Logo weiterlesen.de
Liebe Ahoi!

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Staffel
  6. Prolog
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  27. 21. Kapitel
  28. Epilog

Über die Autorin

Shari Low blickt auf eine abwechslungsreiche Karriere zurück. Nachdem sie als Nachtclub-Managerin in Großbritannien, Holland, Schanghai und Hongkong Station gemacht hatte, kehrte Shari Low in ihre Heimatstadt Glasgow zurück. Dort lebt sie mit ihrem Ehemann John und ihren beiden kleinen Söhnen. Sie ist heute als freie Schriftstellerin tätig. Besuchen Sie die Autorin unter www.sharilow.com im Internet.

Image

Prolog

Von: Sekretariat David Gold

An: Sarah Gold, Mona Gold, Beth Gold

Cc: David Gold

Betr.: Reiseplanung

Liebe Mrs. Gold,

hiermit bestätige ich, wie von Mr. Gold gewünscht, nun endgültig die Buchung Ihrer Reise.

Die Kreuzfahrt beginnt am 23. Juni 2011 in Barcelona und endet am 3. Juli ebenfalls dort. Beigefügt finden Sie sämtliche Einzelheiten zum Reiseverlauf sowie die Gästeliste. Insgesamt wurden fünf Suiten gebucht, die übrigen Reiseteilnehmer erhalten ebenfalls eine entsprechende Mitteilung.

Für den Abend des 2. Juli ist im Café de Monaco in Monte Carlo ein Tisch reserviert. Der Restaurantchef ist darüber informiert, dass ein Geburtstag gefeiert werden soll, und wird sich, wie von Mr. Gold gewünscht, um eine entsprechende Torte, Champagner und ein Jazzquartett kümmern.

Sollten Sie weitere Informationen benötigen, melden Sie sich gerne bei mir.

Mit den besten Grüßen
Jasmin Deloitte, Assistentin David Gold

1. Kapitel

ALLE IN EINEM BOOT

Seufzend stellte Sarah ihre Kaffeetasse ab. »Mum, ich muss jetzt Schluss machen. Ich hab gerade eine Mail gekriegt, die ich dringend beantworten muss.«

»Okay, mein Schatz, ich ruf morgen oder übermorgen wieder an. Und wenn ich irgendwo einen Hotspot finde, skiepen wir, ja?«

»Skeipen, Mum, man spricht es skeipen aus.«

»Mein ich doch. Blödes Wort. Wie auch immer, hasta la vista, Baby, wie man bei uns so schön sagt.«

Sarah lächelte. »Das sagt man bei euch nicht.«

»Dein Dad schon. Jedes Mal, wenn ich aus dem Wohnmobil steige. Er findet das wahnsinnig intellektuell.«

Sarah lächelte. Sie stellte sich vor, wie ihre Mutter bei diesen Worten ihre sonnengerötete Nase kräuselte, und ihr Herz zog sich zusammen. Für ihre Eltern, Evelyn und Alan Morris, war der Ruhestand ein einziges Abenteuer. Die ehemalige Krankenschwester und der Expolizist waren mit fünfundfünfzig Jahren in Rente gegangen und nach Brasilien geflogen, um mit einem Wohnmobil durch Südamerika zu reisen. Sarah versuchte, nicht daran zu denken. Es widersprach einfach dem normalen Gang der Dinge. Eigentlich sollten sich ihre Eltern um ihre abenteuerlustige achtundzwanzigjährige Tochter sorgen und nicht umgekehrt. Aber das Einzige, was Sarah bei Anderson & McWilliam Marketing in Gefahr bringen konnte, waren die steinharten Kekse, die Beryl, die Reinigungskraft, ihnen jeden Freitag mitbrachte.

»Mach’s gut, Mum. Und drück Dad ganz fest von mir. Ich vermisse euch.«

»Wir vermissen dich auch, meine Süße. Liebe Grüße an David.«

Als Sarah auflegte und die E-Mail ein zweites Mal las, verspürte sie auf einmal den unwiderstehlichen Drang, zum Glasgower Flughafen zu fahren und in den erstbesten Flieger zu steigen, der sie zu ihren Eltern brachte. Die ihr bevorstehende Alternative war nicht sonderlich verlockend.

Eine zweiwöchige Kreuzfahrt zur Feier des fünfzigsten Geburtstags ihres Ehemanns? So weit so traumhaft. Plus zwei erwachsene Kinder aus einer seiner früheren Ehen? Klang potenziell ungemütlich, aber noch erträglich. Plus eine Exfrau, und der Stressfaktor erhöhte sich gewaltig. Plus eine weitere Exfrau, deren Ehemann und Stiefkind, und man bekam schon bei der Vorstellung eine Gänsehaut bis zu den Zehenspitzen.

Auf einmal schien Sarah eine Begegnung mit Drogenschmugglerbanden in den Bergen von Bogota die wesentlich angenehmere Variante zu sein.

Zivilisiert, nannte David das. Modern. Pragmatisch. »Schließlich sind wir alle erwachsen«, war sein Lieblingssatz, wenn er seine erweiterte Multigenerationen-Patchworkfamilie an Geburtstagen, Weihnachten und anderen ausgewählten Feiertagen um sich versammelte. Er war stolz darauf, dass er mit Mona, Exfrau Nummer 2, heute noch zusammenarbeitete und dass er Beth, Exfrau Nummer 1, jedes Jahr am Tag ihrer Scheidung zum Essen ausführte.

Es wäre eine Lüge, wenn Sarah behaupten würde, sie hätte sich an diese Umstände nicht erst gewöhnen müssen. Aber schließlich hatte sie von Anfang an gewusst, worauf sie sich einließ. Einen Mann wie David Gold, Zeitungsverleger und gut zwanzig Jahre älter als sie, gab es nun mal nur mit Anhang.

Und jetzt das.

Sie hatte sich zu seinem Fünfzigsten eine romantische Woche in Venedig vorgestellt. Oder ein exklusives Wochenende in Rom. Aber nein, David hatte sie einfach überrumpelt – ja, überrumpelt war genau das richtige Wort – mit seiner Idee, eine zweiwöchige Kreuzfahrt mit ihr und seinen beiden Exfamilien zu unternehmen. Und sosehr sie auch versuchte, sich einzureden, dass sie sich auf eine solche Traumreise freuen sollte – die Vorstellung löste bei ihr in etwa so viel Begeisterung aus wie die Aussicht auf zwei Wochen Windpocken.

»Du denkst schon wieder dran, hab ich recht?«

Callum brachte ihr eine Tasse Kaffee und setzte sich auf die Schreibtischkante, mitten auf die Reinzeichnungen ihrer Kampagne für Hundekakabeutel. Sarah hatte stundenlang über dem Konzept für die Anzeigenserie gebrütet, dabei stand eins fest: Wenn sie einfach nur ein Foto von Callum mit ein paar niedlichen Hunden nahm und den Produktnamen darunterschrieb, würden die Frauen im ganzen Land Schlange stehen, um die Dinger zu kaufen. Ganz gleich, ob sie einen Hund besaßen oder nicht.

Falls es Genetikern gelänge, die DNA von Johnny Depp und Daniel Craig zu kreuzen, würde ein Typ wie Callum dabei herauskommen. Rasierklingenscharf modellierte Wangenknochen, kantiger Kiefer und derart intensiv blickende Augen, dass er nur deshalb nicht aussah wie ein Serienkiller, weil er ständig lachte.

»Ja, du hast recht«, gab Sarah zu. »Dabei wird es sicher toll. Sonne und Meer, und das Schiff muss auch umwerfend sein. Ich sollte mich glücklich schätzen.«

»Wow, du bist unglaublich.« Callum pfiff leise durch die Zähne. »Wie kann man sprechen und dabei gleichzeitig auf der Unterlippe herumkauen?«

»O nein, hab ich das schon wieder getan?« Sarah kramte in ihrer Schreibtischschublade nach der Vaseline und schmierte sich eine dicke Schicht auf die Lippen. »Ich schwöre bei Gott, bei jedem aufregenden Event, auf dem ich jemals war, sahen meine Lippen aus, als wäre ich mit dem Mund in eine Küchenmaschine geraten. Auf meiner eigenen Hochzeit habe ich ausgesehen wie Angelina Jolie. Und das meine ich nicht positiv.«

Callum lachte. Schon wieder. Dieses Maß an guter Stimmung war nicht normal. Er war die personifizierte gute Laune, von den Göttern entsandt, um ein Büro zu einem glücklicheren Ort zu machen. Oder er hatte weit hinten in einer seiner Schreibtischschubladen eine Flasche versteckt, aus der er heimlich trank. Das wäre nicht schlecht – sie könnte jetzt gut einen Schluck vertragen.

Natürlich hätte Sarah einfach mit dem Fuß aufstampfen und sich weigern können mitzufahren, aber wie spießig hätte das ausgesehen? Schließlich wurde David fünfzig, und er wollte seine Familie um sich haben. War das nicht eigentlich fantastisch? Und hatte sie nicht genau das von Anfang an fasziniert an ihm?

Um sich ein bisschen aufzumuntern, bejahte Sarah diese Frage mental und ignorierte die Wahrheit einfach: Was sie in Wirklichkeit von Anfang an zu ihm hingezogen hatte, war die Tatsache, dass er der charismatischste, selbstbewussteste, intelligenteste und witzigste Mann war, dem sie je begegnet war. In ihrem letzten Studienjahr war er Dozent an ihrem College gewesen und hatte einen Vortrag über die Zukunft der Zeitungsverlage gehalten. Trotz seiner schonungslosen These, dass es sich wegen der Konkurrenz mit Internet und vierundzwanzigstündig sendenden Nachrichtenkanälen um eine sterbende Branche handle, erwogen zweihundert Studenten am Ende seiner Rede, vom Hauptfach Marketing zu Journalismus zu wechseln. Nicht nur sein braunes Haar mit den grauen Schläfen oder die breiten, durchtrainierten Schultern und die funkelnden grünen Augen gaben ihm etwas Verwegenes, nein, David Gold besaß Ausstrahlung. Autorität. Und ein sensationelles fotografisches Gedächtnis.

Sie war jedenfalls völlig verblüfft gewesen, als sie ihm bei einer Wohltätigkeitsgala einige Jahre später wieder begegnet war. Er hatte einfach ignoriert, dass sie eigentlich als Bedienung arbeitete, und sie wie eine Prinzessin behandelt. Erst viel später begriff Sarah, dass er dieses Talent im Laufe der Jahre durch seine vielen Interviews und seinen Kontakt zu den Reichen und Mächtigen im Lande kultiviert hatte.

Nachdem sie sich an jenem Abend mit David unterhalten hatte, wusste Sarah schon, dass er ganz besonders war. Der Altersunterschied war ihr völlig gleichgültig. Genau wie ihr Fünf-Pfund-Job, den sie zusätzlich angenommen hatte, um von ihrem bescheidenen Praktikumsgehalt bei einer der angesagtesten Marketingagenturen Glasgows leben zu können. Er hatte sie eingeladen, mit ihm auszugehen, und sie hatte ihr Serviertablett an Ort und Stelle fallen lassen. Die folgenden acht Stunden hatten sie in einem Nachtcafé verbracht, sechs Wochen später waren sie verheiratet.

Die große Familie war wie ein Hochzeitsgeschenk gewesen. Bekam nicht jede Braut einen Toaster, ein silbernes Salatbesteck, zwei Exfrauen und eine Instantfamilie?

»Also, was wirst du tun?« Mit Appetit biss Callum in das Hefegebäck, das er soeben aus einer braunen Papiertüte gezaubert hatte.

Behutsam zupfte Sarah einen Krümel ab, der auf seinem Oberschenkel gelandet war, während sie ihre Antwort überdachte. Manchmal fragte sie sich, wie es wohl wäre, wenn sie eine ganz normale Beziehung hätte. Junger Mann begegnet junger Frau. Sie gehen zusammen aus. Verloben sich. Heiraten. Bekommen Kinder. Mist, blödes Thema.

Geübt, wie sie im Finden spontaner Antworten war, antwortete sie: »Keine Ahnung. Was würde deine eins achtzig große amazonenhafte kluge Anwaltsfreundin an meiner Stelle tun?«

Callum zuckte mit den Schultern. »Sie hat mich verlassen.«

»Nein!«

»Leider doch. Sie sagte, ich sei ihr nicht fokussiert genug. Sie brauche jemanden, der einen Plan habe, am Ball bleibe und eine Strategie entwickle.«

»Gib zu, wenn sie so drauf ist, hättest du ohnehin mit ihr Schluss gemacht.«

»Ja.« Callum holte tief Luft. »Nein, stimmt nicht. Ich hätte nie mit ihr Schluss gemacht. Sie war das verführerischste Geschöpf, das mir je begegnet ist, und ich bin sowohl männlich als auch ziemlich oberflächlich.«

Sarah riss Callum das Gebäckstück aus der Hand und stopfte sich den letzten Bissen in den Mund. Es kümmerte sie nicht, dass sie sich dabei das Kostüm vollkrümelte.

»Du bist total pathetisch.«

Beleidigt verzog er das Gesicht. »Hey, ich bin nicht derjenige, der mit der gesamten Kontaktliste seines Ehemanns verreisen muss.«

»Okay, wir sind beide pathetisch. Hast du Lust, den Frust mit mir in Alkohol zu ertränken? David muss heute lange arbeiten, wir treffen uns erst um halb zehn zum Essen. Du könntest mir gut helfen, eine Strategien zu ersinnen, wie ich die anderen unterwegs loswerde.«

»Ich …«

Ein schriller Klingelton schnitt ihm das Wort ab. Ohne hinzusehen griff Sarah in ihre Handtasche und zerrte ihr iPhone heraus.

»Wie machst du das bloß? Männer bräuchten ein Navi, um in einer Frauenhandtasche was zu finden.«

»Angeborenes Talent.« Sie warf einen raschen Blick auf das Display. Es war David.

Tief atmen. Lächeln. »Hi, mein Schatz.« Er wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie etwas belastete. »Klar. Klingt super. Natürlich freue ich mich – es ist toll, alle wiederzusehen. Was ist denn passiert? Himmel, das ist ja unglaublich! Klar verstehe ich das. Nein, nein, ist schon okay. Ich wollte ohnehin mit ein paar Kollegen noch was trinken gehen.«

Callum sah sich suchend nach den Kollegen um. Sie warf mit der Gebäcktüte nach ihm.

»Okay, mein Süßer, ich bin dann sicher schon im Bett. Ich hoffe, es wird nicht zu spät für dich. Lieb dich.«

Ein tiefer Seufzer entfuhr ihr, als sie das iPhone wieder in ihrer Tasche verstaute. Manchmal hatte sie das Gefühl, bei David nur eine Nebenrolle zu spielen. Schon wieder hatte er eine Freitagabendverabredung mit ihr abgesagt, diesmal wegen irgendeiner politischen Affäre. Angeblich gab es das Gerücht, dass die Frau des Premierministers beim Ladendiebstahl erwischt worden war, und jetzt wartete die gesamte Presse auf nähere Informationen.

Callum stand auf und klopfte sich die Krümel von der Jeans. »Ich und die anderen Kollegen wüssten schon gern, was so unglaublich ist.«

»Ah … Du musst aber schwören, dass du es niemandem weiter …«

»Okay, ich schwöre beim Leben meiner amazonenhaften Exfreundin. Ich mag sie sowieso nicht mehr.«

»Es geht das Gerücht, dass die Frau des Premiers dabei erwischt wurde, wie sie bei Mulberry zwei Handtaschen und eine Passhülle hat mitgehen lassen. David schafft’s nicht zum Essen.«

Callum zog seine Jacke von der Stuhllehne. »Dann wirst du wohl mit mir vorliebnehmen müssen. Ich bewerbe mich erneut offiziell um die Stelle als Double deines Ehemanns.«

Es war ein alter Witz zwischen ihnen. Wie oft hatte David schon auf die letzte Minute abgesagt? Oder musste gehen, ehe der Hauptgang auf den Tisch kam? Callum sprang so häufig für ihn ein, dass sie eigentlich mehr Zeit mit ihm verbrachte als mit ihrem Mann.

Aber es machte keinen Sinn, deswegen zu jammern. Sie liebte David Gold, und das bedeutete nun mal, sich mit solchen Momenten abzufinden. Genau wie mit seiner Großfamilie. Das war er schließlich wert. Daran zweifelte sie keine Sekunde. Keine einzige.

»Und Sarah …«

Sie verzog die Lippen zu einem unechten Lächeln. »Ja?«

»Wenn ich dein Ersatzmann bin – darf ich dann auch bei dir schlafen? Ich will nur wissen, ob ich eine Zahnbürste einstecken muss.«

»Du weißt doch, dass ein mächtiger Medienmogul Karrieren zerstören und einen … na ja, erfolgreichen Marketingmann über Nacht heimat- und mittellos machen, sein Leben ruinieren und ihn als Junkie auf der Straße enden lassen kann?«

Callum nickte resigniert. »Dann lasse ich die Zahnbürste wohl lieber in meiner Schreibtischschublade.«

*

»Ja! Genau da! O Gott, das ist gut! Ja, Baby, ja …«

Adrian presste die Hand fest auf Monas Mund, und sie biss ihm zur Belohnung in den Ringfinger. Mit Kraft. Es konnte nur an seinen täglich tapfer ertragenen Schmerzen während seiner stundenlangen, sich selbst auferlegten Trainingseinheiten liegen, dass er kaum zusammenzuckte. Wenn er als Folteropfer in Stirb langsam überzeugen wollte, musste er lange durchhalten, ehe er CIA-Geheimnisse preisgab.

»Psst, Baby, die Wände sind dünn wie Papier«, flüsterte er.

Mona hörte es gar nicht. Wellen schierer Glückseligkeit durchströmten sie – von ihren knallroten Revlon-Zehennägeln bis zu den Spitzen ihrer langen kupferroten Extensions. Das tiefe, sexy Stöhnen, das ihr entfuhr, als sie kam, ließ Adrian seine Sorge um den Lärm vergessen und ihn selbst mit einem tiefen Stoß zum Höhepunkt kommen.

Sobald er zur Ruhe kam, rollte Mona sich von seinem rapide schrumpfenden Penis herunter und ging durch das Büro. Dabei war ihr vollkommen bewusst, dass sie – lediglich mit Jimmy-Choo-Stilettos und St.-Tropez-Selbstbräuner bekleidet – von hinten einen fantastischen Anblick bot. Und das sollte sie auch. Jeden Morgen eine Stunde Pilates, dreimal pro Woche Hanteltraining und jeden Mittag mindestens eine Stunde Ausdauertraining – sie arbeitete hart für diesen Anblick. Der Mehrwert ihrer kleinen Zwischeneinlage gerade war, dass sie ungefähr so viele Kalorien verbrannt hatte wie bei einer halben Stunde auf dem Stepper. Vielleicht ließ sie ihn noch mal ran, dann könnte sie am Nachmittag die sechzig Minuten im Fitnessraum ausfallen lassen.

Das Zifferblatt ihrer Longines-Platinuhr sagte ihr etwas anderes. Keine Zeit für einen zweiten Quickie. Verdammt, sie war spät dran. Nicht mal für ihre geliebte postkoitale Mentholkippe reichte es. Dabei machte die Tatsache, dass sowohl ihr Personal Trainer als auch die Hausregeln ihr diese eigentlich streng untersagten, sie besonders verlockend.

»Leider muss ich dich jetzt verlassen«, gab Mona kund und knipste den Verschluss ihres Wonderbras zu, ehe sie ihre weiße Seidenbluse überstreifte.

Diese und der Bleistiftrock im Vierzigerjahre-Look waren ihr Standard-Businessoutfit. Sie hatte nichts übrig für den stillosen Jeans-Look der jungen Reporter heutzutage. Schon in ihren Anfangszeiten, wenn sie auf der Straße unterwegs war, um irgendeine gut Story aufzuspüren, damit ihr Verleger sie nicht noch vor Redaktionsschluss feuerte, hatte sie begriffen, dass das Motto »Dress for Success« enorm hilfreich war. Der erschöpfte Arzt in der Notaufnahme, der junge Anwalt einer renommierten Kanzlei, der wichtigtuerische Kommissar – sie alle reagierten ganz anders auf Minirock mit enger Bluse, wilde Mähne und feuchte rote Lippen. Zumindest in den Neunzigern.

Heute, zwei Jahrzehnte später, war Mona Fashion Editor eines Boulevardblatts, und Stil war ihr zweiter Vorname. Mit ihrem Instinkt für perfekte Auftritte hatte sie ihren Ehemann angelockt, den ersten ebenso wie den zweiten. Die untrügliche Stilsicherheit war etwas, worum sie die anderen Frauen auf den zahlreichen Wohltätigkeitsveranstaltungen beneideten, und der Grund, weshalb sie sich noch immer in ihrem Job hielt, auch wenn Dutzende Nachwuchstalente ständig an ihrem Thonet-Stuhl sägten.

Und so erlaubte Mona sich in der Mittagspause ihre regelmäßigen kleinen Sexabenteuer auf dem Sofa in ihrem Büro mit perfekt modellierten Männern, deren Bodys in jedes GQ-Magazin gepasst hätten. Vor ihrer Tür saßen über hundert Zeitungsangestellte und stopften Burger und Chicken Wraps in sich hinein, während sie sich etwas wesentlich Appetitlicheres gönnte. Sie war sicher, dass der eine oder andere ahnte, was hinter ihrer Tür vor sich ging, aber das interessierte sie einen feuchten Kehricht.

Adrian streckte den Arm aus, angelte lässig seine Armani-Boxershorts von der Sofalehne und hielt sie sich vor den Schritt.

»Bisschen spät für Schamgefühle«, kommentierte Mona und schloss ihre Perlohrringe. Es nervte sie, dass Perlen auf einmal wieder in waren. In ihren Augen waren sie nie out gewesen. Aber jetzt wimmelte es samstagabends überall von billigen Mädels in lächerlich knappen Kleidchen und mit Perlenketten, die sie für drei Pfund in irgendeinem drittklassigen Shop auf der High Street erstanden hatten. Es entwertete den Look irgendwie, aber Mona war trotzdem noch nicht bereit, ihn aufzugeben. Die Mode der Vierzigerjahre war ihr Markenzeichen, und daran würde sie nichts ändern.

Adrian sah sie an und stieß einen tiefen Seufzer aus. »Mann, das war echt großartig. Wir sollten das öfter machen.«

Mona frohlockte innerlich. Wieso waren ausgerechnet die Gutaussehenden die, die besonders unersättlich waren? Man sollte doch annehmen, dass allein die Tatsache, dass sie jedes Mädchen haben konnten, sie cool und unerreichbar machte, aber in Wirklichkeit war genau das Gegenteil der Fall. Es war ein offenes Geheimnis, dass Adrian schon mit der Hälfte der weiblichen Angehörigen der Glasgower Fashion Scene im Bett gewesen war, und trotzdem schaute er sie seit Monaten mit diesen Welpenaugen an. Sie hatte ein Fotoshooting nach dem anderen mit ihm gemacht, ihm alles angezogen, vom lässigen Country Tweed bis zum rockigen Lederoutfit, ihn mit Popsternchen und großartigen Models einschließlich eines Bassethunds namens Bert zusammengebracht, aber er hatte nur Augen für sie. Sie hatte es gespürt. Ignoriert. Genossen. Aber nicht erwidert bis heute, als er in schwarzen Jeans, hautengem weißen Shirt und Bikerstiefeln zu einem Meeting erschienen war. Die Boots hatten den Deal besiegelt. Manchmal war das Verwegene genau das, was Frauen brauchten, besonders nach einem langen Vormittag mit Finanzleuten, die jeden einzelnen Posten ihres Budgets zweimal herumgedreht hatten.

Verfluchte Parasiten. Wenn sie nicht wäre, gäbe es in dieser Zeitschrift überhaupt keine Fashion-Seiten. Begriffen die denn nicht, dass sie mit ihrem Mini-Etat ohnehin schon dauernd Wunder vollbrachte?

»Hör zu …« Adrian zog seine Boxershorts an und drehte sich um, um seine Jeans zu suchen. Er entdeckte sie auf dem kleinen Kühlschrank. »Wie wär’s, wenn wir heute Abend was zusammen essen gingen? Oder von mir aus auch am Wochenende?«

Mona zuckte zusammen. So funktionierte das nicht. Ein Quickie in der Mittagspause war nicht das Vorspiel für eine stabile Beziehung. Manchmal sehnte sie sich wirklich nach den guten alten Zeiten, als ein Typ das erste Date ausschließlich dazu verwendete, in den Slip einer Frau zu kommen, und dann wieder verschwand, weil sie danach als billig galt.

Das konnte nichts werden. Adrian: männliches Model, dreiundzwanzig. Mona: Moderedakteurin, fast siebenunddreißig.

Sie saß, mittlerweile komplett angezogen, auf dem Acrylstuhl hinter ihrem schwarzen Hochglanzschreibtisch. Ihre Finger fuhren über die Tastatur ihres Notebooks, um Termine zu checken. Die Fähigkeit, ihr Leben in Dateien zu packen, war eine der größten Stärken Monas, und die Datei Sex war für heute geschlossen. Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen.

»Adrian, es war sensationell.« Immer mit etwas Positivem beginnen. »Aber ich fürchte …« Ihre Aufmerksamkeit wurde auf ein aufflackerndes Symbol auf ihrem Bildschirm gelenkt, und sie wandte den Blick kurz von ihm ab. Ein paar Klicks später richtete Mona ihre Aufmerksamkeit erneut auf Adrian. Sie nahm den Faden wieder auf. »Hör zu, es tut mir echt leid, aber ich habe jetzt wirklich keine Zeit mehr. Ich muss mich um eine dringende Angelegenheit kümmern.«

»Kann ich dir helfen?«

Das war ein süßes Angebot, aber irgendwie konnte sie sich nicht vorstellen, dass die hohe Kunst der Diplomatie und des Problemlösens seine Stärke war. Sollte sie jedoch irgendwann mal einen Experten für die Dreifachdrehung am Laufstegende benötigen, würde sie bestimmt auf ihn zurückkommen.

Seufzend richtete sie den Blick wieder auf den Bildschirm vor ihr. »Nein«, antwortete sie, mehr zu sich selbst. »Es sei denn, du hast eine gute Idee, wie ich meinem Ehemann beibringen kann, dass wir mit meinem Ex in Urlaub fahren.«

*

Beth fuhr mit dem Zeigefinger am Rand ihrer Rührschüssel entlang und belohnte sich für den anstrengenden Arbeitsmorgen mit einer ordentlichen Portion Kuchenteig. Der Hund würde heute zwei Runden durch den Park rennen müssen, damit sie die Extrakalorien wieder abarbeiten konnte.

Ach, was sagte sie? Sie machte sich nichts vor. Der Hund würde seine übliche halbstündige Gassieinheit bekommen, und sie würde ihre guten Vorsätze über Bord werfen und sich in der High Street einen leckeren Kaffee gönnen.

Lächelnd stellte sie den CD-Player lauter und begann mitzusingen, ohne es so recht zu merken. Tim McGraw sang von einem Typen, der feststellte, dass er nicht mehr lange zu leben hatte. Irgendwas von tiefer Liebe, Versöhnung und einem Ritt auf einem Bullen namens Fu Manchu. Diese Art aufmunterndes Zeug begleitete Beth durch den Tag. Ihre Vorliebe für Country- und Western-Musik brachte ihr eine Menge Spott von Familie und Freunden ein, aber sie ließ sich davon nicht abhalten. Wenn Dolly Parton irrte, wollte Beth auch nicht recht haben.

Vorsichtig schob sie zwei runde Backformen in den Ofen und überprüfte noch einmal die Temperaturanzeige. Fünfundzwanzig Minuten bei zweihundert Grad. Sie würde später noch mal losmüssen, um die Kirschen für die Deko zu besorgen, ehe sie mit dem Anrühren des Zuckergusses begann. Das fertige Produkt würde eine Torte in der Optik eines Büstenhalters, Körbchengröße DD, werden, samt hervorquellenden Brüsten und aufgerichteten Nippeln. Die Freundinnen einer frisch geschiedenen Frau hatten sie bestellt. Sie war gerade vierzig geworden und nach Polen geflogen, um sich die Brüste vergrößern zu lassen und ein neues Leben zu beginnen. Es war immer gut, wenn die Torte aussah wie die neuen Brüste und nicht wie die alten – dann brauchte man weniger Zuckerguss.

Nach wenigen Minuten duftete die ganze Küche verführerisch nach Kuchen. Es war Beth’ absoluter Lieblingsduft – besser als der jedes noch so teuren Parfüms. Sie konnte noch immer kaum glauben, dass das Hobby, mit dem sie gut fünfzehn Jahre zuvor begonnen hatte, um sich über die Scheidung von David hinwegzutrösten, in ein erfolgreiches Unternehmen gemündet war. Sie hatte klein angefangen. Mit einer Geburtstagstorte in Form eines Fußballs für den Nachbarsjungen. Danach war eine Tennisplatzbiskuittorte für die Abschiedsparty des Hausmeisters an der Reihe gewesen. Eine Strandszene aus Marzipan für Freunde, die zu fernen Küsten aufbrechen wollten. Und Titten. Jede Menge Titten für alle möglichen Anlässe – von Junggesellinnenabschiedspartys bis zur aktuellen Neue-Brüste-Enthüllungszeremonie.

Beth’ Blick wanderte zur Uhr. Noch zwanzig Minuten. Sie könnte noch kurz unter die Dusche springen. Ihre Freundin Patsy anrufen und ein bisschen quatschen. Oder noch besser: die nächsten Kapitel in dem neuen Jackie-Collins-Bestseller lesen, der auf dem Küchentisch lag. Mist! Das Zuschlagen der Haustür ließ ihr erhofftes Date mit einem großen dunklen, perfekt gebauten milliardenschweren Schiffserben namens Bobby platzen.

»Hi Mum, was geht?«

Manchmal stellte ihre Tochter Fragen, auf die es einfach keine Antwort gab. Sie entschied sich für die nächstliegende. »Alles gut, Süße. Was machst du denn schon zu Hause? Hattest du heute Nachmittag nicht eine Doppelstunde Mathe?«

Eliza ließ ihre ausgebeulte Schultasche in der Diele fallen und kam in die Küche geschlendert. Lange Gliedmaßen, lange, zerzauste blonde Haare. Zu Beth’ Belustigung erforderte es jeden Morgen eine Stunde Arbeit, um diesen natürlich-wilden Look zu kreieren. Ihre Amazonen-Schrägstrich-Surfer-Girl-Tochter schaltete genervt den CD-Player aus und ging dann schnurstracks zum Backofen. »Iih, wie eklig! Ich glaub’s echt nicht, was du für Torten machst. Das ist echt peinlich!«

Beth nickte. »Ich weiß. Als Nächstes jobbe ich wahrscheinlich in einem Striplokal. Also was ist mit Mathe? Du hast meine Frage nicht beantwortet.«

»Hab ich ausfallen lassen. Ist so öde, und ich muss unbedingt noch shoppen gehen. Chantelle holt mich gleich ab, dann fahren wir in die Stadt. Dad hat mir am Wochenende seine Kreditkarte gegeben. Er hat gesagt, ich darf zweihundert Pfund ausgeben. Wegen seines Geburtstags.«

Beth versuchte sich ihre Reaktion nicht anmerken zu lassen. Was war das? Enttäuschung? Ärger? Wut? Wie oft hatte sie David gebeten, Eliza nicht so mit Geld zu überhäufen? Es war ein verlorener Kampf. Ihre gemeinsame Tochter hatte ihn mal wieder um ihren kleinen manikürten Finger (Ergebnis der letzten Zuwendung – ein Tag in einem Wellnessstudio in der Stadt) gewickelt. Gott, wie gerne wäre sie auch noch mal sechzehn, und die Welt läge ihr zu den zarten pedikürten Füßen!

Psychologen würden vermutlich behaupten, der Hauptgrund für Davids Extravaganzen in Bezug auf sein jüngstes Kind seien Schuldgefühle. Sie selbst würde natürlich alles für ihre Tochter geben, aber sie kannte auch Elizas Schwächen. Die Kleine war durch und durch verwöhnt. Sie lebte in Luxus. Und sie hatte ein ausgesprochen lässiges Verhältnis zum Geld.

Als Jüngste in der Familie wurde sie von allen verhätschelt. Von David. Von ihrem großen Bruder John. Und ja, Beth musste zugeben, dass auch sie bei ihrer Tochter nicht immer ganz konsequent war. Dazu würde den Psychologen sicher auch etwas einfallen. John war damals zehn gewesen, als Eliza zur Welt gekommen war – und im Nachhinein war Beth klar, dass die Schwangerschaft der letzte Versuch gewesen war, eine Ehe zu retten, die sich auf Talfahrt befand. Kurz nach Elizas erstem Geburtstag hatte die Scheidungsurkunde im Briefkasten gelegen. Beth war mit ihrer Tochter in ein Café gegangen, hatte in ein Stück Karottenkuchen geheult und anschließend in einem der exklusivsten Babyläden weit und breit sinnlos geshoppt. Sechs Monate später verdiente sie vierzig Pfund, aber ihre Tochter hatte einen Kleiderschrank zum Niederknien. Als Eliza dann ins Kleinkindalter kam, hatte Beth begriffen, dass das Verwöhnen ein Ende haben musste. Diese Erkenntnis musste David erst noch kommen.

»Hast du Lust mitzufahren, Mum? Ich könnte dir ein paar Stylingtipps geben. Damit du klamottenmäßig endlich mal in diesem Jahrhundert ankommst.«

Das Grinsen in Elizas Gesicht entschärfte die Wirkung ihrer Worte. Beth’ Lieblingsstücke, wadenlange Jeansröcke, ausgebeulte Jeans und Fleeceoberteile waren ein Dauerthema zwischen ihnen, denn Beth bestand darauf, dass diese Sachen eines Tages wieder in Mode kommen würden. Aber was machte es für einen Sinn, Sklavin der Mode zu sein? Sie hatte schon genug damit zu tun, Sklavin ihrer sechzehnjährigen Tochter, ihres Sohns, ihrer Schwiegertochter, zweier Enkelkinder und eines zunehmend prosperierenden Tittentortenunternehmens zu sein. Beth warf ihrer Tochter einen vernichtenden Blick zu.

Eliza ließ sich nicht beirren. »Wirklich, Mum.« Okay, sie wusste genau, was als Nächstes kam. Das andere ewige Thema. »Du musst dringend mal wieder ausgehen. Wie willst du je einen Mann treffen, wenn du immer nur im Fleeceshirt zu Hause in der Küche rumsitzt?«

»Ich treffe hier genug Männer«, antwortete Beth und tat beleidigt. »Den Zeitungsboten. Den Briefträger. Den Gärtner. Den alten Mann, der für die Altenhilfe sammelt. Für einen Zweiundachtzigjährigen ist er noch ganz schön fit.«

Eliza verzog das Gesicht. »Das ist so daneben.« Sie dachte einen Moment nach. »Was ist denn mit Chantelles Dad? Er ist wieder Single. Das französische Au-pair-Mädchen hat Heimweh bekommen und ist nach Frankreich zurückgegangen.«

Beth stand auf, warf einen prüfenden Blick auf die Brüste im Backofen und verdrehte die Augen. »Er fährt einen roten Ferrari, hat blonde Strähnchen und lässt sich zweimal im Jahr Fett absaugen. Vielleicht urteile ich ja etwas vorschnell, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, mit so einem Mann eine Beziehung zu haben.«

Ihre Tochter kicherte.

»Hör zu, mir geht es wunderbar. Ich bin glücklich und zufrieden mit meinem Leben, genau so, wie es ist. Und das Letzte, was ich brauche, ist ein Mann. Ich habe gern meinen eigenen Freiraum.«

Und das stimmte. Beth war zufrieden mit ihrem Leben. Die Vorstellung, einen Mann kennenzulernen und noch einmal eine Beziehung ganz von vorn zu beginnen, war ihr ein Graus. Sie mochte die Routine. Ruhe und Frieden. Keine Dramen. Außerdem reichten ihr eine Ehe und eine Scheidung im Leben.

»An deinem Laptop blinkt was.« Gelangweilt biss Eliza in einen Apfel und drückte auf eine Taste. »Du hast eine E-Mail bekommen. Von Jasmin, Dads Assistentin.«

Erstaunlich, wie solch einfache Worte einem in den Magen fahren konnten. Oberflächlich hatten sie und David ein offenes, freundschaftliches Verhältnis. Was blieb ihnen auch anderes übrig? Schließlich hatten sie zwei gemeinsame Kinder und zwei Enkelkinder. Er hatte ihr das Haus überlassen und John und Eliza immer unterstützt. Geburtstage und Weihnachten hatten sie zusammen gefeiert – bis auf die Jahre, in denen er mit Mona zusammen gewesen war und sie an irgendwelche exotischen Orte gejettet waren. Gott, diese Frau war eine Schlange! Aber natürlich war Beth immer viel zu höflich gewesen, um das laut auszusprechen. Keine Dramen. Ruhe und Frieden.

»Sie bestätigt die Buchung für Dads Geburtstagskreuzfahrt«, Elizas Stimme überschlug sich fast. »Die Sache läuft also! Das ist so absolut irre!«

O. Mein. Gott. Beth hielt sich unauffällig am Küchentisch fest. Okay, David hatte die Idee flüchtig erwähnt, aber sie hatte das völlig verdrängt. Sie war sich so sicher gewesen, dass Mona oder Sarah dagegen rebellieren würden, dass sie sie einfach vollkommen aus dem Kopf verdrängt hatte. Aber nein. Wie Eliza sagen würde, die Sache lief. Das verlangte nach einem weiteren O. Mein. Gott.

Instinktiv schaute sie an sich hinunter. Sie war eine Frau in knielangem Jeansrock und violettem Fleecehemd. Was sollte sie auf einem Kreuzfahrtschiff? War es zu spät, eine Agoraphobie vorzutäuschen? Eine ansteckende Krankheit? Läuse?

Natürlich würde sie nichts vortäuschen, denn David bekam immer seinen Willen. Doch irgendwie hatte Beth das unangenehme Gefühl, dass ein Drama am Horizont dräute und Ruhe und Frieden das Letzte waren, das sie auf See finden würde.

2. Kapitel

ICH PACKE DEN KOFFER UND LEGE HINEIN …
… ALL MEINE PROBLEME

Sarah ließ das Kofferschloss zuschnappen und sah genervt zu, wie die andere Seite wieder aufsprang. Mist! Der Draht ihres zu engen Büstenhalters schnitt ihr ins Fleisch, als sie sich bückte und die offene Seite mit aller Kraft zudrückte. Keine Chance. Das Ding ging nicht zu. Sie stemmte sich mit ihrem ganzen Körpergewicht auf den Koffer und probierte es erneut. Der Spalt verringerte sich auf etwa sieben Zentimeter, mehr nicht. Verdammt! Wo war David, wenn man ihn mal brauchte?

Es gab viele Dinge, die wegen seines anstrengenden Jobs unmöglich waren. Nie konnten sie mal ein Wochenende in ihrem Häuschen am Lake District verbringen. Sie gingen nicht zusammen shoppen. Sie machten keine ausgedehnten Radtouren. Sie hatten noch nie einen Salsa-Kurs zusammen gemacht. Mit ihren zwei linken Füßen hatte sie zwar gar nicht das Bedürfnis nach Salsa, aber das war ja nicht der Punkt. Wieso musste sie immer alles allein machen? Koffer zumachen war definitiv Männersache, aber auch hierbei ließ er sie allein. Verflucht! Wie es wohl wäre, wenn sie zur Strafe einfach seine Boxershorts »vergaß«? Zehn Tage ohne Unterhosen würden ihn lehren, was Teamwork bedeutete!

Es gab nur eine Lösung. Callum war nach dem zweiten Klingeln am Telefon.

»Was wünschen Eure Majestät?«

Sarah brach in schallendes Gelächter aus. »Wenn das nur wahr wäre. Dann könnte ich zehn Corgies auf diesen verfluchten Koffer setzen, um ihn zuzukriegen.«

Sie hörte ein Schluckgeräusch am anderen Ende der Leitung. Offenbar störte sie Callum gerade bei einem Bier. Auch das war etwas, was sie und David nicht machten – sich bei einem Bier entspannen und in Ruhe den Tag Revue passieren lassen. Frust packte sie. Sie musste unbedingt aufhören zu grübeln und positiv denken. Immerhin hatte David ihr versprochen, an diesem Abend um spätestens acht zu Hause zu sein und nur mit ihr allein seinen Geburtstag zu feiern. Bei Rogano, ihrem Lieblingsitaliener. Anschließend würden sie noch ins Corinthian gehen, ein bisschen was trinken, vielleicht tanzen. Da würden sie ganz sicher Gelegenheit zum Reden haben. Selbst wenn sie ihn in den kommenden zehn Tagen teilen musste, heute Abend gehörte er nur ihr, und sie konnte es kaum erwarten.

Ein seidig schimmerndes schwarzes Kleid hing an der Kleiderschranktür. Ihre Haare waren auf Wickler gedreht. Alle wichtigen Stellen waren einem Peeling unterzogen, rasiert und mit reichlich Feuchtigkeitscreme verwöhnt worden. Sarahs Finger- und Fußnägel waren stylisch violett lackiert, und auch die Selbstbräunerkur war ein großer Erfolg – wenn man an Hals und Achseln nicht allzu genau hinsah.

»Eure Majestät sind äußerst ungehalten über die Strapazen des Kofferpackens und lassen fragen, ob die Chance besteht, dass du vorbeikommst. Du musst dich nur auf meinen Koffer setzen, dafür würde ich dich anschließend mit Essen und Trinken belohnen.«

»Sag mir, dass das nicht wahr ist.«

»Doch.«

Callums verzweifeltes Stöhnen ließ Sarah erneut in Lachen ausbrechen.

»Ist dir eigentlich klar, dass du mich davon abhältst, Männern mit dicken Schulterpolstern beim Verfolgen eines Balls zuzusehen?«

»Bitte! Ich mache dir auch dein Lieblingschili. Und im Kühlschrank stehen noch mindestens ein Dutzend Flaschen Bier.«

»Überredet. In einer halben Stunde bin ich da!«

Fünfundzwanzig Minuten später klingelte es an der Tür. Callum stürmte herein. »Ehemann-Double-Service zu Euren Diensten, Majestät«, rief er fröhlich. »Spezialdienstleistung Kofferschließen.«

Eine Stunde später war der Koffer zu, und sie saßen sich an Sarahs Küchentheke gegenüber. Seine verwaschenen schwarzen Jeans und sein Shirt harmonierten farblich perfekt mit dem stylischen Interieur.

Als Sarah diese Küche zum ersten Mal betreten hatte, war sie sprachlos vor Staunen gewesen. Weiße Hochglanzschränke, ein riesiger schwarzer amerikanischer Kühlschrank und eine Essbar, die genauso aussah wie in amerikanischen Filmen. Der Fußboden war aus demselben glitzernden schwarzen Granit wie die Arbeitsplatten; an den Wänden hing eine Textiltapete. Alles, was in dieser Küche noch gefehlt hatte, war eine üppige Blondine, die so tat, als würde sie einen Caesar’s Salad zusammenmixen, und schon hatte man das perfekte Titelfoto für ein teures Lifestyle-Magazin. Tja, aus der Blondine war eine zierliche Brünette mit einem struppigen Bob geworden, eins fünfundsechzig klein, Kleidergröße 36, mit braunen Rehaugen und eher knabenhaftem Dekolleté, die entfernt an Rachel in Friends erinnern würde, wenn Sarah ihr Haar nicht mithilfe von acht großen pinkfarbenen Schaumstoffwicklern gebändigt hätte.

Callum öffnete eine Flasche Bier und dippte einen Tortilla-Chip in die Schale mit Chilisauce, die Sarah vor ihn auf die Theke gestellt hatte.

»Und? Was habt ihr heute Tolles vor?«

Sarah fischte eine Kidneybohne aus der Sauce. Mindestens einmal pro Woche kochte sie einen riesigen Topf Chili, weil David das so gern aß. Und meist schüttete sie die Hälfte davon weg, weil er schon im Büro gegessen hatte.

»Wir gehen aus, nur wir zwei allein …«

»Oooooooh«, antwortete Callum grinsend.

»Du bist manchmal schrecklich unreif.« Sie schüttelte den Kopf. »Wie auch immer. Morgen früh fliegen wir dann nach Barcelona, und vom Flughafen geht’s direkt aufs Schiff. Um sechs Uhr abends legen wir ab, es wird sicher traumhaft.«

Sarah gab alles, um den Satz irgendwie ohne Sarkasmus zu Ende zu bringen. Es würde toll werden. Ganz bestimmt. Sie würde Gelegenheit haben, Mona und Beth näher kennenzulernen, Zeit mit der anstrengenden Eliza zu verbringen und eine Beziehung zu John und Marcy, Davids Sohn und seiner Frau, aufzubauen. Es würde großartig werden. Garantiert.

»Versuchst du immer noch, dir einzureden, dass dir eine tolle Reise bevorsteht?«

Verdammt, konnte er etwa ihre Gedanken lesen?

Sie nickte ein wenig schuldbewusst, und das Grinsen verschwand ganz kurz aus Callums Gesicht. Ihr erster Gedanke war, dass ihr das Chili vielleicht misslungen sein könnte. Zu viel Tomatenmark? Nicht genug Salz?

»Weißt du, manchmal behandelt er dich einfach nicht so, wie du behandelt werden solltest.« Seine Worte klangen leise, fast traurig, und als ihre Blicke sich trafen, war sein Gesicht so ernst, dass sie erschrak.

»Wie … wie … wie meinst du das?«

Vor lauter Schreck bekam Sarah die Frage gar nicht richtig heraus. Das war überhaupt nicht typisch für Callum. Normalerweise neigte er nicht zu tiefschürfenden, bedeutungsschweren Beziehungsanalysen. Er war mehr bester Freund. Kumpel. Einer für Bier und Chili. Und Kidneybohnen.

»Komm schon, Sarah. Ich hab nur nie was gesagt, weil es mich ja eigentlich nichts angeht. Aber du hast einfach was Besseres verdient … Mist, was rede ich da für einen Unsinn?«

Callum fuhr sich mit den Fingern durch sein schulterlanges blondes Haar. Sarah redete ihm immer wieder aus, es abschneiden zu lassen, weil sie fand, dass er damit aussah wie Smith aus Sex and the City. Obwohl ihr Mund weit offen stand, drang kein Laut heraus, sodass er ungestört weiterreden konnte.

»David ist ein super Typ, aber du verbringst die Hälfte deines Lebens damit, auf ihn zu warten. Irgendwie sieht es für mich so aus, als wäre er in eurer Beziehung wichtiger als du, und das ist einfach nicht richtig.«

»Ah.«

Das war alles, was sie hervorbrachte. Und lag das an ihr, oder war es plötzlich verdammt warm in der Küche? Sie spürte winzige Schweißperlchen auf ihrer Stirn. Na super.

Nach einem Moment unangenehmer Stille zwang Sarah sich zum Gegenangriff. »Das stimmt einfach nicht«, stieß sie hervor. Es klang nicht wirklich überzeugend, denn um ehrlich zu sein, hatte sie in letzter Zeit häufig ähnliche Gedanken gehabt. Trotzdem erschien es ihr wie Verrat an ihrem Ehemann, es laut auszusprechen. »Unsere Ehe ist perfekt. Und es ist schließlich nicht Davids Schuld, dass er einen Job hat, der ihn sehr in Anspruch nimmt. Ich wusste ja, worauf ich mich einließ, als ich ihn damals geheiratet habe.«

Und das stimmte. Fast. Denn irgendwie hatte sie das Gefühl, dass er in letzter Zeit noch weniger zu Hause war als früher. Und ja, manchmal kam es ihr vor, als wäre es ihm nicht mehr so wichtig, Zeit mit ihr zu verbringen. Aber das war nicht seine Schuld. Das brachten die Veränderungen in der Zeitungsbranche einfach mit sich. Der Markt wurde zunehmend enger, viele Verlagshäuser kämpften ums Überleben, und es erforderte nun mal viel Arbeit, den Kopf über Wasser zu halten.

Callum schaute sie intensiv an, seine braunen Augen nahmen jede Regung auf. »Und wie kommst du damit klar?«

Oh. Was sollte das denn werden? Er sollte ihr doch nur den Koffer zumachen und sie ein bisschen unterhalten. Wieso spielte er plötzlich den Psychologen?

Und dann kamen die Tränen. Okay, nicht in Strömen wie bei Demi Moore in Ghost, aber auch das war Sarah noch nie passiert. Sie weinte nur, wenn sie echte Schmerzen hatte. Oder bei Meryl-Streep-Filmen.

»Ich … weiß … auch nicht.« Schnief. Eine Woge unzusammenhängender, widersprüchlicher Gedanken überschwemmte sie. »Irgendwie hoffe ich immer noch, dass alles anders wird. Und es macht mir auch gar nicht so viel aus. Na ja, ein bisschen schon. Aber ich dachte, ich könnte mich daran gewöhnen. Dann hat er alle zu dieser Kreuzfahrt eingeladen, und ich habe das Gefühl, er will nicht mal mehr im Urlaub mit mir allein sein. Ich meine, wer verreist schon mit seinen Exfrauen? Aber es stört mich nicht. Jedenfalls nicht so sehr. Ich denke nur manchmal, dass ich ihm nicht genug bin. Vielleicht langweilt er sich mit mir. Ja, das wird es sein. Ich bin eben langweilig. O mein Gott, ich fasse einfach nicht, dass ich das gerade laut ausgesprochen habe. Ich meine das nicht so. Ich …«

»Vielleicht doch«, antwortete Callum leise.

Tja. Vielleicht doch. Vielleicht wurde es höchste Zeit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und mal ehrlich zu sich selbst zu sein.

»Bist du glücklich mit ihm?«, fuhr Callum fort.

»Ja!« So viel zur Wahrheit. »Zumindest bin ich das, wenn wir zusammen sind. Die übrige Zeit fühlt es sich eher an, als ob …« Sie überlegte einen Augenblick, »… als ob wir irgendwie so vor uns hin leben.«

Woher kam das denn? So vor uns hin leben? Wie vor uns hin leben? Wie zwei Menschen, die im Laufe ihrer Ehe etwas verloren hatten.

Wie konnte das alles passieren? Wie konnte ihre Unfähigkeit, einen Koffer allein zu schließen, zu einer derart erschütternden Erkenntnis über ihr Leben führen? Eine Träne rollte ihre Wange hinunter und platschte auf die Küchentheke. Callum sah sie die ganze Zeit an, mit einem Gesichtsausdruck, den sie nicht deuten konnte.

»Ich glaube, ich könnte dich glücklicher machen.« Er sagte das nicht großspurig oder besonders dramatisch. Er sagte es ganz leise. So selbstverständlich.

»W … was?«

»Höchste Zeit, dass ich es dir endlich mal sage. Ich hätte das schon längst tun sollen. Ich wollte es immer, aber dann hast du David kennengelernt, und ihr habt so schnell geheiratet …«

»Moment mal … wie lange denkst du das?«

»Seit wir uns zum ersten Mal begegnet sind.«

»Dann habe ich also immer geglaubt, wir seien gute Freunde, und du warst in Wahrheit die ganze Zeit hinter mir her?«

Noch während sie das sagte, wusste Sarah, dass sie gemein und unfair war. Aber sie fühlte sich irgendwie hintergangen, und sie war so schockiert, dass sie total überreagierte.

Callum sah sie verständlicherweise verletzt an. »Nein. Ich war mir einfach nicht ganz sicher, was ich gefühlt habe. Aber es macht so viel Sinn. Wir sind einfach perfekt zusammen. Nichts kommt auch nur annähernd an die Freundschaft ran, die uns verbindet. Und ich finde dich so wahnsinnig aufregend.«

»Du findest jede Frau wahnsinnig aufregend, die nicht schnell genug auf den Bäumen ist.« Es war ein ständiger Witz zwischen ihnen, aber irgendwie funktionierte er plötzlich nicht mehr.

Er redete immer weiter. »Und ich möchte gern Kinder und du auch …«

»Hör sofort auf!« Das wütende Blitzen in ihren Augen ließ ihn verstummen. Das war ein völliges Tabuthema, das einzige, über das sie niemals redete.

»Es tut mir leid, aber … ich könnte dich glücklich machen, Sarah«, wiederholte er. »Und jetzt hör endlich auf, auf deiner Unterlippe zu kauen.« Er grinste.

Das Klingeln des Telefons ließ sie beide zusammenzucken. Nach einiger Zeit schaltete sich der Anrufbeantworter ein.

»Hey, Baby.«

Davids Bariton drang durch die Stille. Sarah hatte sofort ein schlechtes Gewissen, dabei hatte sie doch gar nichts Unrechtes getan, doch Callums Blick ließ sie nicht los.

Hey, sie war doch verheiratet. Wie konnte er es wagen, in ihre Küche zu kommen und ihr dieses ganze Zeug zu erzählen! Es war einfach nur einer seiner albernen Einfälle wie der, plötzlich immer mit dem Segway zur Arbeit zu kommen. Ihr David rief gerade an, das bewies ja wohl ausreichend, dass zwischen ihnen alles in bester Ordnung war.

»Hör zu, Süße, es tut mir schrecklich leid, aber ich kann heute Abend nicht. Ich habe Jasmin gebeten, den Tisch abzubestellen. Große Sache – ein Spieler aus der Ersten Liga hat die Mieze eines Kollegen gevögelt. Es tut mir wirklich leid, Schätzchen, aber ich mache das morgen ganz bestimmt wieder gut. Was hältst du davon, Callum anzurufen und dich mit ihm auf einen Drink zu verabreden? Bis später. Liebe dich!«

Der Hauptpreis für das beschissenste Timing ging an David Gold!

Danach war es schwierig, aber sie gab ihr Bestes. »Callum, ich kann dieses Gespräch nicht weiterführen. Ich bin mit David verheiratet.«

Er rutschte vom Barhocker und schob ihn polternd zurück. Ging er jetzt einfach? Sagte er das ganze Zeug und ging dann einfach?

»Ich sehe das anders.«

Sie stand wie erstarrt da und sah zu, wie er traurig lächelte, sich umdrehte und ging. Eine Million Gedanken strömten auf sie ein, und sie war so verwirrt, dass sie sich nur auf einen einzigen konzentrieren konnte.

David Gold würde sein blaues Wunder erleben.

Im Steakhaus des City Clubs hatten sich die Reichen und die Schönen von Glasgow versammelt. Seit seiner Eröffnung war der Privatclub das pulsierende Epizentrum der Schickimicki-Szene. Mona Gold war seit dem ersten Tag Mitglied, und als sie sich endlich vom Empfang im Erdgeschoss bis zur Bar im oberen Stock vorgeschoben hatte, erwartete sie bereits ihr Lieblingsgetränk, ein Kir Royal. Und ihr Mann. Piers Delaney hielt Hof inmitten eines halben Dutzend perfekt gekleideter jüngerer Männer. Alle hingen gebannt an seinen Lippen. Es war ein vertrauter Anblick. Piers’ Sportgeschäftkette hatte ihn zu einem sehr, sehr reichen Mann gemacht. Er stattete die Null-Bock-Generation Schottlands mit Jogginganzügen und Turnschuhen aus, und das wiederum ermöglichte es ihm, teure Saville-Row-Anzüge zu tragen. Es ging sogar das Gerücht, dass die Queen ihn demnächst zu ihrem Neujahrsempfang einladen würde. Kurzum, er war angesehen, erfolgreich, intelligent und großzügig – und er vögelte seine zweiundzwanzigjährige Sekretärin.

Natürlich hatte er keine Ahnung, dass Mona das wusste. Aber sie hatte schließlich nicht Jahrzehnte erfolgreiche Arbeit als investigative Journalistin hinter sich gebracht, um sich vom eigenen Ehemann an der Nase herumführen zu lassen. Diese angebliche Geschäftsreise nach New York im letzten Monat? Drei Nächte im Mandarin Oriental mit Emily, dieser Tippsenschlampe. Mona war nicht ganz sicher, worüber sie sich mehr aufregen sollte: über den Betrug oder die Tatsache, dass die Frau, mit der er es hinter ihrem Rücken trieb, Schuhe von Clarks trug. Sie hatte erst überlegt, ihm sofort die Pistole auf die Brust zu setzen, sich dann jedoch dagegen entschieden. Derartige Aktionen erforderten Besonnenheit, perfekt durchdachte Pläne und eine clevere Trennungsstrategie, und über Letztere hatte sie noch nicht entschieden. Das Einzige, was sie sicher wusste, war: Wenn er sich unerlaubterweise vergnügen durfte, konnte sie das auch. Seither war kaum eine Woche vergangen, in der sie nicht unglaublichen Sex gehabt hatte – und nur selten mit ihrem Mann.

»Hallo, Darling«, flüsterte sie atemlos und küsste ihn flüchtig auf den Nacken.

Mindestens die Hälfte der Männer, mit denen er zusammenstand, musterte sie von Kopf bis Fuß. Anerkennend. Es tat ihr jedes Mal gut zu wissen, dass sie es noch draufhatte. Sie hatte sogar das Gefühl, noch nie so begehrenswert gewesen zu sein. Die Zeit bis Mitte zwanzig hatte sie ihrer Karriere gewidmet, danach hatte sie David geheiratet, und jetzt mit Anfang dreißig – okay fast Ende dreißig – stand Genießen des bisher Erreichten auf dem Programm. Nach den Blicken dieser Jungs zu urteilen schien das zu funktionieren.

Piers bekam nichts davon mit. Idiot!

»Ich glaube, unser Tisch ist schon fertig. Komm, lass uns durchgehen.«

Der Barkeeper schien von ihren Lippen lesen zu können, denn er erschien sofort an ihrer Seite, nahm ihr das Glas ab und eskortierte sie beide quer durch das Restaurant zu ihrem Tisch. Es war immer derselbe. Er stand in einer Nische am Fenster, weit entfernt vom Eingang, und Mona saß jedes Mal so, dass sie genau mitbekam, wer kam und ging. Unterwegs warf sie mindestens zehn Leuten Handküsschen zu. Jeder kannte sie, und sie kannte jeden – Glasgow mochte eine große Stadt sein, aber sie sorgte dafür, im Gesellschaftsleben immer oben mitzuschwimmen.

»Ganz schön anstrengend, mit dir auszugehen, weißt du das?«

Das Lächeln auf Piers’ Gesicht deutete an, dass das ein Witz sein sollte, aber Mona wusste genau, dass sich dahinter Gereiztheit verbarg. An die Zeit, als seine Witze sie zum Lachen gebracht hatten, konnte sie sich kaum noch erinnern. Genauso wenig wie an die Zeit, als seine Berührungen sie zur Raserei gebracht hatten. Manchmal fragte sie sich, ob sie damals, nachdem David ihre Ehe beendet hatte, einen Riesenfehler gemacht hatte. Aus Rache natürlich. Denn was konnte befriedigender sein, als den ungeheuer erfolgreichen Geschäftsmann Piers Delaney zu heiraten – und das nur wenige Wochen, nachdem die Scheidungsunterlagen in ihrem Briefkasten gelegen hatten.

Mona lächelte steif und zeigte ihre perfekten weißen Zähne, die sie regelmäßigen Behandlungen in der Visage Lifestyle Clinic verdankte. Der Beauty-Tempel war praktisch ihr zweites Zuhause. Botox. Laserbehandlungen. Zähnebleichen. Massagen. Akupunktur. Sie war vermutlich die beste Kundin, was man aber nicht sah. In Monas Gesicht gab es keine überspritzte Lippe, keine festgetuckerten Augenbrauen, keine erstarrten Gesichtszüge. So natürlich auszusehen kostete eine Stange Geld.

Piers lehnte sich zurück, während der Ober ihm ein Bier einschenkte. Es nervte Mona, dass er sich den teuersten Champagner leisten konnte, zum Essen aber immer nur Bier trank.

»Und? Was gibt’s diese Woche Neues in der Welt der Handtaschen und Schuhe?«

Die Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf. Blöder Idiot! Aber heute Abend war nicht der Zeitpunkt für einen Streit. Es war anstrengend genug gewesen, ihn dazu zu überreden, die bevorstehende Reise mitzumachen, und sie wusste, dass er verzweifelt nach einer Ausrede gesucht hatte, nicht mitfahren zu müssen. Am Ende hatte sie ihr gesamtes Überzeugungsgeschick aufbringen müssen. Sie hatte ihm eingeredet, dass es wichtig für sein Unternehmen sei, ein enges Verhältnis zum Boss von Schottlands größtem Zeitungshaus zu haben. Sie hatte zwölf viagraunterstützte Stunden Sex mit ihm gehabt. Und ganz zum Schluss hatte sie noch ein Ass aus dem Ärmel gezogen und seinen Sohn Max eingeladen. Die Beziehung zwischen Vater und Sohn war immer distanziert gewesen – sowohl räumlich als auch emotional. Max’ Mutter hatte ihn schon als Baby mit nach London genommen, und bis auf gelegentliche Wochenend- und Ferienbesuche hatte er keinen Kontakt zu seinem Vater gehabt.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Liebe ahoi!" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen