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Liebe auf den zweiten Blick

Informationen zum Buch

Liebe, Strand und mehr

Etwas hat Annika niemals werden wollen: eine alleinerziehende Mutter. Nachdem Pascal sie verlassen hat, kehrt sie mit ihrem Sohn Mattis aus Frankreich nach Deutschland zurück. Erschöpft von der Trennung macht sie Urlaub auf Sylt – ausgerechnet in einem Mutter-Kind-Heim. Mattis fühlt sich wohl, aber Annika ist einsam. Bis Hans auftaucht. Er ist charmant, hilfsbereit, und Annika verliebt sich in ihn, doch aus Angst, dass sie ihn verschrecken könnte, verschweigt sie, dass sie einen Sohn hat. Immer schwieriger wird es, ihr Geheimnis zu bewahren. Bis sie entdeckt, dass auch Hans nicht mit offenen Karten spielt.

Eine romantische Liebesgeschichte auf Sylt.

Kapitel eins

Immer grüner und immer flacher wurden die Wiesen und Weiden, die die Bahnlinie zwischen Bremen und Hamburg durchschnitt. Wenn man zwischen den Böschungen und Wäldchen einen Blick in die Weite zu werfen vermochte, konnte man wirklich weit sehen. Bedrohliches Dunkelgrau ballte sich über dem Horizont zusammen, vor allem im Norden, oder dort, wo Annika den Norden vermutete. Ihr Orientierungssinn war allerdings nicht besonders gut ausgeprägt. Sie wandte sich um und sah über den dunklen Schopf ihres Sohnes hinweg auf der anderen Seite des Zuges aus dem Fenster: grün, grün, grün, so weit das Auge reichte. Nur hier ohne düstere Wolkengebilde.

Sie strich Mattis über den Kopf. »Alles gut, mon petit?«

Mattis nickte. Er hatte nicht am Fenster sitzen wollen, weil er dann nur zu einer Seite hätte hinausgucken können, hatte er in Münster entschieden, als der ICE endlich mit nur sieben Minuten Verspätung in den Bahnhof gerollt war. Tatsächlich saß er seit nun schon fast zwei Stunden still und brav auf seinem Platz und schaute abwechselnd rechts und links auf die vorbeiziehende norddeutsche Tiefebene. Er stellte keine Fragen, er wollte nicht beschäftigt werden. Nicht mal seine Pixibücher wollte er anschauen, und er erhob auch keine Ansprüche darauf, vorgelesen zu bekommen. Er hatte kein Nintendo-Spiel und natürlich auch noch kein Handy. Mattis war fünf! Aber viele andere Kinder aus der Kita hatten sowohl Handy als auch Nintendo und wer weiß, was noch alles. Mattis war ein super Kind. Er las gern, konnte sich ziemlich lange allein beschäftigen und war trotzdem kein notorischer Einzelgänger. Nur wilde Spiele machten ihm Angst. Lieber saß er mit seinem Freund Pedro zusammen und spielte mit der Eisenbahn oder mit dessen Carrera-Bahn. Oder sie klebten Fußballbilder in Alben oder malten stundenlang Gutscheine, mit denen sie dann irgendwelche Alltagsszenen nachstellten. Mattis schlief sogar meist lange genug, sodass Annika ausschlafen konnte, wenn sie nicht zu spät ins Bett ging. Nur die Trennung von Pascal hatte er noch nicht verkraftet. Täglich fragte er nach ihm, obwohl er ihn doch früher auch nicht täglich gesehen hatte. Trotzdem konnte man es sich als alleinerziehende Mutter besser kaum vorstellen. Besser wäre es nur gewesen, wenn ihre Ehe gar nicht gescheitert wäre.

Der Gedanke an Pascal versetzte ihr noch immer einen Stich. Sofort sah sie ihn wieder vor sich, am liebsten so wie damals, als sie sich kennengelernt hatten an der Uni. Er, der frisch angekommene, niedliche Franzose mit den holprigen Deutschkenntnissen, und sie mit ihren Freundinnen, die sich immer in einer Arbeitsgruppe trafen, um sich kichernd über ›ihre kleinen Franzosen‹ auszutauschen. Tandem-Unterricht nannte man das: Franzosen, die Germanistik, und Deutsche, die Romanistik studierten, wurden in gemeinsame Kurse gepackt und aufeinander losgelassen. Das Ergebnis: allein in ihrem Bekanntenkreis drei deutsch-französische Ehen. Und bisher war nur ihre, Annikas, nach nur fünf Jahren im letzten Herbst gescheitert.

Und darum saß sie nun hier im Zug von Münster nach Sylt, unterwegs zu einer Mutter-Kind-Erholungskur mit dem Müttergenesungswerk, statt mit ihrem Mann in Palavas-les-Flots oder in den Cevennen Ferien zu machen, mit ihm in Montpellier oder Paris zu leben oder sonst wo in der Welt herumzureisen, wie sie es sich immer gewünscht hatte. Ausgebrannt und zu müde für ihre einunddreißig Jahre, hatte ihre Hausärztin befunden, und die Erholungsreise medizinisch befürwortet. Nicht krank, aber deprimiert und wütend, mutlos und wild entschlossen zu allem und nichts – so empfand Annika sich selbst, darum hatte sie den Antrag bei der Krankenkasse dann auch wirklich gestellt. Obwohl sie eigentlich keine Lust hatte auf andere Mütter und deren gestörte Kinder in einem drittklassigen Erholungsheim an der windigen Nordsee. Und an alledem war nur Pascal Schuld.

Pascal war nach einem Semester zurück nach Montpellier gegangen, um sich von nun an nur noch seiner Musik zu widmen. Eigentlich hatte er Lehrer werden sollen, aber die Lehrerausbildung war in Frankreich so sehr stark reglementiert, dass er mit seinem Hang zur Träumerei bald die Regeln gesprengt hatte. Das Auslandssemester in Deutschland hatte daran auch nichts retten können. Er war einfach kein Pädagoge, noch viel weniger ein Wissenschaftler. Er wurde auch kein Kulturwissenschaftler, er war ein Künstler. Er schrieb wunderschöne Gedichte, auf Französisch und bald auch auf Deutsch, er verfasste Songtexte, Balladen, witzige, traurige und freche Lieder. Er hatte eine tolle Stimme und kannte sich bestens aus in der deutschen Poesie. Mit seiner Klampfe spielte er alle Hits der politischen Liedermacherszene der 1980er und 1990er Jahre. Statt seine Pflichtkurse in der Literatur des Mittelalters oder Linguistik zu besuchen, nahm er Gesangsunterricht und übte stundenlang Gitarre. Schon immer hatte er eigentlich nur Musik machen wollen, sich nur nicht getraut, daraus einen Beruf zu machen. Das Studium hatte er nur seiner Eltern zuliebe begonnen. Als sie dahinterkamen, dass er sein Studium abgebrochen hatte und Musiker werden wollte, drehten sie ihm den Geldhahn zu. Er gab sein Appartement in Montpellier auf und zog in die alte Farm seiner Großeltern in den Cevennen, die seine Eltern später einmal als Ferienhaus ausbauen wollten. Verbissen übte er Gitarre und schrieb viele gute Songs. Schließlich gründete er mit ein paar Freunden eine Band, die bald in den Städtchen der Umgebung ganz gut ankam.

Annika war noch ein paar Semester in Münster geblieben, sie telefonierten viel, skypten und schrieben sich lange E-Mails. Dann besuchte sie ihn immer öfter in Frankreich und fuhr schließlich die ganzen Semesterferien über hin. Annika reiste für ihr Leben gern, am liebsten nach Frankreich. Sie liebte es, sich früh am Morgen in Münster in den Zug zu setzen und über Köln nach Paris zu fahren, dort mit der Metro vom Gare du Nord zum Gare Montparnasse zu wechseln, unterwegs in einem kleinen Bistro einen ersten französischen Café zu trinken oder ein kleines Business-Lunch einzunehmen, an einem einzelnen Tisch, an dem man wie die anderen Pariser rasch eine Plat du jour verspeiste und dazu ein Vichy Wasser trank oder auch ein kleines Glas Rosé – das allein war schon eine Reise wert. Dann stieg sie in den TGV und war am frühen Abend in Nîmes, wo Pascal sie mit seinem alten deutschen VW-Bus am Bahnhof erwartete und auf die Farm fuhr. Immer weniger wichtig schien ihr das trockene Romanistik-Studium. Auch sie konnte sich nicht vorstellen, Französischlehrerin zu werden, wozu also den Masterabschluss machen? Sie schaute sich in Uzès, der nächstgrößeren Stadt, nach Jobs um – es gab durchaus Möglichkeiten. Sie hätte gleich bei einem Bäcker anfangen und Baguettes verkaufen können. Auch Kindermädchen wurden immer gesucht, und sicher gab es im Sommer gute Jobs in den Hotels und in der Gastronomie. Sie würden auch von den Erträgen ihres Gartens leben können. Es gab riesige Feigenbäume auf der Farm, sogar ein paar alte Olivenbäume, und im Wald wuchsen jede Menge Blaubeeren, nach denen man sich nur bücken musste. Sie würden Gemüse anbauen und vielleicht sogar ein paar Tiere haben. Und dann war da ja auch noch Pascals Band.

»Du kannst auch Übersetzungen machen«, hatte Pascal optimistisch gemeint. Und sie hatten gleich angefangen, all seine Songtexte ins Deutsche zu übersetzen. Zusammen hatten sie nächtelang darüber gebrütet und viel dabei gelernt. Pascal sprach zwar eigentlich ganz gut deutsch, und er hatte – außer wenn er deutsche Lieder sang – immer diesen zauberhaften französischen Akzent, so dass Annika sich schon deshalb immer wieder aufs Neue in ihn verliebte. Ihr Französisch dagegen war ganz akzentfrei. Und das sagte nicht nur Pascal. Die Sprache lag ihr einfach, sie klang ihr wie Musik in ihren Ohren, und sie sang sie nach wie ein Kinderlied. Sie konnte schon immer gut andere nachmachen und überall mitsingen.

So zog Annika also zu Pascal auf die Farm. Sie hatte sich an der Uni in Münster exmatrikuliert und damit erst mal alle Brücken hinter sich abgebrochen. Sie könnte später einmal wieder einsteigen und ihren Abschluss nachholen, erklärte sie ihrer Mutter, die sich furchtbar aufregte und sich große Sorgen um ihre Zukunft machte. Aber die vergaß sie bald, als sie hörte, dass Pascal und Annika heiraten würden.

»Mein Kind heiratet«, hatte ihre Mutter begeistert ausgerufen. »Meine kleine Anni … aber warum musst du dafür so weit weggehen? Und wovon wollt ihr leben?«

Letzteres fragten auch Pascals Eltern ständig. Annika und Pascal hatten jedoch nicht nur heiraten gewollt, sondern heiraten »gemusst« – wie man es früher genannt hätte. Als sie dies ihren Eltern endlich mitteilten, verstummten die Vorwürfe eine Zeitlang. Pascals Eltern waren vollkommen überrumpelt. Und Annikas Mutter hatte nur gesagt, dass sie ihr dabei dann aber nicht helfen könne. Aber das hatte Annika auch gar nicht gewünscht.

Die Hochzeit fand still und leise auf dem Standesamt in Nîmes statt. Keine große Feier mit Champagner, Festessen und vielen Gästen, keine Fotos in den Jardins de la Fontaine, wo wie am Fließband samstags die Hochzeitspaare für die Fotografen posierten. Keine Hochzeitsreise in die Karibik, keine Flitterwochen. Sie waren einfach zurück in die Cevennen gefahren und hatten versucht, sich vorzustellen, wie es sein würde, hier demnächst zu dritt zu leben.

Die folgende Zeit war Annikas glücklichste gewesen. Glücklicher war sie natürlich noch über die Ankunft von Mattis, aber das erlebt man als Mutter ja meist noch etwas anders. Es ist ein tieferes Glück, ein Kind zu bekommen, ein Glück, das gemischt ist mit Angst und Schmerzen, geprägt von dem unvorstellbaren Wunder der Geburt eines neuen Menschen. Es ist tiefer und umfassender als das Glück einer jungen Ehe, ihrem Flitter und ihrem Glanz, den Schmetterlingen im Bauch und der Euphorie der Verliebtheit, die hoch oben im Kopf stattfindet und von dort hinaussprüht in die ganze Welt. Das Glück der Mutterschaft kam für Annika aus dem Bauch und führte eher nach innen, es erdete sie, mit all seiner Verantwortung und seinem Gewicht.

Ungefähr ein Jahr lang war alles gut gewesen. Dann hatte die Krise begonnen – schleichend, wie ein Gift, das in sie einsickerte. Annika wusste noch immer nicht, warum sie sich plötzlich voneinander entfernt hatten. War es von ihr ausgegangen oder von ihm? Innerlich waren sie einfach nicht mehr füreinander erreichbar gewesen. Pascal war anfangs noch da, jeden Tag und jede Nacht, er nahm sie in den Arm, strich ihrem Sohn über den Kopf, sie liebten sich oft, saßen viel zusammen und redeten oder bauten gemeinsam an dem alten Haus herum – aber sowie seine Band rief, sprang er in den alten VW-Bus und war verschwunden. Die Band probte oft tagelang in Montpellier oder Nîmes, wo sie Übungsräume hatten. An den Wochenenden gaben sie immer öfter Konzerte, kleine und größere Auftritte auf Festivals, Dorffesten, sie spielten Tanzmusik oder machten Sessions in Clubs mit anderen Musikern. Und Annika blieb immer öfter allein mit Mattis auf der Farm in den Bergen und wartete.

Pascal schlug vor, dass sie wieder in die Stadt zogen, vielleicht nach Paris, zumindest dann, wenn er mehr Erfolg mit seiner Band haben würde. Aber Annika wollte nicht in Paris leben. Nicht mit einem kleinen Kind.

Im dritten Jahr ihrer Ehe fingen sie an zu streiten und versöhnten sich danach nicht wieder. Sie konnten auch nicht darüber reden, was mit ihnen geschah. Im vierten Jahr hatte die Band ihren Durchbruch und bekam einen richtig guten Plattenvertrag. Das war das Ende ihrer Ehe.

Von nun an war Pascal ständig verreist. Im letzten Frühjahr war sein Vater gestorben, und er hatte seine Mutter eingeladen, zu Annika und Mattis zu ziehen, solange er weg war. Erst half es ein bisschen gegen die Einsamkeit. Pascals Mutter war nett und freundlich, und sie liebte die Gartenarbeit, die Annika nicht lag, wie sie bald hatte feststellen müssen. Sie hatte nicht die Ausdauer und Kraft, die ein südfranzösischer Garten erforderte, und außerdem machte die Hitze ihr zu schaffen, nicht nur im Hochsommer. Ihre Schwiegermutter konnte ganz gut mit Kindern umgehen. Und Mattis liebte sie natürlich innig. Er kam in die École maternelle, eine Art Vorschule, die nach zwei Jahren in die Grundschule überging. Von nun an war er täglich viele Stunden dort, brauchte Annika kaum noch, das war praktisch und pflegeleicht, nur nicht für eine Mutter, die sowieso keine Arbeit und keine Aufgabe hatte. Natürlich gab es nirgendwo Übersetzungen, die darauf warteten, dass Annika Gosch aus Havixhorst bei Münster sich mit ihnen die Zeit vertrieb. Beim Bäcker oder in der Gastronomie zu arbeiten hatte keinen Sinn. Es war zu schlecht bezahlt, und sie hätte nicht zu Hause sein können, wenn Mattis sie brauchte. Also lebte sie von Pascals Einkünften, was ihr nicht Recht war. Sie hatte zwar ein altes Auto, aber kein Ziel, wohin sie fahren konnte, sie hatte keine Freunde hier und nichts und niemanden, der sich um sie scherte. Sie war in einer Sackgasse gelandet, im schönsten Südfrankreich, dort, wo andere Leute Urlaub machten, bei herrlichstem Wetter. In einer einsamen, langen, lauen Sommernacht, in der erst die Mauersegler und später die Fledermäuse ums Haus flogen und die Grillen nicht aufhörten zu zirpen, musste sie sich endlich eingestehen, dass sie mit ihren neunundzwanzig Jahren nirgendwo angekommen war. Und dass es so nicht bleiben konnte.

Es dauerte noch eine Weile, bis sie den Mut und die Kraft aufbrachte, dieses Leben zu beenden und den Mann, den sie nicht mehr liebte, zu verlassen. Eines Morgens im letzten September – Pascal war nach ein paar Wochen Sommerpause, in denen er aber auch kaum auf der Farm gewesen war, mit seiner Band wieder auf Tour gegangen – war sie in ihren alten Peugeot gestiegen, hatte Mattis mit einer fadenscheinigen Ausrede aus der Vorschule geholt, auf dem Rücksitz festgeschnallt und war mit leichtem Gepäck losgefahren Richtung Deutschland. Und seitdem war sie nicht wieder zurückgekehrt.

Die zwei kleinen Kinder, die seit Osnabrück in der Bankreihe vor ihnen gesessen und sich unentwegt leise gestritten hatten, wurden nun von ihrer Mutter gemeinsam auf die Toilette geführt. Der Zugführer kündigte an, dass man demnächst den Bahnhof Hamburg-Harburg erreichen würde und dass der Zug hinter dem Hamburger Hauptbahnhof weiterfahren würde nach Kiel. Sie würden direkt umsteigen können in einen IC nach Sylt.

»Sylt«, sagte Mattis leise, als hätte er Annikas Gedanken verfolgt. »Schreibt man das mit einem Ü?«

Das Ü beschäftigte Mattis ständig, denn in der französischen Vorschule hatte er schon fleißig Buchstaben schreiben gelernt, nur ein Ü und ein Ä und ein Ö kamen dort nicht vor. Nun studierte er die Schriftzüge auf Litfaßsäulen und Plakaten, Überschriften von Zeitschriften und Zeitungen, immer auf der Suche nach Umlauten. Er versuchte auch schon, die deutschen Bücher zu lesen, die er geschenkt bekommen hatte. Aber auch dort interessierten ihn vor allem die Umlaute.

»Nein, mein Schatz. Mit einem Ypsilon.«

»Warum nicht mit Ü?«

»Das weiß ich nicht. Wir werden auf Sylt danach fragen. Vielleicht wissen die Sylter es aber selbst nicht.«

»Was ist denn das, ein Sylt?«

Annika zuckte die Achseln. Wenn ihr kleiner Schlaumeier aus seinen Träumereien aufwachte, waren seine Fragen meistens besonders penetrant. Das hatte er von seinem Vater. Fragen stellen war auch bei ihm beliebt, Antworten finden dagegen war nicht seine Stärke gewesen.

Zwischen Harburg und Hamburg-Hauptbahnhof blieb der Zug zu Mattis’ größtem Vergnügen direkt auf einer der Elbbrücken stehen. Das ganze herrliche Panorama der Stadt lag vor ihnen, bedroht von einem immer dicker werdenden, grauschwarzen Wolkengebilde, das sich womöglich jeden Augenblick in einem gehörigen Unwetter entladen würde. Nachdem Annika ihrem Sohn alle Gebäude und Schiffe und Kirchturmspitzen benannt hatte, die sie zuordnen konnte, sah sie auf ihre Armbanduhr – in drei Minuten würde ihr Anschlusszug nach Westerland abfahren.

»In fünfundfünfzig Minuten erreichen Sie den nächsten Zug nach Westerland auf Sylt von diesem Bahnsteig aus«, verkündete der Bahnbeamte in breitem Hamburgisch, während er von ärgerlichen Fahrgästen umringt wurde. »Gehen Sie mal inzwischen in Ruhe ein Fischbrötchen essen.«

Zwei dunkelbraun gebrannte Damen in weißen Hemdblusen und weißen Jeans, die von hinten erheblich jünger wirkten als von vorne, schimpften wie die Rohrspatzen. Sie schleppten schwer an ihren dicken Koffern und drängelten sich vor Annika und Mattis auf die Rolltreppe. Sylter Publikum, dachte Annika und fasste Mattis’ kleine Hand fester. Mit der anderen ließ sie ihren gemeinsamen großen Ziehkoffer keinen Moment lang los. Mattis trug nur ein bisschen Spielzeug und seine Regenjacke in seinem Kinderrucksack auf dem Rücken. Wenig Gepäck für drei Wochen mit Mutter und Kind auf der Insel … aber Annika hatte das Angebot des Müttergenesungswerks, ihre Koffer ein paar Tage vor der Reise abholen und direkt nach Sylt schicken zu lassen, zu spät gesehen.

»Mama, guck mal«, krähte Mattis, als sie den Bereich mit den verschiedenen Restaurationen im Hauptbahnhof betraten. Während Annika am Fruchtsaftstand von Mr. Clou stehen blieb, riss er sich los und lief voraus. »Da steht unser Name: Gosch!« Er griff nach ihrer Hand und zerrte sie zu dem Fischstand. In großen roten Leuchtbuchstaben prangte ihr Name über dem Stand. Annika hatte bei ihrer Heirat ihren Mädchennamen behalten, denn Pascals Familienname, Huyghet, war für Deutsche unaussprechlich, während Gosch in Frankreich zwar ungewöhnlich war, aber gut verständlich. Auch Franzosen konnten ihn leicht aussprechen – manchmal verstand jemand »Gauche«, links, das hatte Annika sympathisch gefunden. In Deutschland allerdings dachte kein Mensch an eine linke Gesinnung, wenn er ihren Namen hörte, sondern höchstens als diese überall präsente Fischladenkette.

Sie kaufte Mattis, der normalerweise nur mühsam zu einem Fischstäbchen zu überreden war und frisch gefangenen, direkt am Meer gekauften, auf dem Grill gebratenen Fisch kategorisch ablehnte, ein Fischbrötchen. Den eigenen Namen im Bahnhof groß und rot angeschrieben zu finden, schmeichelte seinem neu entdeckten Identitätsgefühl ungemein. Lange blieb er vor dem Stand stehen, betrachtete die Fischstücke, die auf der dicken Eisschicht hinter Glas ausgestellt waren, und nagte andächtig und nachdenklich an seinem Brötchen, während Annika sich bei Mr. Clou einen Smoothie aus Erdbeeren, Pfefferminze, Banane und Spinat mixen ließ, der hervorragend schmeckte und ihre Laune wieder hob. Dann kaufte sie am Bäckereistand eine Tüte trockene Brötchen, denn bis zur Ankunft in der Mutter-Kind-Klinik in Westerland lagen noch einige Stunden Zugfahrt vor ihnen, und wer konnte schon wissen, ob und was es dort heute Abend noch zum Abendessen geben würde.

Als sie wieder auf den Bahnsteig hinabstiegen, hatte sich dort ein großer Pulk Frauen mit einem noch größeren Pulk quirliger Kinder versammelt, die alle auf den Zug nach Westerland warteten. Einen Moment lang kämpfte Annika mit dem Impuls, mit der Rolltreppe wieder hochzufahren und mit dem nächsten ICE zurück nach Hause zu fahren. Aber dann seufzte sie, rollte ihren Koffer an den Kindern und der Frauengruppe vorbei und postierte sich mit sicherem Abstand zu ihnen hinter dem Schaffnerhäuschen. Sie beschloss, so zu tun, als gehöre sie gar nicht dazu.

Kapitel zwei

Beim Umsteigen in Elmshorn fanden sich endgültig alle Mütter und Kinder zusammen, die in das Mutter-Kind-Kurheim Sonnenblick in Westerland fuhren. Sie hatten alle ähnlich große, unförmige Rollkoffer neben sich stehen, trugen regen- und winddichte bunte Jacken für sich und ihre Kinder über dem Arm, und ihre Frisuren waren schon jetzt vom Wind und vom Reisefieber zerzaust. Die Kinder hockten auf ihren Kinderkoffern, an denen Plüschtiere und Stoffpuppen baumelten. Sie schauten missmutig auf die Bahngleise, wo der Anschlusszug auf sich warten ließ, während die Mütter sich miteinander bekannt machten und erste biografische Details auszutauschen begannen.

Annika ließ ihren Koffer bei der Gruppe stehen und schlenderte mit Mattis an der Hand zum Ende des Bahnsteigs. Was man von der Stadt Elmshorn sehen konnte, war so langweilig und hässlich, dass man sich mit dem Sightseeing hier nicht lange aufhalten würde. Eine Lokomotive gab es auch nicht zu bewundern, also schlenderte sie langsam wieder zurück. Ihr grauste vor den Gesprächen, die nun anstanden: dem »Bei mir ist es soundso« und »Bei mir ist es genauso« und dem »Bei mir ist das ganz anders« und vor allem dem »Meiner ist soundso« – wobei »meiner« sowohl den Gatten als auch die Kinder meinen konnte. Sie kannte diese Art Gespräche schon von den deutschen Spielplätzen, die sie in Münster mit Mattis frequentiert hatte. Hier gab es ja keine Oma, die ihr das abnahm. Pascals Mutter hatte sich in Frankreich viel um Mattis gekümmert. Aber ihre eigene Mutter, die sich zwar sehr über das Enkelkind gefreut hatte, hatte nun, wo sie im selben Haus wohnten, so gut wie gar keine Zeit für Mattis. Seit Vaters Tod wohnte sie allein in dem großen Haus in Havixhorst und fuhr täglich nach Münster, wo sie seit dreißig Jahren an einem großen Schulkomplex als Deutschlehrerin arbeitete.

»Ich werde dir nicht viel helfen können«, hatte sie gleich noch einmal klargestellt, nachdem Annika ihr ihren Entschluss mitgeteilt hatte, sich wieder in Münster niederzulassen. »Du kannst gern bei mir im Haus wohnen, Platz haben wir ja genug. Aber aufs Kind aufpassen kann ich nicht, ich bin voll berufstätig.« Und dann war die übliche Leier gefolgt, die Annika schon kannte, solange sie zurückdenken konnte: das anstrengende Lehrerleben, die vielen Klassenarbeiten, die zu korrigieren waren, die Abiturvorbereitungen, die Elternabende, die Ferien, die man so dringend brauchte … Annika war ein Lehrerkind, sie kannte jede Zeile dieser Litanei. Und es stimmte ja auch – ihre Mutter arbeitete wirklich viel. Neben ihren Unterrichtsstunden war sie Behindertenbeauftragte der Schule, Vertrauenslehrerin, sie leitete eine Theater-AG und hatte außerdem eine Literaturgruppe mit ihren ehemaligen Kommilitoninnen, für die sie immer Berge von Büchern lesen musste. Ihre Mutter hatte nie Zeit, so war das schon immer gewesen, schon als sie selbst Kind war, und so war es auch noch heute. Mattis hing trotzdem zärtlich an seiner Oma Elga, wie er sie nannte. Sie hieß Helga, und das H hatte dem kleinen Halbfranzosen anfangs Probleme bereitet. Inzwischen konnte er es perfekt aussprechen, aber Oma Elga war geblieben.

Trotzdem war es praktisch, dort zu wohnen. Annika hatte die ganze obere Etage des Einfamilienhauses für sich. Ihr eigenes Kinderzimmer war Mattis’ Spielzimmer, sie schlief im ehemaligen Gästezimmer, und das Zimmer von Alexander, ihrem jüngeren Bruder, war eine Art Wohnzimmer für sie beide. Dort standen ein großer Tisch mit vier Stühlen, ein Fernseher und eine gemütliche alte Couch. Wenn Alexander, der zurzeit als Juniorprofessor mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in den USA lebte, mal zu Besuch käme, würde es allerdings eng werden. Aber vor Weihnachten war damit nicht zu rechnen. Und bis dahin hatte Annika längst eine eigene Wohnung in Münster gefunden, das war jedenfalls ihr Plan.

Als Annika und Mattis wieder bei den Frauen ankamen, wurden sie schon fast wie Fremde angesehen. So schnell formierte sich eine Gruppe … Annika beeilte sich, allen die Hand zu schütteln und ihren und Mattis’ Namen zu nennen. Mattis schaute schüchtern auf die Erde und verzog gefährlich den Mund. Er war ängstlich in Gruppen, aber er würde sich schon an die vielen Leute gewöhnen. Ein etwa gleichaltriger Junge bot ihm sein Spielzeugauto an, das Mattis zwar nicht annahm, nur misstrauisch beäugte, aber damit war die gefährliche Klippe schon genommen. Ein paar Minuten später standen die beiden Jungs schon wie alte Freunde am Bahnsteig und jubelten dem einfahrenden Zug zu, während Annika in Kurzform den Lebensweg der Mutter des Jungen erfahren hatte, die Sabine hieß, aus Schwäbisch Hall kam und noch zwei weitere, größere Kinder hatte, die zu Hause bei ihrem Mann geblieben waren. Die dritte Frau in ihren Grüppchen hatte eine bildschöne, schon ziemlich erwachsen wirkende Tochter, die aber erst dreizehn war und von ihrer Mutter als »frühreif« bezeichnet wurde. Die Mutter hieß Sally, war rundlich, strohblond, mindestens zehn Jahre älter als Annika und sah eigentlich noch etwas älter aus, denn ihre Haut war schlaff und blass, während ihre Augen himmelblau strahlten und ihr großer, sinnlicher Mund ständig in Bewegung war. Sie war von einer Herzlichkeit und Direktheit, der man sich kaum entziehen konnte. Wider Willen ließ Annika sich anstecken von ihrer Geschwätzigkeit und registrierte mit Schrecken, dass sie schon zwanzig Kilometer hinter Elmshorn einer Wildfremden ihr halbes Leben erzählt hatte. Als Sally mit ihrer Tochter auf der Toilette verschwand, atmete sie tief durch und ließ erst mal die Schultern wieder sacken.

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