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Liebe auf den letzten Blick

1

»Ach, komm schon, Mathilde! Es geht doch um zwei wichtige Anlässe.«

Irma flötet so süßlich, als wollte sie mir einen neuen Haarschnitt aufschwatzen. Wozu sie mich nicht überreden müsste. Meine beste Freundin ist seit vielen Jahren die Friseurin meines Vertrauens und außerdem eine bekannte Starstylistin. Für ihre Vorschläge wäre ich also jederzeit offen. Doch im Moment geht es nicht darum, mein kinnlanges brünettes Haar aufzupeppen.

Irma, Amelie, Gustl und ich sitzen beim Mittagessen in unserer Wohngemeinschaft, die wir vor einer Woche gegründet haben.

»Nein!«, widerspreche ich entschieden. »Ich habe keine Lust zu feiern. Ich werde sechzig, warum sollte ich das feiern? Zumal ich heute beim Duschen ein graues Schamhaar –«

»Und deshalb bist du so mies drauf?«, unterbricht Irma mich. »Ich spendier dir ein Brazilian Waxing. Ist jetzt auch bei Älteren ein Trend. Wir bieten das seit kurzem bei uns im Salon an.«

»Heißes Wachs auf meine Mumu?« Schockiert starre ich sie an. »Niemals! Und vor allem, für wen? Mich guckt doch kein Mann an. Nicht mal im bekleideten Zustand! Wozu brauche ich ein enthaartes Eroscenter?«

Ich kann nicht anders: Ich habe einfach massive Probleme mit dem Älterwerden. Da hilft es wenig, wenn ich mir immer wieder sage, dass die einzige Alternative keine Alternative ist. Lebensmüde bin ich nämlich nicht. Meine Unzufriedenheit hat auch viel mit dem Verlust meines Jobs zu tun. Ich habe es immer noch nicht verwunden, dass ich in den Vorruhestand geschickt wurde. Sechs Monate ist das nur her. Vorruhestand! Was für ein schreckliches Wort. Klingt eindeutig nach jemanden, der vorzeitig schlappgemacht hat. Der es nicht bis ins Ziel geschafft hat.

Fünfunddreißig Jahre war ich in der Buchhaltung einer Textilfirma tätig, die letzten zehn als Chefbuchhalterin. Wie bei vielen mittelständischen Firmen wurde dann die Produktion ins Ausland verlegt, die Angestellten wurden entlassen. In meinem Fall immerhin mit einer netten Abfindung. Natürlich ist so ein finanzielles Polster ein angenehmes Trostpflaster. Das frustrierende Gefühl, ausgemustert und vollkommen nutzlos zu sein, ruiniert dennoch das Selbstbewusstsein.

Irma lässt die Gabel sinken. »Du benimmst dich, als wärst du steinalt und könntest dich nur noch mittels Rollator bewegen.« Sie schüttelt verständnislos den rotgefärbten Kurzhaarschopf. »Hier ist keiner alt. Sechzig ist doch das neue Dreißig! Ich weiß, wovon ich spreche. Immerhin bin ich schon zweiundsechzig. Und ich versichere dir, in meinem Kopf hat sich seit dem Dreißigsten nichts verändert. Ich bin immer noch die leicht durchgeknallte Irma. Wenn’s drauf ankommt, kann ich jederzeit ’nen Gang höher schalten.«

Amelie kichert. »Denk nicht dran, Mathilde«, empfiehlt sie. »Stell dir einfach vor, du wirst mit jedem Tag jünger. Das macht glücklich!«

Amelie ist unsere Fachfrau für Esoterik und die Lebenslust in Person. Gestern schleppte sie zwei Kisten Prosecco an – damit wir für alle Eventualitäten gerüstet wären. Die Anspielung auf meinen Geburtstag war nicht zu überhören. Das erste Fläschchen wurde sofort geöffnet, nur zum Probieren. Amelie war früher meine Mitarbeiterin, aber obwohl sie wie ich in den Vorruhestand geschickt wurde, hat das ihrer guten Laune keinen Abbruch getan. Insgeheim nenne ich sie unseren esoterischen Glückskeks.

»Gute Idee, Amelie. Nach dieser Rechnung hätte ich morgen also gar nicht Geburtstag, und wir müssen den Tag auch nicht feiern, oder?«, kontere ich, schiebe mir ein Marzipan-Praliné in den Mund und nehme ein Schlückchen Portwein. Ich behandle meine schlechte Laune nämlich mit »natürlichen Drogen«. Und derartig frustrierende Gespräche ertrage ich nur mit einer Überdosis.

»Soll ich Tarotkarten für dich legen?«, wechselt sie eilig das Thema, wie immer, wenn es zu realistisch wird.

»Nein danke, aber vielleicht schaust du mal, wie die nächste Traubenernte für den Portwein ausfällt«, antworte ich betont freundlich.

Ich glaube nicht an Vorhersagen. Der ganze esoterische Kram ist sowieso Unfug. Amelie dagegen sieht in jeder Karte die große Liebe auf mich zukommen. Sogar in unserem Alter könne sie einem jede Sekunde über den Weg laufen, behauptet sie.

Dem letzten Mann, der mein Herz höher schlagen ließ, bin ich zwar erst vor einigen Tagen in der Weinhandlung begegnet, doch aus solchen Begegnungen wird ohnehin nie etwas. Als wir beide nach derselben Flasche Portwein griffen, berührten sich unsere Hände. Ich war wie elektrisiert, jedoch – wie immer – zu schüchtern, um ihn auch nur anzulächeln. Ich sollte Flirtunterricht bei Amelie nehmen. Doch machen wir uns nichts vor: Eher bricht der Weltfrieden aus, als dass eine Frau über fünfzig noch einen Mann findet. Männer in dem Alter sind entweder schwul oder verheiratet. Und wer sonst noch frei rumschlurft, sucht höchstens eine Krankenschwester. Ich für meinen Teil habe die rosarote Romantikbrille abgesetzt. Im Grunde braucht eine Frau einen Mann doch nur für zwei Dinge: Geld und Sex. Finanziell bin ich dank der Abfindung versorgt. Und Sex? In meinem Alter praktiziert man höchstens Extremsex – was soviel heißt wie: extrem selten.

»Also, mein Burzeldach im Oktober wird ganz groß gefeiert«, erklärt Amelie. »Ich lade alle meine Freunde ein, und wir lassen es richtig krachen. Da könnt ihr euch schon drauf freuen.«

Amelie stammt aus dem fränkischen Bamberg, wo man auf die Welt purzelt, was mir gut gefällt. Sie käme nie auf die Idee, diesen wichtigen Tag ausfallen zu lassen. Ein feucht-fröhlicher Abend mit möglichst vielen Männern – und ihre Welt ist himmelblau wie ihre Augen. Sie gehört zu den Frauen, die in männlicher Gesellschaft aufblühen wie eine ausgetrocknete Topfpflanze, die endlich gegossen wird.

»Zum dreißigsten Burzeldach,« wiederholt Gustl mit Augenzwinkern, »backe ich dir eine dreistöckige Torte, Mathilde. Für jedes Jahrzehnt eine Etage.«

»Herzlichen Dank, Gustl. Aber mir ist nicht nach Kuchen. Obwohl ich deine Torten sehr schätze. Sie sind wirklich die besten der Stadt.«

Die Kreationen unseres WG-Quoten-Manns, eines Konditors im Ruhestand, schmecken so lecker, dass ich mich glatt reinlegen könnte. Doch den eigentlichen Grund verschweige ich. Mein Stoffwechsel hat sich seit der Menopause auf fast null eingependelt. Die Zeiger der Waage mahnen mich zur Zurückhaltung, wenn ich wenigstens die Kleidergröße zweiundvierzig halten möchte. Im Grunde müsste ich mindestens einen Null-Diät-Tag pro Woche einlegen oder meinen Pralinenkonsum drastisch einschränken. Und natürlich den Portwein weglassen.

»Dann backe ich ein paar Haschkekse. Davon bekommst du auf jeden Fall bessere Laune.« Amelie zieht eine Schnute.

»Wenn ihr mir unbedingt ein Geburtstagsgeschenk machen wollt«, lenke ich um des lieben Friedens willen ein, »freue ich mich über ein frisch geputztes Bad und ein aufgeräumtes Wohnzimmer. Außerdem stehen im Flur noch Umzugskisten rum. Das nervt. Weiß jemand, wem die gehören?«

Die Anspielung gilt Irma, die gern verdrängt, wenn sie mit Putzen der Gemeinschaftsräume an der Reihe ist. Laut Abmachung war das gestern der Fall. Im Wohnzimmer sieht es aus, als wären wir heute erst eingezogen. Ganz zu schweigen vom chaotischen Badezimmer.

»Locker bleiben und keinen Stress, Mathilde«, sagt Irma. »Ich habe es nicht vergessen, falls du das glaubst. Obwohl ich mich noch im Urlaub befinde, bin ich dir zuliebe heute früher aufgestanden, um im Wohnzimmer Staub zu wischen.«

Verwundert mustere ich sie. »Und im Stehen wieder eingeschlafen?«

»Nein, ich konnte den Staubwedel nicht finden! Jemand muss ihn geklaut haben.«

Ungläubiges Schweigen breitet sich aus, in das sich Amelies Glucksen mischt.

»Hast du wieder Tomatenkraut geraucht?«, fragt Gustl mit zweideutigem Grinsen.

Irma zuckt gelangweilt mit den Schultern. Stumm schiebt sie ihren Teller beiseite und lehnt sich auf der Eckbank zurück. Mit einem zufriedenen Seufzen hält sie ihre Nase in die hereinscheinende Mittagsonne.

Amelie mustert Gustl neugierig. »Tomatenkraut kann man rauchen? Das wusste ich gar nicht. Meine Mutter hat mit dem Gestrüpp immer die Beete abgedeckt.«

Wir sehen uns schmunzelnd an.

»Würde mir bitte mal jemand verraten, wo die Stelle zum Lachen ist?« Amelie blickt irritiert in die Runde und klimpert mit den Wimpern. »Gustl!«

»Na ja …« Gustl schiebt sich ein Stück Brezel in den Mund und nuschelt undeutlich, dass wir eigentlich über ihre Bemerkung lachen würden.

Sie hebt die Augenbrauen, grübelt einen Moment und fängt dann an zu lachen. »Ach ja, Rauschgift!«

»Pssst!« Ich bedeute ihr, leise zu sein.

Der Grund ist Cengiz, unser Hausmeister. Er ist sehr hilfsbereit und sympathisch, aber neugieriger als ein klatschsüchtiges Marktweib und taucht gern wie aus dem Nichts auf, um unschuldig den Kehrbesen zu schwingen, wenn man ihn ertappt. Ich befürchte sogar, dass er für den Hausbesitzer spioniert, weshalb ich extrem vorsichtig bin und nicht möchte, dass Irma in dem zur Wohnung gehörenden Garten ihre »Tomaten« züchtet. Meinetwegen könnte sie auch Fliegenpilze züchten. In unserer WG leben weder Hunde noch Katzen und schon gar keine Kinder, die sich vergiften könnten. Aber wenn das Cengiz mitbekommt, könnte es Ärger bedeuten.

»Wie dem auch sei«, wechsle ich das Thema. »Ich wäre euch dankbar, wenn wir einfach so tun könnten, als sei morgen ein ganz normaler Tag.« Ich schaue fragend über meine Brille, ernte aber von meinen Mitbewohnern nur verständnislose Blicke.

»Und was ist mit dem Sieben-Tage-Jubiläum unserer WG?« Amelie lässt nicht locker. »Sieben ist eine magische Zahl. Esoterisch gesehen ist es also ein superwichtiger Tag. Außerdem haben wir zunehmenden Mond. Wir müssen eine Zeremonie abhalten, das verscheucht die bösen Geister, bringt Glück und lässt einen guten Stern über unserer Wohngemeinschaft aufgehen.«

Ich hätte es wissen müssen. Amelie lässt keine Gelegenheit aus, um auf den Putz zu hauen. Notfalls bemüht sie eben den Mond, sämtliche Himmelskörper oder sonstige Magie.

»Ich fände es auch schade, zu tun, als wäre nix«, unterstützt Gustl sie. »Das Leben braucht Höhepunkte. Und die Tatsache, dass wir diese traumhafte Fünf-Zimmer-Wohnung in Friedhofsnähe gefunden haben, ist ein echter Glücksfall und muss gebührend gefeiert werden.«

»Sag ich doch.« Amelie nickt eifrig. »Nicht zu vergessen die Adresse: Nachtigalstraße! Bei der Besichtigung habe ich sofort die positiven Schwingungen gespürt und gewusst: Das ist unsere Wohnung, sie hat auf uns gewartet! Gemütliche Küche, zwei Bäder, Terrasse und Garten. Erinnert ihr euch, wie der Makler gegrinst hat, als er hörte, dass ich Specht heiße?«

»Das ausschlaggebende Argument bei der Wohnungsvergabe«, bestätige ich. »Amelie Specht, Nachtigalstraße, klingt aber auch zu schön. Jeder Brief an dich wird der Postbotin ein Lächeln auf die Lippen zaubern. Viel erstaunlicher finde ich jedoch, dass wir es schon sooo lange miteinander aushalten.« Ich gebe Irma einen freundschaftlichen Schubs.

»Stimmt.« Irma grinst verschmitzt, während sie mit dem Finger ein Herz aus den Brotbröseln formt – statt sie zusammenzuwischen. »Sieben Tage sind ’ne Ewigkeit für uns zwei … ähm … grundverschiedene Schrullen. Psychologische Analysen verkneife ich mir jetzt mal.«

Schweigend nicke ich. Niemand würde uns als Traumquartett bezeichnen. Müsste man jeden von uns mit wenigen Worten charakterisieren, könnte sich das ungefähr so anhören:

Amelie, die esoterische Naive.

Irma, die chaotische Kreative.

Gustl, der liebevolle Ruhepol.

Und ich, die akkurate Rationale.

Ich bin diejenige, die für Ordnung sorgt und den finanziellen Überblick behält. Ein ziemlich mieser und selten anerkannter Job, aber einer muss ihn ja machen.

Irma und ich haben am wenigsten gemeinsam. Zugegeben, ich bin extrem ordentlich, und Irma ist eher das Gegenteil, um nicht zu sagen: schlampig. Sie bezeichnet sich als Sammlernatur und mich als Pedantin. Worüber man streiten kann. Aufräumen heißt bei Irma, alles in einen Raum werfen, Tür zu, fertig. In der Abstellkammer, die gemeinschaftlich als Garderoben- und Schuhschrank benutzt wird, würde man keinen einzigen Schuh finden, wenn wir anderen nicht Ordnung hielten.

Die Idee, dass wir vier gemeinsam eine WG gründen, kam natürlich von Amelie, unserem Hippie, die schon vor Jahren in einer Kommune gelebt hat. Eine TV-Dokumentation über fünf Oldies war die Initialzündung. Das sei im Moment der Mega-Trend, berichtete sie, und nur eine Wohngemeinschaft könne uns vor Vereinsamung oder Seniorenheim retten. Wer von uns würde das schon wollen? In völlig überteuerten Verwahranstalten vor sich hinvegetieren, in denen man Frühstück um sechs, Mittagessen um zehn Uhr und Abendessen um vier serviert. Wo man keine Partys feiern darf, Tee aus Schnabeltassen und Alkohol nur in flüssiger Medizin bekommt. Auch Irma hatte in den Flower-Power-Jahren einige Monate in einer Kommune verbracht und war begeistert. Ich hingegen hielt das Ganze für eine Schnapsidee. Im Gegensatz zu meinen Freunden dachte ich nämlich auch an die Nachteile. Als Erstes fielen mir meine nächtlichen Toilettengänge ein. Von Irma wusste ich, dass auch sie nachts ein, zwei Mal raus muss. Da entsteht schnell mal peinliches Gedränge. Doch dann fanden wir diese Wohnung mit einem zusätzlichen Duschbad und einer zweiten Toilette, und mir gingen die Gegenargumente aus.

Mit nächtlichem Harndrang hat Amelie nichts am Hut. Sie möchte Gustl einfangen, in den sie sich auf den ersten Blick verliebt hat. Oder muss man in unserem Alter eher von Liebe auf den letzten Blick sprechen? Bisher schien Gustl immun gegen Amelies »Honig am Höschen« zu sein, doch ich kenne ihn lange genug, um erste Anzeichen schlechten Gewissens bei ihm zu erkennen, das er wegen seiner vor drei Jahren verstorbenen Frau Susanne hat. Seit wir vier zusammenleben und er nicht mehr einsam und verlassen in der Wohnung sitzt, die er dreißig Jahre gemeinsam mit seiner Familie bewohnt hat, fängt er offensichtlich an, seine Trauer zu überwinden. Er besucht Susannes Grab nicht mehr täglich, seine Gerichte sind plötzlich stark gesalzen, und zum Schlafen trägt er ein ausgeleiertes T-Shirt mit dem Slogan: MAKE LOVE NOT WAR.

»Mathilde!« Irma reißt mich aus meinen Gedanken. »Was ist denn jetzt mit der Jubiläumsfeier? Ich habe extra meine Verabredung mit Otto verschoben.« Sie erhebt sich, um am offenen Küchenfenster eine Zigarette zu rauchen.

Irma pflegt seit Jahren eine platonische Freundschaft zu Otto Goldbach, einem erfolgreichen Schauspieler. Sie hat den berühmten Mimen im Salon »Chez Schorschi« kennengelernt, Münchens schickstem und teuerstem Coiffeur, wo sie seit Ewigkeiten Promis und Stars verschönert.

»Wenn ich mich hier so umsehe, sollten wir lieber die restlichen Umzugskartons auspacken, Ordnung schaffen und den Dreck wegputzen«, antworte ich. »Ich meine, solange ringsum so ein Chaos herrscht …«

»Dazu ist am Wochenende noch genug Zeit«, meint Gustl, stapelt aber immerhin Teller und Besteck, trägt das Geschirr zur Spüle und schnappt sich einen bereitliegenden Block. »Ich gehe einkaufen. Was wollt ihr morgen essen?« Er kommt zurück an den Tisch und setzt sich neben mich. »Du darfst dir was wünschen, Mathilde.«

Backen und Kochen sind seine Lieblingsbeschäftigungen. Als leidenschaftlicher Familienmensch liebt er es, uns alle zu bekochen. Und wenn es uns schmeckt, strahlt er wie der Gewinner einer Konditorenmeisterschaft.

Amelie steht auf und tänzelt barfuß zum Kühlschrank, wobei der Rocksaum ihres bunten Blumenkleides wippt. Seit sie in die Frührente geschickt wurde, trägt sie wieder Hippiekleider, tonnenweise bunte Ketten, Ohrringe, Armschmuck und wilde Frisuren. Neulich kam sie mit einem Paar türkisfarbener Birkenstock-Sandalen an, angeblich von Heidi Klum entworfen.

»Wie wär’s mit Grillen? Für morgen ist Sonne angesagt«, schlägt sie vor. »Milch fehlt, Joghurt auch und Diätmargarine.«

»Also, wenn Fleisch, dann nur Bio«, bestimmt Irma und pustet malerische Rauchkringel nach draußen.

Irma ernährt sich seit Jahren bis auf wenige Ausnahmen vegetarisch. Angeblich sei sie deshalb faltenfrei, sagt sie. Manchmal behauptet sie auch, Rauchen würde konservierend wirken. In Wahrheit lässt sie sich regelmäßig Botox spritzen, um gegen ihre Promikundschaft nicht alt auszusehen.

Ein leises Frühlingslüftchen weht die Rauchschwaden zurück in den Raum. Sonnenstrahlen verfangen sich in Irmas roter Strubbelfrisur. Vogelgezwitscher ist zu hören.

Amelie unterbricht die Vorratskontrolle der Lebensmittel für einen Moment und lauscht dem Vogelgesang. »Ob da eine Nachtigall zwitschert?«

»Na klar«, bestätigt Irma mit gespielt ernster Miene. »Nachtigallen singen grundsätzlich zur Mittagszeit.«

»Ach, ich dachte, nur in der Nacht, weil sie doch so heißen«, sinniert Amelie. »Egal, ich finde es schön, dass wir in einer Straße mit einem Vogelnamen wohnen.«

»Da muss ich dich enttäuschen«, entgegnet Irma. »Sie wurde nach Gustav Nachtigal benannt, einem berühmten Afrikaforscher des 19. Jahrhunderts. Und der schreibt sich nur mit einem L im Gegensatz zum Vogel. Hat uns doch der Makler verraten.«

»Echt?« Amelie ist sichtbar überrascht. »Kann mich gar nicht erinnern.«

»Macht doch nichts«, sagt Gustl.

Auch mir war es entfallen. Etwas anderes fällt mir aber in diesem Moment auf. »Gustl ist die Abkürzung von Gustav.«

Gustl lacht. »Genau!«

Amelie klatscht vor Freund in die Hände. »Na bitte. Ich hab’s gewusst, die Wohnung hat auf uns gewartet.«

Ich muss lachen. Diese seltsame Situation könnte sich auch in einer ganz normalen Kleinfamilie abspielen. Papa plant den Großeinkauf, die Kinder quengeln nach Überraschungseiern und Mama beobachtet das Ganze mit Wohlgefallen. Die genaue Rollenverteilung ist unwichtig. Nur der Part des »Familienoberhaupts« geht an mich, da der Mietvertrag auf meinen Namen läuft.

 

Zwei Stunden später stolpert Amelie mit einer prall gefüllten Plastiktüte im Arm durch die offene Küchentür. Irma und ich sind gerade dabei, das fertig gespülte Geschirr aus der Maschine zu räumen.

»Huhuuu! Wir sind wieder dahaaa«, trällert sie und streicht sich eine widerspenstige Locke aus dem geröteten Gesicht.

Sie sieht erhitzt und glücklich aus, fährt es mir durch den Sinn. Als käme sie von einem heimlichen Quickie und nicht vom Großeinkauf im Supermarkt.

Gustl folgt ihr mit drei vollen Tüten in den Händen. »Na, ihr zwei?«

»Habt ihr uns was mitgebracht?« Irma lugt neugierig in die Tüte, die Amelie vor uns auf dem Tisch abstellt.

»Wir sind noch im Baumarkt vorbeigefahren und waren auf dem Friedhof, Susanne besuchen«, antwortet Amelie, als sei Gustls verstorbene Frau ihre beste Freundin gewesen. Dabei hat sie Susanne nie kennengelernt. »Hier!« Sie fischt einen bunten Prospekt aus der Tüte und hält ihn uns entgegen.

Schmunzelnd greift Irma danach. »Gartenmöbel? Davon werde ich aber nicht abbeißen.«

»Sei nicht albern«, antwortet Amelie.

»Ein Vorrecht des Alters«, kontert Irma. »Je oller, je doller! Daran musst du dich gewöhnen, wenn du mit uns alt werden willst.«

Alt werden!

Schon wieder dieses frustrierende Thema. Sofort habe ich das Gefühl, wieder eine Falte mehr bekommen zu haben. Amelie scheint das Problem allerdings nicht zu kennen. Selbst aus der Nähe betrachtet sieht sie nicht wie sechzig aus, eher wie fünfzig. Wäre da nicht Gustl, das Objekt ihrer Begierde, würde sie vielleicht gar nicht mit uns in der WG leben wollen. Für ihn hat sie sogar ihr Essverhalten geändert. Früher ließ sie grundsätzlich die Hälfte übrig – von was auch immer. Jetzt verspeist sie alles bis zum letzten Krümel – was auch immer Gustl uns serviert.

»Liegestühle … Sonnenschirme«, murmelt Irma, während sie im Prospekt blättert.

Ich blicke Amelie fragend an. »Und was sollen wir damit?«

»Für die Terrasse«, klärt sie uns begeistert auf. »Dank der hohen Hecken ist der Garten doch nicht von außen einsehbar. Wir können uns nackt sonnen!«

»Nackt sonnen!?« Meine Stimme überschlägt sich.

Unser Glückskeks strahlt übers ganze Gesicht, als sei es abgemacht.

Ich dagegen frage mich, ob ich mir einen entspannten Sommertag in unserer WG so vorgestellt habe. Wir liegen nackt im Liegestuhl, ein Joint geht rum, und wenn wir alle richtig high sind, gibt’s Fleisch vom Grill! Ich hatte ja nie viel mit den Hippies zu tun und habe auch nie in einer Kommune gehaust, aber nach dem, was Amelie und Irma so erzählen, machen Joints ziemlich hungrig.

Doch Amelie scheint zu vergessen, dass wir nicht in einem Einsiedlerhof leben. Wir wohnen in einem zweistöckigen Gebäude plus Dachgeschosswohnung. Von oben kann man problemlos auf unsere Terrasse blicken. Ganz zu schweigen von Cengiz. Er ist imstande, heimlich Fotos von uns zu schießen und sie dem Vermieter zu schicken. Der Hauseigentümer war sowieso ziemlich skeptisch, als er von unseren WG-Plänen erfuhr. Hat was von Alt-68ern, Hippiesaustall und Drogen gemurmelt und war nur bereit, an uns zu vermieten, wenn wir uns auf einen Dreijahresvertrag einlassen, der bei vorzeitiger Kündigung den Kautionsverfall beinhaltet. Wenn er jetzt noch von wilden Orgien erfährt, sieht er seine Vorurteile bestätigt. So schnell könnten wir unsere Schrumpelkörper gar nicht verhüllen, wie uns dann die Kündigung ins Haus flattern würde.

2

Sechs Uhr zeigen die Ziffern meines digitalen Weckers an. Ich muss zwar nicht mehr ins Büro hetzen, aber meine innere Uhr denkt gar nicht daran, sich umzustellen.

Mit halb geöffneten Lidern drehe ich das Kopfkissen um und genieße die angenehme Kühle der Unterseite. Wieder einzuschlafen gelingt mir jedoch nicht. Vermutlich hat mich bereits die senile Bettflucht fest im Griff. Senil oder nicht – dabei fällt mir ein, was heute für ein Tag ist.

Mein Sechzigster!

Wie auf Kommando kriecht mir eine heftige Hitzewelle über den Körper und steigert sich zum Schweißausbruch, als mir zu allem Übel auch noch einfällt, der Jubiläumsfeier zugestimmt zu haben. Irma hat im Gegenzug versprochen, ihre Umzugskisten wegzuräumen und endlich zu putzen. Amelie ist in die Birkenstocks gestiegen und wollte unbedingt in den Baumarkt sausen, um die Liegestühle zu besorgen. Gustl konnte es gerade eben verhindern, da er zu bedenken gab, dass es im April noch nicht heiß genug zum Nacktsonnen wäre. Wie ich sie kenne, wird sie früher oder später das geeignete Mondphasenargument finden, um ihren Plan in die Tat umzusetzen.

Träge steige ich aus dem Bett. Na, wenigstens schlafen noch alle und ich kann ungestört die Zeitung lesen.

Meine Mitbewohner sind begeistert, dass ich als Frühaufsteherin immer schon Kaffee koche. Ab halb acht ist mit Irma zu rechnen, die zwar ein paar Tage Urlaub hat, aber den gewohnten Weckrhythmus auch nicht aus dem System kriegt. Und sobald Amelie auftaucht, ist es vorbei mit der Ruhe. Dann wird die tägliche Tarotkarte gezogen, stundenlang rumgedeutet und über Schicksal oder Zufall gerätselt. Endlos lange dauert dieses Ritual, wenn sie direkte Fragen stellt und die Karten ihr einfach keine eindeutige Antwort geben wollen. Dann mischt sie das Spiel immer und immer wieder und zieht so lange neue Karten, bis das Ergebnis taugt. Notfalls pendelt sie auch über dem Kartenspiel.

Vorsichtig, jedes Geräusch vermeidend, steige ich in die schwarzen Filzpuschen und schlüpfe in den schwarzweiß gemusterten Morgenmantel. Im Flur lausche ich in die morgendliche Stille. Aus dem Zimmer zu meiner Linken, wo Gustl schläft, glaube ich ein leises Schnarchen zu vernehmen. Ansonsten ist alles ruhig. Auch rechts neben mir, aus Amelies Märchenburg, wie sie es nennt, ist kein Mucks zu hören. Ich schleiche durch den langen Korridor, öffne so geräuschlos wie möglich die Wohnungstür und husche zum Briefkasten, in dem die Zeitung steckt.

Meteorologen versprechen Supersommer, verkündet die Schlagzeile auf der ersten Seite. Oh, oh, wenn Amelie das liest, rennt sie noch vor dem Frühstück in den Baumarkt.

Als ich die Küche betrete, weiche ich zurück. Schmutzige Töpfe und Pfannen stapeln sich im Spülbecken, auf dem Tisch stehen Teller mit Resten vom Abendessen, und es müffelt nach Stinkesocken. Als Verursacher dieses peinigenden Odeurs identifiziere ich ein Stück zerfließenden Limburger.

Amelie und Irma! Statt wie versprochen Ordnung zu schaffen, haben sie gepichelt, wie ich an den zwei leeren Flaschen Prosecco erkenne. Irma hat mich wieder mal ausgetrickst. Ich solle mal den WG-Feldwebel nicht so raushängen lassen, hat sie gegrinst und mich ins Bett geschickt.

Während ich meine zehn Jahre alte Kaffeemaschine mit Filter und Kaffeemehl befülle, entspanne ich mich wieder ein bisschen. Unsere hauseigene Esoterikerin Amelie hat das Ding beim Einzug ausgependelt und behauptet, wir würden mit Elektrosmog verseucht – worauf sie die Maschine umgehend entsorgen wollte. Einzig das Argument, ausschließlich ich würde beim Kaffeezubereiten versmogt, konnte die Maschine retten.

Ich liebe das leise Blubbergeräusch, bei dem ich mich wie eine Figur aus einem Joghurt-Werbespot fühle. Wenn die Sonne durchs Fenster fällt, der Tag noch jung ist und seine Überraschungen bereithält. Auch wenn das Blubbern einfach nur das fällige Entkalken verkündet. Sollte meine Maschine demnächst tatsächlich den Geist aufgeben, kann Amelie einen esoterisch korrekten Ersatz mit rechtsdrehendem Karma anschaffen. Vielleicht hat ja irgendein Alt-Hippie bereits ein Gerät konstruiert, das den Kaffeesatz zum Tageshoroskop umwandelt. Aber im Moment ist noch alles gut, freue ich mich und angle eine Tasse aus dem Schrank. Als ich den Kühlschrank öffne, um die Milch herauszunehmen, schrecke ich zusammen. Wie jeden Morgen seit einer Woche – seit da ein Wasserglas steht, in dem ein halbes Gebiss schwimmt! Oder mich anlacht. Je nachdem, wie schmerzfrei man eine schwimmende Zahnprothese betrachtet. Jedenfalls ist der Anblick extrem skurril. Wer bitte schön bewahrt seine dritten Zähne im Kühlschrank auf? Und warum? Bisher ist es mir noch nicht gelungen, das Geheimnis zu lüften. Üblicherweise begebe ich mich nämlich ins Bad, um meine Zähne zu putzen, solange der Kaffee durchläuft. Wenn ich dann zurückkomme und nachschaue, ist das Glas verschwunden.

Auch heute ist das wieder der Fall.

Kopfschüttelnd nehme ich mir meinen Kaffee und trolle mich mit der Zeitung in mein Zimmer. Dort ist es wenigstens sauber und aufgeräumt.

Ich mache es mir mit zwei Kissen im Rücken bequem und setze die Lesebrille auf. Während ich meinen Milchkaffee genieße, blättere ich zum Klatschteil, der für mich ein rezeptfreier Stimmungsaufheller ohne Nebenwirkungen ist. Ich amüsiere mich jedes Mal, wenn alternde Playboys sich mit jungen Gespielinnen zeigen und behaupten, jeden Tag Sex zu haben, natürlich mehrmals. Logisch. Aber ich kann einfach nicht glauben, dass 80-Jährige ihre Schrumpelschniedel zu anderen Zwecken als zum Pinkeln aus dem Stall holen. Aber wer weiß, vielleicht können bald selbst 80-jährige Frauen noch Kinder gebären.

Heute präsentiert man dem geneigten Leser jedoch keine Sexbeichten von tattrigen Ladykillern oder unmündigen Silikonbarbies, sondern tatsächlich Wissenswertes: Otto Goldbach wurde für eine seiner Arbeiten als Regisseur an einem Theater in London für den »Shakespeare«, einen englischen Theaterpreis, nominiert. Als einer seiner großen Fans drücke ich Otto natürlich ganz fest die Daumen und hoffe, dass er die Konkurrenz auf die unteren Plätze verweist.

Ein leises Klopfen an meine Tür unterbricht meine Lektüre.

»Morgen, Mathilde. Happy Dreißig.« Irma lehnt barfuß in einem knielangen Shirt mit Entenaufdruck am Türrahmen.

Wer Irma als erfolgreiche Hairstylistin aus dem »Chez Schorschi« kennt, erlebt sie immer tipptopp frisiert, geschminkt und ausschließlich in Designerklamotten. In Wahrheit ist sie ein klassischer Fall von: draußen hui, zu Hause pfui. Sie selbst bezeichnet das als: Stylingpause. Auch Irmas Vorliebe für Enten, ein Überbleibsel aus ihrer Hippiezeit, passt nichts ins durchgestylte Bild.

»Guck mal.« Irma schwenkt den vermeintlich gestohlenen Staubwedel. »Dein Geschenk.«

Entgeistert starre ich über meine Brille hinweg auf die rosa Schicht in ihrem Gesicht. »Hast du Ausschlag?«

»Das ist eine Kaviarextrakt-Maske!« Sie lacht mich an. »Damit ich zur Feier faltenfrei antanze. Jetzt wollte ich bei dir mal durchwirbeln. Das Wohnzimmer ist bereits staubfrei.«

»Nicht nötig, aber danke … Auch fürs Wohnzimmer. Dann hast du ja Zeit, das hier zu lesen.« Ich halte ihr die Zeitung entgegen.

Irma kommt angeschlurft, lässt sich am Fußende des Betts nieder und schnappt sich die Zeitung, die sie noch immer ohne Brille lesen kann.

Murmelnd überfliegt sie den Artikel. »Hoffentlich klappt es diesmal.« Sie seufzt besorgt. »Otto war schon zwei Mal für diese Auszeichnung nominiert. Ich finde, seine Inszenierungen sind wirklich gut. Erinnerst du dich an das Stück von diesem österreichischen Autor?«

»Ja, das war schön schräg. Wie hieß es gleich noch mal? Irgendwas mit Leber …«

»Ganz genau kann ich mich auch nicht mehr erinnern«, sagt Irma. »Aber ich glaube: Meine Leber ist sinnlos«

»Klasse Titel«, entgegne ich und prophezeie zuversichtlich, dass Otto den Preis bekommen wird. »Aller guten Dinge sind …«

Ein gellender Schrei unterbricht mich. Erschrocken sehen wir uns an und murmeln einstimmig: »Amelie!«

Irma rennt los, ich springe aus dem Bett und sause hinterher.

Schon ertönt der nächste Schrei. Besorgt reißen wir die Zimmertür auf – und finden Amelie auf einem Sessel stehend.

In einem kurzen bunten Fummel bibbernd, starrt sie uns mit schreckgeweiteten Augen an. Ihrem Panikschrei nach zu urteilen, ist sie mindestens vor einer Riesenratte von der Größe einer Hauskatze in die Höhe geflüchtet.

»Wer brüllt denn hier so laut?«, ertönt eine dunkle Stimme aus dem Flur.

Gustl, lediglich bekleidet mit seinem MAKE-LOVE-Shirt und Unterhose und mit braunen Lederpantoffeln an den Füßen, gesellt sich dazu.

»Da!«, piepst Amelie und deutet mit spitzem Zeigefinger auf ihr rosageblümtes Polsterbett. Beim nächsten Atemzug springt sie vom Stuhl auf Gustl zu und wirft sich ihm mit dem schrillen Ruf »Eine Spinneee!« an den Hals.

Er klopft ihr beruhigend auf den Rücken, befreit sich sanft aus ihrer Umarmung, zieht seinen rechten Schlappen aus und murmelt ungerührt: »Das haben wir gleich.«

Irma und ich können uns vor Lachen nicht mehr halten und prusten los.

»Ihr glaubt mir wohl nicht?«, mault Amelie beleidigt und zeigt einen Kreis von der Größe eines Kuchentellers. »Die war sooo groß. Bestimmt eine Vogelspinne. Ich wusste es ja, meine Tarotkarten haben mir gestern eine unangenehme Überraschung vorhergesagt.«

»Na, dann hast du das Schlimmste überstanden und kannst dich jetzt entspannen«, entgegnet Irma ungerührt.

Schlappenkrieger Gustl inspiziert derweil das Bett, das zwischen den zwei geöffneten Fenstern vor einer blassblauen Wand steht. Er hebt zuerst die Decke und dann die unzähligen bunten Kissen nacheinander hoch, wobei er den Lederschlappen stets zum tödlichen Angriff auf das gefährliche Monster bereithält.

»Nichts!« Gustl dreht sich zu uns und mustert Amelie fragend.

»Aber da war eine ganz große fette Spinne. Ehrlich!«, verteidigt sie sich leise. »Vielleicht ist sie ja unters Bett gekrochen.«

Gustl lässt den Schlappen fallen. »Hmm.« Nachdenklich kratzt er sich am Hinterkopf. »Da komme ich nicht ran. Sind ja kaum zwei Zentimeter Platz zwischen Bettunterkante und Parkett.«

»Sollen wir den Kammerjäger bestellen?«, wispert Amelie.

Irma tippt sich an die Stirn. »Wegen einer Spinne? Da machen wir uns ja lächerlich.«

»Und selbst wenn kein Ungeziefer zu finden ist, wird er dennoch etwas berechnen«, gebe ich zu bedenken.

»Solange das Vieh in meinem Zimmer wohnt, kann ich hier nicht schlafen«, verkündet Amelie nun in weinerlichem Ton und schaut dabei in Gustls Richtung.

Ahhh! Daher weht der Wind. Sie sucht ein spinnenfreies Nachtlager. Bei wem sie da wohl anklopfen wird?

Mittlerweile kniet Gustl vorm Bett und versucht, darunterzuspähen, was ziemlich lustig aussieht, weil er völlig ungeniert seinen Po in Unterhosen in die Luft reckt. Genauestens beäugt von Amelie.

Nach wenigen Sekunden gibt er auf und erhebt sich ächzend. »Ohne Brille kann ich nichts sehen.«

Ich reiche ihm meine.

»Danke, Mathilde«, sagte er und schickt mich in die Küche. »Unter der Spüle steht ’ne Dose Insektenspray.«

»Nein, nicht umbringen«, piepst Amelie, die sich offenbar ihrer Naturverbundenheit erinnert, und hält mich am Arm zurück.

Ich muss schon wieder ein Lachen unterdrücken: Spinne am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen!

Irma empfiehlt Haarspray. »Einfach ’ne ordentliche Ladung unters Bett sprühen, dann ergreift das Biest die Flucht.«

Amelie zieht eine Schnute und protestiert. »Na danke, und mein Bett stinkt dann nach Friseursalon. Außerdem halte ich mich an die buddhistische Regel, dass man keinem Lebewesen etwas zuleide tun soll. Auch keinem ekligen.«

»War nur ein Vorschlag.« Irma hebt abweisend die Hände und verzieht sich mit der Bemerkung, dass sie nun das Bad putzen würde. »Um zwei sitzt meine beste Kundin vor dem Spiegel – trotz meines Urlaubs. Münchens angesagteste Modedesignerin würde es mir nie verzeihen, wenn sie auch nur ein Sekündchen auf mich warten müsste.«

»Wir sehen uns später«, rufe ich, als sie im Badezimmer verschwindet.

Irma hat mir nämlich zum Geburtstag einen Termin bei ihr geschenkt, wie jedes Jahr, seit wir uns kennen. Waschen, schneiden, legen. Nach der Designerin bin ich dran.

Gustl gibt mir meine Brille zurück, hakt Amelie und mich unter und zieht uns in die Küche. »Ich werde uns ein stärkendes Jubiläumsfrühstück zubereiten, das beruhigt die Nerven. Danach stürzen wir uns in die Vorbereitungen für die Party, und später schau ich noch mal nach dem Spinnentier.«

Amelie blinzelt ihn an. »Ach, Gustl, du hast immer die besten Ideen. Und bitte, erschrick nicht, die Küche ist noch nicht aufgeräumt.«

»Sellerie – so ist das Leben«, entgegnet er generös.

»Irma und ich haben es gestern leider nicht mehr geschafft«, erklärt sie schuldbewusst.

»Leider?«, frage ich sie streng.

Fast unmerklich zuckt sie zusammen. »Ja, leider«, betont sie und taxiert mich unverwandt. »Ich habe nämlich für dich in die Zukunft geschaut. Eigentlich wollte ich es dir erst heute Abend verraten, aber bitte, dann sage ich es dir eben jetzt: Du wirst sehr bald deinem Traummann begegnen und dich unsterblich verlieben!«

»Nein!«

»Doch!«, beharrt sie trotzig. »Die Karten lügen nicht.«

Ich verkneife mir ein Lachen und bemühe mich, ernst zu bleiben. »Danke, Amelie, das ist wirklich eine tolle Geburtstagsüberraschung. Hoffentlich verliebt sich der Mann auch in mich.«

3

Pünktlich um zwei treffe ich im »Chez Schorschi« ein.

Ich liebe Friseursalons, Entschuldigung, Coiffeursalons. Schorschi legt Wert darauf, nicht als Friseur bezeichnet zu werden. Irma hat mir erklärt, der Unterschied zwischen einem popeligen Haarschneider und einem Coiffeur betrüge rund zweihundert Euro pro Schnitt. Die Atmosphäre dagegen dürfte sich kaum unterscheiden; immer surren leise die Haartrockner, irgendwo plätschert Wasser und verführerische Düfte wabern umher. Allein der Gedanke an teure Shampoos, wohltuende Spülungen, feuchtigkeitsspendende Fluids und was sonst noch alles an Wundermitteln auf den Köpfen verteilt wird, nährt in mir jedes Mal die Hoffnung, wie aus einem Jungbrunnen rundum erneuert aufzutauchen. Bisher wurden meine Träume aber nie erfüllt – trotz Irmas kreativer Hände.

Irma erwartet mich bereits am Empfangstresen und geleitet mich durch das silber-weiße Ambiente aus Glas und Stahl. Dabei begrüßt sie im Vorbeigehen eine Kundin, die sich bitter beschwert, keinen Termin bei ihr bekommen zu haben, und mich giftig beäugt.

An Irmas versteckt liegendem Frisierplatz sinke ich in einen bequemen Ledersessel, während sie mir ein Handtuch umlegt und den Umhang darüber befestigt. »Und, bereit für eine Veränderung?«, fragt sie.

»Ähm … Veränderung?« Unsicher blicke ich sie über den silbergerahmten Spiegel an. »Also eigentlich …«

Entschlossen greift sie mit den Händen in mein Haar. »Wie lange kennen wir uns jetzt?«, fragt sie, zupft mir dabei Strähnchen in die Stirn, schiebt eine Seite aus dem Gesicht und wieder nach vorn.

»Ungefähr fünfzehn Jahre«, antworte ich, ohne lange überlegen zu müssen. »Warum?«

»Weil du seitdem mit diesem langweiligen Bob rumläufst.«

»Den du mir seitdem schneidest!«, kontere ich und lege schnell noch ein Kompliment drauf. »Zu meiner vollen Zufriedenheit.«

»Danke, danke«, grinst sie geschmeichelt. »Aber irgendwann wird jeder Style fade, egal wie perfekt der Schnitt …« Sie stockt, als suche sie nach den richtigen Worten.

»Ja?

»Ich finde«, beginnt sie und zieht das Waschbecken zu sich. »Du trägst viel zu dunkle Klamotten, und der strenge Bob ist auch unvorteilhaft. Du solltest dich dringend neu erfinden. Schaff dir ein paar farbige Shirts an oder wenigstens mal einen roten Schal. Ab einem gewissen Alter braucht frau ein bisschen Pep.«

Oh, oh! Wenn Irma »Pep« sagt, schrillen bei mir die Alarmglocken. Im Gegensatz zu mir verändert sie ihre Haarfarbe nämlich jedes Halbjahr. Und sobald das Haar auch nur fünf Zentimeter nachgewachsen ist, lässt sie sich von einem Kollegen einen neuen Schnitt verpassen.

»Und was genau bedeutet peppig?« Meine Stimme kickst, als habe sie mir eine Vollglatze angedroht.

»Vertrau mir«, flüstert sie und zwinkert mir zu. »Ein anderer Schnitt, mit dem du dich um mindestens zwanzig Jahre jünger fühlen und um zehn Jahre jünger aussehen wirst.«

»Hilft ein peppiger Haarschnitt auch gegen trockene Haut, lästige Hitzewallungen und überflüssige Pfunde?«

»Selbstverständlich!«, antwortet sie voller Überzeugung. »Ich leide jedenfalls nicht unter der Menopause.«

Zwei Stunden später starre ich ungläubig in den Spiegel. Irma hat den »faden« Bob stufig geschnitten, mir jugendliche Ponyfransen und eine farbauffrischende Spülung verpasst. Das Haar schimmert jetzt golden-haselnussbraun und lässt meine grün-braunen Augen leuchten. Ich fühle mich tatsächlich, als sei ich dem Jungbrunnen entstiegen – zumindest habe ich einen Schluck daraus getrunken.

Zur Feier des Tages spendiere ich mir noch ein professionelles Make-up bei Gerry, der zufällig einen Termin frei hat.

»Ach, wie schön, die wunderbare Tilda«, begrüßt mich der schwarz gekleidete Visagist überschwänglich. Erstaunt hebt er die wohlgeformten Brauen und lässt den Blick über mein Haar wandern. »Irmchen, du kleine Artistin, hast mal wieder gezaubert, wie? Haselnuss, mit einem winzigen Schlückchen Goldkupfer. Einfach spek-ta-ku-lär!«

»Danke Gerry-Schatz.« Sie busselt ihn auf die zart rougierte Wange. »Und jetzt sind deine Zauberkünste gefragt.«

»Du scherzt, Teuerste«, winkt er mit einer ausladenden Bewegung seiner silberberingten Hände ab. »Gegen dich bin ich nichts weiter als ein bedauernswerter Lurch.«

Zwei, drei Minuten lang wetteifern sie mit zuckersüßen Komplimenten, bis sich Irma schließlich verabschiedet.

»So, Schätzchen!« Gerry stellt sich hinter mich und betrachtet mich über den Spiegel. »Was darf ’s denn sein? Künstliche Wimpern, falsche Fingernägel und kussechter Lippenstift?«

Dankend lehne ich ab. »Dafür bin ich viel zu alt. Trotzdem, lieb von dir. Heute hätte ich gern nur ein schönes Tages-Makeup.«

»Meine Liiiebe«, antwortet er gedehnt. »Wir sind al-terslos. Weißt du, was Eiväna neulich zu mir gesagt hat, als ich ihr ein Kompliment zu ihrem guten Aussehen gemacht habe?«

»Meinst du Ivana Trump, die mit diesem Trump-Tower-Milliardär verheiratet war?«, frage ich ehrfürchtig.

»Selbige, selbige«, bestätigt Gerry. »Die Trampsche ist ja auch in unserem Alter und sieht aus wie das blühende Leben.«

Ich schätze Gerry auf Mitte Dreißig, aber er spricht grundsätzlich von »unserem Alter«. Bei dieser Behauptung fühlt sich jede Frau gut.

»Und, was sagt Ivana?«

»Es dauert jedes Jahr zwei Stunden länger, sooo umwerfend auszusehen!«

 

Nach dem Besuch beim Coiffeur begebe ich mich auf Shoppingtour. Mal abgesehen von mehr Farbe, die ich laut Irma benötige, hat Amelie fürs Jubiläum Aufbrezeln angeordnet. Damit wir nicht wie olle graue Altersheimmäuse aussähen, meinte sie. Sie wusste genau, dass sie mich mit diesem hinterhältigen Argument eiskalt erwischt, denn leider hängen in meinem Schrank ausschließlich die konservativen Klamotten, die man als Chefbuchhalterin so trägt. Doch nun besitze ich ein todschickes schwarzes Kleid mit U-Boot-Ausschnitt, das die Schultern freilässt. Laut Coco Chanel bleiben die Schultern nämlich bis zuletzt faltenfrei. Außerdem ist Schwarz unabhängig von Modetrends, was wiederum meine immer noch auf Kosten-Nutzen ausgerichtete Buchhalterseele besänftigt, denn das Kleid und der dazu passende Body waren unanständig teuer.

Mindestens zehn Minuten habe ich mich im Designerladen vor dem Spiegel gedreht und überlegt, ob sich so eine Ausgabe für mich überhaupt amortisiert. In meinem Alter sind Einladungen zu festlichen Events so selten wie ein Rosengarten in der Wüste. Wie oft würde ich es also noch tragen können? Die blutjunge, wunderschöne Verkäuferin sah ihre Chance auf Umsatz schwinden und suchte eilig nach Argumenten, um meine Kauflust zu animieren. »Mit einer schönen Kette oder einem farbigen Schal können Sie es jederzeit aufpeppen und nicht nur zu Beerdigungen tragen«, säuselte sie verbindlich lächelnd. Im ersten Moment wollte ich sie anpflaumen, wie sie auf die absurde Idee käme, dass ältere Frauen elegante Kleider nur für Beerdigungen benötigen.

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