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Liebe, Raub und Leidenschaft

1. KAPITEL

Sussex, Mai 1824

Der Frühnebel begann sich gerade zu lichten, als er seinen prächtigen schwarzen Hengst nach Hause ritt. Er nahm die Abkürzung durch die Eibenallee, welche um die Gärten von Woodfield Manor führte. Frühsommerlicher Sonnenschein warf helle Strahlen durch die Bäume, und auf dem Gras funkelten die Tautropfen wie ein Meer winziger Diamanten. Der satte Geruch der frischen Erde mischte sich mit dem lieblichen Duft süßen Geißblatts, das sich an den Stämmen der stattlichen Eiben emporrankte. Ein herrlicher Morgen, der ohne Zweifel auch einen herrlichen Tag versprach.

Allerdings war der Hochehrenwerte Rafe St Alban, Earl of Pentland, Baron Gyle für diese Wunder der Natur und die Pracht, über die er herrschte, nicht empfänglich. Nachdem er auch diese Nacht kaum geschlafen und der schnelle Morgenritt ihn schwer erschöpft hatte, sehnte er sich einzig und allein danach, in Morpheus’ offene Arme zu sinken.

Sein Pferd zügelnd, sprang Rafe aus dem Sattel und sperrte das Gatter auf, durch das man über einen schmalen Pfad geradewegs zu den Stallungen gelangte. Der große, gut gebaute Mann und das stattliche Pferd, die Muskeln gestählt und die Sehnen gespannt, gaben ein beachtliches Paar ab. Beide waren – auf ihre jeweils eigene Weise – Paradebeispiele blaublütiger Abstammung, Wunderwerke der Natur in leibhaftiger Vollkommenheit. Trotz der schlaflosen Nächte strotzte Rafe geradezu vor Gesundheit. Seine Haut strahlte, sein tiefschwarzes Haar glänzte in der Sonne. Der Kurzhaarschnitt betonte seine hohen Wangenknochen, die von der Anstrengung eines halsbrecherischen Galopps nun etwas erhitzt waren, und selbst der dunkle, bläulich schimmernde Bartschatten unterstrich nur, wie markant sein Kinn war und wie weiß und makellos seine Zähne.

Einen byronschen Helden hatte eine junge Dame ihn einst in atemloser Ergriffenheit genannt. Ein Kompliment, das Rafe wie üblich mit einem zynischen Lachen abgetan hatte. Obwohl er dank seines Aussehens und seines nicht minder attraktiven Vermögens einer der begehrtesten Junggesellen des ton war, verprellten sein vernichtender Humor und die abwesende Art, wie er manchmal in die Luft starrte, selbst zu allem entschlossene Damen – was Rafe nur zupasskam. Schließlich hatte er nicht die geringste Absicht, sich ein zweites Mal in Fesseln legen zu lassen. Von der Ehe hatte er für dieses Leben genug. Und für das nächste gleich dazu.

„Gleich geschafft, mein Freund“, murmelte er und tätschelte die erhitzte Flanke des Hengstes. Thor warf den stattlichen Kopf zurück und stieß dampfende Atemwolken durch die Nüstern. Offenbar strebte er ebenso sehnsüchtig seiner Schlafstatt entgegen wie sein Herr. Rafe beschloss, nicht wieder aufzusitzen und das kurze Stück zu laufen, streifte seinen Gehrock ab und warf ihn sich lässig über die Schulter. Da er nicht damit rechnen musste, zu so früher Stunde einer Menschenseele zu begegnen, war er ohne Hut, Weste und Krawattentuch aufgebrochen. Das weiße Leinen seines Hemds klebte ihm feucht am Rücken, sein Kragen war locker geöffnet und gab seine dunkel behaarte Brust frei.

Lautlos fiel das Gatter hinter ihnen ins Schloss, und Rafe drängte sein Pferd vorwärts. Thor jedoch stampfte mit den Hufen im Gras und schnaubte. Auf solche Spielchen hatte Rafe nun wahrlich keine Lust. Erneut zog er an den Zügeln, nun schon etwas heftiger, doch Thor rührte sich nicht und wieherte schrill.

„Was ist jetzt schon wieder?“ Rafe ließ den Blick umherschweifen und suchte nach einem Fuchs oder einem Hasen, doch stattdessen erspähte er einen Schuh. Einen Damenschuh. Einen schmalen Lederschuh, an der Spitze etwas abgestoßen, verbunden mit einer in ausgesprochen praktische Wolle gekleideten, doch darum nicht minder wohlgeformten Wade. Rafe konnte sich einen leisen Ausruf nicht verkneifen, der eher seinen Unmut über die Störung denn seine Besorgnis zum Ausdruck brachte. Gemächlich befestigte er die Zügel am Gatter, bevor er an den Graben trat, um sich das Unglück anzuschauen.

Rücklings hingestreckt, tot oder tief bewusstlos, lag eine junge Frau, gekleidet in ein braunes Wollkleid mit Knöpfen, die sich bis zum Hals schlossen. Sie trug weder Hut noch Pelisse, und ihr rotbraunes Haar hatte sich gelöst und lag wie ein Fächer hinter ihr ausgebreitet, vom Grabenwasser getränkt, sodass es fast schwarz schien, wie ein düsterer Heiligenschein. Rafe strich das Gras beiseite, um ihr Gesicht besser sehen zu können, das ohne jede Farbe war, marmorblass und gespenstisch. Die Arme vor der Brust verschränkt, mutete sie wie eine prunklos gekleidete Grabfigur an. Einzig der schräg aus dem Graben ragende Fuß, der ihn überhaupt erst auf sie aufmerksam gemacht hatte, störte dieses Bild.

Seinen Rock beiseitewerfend, kniete Rafe am Ufer nieder und stellte verärgert fest, dass ihm Brackwasser in die Reitstiefel sickerte. Die Frau lag völlig still und reglos da, nicht einmal ihre Lider bewegten sich. Vorsichtig neigte er sich vor. Ein schwacher Atemhauch streifte seine Wange, verhieß eine erste Andeutung von Leben. Er griff nach ihrem Handgelenk und atmete erleichtert auf, als er einen schwachen, doch steten Pulsschlag spürte. Wer war sie? Und wie zum Teufel war sie in seinem Graben gelandet?

Rafe stand auf, nahm zerstreut die Grasflecken auf seinen Breeches wahr, welche seinem Kammerdiener Laute der Missbilligung entlocken würden, und überlegte, was zu tun war. Am einfachsten wäre es, zum Haus zurückzukehren und zwei Stallburschen nach ihr zu schicken. Er betrachtete die reglose Gestalt, zog die Stirn in Falten. Nein. Was immer sie hier zu suchen hatte, er konnte sie nicht guten Gewissens so liegen lassen. Wie Ophelia sah sie aus. Und wie ihr Fuß so seltsam verloren aus dem Graben ragte, das gab ihr etwas unglaublich Verletzliches. Und so schwer konnte sie kaum sein. Wozu zwei Männer schicken, wenn er ein Pferd hatte? Mit einem resignierten Seufzer machte Rafe sich daran, sie aus ihrem nassen Bett zu heben.

„Danke, Mrs Peters, das wäre alles. Ich lasse Sie rufen, wenn ich weiterer Hilfe bedarf.“

Die Worte drangen von fern, wie durch einen dichten Nebel, als wäre ihr Kopf in ein mittelalterliches Folterwerkzeug gespannt. Stöhnend versuchte Henrietta, sich an die Stirn zu fassen, doch ihr Arm verweigerte ihr den Dienst und lag schwer auf ihrer Brust. Ein stechender, irrlichternder Schmerz zwang ihr die Lider auf, doch die bunten Farbwirbel, die auf einmal vor ihr tanzten, ließen sie die Augen gleich wieder schließen. Nun fühlte es sich an, als würde mit einem Schmiedehammer auf ihren Schädel eingeschlagen. Es war unerträglich.

Wohltuende Kühle senkte sich auf ihre Stirn, der Schmerz ließ ein wenig nach. Wonach roch es hier? War das Lavendel? Als sie es nach einer Weile erneut versuchte, konnte sie den Arm heben. Die Hand auf die feuchte Kompresse gedrückt, öffnete Henrietta abermals die Augen. Alles drehte sich und verschwamm. Schnell schloss sie die Lider, presste sie fest zusammen und atmete tief durch. Nachdem sie bis fünf gezählt hatte, versuchte sie den Sirenengesang der Bewusstlosigkeit zu überhören, der sie mit sanfter Stimme lockte. Dann öffnete sie entschlossen die Augen und blickte sich um.

Gestärkte Laken. Daunenkissen. Zu ihren Füßen eine Bettflasche. Über ihr ein Baldachin aus feinstem Damast. Sie lag in einem Bett – doch wo? Das Zimmer war ihr gänzlich unbekannt. Im Kamin brannte ein helles Feuer, die Vorhänge waren zugezogen, doch durch einen schmalen Spalt schien Licht herein. Alles war unglaublich modern und elegant, die Wände in einem blassen Gelb, die Vorhänge in einem dunkleren Goldton gehalten. Wieder nahte eine Welle elender Übelkeit heran. Nein, sie durfte sich in so makelloser Umgebung nicht vergessen. Henrietta fasste all ihren Willen und setzte sich auf.

„Sie sind wach.“

Sie fuhr zusammen. Eine tiefe, dunkle Stimme. Verführerisch. Und unüberhörbar männlich. Halb hinter dem Bettvorhang verborgen, hatte sie ihn nicht sogleich bemerkt. Henrietta wich zurück und zog sich die Decke bis übers Kinn, wobei sie feststellte, dass sie nur ihre Unterkleider am Leib trug! Die Kompresse fiel herab auf die seidene Bettdecke. Das dürfte Flecken geben, dachte Henrietta zerstreut. „Wenn Sie näher kommen, schreie ich!“

„Halten Sie sich nicht zurück“, erwiderte er lakonisch, „denn wer weiß, ob ich mich bislang zurückgehalten habe?“

„Oh!“, entfuhr es ihr, doch klangen seine Worte eher belustigt als bedrohlich. Nun verstand Henrietta gar nichts mehr. Sie blinzelte verwirrt. Und dann, als ihr Blick sich langsam klärte, schluckte sie. Vor ihr stand der wohl schönste Mann, denn sie je erblickt hatte. Groß, dunkelhaarig und geradezu unanständig gut aussehend. Ein wahrer Adonis. Die kurzen nachtschwarzen Haare gaben den Blick frei auf einen Kopf, der tadellos symmetrisch war. Geschwungene Brauen, mandelförmige Augen von einem ganz wunderlichen Blau – oder war es Grau? Wie der Himmel in stürmischer Nacht. Unrasiert und in Hemdsärmeln, brachte sein leicht zerzauster Aufzug nur noch besser zur Geltung, wie vollkommen er war. Sie merkte, dass sie ihn offen anstarrte, aber sie konnte den Blick nicht von ihm abwenden. „Wer sind Sie? Und was um alles in der Welt machen Sie hier … in diesem Schlafzimmer? Mit mir?“

Rafe erlaubte sich, die Schöne in Nöten zu betrachten, wie sie sich am Laken festklammerte, als hinge ihr Leben daran, und wie sie ihn musterte, als hätte er nicht nur seinen Frackrock abgelegt, sondern stehe völlig nackt vor ihr. Der Gedanke stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Er konnte nicht widerstehen, sein Spiel mit ihr zu treiben. „Ich habe keine Vorstellung davon, was wir in diesem Schlafzimmer tun. Sie vielleicht?“

Henrietta rang nach Atem. Das Offensichtliche wäre schockierend … und doch seltsam verlockend. Sie trug nur ihre Unterkleider. Und er schien sich gerade anzuziehen. Oder auszuziehen? War das sein Ernst? Hatten sie … hatte er? Ein wohliger Schauer durchfuhr sie, doch sie schloss die Augen. Nein! Sollte sie sich ausgerechnet an das nicht mehr erinnern können? Nicht dass sie eine genaue Vorstellung davon gehabt hätte, aber gewiss hätte sie es nicht so schnell vergessen. Ihn hätte sie ganz sicher nicht vergessen.

Wahrscheinlich neckte er sie nur. Oder? Verstohlen sah sie ihn an. Ihr Blick traf geradewegs auf seinen. Rasch wandte sie sich ab. Nein. Griechische Götter stiegen nicht vom Olymp herab, um pummelige junge Damen zu verführen, denen das Haar wie Rattenschwänze vom Kopf baumelte und die rochen – Henrietta schnüffelte dezent, und ja, es ließ sich nicht leugnen –, als hätten sie in Brackwasser gebadet. Doch was war geschehen?

Als er seinen Blick dort ruhen ließ, wo sie das Laken unter ihrem Kinn festklammerte, spürte Henrietta das Blut in ihre Wangen schießen. Wie er kurz die Brauen hochzog, als sein Blick dem ihren begegnete, das hatte genügt. Es kam ihr vor, als hätte sie eine Prüfung nicht gemeistert, die sie mit Bestnote bestehen wollte. Angriffslustig reckte sie das Kinn. „Wer sind Sie?“

Wieder hob er die Brauen. „Sollte ich diese Frage nicht Ihnen stellen? Immerhin sind Sie ein Gast – wenngleich ein ungebetener – in meinem Haus.“

„Ihr Haus?“

„Ganz genau. Mein Haus. Mein Schlafzimmer. Mein Bett.“ Rafe wartete, doch zu seiner Überraschung schien die junge Dame fürs Erste genug davon zu haben, das verhuschte Mäuschen zu spielen. „Sie befinden sich auf Woodfield Manor“, ließ er sie wissen.

„Woodfield Manor!“ Aber das war doch das große Landgut, das an jenes ihrer Dienstherrin grenzte! Und dann war er … „Du liebe Güte, dann sind Sie der Earl?“

„In der Tat, der bin ich. Rafe St Alban, Earl of Pentland, stets zu Ihren Diensten.“ Rafe deutete eine Verbeugung an.

Der Earl! Sie befand sich tatsächlich im Schlafgemach eines berüchtigten Grafen – und nun war ihr auch klar, und zwar sehr klar, warum er einen so skandalösen Ruf hatte. Henrietta klammerte sich ans Betttuch und hätte es sich am liebsten über den Kopf gezogen, um sich in den daunenweichen Tiefen des Plumeaus zu verkriechen. „Es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mylord“, sagte sie. „Ich bin Henrietta Markham.“ Mit einem Mal wurde ihr der Aberwitz der Situation bewusst, und sie verspürte den völlig unangebrachten Drang, laut zu lachen. „Sind Sie ganz sicher, dass Sie der Earl sind? Denn ich meine … Aber nein, wenn Sie es sagen, wird es schon so sein.“

Ein leises Zucken spielte um seine Mundwinkel. „Ich bin mir ziemlich sicher, wer ich bin. Was lässt Sie glauben, ich könnte es nicht sein?“

„Nichts. Nur … nun, ich hätte nicht gedacht … Sie wissen schon, bei Ihrer Reputation …“ Henrietta merkte, wie sie abermals rot wurde.

„Welche Reputation?“ Natürlich wusste er ganz genau, was sie meinte, aber es würde ihn sicher amüsieren, wenn sie es in eigene Worte fasste. Sie hatte etwas an sich, das ihn reizte. Er wollte sie schockieren, sie aus der Fassung bringen. Vielleicht lag es an ihren großen Augen, ihrem klaren Blick? Ihre Augen waren braun. Wie Zimt. Oder eher wie Kaffee? Nein, auch nicht. Schokolade vielleicht?

Rafe machte es sich auf der Bettkante gemütlich. Henrietta Markham blickte erstaunt, doch sie schrak nicht zurück, wie er es erwartet hätte. Es war genau so viel Platz zwischen ihnen, dass es zu viel und gleichzeitig nicht genug war. Unter dem Laken sah er ihre Brüste sich rascher heben und senken.

Sie war nicht, was man gemeinhin als schön bezeichnen würde. Ein paar Zoll zu klein geraten und beim besten Willen nicht gertenschlank. Zwar war ihre Haut hell und makellos, ihr Mund dagegen zu breit, ihre Brauen zu gerade und ihre Nase nicht gerade genug. Nun jedoch, da sie wieder etwas Farbe im Gesicht hatte und die Ähnlichkeit mit der marmornen Grabfigur sich verloren hatte, war sie … nein, definitiv nicht schön, aber auf recht beunruhigende Weise attraktiv. „Wie, Miss Markham? Um Worte verlegen?“

Henrietta fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Sie kam sich vor wie ein Mäuschen, mit dem der Kater sein Spiel trieb. Lässig saß er auf der Bettkante, schlug ein Bein übers andere. Lange Beine. Würde sie so auf der Bettkante sitzen, reichten ihre Füße gewiss nicht bis zum Boden. Sie war es nicht gewohnt, so nah bei einem Mann zu sitzen. Schon gar nicht im Bett, am Bett, auf dem Bett. Wo auch immer. Es war … Sie bekam kaum noch Luft. Angst hatte sie eigentlich keine, jedoch fühlte sie sich durchaus ein wenig eingeschüchtert. Was hatte er vor? Sie setzte sich auf, widerstand dem Impuls, sich am anderen Ende des Betts in Sicherheit zu bringen, und rang andererseits mit dem Wunsch, ihm näher zu sein. Gefährlich nah. Doch sie durfte ihn nicht die Oberhand gewinnen lassen. „Sie wissen doch ganz genau, dass Sie berüchtigt sind“, sagte sie mit einigermaßen fester Stimme – und war stolz auf sich.

„Berüchtigt weswegen?“

„Nun, es heißt …“ Henrietta zögerte. Normalerweise war sie nie um Worte verlegen. Auf seinen Breeches waren Grasflecken. Ob sie irgendetwas mit ihrer heiklen Situation zu tun hatten? Als sie merkte, dass er ihren unverhohlenen Blick auf seine Beine bemerkte, errötete sie und fuhr rasch fort. „Es heißt, dass Sie … nun ja. Gewiss ist es alles Unsinn, denn Sie können unmöglich so schlimm sein, wie man sich erzählt. Auf jeden Fall sehen Sie nicht so aus, wie ich mir einen … einen … vorgestellt hätte.“

„Wie was sehe ich nicht aus?“, fragte er.

Henrietta schluckte. Es gefiel ihr nicht, wie er sie ansah. Als ob er gleich lachen wollte. Oder auch nicht. Es war abschätzend, das war das Wort. Sie hatte das Gefühl, abgeschätzt und für gering befunden zu werden – und schalt sich sogleich für ihre törichten Gedanken, ihre törichte Reaktion auf seine Nähe. Aber er war einfach so überwältigend männlich, und dann saß er ihr viel zu nah, hier auf diesem Bett, so nah, dass ihre Haut allein von seiner Nähe zu kribbeln begann. Am liebsten würde sie ihn von der Bettkante stoßen. Oder wäre das nicht nur ein Vorwand, um ihn zu berühren? Dieses rabenschwarze Haar, das so kurz war. Und dabei gewiss seidenweich. Anders als seine Bartstoppeln, die sicher hart und kratzig wären. „Ein Wüstling“, platzte sie heraus, nun völlig verwirrt von ihren überbordenden Gedanken.

Das hatte gesessen. Der Earl stand entrüstet auf. „Wie bitte?“

Henrietta blinzelte verwirrt, vermisste schon jetzt seine Nähe, seine Wärme und war doch erleichtert, zumal seine Miene sich mit einem Schlag verändert hatte. Kälter, distanzierter, als hätte er eine Mauer zwischen ihnen gezogen. Zu spät ging ihr auf, dass es nicht gerade taktvoll war, jemandem ins Gesicht zu sagen, dass er ein Wüstling war. Auch dann nicht, wenn er tatsächlich einer war. Warum konnte sie nur nie den Mund halten?

„Bitte klären Sie mich auf, Miss Markham – wie genau sieht ein Wüstling aus?“

Genau weiß ich es nicht, aber wahrscheinlich nicht annähernd so gut wie Sie“, erwiderte Henrietta und sagte einmal mehr das Erstbeste, das ihr in den Sinn kam. „Und älter“, fuhr sie fort, da sie sein Schweigen nicht ertragen konnte. „Und unmoralischer. Verlebt und verkommen. Wenngleich ich gestehen muss, nicht genau zu wissen, wie Verkommenheit eigentlich aussieht, nur dass Sie nicht so aussehen. Verkommen, meine ich“, schloss sie, als sie merkte, dass sie ihn mit ihren Worten keineswegs beschwichtigt sondern eher brüskiert hatte.

„Ich bin beeindruckt, Miss Markham“, sagte er süffisant. „Sprechen Sie aus Erfahrung?“

Er stand mit einer Schulter an den Bettpfosten gelehnt, die Arme vor der Brust verschränkt. Wie breit seine Schultern waren! Breit und muskulös. Ob er boxte? Wenn ja, musste er gut sein, denn sein Gesicht zeigte keine Blessuren. Ihr Gesicht befand sich indes auf Augenhöhe mit seiner Brust. Die auch breit und muskulös aussah, soweit sie das unter seinem Hemd erkennen konnte. Sein Bauch war flach, sehr flach, eigentlich gar kein Bauch.

Henrietta nagte an ihrer Unterlippe und versuchte, sich nicht einschüchtern zu lassen. An seine Hemdbrust gewandt, wollte sie nicht sprechen, aber sie musste sich fast den Hals verrenken, um in seine Augen blicken zu können – die jetzt schiefergrau waren, nicht blau. Wieder schluckte sie, versuchte, sich zu erinnern, was er sie eben gefragt hatte. Wüstlinge, genau. „Aus Erfahrung, ja. Oder ich meine, nein, natürlich nicht persönlich. Meines Wissen bin ich noch keinem Wüstling begegnet, aber meine Mutter hat immer gesagt …“ Henrietta verstummte. Gewiss wüsste Mama es nicht zu schätzen, wenn ihre Vergangenheit ausgebreitet würde. „Ich habe die Folgen wüsten Treibens mit eigenen Augen gesehen“, sagte sie stattdessen, was etwas dürftig klang, geradezu kleinlaut. Aber kein Wunder, dass sie um Worte verlegen war, wenn er wie ein Racheengel vor ihr stand. „Im Armenhaus unserer Gemeinde“, setzte sie nach.

„Wenn Sie andeuten wollen, ich hätte landauf, landab eine Spur illegitimer Sprösslinge hinterlassen, dann täuschen Sie sich. Und zwar gewaltig“, beschied er ihr.

Henrietta wollte vor Scham im Boden versinken. Nichts dergleichen hatte sie andeuten wollen – zumindest nicht über ihn im Besonderen. Aber nur weil sie in seinem Fall nichts dergleichen gehört hatte, hieß das ja nicht, dass … Aber nein, sein Zorn war echt. Gewiss sagte er die Wahrheit. „Wenn Sie das sagen“, gestand sie ihm widerwillig zu. „Ich wollte keineswegs andeuten …“

„Das haben Sie aber, Miss Markham. Eine Unterstellung, die ich weit von mir weise.“

„Nun, bei Ihrer Reputation lag die Vermutung eben nah“, versuchte sie sich, ganz entgegen ihrer Gewohnheit, zu rechtfertigen.

„Man sollte sich vor Vermutungen hüten, ehe man sich nicht der Fakten vergewissert hat.“

„Welcher Fakten?“

„Wie Sie ganz recht bemerkt haben, finden Sie sich hier in meinem Bett, in Ihren Unterkleidern, und doch wurden Sie weder geschändet noch entehrt.“

„Ach nein? Ich meine, nein, natürlich nicht! Wollen Sie damit sagen, dass Sie kein Wüstling sind?“

„Ich lasse mich nicht dazu herab, meinen Charakter zu verteidigen – auch nicht vor Ihnen, Miss Markham“, sagte Rafe, nun nicht länger belustigt, sondern zutiefst erzürnt.

Ein Frauenheld mochte er wohl sein, wenngleich er den Begriff verabscheute, aber bei Weitem kein Wüstling. Die Vorstellung, bar aller Verantwortung Kinder zu zeugen, allein auf die eigene Erfüllung bedacht, war ihm zuwider. Er fühlte sich bei seinen Liaisons verpflichtet, gewisse Regeln einzuhalten. Sein wüstes Treiben, wie sie es nannte, beschränkte sich auf Frauen, die nach denselben Regeln spielten und nichts weiter von ihm erwarteten. Seine Begegnungen waren körperlicher, nicht emotionaler Natur. Unschuldige Frauen, selbst wenn sie halb nackt in seinem Bett lagen und große Augen machten, hatten daher wenig zu befürchten. Nicht dass er vorhatte, dies dieser bestimmten Frau mitzuteilen.

Henrietta wusste nicht recht, was sie von seiner zornigen Antwort halten sollte. Wenn er wirklich der Wüstling war, als der er gemeinhin galt, weshalb nahm er dann solchen Anstoß an ihren Worten? Es war doch bekannt, dass alle Wüstlinge unmoralische Gesellen waren, verkommen, verantwortungslos, verworfen …

Ihre Gedanken drehten sich im Kreis. Ein Wüstling mochte er sein, doch er hatte nicht … Konnte es daran liegen, dass sie ihm nicht reizvoll genug war? Ein ernüchternder Gedanke! Und lächerlich noch dazu. Als ob es ihr etwas ausmachte, dass dieser berüchtigte Wüstling sie der Verführung nicht für wert erachtete. Womit sie wieder beim Thema war. „Wie bin ich überhaupt hierhergekommen? Ich meine, in dieses Bett?“

„Ich fand Sie bewusstlos. Erst dachte ich, Sie seien tot, und auch wenn es Ihren Erwartungen an mich nicht entspricht, Miss Markham, so ist es mir lieber, wenn meine Eroberungen all ihre Sinne beisammenhaben und wissen, worauf sie sich einlassen. Seien Sie versichert, dass ich nicht einmal versucht habe, mich an Ihnen zu vergehen. Und wenn, so würden Sie sich noch daran erinnern. Auch dessen rühme ich mich.“

Das überraschte Henrietta gar nicht, dass er auch noch damit protzte. Seine Miene verriet ihr, dass er wieder mal ihre Gedanken erriet. Sie senkte den Blick und zupfte am Saum der Bettdecke. „Und wo haben Sie mich gefunden?“

„In einem Graben. Aus dem ich Sie eigenhändig gerettet habe.“

Das klang so aberwitzig, dass sie das Laken und damit alle Sittsamkeit fallen ließ. „Nein! Wirklich?“ Rasch setzte sie sich auf und sank stöhnend zurück, als ein stechender Schmerz sie durchfuhr. „Und wo?“, fragte sie schwach. „Ich meine, welcher Graben?“

„Gleich hier, auf meinen Ländereien.“

„Aber was hatte ich auf Ihren Ländereien zu suchen?“

„Das wollte ich eigentlich Sie fragen.“

Vorsichtig fasste Henrietta sich an den Hinterkopf, wo ihr eine prächtige Beule wuchs, und versuchte, sich zu erinnern. „Jemand muss mir auf den Kopf geschlagen haben.“ Die Erinnerung ließ sie kurz schaudern. „Ziemlich fest sogar. Doch warum?“

„Das kann ich Ihnen leider auch nicht sagen“, erwiderte Rafe. „Vielleicht war derjenige Ihr vorlautes Mundwerk leid.“ Verletzt sah sie ihn an, was ihm jedoch nicht jene Befriedigung verschaffte, die er für gewöhnlich empfand, wenn eine seiner spitzen Bemerkungen ins Schwarze traf. Eigentlich sah sie ja noch immer ziemlich blass aus. Vielleicht hatte Mrs Peters ja doch recht, und er hätte den Arzt aus dem Dorf rufen sollen. „Wie fühlen Sie sich?“

Die Antwort hätte „elend“ geheißen, doch sein vorgeblich besorgter Ton ließ vermuten, dass dies nicht die Antwort war, die er hören wollte. „Ganz gut“, sagte Henrietta und versuchte, unbeschwert zu klingen. „Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.“

Er war nicht sonderlich nett zu ihr gewesen – was ihm normalerweise herzlich wenig Kopfzerbrechen bereitet hätte, doch nun, da sie ihm deswegen keine Vorhaltungen machte, tat es genau das. Fast beschämte es ihn. Vorlaut mochte sie sein, nachtragend, aber gewiss nicht kapriziös. Genau genommen fand er ihre Offenheit, so sie nicht dreist war, sogar ganz erfrischend.

Gänzlich ungebeten kam ihm die Erinnerung in den Sinn, wie ihre Rundungen sich weich an ihn geschmiegt hatten, als er sie aus dem Graben gehoben hatte. Es irritierte ihn, dass er sich dessen so lebhaft erinnerte. Warum tat er das? „Sie können selbstverständlich so lange hierbleiben, bis es Ihnen besser geht“, sagte er. „Was ich nur gerne wüsste, wer hat Ihnen den Schlag auf den Kopf verpasst, und, wichtiger noch, wie sind Sie auf meine Ländereien gekommen?“

„Sie meinen, weshalb man mich nicht an einem Ort liegen gelassen hat, wo es Ihnen weniger Scherereien bereitet hätte“, gab Henrietta zurück. Bestürzt schlug sie sich die Hand vor den Mund, aber zu spät. Die Worte waren schon heraus.

Rafe musste lachen. Auf ihre etwas seltsame Art war sie selten amüsant. Sein Lachen klang auch irgendwie seltsam in seinen Ohren – was vermutlich daran lag, dass er es so lange nicht mehr gehört hatte. „Da könnten Sie recht haben“, sagte er. „Am liebsten wäre mir, man hätte Sie an den Toren des Hades abgelegt, aber jetzt sind Sie nun mal hier.“

Er hatte ein angenehmes Lachen. Und auch wenn er nicht gerade nett war, so war er doch wenigstens ehrlich. Das gefiel ihr. Henrietta lächelte zaghaft. „Es war nicht meine Absicht, so offen zu sprechen.“

„Sie sind eine schrecklich schlechte Lügnerin, Miss Markham.“

„Ich weiß. Oje, nein, ich meine natürlich …“

„Sehen Sie, genau das meinte ich.“

Henrietta verzog das Gesicht. „Touché, Mylord. Aber gewiss haben Sie Besseres zu tun, als hier bei mir zu sitzen. Wenn Sie mir noch einen Moment geben, mich zu sammeln, dann werde ich mich anziehen und Ihnen nicht länger zur Last fallen.“

Sie war so bleich, dass sie ihm leidtat. So konnte er sie nicht gehen lassen. Es war ihre Schuld ebenso wenig wie die seine, dass sie hier war. „Kein Grund zur Eile“, versicherte er ihr. „Vielleicht fühlen Sie sich ja schon besser, wenn Sie eine Kleinigkeit gegessen haben. Dann mag Ihnen auch wieder einfallen, was passiert ist.“

„Ich möchte Ihnen nicht noch mehr Unannehmlichkeiten bereiten“, sagte Henrietta wenig überzeugend.

„Sagte ich nicht gerade, dass Sie eine furchtbar schlechte Lügnerin sind? Zudem könnte ich es nicht mit meiner Ehre vereinbaren, Sie ohne Frühstück ziehen zu lassen. Was meinen Sie, können Sie aufstehen?“

Nicht dass er sie angelächelt hätte, Gott bewahre, aber seine Miene war nicht mehr gar so finster. Und sie hatte wirklich einen Bärenhunger. Außerdem hatte er Antworten verdient, die sie leider selbst nicht wusste. Tapfer versicherte sie ihm, dass sie sehr wohl aufstehen könne, wenngleich ihr bei dem bloßen Gedanken schon wieder ganz blass und elend wurde. Er hatte sich bereits abgewandt und ging zur Tür. „Bitte warten Sie, Mylord.“

„Ja?“ Kastanienbraune Locken ringelten sich über ihre weißen Schultern. Ihr Hemd war aus einfachem weißem Kattun, unter dem sich weich ihre Brüste abzeichneten. Rafe konnte den Blick nur schwerlich abwenden.

„Wo ist mein Kleid?“ Henrietta raffte das Laken wieder an sich und sagte sich wacker, dass man sich für ein weißes Kattunhemd, das dazu noch sauber war, wahrlich nicht zu schämen brauchte. Dennoch wünschte sie, es wäre nicht gar so schlicht. Ganz zu schweigen von der Frage, wer sie überhaupt bis aufs Hemd entkleidet hatte.

„Meine Haushälterin hat Sie entkleidet“, erwiderte der Earl auf ihre unausgesprochene Frage. „Ihr Kleid war völlig durchnässt, und wir wollten nicht, dass Sie sich verkühlen. Ich werde Ihnen etwas leihen, bis es getrocknet ist.“ Einen Augenblick später kam er mit einem großen, sichtlich für einen Mann geschnittenen Morgenmantel zurück, legte ihn auf einen Stuhl und ließ sie wissen, dass das Frühstück in genau einer halben Stunde serviert werde, ehe er zielstrebigen Schrittes das Zimmer verließ.

Henrietta starrte ihm noch nach, als die Tür sich längst hinter ihm geschlossen hatte. Sie wurde einfach nicht schlau aus ihm. Wollte er jetzt, dass sie blieb, oder nicht? Fand er sie amüsant? Enervierend? Anziehend? Unausstehlich? All das zusammen oder nichts davon? Sie hatte nicht die leiseste Ahnung.

Wahrscheinlich hätte sie seine Reputation nicht erwähnen sollen. Sie konnte schon verstehen, was ihn so unwiderstehlich machte. So verführerisch. Auch sie ließ diese Mischung aus gutem Aussehen und diesem gewissen Etwas nicht unberührt. Als würde er ihr Dinge versprechen, die sie sich besser nicht wünschen sollte. Als ob er – und nur er – ihr diese Wünsche erfüllen könnte. Sie verstand es einfach nicht. Waren Wüstlinge nicht allesamt Schufte? Rafe St Alban wirkte nicht wie ein Schuft. Wüstlinge waren keine guten Menschen, doch er schien gütig zu sein. Immerhin hatte er sie gerettet, und das war doch wohl wahrlich ein gutes Werk.

Sie runzelte die Stirn. Vielleicht war alles nur Schein? Wahrscheinlich gaben Wüstlinge sich nur so, um andere für sich einzunehmen. Denn wie sonst sollten sie so viele Frauen finden, die sich auf ihr wüstes Treiben einließen? Demnach konnte es nur gut sein, dass er sie nicht für sich eingenommen hatte. Oder? Wenn sie das nur wüsste! Eines indes war sicher: Er wollte sie so bald wie möglich loswerden. Henrietta versuchte, es nicht persönlich zu nehmen.

Aber ehe er sie gehen ließ, wollte er noch wissen, wie sie hierherkam. Nun, das wüsste ich selbst gern, dachte Henrietta und tastete nach der schmerzenden Beule an ihrem Kopf. War es gestern Abend gewesen? Sie versuchte sich zu erinnern.

Lady Ipswichs vermaledeiter Mops war ausgebüchst. Henrietta hatte ihn gesucht und deswegen ihr Abendessen versäumt. Kein Wunder, dass sie so hungrig war. Sie schloss die Augen und versuchte, sich noch einmal jeden ihrer Schritte zu vergegenwärtigen. Zur Hintertür hinaus. In den Küchengarten. Um das Haus herum – und dann …

Der Einbrecher! „Aber ja, natürlich – der Einbrecher!“ Auf einmal stand ihr alles wieder ganz klar vor Augen. „Du liebe Güte! Lady Ipswich wird sich sicher fragen, wo ich abgeblieben bin.“

Henrietta warf einen Blick auf die Kaminuhr. Kurz nach acht. Vorsichtig stand sie auf, trat ans Fenster und zog die Vorhänge zurück, blinzelte ins helle Sonnenlicht. Sie war eine ganze Nacht fort gewesen. Ihr Retter schien ja früh munter zu sein. Wenngleich er eher so ausgesehen hatte, als hätte er schon lange keinen Schlaf mehr gefunden.

Kein Wunder, ein Wüstling treibt sich eben herum! Andererseits ließen die tiefen Schatten unter seinen Augen eine Erschöpfung vermuten, die nicht von nächtlichen Ausschweifungen herrührte. Rafe St Alban sah aus, als könne er nicht schlafen. Kein Wunder, dass er so gereizt war. Sich unter solchen Umständen mit einer bewusstlosen Fremden herumplagen zu müssen, dürfte wohl jedem die Laune verdorben haben – insbesondere dann, wenn besagte Fremde aussah wie … wie … herrje, war sie verwundet?

Henrietta wagte einen Blick in den Kommodenspiegel. Blasser als gewohnt, die Wangen dreckverschmiert, am Kopf eine Beule, groß wie ein Ei. Aber davon mal abgesehen eigentlich genau wie immer. Kein zierlicher Mund, sondern einer, der viel zu breit war. Keine sich anmutig schwingenden Brauen. Widerspenstige braune Locken, die in alle Richtungen standen. Braune Augen. Dazu ein braunes Kleid, welches sich derzeit in der Obhut von Mrs Peters befand.

Sie seufzte schwer. Ihr ganzes Leben: eine ewige Abfolge von Brauntönen. So beschämend es war, es half ja doch nichts, sich – ganz im Sinne ihres Vaters – immer wieder zu ermahnen, dass viele Menschen bedeutend schlechter dran waren als sie. Obwohl sie nicht eigentlich unzufrieden war, ertappte sie sich doch oft bei dem Gedanken, dass es mehr im Leben geben müsse. Doch mehr wovon? Wenn sie das nur wüsste.

„Einen Schlag auf den Kopf, für tot geglaubt in einen Graben geworfen und dann von einem umwerfenden Grafen gerettet – eigentlich ist mein Leben derzeit ziemlich aufregend“, sagte sie zu ihrem Spiegelbild. „Selbst wenn er ein Retter wider Willen ist, noch dazu von unberechenbarem Wesen und fragwürdiger Reputation.“

Henrietta fuhr zusammen, als die Uhr am Kamin zur Viertelstunde schlug. Nach allem, was sie ihm schon zugemutet hatte, ging es nun gar nicht an, dass er auch noch mit dem Frühstück auf sie warten musste. Eilig goss sie Wasser in die geblümte Waschschüssel und rieb sich notdürftig die Wangen sauber.

Fast pünktlich erschien Henrietta im Frühstückszimmer, das Haar gebürstet und hochgesteckt, gewandet in den goldgesäumten grünen Morgenrock ihres Gastgebers. Obwohl sie die Ärmel aufgeschlagen und den Gürtel hoch um die Taille geschnürt hatte, verschwand sie beinah völlig darin. Hinter ihr schleifte der Mantel wie eine Schleppe über den Boden. Der Gedanke, dass der edle Brokat, den sie auf ihrer Haut spürte, zuvor die seine berührt hatte, war – gelinde gesagt – beunruhigend. Sie musste sich unbedingt ablenken, doch sie konnte ihre Nervosität nicht ablegen.

Als sie sah, dass der Tisch nur für zwei gedeckt war, wurde sie noch nervöser. Nie zuvor hatte sie allein mit einem Mann gefrühstückt – abgesehen natürlich vom lieben Papa, der nicht zählte. Ganz gewiss hatte sie nie zuvor den Morgenrock des Mannes getragen, mit dem sie frühstückte. Weshalb sie sich unglaublich raffiniert und ungelenk zugleich fühlte, wie sie da nur in ihren Unterkleidern und einem viel zu großen Morgenmantel das Zimmer betrat, der ihr bei jedem Schritt hinderlich war.

Er schien sie gar nicht zu bemerken. Mit melancholischer Miene saß er da und starrte vor sich hin. Finster und gedankenverloren. Und so unglaublich gu taussehend. Das Herz flatterte ihr in der Brust. Er hatte sich rasiert und umgekleidet, trug jetzt ein frisches Hemd und ein ordentlich gebundenes Krawattentuch, einen wie angegossen sitzenden dunkelblauen Frackrock, hellbraune Pantalons und polierte Stiefel. All das ließ ihn um einiges gräflicher und um einiges einschüchternder aussehen – und geradezu verheerend attraktiv. Mit einem zaghaften Lächeln sank Henrietta in einen alles andere als eleganten und vermutlich auch nicht ausreichend ehrerbietigen Knicks. „Ich bitte um Verzeihung, Mylord, so gedankenlos gewesen zu sein und mich noch gar nicht bei Ihnen bedankt zu haben. Haben Sie vielen Dank dafür, mich gerettet zu haben. Ich bin Ihnen sehr verbunden.“

Ihre Stimme holte Rafe aus der Vergangenheit zurück, die ihn einmal mehr heimgesucht hatte. Zum Teufel mit dem leidigen Titel und der Notwendigkeit eines Erben! Wen, außer seiner Großmutter, kümmerte es schon, wenn alles dereinst an einen entfernten Vetter dritten Grades fiel? Wenn Großmutter wüsste, wie viel ihn die Mühe um einen Stammhalter gekostet hatte, würde sie vielleicht aufhören, ihm ewig damit zuzusetzen. Oder auch nicht. Er ließ seinen Blick auf Henrietta ruhen, die zaghaft lächelnd zu ihm aufblickte. Er reichte ihr die Hand und half ihr auf. „Es scheint Ihnen besser zu gehen, Miss Markham. Zumindest sehen Sie ganz reizend aus. Steht Ihnen ausgesprochen gut, mein Morgenrock.“

„Es geht mir den Umständen entsprechend gut“, sagte Henrietta und war dankbar, dass er ihr die Hand reichte, schwirrte ihr vom tiefen Knicks doch gleich wieder der Kopf. „Es ist sehr galant von Ihnen zu lügen, aber ich sehe schrecklich aus.“

„Schrecklich nett, wenn Sie mich fragen. Und Sie sollten mir glauben, bin ich doch Kenner in derlei Belangen.“

Sein abwesender Blick war verschwunden. Er lächelte nun. Kein richtiges Lächeln, das seine Augen erreicht hätte, aber seine Mundwinkel zeigten nach oben, immerhin. „Ich meine, mich nun endlich zu erinnern, was geschehen ist“, sagte Henrietta.

„Das kann warten. Sie sehen aus, als bräuchten Sie erst einmal etwas zu essen.“

„In Ordnung. Ein Hund hat mich um mein Abendessen gebracht.“

Zum zweiten Mal an diesem Morgen musste Rafe laut lachen. Diesmal klang es nicht mehr gar so eingerostet. „Dann werden Sie gewiss erleichtert sein, dass es hier keine Hunde gibt, die Sie auch noch um Ihr Frühstück bringen könnten.“ Sein Morgenrock stand ihr wirklich ausgesprochen gut. Ganz reizend sah sie darin aus. Sie sah aus, als hätte sie sich gerade aus seinem Bett gewälzt. Was sie in gewisser Weise ja auch getan hatte. Wie ertappt wandte er den Blick ab, irritiert, wie sehr ihr Anblick ihn erregte. Für gewöhnlich wusste er sich zu beherrschen und konnte sein Verlangen je nach Lust und Laune schüren oder unterdrücken.

Er rückte ihr den Stuhl zurecht, nahm ihr gegenüber Platz und senkte den Blick auf seinen Teller. Gut, sollte sie frühstücken. Dabei galt es in Erfahrung zu bringen, wo sie herkam, denn dorthin gedachte er sie umgehend zurückzubefördern. Danach würde er sich schlafen legen. Und dann musste er nach London. Die Unterredung mit seiner Großmutter ließ sich nicht ewig aufschieben. Der bloße Gedanke bereitete ihm Unbehagen, schwer und drückend drohte er über ihm, wie düsterer Novemberhimmel.

Lieber nicht daran denken. Noch hatte er Ablenkung in Gestalt der reizenden Henrietta Markham. Rafe goss ihr Kaffee ein und tat ihr Schinken auf, dazu gebratenes Ei, Brot und Butter. „Essen Sie, bevor Sie vor Hunger in Ohnmacht fallen.“

„Das sieht köstlich aus“, seufzte sie und blickte verzückt auf ihren gut gefüllten Teller.

„Frühstück eben“, meinte er achselzuckend.

„So herrliches Frühstück bekomme ich sonst nie“, plapperte sie weiter und schalt sich, den Mund zu halten. Denn eigentlich war sie nicht das dumm-geschwätzige Frauenzimmer, für das er sie halten musste. Sicherlich lag es an ihrer Aufregung – und an ihm. Er brachte sie aus der Fassung. Die ganze Situation war … nun ja. Der Morgenrock. Und eben dieser Mann. Definitiv, es lag an diesem Mann, der sie nun mit leicht befremdetem Blick anschaute, was nur bedeuten konnte, dass sie mal wieder leise vor sich hin gebrabbelt hatte oder all ihre Gedanken ihr ins Gesicht geschrieben standen. Lakonisch meinte er, dass es ein herrlich kaltes Frühstück werde, wenn sie nicht langsam damit anfange.

Sie nahm die Gabel. Neckte er sie nur, oder hielt er sie für beschränkt? Konnte man es ihm verdenken? Zumindest jetzt fühlte sie sich so. Er hatte ein Händchen dafür, sie das denken zu lassen. Während sie sich einen Bissen Ei auf der Zunge zergehen ließ, beobachtete sie ihn verstohlen. Die Schatten unter seinen Augen stachen nun im hellen Morgenlicht noch dunkler hervor. Um seinen Mund lag ein angestrengter Zug. Sie nahm noch etwas von dem Ei, schnitt dann in den Schinken. Gereizt schien er, ungeduldig. Selbst wenn er lächelte, schien er in Gedanken anderswo.

Sichtlich kein glücklicher Mensch. Doch warum, wenn er doch so viel mehr hatte als die meisten Menschen sich je wünschen konnten? Sie hätte ihn gern gefragt, doch ein Blick auf seine Miene hielt sie zurück. Undurchsichtig war er, verschlossen. Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was er dachte. Das reizte sie nur noch mehr, es in Erfahrung zu bringen, und dennoch – und dies war sehr ungewöhnlich, schließlich war Henrietta von früh auf ermuntert worden, zu sagen, was sie dachte – zögerte sie.

Furcht und Erregung ließen sie leise erschauern. Er war nicht nur beängstigend, er war beängstigend attraktiv. Was hatte er nur an sich, dass sie sich so fühlte? Fasziniert und furchtsam zugleich und … wie ein Kaninchen, dem ein besonderer Leckerbissen hingehalten wurde. Doch sie wusste, dass es nur ein Köder war. Und sie ahnte, dass Rafe St Alban seine Reputation zu Recht hatte. Wenn er es auf etwas abgesehen hatte, konnte er nur schwer widerstehen.

Wieder ermahnte sie sich, nicht so töricht zu sein. Er würde es schon nicht auf sie absehen! Und selbst wenn … Sie wusste, welche Sorte Mann er war – und könnte ihm daher aus dem Weg gehen. Nicht dass er es bei ihr versucht hätte. Oder jemals versuchen würde.

Warum also zerbrach sie sich deswegen den Kopf? Gemessen an den Vorfällen des gestrigen Abends, hatte sie wahrlich dringendere Sorgen. Doch bevor sie sich denen zuwandte, sollte sie etwas in den Bauch bekommen, damit sie nicht doch noch in Ohnmacht fiel, was für sie, die stolz auf ihren praktischen Verstand war, unter aller Würde gewesen wäre. Und so wandte sie ihre ungeteilte Aufmerksamkeit ihrem Frühstück zu.

2. KAPITEL

Als sie ihr Frühstück beendet hatten, stand Rafe auf. „Kommen Sie, wir setzen uns an den Kamin, da ist es gemütlicher. Ihren Kaffee können Sie mitnehmen. Und dann erzählen Sie mir Ihre Geschichte.“

Henrietta tat wie geheißen, nahm in einem der beiden Lehnstühle Platz und drapierte umständlich den sich bauschenden Morgenrock um sich. Ihr gegenüber streckte Rafe St Alban seine langen Beine von sich, die Stiefel lässig über Kreuz. Unter dem eng anliegenden Wollstoff seiner Hose beobachtete sie das Spiel seiner Muskeln. Ein solches Kleidungsstück kannte keine Gnade und würde einem korpulenteren Mann sicher nicht zum Vorteil gereichen. Einem schmächtigeren auch nicht. Oder einem Mann, der weniger gut gebaut war.

„Ich bin Gouvernante“, begann sie und hoffte, allein der Gedanke daran würde sie von unziemlichen Gedanken an muskulöse Schenkel abbringen. „Ich bin die Gouvernante der Kinder von Lady Ipswich, deren Besitz dem Ihren benachbart ist.“

„Stimmt, doch wir verkehren nicht miteinander.“

„Nein? Warum nicht?“

„Das tut nichts zur Sache.“

Andere hätten sich von seinem Ton einschüchtern lassen, doch wenn Henriettas Neugier geweckt war, zollte sie solchen Dingen keine Beachtung. „Aber Sie sind doch Nachbarn. Gewiss werden Sie … Ist es, weil sie Witwe ist? Haben Sie mit Ihrem Gatten verkehrt, als er noch lebte?“

„Lord Ipswich war im Alter meines Vaters“, erwiderte Rafe knapp.

„Dann muss er um einiges älter gewesen sein als seine Frau. Ich hatte angenommen …“

„Wie es Ihre Angewohnheit ist“, bemerkte Rafe.

Schweigend sah sie ihn an, offenbar wartete sie auf etwas. Dieser klare Blick, diese Augen … Um ihren Mund ein entschlossener Zug. Rafe seufzte. Diese Impertinenz! Diese Insistenz! Er war es nicht gewohnt, Rede und Antwort zu stehen. „Sagen wir einfach, dass Seine Lordschaft unter etwas dubiosen Umständen verstarb, woraufhin ich mich entschied, mit seiner Witwe fortan keinen Umgang mehr zu pflegen.“

„Nein … wirklich?“

„Ja, wirklich“, sagte Rafe und wünschte, er hätte besser gar nichts gesagt. Wahrscheinlich wusste sie nicht einmal annähernd, wie schillernd die Vergangenheit ihrer Dienstherrin gewesen war, und es lag nicht in seiner Absicht, sie darüber aufzuklären. „Wie sind Sie zu Ihrer Anstellung bei Lady Ipswich gekommen?“, versuchte er abzulenken.

„Sie hatte in The Lady annonciert. Ich war gerade auf der Suche nach einer Stelle, und als Mama meinte, das mache einen respektablen Eindruck, habe ich mich beworben.“

„Ihr vorheriges Dienstverhältnis wurde aufgelöst?“

„Oh nein, das ist meine erste Stelle als Gouvernante – doch hoffentlich nicht meine letzte“, meinte Henrietta lächelnd. „Sie müssen nämlich wissen, dass ich Lehrerin werden will, und bis zur Eröffnung der Schule möchte ich gern praktische Erfahrung sammeln.“ Das Lächeln verging ihr. „Doch nach allem, was meine Mutter in ihrem letzten Brief berichtet hat, dürfte das noch eine Weile dauern.“

„Ihre Mutter will eine Schule eröffnen?“

„Gemeinsam mit meinem Vater.“ Henrietta runzelte die Stirn. „Das ist zumindest der Plan, wenngleich die Pläne meiner Eltern die unschöne Angewohnheit haben, zu scheitern. Eine Schule in Irland – für die Armen. Papa ist ein großer Philanthrop, müssen Sie wissen.“

Henrietta sah ihn gespannt an, aber Rafe St Alban schien kein dringendes Bedürfnis zu verspüren, das wohltätige Wirken ihres Vaters zu kommentieren, und so fuhr sie fort: „Seine Absichten sind nur die besten, doch leider ist er kein sehr praktischer Mensch. Er will nicht einsehen, dass die Armen dringendere Nöte haben als ihr Seelenheil und an erbaulichem Tun wenig interessiert sind. Sie wollen keine Figuren des heiligen Franziskus schnitzen oder Bildteppiche besticken, die das Leben des heiligen Antonius darstellen – das ist der Schutzheilige der Armen, wie Sie vielleicht wissen. Sie wollen es erst mal warm und trocken haben und sich satt essen.

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