Gastgeberin für Burtons Geschäftspartner zu spielen, widmete sie sich Roy. Sie zog ihn mit grenzenloser Liebe und mütterlicher Hingabe groß.

Wenn sich in ihrem Herzen überhaupt eine Spur von Bitterkeit fand, dann darüber, was Burton seinem Sohn angetan hatte. Unglücklicherweise war es Roy gewesen, der seinem Vater Aimee vorgestellt hatte. Obwohl Anne sich nach Kräften bemühte, ihm die Schuldgefühle auszureden, verzieh er sich das nicht. Roy fühlte sich verantwortlich für alles, was danach passierte, obwohl ihm wirklich niemand einen Vorwurf dafür machen konnte.

Dadurch wurde die Sache noch komplizierter, sodass Roy sich weigerte, seinem Vater zu verzeihen. Nicht nur für das, was er Anne angetan hatte, sondern auch dafür, dass Burton ihm Aimee ausgespannt hatte – die Frau, die er selbst geliebt hatte und heiraten wollte. Unablässig kochte der Zorn darüber in ihm, war ein Teil seiner selbst geworden, lag stets wie eine dunkle Wolke über ihm. Manchmal kam es Anne so vor, als trüge ihr Sohn eine dunkle Brille, durch die die ganze Welt um ihn herum düster und freudlos aussah. Sein Unternehmen war das Einzige, was Roy anscheinend noch etwas bedeutete. Aber obwohl er schon jetzt mehr erreicht hatte als viele Menschen, die doppelt so alt waren wie er, war Roy nicht glücklich.

Der Zynismus ihres Sohnes bereitete Anne große Sorgen – sogar größere als die Scheidung selbst. Soweit es möglich war, hatte sie die Trennung hinter sich gelassen und sich in ihrem neuen Leben recht zufrieden eingerichtet. Immerhin konnte sie jetzt das tun, was sie am liebsten mochte – malen. Überwiegend durch Mundpropaganda fand sie immer mehr Käufer, die ihre Werke teils auf dem lokalen Wochenmarkt, teils über ein paar Galerien erstanden. Die Malerei erlaubte ihr ein bescheidenes Auskommen.

Anne hätte alles darum gegeben, ihrem Sohn zu helfen. Aber egal wie viel Geld er verdiente oder wie sehr er gelobt wurde: Er blieb einsam und verbittert. Dabei wünschte sie sich verzweifelt, er möge glücklich werden.

In den fünf Jahren seit der Scheidung hatte Roy kein Wort mit seinem Vater gewechselt, obwohl Burton mehr als einen Versuch unternommen hatte. Aber die beiden waren sich zu ähnlich. Roy war nicht nur genauso begabt und ehrgeizig wie sein Vater, er teilte noch eine weitere Eigenschaft mit ihm: Er konnte eine extreme Härte an den Tag legen, und das beunruhigte sie weit mehr. Bei ihrem Sohn richtete sie sich vor allem gegen Ehe und Beziehungen. Inzwischen war Roy dreiunddreißig, und Anne fand, er solle langsam heiraten. Aber ihr Sohn weigerte sich rundweg, darüber auch nur zu reden. Das, was geschehen war, hatte seine Einstellung zur Liebe, zur Möglichkeit, sich zu binden, vollkommen auf den Kopf gestellt. Er verabredete sich nicht mit Frauen, und auf Beziehungen ließ er sich erst recht nicht ein.

Das Einzige, wofür Roy sich noch interessierte, war der Gewinn seines Unternehmens. Im Laufe der Jahre hatte er sich in einen kaltherzigen, gefühllosen Mann verwandelt, den, abgesehen von Fletcher Industries, kaum noch etwas berührte. Schon lange hatte Anne erkannt, dass ihr Sohn einen tiefen Schmerz in sich verbarg, doch er selbst schien unfähig, das zu erkennen. Ihrer Meinung nach brauchte er jemanden, der ihn lehrte, welche Kraft in der Liebe und im Verzeihen lag. Wie gerne wäre sie selbst diese Person gewesen! Aber je mehr geschäftlichen Ehrgeiz Roy entwickelte, desto mehr schloss er seine Mutter aus seinem Leben aus. Sie wusste, dass er es nicht absichtlich tat, aber es schmerzte sie trotzdem.

Roy hatte die Datensicherheitsfirma Fletcher Industries schon kurz nach Abschluss des College in Seattle gegründet. Mit innovativer, hoch entwickelter Software hatte er die Konkurrenz überholt. Seit er Verträge mit der Regierung und etlichen Banken unterzeichnet hatte, zählte Fletcher Industries zu den Top-Unternehmen der Branche.

In den ersten Jahren nach der Unternehmensgründung hatte Roy Tag und Nacht gearbeitet, um die große Nachfrage zu befriedigen. Nicht selten verbrachte er zwei oder drei Tage am Stück im Büro. Nur für Fast-Food-Mahlzeiten und kurze Schlafpausen unterbrach er seine Arbeit. Das änderte sich erst, als er Aimee kennenlernte. Er verliebte sich bis über beide Ohren. Anne und Burton freuten sich beide sehr darüber. Dann brachte Roy Aimee mit in sein Elternhaus in Südkalifornien, um sie vorzustellen. Und ehe sie es sich versahen, flog ihnen ihr ganzes Leben um die Ohren.

Nachdem seine Eltern geschieden waren, verfiel Roy sehr schnell wieder in seine alte Gewohnheit, lange zu arbeiten. Dazu kam, dass sein Geschäftsgebaren jetzt von einer gewissen Gefühlskälte und Härte geprägt wurde. Anne erkannte das, fühlte sich aber nicht imstande, es zu ändern. Sie kam einfach nicht mehr an ihren Sohn heran, und das schmerzte sie sehr. Immer wieder versuchte sie, ihm begreiflich zu machen, wie gefährlich der Weg war, auf dem er sich befand. Aber er konnte oder wollte nichts davon hören.

Der Kessel pfiff, und Anne ließ den Karton mit dem Weihnachtsschmuck im Flur stehen, um in die Küche zu eilen. Sie nahm die blaue Keramikkanne vom Schrank und brühte einen Earl-Grey-Tee auf – ihre Lieblingssorte. Sie ließ ihn kurz ziehen, goss sich einen Becher ein und nahm schließlich einen Schluck von dem duftenden Getränk. Stirnrunzelnd fragte sie sich, warum sie ihren Gedanken erlaubt hatte, diese düstere Richtung einzuschlagen. Eigentlich hatte sie geglaubt, sie hätte Burton hinter sich gelassen. Und nun kam der ganze Schmerz wieder hoch. Anne musste sich eingestehen, dass sie noch einen weiten Weg vor sich hatte. Für diesen Anfall von Selbstmitleid und nagender Sorge gab es nur ein Heilmittel: Sie setzte den Becher ab, senkte den Kopf und betete. Manchmal fiel es ihr schwer, das, was sie im Herzen trug, in Worten auszudrücken. Heute war das anders. Das Gebet kam direkt aus ihrem Inneren.

„Lieber Gott, bitte schicke meinem Sohn eine Frau, die er lieben kann. Eine, die seine Wunden heilen lässt und ihn Vergebung lehrt. Eine Frau, die Zugang zu seinem Herzen findet und ihm die Augen dafür öffnet, was für ein Mensch er geworden ist“

Das Gebet kreiste langsam, wie niedergedrückt von den Sorgen, die darauf lasteten, durch den Raum. Doch allmählich stieg es auf, mischte sich mit dem Dampf aus der Teekanne, ließ irgendwann das einfache Häuschen unter sich und wehte an den Wolken vorbei, die vor bleiernem Grau hingen. Höher und höher schwang es sich hinauf, bis es im Himmel ankam und auf Gabriels Schreibtisch landete. Gabriel war der Erzengel, der vor mehr als zweitausend Jahren Gottes frohe Botschaft an eine einfache junge Frau aus dem Volk Israel überbracht hatte.

Allerdings war Gabriel gerade nicht da.

Stattdessen schwebten im Büro des Erzengels Shirley, Goodness und Mercy. Diesen Himmelsgesandten eilte der Ruf voraus, dass sie gelegentlich zu unorthodoxen Mitteln griffen, um ihre Ziele zu erreichen. Nun beobachteten die drei neugierig, wie das Gebet ankam. Bei dem mächtigen Erzengel landeten nur die schwierigsten Anliegen – Gebete von Menschen, die verzweifelt waren und sich in ernsthaften Nöten befanden.

„Nicht lesen!“, rief Shirley, als Goodness nicht widerstehen konnte und das dünne Blatt aufhob.

„Warum nicht?“Wie ihr Name verriet, zeichnete sich Goodness zwar vor allem durch Güte aus, darüber hinaus besaß sie aber eine gehörige Portion Neugier – mitunter mehr, als ihr guttat. Sie wusste genau, dass sie sich in Schwierigkeiten brachte, wenn sie ein Gebetsanliegen noch vor ihrem Chef Gabriel las. Aber davon ließ sie sich keineswegs zurückhalten.

Mercy, der Engel der Barmherzigkeit, war von den dreien am leichtesten mit irdischen Dingen zu beeindrucken, und Shirley – nun ja, Shirley schien beinahe fehlerlos. Früher war sie einmal Schutzengel gewesen, aber sie hatte sich zu den Himmelsgesandten versetzen lassen, um dort die Gebetsanliegen der Menschen zu bearbeiteten. Etwas merkwürdige Umstände hatten diese Versetzung begleitet – gut möglich also, dass es mit Shirleys Fehlerlosigkeit doch nicht so weit her war. Aber da Shirley selbst den Zwischenfall niemals erwähnte, traute Goodness sich nicht zu fragen. Manche Dinge blieben besser unausgesprochen, das wusste sie – obwohl sie natürlich darauf brannte, alle schmutzigen Einzelheiten zu hören.

„Goodness!“, sagte Shirley noch einmal warnend.

„Ich will doch bloß einen kurzen Blick auf den Namen werfen“, murmelte die Angesprochene. Vorsichtig hob sie ein Eckchen des zusammengefalteten Bogens an und versuchte, die Unterschrift zu erkennen.

„Ist es jemand, den wir kennen?“, wollte Mercy wissen, die näher gekommen war.

Goodness sah Shirley an, die sich bemühte, vollkommen gleichgültig zu wirken. Doch endlich gab auch sie klein bei. „Also, kennen wir den Absender?“, fragte sie.

„Nein“, antwortete Goodness. „Zumindest ich habe noch nie von einer Anne Fletcher gehört. Ihr etwa?“

„Anne Fletcher?“, rief Shirley. Ihre Knie schienen plötzlich unter ihr nachzugeben, und so sank sie auf den Schreibtischstuhl, der Gabriel vorbehalten war. „Anne Fletcher aus Kalifornien“, wiederholte der frühere Schutzengel langsam.

Goodness sah noch einmal nach. Diesmal hob sie die Ecke etwas höher. „Sie wohnt nicht mehr in Kalifornien“

„O nein! Dann ist sie also umgezogen. Ich frage mich, warum. Sag mir, wo sie hingegangen ist“

„Auf die San-Juan-Inseln“, antwortete Mercy. Sie sah Goodness über die Schulter, um selbst einen Blick auf den Zettel zu erhaschen.

„Sie wohnt in der Karibik?“Shirley klang fassungslos.

„Nein. Die liegen im Puget Sound im Staat Washington“, erklärte ihr Goodness.

„An Washington erinnere ich mich noch gut“, bemerkte Mercy und lächelte verträumt. „Wisst ihr noch, wie viel Spaß wir auf der Bremerton-Werft hatten?“

„Was ich noch weiß“, widersprach Goodness streng, „ist, dass wir großen Ärger bekommen haben. Und zwar deshalb, weil du plötzlich angefangen hast, Flugzeugträger und Zerstörer herumzuschieben“

„Ich weiß wirklich nicht, wie oft ich mich dafür noch entschuldigen soll“, grummelte Mercy in sich hinein. Trotzig verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Das war ein Ausrutscher. Seitdem ist nichts mehr in der Art vorgekommen, und ehrlich gesagt finde ich, dass du …“

Als sie merkte, wie angelegentlich Goodness ihre Engelskollegin Shirley musterte, brach sie ab. „Woher kennst du Anne Fletcher?“, fragte Goodness leise.

„Arme, arme Anne“, murmelte Shirley völlig abwesend. „Ich habe ihre Mutter gekannt – ich war ihr Schutzengel. Damals, als Beth ihre Tochter Anne geboren hat, war ich bei ihr“

Also gab es da eine Verbindung zwischen Shirley und Anne Fletcher. „Ich habe das Anliegen nicht gelesen“, erklärte Goodness. Mehr denn je war sie bereit, alle Vorsicht in den Wind zu schlagen und einen zweiten, längeren Blick zu riskieren.

„Vielleicht können wir etwas für sie tun“, bemerkte Mercy. Es klang ganz so, als wollte sie Goodness zu einem Regelbruch ermuntern. Goodness ließ sich nicht lange bitten. Schnell hob sie das Gebetsanliegen auf – und hätte es beinahe sofort wieder fallen lassen. Hinter ihnen ertönte nämlich plötzlich eine laute Stimme.

„Was ihr für wen tun könnt?“

Gabriel. Der Erzengel Gabriel.

Goodness fuhr herum und wich bis zu dem riesigen Schreibtisch zurück. Sie hatte es so eilig, sich zu verbergen, dass sie sich beinahe die Flügel einquetschte. Oje, das verhieß nichts Gutes. Auch wenn Gabriel ihnen gewogen war: Ganz sicher würde er es nicht dulden, dass sie auf seinem Schreibtisch herumschnüffelten.

„Ach, nichts.“Mercy rückte dichter an Goodness heran, bis sie Schulter an Schulter, Flügel an Flügel dastanden.

Nur Shirley saß immer noch gedankenverloren auf Gabriels Stuhl. Anscheinend hatte sie gar nicht mitbekommen, in was für einer vertrackten Lage sie steckten.

„Tun?“, brachte Goodness etwas gepresst heraus. „Was sollten wir denn für jemanden tun?“

„Es geht um Anne Fletcher“, flüsterte Shirley und sah zu dem Erzengel hoch, immer noch völlig in ihren eigenen Gedanken versunken. „Wir müssen ihr helfen“

„Anne Fletcher?“, wiederholte Gabriel. Besorgt runzelte er die Stirn.

„Sie hat für Roy gebetet“, erklärte Goodness. Tapfer überreichte sie Gabriel das Gebetsanliegen. Das kam dem Eingeständnis gleich, dass sie es gelesen hatte. „Sie möchte gerne glauben. Aber sie macht sich große Sorgen um ihren Sohn und hat beinahe die Hoffnung aufgegeben, dass noch jemand zu ihm durchdringen kann. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie den Glauben verliert – das dürfen wir einfach nicht!“Flehend sah sie zu Gabriel auf. Die Flügel hatte sie zusammengefaltet, und nun ließ sie den Kopf hängen, als wäre sie genauso verzweifelt wie Anne Fletcher.

Noch nie hatte Goodness ihre Engelsfreundin Shirley so aufgewühlt gesehen. Ganz offensichtlich war diese Anne ein Mensch, dem sie sich verbunden fühlte.

Gabriel grummelte etwas Unverständliches in sich hinein. Als Shirley aufsah, wurde ihr schlagartig klar, dass sie auf dem Schreibtischstuhl des Erzengels saß. Plötzlich sah sie furchtbar erschrocken drein und sprang, wie von der Tarantel gestochen, auf.

Shirley war normalerweise sehr gelassen. Sie ließ sich so selten aus der Ruhe bringen, dass Goodness gelacht hätte, wenn die Sache nicht so ernst gewesen wäre.

Sobald sein Stuhl frei war, ließ Gabriel sich darauf nieder, ohne das Gebetsanliegen weiter zu beachten. Stattdessen nahm er das große Buch aus dem Regal hinter dem Schreibtisch. Als er es vor sich legte, stöhnte er leise, schlug es unter F auf und fuhr mit dem Finger eine lange Liste von Namen entlang.

Goodness stellte sich lieber nicht auf die Zehenspitzen, um ihm über die Schulter zu sehen. Selbst ihr war klar, dass sie ihre Neugier in diesem Augenblick besser zügelte.

„Anne Fletcher“, meinte Gabriel nachdenklich. „Die Scheidung liegt jetzt fünf Jahre zurück“

„Anne ist geschieden?“, flüsterte Shirley. „Ach, du liebe Zeit. Das habe ich gar nicht gewusst. Wie geht es ihr?“

„Eigentlich ganz gut“, antwortete Gabriel. „Sie hat sich mit der Situation besser abgefunden als gedacht. Dass sie ihre Malerei wieder aufgenommen hat, hat ihr geholfen. Hier steht, dass sie inzwischen im Staat Washington lebt, auf einer kleinen Insel im Puget Sound“

„Burton hat sie nie für besonders talentiert gehalten“, sagte Shirley. Auf die Tischplatte gestützt, beugte sie sich vor, um einen Blick in den großen Band zu werfen. Hier waren alle menschlichen Schicksale verzeichnet. „Wenn sie ihr Studium damals nicht abgebrochen hätte, wäre sie womöglich eine erfolgreiche Künstlerin geworden“

„Was nicht ist, kann ja noch werden“, warf Goodness ein, als wüsste sie bestens Bescheid. Sie hasste es, nicht auf dem Laufenden zu sein, wenn es um irdische Angelegenheiten ging. Menschen hatten sie schon immer fasziniert. Sie galten als Krone der Schöpfung, beeindruckend, wunderbar – und manchmal unglaublich dumm. Es war schwer zu begreifen, dass der freie Wille so viele Probleme verursachen konnte.

„Anne Fletcher ist begabt“, murmelte Gabriel, „aber Ruhm und Reichtum waren ihr noch nie wichtig. Sie hat zwar in ihrem Leben große Verluste hinnehmen müssen, aber ihr wisst ja selbst, dass jeder Verlust durch einen Gewinn wieder ausgeglichen wird. Allerdings müssen die Menschen manchmal danach suchen“

Goodness nickte verständig, obwohl sie keine Ahnung hatte, was Gott einer neunundfünzigjährigen Frau, die geschieden war, zum Ausgleich schenken sollte. „Gott hat bestimmt einen neuen Mann für sie, oder?“, äußerte sie auf gut Glück.

Gabriel zog die Augenbrauen zusammen. Anscheinend gingen ihm die Bemerkungen des Engels langsam auf die Nerven. „Nein, Goodness, er schickt ihr keinen anderen Mann. Ganz ehrlich: Daran hätte Anne auch keinerlei Interesse“

„Das kann man ihr kaum verdenken“, warf Mercy ein. „Nach allem, was Burton ihr angetan hat, dürfte es ihr schwerfallen, jemals wieder einem Mann zu vertrauen.“Sie nickte, als sei das Thema damit erledigt.

„In dem Gebet geht es um ihren Sohn“, bemerkte Gabriel, nachdem er das Anliegen gelesen hatte.

„Ja, um Roy“, antwortete Shirley. „Du erinnerst dich doch an Roy, oder? Er war so ein nettes Kind. Hat alles darangesetzt, allen Leuten zu gefallen und in die Fußstapfen seines Vaters zu treten“

„Aber Burton hat ihm nie verziehen, dass er nicht Jura studieren wollte“, ergänzte Gabriel abwesend. „Roy ist begabt, aber er arbeitet zu hart“

„Ich glaube, Anne wünscht sich Enkelkinder“, sagte Shirley, die den Zettel in die Hand genommen hatte.

„Natürlich“, stimmte Mercy ihr zu.

Zum ersten Mal, seit sie Gabriels Arbeitszimmer betreten hatten, lächelte Shirley. „Gott sorgt für seine Kinder“, flüsterte sie. Etwas lauter fügte sie hinzu: „Wolltest du gerade nicht genau das sagen?“

Gabriel blickte hoch. „Roy interessiert sich nicht fürs Heiraten“

„Im Moment nicht“, warf Goodness ein. Vor ihren inneren Augen stieg das Bild eines glücklichen Paares auf. Nichts machte ihr größeren Spaß, als zwei Menschen einen kleinen Schubs zu geben, der sie zusammenbrachte! Aufträge, bei denen sie für Romantik zuständig war, waren ihr die allerliebsten.

„Wir möchten den Fall übernehmen“, verkündete sie.

Streng sah Gabriel sie an. Sie schluckte und trat einen Schritt zurück. „Aber natürlich nur, wenn du es für das Beste hältst“, fügte sie hastig hinzu.

„Es geht doch um Anne, um Beths kleine Annie“, bat Shirley eindringlich.

„Wollt ihr mir damit etwa sagen, dass ihr drei schon wieder auf die Erde zurückkehren möchtet?“

Shirley, Goodness und Mercy nickten gleichzeitig.

„Das habe ich befürchtet.“Gabriel strich sich über das Kinn. „Allerdings bezweifle ich, dass sich die Erde schon von eurem letzten Besuch erholt hat“

„Diesmal werden wir uns geradezu vorbildlich benehmen“, versprach Mercy und faltete die Hände wie eine Heilige. „Ich schwöre, dass wir noch nicht einmal in die Nähe einer Rolltreppe gehen werden“

„Nicht die Rolltreppen machen mir Sorgen, sondern alles andere“

Wieder trat Goodness einen Schritt vor. Als sie Gabriel in die Augen sah, war ihr klar, dass der Erzengel sich langsam erweichen ließ. „Wir können ihr helfen, Gabe“

„Gabe?!“, bellte er.

„Äh, Gabriel“, verbesserte sie sich schnell. „Ich weiß, dass wir es können. Diese romantischen Sachen beherrsche ich aus dem Effeff. Jeder Mensch sehnt sich nun mal danach, sich zu verlieben. Wir müssen sie nur in die richtige Richtung …“Als sie merkte, wie Gabriel die Stirn runzelte, brach sie ab.

Einen langen Augenblick sprach niemand. Shirley war die Erste, die zu flüstern wagte: „Bitte?“

Gabriel ließ sich Zeit mit der Antwort. Unwillkürlich hielt Goodness den Atem an. Sie konnte es kaum erwarten, die Erde wiederzusehen. Es war viel zu lange her, dass sie dort gewesen waren – mindestens etliche Erdenjahre.

Komm schon, Gabriel, entscheide dich! Sag schon Ja! dachte sie.

2. KAPITEL

Roy Fletcher hasste Bewerbungsgespräche. Kritisch betrachtete er den älteren Mann, der ihm auf der anderen Seite des Schreibtischs gegenübersaß. Dean Wilcoff musste stark auf die sechzig und damit auf die Rente zugehen. Sein schütteres graues Haar hatte er aus dem Gesicht gekämmt, und der Blick aus seinen dunklen Augen wich dem von Roy Fletcher nicht aus. Er war ein großer Mann, vermutlich über eins achtzig, dabei breitschultrig und muskulös gebaut. Ganz offensichtlich tat er einiges, um in Form zu bleiben. Das war schon mal gut. Als Chef der Unternehmens-Sicherheitsmannschaft würde er zwar kaum selbst Eindringlinge verfolgen müssen. Aber zumindest sollte er dazu in der Lage sein, falls es doch einmal notwendig wurde. Zum zweiten Mal überflog Roy Wilcoffs Lebenslauf. Der Mann blickte auf beeindruckende Berufserfahrungen zurück.

„Sie haben sechsundzwanzig Jahre für die Abteilung Interne Sicherheit bei Boeing gearbeitet“

„Stimmt“, bestätigte Dean Wilcoff, ohne weiter darauf einzugehen. Roy wusste, dass es bei dem Flugzeugbauer Entlassungen gegeben hatte, aber wahrscheinlich steckte bei Dean Wilcoff etwas anderes dahinter. Na gut. Seine eigene Personalabteilung hatte ihm empfohlen, sich diesen Bewerber näher anzusehen.

Aus dem Lebenslauf ging hervor, dass Wilcoff zum letzten Mal neun Monate zuvor in Lohn und Brot gestanden hatte. Trotzdem strahlte er so gar nichts Verzweifeltes aus. Eigentlich hätte Wilcoff sich Sorgen machen müssen. Vermutlich war inzwischen seine Arbeitslosenunterstützung ausgelaufen, und in seinem Alter musste es alles andere als einfach sein, noch eine Stelle zu finden.

„Wie viel wissen Sie über Computer?“

Zum ersten Mal spürte Roy, dass der Mann zögerte. „Gerade genug, um mich im Internet zu bewegen. Meine Tochter liegt mir schon lange in den Ohren, mal einen Kurs zu machen, aber ehrlich gesagt habe ich bisher die Notwendigkeit nicht eingesehen. Ich bin im Sicherheitsdienst. Da kenne ich mich aus, und darin bin ich gut. Mr Fletcher, wenn Sie mich einstellen, können Sie sicher sein, dass es niemandem gelingen wird, in Ihr Büro einzubrechen. Weder tagsüber noch nachts“

Skeptisch hob Roy eine Augenbraue. Im Leben gab es keine Garantien, und man tat gut daran, sich auf nichts zu verlassen. Auf nichts und niemanden. Er hatte diese Lektion auf die harte Tour lernen müssen, aber inzwischen hatte er sie verinnerlicht.

„Wir werden uns bei Ihnen melden“, sagte er abschließend und verabschiedete den Mann. Endlich hatte er die Vorstellungsgespräche hinter sich gebracht. Obwohl alle Kandidaten qualifiziert waren, war keiner dabei gewesen, der ihm sonderlich sympathisch war. Am Vortag hatte er drei Gespräche geführt und an diesem noch einmal drei. Keiner der Bewerber hatte ihn irgendwie beeindruckt. Leider musste er schnell eine Entscheidung treffen, sonst würde ihn der Personalchef stündlich anrufen. Also gut. Er würde die Namen in einen Hut werfen und einfach einen ziehen. Schließlich war diese Art, eine Entscheidung zu treffen, auch nicht unlogischer als jede andere.

„Wie ist es gelaufen?“, fragte Julie Wilcoff ihren Vater, als sie die Salatschüssel auf den Tisch stellte. Eigentlich wollte sie ihn nicht drängen, aber seit er von seinem lang erwarteten Vorstellungsgespräch zurückgekehrt war, hatte er kaum etwas darüber herausgerückt. Julie befürchtete, dass diese Zurückhaltung nichts Gutes bedeutete. Dabei hatte er nun wirklich schon genügend Gespräche geführt. Ihr Vater war nun schon neun Monate arbeitslos, und allmählich wurde er nervös und verlor den Mut. Sie wusste, dass er sich Sorgen machte, besonders da die Feiertage so dicht bevorstanden. Eigentlich hatte er gehofft, dass er bis Neujahr eine neue Stelle finden würde. Gerade auf diese hatte er große Hoffnungen gesetzt, denn sie schien wie maßgeschneidert für ihn. Aber seit er nach Hause gekommen war, hatte er kaum ein Wort geäußert.

„Warum sollte jemand einen alten Mann wie mich einstellen?“, murmelte er, als er zum Tisch kam.

„Weil du bestens qualifiziert, zuverlässig und intelligent bist“

„Ich weiß noch nicht einmal, ob ich wirklich für Roy Fletcher arbeiten möchte“, nörgelte ihr Vater. Er zog seinen Stuhl zurück und setzte sich.

Julie runzelte die Stirn. Das war eine seltsame Haltung, denn wochenlang hatte er Jobs gesucht, hatte Dutzende von erfolglosen Bewerbungen verschickt. Und vor allem hatte er seit Tagen von nichts anderem als von diesem Vorstellungsgespräch geredet. Aber wenn ihr Vater so was sagte, musste etwas dran sein. Denn er übertrieb nie, zog niemals vorschnelle Schlüsse.

Seit Jahren tauchte der Name Roy Fletcher immer wieder in den Medien auf. Er war der kluge Kopf hinter einem Datensicherheitsunternehmen, dem sogar die Regierung im Kampf gegen Hackerangriffe vertraute. Fletcher Industries profitierte davon, dass Internetgeschäfte immer stärker durch Datendiebe gefährdet wurden: Leute, die an Kreditkartennummern, vertrauliche Informationen oder Finanzdaten kommen wollten. Auch Julies Vater beschäftigte sich mit Sicherheit, allerdings auf einer anderen Ebene. Während Roy Fletcher dafür sorgte, dass niemand in Computernetzwerke einbrechen konnte, verwehrte Dean Wilcoff Eindringlingen den Zutritt zu Gebäuden.

Julie setzte sich an den Tisch und reichte ihrem Vater die Schüssel mit dem Hackbraten. Nach dem Rezept ihrer Mutter zubereitet, gehörte er zu den Lieblingsgerichten der beiden. Insgeheim hatte Julie gehofft, es gäbe bei diesem Abendessen etwas zu feiern, aber das schien nicht der Fall zu sein. Trotzdem fragte sie sich immer noch, was ihren Vater zu seiner Bemerkung veranlasst hatte. „Was stimmt denn nicht mit Mr Fletcher?“, fragte sie.

„Ach, ich mag ihn nicht“

„Hat er das Bewerbungsgespräch selbst geführt?“Davon hatte Dad vorher nichts verlauten lassen.

Er nickte. „Allerdings habe ich zuerst mit einer netten jungen Dame aus der Personalabteilung gesprochen.“Er machte eine kurze Pause. „Sie hat mich zu ihm geschickt.“Noch eine Pause. „Er ist kein besonders sympathischer Mann“

Julie gab ihm etwas Kartoffelgratin auf den Teller. Als sich der Kampf, den ihre Mutter gegen den Krebs geführt hatte, dem Ende zuneigte, war Julie aus der eigenen Wohnung aus- und wieder bei ihren Eltern eingezogen. Ihr Vater hatte seinen Job gekündigt, um seine Frau zu pflegen. Zum Glück hatten sie mit der Arbeitslosenunterstützung Arztrechnungen und Medikamente bezahlen können. Für den Rest kam Julie mit ihrem Gehalt auf. Eine Zeit großer Opfer lag hinter ihnen. Letty, Julies Zwillingsschwester, hatte sie finanziell und emotional unterstützt, soweit sie konnte. Allerdings lebte sie nicht mehr in Seattle.

Ein halbes Jahr nach Julies Umzug war ihre wunderschöne, zierliche Mutter gestorben. Das war inzwischen vier Monate her. Die Ärzte hatten ihnen von Anfang an wenig Hoffnung gemacht. Deshalb waren Julie, Letty und ihr Vater auf Darlene Wilcoffs Tod vorbereitet gewesen. Zumindest hatten sie das geglaubt. Doch Julie hatte, genau wie ihre Schwester, am eigenen Leib erfahren müssen, dass nichts auf den Tod eines geliebten Menschen vorbereiten kann. Egal wie sehr man sich vorher damit auseinandergesetzt hatte – das Ende traf einen immer hart. Seitdem hatten Letty, Julie und ihr Vater den Halt verloren. Manchmal kam es Julie so vor, als könnte nichts je wieder so werden, wie es gewesen war. Und das stimmte natürlich: Die Welt hatte eine reizende, charmante Frau verloren, sie und Letty eine liebende Mutter und Dean die Frau, die er liebte und vergötterte.

Julie wartete ab, bis ihre Teller gefüllt waren. Dann fragte sie weiter. „Was genau gefällt dir an Roy Fletcher denn nicht?“

„Er ist eiskalt.“Dean zögerte und zog die Augenbrauen ein wenig zusammen. „Es kommt mir vor, als würde er nichts an sich heranlassen. Nichts kann ihn berühren. Soviel ich gehört habe, bedeuten ihm Menschen nicht viel. Und während ich ihm gegenübersaß, hatte ich irgendwie die ganze Zeit das Gefühl, dass er sich um keinen einzigen Menschen auf dieser ganzen Welt schert. Wahrscheinlich ist er nicht besonders umgänglich“

„Die meisten Menschen haben einen Grund für ihr Verhalten“, antwortete Julie in der Hoffnung, ihr Vater würde das Gespräch weiter fortsetzen. Schließlich war sie neugierig. Das Stellenangebot schloss ein Paket an Sozialleistungen mit ein, das alles übertraf, worauf er anderswo hoffen durfte.

Dean nickte. „Ich hatte den Eindruck, dass Fletcher zu den Menschen gehört, bei denen sich letztlich alles ums Geld dreht. Aber es gibt Dinge, die man einfach nicht kaufen kann“, fügte er schließlich hinzu.

Julie nickte.

Ihr Vater nahm einen Bissen von dem Hackbraten, nur um die Gabel gleich wieder hinzulegen. „Es wird langsam Zeit für dich“

Julie tat ahnungslos, dabei wusste sie genau, worauf er hinauswollte. Sie führten diese Diskussion nicht zum ersten Mal. Anscheinend meinte ihr Vater, Julie sollte wieder in eine eigene Wohnung ziehen. Sie selbst sah das anders. Zum einen brauchte ihr Vater sie. Natürlich, mit den Mahlzeiten und dem Haushalt würde er sich schon irgendwie behelfen, daran zweifelte sie keineswegs. Aber sie wusste, dass er einsam war und dagegen ankämpfte, von der Trauer überwältigt zu werden. Außerdem wurden die finanziellen Mittel langsam knapp, und sich von jemand anders die Rechnungen bezahlen zu lassen ging ihm gegen den Stolz – selbst wenn es sich dabei um seine eigene Tochter handelte.

Was er anscheinend nicht begriff, was sie ihm nicht verständlich machen konnte, war, wie sehr auch sie ihn brauchte. Sie hatten den größten Verlust ihres Lebens erlitten. Dass sie zusammen waren, half ihnen beiden, darüber hinwegzukommen. Julie war noch nicht bereit, wieder auszuziehen. Natürlich würde der Moment dafür irgendwann kommen, aber noch war es für sie zu früh.

„Das haben wir doch alles schon besprochen“

„Und was hast du dazu zu sagen?“

„Dad, Letty und ich finden …“

„Du solltest dich um dein eigenes Leben kümmern, statt hier mit einem alten Mann zu versauern“

„Aber ich kümmere mich doch um mein eigenes Leben“, behauptete sie. „Ich bleibe einfach hier, bis wir beide wieder auf sicheren Füßen stehen. Dann kannst du mich vor die Tür setzen“

„Die Sache ist nur die: Womöglich werde ich nie wieder auf sicheren Füßen stehen, vor allem, was das Geld angeht“, entgegnete er mit einem düsteren Blick. „Langsam wird es Zeit, den Tatsachen ins Gesicht zu sehen. Ich sollte das Haus verkaufen“

„Nein!“, rief Julie unwillkürlich aus. Allein der Gedanke war ihr unerträglich. Wenn sie so kurz nach dem Tod der Mutter nun auch noch das Zuhause ihrer Kindheit verlieren sollte – sie mochte gar nicht daran denken. Nicht, solange sich dieser Schritt noch vermeiden ließ. „Das werden Letty und ich nicht zulassen“

Letty hätte ihren Vater gerne noch viel stärker unterstützt, aber sie war mit einem Marineoffizier verheiratet, und sie lebten mit zwei kleinen Kindern in Florida. Ihr Mann fuhr regelmäßig zur See, und das manchmal monatelang. Obwohl die beiden Zwillinge waren, hätten die Schwestern Julie und Letty unterschiedlicher nicht sein können. Letty hatte von der Mutter die zierliche Figur, die blauen Augen und die blonden Locken geerbt – eine klassische Schönheit. Julie dagegen kam mehr nach ihrem Vater. Ihre Haare und Augen waren tiefbraun, und ihr langer, schlanker Körper verriet die Sportlerin. Während ihrer gesamten Highschool- und Collegezeit hatte sie erfolgreich Basketball und Softball gespielt.

Die Jungen hatten sich immer mehr für Letty interessiert und Julie im Großen und Ganzen links liegen lassen. Letty sah nicht nur hübsch aus, sondern besaß auch Köpfchen. Auch Julie war intelligent, aber was das Aussehen betraf, konnte sie mit ihrer Zwillingsschwester nicht mithalten. Allerdings hatte sie das nie weiter gestört – bis sie vor Kurzem dreißig geworden war. Plötzlich war ihr aufgegangen, dass nicht nur ihre Schwester verheiratet war, sondern das Gleiche auch für die meisten ihrer Freundinnen galt. Sie selbst ging natürlich auch gelegentlich mit Männern aus, aber im Laufe der Jahre hatte die Zahl aussichtsreicher Kandidaten stetig abgenommen. Je kränker ihre Mutter geworden war, desto weniger Gedanken hatte Julie auf solche Überlegungen verschwendet. Aber jetzt … Sie seufzte. Genau wie ihr Vater die Hoffnung auf eine neue Stelle aufgegeben hatte, machte sie sich keine großen Illusionen mehr, dass sie noch dem Richtigen begegnen würde. Frauen über dreißig sahen sich einer mageren Auswahl gegenüber.

Das Telefon klingelte. Julie und ihr Vater fuhren gleichzeitig herum.

„Lass den Anrufbeantworter drangehen“, sagte er. Diese Regel galt schon seit Julies Kindheit: Kein Anruf konnte so wichtig sein, dass er die Familienmahlzeit unterbrechen durfte.

„Bist du sicher?“, fragte Julie.

Ihr Vater nickte und aß weiter. „Dieser Hackbraten ist wirklich lecker“

„Es ist ja auch Moms Rezept“

Dean grinste. „Vielleicht überrascht es dich zu hören, dass sie es irgendwann aus der Rezeptkolumne in der Zeitung ausgerissen hat“

Das Telefon klingelte wieder. „Nein, das meinst du nicht ernst!“Davon hatte Julie wirklich nichts gewusst.

Ihr Vater lachte leise in sich hinein. „Das Rezept für den Brokkolisalat, den ich so gerne esse, stammt übrigens aus der gleichen Kolumne“

Darüber hatte ihre Mutter nie ein Wort verloren, aber schließlich war auch Letty immer diejenige gewesen, die sich fürs Kochen interessierte. Julie hatte sich selten in der Küche aufgehalten, weil sie lieber zum Basketballtraining oder anderen Sportveranstaltungen gegangen war. Es gab so viele Dinge, die ihre Mutter ihr nie erzählt hatte, weil sie keine Gelegenheit dazu fanden. Unwichtige Einzelheiten wie diese, aber auch anderes – Ratschläge zum Beispiel –, die wichtig gewesen wären. Wie sehr sich Julie wünschte, sie könnte die Zeit zurückdrehen, um noch ein paar kostbare Stunden mehr an der Seite ihrer Mutter zu verbringen! Wenn sie nur gewusst hätte …

Der Anrufbeantworter schaltete sich ein, und eine barsche Männerstimme ertönte. „Hier spricht Roy Fletcher“

Ohne darüber nachzudenken, sprang Julie auf und nahm den Telefonhörer ab, bevor Mr Fletcher auflegen konnte. „Hallo“, meldete sie sich atemlos. „Ich nehme an, Sie möchten mit meinem Vater sprechen?“

„Ja, wenn Ihr Vater Dean Wilcoff heißt“

Dad hatte recht. Aus der Stimme des Mannes klang nicht die geringste Spur von Wärme.

„Einen Augenblick, bitte“, sagte sie und reichte das Telefon weiter.

„Dean Wilcoff“, sprach ihr Vater hinein, während er Julie einen Blick unter zusammengezogenen Augenbrauen zuwarf. Julie las darin, dass er Roy Fletcher hätte warten lassen, wenn es nach ihm gegangen wäre. Zum Glück hatte sie näher am Telefon gesessen.

Nervös biss sie sich auf die Lippe, während sie ihren Vater beobachtete. Das hier musste einfach eine Zusage sein! Jemand wie Roy Fletcher würde doch nicht persönlich anrufen, nur um zu erklären, dass er einen anderen Bewerber für die Stelle ausgewählt hatte.

Plötzlich weiteten sich die Augen von Dean. „Bevor ich die Stelle annehme, habe ich noch ein paar Fragen“

Am liebsten hätte Julie die Arme hochgeworfen und geschrien. Ihr Vater brauchte diesen Job, und zwar nicht allein aus finanziellen Gründen. Bitte, Dad, tu jetzt nichts Falsches. Dafür war die Sache zu wichtig.

Die Sekunden schienen sich zu halben Ewigkeiten zu dehnen. Endlich legte ihr Vater langsam das Telefon zurück.

Julie hielt es kaum noch aus, so nervös war sie. „Und?“

„Morgen früh habe ich einen Termin mit Mr Fletcher, um über meine Fragen zu sprechen.“Die Andeutung eines Lächelns spielte um seinen Mundwinkel. „Sieht so aus, als könnte ich die Stelle haben, wenn ich will. Keine Ahnung, ob das nun gut oder schlecht ist“

„O Dad! Das sind doch tolle Neuigkeiten!“

„Das wollen wir mal abwarten, meine liebe Julie“

3. KAPITEL

„Möchtet ihr Anne Fletcher einmal selbst kennenlernen?“, fragte Gabriel mit einem Seitenblick auf das himmlische Trio.

Goodness konnte ihr Glück kaum fassen. Als Mercy eifrig zustimmte, strahlte sie über das ganze Gesicht. Es war so lange her, dass sie die Erde mit all ihren Verlockungen besucht hatten. Eine höchst interessante Welt, aber völlig anders als der Himmel mit seinen goldgepflasterten Straßen. Allerdings lauerten auf der Erde auch alle möglichen Gefahren und Verlockungen. Der Himmel dagegen … Die Wunder, die im Jenseits warteten, konnten menschliche Augen und Ohren jedenfalls nicht fassen.

Shirleys Miene erhellte sich. „Dürfen wir ihr wenigstens einen ganz kurzen Besuch abstatten? Ich habe sie seit Jahren nicht gesehen“

„Es gab Zeiten, da hat Anne regelmäßig für ihren Sohn gebetet“, erklärte Gabriel, während er sie aus seinem Arbeitszimmer geleitete.

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