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Liebe, Lust und ein süßes Geheimnis

1. KAPITEL

Bekümmert blickte Lily Kincaid am großen Konferenztisch in die Runde. Neben ihrer Familie saßen dort auch die beiden Notare, die sie schon tags zuvor bei der Beerdigung ihres Vaters gesehen hatte. An diesem Morgen waren die zwei Männer zur Verlesung des Testaments von Reginald Kincaid erschienen.

Lily konnte es immer noch nicht fassen, dass ihr geliebter Vater gestorben war. Aber fast noch unerträglicher war die schockierende Nachricht über sein Doppelleben, das er offenbar in den letzten dreißig Jahren geführt hatte. Die ganze Zeit über hatte er eine zweite Familie in Greenville gehabt!

Als der Rechtsanwalt ihres Vaters, Harold Parsons, mit einem dicken Aktenordner unter dem Arm den Raum betrat, sich ans Kopfende des Tisches setzte und einige Papiere vor sich ausbreitete, wurde Lily nervös. Der Gedanke, dass ihr Vater von nun an für immer aus ihrem Leben verschwunden sein würde, war grauenhaft. Und genauso grauenhaft war die Vorstellung, dass alles, was er hinterlassen hatte, nun unter den Angehörigen aufgeteilt werden sollte.

Am schmerzlichsten aber traf sie die Erkenntnis, dass das Bild, das sie von ihm hatte, nur ein Trugbild gewesen, das jäh in tausend Teile zersprungen und für immer zerstört war.

„Bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen mein aufrichtiges Beileid aussprechen“, sagte Mr Parsons, der heute nicht so bärbeißig wie sonst, sondern eher ruhig klang. „Ich habe Reginald viele Jahre gekannt und werde seinen Humor und seine klugen Bemerkungen sehr vermissen. Ich erinnere mich an die Zeit …“

Als Lilys Halbbruder Jack Sinclair sich räusperte und ungeduldig auf seine Armbanduhr schaute, hielt Parsons inne und sah ihn missbilligend an. Lily biss sich auf die Unterlippe. Wie hatte ein wohlwollender und liebevoller Mann wie ihr Vater nur so einen kaltherzigen Sohn hervorbringen können?

Der finstere Blick, den ihm ihr älterer Bruder RJ zuwarf, sprach für sich. „Keine Zeit, Sinclair? Noch wichtige Termine?“

„So ist es“, erwiderte Jack knapp. „Wie lange wird das hier noch dauern, Parsons?“

Verärgert hob Mr Parsons die weißen Brauen und blickte Jack über den Rand seiner Lesebrille hinweg an. „So lange, bis alles besprochen ist, junger Mann.“

„Jack, bitte“, sagte Angela Sinclair leise und legte ihrem Sohn zitternd die Hand auf den Arm. „Mach es nicht noch schlimmer.“

Unter anderen Umständen hätte Lily für diese Frau aufrichtiges Mitgefühl empfunden, denn Reginald Kincaids Tod schien sie tatsächlich getroffen zu haben. Doch Lily ertrug die Vorstellung nicht, dass die Krankenschwester mit dem kinnlangen blonden Haar dreißig Jahre lang die Geliebte ihres Vaters gewesen war und hier einfach so mit ihren Söhnen hereinspazierte, als wären sie ein Teil der Familie. Entweder Angela Sinclair begriff wirklich nicht, was für ein Schock ihre Anwesenheit für die Kincaids war, oder sie verdrängte es ganz einfach.

„Bitte entschuldigen Sie das Verhalten meines Bruders“, sagte nun Alan Sinclair und lächelte Lily und ihre Familie verständnisvoll an. „Ich denke, Jack hat noch nicht ganz begriffen, dass Reginald für immer von uns gegangen ist.“

Angelas jüngster Sohn Alan schien in jeder Hinsicht das Gegenteil von seinem älteren Halbbruder zu sein. Jack war groß, schlank, blond und hatte eine kalte und unnahbare Ausstrahlung. Alan hingegen war etwas kleiner und hatte die dunkelblonden Haare und haselnussbraunen Augen seiner Mutter geerbt. Er wirkte wesentlich warmherziger, und sein Mitgefühl für die Kincaids schien nicht gespielt zu sein.

Offenbar war ihm klar, was für einen furchtbaren Albtraum die Familie gerade durchlebte. Denn neben der Tatsache, dass ihr Vater gestorben war, sich vermutlich sogar selbst das Leben genommen hatte, standen sie immer noch unter dem Schock der Nachricht von seinem Doppelleben.

„Du musst dich nicht für mich entschuldigen“, erwiderte Jack feindselig. Sein abweisender Blick verriet, dass die Brüder offenbar nicht viel gemeinsam hatten. „Es gibt schließlich nichts, was mir leidtun müsste.“

„Genug!“, rief RJ bestimmt. Dann wandte er sich wieder an den Rechtsanwalt und nickte ihm zu. „Bitte fahren Sie fort, Mr Parsons.“

„Wenn Sinclair sich langweilt und kein Interesse an den Details hat, dann schicken Sie ihm doch einfach einen Notizzettel, auf dem steht, was unser Vater ihm hinterlässt“, fügte Matt, der neben RJ saß, verbittert hinzu.

Matt, der nur ein paar Jahre älter war als Lily, hatte bereits einen schweren Schicksalsschlag erleiden müssen. Gerade einmal ein Jahr war es her, dass er seine Frau Grace zu Grabe getragen hatte. Seitdem musste er sich als alleinerziehender Vater um seinen kleinen Sohn Flynn kümmern. Dass er nun auch seinen Vater verloren hatte, riss erneut eine schmerzhafte Wunde.

Lily warf ihrer Mutter Elizabeth Kincaid einen besorgten Blick zu. Doch die reagierte auf den unangenehmen Zwischenfall mit einer Haltung, wie sie nur eine Lady aus den Südstaaten aufbringen konnte. Sie ließ das Ganze mit einer Würde über sich ergehen, um die Lily sie nur beneiden konnte.

Elizabeth ertrug das gemeinsame Familienschicksal offenbar viel besser als Lily und deren zwei Schwestern. Laurel, die älteste, tupfte sich mit einem Taschentuch die Tränen vom Gesicht, während Kara vor Kummer und Trauer völlig abwesend wirkte.

„Fahren Sie bitte fort, Harold“, sagte Mrs Kincaid und schob sich dezent eine Strähne des dunkelbraunen Haares aus dem Gesicht.

„Selbstverständlich, Miss Elizabeth“, sagte Mr Parsons. Wie die meisten älteren Gentlemen aus den Südstaaten sprach er sie mit „Miss“ an, einer respektvollen Anrede für eine Dame, egal ob verheiratet oder ledig.

Nachdem er die einleitenden Worte verlesen hatte, räusperte er sich und begann, den Nachlass von Lilys Vater aufzuzählen. „Meine Hinterlassenschaften sollen wie folgt verteilt werden: Meinem Sohn RJ vermache ich die Oak Lodge, das große Haus in den Smokey Mountains. Meine Tochter Laurel erhält mein Strandhaus an der Inselkette Outer Banks in North Carolina. Meiner Tochter Kara überlasse ich mein Ferienhaus auf Hilton Head Island. Meinem Sohn Matthew vermache ich das Landhaus der Kincaid-Familie, in dem wir immer unsere Ferien verbracht haben. Und meine Tochter Lily erhält das Colonel-Samuel-Beauchamp-Haus an der Battery.“

Tränen traten Lily in die Augen. Ihr Vater hatte gewusst, wie sehr sie die Battery, mit ihren alten Herrenhäusern im Kolonialstil liebte. Die Battery war eine Prachtstraße in einem gleichnamigen ehrwürdigen Viertel. Besonders berühmt war es für die Südstaatenarchitektur seiner Häuser, die noch aus der Zeit vor dem Bürgerkrieg stammten. Es war der schönste Stadtteil in Charleston, möglicherweise sogar einer der schönsten in ganz South Carolina.

Und Lily hatte nicht einmal geahnt, dass ihrem Vater eine der prächtigsten Villen in diesem Stadtteil gehörte.

Nachdem er die Aufteilung der Häuser und des Vermögens an Elizabeth und Angela verlesen hatte, fügte Mr Parsons hinzu: „Während der letzten Änderung des Testaments gab mir Reginald diese Briefe für Sie mit der Bitte, sie Ihnen am heutigen Tag zu überreichen.“ Er gab jedem außer Elisabeth einen verschlossenen Umschlag, auf dem der Name des Empfängers stand, und fuhr fort: „Was die Anteile an Reginalds Unternehmen angeht, werden diese wie folgt verteilt: RJ, Laurel, Kara, Matthew und Lily erhalten jeweils neun Prozent der Kincaid Group. An meinen ältesten Sohn Jack Sinclair gehen fünfundvierzig Prozent.“

Eine bedrückende Stille breitete sich im Raum aus, während die Geschwister die schockierende Nachricht auf sich wirken ließen.

„Was zum Teufel …!“ Auf RJs Gesicht lag eine Mischung aus Wut und Fassungslosigkeit.

Auch Lily musste tief Luft holen, denn plötzlich hatte sie das Gefühl, dass sich ihr der Magen umdrehte. Wie hatte ihr Vater das nur seinen Kindern, ganz besonders RJ, seinem ältesten Sohn und legitimen Erben, antun können? Als Vizepräsident der Kincaid Group hatte RJ Tag und Nacht am Erfolg des Unternehmens mitgearbeitet. Ihr Bruder war immer davon ausgegangen, eines Tages Präsident des riesigen Konzerns zu werden. Dass die Mehrheit der Unternehmensanteile nun an Jack Sinclair ging, war eine bittere Pille für die Kincaid-Geschwister.

RJ war völlig außer sich. „Das sind nur neunzig Prozent“, sagte er wütend. „Was ist mit den restlichen zehn?“

Mr Parsons schüttelte den Kopf. „Aufgrund der Vertraulichkeitsregel zwischen Mandant und Anwalt darf ich Ihnen darüber keine Auskunft geben.“

Auf beiden Seiten des Tisches wurde Gemurmel laut, und Lily überkam das dringende Bedürfnis, den Raum zu verlassen. Plötzlich war ihr furchtbar übel.

„Ich brauche … etwas Luft“, sagte sie leise.

Sie erhob sich, stopfte den ungeöffneten Brief ihres Vaters in ihre Handtasche und lief blindlings aus dem Konferenzraum. Sie wusste nicht, ob es der unfassbare Entschluss ihres Vaters war, der ihr Übelkeit verursachte, oder das neue Leben, das gerade in ihr heranwuchs. So oder so musste sie dieses Gebäude schleunigst verlassen.

Ohne nach rechts und links zu schauen, eilte sie den Flur entlang auf den Empfangsbereich zu. Bis sie plötzlich unsanft mit jemandem zusammenstieß, der wie angewurzelt vor ihr stehen blieb. Sie spürte, wie ihr jemand zwei starke Hände auf die Schultern legte, damit sie nicht ins Stolpern geriet. Als sie aufblickte, schien ihr Herz ein paar Schläge lang auszusetzen.

Warum um Himmels willen musste es ausgerechnet der Besitzer und Geschäftsführer von Addison Industries sein, den sie hier anrempelte?

Daniel Addison war nicht nur der größte Konkurrent der Kincaid Group. Er war auch der Vater ihres ungeborenen Kindes. Des Kindes, von dem er absolut nichts wusste.

„Na, wo brennt’s denn, Liebes?“, fragte Daniel, während er der Frau, die ihn in der letzten Zeit wie Luft behandelte, wieder auf die Beine half.

„Ich brauche … frische Luft“, sage Lily mit zitternder Stimme.

Ihre Blässe und Nervosität unterstrichen ihre blauen Augen so gut, dass ihm bei diesem Anblick das Herz stillzustehen schien. Während der Beerdigung von Reginald Kincaid am gestrigen Nachmittag schien Lily extrem aufgewühlt gewesen zu sein. Irgendwie hatte sie auf Daniel den Eindruck gemacht, dass da noch mehr war als der Schmerz und die Trauer über den Verlust ihres Vaters. Sie hatte gewirkt, als wäre die ganze Welt um sie herum zusammengebrochen.

„Na komm“, sagte er, legte ihr den Arm um die Schulter und führte sie zum Ausgang.

„Meine Familie … Ich kann jetzt nicht gehen“, brachte sie hervor.

Am Empfang teilte er der Mitarbeiterin mit, dass er seinen Termin im Haus verschieben würde. Außerdem bat er sie, den Kincaids auszurichten, dass er Lily nach Hause brachte.

Als er Lily durch die großen Glastüren nach draußen führte, bemerkte er, dass sie würgen musste. Es sah ganz danach aus, als würde sie ihr Frühstück nicht mehr lange bei sich behalten können. Fürsorglich führte er sie zu einer Abfalltonne und hielt ihr die langen roten Haare zurück, während sie sich übergab.

„Am besten, du gehst wieder und lässt mich in Ruhe sterben“, sagte sie kläglich, als sie schließlich wieder den Kopf hob.

„Du wirst nicht sterben, Lily“, erwiderte er, während er mit einer Hand ihr Kinn anhob und ihr mit der anderen mit einem Taschentuch die Tränen vom Gesicht tupfte.

„Das sehe ich anders.“ Sie holte tief Luft. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie hundeelend ich mich fühle …“

„Bist du mit dem Wagen hier?“, fragte er.

„Nein, ich bin mit Momma hergekommen“, sagte sie und klang dabei schon wieder etwas stabiler.

Daniel legte ihr den Arm um die Schultern, zog sie sanft an seine Seite und ging mit ihr über die Straße zum Parkhaus. „Gut, dann brauche ich auch niemanden zu beauftragen, dein Auto zurückzufahren.“

„Ich kann jetzt nicht einfach gehen“, sagte sie und blickte sich zu dem Gebäude von Parsons, Gilbert & Humboldt um.

Aber Daniel hielt sie sicher und fest. „Keine Widerrede, Lily. Du bist komplett durcheinander, und es geht dir nicht gut.“

Er öffnete die Beifahrertür seines cremeweißen Mercedes’ und deutete ihr an, Platz zu nehmen. „Steig ein, ich fahre dich nach Hause.“

„Du bist ganz schön bevormundend“, sagte sie störrisch.

Daniel schüttelte den Kopf. „Nein, ich treffe nur die richtige Entscheidung für dich. Also würdest du jetzt bitte einsteigen? Oder muss ich dich erst über die Schulter werfen und mit Gewalt auf den Sitz zwingen?“

Ihre Augen blitzten vor Ärger. „Das würdest du nicht wagen.“

„Glaub mir Liebes, ich würde.“

Einige Sekunden lang starrten die beiden sich kampflustig an, bis Lily schließlich nachgab und auf den weichen Ledersitz rutschte. „Also gut, bring mich meinetwegen nach Hause. Danach kannst du dann wieder zurückfahren.“

Er schloss die Tür, ging um den Wagen herum und setzte sich hinters Steuer. „Das sehen wir dann noch.“

Aufgewühlt, wie sie war, wollte Daniel ihr nicht weiter zusetzen und verschwieg, dass er gedachte, sie erst wieder allein zu lassen, wenn er sicher sein konnte, dass es ihr gut ging. Man konnte ihm mancherlei vorwerfen –, zum Beispiel gnadenlosen Ehrgeiz und knallharten Geschäftssinn – aber ein gefühlloser und roher Mistkerl, der eine Frau schlecht behandelte, der war er ganz bestimmt nicht. Schon gar nicht, wenn es sich bei dieser Frau um Lily Kincaid handelte.

Seit er sie zum allerersten Mal getroffen hatte, fühlte er sich zu ihr hingezogen. Das war im Herbst auf dem jährlichen Wohltätigkeitsball für das Kinderkrankenhaus gewesen, den seine Mutter mit organisiert hatte.

Lilys jugendliche, temperamentvolle und lebenshungrige Ausstrahlung hatten ihn dazu verleitet, sie zum Tanzen aufzufordern und sie schließlich zu fragen, ob sie Lust habe, sich mit ihm zum Dinner zu verabreden.

Eigentlich war er davon ausgegangen, einen Korb zu bekommen, denn schließlich war er dreizehn Jahre älter als sie. Doch zu seiner großen Freude hatte sie eingewilligt. Das lag jetzt mehr als drei Monate zurück. Und einmal abgesehen von den letzten paar Wochen hatten sie sich in dieser Zeit jeden Abend getroffen.

Als er sah, dass sie auf ihrem Sitz eingenickt war, berührte Daniel ihre zarten Hände. Eigentlich hatte er sich nach seiner Scheidung vorgenommen, sich mit einer neuen Beziehung Zeit zu lassen. Dennoch bedauerte er nicht, dass es zwischen ihnen dann doch schneller als geplant gelaufen war. Lily war die aufregendste Frau, die er jemals getroffen hatte.

Immer, wenn er Zeit mit ihr verbrachte, fühlte er sich lebendiger und optimistischer als je zuvor. Und deshalb war es ihm absolut unverständlich, warum sie ihre Beziehung aus heiterem Himmel abgebrochen hatte. Entweder hatte sie nicht auf seine Anrufe reagiert oder Ausreden erfunden, um sich nicht mit ihm treffen zu müssen.

Kopfschüttelnd bog er in die Auffahrt zum Anwesen der Kincaid-Familie ein. Lily bewohnte dort ein Apartment in einem Gebäude, das früher einmal das Dienstbotenhaus gewesen war.

Daniel hatte keinen blassen Schimmer, was plötzlich geschehen war oder warum sie ihn nicht mehr sehen wollte. Aber er würde es herausfinden. Nachdem er den Motor ausgeschaltet hatte, strich er ihr sanft über die Wange. „Wir sind da, Liebes.“

Verschlafen schlug sie die Augen auf und streckte sich. „Danke, dass du dir die Zeit genommen und mich hergebracht hast, Daniel. Bestimmt hattest du Wichtigeres vor.“

Noch bevor sie den Türgriff betätigen konnte, war er aus dem Wagen gesprungen und öffnete ihr die Tür. „Gib mir deinen Haustürschlüssel“, sagte er, während er ihr half, auszusteigen.

„Das schaffe ich schon allein“, versicherte sie ihm kopfschüttelnd. „Du musst mich nicht hineinbringen.“

„Was für ein Gentleman wäre ich, es nicht zu tun?“, konterte er lächelnd.

Zum ersten Mal, seit sie die Kanzlei verlassen hatte, blickte sie ihm direkt in die Augen. „Haben Sie ein Einsehen, Mr Addison. Der Tag hat gerade erst begonnen, und es gibt wirklich keinen Grund, sich Sorgen zu machen.“

Mit dem Zeigefinger strich er ihr über die samtweiche Wange. „Jetzt also wieder Mr Addison? Ich dachte eigentlich, wir stehen uns mittlerweile näher, Liebes.“

„Ich … hm, das … so sah es wohl aus“, sagte sie und fühlte sich plötzlich unbehaglich.

Bei ihrem Anblick musste Daniel an ein Tier denken, das im Dunkeln vom hellen Scheinwerferlicht eines Autos erschreckt wurde. Sie wirkte ein bisschen, als wäre sie in eine Falle geraten.

Die Frage war bloß, warum? Was hatte er getan, dass sie sich so unwohl fühlte und ihm aus dem Weg ging?

Leider würde er sich diese Frage noch eine Weile verkneifen müssen. Denn erst musste es ihr wieder besser gehen. Erst dann würde er versuchen herauszufinden, warum sie sich von ihm abgewandt hatte. Schließlich waren die letzten Tage für sie und ihre Familie die Hölle gewesen. Und er wollte sie nicht noch zusätzlich quälen, indem er sie mit Fragen löcherte.

Als er ihr eine Hand auf den Rücken legte, spürte er, wie ihr ein Schauer über die Haut lief. Mit dem milden Winterwetter in Charleston hatte diese Reaktion bestimmt nichts zu tun. Immerhin zeigte es ihm, dass er Lily nicht ganz kalt ließ.

„Ich weiß, wie hart das für dich ist“, sagte er mitfühlend. „Ich wünsche mir sehr, dass es dir so schnell wie möglich wieder besser geht, bevor ich wieder fahre.“

„Und es gibt wirklich nichts, was ich sagen oder tun könnte, um dich umzustimmen?“, fragte sie seufzend.

„Nein.“

So müde und abgekämpft hatte Daniel sie noch nie erlebt. Er hasste es, dass die Ereignisse der letzten Tage ihr die Lebendigkeit und Lebensfreude genommen hatten.

Vielleicht sah sie es ja anders, aber Lily brauchte jemanden, der ihr zur Seite stand und ihr durch die schwerste Zeit ihres Lebens half. Und er würde nichts unversucht lassen, um genau dieser Jemand zu sein.

„Wieso ruhst du dich nicht ein bisschen aus, während ich Kaffee mache?“, fragte er, während er ihr aus der Jacke half.

„Für mich bitte kein Koffein.“ Ihre langen welligen Haare schwangen zur Seite, als sie den Kopf schüttelte. „Ich, ähm … habe nicht besonders gut geschlafen.“

„Das ist verständlich.“ Er nickte und legte die Jacke beiseite. Dann führte er Lily zur Couch. „Du hast ja auch eine ganze Menge durchgemacht, Liebes.“

„Du ahnst ja nicht, was alles passiert ist“, sagte sie und sank in die Kissen. Mit Tränen in den Augen blickte sie Daniel an. „Warum hat er das getan?“

Wenn an den Nachrichten über Reginalds Tod etwas dran war, dann hatte der alte Herr sich in seinem Büro mit einer Pistole aus seiner antiken Waffensammlung erschossen. Daniel wusste, dass Lily eine sehr enge Beziehung zu ihm gehabt hatte. Die Vorstellung, dass ihr Vater Selbstmord begangen hatte, musste schrecklich für sie sein.

„Ich weiß nicht, warum manche Dinge passieren“, sagte er, setzte sich zu ihr auf die Couch und nahm sie in den Arm. „Vielleicht wird man nie wissen, warum dein Dad dachte, sein Leben auf diese drastische Art beenden zu müssen. Aber wenn der Schock sich erst einmal gelegt hat, dann wirst du sicherlich auch wieder auf die schönen Zeiten zurückblicken können, die ihr gemeinsam erlebt habt.“

Energisch schüttelte sie den Kopf. „Nein. Nicht, nachdem ich erfahren musste, dass das Leben meines Vaters nichts weiter als eine Lüge war.“

Daniel hatte eigentlich nur vorgehabt, sie zu trösten. Doch offenbar regte er sie noch weiter auf. „Gib dir etwas Zeit. Im Moment bist du viel zu durcheinander, um klar denken zu können“, versuchte er, sie zu beschwichtigen.

„Du verstehst das nicht, Daniel.“ Sie rückte von ihm ab und blickte ihn an. „Ich meine es genau so, wie ich es sage: Daddys Leben war eine einzige Lüge.“

Steckte da noch mehr dahinter als das, was in den Medien berichtet wurde? Prüfend sah er Lily an. Irgendetwas schien sie innerlich zu zerreißen. „Wieso glaubst du das?“

Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie zögerte einen Moment lang, dann gab sie sich einen Ruck. „Ach, was soll’s. Am Ende der Woche weiß es sowieso jeder hier in Charleston.“

„Ich höre.“

„Sind dir die ältere blonde Frau und die beiden Männer aufgefallen, die während der Beerdigung hinter meiner Familie gesessen haben?“

Er nickte. „Sind das Angehörige?“

„Nein. Ja.“ Sie wischte sich die Tränen von der Wange. „Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, wie ich sie nennen soll.“

„Ganz ruhig, Lily.“ Es beunruhigte ihn, dass sie sich aufregte. „Wer sind sie denn?“

„Die Zweitfamilie meines Vaters“, sagte sie bitter. „Die ganzen Geschäftsreisen, die er in den letzten dreißig Jahren angeblich gemacht hat, waren nichts weiter als ein Vorwand, um nach Greenville zu fahren und dort Zeit mit dieser Frau und seinen beiden Söhnen zu verbringen.“

Daniel stockte der Atem. Nie im Leben hätte er dem alten Kincaid so etwas zugetraut. „Moment, Moment“, sagte er und hob die Hände. „Dein Vater hatte eine andere Frau und zwei Kinder in Greenville?“

Lily nickte. „Angela Sinclair war die erste große Liebe meines Vaters. Ihr ältester Sohn Jack ist mein Halbbruder. Ihr jüngster Sohn Alan ist von ihrem ersten Ehemann.“

„Jack Sinclair ist dein Halbbruder?“ Er hatte schon von dem großen Erfolg gehört, den Sinclair mit seiner jungen Firma Carolina Shipping hatte. Doch bis jetzt hatte Daniel noch keine Gelegenheit gehabt, den Mann persönlich kennenzulernen oder mit ihm Geschäfte zu machen. „Aber hast du nicht gerade gesagt, dass er der ältere sei? Wie kann sein jüngerer Bruder von einem ersten Ehemann sein?“

„Mein Dad und Angela waren zusammen, als sie noch sehr jung waren. Aber meine Großeltern fanden, sie sei nicht die richtige Frau für ihn“, erklärte Lily, während sie aufstand und begann, nervös auf und ab zu gehen. „Mein Großvater hat sein Reedereigeschäft ausgebaut und die Kincaid Group zu dem gemacht, was sie heute ist. Er und meine Großmutter wollten eine Frau für meinen Vater, die in die High Society von Charleston passte.“

Nur zu gut kannte Daniel das völlig übertriebene Selbstbewusstsein der Oberschicht in den Südstaaten. Auch seine Mutter entstammte einer alten und wohlhabenden Familie und bewegte sich mühelos auf dem gesellschaftlichen Parkett. Sie und ihre sogenannten Freunde sahen auf diejenigen hinab, die nicht das Glück gehabt hatten, aus einer angesehenen Familie zu kommen.

„Aus Trotz und um nicht verkuppelt zu werden, ging Dad zur Armee und trat einer Spezialeinheit bei. Monatelang hatte er keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern“, fuhr Lily fort. „Wie wir gestern auf der Beerdigung erfahren haben, hatte Angela ihm damals versprochen, auf ihn zu warten. Denn sie war schwanger von ihm. Doch als Daddy schwer verwundet zurückgeschickt wurde, war Angela spurlos verschwunden. Er dachte, sie hätte ihn verlassen.“

„Und weil er sie nicht ausfindig machen konnte, gab er dem Wunsch seiner Eltern nach und heiratete deine Mutter“, vermutete Daniel.

Lily nickte. „Die Winthrops waren eine angesehene Familie in Charleston. Doch in den Siebzigerjahren war ihr Vermögen so geschrumpft, dass sie es mit der Angst zu tun bekamen. Sie befürchteten, ihren Lebensstil nicht mehr fortführen zu können und ihr gesellschaftliches Ansehen zu verlieren.“

Obwohl Daniel jede Form von Snobismus und Eitelkeit ablehnte, war er mit den Spielregeln der Oberschicht vertraut. Er kannte etliche alte Familien aus den Südstaaten, die ihre Töchter und Söhne dazu drängten, jemanden aus den neureichen Kreisen zu heiraten. Bloß damit sie ihr Leben fortführen konnten und ihr Ansehen nicht verloren.

„Insofern war die Heirat deiner Eltern für beide Familien ein Gewinn“, sagte er und nickte. „Die Eltern von deinem Dad sind ein paar Sprossen auf der gesellschaftlichen Leiter nach oben geklettert, während der Familie deiner Mutter finanziell unter die Arme gegriffen wurde und sie ihr Gesicht wahren konnte.“

„Das trifft es ziemlich genau“, erwiderte Lily.

„Wie sind dein Dad und Angela denn wieder zusammengekommen?“, wollte Daniel wissen. „Und was ist mit ihrem Ehemann? Welche Rolle spielt er bei der ganzen Sache?“

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