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Liebe, die dem Grauen widersteht: Zwei übersinnliche Thriller

Alfred Bekker

Liebe, die dem Grauen widersteht: Zwei übersinnliche Thriller

Cassiopeiapress Sammelband





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Liebe, die dem Grauen widersteht – Zwei übersinnliche Thriller

von Alfred Bekker

© by Alfred Bekker

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich (Westf.)

www.alfredbekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Zwei packende Okkult-Thriller um Liebe und Grauen von Elben-Autor Alfred Bekker.

Düstere Rituale zwischen Klostermauern und ein grausamer Mond-Kult - eine Reporterin versucht Licht ins Dunkel zu bringen und bekommt die Kräfte der Mond-Hexe zu spüren...

Ein Kristall öffnet das Tor in eine andere Wirklichkeit - und eine übersinnlich begabte junge Frau muss um ihre Liebe kämpfen. Sie ist Reporterin bei einem Boulevardblatt und die Welt des Übersinnlichen ist ihr von klein auf vertraut, denn sie hat eine besondere Gabe, die sie Szenen aus der Zukunft sehen lässt. Eine Fähigkeit, die oft genug mehr ein Fluch als eine Gabe zu sein scheint. Besonders, als sie sich verliebt... Und dann ist da noch die Macht eines geheimnisvollen Kristalls, der auch die junge Reporterin in ihren Bann zieht und nicht nur sie sie in tödliche Gefahr bringt.

Dieser Sammelband enthält die beiden übersinnlichen Thriller:

Die Mondhexe

Der Kristall des Sehers

Die Mondhexe

"Rhymeth!", flüsterte die Frau im blauen Kleid, deren langes rotes Haar im Nachtwind wehte. Ungehört verhallte der Ruf zwischen düsteren Klostermauern. "Rhymeth!", rief sie jetzt etwas lauter.

Ihr Gesicht war feingeschnitten und sehr ebenmäßig, aber in ihren Zügen stand etwas, das jeden Betrachter unwillkürlich erschaudern ließ.

Unverhüllte Grausamkeit.

Das Lächeln, zu dem sich ihr volllippiger Mund verzog, war kalt wie der Tod...

In ihren dunklen Augen spiegelte sich der Vollmond, dessen fahles Licht auf den grau gewordenen Sandsteinmauern bizarre Schatten erscheinen ließ.

"Rhymeth! Deine gehorsame Dienerin ruft dich!"

Sie breitete die Arme aus und reckte sie dem Mond entgegen.

"Rhymeth! Gib mir Kraft!", flüsterte sie, wobei sich ihr Gesicht auf eine Weise verzog, die ihr etwas Unmenschliches gab. Ein letztes Mal rief sie diesen düsteren Namen und Verzweiflung hatte sich in ihren Tonfall eingeschlichen.

Sie ließ schließlich die Arme sinken und schluckte.

Dann atmete sie tief durch und schloss dabei die Augen, so als hätte sie eine große Anstrengung hinter sich. Sie schluckte und ballte die Hände zu Fäusten zusammen.

Im nächsten Moment ließ der blecherne Klang einer Kirchenglocke sie die Augen weit aufreißen. Es war ein ohrenbetäubender Lärm.

Die Frau in Rot strich sich mit einer fahrigen Geste das Haar aus dem Gesicht.

Aus den bizarren Schatten, die das Mondlicht auf die grauen Steinmauern der nahen Kapelle zauberte, schälten sich jetzt dunkle Gestalten heraus.

Erst waren es nur düstere Umrisse, wie verschwommene Schemen, aber je näher sie kamen, desto mehr verwandelten sie sich.

Sie wirkten auf den ersten Blick wie Mönche. Allerdings trugen sie um den Hals eigentümliche ovale Holzamulette anstatt eines Kreuzes.

Unter den Kapuzen ihrer knöchellangen Kutten schien es nichts als namenlose Schwärze zu geben, obgleich das Mondlicht eigentlich hell genug gewesen wäre, etwas von ihren Gesichtern zu zeigen...

Schweigend gingen sie auf die Frau in Rot zu und bildeten dann eine Art Halbkreis um sie herum.

"Rhymeth", sagte die Frau mit den roten Haaren mit brüchiger Stimme. "Sie..."

"Sie schweigt noch immer?", kam es dumpf unter einer der Kapuzen hervor.

"Ja."

"Dann gibt es nur einen Weg..."

"Ich weiß", murmelte sie und der Klang ihrer Stimme bekam etwas Raubtierhaftes.

"Ein Opfer!", kam es von dem Kuttenträger.

In den dunklen Augen der Frau flackerte es. Dann begannen sie eigentümlich zu leuchten, wie kleine Lampen. Von ihren Pupillen war jetzt mehr zu sehen. Ihre Augenhöhlen waren erfüllt von einem grellen Weiß...

Sie entblößte die Zähne.

"Ja, ein Opfer", bestätigte sie dann flüsternd und der Nachtwind nahm ihre Worte mit sich und trug sie wie eine Drohung über das Land...

 

*

 

Es war das Klatschen von Regentropfen, das mich aus meinem Traum erlöste.

Ich schlug die Augen auf und saß einen Moment später kerzengerade im Bett. Rhymeth - dieser geheimnisvolle Name, der in meinem Traum eine Rolle gespielt hatte, lag mir noch auf der Zunge...

Es war nicht das erste Mal, dass ich von jener rothaarigen Frau träumte, die in einem alten Klostergemäuer in Anwesenheit einer Schar mysteriöser, in Mönchskutten gehüllter Gestalten immer wieder diesen Namen aussprach...

Rhymeth...

Ich stand auf und blickte aus dem Fenster. Mit der linken fuhr ich mir durch das mittellange, brünette Haar und seufzte. Draußen regnete es Bindfäden. Schon seit Tagen war das Wetter selbst für Londoner Verhältnisse miserabel und der Garten von Tante Bells Villa sah entsprechend aus. Tante Bell hieß eigentlich Beverly Maddock und war meine Großtante. Seit dem frühen Tod meiner Eltern lebte ich bei ihr und bewohnte in ihrer großzügigen Villa die obere Etage.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust und rieb mir den Ellbogen. Es war kalt geworden - viel zu kalt für die Jahreszeit.

Mit Schrecken dachte ich daran, dass mich morgen ein anstrengender Tag in der Redaktion des London City Observers erwartete, eine Londoner Boulevard-Zeitung, für die ich als Reporterin arbeitete. Ich machte meine Arbeit gerne und mit vollem Einsatz, nur konnte man in diesem mitunter aufreibenden Job schlaflose Nächte schlecht gebrauchen. Und erst recht galt das, wenn sich so etwas häufte, was bei mir der Fall war...

In den letzten Tagen hatte mich der Traum über die geheimnisvolle Rothaarige mehrmals heimgesucht und jedesmal war ich danach von einer eigentümlichen Unruhe erfasst worden, so dass ich erst am frühen Morgen wieder in den Schlaf gesunken war.

Ein Geräusch aus der unteren Etage ließ mich aufhorchen. Es hatte für einen Moment das Platschen der Regentropfen übertönt. Vermutlich war es Tante Bell, die manchmal nächtelang in ihrer großen Bibliothek saß und in alten Folianten schmökerte.

Ich überlegte kurz und beschloss dann, ihr ein wenig Gesellschaft zu leisten. Im Moment hatte es ohnehin keinen Sinn, wenn ich mich wieder ins Bett legte.

Rhymeth...

Der Name hallte in meinem Inneren wider wie das Echo aus einer anderen Welt, einer anderen Zeit...

Barfuß und im Nachthemd ging ich die Treppe hinunter, die meinen Teil der Villa mit Tante Bells Räumen verband.

Tante Bell war die Frau des ehedem recht berühmten und umstrittenen Archäologen Franklin Maddock, der von seiner letzten Forschungsreise nicht zurückgekehrt und unter mysteriösen Umständen verschollen war. Von ihm stammten die unzähligen archäologischen Fundstücke und Artefakte exotischer Kulte, die aus Tante Bells Villa eine Art Museum machten. Dazu kam noch Beverlys persönliches Interesse an allem, was irgendwie mit unerklärlichen Phänomenen, Okkultismus und übersinnlicher Wahrnehmung zu tun hatte. Sie hatte auf diesem Gebiet ein beachtliches Privatarchiv zusammengetragen, das tausende von Presseartikeln ebenso enthielt, wie wertvolle Exemplare entlegener Schriften. In mühevoller und jahrelanger Kleinarbeit hatte sie diesen Schatz zusammengetragen und so befand sich in ihrer Villa inzwischen sicherlich eine der größten Sammlungen zu diesem Themenbereich, die es in England gab.

Es war ein groteskes Sammelsurium, das mittlerweile fast alle Räume der Villa ausfüllte - mit Ausnahme meiner Etage, die ich daher manchmal scherzhaft, die okkultfreie Zone nannte.

Schon auf dem ersten Treppenabsatz grinste mich das Gesicht eines afrikanischen Totengottes Benin an, der mit seinem teuflischen Zähnefletschen in jede Geisterbahn gepasst hätte.

Ich fand Tante Bell tatsächlich in der Bibliothek. Sie saß in einem großen Ohrensessel und war mit ernstem, leicht angespanntem Gesicht in die Lektüre eines bereits halb zerfallenen und ziemlich staubigen Wälzers vertieft.

Zunächst bemerkte sie mich gar nicht.

Erst das Knarren einer Parkettbohle ließ sie aufschrecken.

"Ach, du bist es, Kind..."

Kind - so nannte sie mich immer noch des öfteren, obwohl ich mit meinen 26 Jahren sicherlich bereits erwachsen war.

Aber sie hatte mich nach dem Tod meiner Eltern wie ihr eigenes Kind aufgezogen und sich an den Gedanken, dass ich erwachsen war, nie so recht gewöhnen können.

Ich fragte: "Störe ich?"

"Nein, natürlich nicht." Ich setzte mich zu ihr und sie klappte ihr Buch zu. "Was ist? Kannst du nicht schlafen?"

"Nein."

Sie sah mich an und nickte dann wissend. Vor ihr konnte kaum etwas verbergen, dazu kannte sie mich einfach zu gut.

"Hast du geträumt?", fragte sie mich.

"Ja."

"Wieder von der rothaarigen Frau in diesen Klostermauern..."

"...und diesem Namen. Rhymeth... Du glaubst auch, dass es einer jener Träume ist, nicht wahr?" Inzwischen hatte ich es als Tatsache akzeptiert, dass ich eine leichte übersinnliche Fähigkeit besaß, die sich vorwiegend in Träumen oder tagtraumartigen Visionen zeigte, in denen sich mir Bruchstücke der Zukunft offenbarten.

Bruchstücke - mehr war es zumeist nicht. Manchmal kaum mehr als eine unterschwellige Ahnung oder rätselhafte Bilder, die ich erst deuten musste.

Als Jugendliche hatte ich den Brand eines Hauses auf diese Weise vorausgesehen. Seitdem war Tante Bell von meiner Gabe felsenfest überzeugt, während ich noch lange sehr skeptisch geblieben war.

Tante Bell seufzte. "Ich habe bereits in meinem Archiv nachzuforschen begonnen, was dieser Name - Rhymeth - bedeuten könnte..."

"Und?"

"Bis jetzt habe ich nichts gefunden. Aber das will noch nichts heißen... Ich brauche etwas mehr Zeit!"

"Ja, sicher."

Ich wusste, dass man sich tagelang in Tante Bells Okkultismus-Archiv verkriechen konnte, um wegen einer bestimmten Sache zu recherchieren. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass meine Großtante selbst bereits etwas den Überblick über die Ausmaße ihrer Sammlung verloren hatte.

Sie sah mich an und versuchte, mich durch ihr Lächeln ein wenig aufzuheitern. "Ich werde es schon herausbekommen, mein Kind. Verlass dich drauf!"

Ich zuckte die Achseln. "Vermutlich hat dieser Traum gar nicht die Bedeutung, die ich ihm zumesse!", erklärte ich dann.

Aber Tante Bell schüttelte entschieden den Kopf. "Versuch gar nicht erst, dir so einen Unsinn einzureden, Jenni! Es ist wichtig und du weißt es..."

 

*

 

Als ich am nächsten Morgen das Großraumbüro der Redaktion des London City Observers betrat, konnte ich nur mit Mühe ein Gähnen unterdrücken. Ich ging geradewegs auf meinen Schreibtisch zu und setzte mich auf den vertrauten Drehstuhl, da fiel mein Blick auf den Zettel, den jemand dort für mich hingelegt hatte.

Es standen nur zwei Worte darauf.

ZUM CHEF!

Ich atmete tief durch.

Das hatte mir jetzt noch gefehlt! Ich stand also wieder auf und ging geradewegs auf das Büro des Chefredakteurs Martin T. Stone zu. Als ich eintrat sah ich Stone hinter seinem Schreibtisch sitzen und zu mir aufblicken.

"Guten Morgen, Jennifer. Schön, dass Sie endlich da sind, dann können wir anfangen!"

Für seine mitunter cholerische Art war Stone berüchtigt.

Für ihn war es mehr, als nur irgendein Job, die Leitung des London City Observers innezuhaben. Stone lebte für diese Aufgabe. Er setzte sich mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft dafür ein, dass der Observer sich am Markt behauptete und verlangte von jedem seiner Mitarbeiter dasselbe.

Zunächst war er mir gegenüber sehr skeptisch gewesen, aber inzwischen hatte ich mir seinen Respekt verdient. Und darauf konnte man sich durchaus etwas einbilden.

"Hallo, Jenni!", kam es dann aus einer anderen Richtung.

Ich drehte mich halb herum und sah einen Mann in meinem Alter, blond und in zerschlissenen Jeans. Er hatte sich in einen der dicken Ledersessel geflezt, die in Stones Büro herumstanden. Das Haar war ein bißchen zu lang und hatte sicher seit geraumer Zeit keinen Frisör mehr gesehen. Und das Revers seines Jacketts hatte stark unter den Riemen der Kameras gelitten, die er um den Hals zu tragen pflegte.

"Jim!", begrüßte ich ihn und er zwinkerte mir schelmisch zu.

Jim Shelby war Photograph beim Observer und es kam ziemlich häufig vor, dass wir beide zusammen an einer Story arbeiteten.

"Ich darf jetzt wohl bitten", brummte Stone indessen etwas ärgerlich. "Kommen wir zur Sache!"

Zu den zahlreichen Dingen, die er hasste, gehörte auch die Verschwendung von Zeit.

Ich wartete nicht ab, bis Stone mir einen Platz anbot, denn ich war mir sicher, dass er das kaum tun würde.

"Ich nehme an, es gibt Arbeit", meinte ich dann und versuchte, ein einigermaßen gutgelauntes Gesicht aufzusetzen und meine Müdigkeit so wirksam wie möglich zu verbergen.

Stone nickte.

"Ist Ihnen der Name Hal Morgan ein Begriff?"

Ich überlegte kurz und meinte dann: "Meinen Sie den Hal Morgan?" Prominente gehörten zu unserem Geschäft und daher war mir der Name vertraut. Es gab da nämlich einen ehemaligen TV-Moderator, der nacheinander mehrere Spielshows geleitet hatte mit diesem Namen. Vor ein paar Jahren noch war er sehr populär gewesen. Jetzt war sein Name beim breiten Publikum kaum noch bekannt. Nur ab und an gab es ein paar Zeilen über ihn in den Klatschspalten der Regenbogenpresse. Morgan war auf dem Gipfel seines Erfolges aus dem Showbusiness ausgestiegen und hatte sich der Esoterik zugewandt. Gerüchteweise hatte er sich entweder einer obskuren Sekte angeschlossen oder genoss sein Leben zurückgezogen irgendwo in Spanien oder Nordafrika.

Martin T. Stone nickte langsam.

"Ja, der Hal Morgan", bestätigte er dann. "Es ist schon traurig. Vor drei Jahren hätten Sie mich das vermutlich nicht gefragt. Da war er noch populärer als manches Mitglied des Königshauses. So schnell kann das gehen..."

"Was ist mit Morgan? Will er zurück auf die Showbühne?", fragte ich.

"Nein. Er ist letzte Nacht in Birmingham ermordet worden."

"Was?"

"Der Tatort liegt ganz in der Nähe der St. Philip's Cathedral. Die Meldung kam vor einer Viertelstunde über die Ticker. Genaueres ist noch nicht bekannt... Ich möchte Sie und Jim bitten, sofort nach Birmingham zu fahren, um mehr über die Sache zu erfahren..."

Ich nickte nachdenklich.

Es war schon eine traurige Sache. Hal Morgan würde noch einmal ins Licht der großen Öffentlichkeit zurückkehren - durch seinen Tod.

 

*

 

Mit meinem roten, etwas altertümlichen Mercedes, der ein Geschenk von Tante Bell war, brauchten wir etwa zweieinhalb Stunden bis Birmingham.

"Was ist los mit dir, Jenni?", fragte mich Jim unterwegs.

"Was soll schon los sein?"

"Du bist so schweigsam und..."

"Es ist nichts. Nichts, außer vielleicht der Tatsache, dass ich ziemlich müde bin!"

"Die Ringe unter deinen Augen sind unübersehbar!", flachste er, was natürlich nicht ernst gemeint war.

"Und ich dachte, ich hätte sie gut weggeschminkt!", gab ich zurück.

"Ganz im Ernst, Jennifer!", meinte er dann. "Du weißt, dass du mit mir darüber reden kannst, wenn dich irgend etwas bedrückt, nicht wahr?"

"Ja", sagte ich, aber mit der Sache, die mir im Kopf herumging konnte ich nicht zu ihm kommen, mochte Jim auch noch so ein netter Kerl sein. Wir waren gute Kollegen. Ein eingespieltes Team, was den Job anging und ansonsten nicht mehr als Freunde.

Jim hätte zwar wohl nichts dagegen gehabt, wenn sich mehr daraus entwickelt hätte, aber privat war Jim mit seiner unkonventionellen Art einfach nicht der Mann, den ich mir in einsamen Stunden an meiner Seite wünschte.

Noch immer beschäftigte mich der Traum, den ich gehabt hatte. Das Gesicht der rothaarigen Frau stand mir so deutlich vor Augen wie das Gesicht eines wirklich existierenden Menschen. Schon das war für mich inzwischen ein Indiz dafür, dass dieser Traum mit meiner Gabe zu tun hatte. Oft genug hatte ich es schon erlebt, dass diese Visionen mir tatsächlich etwas über die Zukunft zeigten - oder über Geschehnisse, die sich an weit entfernten Orten abspielten. Dinge, über die normalerweise kein Mensch etwas wissen konnte, wenn man nach den engen Grenzen der Schulwissenschaft ging. Aber inzwischen hatte ich längst akzeptiert, dass es genug Phänomene gab, die man nicht auf eine Weise erklären konnte, von der die meisten Menschen sagen, sie sei "natürlich".

Die Frage, was mein Traum zu bedeuten haben konnte, nagte in mir. Dass er etwas bedeuten musste, stand für mich fest.

"Du kannst mir nichts vormachen", hörte ich Jim sagen.

"Lassen wir das, Jim. Okay?"

Er zuckte die Schultern.

"Wie du meinst."

Wir erreichten das Zentrum von Birmingham. Bei einem Schnellimbiss hielten wir kurz an, um etwas zu essen. Dann ging es weiter durch das enge, unübersichtliche Straßenlabyrinth hindurch. Von der New Street bogen wir ab und fuhren die Temple Street entlang, an deren Ende bereits die Grünanlagen zu sehen waren, die die St. Philip's Cathedral umgaben.

Dies war der Tatort.

Ich stellte den Mercedes an der Straßenseite ab und dann stiegen wir aus.

Das graue Gemäuer der Kathedrale wirkte düster. Drohend ragte es hinter den Sträuchern und Bäumen empor. Jim hatte seine Kamera bereits ausgepackt und machte ein paar Bilder.

"Keine gewöhnliche Kulisse für einen Mord", meinte er dazu.

Es hatte wohl witzig klingen sollen, aber ich konnte nicht darüber lachen.

Schmale Wege, die mit Naturstein gepflastert waren, zogen sich durch die Grünanlagen.

Wir machten uns auf den Weg und sahen uns etwas um. Als wir in den Schatten der Kathedrale traten, überzog mich eine Gänsehaut. Es war kühl hier.

"Vielleicht wäre es doch besser gewesen, erst mit der Polizei zu sprechen!", meinte Jim, während er mit skeptischer Miene den Blick kreisen ließ.

"Nein, es ist besser, wenn wir uns erst selbst ein Bild machen. Zur Polizei können wir immer noch..."

Ein Gefühl des Unbehagens machte sich mehr und mehr in mir breit. Ein Unbehagen, für das ich keinerlei konkrete Erklärung hatte...

Und dann sahen wir unweit des grauen Gemäuers die Kreidezeichnung...

Dort hatte offenbar die Leiche gelegen. Die Spurensicherung war wohl schon fertig mit ihrer Arbeit, sonst wäre der Tatort besser abgesichert gewesen.

Ich atmete tief durch.

Inzwischen hatte ich ja ein bisschen Erfahrung in solchen Dingen, schließlich war dies keineswegs der erste Mordfall, über den ich berichtete. Spurensicherer der Kriminalpolizei waren äußerst pingelige Leute, die einen Tatort oft stundenlang nach den kleinsten Hinweisen absuchten. Die Tatsache, dass sie bereits fertig waren, hieß entweder, dass kaum etwas zu finden war, oder dass es eine so heiße Spur gab, dass man bereits in eine ganz bestimmte Richtung ermittelte...

"Warum gerade hier - bei der Kathedrale?", fragte Jim kopfschüttelnd.

Ich zuckte die Achseln. "Das würde ich auch gerne wissen..."

"Ich gehe eben noch auf die andere Seite der Kathedrale, um auch Bilder von dort zu machen. Ich hoffe, dass das Licht da besser ist..."

"Gut. Ich werde mich hier noch etwas umsehen", erwiderte ich.

"Also, bis gleich!", hörte ich Jim noch sagen, dann ging er davon. Mein Blick war auf die Stelle gerichtet, an dem der tote Hal Morgan offenbar gelegen hatte. Auf den Stein war ein großer dunkler Fleck. Blut.

Ich ließ den Blick noch etwas schweifen und suchte nach irgend welchen Hinweisen. Aber sofern es die gegeben hatte, waren sie vermutlich längst von der Polizei entdeckt worden.

Andererseits konnte man sich manchmal wundern, was alles an Tatorten übersehen wurde...

Eine ganze Weile stand ich so da. Immer wieder kehrten meine Gedanken dabei zu dem Traum zurück, der mich seit einiger Zeit plagte.

Ich versuchte, die Bilder jenes finsteren Klostergemäuers aus meinem Bewusstsein zu verjagen, aber Gespenstern gleich kehrten sie immer wieder.

Vielleicht lag es an den massiven Mauern der Kathedrale, die mich irgendwie an jenen Ort erinnerten, der in meinem Traum eine Rolle gespielt hatte.

Schritte ließen mich aufhorchen.

Im ersten Moment dachte ich, dass es Jim wäre, aber das stellte sich als Irrtum heraus.

In einer Entfernung von kaum einem Dutzend Schritten sah ich die hoch aufragende Gestalt eines Mönchs und erschrak unwillkürlich.

Der Mönch war angehalten.

Er stand da, schien mich anzublicken, aber von dem Gesicht, dass sich irgendwo unter seiner Kapuze befinden musste, konnte ich nicht das geringste sehen.

Nur Schwärze war dort.

Nichts, als namenlose Finsternis.

Ich dachte an die düsteren Gestalten in meinem Traum, schalt mich aber schon im nächsten Moment eine Närrin. Was war schon ungewöhnlich an einem Mönch, der sich in der Nähe einer Kathedrale aufhielt?

Der Mönch kam auf mich zu und ich versuchte, doch noch etwas von seinem Gesicht zu erkennen. Ohne Erfolg.

Ich wich etwas zurück und schluckte. Der Puls schlug mir bis zum Hals. Kalte Angst hatte mich ergriffen.

Dann sah ich das hölzerne Amulett, das ihm an einer Kette anstelle eines Kreuzes um den Hals hing...

Es war ein Oval, das mit einem charakteristischen Muster aus weiteren Ovalen und Kreisen verziert war, die in das Holz eingebrannt waren.

Ich war mir sicher, genau jenes Zeichen auch in meinem Traum gesehen zu haben.

Wie angewurzelt stand ich jetzt da, unfähig mich zu rühren.

Der Mönch ging an mir vorbei. Eine Aura von Kälte schien ihn zu umgeben und ließ mich frösteln. Er wandte den Kopf in meine Richtung, aber der düstere Schatten seiner Kapuze schien undurchdringlich zu sein.

Dann wandte er sich dem Tatort zu. Er kniete kurz nieder und beugte sich über die Kreidezeichnung und den Blutfleck.

"Wer sind Sie?", fragte ich.

Dieser Mönch hatte etwas mit meinem Traum zu tun und deswegen musste ich es wissen. Vielleicht konnte ich so der Lösung dieses Rätsels etwas näher kommen...

Der Mönch wandte nur kurz den Kopf zu mir herüber.

Dann erhob er sich wieder und ging davon, ohne mich zur Kenntnis zu nehmen.

"Warten Sie!", rief ich.

Ich folgte ihm, bis er um die nächste Ecke bog.

Die Sonne schien mir grell ins Gesicht und der geisterhafte Mönch schien wie vom Erdboden verschluckt zu sein.

Verzweifelt ließ ich den Blick umherschweifen, aber es war nirgends eine Spur von ihm zu entdecken. Auf der einen Seite waren niedrige Sträucher und hohe Bäume, durch die man gut hindurchblicken konnte. Auf der anderen Seite war die undurchdringliche Steinwand der Kathedrale.

Es ist unmöglich!, ging es mir durch den Kopf.

Ich musste unwillkürlich schlucken.

In was für eine mysteriöse Geschichte war ich da nur hineingeraten?

"Heh, Jennifer!", drang Jims Stimme in mein Bewusstsein.

Ich drehte mich herum.

Jim kam auf mich zu. Auf seiner Stirn bildeten sich Falten, als er mir ins Gesicht sah.

"Was ist los?", fragte er mich. "Du siehst ganz verstört aus!"

"Sag mal, ist dir hier ein Mönch begegnet?"

"Was für ein Mönch?"

"Du müsstest ihm eigentlich begegnet sein! Er kam nämlich aus der Richtung, in die du gegangen bist!"

Jim Shelby schüttelte entschieden den Kopf. "Ich habe niemanden gesehen!", erklärte er und sah mich etwas befremdet an.

 

*

 

"Heh, Sie!"

Die befehlsgewohnte Stimme war heiser und ziemlich barsch.

Jim und ich drehten uns beinahe im selben Moment herum und erblickten einen breitschultrigen, etwas untersetzten Mann Mitte fünfzig, der seine Hände in den Taschen seines etwas abgetragenen Tweed-Jacketts vergraben hatte. Er trug eine Schiebermütze und hatte eine breite Nase.

Mit zögernden Schritten bewegte er sich auf uns zu.

"Sprechen Sie mit uns?", fragte Jim überflüssigerweise, denn außer uns war niemand da.

"Mit wem wohl sonst!", schimpfte der Mann mit der Schiebermütze. Er unterzog uns einer kritischen Musterung und verzog dabei das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.

Sein Blick fiel schließlich auf Jims Kamera.

"Presse?", fragte er knapp.

"Sie haben es erraten", erwiderte ich so freundlich wie möglich und reichte ihm die Hand. "Jennifer Barlow, London City Observer. Und dies ist mein Kollege, Mr. Shelby..."

Der Mann starrte einen Moment auf meine Hand, ergriff sie aber nicht, so dass ich sie schließlich wieder zurückzog. Ich kam mir ziemlich lächerlich vor. Die Höflichkeit schien dieser Kerl nicht gerade erfunden zu haben.

Er deutete auf die Kreidezeichnung.

"Sie sind deswegen hier, nicht wahr?"

"Darf ich fragen, wer Sie sind, Sir?", gab ich zurück.

"Ich bin Miles, und arbeite hier als Küster. 'Ne Menge Arbeit, alles hier in Ordnung zu halten. Die Grünanlagen und so. Naja, ich habe ja noch ein paar Leute, die mir helfen..."

Er schien auf irgend etwas herumzukauen. Kaugummi, so schätzte ich. Jedenfalls sprach er dadurch ziemlich undeutlich.

"Was wissen Sie über den Mord an Mr. Morgan?"

"Habe ich alles schon der Polizei gesagt."

"Wie wär's, wenn Sie es uns dann nochmal erzählen?"

Er schien einen Moment darüber nachzudenken, dann meinte er mit wichtigtuerischer Miene: "Warum eigentlich nicht?"

"Und?"

Er kam etwas näher und meinte dann: "Ich habe den Mörder gesehen."

"Was?"

"Ja. Wissen Sie, ich habe meine Wohnung da drüben!" Er deutete mit dem Finger auf einen Bungalow, der in den Grünanlagen lag. Es war ein Flachdachbau, dessen Architektur so gar nicht zu dem alten Gemäuer der Kathedrale passen wollte. Zum Glück war er durch zahlreiche Sträucher fast verdeckt. "Es ist eine Dienstwohnung, die die Kirche gestellt hat. Schließlich kann ja immer mal etwas sein, deswegen haben die es gerne, wenn der Küster in der Nähe wohnt..."

"Weiter!", forderte ich vielleicht ein Spur zu ungeduldig, denn mein Gegenüber schien das Interesse regelrecht zu genießen, dass er nun auf sich gezogen hatte.

"Also. Es war schon nach Mitternacht. Ich konnte schlecht schlafen und war deswegen noch wach. Da hörte ich einen Schrei."

"Sie sind sofort nach draußen gelaufen?"

"Ja. Und da habe ich ihn gesehen. Der Kerl beugte sich gerade über das Opfer, dem er wohl gerade sein Messer in den Leib gerammt hatte."

"Konnten Sie das Gesicht des Täters erkennen?"

"Er war dunkelhaarig. Anfang bis Mitte vierzig, so würde ich ihn schätzen, gut gekleidet und... Ach, am besten Sie holen sich bei der Polizei das Phantombild, das die nach meinen Angaben von ihm angefertigt haben."

"Es war dunkle Nacht", gab ich zu bedenken. "Wie konnten Sie ihn so genau erkennen?"

Miles verzog das Gesicht.

"Sie glauben mir nicht, was?" Er hustete. "Sie denken, ich erzähle Ihnen Unsinn und will mich nur wichtig tun!"

Jetzt meldete sich Jim zu Wort und sagte: "Sie wären nicht der Erste, der alles mögliche erzählt, nur um in die Zeitung zu kommen!"

Miles warf ihm daraufhin einen ziemlich bösen Blick zu.

"Was ich sage ist wahr! Ich habe ihn erkannt! Sehen Sie die Laternen dort! Die Anlage hier ist nachts ziemlich gut beleuchtet und deswegen habe ich das Gesicht des Killers genau erkennen können!"

Sein Gesicht war bei den letzten Worten rot angelaufen.

Ich nickte ihm zu.

"Schon gut", sagte ich, um ihn etwas zu beruhigen. "Was ist dann geschehen?"

"Der Kerl ist aufgestanden und hat zu mir hinübergeblickt. Das war schon ein komisches Gefühl, sage ich Ihnen..."

"Was?"

"So einem Kerl in die Augen zu sehen. Ich hatte richtig Angst. Und dann kam meine Frau noch dazu, die den Krach wohl auch gehört hatte... Einen Moment lang starrte der Killer mich an. Dann verschwand er in der Nacht..."

 

*

 

Der Inspektor, an den wir bei der Kriminalpolizei gerieten hieß Bolder und empfing uns mit einem triumphierenden Lächeln.

"Jennifer Barlow?", fragte er zurück, nachdem wir uns vorgestellt hatten. "Ihr Name ist mir schon begegnet. Kann es sein, dass von Ihnen schonmal was in der Birmingham Post stand?"

"Durchaus", erwiderte ich. "Der London City Observer und die Birmingham Post gehören zum selben Verlag und da ist es an der Tagesordnung, dass Beiträge übernommen werden..."

Der Inspektor kam hinter seinem Schreibtisch hervor und meinte dann: "Ihr Spezialgebiet scheinen mysteriöse Vorfälle zu sein..."

"Das ist richtig."

"Nun, dann ist das hier eigentlich gar nicht die richtige Story für Sie!"

Ich hob erstaunt die Augenbrauen. "Ach, nein?"

"Wir haben eine sehr präzise Täterbeschreibung und es ist nur eine Frage der Zeit, wann unsere Fahndung nach dem Mann Erfolg haben wird..."

"Und das Motiv?"

"Wird sich dann herausstellen", war der Inspektor überzeugt. Er ging an eine der Stahlschränke, in denen hunderte von Hängeordnern untergebracht waren und griff eine ganz bestimmte Akte heraus. "Auch sonst geht alles mit rechten Dingen zu. Hal Morgan starb durch einen Messerstich. Er hatte keine Brieftasche bei sich, was wohl auf einen ganz ordinären Raubmord hinweist... Schon traurig, dass man heutzutage nicht einmal mehr im Schatten einer Kathedrale davor sicher ist, dass man ausgeraubt wird..."

Ich mochte die Art und Weise nicht, in der dieser Kriminalbeamte den Fall behandelte. Er war sich für meinen Geschmack zu schnell zu sicher.

Bolder setzte sich halb auf den Schreibtisch und legte die Mappe neben sich. Er klappte sie auf und nahm ein großformatiges Bild heraus. Es war ein Foto vom Tatort und Bolder reichte es mir.

Hal Morgan lag ausgestreckt auf dem Boden.

Um den Hals trug er ein ovales Amulett von derselben Art, wie ich es bei dem geisterhaften Mönch gesehen hatte.

"Das kann ich Ihnen natürlich nicht zum Abdruck überlassen!", erklärte er.

"Ein solches Foto würden wir auch nicht drucken!"

Bolder zuckte die Achseln.

"Das ehrt Sie, Miss Barlow. Aber die Mehrzahl Ihrer Kollegen hätte da wohl weniger Skrupel..."

Dann erläuterte Bolder mir die Einzelheiten. Ich hörte kaum hin. Als der Inspektor geendet hatte, deutete ich auf das Amulett. "Was ist das?"

"Keine Ahnung. Schmuck, nehme ich an."

"Haben Sie ein Photo, auf dem man es erkennen kann?"

Bolder grinste breit und ging dann um seinen Schreibtisch herum, um die Schublade herauszuziehen. "Ich habe sogar das Original hier!", erklärte er dann und zog das Amulett hervor.

Er ließ es an der Kette hin und her baumeln.

"Ich brauche ein Bild von dem Ding!", sagte ich an Jim gewandt, der mich verständnislos ansah.

"Meinst du, das das irgend eine Bedeutung hat, Jenni?"

"Ja."

Er zuckte die Achseln.

"Wie du meinst!"

Bolder reichte mir das Amulett und ich fuhr mit den Fingern über die eingebrannten Ovale und Kreise. Mir schauderte.

Immerhin hatte sich nun ein Element aus meinem Traum in der Wirklichkeit manifestiert. Und das bedeutete, dass ich auf der Hut sein musste.

Ich reichte das Amulett an Jim weiter und warf dann einen Blick in die offene Mappe, in dem auch ein Protokoll vom Tatort lag. Ich überflog den Bericht, den Bolder verfasst hatte. Der Inspektor schien nichts dagegen zu haben. Demnach hatte Morgan in einem Hotel übernachtet und war am Tag zuvor erst mit einem Flieger aus Spanien in England eingetroffen.

Zumindest hatte man die entsprechenden Tickets unter seinen Sachen gefunden.

"Einen Rückflug hatte er nicht gebucht?", fragte ich Bolder.

Dieser schüttelte den Kopf.

"Nicht, dass wir wüssten. Das Phantombild wird Sie sicher interessieren. Ich habe nicht nur nichts dagegen, wenn Sie das Bild veröffentlichen, sondern möchte Sie sogar darum bitten. Wir kennen nämlich die Identität dieses Mannes bisher nicht."

Er reichte mir einen Abzug, den er unter einem Stapel von Protokollen hervorkramen musste.

Ich starrte das Bild an und glaubte, meinen Augen nicht zu trauen. Den Mann auf dem Foto kannte ich. Die Ähnlichkeit war einfach zu frappierend, als dass es ein Zufall sein konnte...

Ich schluckte und bemerkte kaum, dass Jim von hinten an mich herantrat und mir über die Schulter sah...

"Aber das ist...", begann er zu murmeln und ich konnte ihn gerade noch rechtzeitig unterbrechen.

"Ich danke Ihnen sehr für Ihr Entgegenkommen, Inspektor!"

"Nichts zu danken", erwiderte Inspektor Bolder. "Auf gewisse Weise helfen Sie uns ja ab und zu auch." Und dann versuchte er, seinen gesamten Charme in das Timbre seiner Stimme zu legen, als er fortfuhr: "Möglicherweise laufen wir uns ja in Zukunft öfter über den Weg..."

Mein Lächeln wirkte vermutlich etwas gezwungen.

"Ja", murmelte ich. "Vielleicht... Glauben Sie, Sie werden den Mann finden?"

"Sofern er noch in Großbritannien ist, ja. In den nächsten Tagen wird sein Phantombild in allen Zeitungen und im Fernsehen zu sehen sein - und mit Sicherheit wird sich dann auch jemand melden, der weiß, wer er ist!"

Ich atmete tief durch.

Dann steckte ich das Bild in meine Handtasche.

Jim sah mich dabei nachdenklich an. In seinen Zügen stand völlige Verständnislosigkeit. Er öffnete halb die Lippen, aber bevor er auch nur einen Laut herausgebracht hatte, sagte ich: "Komm, Jim! Wir haben zu tun!"

Als wir wenig später schweigend die langen Korridore des Polizeipräsidiums von Birmingham entlanggingen, hatte ich Mühe, die Tränen zurückzuhalten.

Der Anblick des Phantombildes war für mich wie ein Stich ins Herz gewesen.

Ich konnte es kaum glauben.

Der mutmaßliche Mörder, dessen Gesicht ab morgen die Titelseiten vieler Zeitungen beherrschen würde, war ein Mann, für den ich nach wie vor tiefe Liebe und Zuneigung ...

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