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Liebe Sünde

Vorbemerkung

Als Kunstliebhaber besuche ich regelmäßig Ausstellungen. Oft ziehen mich Arbeiten so sehr in ihren Bann, dass ich das brennende Bedürfnis verspüre, sie ständig und immer wieder anzusehen. Ihre Faszination elektrisiert mich. Ich kann nicht verhehlen, dass mich Gedanken, die Werke zu rauben, ernsthaft beschäftigt haben. Wem meiner Freunde fiel es auf, wenn ich einen echten Monet zu Hause aufhängen würde? Alle würden glauben, es handle sich um eine erstklassige Kopie. Meinen Echtheitsbeteuerungen würde niemand Beachtung schenken. Ich frage mich, ob mir die Authentizität des Bildes wichtig ist oder das Dargestellte. Mir ist klar geworden, dass ich ein Kunstliebhaber bin, aber kein Sammler. Der Jäger- und Sammler-Typ strebt nach Besitz. Die Vorstellung nach Exklusivität ist der Motor, der Grenzen überschreiten lässt. Als jemand, der etwas ›lieb hat‹, bin ich pathologisch wohl nicht gefährdet.

Ich muss allerdings zugegeben, der Reiz des Verbotenen hat meine Fantasie schon häufiger beflügelt. Bei meinen Recherchen zum Buch war ich verblüfft, wie schlecht viele Museen gesichert sind. Mein besonderer Dank geht an Harald Wieland, der mir einen Einblick in die Welt der Alarmanlagen-Technik gewährt hat. Die Geschichte sowie die handelnden Personen sind fiktiv ebenso, wie mein Lyonel Feininger im Wohnzimmer nicht echt ist.

Martin L. Fuller

Oktober 2018

Die wahre Kunst will
sichtbar machen!

Von Sünde und Seelenheil

Der nasskalte Wind blies ihm ins Gesicht und massierte seine kalten Wangen. Heute Morgen fühlte sich sein Körper besonders bleiern an. Völlig übermüdet und leicht fröstelnd joggte Vincent am Ufer des Rheins entlang. Jeder Schritt kostete ihn eine existenzielle Überwindung. Schwerfällig platzierte er ein Bein vor das andere auf dem feuchten Asphalt. Nur mühsam spulte er seine für ihn sonst so leichte Trainingsstrecke ab. Das normalerweise so wohlige Körpergefühl wollte sich heute ebenfalls nicht einstellen. Gerne hätte er sich wieder ins behagliche Bett verzogen. Alleine die Vorstellung, sich bis zur Nasenspitze im warmen Federbett verkriechen zu können, löste in ihm eine mittelschwere Sinnkrise aus. Was machte er hier eigentlich? War das wirklich noch gesund? Wie konnte er nur mentale Anspannung durch körperlichen Stress ersetzen? Mit seinen dreiundsechzig Jahren überschätzte er sich möglicherweise grundlegend, ganz zu schweigen von seinem besserwisserischen Hausarzt. Dieser Dr. Walther sollte erst mal wie er zehn bis sechzehn Stunden in der Küche stehen, dann würde er sich bestimmt kein solches Fitnessprogramm verordnen. Wahrscheinlich brach der liebe Herr Doktor bereits nach seinem achtstündigen Praxisalltag entnervt zusammen. — Aber was jammerte er wieder mimosenhaft vor sich her. Oft, wenn er sein Laufziel trotz heftigster mentaler Gegenwehr erreicht hatte, fühlte er sich anschließend wohltuend frisch. Heute war aber eindeutig nicht ›oft‹. Selbst der arme Rhein lag bleiern in seinem Flussbett. Graublau schoben sich die dunklen Wassermassen schweigsam flussabwärts. Nebelschwaden waberten schwermütig über den Fluss. Nur mühsam ließ sich der Rhein von dem gespenstig anmutenden Dunstschleier unterscheiden, zu ähnlich waren ihre Farben. Die Kopfweiden, die hier am Niederrhein bei Kaiserswerth vereinzelt auf den weitläufigen Wiesen standen, hatte der Nebel zum größten Teil verschluckt. Dort, wo sie sich schemenhaft als dunkle, meterhohe Schatten absetzten, glaubte er schwerfällige Riesen aus dem Moor auf sich zuwanken zu sehen. Die Szenerie erinnerte ihn stark an den Gran Signore des meisterhaften Thrillers Alfred Hitchcock und löste in ihm etwas Melancholisches bis Klaustrophobisches aus. Die bedrückende Stimmung rief in seinem Gedächtnis seine Mutter wach. Als kleiner Junge, es musste in den späten Fünfzigern gewesen sein, hatte er oft seine Mama in der Waschküche mit der dampfenden Wäsche kämpfen gesehen. Blaugraue Nebelschwaden hatten ihr vor Anstrengung hochrotes, verschwitztes Gesicht umrahmt, während vereinzelte Haarsträhnen wirsch unter dem bunten Kopftuch hervorlugten. Ungläubig hatte er das Wasser beobachtet, das in einem großen hölzernen Wasserbottich gespenstisch vor sich hin brodelte. Mit einem breiten Holzlöffel hatte seine Mutter die Wäsche in dem Zuber hin und her gerührt. Ihn hatte dann eine nicht enden wollende Angst befallen. Dieser schäumende Waschbottich verkörperte für ihn, den kleinen Vincent von acht Jahren, die Inkarnation der Hölle. In diesem gurgelnden Blubbern, da war er sich sicher, hörte er die Schreie und das Wehklagen der zur Verdammnis Verurteilten. Er glaubte, ihre Hände zu erkennen, die sich verzweifelt aus der heißen Lauge gegen den rettenden Himmel streckten. Für die armen Teufel gab es in seiner Erinnerung kein Entrinnen. Wenn seine Mutter ihn dann auch noch fragte, ob er seine Schularbeiten erledigt hatte, waren seine Knie so weich wie warme Butter. Unter diesem Gefühlschaos gestand er ihr einfach alles.

Der Geruch von Seifenlauge und süßlichem Schweiß stieg ihm ekelerregend in seine feine Nase. Er zuckte für einen Moment zusammen. Roch der Rhein hier nach Lauge und menschlicher Transpiration? Oder war er in Gedanken so tief in seine Historie eingetaucht, dass seine Nervenzellen die Geruchsmelange der Waschküche von damals, jetzt in ihm hervorrief? Ein Schauer des Entsetzens fuhr durch seinen immer noch unterkühlten Körper. Meldete sich seine Kindheit unaufgefordert zu Wort?

Er erreichte den Düsseldorfer Stadtteil Wittlaer. Eine alte Eiche markierte für ihn den Wendepunkt seines allmorgendlichen Martyriums. Jetzt führte ihn sein Weg über die Uferpromenade direkt zurück zur heimatlichen Espressomaschine und der wohlverdienten heißen Dusche. Die Vorstellung von cremigem Kaffee verdrängte seine apokalyptischen, vorpubertären Kindheitsfantasien des Infernalen.

Kaffee war ein gutes Stichwort. Er musste unbedingt Bohnen bestellen. Der Vorrat würde maximal bis Ende der Woche reichen. Gestern war ein guter Abend gewesen. Das Restaurant war komplett belegt, für einen Sonntagabend ein hervorragendes Ergebnis. Gerade die Sonntagabende konnten so unterschiedlich sein. Manchmal waren sie bereits Monate zuvor ausgebucht, dann wieder mussten sie sich mit zwölf Buchungen zufriedengeben. Er hatte versucht, das Geheimnis des wechselhaften Sonntags zu ergründen, leider ohne nennenswerten Erfolg. Das Fernsehprogramm oder andere Veranstaltungen konnten nicht als Ursache herhalten. Wer in seinem Sternerestaurant speisen wollte, buchte bereits Wochen vorher seinen Tisch. Laufkundschaft kannte er nicht. Es mussten schon wirklich gute Stammgäste sein, denen er kurzfristig noch einen Platz einräumte, sofern seine Mannschaft nicht am Rande ihrer Küchenkapazität war. Glutrot durchbrach die Sonne jetzt den graublauen Schleier und zauberte eine gleißend-rote Reflexion auf den Flusslauf. Die Szene erinnerte ihn spontan an das Bild ›Sonnenaufgang‹ von Claude Monet. Dort brach sich ebenfalls das Sonnenlicht auf den Wellen des Hafens von Le Havre und drei schemenhaft angedeutete Fischerboote kreuzten vor der Hafenkulisse die Fahrrinne. Für ihn war diese Farbstimmung einmalig. Immer, wenn er das Bild des Impressionisten betrachtete, ergriff ihn das Atmosphärische des Lichts. Die glutrote Sonne bohrte sich dann wohltuend in sein Seeleninnerstes. Sein Körper begann völlig unvermittelt, freudig erregt zu beben. Jedes Mal fühlte er, wie sein Herzschlag zu rasen begann. Seine Handflächen wurden feucht und sein Mund glich der Sahara in der Trockenzeit. Dann zog ihn das Gemälde wie ein Wasserstrudel in sich hinein. Für einen Moment schien es, als würde er ohnmächtig, um kurz darauf eins mit den Fischern auf dem Boot zu werden. Er erinnerte sich noch ganz genau an den Augenblick, als er dieses Werk zum ersten Mal betrachtet hatte. Es war während der großen Kunstausstellung 1972 in Basel. Mit seinen achtzehn Jahren wusste er schon damals, dass er zu so einem begnadeten Maler nie taugen würde, aber mit Kunst wollte er auf jeden Fall zu tun haben. Ganz schön arrogant von mir, dachte er. Vincent schmunzelte, während er die vierunddreißig Stufen hinaufsprintete. Er, der aus kleinen Arbeiterverhältnissen des Saarlandes stammte, war mit dieser Fiktion ein echter Exot in seinem sozialen Umfeld gewesen. Stahl und Bergbau war der Stoff, aus dem die Träume seiner Kameraden waren. Schöngeistige Themen rückten ihn in die Nähe von Schwulen und Taugenichtsen. Was für eine verklemmte Zeit. — Nach der Realschule absolvierte er auf Druck seines Vaters eine Lehre als Elektroniker bei der Völklinger Hütte. Das waren die drei schlimmsten Jahre seines Lebens. Der alte Herr erinnerte ihn bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit daran, dass er den Ausbildungsplatz nur dank seiner guten Beziehungen zur Personalabteilung bekommen hatte. Mit beschwörenden Worten ermahnte er ihn immer wieder, sein Bestes zu geben. Interessiert hatte ihn der Beruf nicht wirklich. Zwar gab er, wie gewünscht, sein Bestes, aber sein eigentliches Interesse galt ungebrochen der Kunst. Jede freie Minute studierte er in den Katalogen der großen Museen und Galerien. Schnell erreichte er einen Wissensstand, der es ihm erlaubte, mit Fachleuten zu debattieren, ohne sich die Blöße eines Unwissenden oder eines Nichtakademikers zu geben. Was ihm auf dem Gebiet der Kunst nur so über Nacht zuflog, erwies sich in seiner Lehre als Schwerstarbeit. Wen interessierten schon die trockenen ohmschen Gesetze, wenn auf der anderen Seite die Expressionisten mit ihren leuchtenden Farben bereits sehnsüchtig warteten. Daher war es auch nicht verwunderlich, dass er nach seiner Ausbildung das Saarland verließ, um nach Frankreich, in das Land der Kunst und Künstler zu flüchten. Weg von den Eltern, fort von dem Mief des Provinziellen. Dort lernte er bei einer Vernissage den erfolgreichen Starkoch Paul Bocuse kennen. An das Gespräch dachte er oft und gerne zurück. Bocuse war es, der ihm seine jugendlichen Augen öffnete. Er begriff, wie viel Kochen mit Kunst gemein hatte. Als Schöpfer am Herd kam es auf die richtigen Zutaten an. Die tägliche Suche nach der ultimativen, wahren Geschmackskomposition als elementares Lebensgefühl von Glück; das Arrangement von Farben und Formen auf dem Teller als Vollendung eines künstlerischen Ausdrucks, ja, das begeisterte ihn sofort. Er wusste, dass als Nichtakademiker ihn die Welt der Kunstsachverständigen nie akzeptieren würde. Aber als Koch könnte er seine künstlerische Profession ungehindert ausleben. Im Gegensatz zu vielen anderen liebte er seine Lehrzeit bei Paul Bocuse. Bis zum heutigen Tage verband ihn eine enge Freundschaft mit seinem einstigen Lehrherrn und geistigen Förderer.

Er bog von der Uferpromenade in Richtung Innenstadt ab. Aus der Auslage eines Dekorationsgeschäftes sprang ihm ein Holzschild mit der Abbildung eines Aals entgegen. Aal!? Interessant dachte Vincent. Jetzt, wo der Spätsommer sich dem Ende neigte, setzte er in der Küche wieder Produkte mit markanteren und erdigen Aromen ein. Da würde Aal als Amuse-Gueule ganz gut passen. Bei dem Gedanken an den schlangenartigen Wanderfisch entfaltete sich in seinem Mund spontan der Geschmack von frisch geräuchertem Aal. Eine rauchig-nussige Note umschmeichelte seinen Gaumen. Dazu passten bestimmt gut Berglinsen mit einer Vinaigrette aus Olivenöl, seinem Cranberry-Chutney, Senf und ein wenig Waldhonig. Kräuter, es fehlten Kräuter. Es mussten unbedingt Kräuter her. Ein Hauch von frischem Thymian. Ja, das Rauchige harmonierte bestimmt gut zu dem süßen Honig in Kombination mit der fruchtigen Säure der Cranberrys und dem Thymian, der nach würzig duftendem, süßlichen Nadelboden roch.

Zufrieden mit der ersten Überlegung führte ihn sein Weg in eine enge Gasse, die an der St. Suitbertus Basilika endete. Hier legte er einen scharfen Zwischenspurt ein. Der enge Weg schütze ihn vor den neugierigen Blicken der Anwohner. Das war auch gut so. Es wäre ihm nämlich unendlich peinlich, wenn die Nachbarn sähen, wie er sich mit letzter Kraft durch die historische Altstadt von Kaiserswerth schleppte. Er keuchte, blieb stehen und stützte sich mit den Händen in den Hüften ab. Während er sich nach vorne beugte und verzweifelt nach Luft rang, musste er sich eingestehen, dass sein Körper vor Anstrengung zwar zitterte, wie das sagenumwobene Espenlaub, aber durch all seine Gliedmaßen strömte die lang ersehnte, angenehme Wärme, die ihn so glücklich machte wie einen Junkie nach seinem Schuss.

»Patron, Sie werden mir hier doch nicht entschwinden!?«

Vincent drehte sich um. Monsignore Schürmann, der am Tor des Pfarrgartens stand, hatte wohl das chaplineske Schauspiel betrachtet und konnte sich eines spitzen Kommentars nicht enthalten. Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte Vincent, ob er den Fehdehandschuh aufnehmen sollte. Mit dem Pfarrer verband ihn ein freundschaftliches, wenngleich intellektuelles Verhältnis, das in einer allmonatlichen Schachpartie kulminierte. Es wäre zu plump gewesen, auf seine Leibesfülle und die damit verbundene Unsportlichkeit zu verweisen. Allerdings konnte und wollte er die Bemerkung seines Freundes nicht völlig unkommentiert lassen; das war er Schürmann, aber vor allem sich selbst, schuldig. Daher lachte er verschmitzt und erwiderte gelassen: »Monsignore, sehen Ihre Bilanzen so schlecht aus, dass Sie auf eine stattliche Beerdigung spekulieren?«

Der Geistliche zuckte überrascht zusammen. Seine Augen blitzten ihm kampfeslustig entgegen.

»Mein teurer Freund, wie könnte ich mit Ihrem Tod rechnen? Lebend sind Sie mir eindeutig wertvoller. Wen sollte ich im Räuberschach schlagen?«

»Ja, so ist der Klerus. Sie lassen das arme Volk so lange zur Ader, bis der letzte Stein genommen ist.«

»Spaß beiseite. Wie geht es Ihnen heute Morgen Patron Vincent Lambert?«

»Ach, Monsignore Gottfried Schürmann, was soll ich sagen? Es ist kalt, ich friere, die Müdigkeit hat mich fest im Griff, aber sonst geht es mir blendend bis bescheiden.«

»Bescheiden! Das klingt schwer nach Selbsterkenntnis. Ich sehe, Sie sind auf dem Pfad der Läuterung. Das hört sich für mich sehr hoffnungsvoll an.«

»Ich bin durchgeschwitzt. Bevor meine gerettete Seele doch noch auf Ihrem Friedhof landet, muss ich schnell unter die warme Dusche. Wir sollten auf jeden Fall vermeiden, dass Sie gegen sich selbst im Schach antreten müssen. Denken Sie nur an die vielen Niederlagen, die Ihnen dann blühen. Das kann ich Ihnen nicht zumuten. Herr Pfarrer, Ihnen noch einen schönen Tag. Man sieht sich.«

Vincent erhob seine Hand zum Gruß und setzte seinen Lauf fort. Die Beziehung zum Monsignore ließ sich durchaus als außergewöhnlich charakterisieren. Jetzt kannte er Schürmann schon fünfzehn Jahre und sie siezten sich immer noch. Er, als überzeugter Atheist, liebte die kleinen Scharmützel mit dem Pfarrer. Sie ließen keine Gelegenheit aus, um sich intellektuell zu messen. Die Nennung des gesamten Namens zeugte von großem Respekt voreinander, ungeachtet der Tatsache, dass in der artifiziellen Anrede eine gehörige Portion Veralberung mitschwang. Als er vor Jahren sein Restaurant im Schatten der Basilika eröffnet hatte, hatte er lange nach einem passenden Namen für seinen Gourmettempel gesucht. Damals war ihm unvermittelt der Monsignore über den Weg gelaufen und hatte sich sehr interessiert nach dem Fortschritt der Umbauarbeiten erkundigt. Da hatte er bereits die angenehme und so erfrischende Rivalität gespürt. In diesem Augenblick war ihm klar geworden, dass Schürmann für sein weiteres Leben eine nicht unbedeutende Rolle spielen würde, daher musste die Namensgebung unbedingt Bezug auf die nahe gelegene Kirche nehmen. Da der Monsignore die Personifizierung von Seelenheil und Absolution darstellte, suchte er nach einem geeigneten Pendant. Mit dem Namen ›Liebe Sünde‹ schuf er genau die Provokation, die die sonderbare, wenn auch herzliche Freundschaft zu Schürmann bis heute charakterisierte.

Er erreichte das barocke Kaufmannshaus, das im Parterre das Sternerestaurant und die Küche beherbergte. Im ersten Stock lag seine Privatwohnung mit dem Blick auf den Rhein und das historische Gemäuer der Kaiserpfalz. Zum Garten hin hatten die Erbauer seines Hauses einen zweistöckigen Anbau errichtet. Dort lebte seine Tochter Joséphine mit ihrer achtjährigen Marie. Über den Zugang des urwüchsigen Gartens erreichte er nicht nur die Räumlichkeiten seiner Tochter, sondern gelangte über eine steile Treppe auch in seine Wohnung. Er klopfte seine Laufschuhe auf dem Gitterrost aus. Schwungvoll öffnete er die schwere, grüne Eichentüre, die ihn in den weiß gekälkten Flur und von dort direkt in Joséphines Küche mit dem von ihm gesponserten Kaffeeautomaten führte.

»Guten Morgen allerseits!«

»Morgen Opa.«

»Marie, was machst du denn hier? Solltest du nicht längst in der Schule sein? Komm her, lass dich küssen.«

Er beugte sich herunter und drückte ihr einen dicken Kuss auf die Wange. Er liebte seine Enkelin über alles. Sie war ein kleines, aufgewecktes Ding, sein persönlicher Sonnenschein. Für ihre acht Jahre wirkte sie äußerst selbstständig. Marie sah seiner Tochter Joséphine erschreckend ähnlich. Er bereute zutiefst, dass er in jungen Jahren seine Prioritäten beruflich gesetzt hatte. Von der Kindheit seiner direkten Nachkommenschaft hatte er daher nur wenig mitbekommen. Das sollte jetzt mit Marie unbedingt anders werden. Ihm war vollkommen bewusst, dass er die Vergangenheit nicht zurückdrehen konnte, aber sie gab ihm die Illusion, auf eine unschuldige Art gebraucht zu werden. Liebevoll strich er seiner Enkelin durch die schulterlangen, blonden, engelsgleichen Haare.

»Vincent, wann lernst du es denn endlich? Heute ist Montag, da beginnt die Schule deiner Enkelin erst zur zweiten Stunde.«

Es war seine Tochter Joséphine, die ihn aus der Küche heraus belehrte. Er nickte, stellte eine Espressotasse unter den Auslauf des Kaffeeautomaten und drückte eine silberne Taste. Unter leichtem Getöse zerkleinerte das Mahlwerk die Bohnen. Ein leises Brummen verriet den Brühvorgang. Vincent betrachtete, wie sich ein goldbrauner Strahl kunstvoll in die Tasse ergoss. Der Vorgang hatte etwas Meditatives. Auf die Crema ließ er behutsam zwei gehäufte Löffel Zucker gleiten. Die weiße Pracht versank langsam im Kaffeeschaum wie Atlantis im Meer. Köstliche Röstaromen verströmten zudem ihren frischen Duft nach Malz, Karamell und Rauch in der wohnlichen Küche. Sie weckten in ihm den Wunsch, an der Tasse zu nippen. Aus den Augenwinkeln betrachtete er seine Enkelin, die ihren bunten, übergroßen Schulranzen auf den Rücken wuchtete. Mitleidsvoll fragte er: »Engelchen, soll ich dich zur Schule bringen? Du brichst mir unter der schweren Last noch zusammen. Brauchst du denn wirklich all die Dinge in deinem Tornister?«

»Mensch Vater, verhätschle meine Tochter nicht so. Marie ist nicht aus Zucker. Bei mir hast du auch nicht so eine Welle gemacht, wenn Du überhaupt je da gewesen wärst. — Geh lieber duschen, sonst erkältest du dich noch.«

Vincent verzog sein Gesicht, als hätte er gerade in eine Zitrone gebissen. Im Rausgehen drehte er sich noch einmal zu seiner Enkelin um.

»Engelchen, viel Spaß in der Schule. Ich hab’ dich lieb.«

Die warme Regendusche hüllte seinen wieder leicht fröstelnden Körper in einen Schauer von sanften Tropfen ein. Während der Brauseregen seine Haut auf erfrischende und zugleich entspannende Weise sprudelnd massierte, dachte er über die letzten Worte seiner Tochter nach. Machte er wirklich zu viel Aufheben um Marie? Hatte er als Großvater nicht das ultimative Recht auf ›verwöhnen dürfen‹? War Joséphine vielleicht eifersüchtig auf seine großväterliche Zuwendung? Sie hätte allen Grund gehabt. In jungen Jahren war er als Vater eine ausgesprochene Niete gewesen. Doch in den letzten fünf Jahren hatte er sich um sie und Marie ernsthaft bemüht, was seine Tochter bemerkt haben sollte. Nach dem tödlichen Autounfall von Rolf hatte er keinen Augenblick gezögert, die beiden bei sich aufzunehmen. Als junge Witwe mit einem Kleinkind und ohne Arbeit hatte sie mächtig in der Klemme gesteckt. Ein Lächeln huschte über sein nachdenkliches Gesicht. Dafür, dass seine Tochter nichts von der Gastronomie und schon gar nichts von der Sterneküche verstanden hatte, schlug sie sich heute exzellent im Service. Erst letztes Jahr hatte sie ihr Ehrgeiz auf die Position der Restaurant-Managerin gebracht. Ihre freundliche und unkomplizierte Art schätzten die Gäste sehr. Bei aller Hektik hinter den Kulissen behielt sie immer einen kühlen Kopf. Was ihn aber am meisten faszinierte, das war ihr untrügliches Gedächtnis. Nichts, aber auch rein gar nichts, entging ihrer Wahrnehmung. In diesem Punkt glichen sich ihre Charaktere auf wundersame Weise. Er wischte sich Shampoo aus den Augen. Inzwischen war seine begehbare Dusche mit den weiß mattierten Fliesen zu einer epochalen Dampfsauna mutiert. Er griff nach einem flauschigen Frotteehandtuch und rubbelte sich energisch ab. Sein warmer Körper glühte jetzt. ›Für so ein Gefühl lohnt es doch sich zu schinden, oder?‹, dachte er. Bei dem Gedanken überkam ihn das Gefühl, als schössen Tausende Glückshormone in seinen Organismus und wirbelten unkontrolliert umher. Beschwingt wischte er mit dem Handtuch den beschlagenen Spiegel frei. Zum Vorschein kamen grau melierte Haare und ein sportlicher Mann mit dunklem Teint. Er betrachtete sein Spiegelbild aufmerksam. Für sein Alter sah er noch äußerst attraktiv aus. Er fand, dass sein straffer Körper durchaus etwas Clooneyoides hatte. Die Frauen machten ihm jedenfalls reichlich Avancen. Das schmeichelte ihm, dem einsamen Wolf, sehr. — Aber vielleicht bewunderte das weibliche Geschlecht auch nur seinen starken Willen oder den Erfolg als Sternekoch. Bei Bedarf verwandelte sich sein schelmenhafter Dackelblick schnell in einen Gesichtsausdruck größter Entschlossenheit. Genau dieser Wille, siegen zu wollen, Erster zu sein, und das um jeden Preis, zeichnet auch Joséphine aus. Das musste in den Genen liegen. Über die mangelnde Erziehung väterlicherseits konnte sie die Eigenschaften wohl kaum erworben haben. Ihre Mutter, seine verstorbene Frau Clara, tickte da völlig anders. Sie war …, er hielt inne. Sie war so sanft und liebevoll. Ja, das traf es präzise. Clara war voll von Liebe, wiederholte er andächtig. Während er die Worte leise, ja zärtlich flüsterte, blickte ihn nebulös aus dem beschlagenen Spiegel seine verstorbene Frau an. Sie lächelte ihm aufmunternd zu. Für jeden und alles hatte sie permanent großes Verständnis gezeigt. Am meisten Nachsicht hatte sie mit ihm und seinen jugendlichen, dummen Eskapaden gehabt. Vincent standen die Tränen in den Augen. Er hätte die restliche Zeit mit ihr besser nutzen sollen. Was war er doch für ein erbärmlicher Feigling. Stattdessen hatte er nach Gelegenheiten gesucht, um auswärts Jobs zu erledigen. Er hatte Angst gehabt vor dem verfluchten Krebs und dem unbarmherzigen Gesicht der elenden Pein. Er hatte sie nicht leiden sehen können, vielleicht wollte er es auch nicht. ›Verdammt, ich habe es mir zu einfach gemacht! Ich habe dich in deiner größten Not im Stich gelassen, Clara. Das tut mir so unendlich leid.‹ Ihr Spiegelbild zeigte wieder Verständnis. Erst jetzt merkte er, wie verkrampft er das Frottiertuch in seinen Händen zerquetschte. Er wischte sich die Tränen mit dem Handrücken fort. Dann zog er akkurat seinen Seitenscheitel. Nackt verließ er das Bad und schritt durch den kleinen Flur in sein gewaltiges Wohnzimmer. Seine depressive Stimmung verlangte nach schwerer, gewaltiger Musik. Vincent startete seine Stereoanlage, wodurch der Raum in eine mittelgroße Konzerthalle verwandelt wurde. Luciano Pavarotti schmetterte sein unvergessliches Nessun Dorma. Er erinnerte sich noch ganz genau an die Aufführung im Central Park 1993. Er zählte zu den drei Köchen, die für den Startenor mit Gefolge köcheln durften. Es war ihm schon ein wenig peinlich, für den großen Maestro Tagliatelle al ragù kochen zu müssen. Zu gern hätte er sich gewünscht, Pavarotti das hohe ›C‹ des Kochens vorführen zu dürfen. Doch der Maestro liebte es bescheiden und bodenständig.

Vincent vollführte passend zur Musik gekonnt einige Tanzschritte. In Gedanken hielt er seine Clara fest umschlungen. Wenn er mit ihr tanzte, fühlte er sich ihr besonders nah. Die Musik verband sie beide auf mystische Weise. Er spürte, ausgehend von ihren Händen, wie ihre Unbeschwertheit auf ihn überging; auf ihn, den Kontrollfreak, der zwanghaft jede Situation beherrschen musste. Ich bin halt der geborene Stratege, flüsterte er sich zu. Überraschungen hasste Vincent wie der Teufel das Weihwasser. Sein Motto lautete: Kreativität ist der Ausdruck höchster Organisiertheit. Seine Küchenbrigade wusste, davon ein Liedchen zu singen. Er drehte die Musik lauter bis an seine persönliche Schmerzgrenze. In Gedanken wirbelte er Clara im Kreis herum. Vor seinen Augen tanzten die Wandgemälde im Takt. Paul Signac, Henri Manguin und sein verehrter Emil Nolde gaben sich virtuell die Hände. Er schwebte im siebten Himmel. Er zitterte ekstatisch …

»Vater, mach die Musik leiser. Die Nachbarn werden sich noch beschweren!«, schrie die Tochter von unten.

Wie bei einer Bruchlandung schlug Vincent auf den spröden Boden der nackten Realität auf.

»Ja, ist ja schon gut«, rief er in Richtung Erdgeschoss.

Nichts deutete darauf hin, dass irgendetwas gut oder in Ordnung war. Er hasste Montage, weil dann das Restaurant geschlossen war. Regelmäßig holte ihn dann seine, wie er fand, vergeigte Vergangenheit ein. Der Trubel des Alltagsgeschäftes erlöste ihn praktischerweise von seinen beklemmenden Gedanken.

»Vincent beeil dich, wir müssen noch die Bestellung für Dienstag durchgehen.«

Vincent betrat das Büro. Joséphine saß hinter ihrem Schreibtisch und starrte konzentriert auf den Bildschirm. Von Zeit zu Zeit schob sie ihre Unterlippe vor und atmete kräftig aus. Eine dunkelblonde Haarsträhne, die ihr vorwitzig ins Gesicht hing, flog kunstvoll auf ihren Kopf. Er war sich sicher, dass es nicht lange dauern würde, bis die gleiche Strähne wieder zurück in die Ausgangsposition fallen und sich das Schauspiel wiederholen würde. Clara hatte auch ständig mit ihrer Haarpracht gekämpft. Das musste sich die Tochter von ihr abgeguckt haben.

»Papa, ich bekomm keine bretonischen Austern!«

»Versuch es bei Philippe!«

»Was glaubst du, mache ich hier? Alle unsere Lieferanten sind restlos ausverkauft.«

»Da fällt mir dann nur noch der Halsabschneider Pierre Girard ein.«

»Weißt du, wie teuer das Stück bei ihm ist? Da fliegt uns die gesamte Kalkulation um die Ohren.« Joséphine blickte ihren Vater vorwurfsvoll an. »Am besten wir nehmen die Austern von der Speisekarte!«

»Für den Mittagstisch sollten wir so verfahren. Abends kommt der blasierte Herr Weißhaupt mit seinen debilen Geschäftspartnern. Dem Dummkopf verkaufen wir Flugaustern. Ruf Philippe an. Er soll uns für morgen Abend per Luftexpress eine Kiste Austern liefern.«

»Weißt du, was das kostet? Die Mehrkosten wird Herr Weißhaupt nie bezahlen!«

»Glaub mir Joséphine, mein Schatz, er wird. Da bin ich zuversichtlich. Manche Menschen sind so narzisstisch, die würden alles unternehmen, um nicht ihre mühsam errichtete Fassade bröckeln zu sehen. Frag die Runde, ob sie als ›Horsd'oeuvre‹ etwas wirklich Exquisites wünschen. Austern, die vor wenigen Stunden noch unbeschwert im Meer gebadet haben. Weißhaupt wird in seiner impertinenten Art nicht widerstehen können. Später erst wird er dich nach dem Preis fragen. Dann ist es für ihn und sein krankes Ego zu spät. Vor seinen Geschäftspartnern wird er keinen Rückzieher machen. Welcher Narzisst will sich schon vor seinem Auditorium blamieren? Weißhaupt, der elende Blender, nimmt eher einen Kredit auf, bevor er öffentlich eingesteht, dass ihm das Ganze zu teuer wäre. Schätzchen bestell eine Kiste und grüß mir Philippe.«

»Papa du riechst, als wolltest du auf Brautschau gehen!«

»Ich? Das muss das neue Duschgel sein, dass du mir gekauft hast. Wie dem auch sei, mir reichen zwei Frauen. Glaub mir.«

Vincent küsste seine Tochter auf den Kopf und grinste. Doch Joséphine ließ sich nichts anmerken und wählte den Kurzwahlspeicher, um beim Händler in Frankreich eine Kiste bretonische Premium-Austern zu ordern. Der Patron kam sich überflüssig vor und zog es vor, sich in seine Privatgemächer zurückzuziehen. Insgeheim freute er sich auf sein neues Buch über die aktuelle Ausstellung im New Yorker MoMa. Von unten hörte er Joséphine mit Philippe auf Französisch flirten. Ganz meine Tochter. Gerade, als er sich in Wohlwollen ergehen wollte, wurde ihm klar, wie dringend Joséphine einen Mann brauchte und Marie einen Vater. Durchaus bewertete er ihr Engagement als überaus löblich, aber sie war im Begriff, mit ihren zweiunddreißig Jahren ihr Privatleben aufzugeben. Aus eigener Erfahrung wusste er, dass dies der falsche Weg war. Wenn er jetzt einen Food and Beverage Manager einstellte, würde das seine Tochter entlasten. Wie er sie aber kannte, würde sie sich zurückgesetzt und aufs Schärfste verletzt fühlen. Böte er ihr die Position als Wirtschaftsdirektorin an, fehlte ihr der allabendliche Auftritt auf der großen Bühne als Service-Chefin im Restaurant. Sie liebte es, die Gäste zu beraten und als Dirigentin das große Ganze im Blick zu behalten. Vincent musste unbedingt eine Lösung finden. Marie sollte unter der Personalknappheit auf gar keinen Fall leiden. Es wäre gut, wenn er mit seiner Tochter in einer stillen Stunde sprechen würde, aber leichter gesagt als getan. Er hasste solche Aussprachen. Er kannte die Gefahr, in der er dann schwebte. Diese Art der Gespräche neigten fast immer dazu, zu eskalieren. Frauen können so verletzlich sein, murrte Vincent. Vielleicht fand er auch einfach nicht die richtigen Worte. Er war den engen Umgang mit dem weiblichen Geschlecht in den letzten Jahren nicht mehr gewohnt. Selbst in seiner Küchenbrigade arbeiteten nur Männer, wenn man von Emma, der Pâtissière, einmal absah. Emma konnte man durchaus als robust bis maskulin charakterisieren und zählte daher nicht. In ihrer unerschütterlichen Art trank sie nach Feierabend so manchen männlichen Kollegen spielend unter den Tisch. Es wäre vielleicht hilfreich, wenn einer seiner Freunde beim Gespräch dabei wäre. Während er überlegte, wer ihm Schützenhilfe leisten könnte, griff er nach seiner Kunstlektüre.

Überraschend rief Joséphine von unten herauf: »Schöne Grüße von Philippe. Er schickt uns eine Kiste.«

Vincent musste schlagartig wieder an diesen Schaumschläger Weißhaupt denken. Er hasste solche impertinenten Typen, die permanent mit sich und ihrer Eigeninszenierung beschäftigt waren. Diese Hohlbirne bestellte zu jedem Essen einen Bordeaux, weil er glaubte, dass ab einer bestimmten Preiskategorie seine Unwissenheit in Sachen Esskultur nicht auffiele. Weißhaupt war so ungebildet, dass er noch nicht einmal den Unterschied zwischen einer Stange weißen Spargel und einer Schwarzwurzel kannte. Für solche Kunstbanausen machte es einfach keinen Spaß, zu kochen. Gut ein Drittel seiner Gäste waren Spesenritter oder Gourmetanalphabeten, die in seinem Restaurant nur auf den Putz hauten. Ihm war klar, dass er ohne diese seltsamen Kreaturen seinen Laden schließen müsste, wie alle anderen Sterneköche auch. Daher fand er es fast schon tröstlich, dass seine restlichen Gäste seine und die Arbeit des gesamten Teams zu schätzen wussten. Genau dieses Verständnis motivierte ihn Tag für Tag, Spitzenleistung abzuliefern. Er hing diesem versöhnlichen Gedanken ein wenig nach. Dann lachte er laut. ›Auf jeder Bühne gibt es Schauspieler, die etwas zu sagen haben, die etwas darstellen. Dann gibt es die Figuranten, die als Statisten vorgeben, etwas zu sein, was sie nicht sind. — Weißhaupt der Figurant. Was für ein Aphorismus. ‹

»Drei Amuse-Gueule an Tisch Sieben. Einen Seeteufel, eine Gelbflossen Dorade und zweimal Milchlamm für Tisch Vier.«

Die Küchenbrigade antwortete daraufhin: »Oui, Chef.«

Für Außenstehende mutete dieses Spektakel wie eine Szene auf einer Galeere an, wo die Sklaven im Gleichklang des Galeerentrommlers mit der Anzahl der Ruderschläge antworten. Für Vincent war es schlichtweg die Harmonie eines eingespielten Teams, gleich einem Orchester, das auf seinen Dirigenten reagiert. Mit ihrem ›Oui, Chef‹ signalisierten sie dem Maître, dass seine Bestellung von der Küchenmannschaft verstanden wurde. So gewährleistete sein Ensemble einen reibungslosen Ablauf in der Küche. Von Zeit zu Zeit fragte er die Minutenangaben ab, damit er die einzelnen Positionen zur gleichen Zeit auf dem Teller anrichten konnte. Dies verlangte höchste Konzentration, handwerkliches Geschick, Hingabe und extrem viel Leidenschaft. Alles zusammen gipfelte in einem perfekten Teller. Nur eine geringfügige Verzögerung, ein Sandkorn im Ablauf, und aus der formvollendeten Sinfonie wurde eine nichtssagende Kakofonie.

»Vincent, der Oberbürgermeister würde sich gerne bei dir bedanken. Er ist mit einer kleinen japanischen Delegation da. Lässt sich das einrichten? Er würde sich wirklich freuen«, rief Joséphine ihrem Vater aufmunternd zu.

»Tisch Vier, wie viel Minuten?«

»Sieben Minuten Chef!«

»Das sollte reichen. Bis auf Tisch Sieben sind die restlichen Gäste alle beim Dessert angelangt. Emma, wo bist du?«

»Hier Chef!«, rief die Pâtissière aus vollem Hals und grinste dabei frech, denn sie wusste genau, wie ihr Maître die Frage gemeint hatte.

»Ah, ich sehe schon, du bist nicht ausgelastet«, er lächelte entspannt zurück. Der Patron sah seine Tochter an und nickte zustimmend. Für den Oberbürgermeister nahm er sich gerne Zeit. Joachim Schmelzer war ein sehr kultivierter und den Menschen zugewandter Typ. Nie aufbrausend, sehr interessiert und offen für Neues. Vincent hatte bei so mancher Vernissage mit Schmelzer leidenschaftlich über Kunst debattiert. Er freute sich immer, den OB bei sich begrüßen zu dürfen. Der Stadtvater schätzte überaus die Leistung seiner Mannschaft und hielt mit Lob nicht hinter dem Berg. Vincent wollte gerade freudig die Küche verlassen, als Joséphine ihm hinterherrief: »Vater, Telefon für dich.«

»Wer ist dran?«

»Ein Rolf. Er sagt, er kenne dich von früher. Es sei sehr wichtig.«

»Ich kenne keinen Rolf. Sag ihm, ich habe jetzt keine Zeit.«

Vincents Ton wurde rauer. Er hasste Telefonate während der Küchenzeit. Grundsätzlich war er dann für niemanden zu sprechen. Das wusste seine Tochter ganz genau. Bei seiner Arbeit wollte er auf gar keinen Fall gestört werden. Er war dann ausnahmslos für seine Gäste da. Schließlich konnten sie erlesene Speisen und eine perfekte Show für ihr Geld erwarten. Als Gastgeber wollte er ihnen einen unvergesslichen Abend bereiten.

Vincent betrat feierlich das Restaurant. Mit einem leichten Kopfnicken grüßte er die Gäste, die seinen Blickkontakt suchten, so, wie er es bei seinem Großmeister Paul Bocuse gelernt hatte. An Tisch Drei saßen alte Stammkunden. Es war der Präsident des Oberlandesgerichts Dr. Hebestreit mit seiner Frau und Begleitung. Er konnte unmöglich ohne ein freundliches Wort an ihnen vorrübergehen.

»Frau Hebestreit, Herr Präsident, es freut mich, Sie in meinem Hause begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, es war alles zu Ihrer vollkommenen Zufriedenheit.«

Frau Hebestreit konnte vor Glück nicht an sich halten und ergriff freudig seine Hand.

»Maître Lambert, für uns war es wieder ein Fest, bei Ihnen speisen zu dürfen. Ihre Gelbflossen Dorade an Fenchel und die karamellisierten Jungzwiebeln mit dem herrlichen Orangen-Schmorbraten-Jus, einfach superb. Wie schaffen Sie das nur immer?«

»Sie wissen doch, verehrte Frau Hebestreit, wir kochen mit Liebe und Leidenschaft. Es freut mich sehr, dass es Ihnen gemundet hat. Das Lob gebe ich gerne an meine Mannschaft weiter.«

Vincent deutete einen vornehmen Handkuss an, verneigte sich und schritt andächtig auf den Tisch des Oberbürgermeisters zu. Drei Japaner bildeten die intime Delegation. Noch bevor Vincent seine Hand zum Gruß ausstrecken konnte, erhoben sich die drei Asiaten und verbeugten sich ehrfurchtsvoll. Der Patron erwiderte respektvoll. Dann schüttelte er in deutscher Manier den Gästen die Hände. Ohne es wirklich zu wissen, ahnte der Maître, wer welche Speise bestellt hatte. Die Japaner konnten nur den Seeteufel an Salbei-Gnocchi im Meerspinnen-Jus gespeist haben. Da an Tisch Neun auch ein Lamm geschickt worden war, blieb das nur für Schmelzer übrig. Der OB verkörperte eher den kernigen Typ. Nachdem Schmelzer sich anerkennend für die exquisite Bewirtung bedankt hatte, eilte Vincent wieder in die Küche. Am Pass, der Schnittstelle zwischen Service und Küche, hatte ihn in der Zwischenzeit sein Souschef Frank vertreten.

»Vater, dein Rolf Zirner hat sich nicht abwimmeln lassen. Er wartet immer noch am Telefon«, drängte Joséphine.

›Was will dieser impertinente und selbstherrliche Mensch von mir?‹, murmelte Vincent ärgerlich.

»Lambert!«

»Hallo Vincent, erinnerst du dich an mich? Hast mich ganz schön lange warten lassen.«

»Was willst du?«

»Ah, ich sehe, ich bin in Erinnerung geblieben. Das freut mich.«

»Quatsch nicht dumm rum, raus mit der Sprache. Warum rufst du an?«

»Ich hatte Sehnsucht nach dir, um der alten Zeiten willen. Du verstehst?«

»Nein, ich verstehe nicht. Ich habe Wichtigeres zu tun, als mit dir zu reden.«

»Warum so unhöflich? Ich dachte, als Herr eines so feinen Etablissements drückt man sich gewählter und höflicher aus.«

»Das war schon früher dein Problem. Wenn es drauf ankam, konntest du dich nicht konzentrieren. Also komm endlich auf den Punkt.«

»Seit wann bist du so unromantisch? So kenn ich dich gar nicht. Gut, ich habe einen interessanten Job für dich.«

»Dann solltest du mit meiner Restaurant-Chefin sprechen; die ist für Events und Termine zuständig.«

»Geistreich wie immer. Vincent, Vincent, mein Stratege. Es geht natürlich um einen Kunst-Job. Aber das weißt du selbstverständlich längst. Warst ja immer der Gescheite.«

»Was man von dir nicht behaupten kann. Wenn du ein wenig recherchiert hättest, dann wüsstest du, dass ich mich vor mehr als fünfzehn Jahren aus dem Metier zurückgezogen habe. Ich wünsche dir noch einen schönen Abend, Rolf.«

»Nicht so hektisch Vincent. Du solltest dir mein Angebot anhören, immerhin geht es um 1,3 Millionen für jeden von uns! Das ist doch eine überaus angenehme Herausforderung für dich oder irre ich mich?«

»Ich gebe dir einen persönlichen Rat. Mach den Job ohne mich und du verdienst auf einen Schlag 1,3 Mio. mehr. Du wirst also die Herausforderung ohne mich meistern müssen. Lass mich mit deinen krummen Geschäften in Ruhe. Tschüss.«

Vincent legte den Hörer auf. Er kochte vor Wut. Was fiel dem selbstherrlichen Stümper ein, ihn zu belästigen. Während er Frank bei der Arbeit zusah, stieg in ihm ein undefinierbares Unbehagen auf. Er wusste, Zirner würde nicht lockerlassen. Das würde mit Bestimmtheit nicht der letzte Telefonanruf gewesen sein. Er musste unbedingt Joséphine warnen, dass sie von Rolf dem Versager keine Gespräche mehr durchstellte. Aber was sollte er seiner Tochter sagen, wenn sie ihn über Zirners Person befragte? Er konnte und wollte ihr auf gar keinen Fall beichten, dass ihr Vater vor Jahren noch der meistgesuchte Kunstdieb Europas war. Für sie war er immer der Spitzenkoch gewesen, der auf vielen internationalen Events arbeitete. Und das sollte auch so bleiben. Seine Miene verfinsterte sich.

»Chef, wir sind mit dem Abendgeschäft durch. Haben Sie noch einen Wunsch?«

»Danke Frank. Lass Aufräumen und rechne die Bons mit Joséphine ab. Ich muss noch mal fort. Wartet nicht auf mich, es kann spät werden. Schließ bitte die Küche ab. Gute Nacht Frank.«

Vincent hängte seine Küchenjacke über seinen Bürostuhl und warf sich seine schwarze Lederjacke über.

»Willst du so auf die Straße gehen?« Seine Tochter zeigte demonstrativ auf seine karierte Kochhose.

»Ach, lass mich!«, brummte der Vater genervt und verließ das Haus eilig durch den hinteren Ausgang.

»Mein Gott, was hat der wieder für eine Laune! Er ersäuft bestimmt wieder seinen Kummer in der Reblaus.«

»Das verstehe ich gar nicht, wir hatten heute Abend einen richtig guten Lauf. Alles lief rund, keine Patzer, keine Pannen.« Frank drehte sich zur Küchenmannschaft, um die Aufräumarbeiten einzuteilen.

Joséphine wurde das Gefühl nicht los, dass die schlechte Laune ihres Vaters mit diesem ominösen Telefonat zu tun hatte. Wer war dieser Rolf Zirner und was wollte er von Vater? Sie beschloss jedoch, in der Sache nicht weiter nachzubohren. Immerhin konnte ihr Vater sehr aufbrausend werden, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Sie widmete sich lieber der Abrechnung.

Im Garten Eden

Vincent hetzte wie ein angeschossenes Stück Wild durch die engen Gassen von Kaiserswerth. In seinem Kopf brannte der Name Rolf Zirner. Wie konnte er nur diesen Dummkopf wieder loswerden? Es gab genug Spezialisten auf der Welt, die einen Kunstraub planen und durchführen konnten. Warum gerade er? Rolf gehörte zu den Menschen, die hochgradig nachtragend waren. Wollte er ihm eins auswischen, weil er Zirner in seiner aktiven Zeit ignoriert hatte? Er erreichte das Weinlokal seines besten Freundes. Energisch öffnete er die Tür. Mit einem wirschen Blick suchte er die Gaststube ab. Nur zwei einsame Pärchen turtelten liebesversunken im Schutz der Sitznischen. An der Theke stand Bertin. Wie immer sturzbetrunken und schwer mit seiner Standfestigkeit kämpfend. Martin, der hinter dem Tresen stand, sah auf und guckte ihn entgeistert an.

»Wer oder was ist dir denn über die Leber getrampelt?«

»Frag besser nicht, sonst bekomme ich gleich eine Kolik.«

»Was darf ich dem Patienten bringen?«

»Bring mir eine Flasche ›Sister Moon‹.«

»Oh, oh, da hat sich einer etwas vorgenommen.«

»Du weißt doch, ich stehe für klare Entscheidungen.«

»Wobei dem Begriff ›klar‹ hier eine neue Bedeutung zufällt«, bemerkte sein Freund lakonisch. Dann öffnete er die Flasche und füllte andächtig den dunkelroten, fast schon schwarzen Supertuscan in den wuchtigen, gläsernen Dekanter.

Vincent schwenkte den Wein gekonnt im Glas. Dabei entspannten sich langsam seine angestrengten Gesichtszüge. Er blickte fast schon erleichtert, während er der Cuvée beim Atmen zusah.

»Gibt es eine größere Liebeserklärung, als einen Wein nach einem Lied zu benennen? Die Verkörperung der uralten Verbindung von Erde, Mond, Natur und Menschheit. Vor dem Auge der Genesis sind doch alle menschlichen Probleme marginal.«

»Au Vincent, dich hat es ja schwer getroffen. Ich weiß nicht, ob Sting seinen Wein für Momente größten Frustes gemacht hat.«

»Was für ein üppiges Bukett. Schokolade, Lakritznoten und Cassis. Am Gaumen angenehm dicht, vielschichtig und von einer großartigen Struktur.«

»Krieg dich mal wieder ein, mein Freund. Liebeskummer? So kenn ich dich gar nicht.«

»Wenn es nur eine Frau wäre, dann bekäme mein Leid einen tieferen Sinn.«

»Keine Frau? Ärger im Geschäft?«

Vincent nippte bedächtig am Wein. Er versuchte, sich auf die vielschichtigen Geschmacksnuancen zu konzentrieren. Wenn ihm das gelang, würde der nervige Zirner im kosmischen Äther verfliegen. Mist, kaum tauchte in seinem Kopf der Name Zirner wieder auf, grub er sich als Vexierbild umso tiefer in seine Gedankenwelt.

»Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen Vincent! Du weißt doch, wer redet, der erleichtert sich und sein Gewissen. Das ist wie beim Geständnis. Ich kenn mich da schließlich aus.«

Wenn sich jemand mit Schuldeingeständnissen auskannte, dann war es Martin. Als ehemaliger Kriminalhauptkommissar hatte er bestimmt Hunderte Ganoven zum Reden gebracht. Viele harte Jungs schmolzen in seinen Händen wie Wachs in der Sonne. Vor knapp vierzig Jahren hatte Vincent den Kommissar kennengelernt. In einem Verhör hatte er Martin gegenübergesessen. Damals, Ende der Siebzigerjahre, ging es um den spektakulären Kunstraub in Gotha. Sein erster, größerer Job als Kopf eines Quartetts im Ausland — ein echter Husarenstreich. Sie stahlen für Investoren in Amerika fünf Gemälde samt Rahmen. Der Deal lief über einen Mittelsmann in Paris. Er konnte sich noch gut an jedes Detail erinnern. Neben einem Frans Hals, einem Jan Brueghel dem Älteren, einem Anthonis van Dyck und einem Jan Lievens, raubten sie auch ein Gemälde von Hans Holbein dem Älteren. Die Ermittlungsbehörden der DDR hatten vermutet, dass ausländische Drahtzieher hinter dem bis heute unaufgeklärten Diebstahl stecken mussten. Recherchen der Volkspolizei hatten ihn und seine drei Mitstreiter kurzfristig in den Fokus der Ermittlungen gerückt.

Er fuhr seinerzeit mit seinem roten, klapperigen Citroën Kastenwagen und den drei Kollegen, von denen einer Rolf Zirner war, nach Leipzig zur Buchmesse. Sie kochten auf der weltbekannten Mustermesse für einen westdeutschen Buchverlag. Eigentlich ein Job, der weit unter seinem Niveau als Spitzenkoch lag. Aber er brauchte einen nachvollziehbaren Grund, um in die DDR einzureisen. Auch der Zeitpunkt hätte idealer nicht sein können. Als Ausrichter der Weltmesse herrschte größtes Chaos in und um Leipzig. Mit der Legende im Rücken konnten ihm die westdeutschen Ermittlungsbehörden nichts nachweisen. Es wurmte ihn allerdings bis heute, dass er zum Kreis der Verdächtigen zählte. Rolf, der Dummkopf, hatte seine Grätenzange im Umfeld des Tatorts verloren. Ständig hatte er mit diesem geistlosen Grätenzieher herumgespielt. Wie einfältig musste man sein, um sich so einen Lapsus zu leisten? Sie konnten von Glück sagen, dass die Volkspolizei so lange benötigte, um zu erkennen, was sie da für ein Fundstück zutage gefördert hatten. Es dauerte eine weitere Woche, bis sie das Objekt einem westdeutschen Fabrikanten zuordnen konnten. Zu diesem Zeitpunkt waren er und seine Mitstreiter schon wieder in Westdeutschland und kochten in ihren neuen Jobs. Rolf, der Depp, hatte zwischenzeitig seine Grätenzange ersetzt. Da es keine direkte Verbindung unter den Köchen zu geben schien, verfolgte die Polizei diese Spur nicht weiter.

Damals hatte er sich geschworen, dass Glück nie mehr sein Begleiter bei einem Kunstjob sein sollte. Zukünftig würde er nur noch mit hoch disziplinierten Profis arbeiten. Damit war Rolf nach drei Jobs raus aus dem Geschäft.

An Martin, seinem damaligen polizeilichen Gegenspieler und jetzigen Freund, faszinierte ihn der geschliffene, analytische Verstand. Er bewunderte sein enormes kreatives Ermittlerdenken vergleichbar mit dem Jagdinstinkt und der Beharrlichkeit einer Hyäne. Martin roch seine Beute bereits auf Hunderten von Metern. Jede kleinste Unachtsamkeit wurde seinem Gegner zum tödlichen Verhängnis. Seine Fähigkeit, sich in Täter hineinzuversetzen, ja mit ihnen und ihrer Gedankenwelt eins zu werden, war phänomenal. Manchmal fragte er sich, habe ich das jetzt gerade gedacht oder stammte der Gedanke von Hauptkommissar Martin Kowaczek. Wenn Martin zubiss, endete dies für seine Beute immer tödlich.

Über die Jahre seiner aktiven Karriere als Meisterdieb hatten sich ihre Wege so manches Mal gekreuzt und die beiden Kontrahenten waren sich dabei immer respektvoll und auf Augenhöhe begegnet. Erst einige Jahre nach seiner kriminellen Karriere, als Vincent für Martin als Berater für die Abteilung Kunstdelikte beim LKA Düsseldorf arbeitete, gestand ihm der Hauptkommissar eine gewisse Zuneigung. Martin bewunderte Vincents kriminelles Vorgehen, ohne dass er ihm jemals etwas hätte beweisen können. Bei keinem seiner Beutezüge war je ein Mensch in Gefahr gebracht oder verletzt worden. Jeder Coup war anders und damit ein echtes Unikat. Seine Handschrift beschränkte sich auf seine kreative Raffinesse und dem Höchstmaß an disziplinierter Perfektion. Das machte sie zu ebenbürtigen Gegnern. Die Liebe zur Kunst einte die beiden Profis. So manches Verhör hatte damals in einer angeregten Kunstdebatte gegipfelt. Mit Claras Tod vor knapp zwanzig Jahren hatte Vincent seine Laufbahn als Kunstbeschaffer, wie er sich vornehm nannte, beendet. Die vertrauensvolle Zusammenarbeit als Berater ließ die Männer zusammenrücken. Aus gegenseitigem Respekt wurde Freundschaft. Martin, der geringfügig älter war, hatte sich vor drei Jahren in den Ruhestand versetzen lassen. Heute lebte er als Weinliebhaber seinen Lebenstraum in Kaiserswerth. In der Rolle als Gastgeber der ›Reblaus‹ führte er Weininteressierte durch die große, weite Welt der Önologie. Das bereitete ihm auf seine alten Tage, wie er zu sagen pflegte, die größte Erfüllung seines irdischen Daseins. Wolfgang von Goethes Ausspruch ›Das Leben ist zu kurz, um schlechten Wein zu trinken‹ wurde zu seinem persönlichen Lebenscredo. Ihre gemeinsame leidenschaftliche Hingabe zu den schönen Dingen, wie die Kunst oder die Ess- und Trinkkultur, begründeten die Eckpfeiler ihrer tiefen Freundschaft.

»Mensch Vincent, rede schon. Was ist los?«

»Weißt du, der Ausdruck Imperfekt bezeichnet in der deutschen Grammatik die Zeitform, die sowohl die Vergangenheit als auch den unvollendeten, unabgeschlossenen Aspekt charakterisiert.«

»Deiner finsteren Mine entnehme ich in diesem Zusammenhang, dass dich deine dunkle Vergangenheit eingeholt hat.«

Vincent nickte betrübt. »Vergangenheit ist fälschlicherweise nie vergangen. Sie ist immer ein Teil deiner Gegenwart und, was noch betrüblicher ist, auch ein Teil deiner Zukunft. Sie bestimmt trotz ihrer Historie weiterhin dein Handeln.«

»Wir kennen uns jetzt schon so lange, was soll bitte schön so dramatisch sein, dass es dir ernsthaft Kopfschmerzen bereiten könnte? Alle deine Taten aus der Vergangenheit sind seit mehr als zehn Jahren verjährt. Oder sollte ich mich da irren?«

»Mein Freund, du irrst dich nie!« Vincent nahm erneut einen Schluck des toskanischen Weins.

»Wirst du erpresst?«

»Nein!«

»Was um Himmelswillen bedrückt dich so?«

»Rolf Zirner hat heute Abend angerufen.«

»Zirner? Was will der Schwachmat von dir? Mit dem hattest du doch schon Jahrzehnte nichts mehr am Hut.«

»Genau dieser Umstand bereitet mir Kopfzerbrechen. So einer wie Zirner ruft nicht aus einer kurzfristigen Laune an. Typen wie er sind unberechenbar und deshalb äußerst gefährlich. Er mag zwar nicht die hellste Kerze am Tannenbaum sein, aber sein prahlerischer Narzissmus bringt ihn und sein Umfeld dauernd in Schwierigkeiten. Von seinem verletzten Stolz will ich da gar nicht erst reden.«

»Ich habe nie verstanden, warum sich ein kultivierter Mensch wie du mit ihm eingelassen hast. Zirner hat nie zu dir gepasst.«

»Martin, ich war jung und unerfahren. Für meine ersten Jobs brauchte ich unbedingt einen Fassadenkletterer. Für Rolf gab es scheinbar kein Gebäude, das er nicht hätte bezwingen können. So genial seine Kletterkünste auch waren, so bescheiden köchelte er als Gastronom vor sich hin. Seine Prahlerei hätte uns fast schon beim ersten Job ins Gefängnis gebracht. Von dem Honorar kaufte sich Rolf eine fabrikneue, feuerrote Corvette. Zusammen mit seinem aufschneiderischen Gequatsche in einer Bar führte er die französischen Fahnder direkt zu sich. Die Franzosen konnten ihm damals eine Tatbeteiligung, dem Himmel sei Dank, nicht nachweisen. Deshalb mussten sie ihn laufen lassen. Mit Gotha lieferte er mir den triftigen Grund, ihn aus unserem Quartett zu streichen. Wie du weißt, hatte ich mich kurz darauf ganz neu aufgestellt. Ich wollte bewusst mit der alten Truppe und dem französischen Kapitel abschließen. Den Kollegen sagte ich, ich würde ganz aus dem Kunstgeschäft aussteigen. Deshalb nahm ich weit weg eine Küchenchefposition in Florenz an. Seitdem herrschte zwischen Zirner und mir Funkstille.«

»Will er dein Geschäft als Sternekoch zerstören? Oder will er dich zu einem Job überreden?«

»Ich glaube, dass eine lässt sich leider nicht von dem anderen trennen.«

»Du meinst, er will dich zu einem Raub zwingen?«

»Ja. Rolf werden meine Aktivitäten von Florenz bestimmt nicht entgangen sein. Womöglich will sein verletztes, narzisstisches Ego Rache.«

»Weißt du, was ich in all den Jahren nie kapiert habe, warum keiner meiner Kollegen Zirner geschnappt hat. So wie ich den Typen einschätze, hat er seine kriminelle Karriere nicht an den Nagel gehängt.«

»Nein, bestimmt nicht. Rolf kann man durchaus als grob und einfältig bezeichnen, aber er versteht es meisterhaft, andere Menschen zu manipulieren und Alibis zu erpressen. So, wie es aussieht, scheint ihm die Göttin Fortuna darüber hinaus gewogen zu sein.«

»Wenn Zirner, den ich nur aus deinen Erzählungen kenne, ein Narzisst ist, wird er doch nie und nimmer zu Kreuze kriechen, um dich für einen Job zu verpflichten. Das müsste doch eigentlich gegen sein Ehrverständnis verstoßen oder irre ich mich?«

»Ja und nein.«

Vincent goss den Rest des Rotweins ins Glas. Er blickte sich um. Bertin saß zusammengesackt in einem Stuhl nahe dem Tresen und schlief tief und fest wie ein Baby. Die Turteltäubchen in den Sitznischen hatten ihr Ziel wohl auch noch nicht erreicht. Eng umschlungen hatte ihr Tuscheln und Gurren etwas von einem verzweifelten Balzgesang. Das konnte also noch dauern.

»Weißt du, Rolf Zirner braucht mich wahrscheinlich. In seiner speziellen Art steckt er womöglich in Schwierigkeiten. Da er es sich mit vielen Kollegen von früher verscherzt hat, bin ich anscheinend als einziger Problemlöser übrig geblieben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er mit einem osteuropäischen Team arbeiten will. Vor Mord schrecken die nämlich nicht zurück. Es sei auch dahingestellt, ob sie mit ihm das Honorar teilen würden. Es muss ein komplizierter Auftrag sein. Aber du hast natürlich vollkommen Recht, wenn er den Unterwürfigen mimt, dann muss der Einsatz für ihn stimmen.«

»Vincent, das sind doch alles wilde Spekulationen. Wenn Zirner noch einmal anruft, häng einfach ein. Der wird dann schnell die Geduld verlieren. Also entspann dich. Alles wird gut, wirst sehen. — Liebe Gäste der Reblaus, ich mach jetzt Feierabend«, rief Martin laut in den Schankraum.

Vincent dankte seinem Freund und ging leicht beschwipst nach Hause. Martin und er hatten ein praktisches Arrangement getroffen. Keiner brauchte bei dem anderen zu zahlen. Sie betrachteten sich als Gäste im eigentlichen Sinne.

Sein warmer Atem glich bei den einstelligen Temperaturen im Schein der historischen Gaslaternen einer Kondenswolke, ähnlich eines Dampfstoßes aus einer alten Lokomotive. Ihn fröstelte. Jeder Schritt fiel ihm sichtlich schwer. Morgen in der Früh fiel das Jogging aus, so viel war sicher. Es reichte ihm, dass er um neun Uhr in der Küche stehen musste. Sechseinhalb Stunden Schlaf waren zwar besser als nichts, aber für sein Alter eindeutig zu wenig. Er bog in eine kleine Gasse. Seine Schuhabsätze klackerten einsam auf dem Kopfsteinpflaster. Früher, ja früher, da konnte er ein oder zwei Tage durchmachen. Heute rissen ihn solche Weinexzesse erbarmungslos zu Boden. Dafür müsste er die nächsten drei Tage bestimmt leiden wie ein geprügelter Hund. Er bemühte sich, leise die Türe aufzuschließen. Doch das kleine Scheißerchen von Schlüssel hatte anderes im Sinn. Den dritten Anlauf konnte er endlich als gelungen bezeichnen. Mit einem lauten Knarzen öffnete sich die Haustür. Sein staksiger Gang erschütterte die alte Eichentreppe im Takte eines Largos. Hund, ja genau, Marie hatte sich doch so sehnlichst einen Hund gewünscht. Vielleicht sollte er ihr einen kaufen, am besten gleich morgen. Mmh, seine Tochter würde vor Wut im Kreis hüpfen. Bei dem Gedanken musste er kichern. Hi hi, Josephine und hüpfen. Da fiel ihm auf, dass er seine Tochter nie ausgelassen spielen gesehen hatte. Er war sich sicher, Fine musste bereits als Erwachsene das Licht der Welt erblickt haben. Sie war so unendlich stark und wusste schon als Kind, was sie wollte, ganz ihre Mutter. Wie erwartet, fiel er in ein Ermattungskoma aus Alkohol und Müdigkeit.

Vincent ließ ein zweites Aspirin ins Wasserglas plumpsen. Er sah zur Küchenuhr. Die Zeiger standen auf kurz vor zehn Uhr. Gedankenversunken rührte er das schaumige, weiße Extrakt um, als Joséphine durch die Zwischentür der Restaurantküche herbeieilte.

»Nimm wenigstens einen Löffel, das ist ja ekelhaft.«

Vincent sah in Zeitlupe an sich herunter. Der weiße Schaum war zwischenzeitlich aus dem Glas gewachsen und klebte an seinem Finger. Für den Bruchteil einer Sekunde schoss ihm der Gedanke von Fingerfood durch den Kopf. Doch im gleichen Atemzug schien es ihm unpassend, die Idee eines Selbstversuches zu dem besagten Fingerfood laut vor seiner Tochter zu äußern. Er schwieg. Er warf einen kurzen Blick in die Küche und sah seinen Souschef Frank, der der Küchenmannschaft leise Anweisungen erteilte. Ein toller Kerl. Er wusste genau, wenn ihn sein Chef brauchte. Vincent kam ins Grübeln, während er kunstvoll in Sternemanier seinen Finger ableckte. Hatte er Frank jemals seine tiefe Wertschätzung mitgeteilt? Er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern. Sicherlich hatte er ihn hier und da gelobt, aber so richtig hatte er ihm noch nie gesagt, was er von seiner Leistung hielt. Was bin ich nur für ein mieser Patron, seufzte er leise selbstmitleidig.

»Vater, wir sind heute Mittag voll belegt. Wirst du mit einsteigen können?«

Vincent blickte zu seiner Tochter herüber. Kein Vorwurf, keine Szene — ganz die Mutter. Sie wusste genau, dass es in Situationen der moralischen Selbstkasteiung keiner weiteren Ermahnungen bedurfte. Er räusperte sich: »Ich werde Frank fragen, wo ich die Jungs am besten unterstützen kann. Na ja, du weißt schon, wo ich nicht so viel Schaden anrichten kann«, er grinste bübisch.

»Macht Frank den Pass?«

»Oui, Madame. Frank gibt heute den Ton an.«

Mittagstisch bedeutete immer äußerst anstrengende Kunden. Hier versammelten sich regelmäßig die auf Firmenkosten prassenden VIP-Kunden. Nichts war ihnen zu teuer oder ausgefallen. In kleinen Pausen beobachtete Vincent die Gäste durch das gläserne Bullauge der Küchentür. Er fragte sich oft, ob sie mit einer Portion Pommes rot-weiß nicht gut genug bedient wären. Achtlos, hektisch und mit ihren Gedanken überall, nur nicht beim Essen, stopften die Spesenritter, wie er sie verachtend nannte, seine feinen Kompositionen in sich hinein. Was für eine gottergebene Schande. Während der Anteil der gastronomischen Kulturbanausen zu Mittag noch achtzig Prozent betrug, änderte sich das Publikum gegen Abend gänzlich. Dann versammelte sich die tiefgläubige Gemeinde der Gourmets und das Restaurant tauchte in warmes Kerzenlicht ein. Die silbernen Kerzenständer funkelten jetzt besonders feierlich. Die Atmosphäre bekam etwas sakral Heiliges. Die Gäste flüsterten nur noch ehrfurchtsvoll, um nicht die allgemeine spirituelle Andacht zu stören. Auch das Personal schritt andächtiger durch den Chorraum der Genüsse. Seinem Freund Monsignore Gottfried Schürmann sollten diese kleinen Details bei seinen Besuchen nicht entgangen sein. Eine solche Atmosphäre stellte sich in St. Suitbertus bestimmt nur zu Weihnachten oder Ostern ein. Bei nächster Gelegenheit würde er seine Beobachtungen mal thematisieren. Vielleicht ließe sich der Monsignore so aus seiner theologischen Ruhe bringen.

Die Küchenuhr sprang auf zwölf Uhr Mitternacht. Das Abendgeschäft war abgewickelt. Vincent fühlte sich völlig ausgepumpt, wie nach einem kräftezehrenden Marathonlauf. Sein Körper schmerzte und zu seinem physischen Zustand mischte sich eine gewisse melancholische Gelassenheit, mit dem Bedürfnis Buße zu tun. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen, mit vollen Händen Wohltaten unter den Menschen zu verteilen.

»Danke Frank! Geh nach Hause. Für heute hast du genug geschuftet. Ich kümmere mich ums Aufräumen.«

»Maître, ich kann Sie in Ihrem Zustand doch nicht allein lassen!«

»Frank, du kannst. — Habe ich dir eigentlich schon einmal gesagt, wie gut du in deinem Job bist?«

»Ja. Nein, weiß ich nicht, Chef.«

Frank stieg die Schamröte ins Gesicht. »Herr Lambert, das müssen Sie gar nicht sagen, ich spüre auch so, was Sie von meiner Leistung halten.«

»Frank, jetzt köcheln wir fast vier Jahre Seite an Seite und du siezt mich immer noch. Es wird Zeit, dass du mich Vincent nennst.«

Er streckte seinem Souschef freundschaftlich die Hand entgegen. Sichtlich perplex schlug dieser ein.

»Frank du bist ein toller Kerl. Auf dich ist immer Verlass. Aus dir wird noch ein ganz großer Sternekoch, da bin ich mir sicher. Mach, dass du nach Hause kommst.«

Vincent half der Küchenmannschaft beim Aufräumen. Er fühlte sich erleichtert. Es musste mit seiner Offenheit gegenüber Frank zu tun haben. Den ganzen Tag ging ihm die Aussprache durch den Kopf. Jetzt, wo er sein Verhältnis zum Souschef so erfolgreich geklärt hatte, fühlte er sich euphorisch gut. Irgendwie schwebte er in einem Zustand größter innerer Zufriedenheit. Warum fiel es ihm bloß so schwer, seine Gefühle auszudrücken? Er, der im Innersten seines Herzens doch so emotional gestrickt war. Am eigenen Leib hatte er erfahren, was Gefühlskälte bewirkte. Von seinem Vater hatte er nie gehört: ›Sohn das hast du gut gemacht. Sohn ich liebe dich‹. Nein, er konnte sich anstrengen, wie er wollte, eine väterliche Anerkennung blieb ihm auf Lebzeiten verwehrt. Seine Mutter verstarb leider viel zu früh. Ihr hätte er mit seinem ersten Stern in Italien bestimmt imponiert. Sein alter Herr quittierte seine Leistung als Küchenchef nur verächtlich mit: ›Das ist doch kein Beruf für einen Mann‹. Nein, wie sein engstirniger Vater wollte er auf gar keinen Fall werden. Wahrscheinlich nahm er auch deshalb direkt nach seiner Lehre auf der Völklinger Hütte Reißaus. Wie viele verpasste Chancen, wie viele ungeklärte Situationen. Vincent spürte eine beklemmende Bitternis in sich. Direkt nach seiner Kochlehre heiratete er seine kleine, wunderbare Clara. Es war ein traumhaftes Hochzeitsfest. Sie feierten in ganz kleinem Kreis. Er erinnerte sich, wie Paul Bocuse, der ihr Trauzeuge war, vor Freude, wie ein kleiner Junge von einem Bein auf das andere hüpfte. Er konnte sich des Gefühls nicht erwehren, aber Bocuse schien aufgeregter zu sein als er selbst. Seine Eltern informierte er über seine Hochzeit mittels einer schnöden Postkarte, die er aus Cannes schrieb, wo sie ihre Flitterwochen verbrachten. Und wie er es erahnt hatte, waren die Eltern über seine Ehe mit einer Französin nicht glücklich. Sicherlich hatte er auch deshalb seine Beziehung zu Clara so lange geheim gehalten.

»Vater ist alles Okay? Du wirkst so abwesend.« Joséphines Worte rissen Vincent aus seinen Grübeleien.

»Nichts ist in Ordnung, gar nichts, mein Kind.«

»Das klingt so gar nicht nach dir. Hast du dich heute etwa übernommen?«

»Nein, das ist es nicht. Aber wir müssen unbedingt reden!«

»Es ist schon spät Vater, lass uns morgen reden. Einverstanden?«

»Ich würde lieber jetzt mit dir reden. Es ist schon so viel ungenutzte Zeit verstrichen. Wer weiß, wie lange uns noch bleibt, gewisse Dinge zu klären.«

»Vater warst du bei Dr. Walther? Bist du krank?«

»Nein, um Himmels willen! Es geht mir gut. Vergiss den Quacksalber von Doktor ganz schnell. Ich würde gerne über unsere Zukunft reden. Bei meinem Vater habe ich leider die Chance vertan. Vielleicht hat er sie auch verpasst. Schau, ich werde nicht jünger. Das konntest du heute gut feststellen. Ich würde gerne die gesamte Personalführung und den Einkauf abgeben. Dann könnte ich mich voll aufs Kochen konzentrieren. Mit Frank zusammen könnten wir weiter an unserer Speisenkarte feilen. Ideen hätte ich schon einige. Für mich stellt sich die Frage, wo du dich siehst. Würde dich die Aufgabe als Wirtschaftsdirektorin reizen? Oder würdest du lieber als Chefin im Restaurant arbeiten?«

»Paps, wenn dir die Arbeit zu viel wird, könnte ich dich noch weiter unterstützen.«

»Du arbeitest jetzt schon wie eine Verrückte. Übrigens, deinen Job machst du hervorragend. Aber, ich finde, du solltest mehr an Marie und deine Zukunft denken. Du bist noch jung, lebe endlich wieder. Wer weiß, was später ist. Ich will nicht, dass du die gleichen Fehler machst wie ich. Für dich war ich nie da, wenn du mich ernsthaft gebraucht hast.«

»Ich finde, ich bekomme das ganz gut gebacken. Immerhin arbeite ich hier und nicht im Ausland, wie du es oft getan hast. Marie sieht mich täglich. Aber wir könnten uns einen Assistenten nehmen. Der könnte uns im Einkauf unterstützen. Das raubt täglich sehr viel Zeit.«

»Einen Assistenten? Ich weiß nicht. Der ist jung und unerfahren. Der Einkauf von Spitzenprodukten will gelernt sein. Von der Qualität hängt maßgeblich unser Erfolg im Restaurant ab. Ich hätte immer das Gefühl, ich müsste ihm auf die Finger schauen.«

»Lass uns schlafen gehen. Vielleicht fällt uns ja noch eine andere Lösung ein. Und mach dir keinen Kopf um mein Leben. So, wie es ist, ist es gut. Mir macht die Arbeit sehr viel Freude. Meine Zukunft ist unser Restaurant. Wenn wir weiter so erfolgreich bleiben, würde mich das sehr erfüllen.«

»Trotzdem, Arbeit ist nicht alles. Was ist mit deinem Liebesleben?«

»Da geht es mir wie dir. Im Moment denke ich darüber nicht nach. Wenn sich meine Prioritäten ändern sollten, gebe ich dir als ersten Bescheid.«

»Sei nicht gleich eingeschnappt. Ich bin halt besorgt, mein Kind.«

»Ich bin auch besorgt. Und deshalb gehen wir jetzt ins Bett.«

Vincent war erleichtert. Er hatte das heikle Thema zumindest angesprochen. Vielleicht gab es ja wirklich noch eine andere Alternative. Über den Assistenten würde er, zugegeben widerwillig, aber immerhin ernsthaft, nachdenken.«

»Opa, warum muss ich so viel lernen?«

»Freust du dich denn gar nicht auf die Schule? Lernen hat mir meistens großen Spaß gemacht. Ich habe für mich das Lesen, die Kunst und die weite Welt mit all ihren Möglichkeiten entdeckt.«

»Ich hasse Mathe!«

»Da kommst du ganz auf deine Mutter. Dein Papa, der konnte nämlich ganz gut mit Zahlen umgehen.«

»Muss ich denn wirklich zur Schule? Du könntest mir doch alles beibringen.«

»Ach Engelchen! Was ist denn mit deinen Freundinnen? Werden die dich nicht vermissen?«

»Die könnten mich doch zu Hause besuchen. Ach Opa!«

»Gibt es denn keine Fächer, die dich interessieren?«

»Doch, Sport!«

»Und sonst?«

»Der Rest ist blöde.«

»Willst du denn keine kluge Frau werden, wie deine Mutter oder unsere Bundeskanzlerin?

»Opa, was ist eine Bundeskanzlerin?«

»Sie ist so etwas wie die Chefin von Deutschland.«

»Ist sie eine Königin?«

»Nein. Wir haben keine Königin. Wir haben so etwas Ähnliches, wir haben einen Bundespräsidenten. Unsere Kanzlerin erledigt die Arbeit und lenkt die Geschicke des ganzen Landes. Der König, wie du ihn nennen würdest, vertritt Deutschland in der Welt.«

»Gut, dann werde ich eben König. Reisen macht mir auch Spaß.«

»Marie, bist du so weit?«, rief ihre Mutter aus dem Büro. Du musst jetzt los, sonst kommst du zu spät zur Schule!«

»Mutti, ich werde König von Deutschland. Da brauche ich das ganze Zeug nicht.«

»So, so. Also, wenn schon, dann wirst du Königin. Aber ich muss dich enttäuschen, Deutschland hat keine Königin.«

»Opa hat gesagt, wie haben so was Ähnliches. Und das will ich werden.«

»Na, bis dahin musst du erst mal eine ganze Menge lernen. Also, los jetzt!«

»Opa sagt, unser König muss nur reisen. Das kann ich.«

»Ich glaube, da muss ich mal mit Opa reden. Da hast du bestimmt etwas falsch verstanden. Sieh mal, Nicola wartet schon am Gartenzaun. Tschüss und pass schön auf, meine kleine Königin

Vincent und seine Tochter schauten Marie hinterher, wie sie freudig das Gartentor aufstieß und ihrer Freundin Nicola laut von ihren Plänen als Königin erzählte.«

»Hast du ihr den Quatsch mit der Königin erzählt?«

»Jein. Aber das ist eine längere Geschichte.« Vincent winkte ab und verließ die Privaträume, um in die Restaurantküche zu gehen. Dort erwartete ihn bereits sein Souschef.

»Maître, ich habe eine neue Idee für ein Amuse-Gueule. Was hältst du von Aal als Grundidee?«

Der Patron blickte Frank verunsichert an. Das ›Du‹ war für ihn noch gewöhnungsbedürftig.

»Chef entschuldigen Sie bitte, in der Aufregung habe ich Sie geduzt.«

»Hatten wir das gestern nicht so vereinbart?«

Frank nickte vorsichtig. Er konnte sich noch genau an die Worte seines Vorgesetzten erinnern. Aber jetzt spiegelte sich in der Körperhaltung des Maîtres eine Verunsicherung, die ihm ein flaues Magengefühl verursachte.

»Ach Frank, wenn du wüsstest, wie gut ich dich verstehe. Kochen kann doch so einfach sein. Erzähl mir von deinen verführerischen Aal-Ideen.«

»Wie viel Minuten für den Hauptgang; Tisch vier?«

»Dreimal Schottisches Rebhuhn kommt, Chef.«

Vincent drapierte neben dem Rebhuhn kunstvoll zwei Crostini mit der in Armagnac und Sherry-Essig verfeinerten Leberfarce, geschmorte Esskastanien sowie ein Potpourri aus karamellisierten Apfelspalten, Trauben und Waldpilzen. Ein in Tropfenform gegossener Rebhuhnjus vollende das Gemälde.

»Service! Dreimal Tisch vier.« Vincent war in seinem Element. Heute ging es ihm körperlich wieder gut. Die Küchenbrigade funktionierte wie ein Schweizer Uhrwerk. Die Bestellungen kamen trotz des voll besetzten Restaurants zeitversetzt. Die hoch konzentrierte Anspannung seiner Mannschaft konnte nichts aus der Ruhe bringen. Langsam wurde es für Vincent Zeit, den Staffelstab am Pass seinem Souschef zu übergeben. Heute würde er bereits um zwanzig Uhr die Küche verlassen. Es war der erste Mittwoch im Monat, und da spielte er immer mit dem Monsignore Schach. Der Service brachte ihnen dann einige Köstlichkeiten in sein Wohnzimmer nach oben, wo sie zuerst angeregt plauderten und aßen, bis es ernst wurde und das Schachspiel den Abend bestimmte. Vincent verabschiedete sich gerade von seiner Küchenmannschaft, als Joséphine den Kopf in die Küche steckte.

»Vater, Telefon für dich. Es ist wieder dieser Rolf Zirner.«

»Sag ihm, ich habe keine Zeit. Nein, halt. Sag ihm, es gibt nichts mehr zu besprechen und häng einfach ein.«

»Okay.«

Vincent stieg die Treppe zu seiner Wohnung hinauf. Er musste sich noch umziehen. Gleich kam sein Schachpartner Schürmann. Unbeherrscht warf er seine Kochjacke in die Wäschetonne. ›Diese alte Klette von Zirner. Der lässt sich nicht einfach abschütteln. Der klebt an mir wie unsägliches Pech.‹ Vincent merkte, wie unkontrollierte Wut aus dem Bauch in seinen Kopf stieg. Es hätte ein so schöner, unbeschwerter Abend werden können. Jetzt kreisten seine Gedanken wieder um seine Vergangenheit und die drohte, ihm den Abend gründlich zu vermiesen.

»Mein Freund Lambert sind Sie hier oben?«

»Ja, ich komme.« Vincent zog sich seinen bequemen schwarzen Lieblingspullover über den Kopf.

»Bin ich zu früh?«

»Nein, nein. Ich hatte noch einen lästigen Telefonanruf.«

»Ich hoffe, es war nichts Unangenehmes.«

Er schüttelte dem Monsignore freudig die Hand.

»Leider ja. Sie kennen das bestimmt. Es ruft eine Person an, mit der Sie jahrelang nichts zu tun hatten, was auch gut so war. Jetzt fordert dieser Mensch von Ihnen einen Gefallen ein, den Sie aber nicht bereit sind zu geben. Wie wird man diese Persona non grata wieder los?«

Zu Vincents Bedauern nahm sein Freund die eigentlich rhetorisch gemeinte Frage gleich auf.

»Patron, mir fällt da die lateinische Entsprechung von Gefallen ›conveniere‹ ein, was von seiner Herkunft ›Zusammenkommen‹ heißt. Aber, kann nicht nur etwas zusammenkommen, was sich auch anzieht? Bieten Sie ihrem Gegner keine Reibungsfläche. Halten Sie ihn auf Distanz. Lassen Sie ihn so ins Leere laufen. Dann gibt er bestimmt bald auf.«

»Mir gefällt Ihr Vergleich, allerdings lassen sich physikalische Gesetze nicht immer auf menschliche Niederungen anwenden. Aber nehmen Sie doch Platz. Es wäre um die überbackenen Hummer eindeutig zu schade, wenn die sich verkühlen würden.«

»Vincent Lambert, das sieht ja wieder köstlich aus. Sagen Sie, wie muss ich mir die Verbindung zu Ihren Niederungen vorstellen?«

»Waren wir nicht alle einmal jung? Und in einer schwachen Stunde lässt man sich mit Leuten ein, um die man am besten einen großen Bogen gemacht hätte.«

Der Pfarrer sprach ein kleines Tischgebet. Dann stürzte er sich auf den bretonischen Hummer.

»Wie köstlich der Spinat an Knoblauch geschwenkt und die kleinen Rosmarinkartöffelchen.

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