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Liebe Isländer

Huldar Breiðfjörð

Liebe Isländer

Roman

 

Aus dem Isländischen von Gisa Marehn

 

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Inhaltsübersicht

Anmerkung vorab

Miniglossar

Du liegst hinten in einem Lappländer

Aisländ

Der Jeep

Und trotzdem auf Reisen

Der erste Reisende

The Road to Nowhere

Snæfellsnes

Die Seele des Cannibals

Im schönen Stykkishólmur

Tankstellenkioske

Das Djúp

Die Kaffeekasse in Súðavík

Es fehlt nur der Deckel

Das Isvolk

Alles ist schön

Gibst du auf?

Auf dem Vatnsskarð

Meine Provinz

Öxnadalsheiði

Die Akureyrer

Ein Tag auf Hrísey

Abende in Dalvík

Am Ljósavatn

Und Húsavík

Zimmer 11

Ostreich

Breiðalsvík

Durch die letzte Kurve

Höfn

Echte Isländer

Morgen

Ich danke besonders

Anmerkung vorab

 

In Island duzt man sich im Allgemeinen. Island ist vor allem entlang der Küste besiedelt, das Landesinnere weitgehend unbewohnt. Die Ringstraße führt, mit vielen Abzweigungen, in Küstennähe um das ganze Land und verbindet die Siedlungen miteinander.

Miniglossar

 

Bubbi

Bubbi Morthens, Musiker

 

dalur

Tal

 

djúp

Tiefe, tief eingeschnittener Fjord

 

Erla

Frauenname

 

ey, eyja

Insel

 

fell, fjall

Berg

 

fjörður

Fjord

 

Gaukur

Abk. ›Gaukur á stöng‹, Bar/Discothek in Reykjavík

 

heiði

Hochebene, Pass-/Bergstraße

 

hús

Haus

 

ís

Eis

 

kona

Frau

 

lón

Lagune

 

Moggi(nn)

Abk. ›Morgunblaðið‹ (›Das Morgenblatt‹)

 

nes

Halbinsel, Landzunge

 

perla

Perle

 

Sálin

Abk. ›Sálin hans Jóns míns‹, Musikband

 

Sólin

Abk. ›Síðan skein sól‹, Musikband

 

vík

Bucht

Du liegst hinten in einem Lappländer. Die Nacht des 17. Januar ist angebrochen, es sind exakt vierzehn Grad minus, und du versuchst einzuschlafen. Du hast deine langen Wollunterhosen – Vaterländer genannt –, einen Fleecepullover und Wollsocken angezogen, du trägst eine Mütze und liegst im Schlafsack unter einer Daunendecke hinten in einem Volvo Lappländer. Du hast die Gardinen vor alle Fenster gezogen, so dass das Auto von innen wie ausgepolstert scheint. Es ist stockdunkel. Wie in einem Sarg. Und du überlegst, ob du nicht verrückt, tot oder einfach nur blöd bist. Abgesehen vom leisen Leerlaufschnarchen des Lastwagens nebenan herrscht Totenstille. Du lauschst den eigenen Atemzügen und siehst, wie sie sich auf dem Schlafsack vor deinem Gesicht in frostdornige Eisblumen verwandeln. Du machst dir Sorgen, dass das Gas aus dem Campingkocher ausströmen könnte. Und du machst dir Sorgen, dass das Auto vielleicht nicht anspringt, wenn du morgen früh erwachst. Du bist gestresst wegen der Wettervorhersage. Du hast Angst, nicht über die nächste Bergstrecke zu kommen. Die Rundreise nicht zu schaffen. Dass du ein Panikfreak bist. Nur ein kleiner Junge, der den starken Mann markiert.

Früher am Abend bist du rausgefahren aus Reykjavík, geradewegs hinein in den stockdunklen Hvalfjörður. In einer Kurve sind die Scheinwerfer des Wagens ausgegangen, und einen langgezogenen Augenblick lang hast du daran gezweifelt, dass sie jemals wieder für dich scheinen würden. Es war dein Glück, dass genau im gleichen Moment ein tosendes Feuerwerk über Reykjavík losging, so dass du es geschafft hast, wieder auf die Straße einzubiegen. Du hast den Wagen gestoppt, überzeugt davon, dass dies ein Wunder war. Dass die Götter in den nächsten zwei Monaten auf deiner Seite sein werden und dass es dir, dem Wunschkind der Nation, bestimmt ist, deine Rundreise zu schaffen. Am Morgen hast du dann in den Nachrichten gehört, dass das Feuerwerk zu Ehren des fünfzigjährigen Premierministers stattfand, nicht zu deinen.

Du hast den Wagen angehalten, dir mit zitternden Händen eine Zigarette angesteckt und dabei in die Augen des erschrockenen, orangefarbenen Gesichts in der Frontscheibe geblickt. Es schien zu überlegen, was du da treibst. Ob es nicht das Beste für dich wäre, einfach umzukehren und dich nach Hause zu bringen. Du hast das Streichholz ausgeblasen, und das Gesicht verschwand wieder. Das Wunder am Himmel tröpfelte in die Stadt hinein. Der grinsende Mond wickelte sich in ein paar Wolken und machte sich davon. Und du fuhrst wieder los.

Du befindest dich in Borgarnes. Liegst hinten im Lappländer und bist endlich am Einschlafen. Doch da merkst du, dass du mal musst. Du überlegst, ob du es riskieren sollst, zu viel Wärme zu verlieren, wenn du dich aufraffst. Du fühlst dich wie ein Held. Du fühlst dich wie ein Idiot. Als dir die Augen wieder zufallen, geht dir durch den Kopf, dass du ein echtes Problem hast, wenn du einpieselst.

Aisländ

Hin und wieder hieß es, wir Isländer seien mit amerikanischem Kaugummi im Maul in die Gegenwart hineingestolpert. Daher ist es vielleicht kein Zufall, dass Island auf der Weltkarte ein wenig an einen breitgetretenen Kaugummi erinnert. Es könnte sein, dass der Schöpfer der Karte ihn ausgespuckt hat, kurz vor der Fertigstellung seines Werks. Ich weiß nicht, ob wir Isländer alles Wrigley’s zu verdanken haben, doch Island erinnert mich tatsächlich häufig an einen Kaugummi. Einen abstoßenden Kaugummi, auf dem man lange Zeit gedankenlos und routiniert herumkaut, bis man plötzlich bemerkt, dass er schon lange den Geschmack verloren hat, und ihn ausspuckt, einen schlechten Nachgeschmack im Mund zurückbehaltend. Fast mit dem Gefühl, betrogen worden zu sein.

Nachdem ich Island wieder und wieder ausgespuckt hatte und ins Ausland abgehauen war, nur um dort zu sein, wo ich vorher nicht gewesen bin, fasste ich den Entschluss, so viel Island wie möglich in mich hineinzustopfen, so viel ich könnte. So zu versuchen, den Geschmack zu erneuern und mich mit dem Land auszusöhnen. Mich selbst vom Gegenteil der Annahme zu überzeugen, dass es sich am besten aus der Ferne ausnahm. Ich beschloss, mir zwei Monate Zeit zu nehmen, um meine Rundreise zu machen, meinen Ring zu fahren und unterwegs der Nation die Hand zu reichen.

Von Anfang an kam nichts anderes in Frage, als die Reise im Januar und Februar zu machen. Das sind eindeutig die isländischsten Monate. Wir füllen uns dann mit Schwermut an, sind genervt, verwittert, reizbar, und unsere Stimmung schwankt in dieser Zeit genauso wie die der Wettergötter. Wir werden Island. Der Sommer auf dieser wundersamen Station hier draußen im Meer ist die Besuchszeit, dann werden Onkel und Tanten empfangen und Experten. Außerdem sollte diese Reise nicht cosy werden. Ich wollte meinen Bart wuchern lassen, frieren, mich in mich selbst zurückziehen, verrückt werden. Aufwachen!

Ja, aufwachen. Ich hatte die Nase gründlich voll davon, aufzuwachen, um zur Arbeit zu gehen, damit ich die Mittel dafür hätte, bei Ríkið, dem staatlichen Alkoholgeschäft, in der Schlange stehen und dann auf Partys gehen zu können, wo das größte Vergnügen darin bestand, Begebenheiten von anderen Partys aufzuwärmen. Ich war es müde, zu versuchen, cool vor dem Türsteher vom Kaffibarinn zu sein, damit ich eingelassen würde, nur um genau dieselbe Stimmung wie am Wochenende davor zu erleben. Ich war das Gefühl unendlich leid, dass alle vorgaben, in Kürze ganz groß rauszukommen, abgesehen von mir. Und dann um drei Uhr die Lichter wieder angehen zu sehen. Ich war es leid, mich völlig verkatert den Laugavegur entlangzuschleppen und zu versuchen, mich daran zu erinnern, wo ich das Auto am Abend vorher abgestellt hatte. Ich hatte die Nase voll davon, in Cafés zu sitzen und Latte macchiato zu trinken und koffeingetunte Pläne zu schmieden, die doch nie Realität würden. Der graue Himmel ödete mich an, die nassen Straßen auch und vor allem ich mich selbst. Aber am allermeisten die Musik von Gusgus und allzu muntere Radioleute.

Nachdem mir die Idee gekommen war, zu dieser Jahreszeit um Island zu reisen, gab es kein Zurück mehr. Sie setzte sich in meinem Kopf fest, und ich sehnte mich danach, so schnell wie möglich loszukommen. Fort aus Reykjavík, hinaus aufs Land. Außer einem Sommer fernab der Stadt und einigen Touren mit den Eltern, die in Akureyri endeten, war ich bisher so gut wie gar nicht in Island gereist und hatte auch nie das Verlangen danach gehabt. Jetzt sah ich mich bald im schneebedeckten Hochland unter sternklarem Himmel Feuer machen, bald in lange Debatten mit Bauern vertieft, einen Kaffeebecher in der Hand. Das schien mir der beste Einfall, den ich je in meinem Leben hatte, und ich war überzeugt davon, ich würde wie neugeboren zurückkommen.

Doch zuerst musste ich mir einen Jeep kaufen. Er durfte nicht mehr als dreihunderttausend Kronen kosten. Und es musste möglich sein, in ihm zu schlafen, auch, weil ich nicht über die Mittel verfügte, zwei Monate lang in Hotels zu übernachten. Er durfte auf keinen Fall irgend so eine unsichere Karre sein, die mitten in den Bergen eine Panne haben würde. Jedoch durfte er auch nicht zu flott sein, weil ich keine Lust hatte, meinen Ring in einem Land-Cruiser zu fahren, so wie ein Zahnarzt im Urlaub. Außerdem sollte er das gewisse Etwas haben. Ich würde die nächsten zwei Monate mit ihm verbringen und wollte deshalb, dass er einen guten Charakter hatte. Allerdings verstanden mich die Autohändler nicht ganz, als ich fragte, ob sie einen charmanten Jeep dahätten. Und als ich in einer Anzeige nach einem Wagen mit Charakter fahndete, wurden mir entweder irgendwelche Schrottkisten angeboten, an denen ich wahrscheinlich die nächsten Jahre herumbasteln würde, um sie wiederherzustellen, oder höhergelegte, mutierte Benzinmonster, die von ihren Besitzern in den letzten Jahren verhätschelt worden waren.

Ein Wagen mit Charakter? Ich klapperte sämtliche Autohändler der Stadt ab, sah mir zig, wenn nicht sogar hundert Jeeps an. Doch sie waren entweder zu teuer, in miserablem Zustand, beunruhigend neu gespritzt, hatten schlechte Reifen, zu viele Kilometer runter, indiskutable Schlafplätze oder einfach nicht das gewisse Etwas. Nach zwei Wochen pausenloser Suche begann ich zu verzweifeln, und was noch schlimmer war: Meine Entdecker-Idee hing mir schon wieder zum Hals heraus. Ich hatte die Reise so lange durchdacht, dass ich das Gefühl bekam, den Ring mittlerweile schon viele Male gefahren zu sein. Und so langsam sprach sich mein Reiseplan auch bei den Freunden herum.

»Also, wenn es darum geht, dich selbst zu finden, dann fahr irgendwo anders hin als aufs Land. Dort triffst du nur depressives und stockkonservatives Volk, das nichts anderes zu tun hat, als über die Fischereiquote zu jammern und abends Videos zu gucken«, sagte Stebbi, der noch mehrfach eine Rolle spielen wird.

»Aber genau das will ich erleben.«

»Du wirst überhaupt nichts erleben. Es reicht, wenn du nach Þorlákshöfn fährst und dort ein Wochenende verbringst. Dann hast du das Leben in der Provinz erlebt. Du kommst geschädigt zurück, ich garantier es dir.«

»Warum sagst du so was?«

»Bist du schon mal in Bolungarvík gewesen?«

»Nein.«

»Nein? Dann fahr dorthin.«

»Ich werde nach Bolungarvík fahren.«

»Ja, tu das. Ich war schon mal da. Ist die Hölle. Das Einzige, was dieses Pack beschäftigt, sind neue Autos und britischer Fußball. So ist das überall draußen auf dem Land.«

»Kann schon sein. Aber ich muss es trotzdem probieren.«

»Okay, okay, ich meine, wenn du die Tour wirklich machen willst, dann eben … du weißt schon, dann viel Glück.«

»Stebbi, ich glaube, du regst dich deshalb darüber auf, weil du weißt, dass du, während ich die nächsten beiden Monate damit verbringe, mir das Land anzuschauen, acht Wochenenden lang im Kaffibarinn sitzen und zwischendurch mit einem Scheißbrummschädel in die Glotze schauen wirst.«

»Wenn du in die Provinz fährst, Huldar, wirst du zuerst den Hirntod erleben.«

Andere zuckten nur mit den Schultern und sagten: »Okay.« Was eigentlich noch schlimmer war. Entweder wussten sie, dass es auf dem Land trostlos wäre, wollten mir aber nicht den Gefallen tun, mich darüber zu informieren, oder sie fanden gar nichts Besonderes daran, was am schlimmsten wog. Ich begann tatsächlich, an meiner Idee zu zweifeln. Es war ja nicht so, als plante ich, den Mount Everest zu besteigen. Was war so bemerkenswert daran, in zwei Monaten den Ring um Island zu fahren? Siebzigjährige Frauen konnten sich in ihr kleines, niedliches japanisches Auto setzen und diese Strecke in zwei Tagen abdüsen. Alle Straßen sind asphaltiert und garantiert sofort geräumt, sobald die erste Schneeflocke zu sehen ist. Doch trotzdem: Es sollte bei dieser Reise nicht um Gefahren gehen, und als die Freunde begannen, mit scheinheiligem Unterton zu fragen, ob sich »Ómar Breiðfjörð«, unser nationaler Reisejournalist, umentschieden hätte, war ich wieder umso fester entschlossen zu fahren.

Und dann fand ich ein Auto. Ein Freund erzählte mir, sein Schwager hätte einen Volvo Lappländer, den er verkaufen wolle – sofern er einen »guten Käufer« fände. Obwohl mich Lappländer-Jeeps immer an einen amerikanischen, auf einer Sackkarre liegenden Kühlschrank erinnerten, der unkontrolliert vorwärtsrollt, war etwas dran an dieser Forderung nach einem guten Käufer, und ich meldete mich sofort bei diesem Mann. Ich hatte schon von Haustierbesitzern gehört, die nach guten Haltern suchten, und von Wohnungseigentümern, die nach guten Mietern Ausschau hielten, aber noch nie von einem Jeep-Typen, der etwas anderes suchte als das beste Gebot. Auf dem Weg gen Süden nach Hafnarfjörður, wo der Schwager wohnte, gab ich mich dem Traum hin, endlich den Menschen zu treffen, dem Geld egal ist. Den Mann, dem ich so sympathisch wäre, dass er mir den verdammten Jeep schenkte.

 

Er stand dort, unter eine Mauer geduckt, schien gleichzeitig vor Langeweile einzugehen und vor angestauter Kraft zu explodieren. Blau, massiv und verwegen, auf großen, groben Reifen, mit schwarzer Gummileiste an den Seiten, Fenstern ringsum, ein winziges bisschen verbeult, vorn etwas geduckt und irgendwie einfach charming. Er wirkte wie eine Mischung aus einem lebenserfahrenen Mann und einem Kind, das noch viel zu lernen hätte. Und als ob er eben genau auf diese Lektionen warte. Und auf die Gelegenheit, sich zu beweisen. Er schien etwas ruhelos und seine Seele die eines Vagabunden. Als ob er den Sinn von all dem nicht ganz sähe und nur den einen Wunsch hätte, zu fahren und zu vergessen und zu fahren und sich zu vergessen. Beinah so, als hätte er schon aufgegeben. Ein wenig, als wäre ihm alles egal, und doch wieder nicht. Ich sage nicht, dass es Liebe auf den ersten Blick war. Ich kam erst später dahinter, dass es möglich ist, ein Auto zu lieben, aber angefixt war ich sofort. Ich verstand diesen Wagen.

»Das ist keine Schrottkiste.« Der Schwager, ein ganz gewöhnlicher Typ um die vierzig, stand vielsagend neben mir auf dem Parkplatz und schien mich mit dem Auto zu vermessen. »Sie sollten eigentlich nach Libyen, die Lappen, die hier in Island sind, aber als die Amis Gaddafi angriffen, wurden sie nach Island geschickt.«

»Darf ich fragen, warum du ihn verkaufst?«, erkundigte ich mich und versuchte, sowohl an den Qualitäten des Wagens interessiert als auch wie ein erfahrener KFZ-Spekulant zu wirken. Ich war aber so nervös, dass er eigentlich bemerken musste, wie wenig ich von Autos verstand, so dass ich, um routinierter zu wirken, nach der Frage ausspuckte. Das tue ich sonst nie.

Der Schwager schaute überrascht auf die Spucke im Schnee, kniff dann die Augen zusammen und betrachtete den Jeep lange, bevor er irgendwie abwesend antwortete: »Ich denke, es ist genug jetzt.« Dann sah er mich an und hob die Augenbrauen. »Kann man nicht immer Geld gebrauchen?«

Das hatte sich also auch erledigt.

Wie alle guten Verkäufer führte er zuerst die Vorzüge des Wagens an und erwähnte dann einen Mangel, um ehrlich und überzeugend zu wirken. Aber ich hatte gar keine Zweifel. Wenn überhaupt, fand ich, er hätte den Wagen noch etwas eifriger anpreisen können. Wahrscheinlich war er immer noch nicht davon überzeugt, dass ich ein guter Käufer wäre. Der Haken war, dass die Bremsen in Ordnung gebracht werden mussten, aber im Vergleich zu den Vorzügen schien das unerheblich, vielleicht genau deshalb, weil er es erwähnte. Der Motor war nur vierzigtausend Kilometer gelaufen, und der Wagen selbst war nur achtzigtausend gefahren worden, von nur zwei Vorbesitzern. Vor dem Schwager hatte der Jeep irgendeinem Spekulanten gehört, der ihn aber so gut wie nie benutzt hatte und der von einem Spezialisten, den der Schwager den Schneetreiber nannte, einen neuen Motor und außerdem einen Turbo hatte einbauen lassen. »Wenn man so will, ist der Schneetreiber der Taufpate dieser Maschine«, sagte der Schwager, als er im Inneren des Wagens die Abdeckung vom Motor hob. Obwohl ich nur auf ein Leitungswirrwarr blickte, musste ich wohl gute Karten haben mit einem Motor, der sogar einen Taufpaten hatte. Wenn mal etwas kaputtginge, würde es zweifellos in Ordnung gebracht werden von einem rauen, besonnenen Mann in schwarzem Overall mit Maulschlüssel im Knopfloch.

Einzige Zusatzausstattung des Jeeps waren ein altes Radio, eine Dachluke, ein Hauptschalter für die Elektrik und helle Plastikgardinen. Und hinten im Wagen waren rote Plüschsitze in U-Form eingebaut, die sich zu einem Bett zusammenklappen ließen. Über dem Motor gab es einen kleinen Tisch. Ansonsten war das Auto innen grob und schlicht. Einfach perfekt. Ich brannte sofort für diesen 4-Zylinder, wenig gefahrenen, blauen Volvo Lappländer mit Turbo, Dachluke, Hauptschalter, neuer Kabine, 36-Zoll-Reifen und defekten Bremsen. Aus dem einfachen Grund, dass er so fantastisch war. Hauptsache, der Schwager verkaufte ihn mir.

Er fing an, mir zu zeigen, wie die Schalter für die hohen und die niedrigen Gänge und für den Vierradantrieb funktionierten. Ich verstand ihn so, dass der Lappländer das einzige Auto wäre, bei dem man während der Fahrt in den Vierradantrieb schalten konnte. Ich hätte noch mal ausgespuckt, hätten wir nicht im Auto gesessen, biss mir stattdessen auf die Zunge und sagte einfach so wenig wie möglich. Das konnte auch so aussehen, als ließe ich mir nicht einfach irgendetwas andrehen.

»Du kannst ihn auch splitten«, sagte der Schwager.

»Genau.«

»Hast du schon mal einen Lappländer gefahren?«

»Nein.«

Er sah mich mit forschendem Blick an. »Wie du natürlich weißt, wirken sie etwas wackelig, weil man über dem Vorderrad sitzt.«

»Genau.«

»Da ist noch was. Es kann lange dauern, bis er in Gang kommt, wenn er heiß ist. Wegen des Turbos, verstehst du. Wenn er sehr heiß ist, verdampft das Benzin und kommt nicht mehr bis zum Vergaser.«

»Ja.«

Es war mir unangenehm, dass er glaubte, ich verstünde ihn. Bestimmt war dieses Auto nur etwas für erfahrene Jeepfahrer, die alles selbst konnten. Ging er davon aus, dass ich mich mit all dem auskannte, da sonst niemand auf die Idee käme, einen Lappländer zu kaufen? Niemand außer mir. Ich beschloss, es zu versuchen und geradeheraus zu sein. »Also, da ist noch was. Ich habe keine Ahnung von Autos. Ich suche nur einen Jeep, in dem ich schlafen kann und mit dem ich die Ringtour schaffe, jetzt im Januar und Februar.«

Er sah mich an und räusperte sich: »Das ist völlig in Ordnung. Ich hab auch keine Ahnung von Autos. Aber du kannst dem hier vertrauen.« Dann lächelte er und klopfte leicht aufs Lenkrad.

 

Du befindest dich an der Tankstelle Hyrna in Borgarnes, und der Wagen springt nicht an. Obwohl du ihn wieder und wieder zu starten versuchst, reagiert das Mistding kein bisschen. Du vertraust den Scheinwerfern nicht mehr seit dem Vorfall gestern Abend und hattest eigentlich geplant, vor dem Dunkelwerden bis Lýsuhóll zu kommen. Aber während du hier festsitzt, senkt sich langsam die Dunkelheit herab. Du startest. Nichts passiert. Und wegen der Batterien hast du Angst, es weiter zu versuchen. Du bist absolut ratlos.

Als du dich zuvor nach einem sonnigen, aber auch scheißkalten Tag in Borgarnes ins Schwimmbad begeben wolltest, hattest du bemerkt, dass das Auto dampfte und dass der Kühler leckte. Du hattest befürchtet, der Kühler könne gesprungen sein, und bist ausgeflippt. Hattest dann eine alte Frau bemerkt, die hinter einem Wohnzimmerfenster Wäsche zusammenlegte und dich dabei beobachtete, wie du dich unter dem Auto abmühtest. Von der Frau ging etwas Beruhigendes aus. Sie war eine Verbündete in der Einsamkeit. Du hast dich beruhigt, bist im Schwimmbad gewesen, hast im Hotel Kaffee getrunken und bist dann supergelassen an diese Tankstelle gefahren, um Frostschutzmittel nachzufüllen. Nach einem Schwatz mit dem Tankwart hast du dich ins Auto gesetzt, um dich auf den Weg zu machen, raus aus dem Ort.

Seitdem ist eine Stunde vergangen, und du sitzt immer noch auf dem Parkplatz fest. Es scheint dir, als ob es ebenso schnell dunkel wird, wie die Zeit langsam vergeht auf dem Lande. Und nun ist auch keine alte Frau mehr da, um sich an ihr festzuhalten. Bloß der schrullige Verkäufer, der hinter dem Ladentisch der Tankstelle sitzt, die Sportseiten im heutigen Moggi liest, und dem nichts gleichgültiger sein könnte. Aber war es nicht das, was du wolltest? Die Fernbedienung loslassen und dich selbst durchbeißen müssen? In Schwierigkeiten landen, den Bart wuchern lassen, ein bisschen frieren. War es nicht ganz genau das?

Aber vielleicht nicht gleich alles am ersten Tag.

Dir fällt nichts anderes ein, als dass sich Eisnadeln im Benzin gebildet haben könnten. Du hattest ja auch vorgehabt, es mit Frostschutzmittel zu mischen, es dann jedoch wieder vergessen. Du springst raus. Versuchst, das Auto zu schaukeln, damit sich das Benzin im Tank bewegt, die Eisnadeln sich womöglich auflösen. Aber du hörst auf damit, als du bemerkst, dass der Verkäufer dich mit verwunderter Miene beobachtet. Du fühlst dich wie ein Kind, das einen Ball vom Dach holen will und dafür am Haus rüttelt. Du fühlst dich sowieso wie ein Kind.

Du rufst den Schwager an. »Er muss anspringen. Das ist noch nie vorgekommen. Hast du auch bestimmt den Choke gezogen?« Als du den Choke ziehst und der Wagen sofort anspringt, ärgerst du dich fast noch mehr. Diesmal über dich selbst.

Du bist nichts anderes als eine jammernde Alte.

Du bist die alte Frau, die ihre Wäsche zusammenlegt.

Dann fährst du los.

Der Jeep

Anfangs war es eine Qual, den Jeep zu fahren – der einzige Nachteil an ihm. Er kam nicht über achtzig Stundenkilometer, so dass hinter mir ständig gehupt wurde. Er holperte und ruckelte, und in jeder zweiten Kurve glaubte ich ihn umzukippen. Die Pedale lagen viel höher, als ich es gewohnt war. Ich konnte in dem Sitz schlecht sitzen, fühlte mich einfach so unsicher, dass es lächerlich war. Obwohl der Schwager ihn mir drei Mal geliehen hatte, schien ich mich nicht an den Wagen zu gewöhnen. Ich saß noch immer total gestresst hinterm Steuer. Fand den Jeep völlig unberechenbar und schwerfällig zu manövrieren. Es war wie auf einer Kuh zu sitzen.

Bald begann ich zu versuchen, mich selbst davon zu überzeugen, dass er nicht das richtige Auto für mich wäre. Er war zu alt. Die Reifen hatten keine Spikes. Er fuhr nicht schnell genug. Es könnte schwierig werden, Ersatzteile zu bekommen. Was, wenn er eine Panne hätte? Ich konnte nicht mal den Keilriemen in einem gewöhnlichen Auto wechseln und wollte mit dem Lappländer hinaus aufs Land, auf Glätte, Bergstrecken und Schnee. Und so weiter. Ich wusste, es waren nichts anderes als Ausreden und Ausflüchte. Das war haargenau der richtige Wagen für die Reise. Doch traute ich mir zu, ihn zu fahren? Die Frage drehte sich um mich. Würde ich wagen, es mit ihm aufzunehmen oder nicht? Im ganzen Land fuhren Leute Lappländer. Es konnte nicht schwieriger sein, diesen Lappländer zu fahren, als jeden anderen. Wenn die Leute ihre fahren konnten, dann sollte mir das auch gelingen.

Obwohl ich entschlossen zur Bank ging, dreihunderttausend Mäuse abhob und sie auf den Couchtisch des Schwagers knallte, hatte ich Angst, einen schrecklichen Fehler zu machen. Dass ich diesem Wagen nie gewachsen sein, geschweige denn, mich in ihm wohl fühlen würde. Meine Erlösung war, dass der Schwager, als wir den Kaufvertrag unterschrieben hatten, sagte: »Mach dir keine Sorgen. Ich weiß, du wirst ein guter Besitzer sein.«

»Wieso?«, fragte ich.

»Einfach so«, antwortete er.

Es war außerordentlich beruhigend, ihn dies sagen zu hören. Da glaubte ich dann auch zu verstehen, was er gemeint hatte, als er sagte: »Ich denke, es ist jetzt genug.« Und obwohl ich nach den drei Probefahrten etwas sicherer wurde, brauchte ich fast die ganze Reise, um mich in der Gesellschaft des Wagens wohl fühlen zu lernen. Diesen Volvo Lappländer, Jahrgang 1981, erfolgreich den ganzen Ring um das Land zu bringen, wurde schließlich schnell eine der größten Prüfungen der Reise.

Die beiden Tage zwischen Autokauf und Abreise nutzte ich für weitere Vorbereitungen. Und kam vor Heimweh fast um. Ich bekomme immer Heimweh kurz vor einer langen Reise. Fühle mich, als würde ich niemals zurückkommen. Sehe auf einmal nichts anderes als das Gute um mich herum und fühle mich wie ein Idiot, das alles zu verlassen. Wenn es am schlimmsten wird, habe ich das Gefühl, zu sterben. Immerhin stirbt man auf eine gewisse Weise, wenn man wegfährt. Man verschwindet und kommt als ein anderer zurück. Besonders betrüblich empfand ich, dass es für meine Umwelt völlig unbedeutend zu sein schien, ob ich losfuhr oder nicht. Diese zweimonatige Abwesenheit würde überhaupt keine Auswirkungen auf irgendetwas oder irgendjemanden haben, außer auf mich selbst. Ich musste keinen Mitarbeiter einarbeiten, um mich zu vertreten. Ich musste keine wichtige Sitzung abhalten, um Leute zu beruhigen, dass alles in Ordnung sein würde. Ich musste keine Projekte fertigstellen. Nichts würde sich ändern, wenn ich wegfuhr. Gar nichts. Ich musste mich nur ausrüsten. Dann konnte ich sterben. Dies ist die Liste der Dinge, die ich für nötig hielt dabei zu haben, wenn man für zwei Monate sterben wollte: Kleidung, eine Lampe, eine Decke, Bettdecke + Kopfkissen, Schlafsack, Funktelefon + Mobiltelefon, Topf, Campingkocher, Besteck, Essen, Teller, Zippo + Benzin, Küchenrolle, Toilettenpapier, Fernglas, Käsehobel, Trichter, Zahnpasta, Shampoo, Rasierzeug, Karte + Straßenatlas, Zahnbürste, Thermosflasche für den Kaffee, Wasserflaschen, Fotoapparat, Schaufel, Zündsteine, Mülltüten, Pflaster, Kühlbox, CD-Player, CDs, Bücher, Batterien.

Als ich die Dinge zusammengesammelt, die Bremsen am Auto hatte reparieren lassen und beschlossen hatte – nachdem ich eine ganze Reihe von Jeepfahrern um ihren Rat dazu befragt hatte –, keine Spikes an den Reifen anbringen zu lassen, war ich bereit. Der Reiseplan war einfach, und zwar an so vielen Dörfern wie möglich vorbeizukommen und die Zeit etwa gleichmäßig auf die vier Landesteile zu verteilen.

Ich nahm Abschied.

Mutter sagte: »Mein lieber Huldar, wenn du in diesem Auto zwei Monate lang allein und verlassen leben kannst, dann kannst du alles.«

Stebbi sagte: »Du kommst geschädigt zurück.«

Also fuhr ich los.

Und trotzdem auf Reisen

Meine Nase ist eiskalt. Es fällt mir schwer, mich aufzuraffen, mich aus dem Schlafsack zu lösen, denn im Wagen herrscht eine entsetzliche Kälte, und ich habe schlecht geschlafen. Es war erst sieben Uhr heut früh, als ich aufschreckte und realisierte, dass ich mich die ganze Nacht zwischen Schlaf und Wachen gewälzt hatte. Unbegreiflich, in so einer Kälte zu schlafen. Als ob man gerade so einnickt und dann träumt, dass man schläft.

Inzwischen ist es Mittag, und die Sonne scheint durch die hellen Plastikgardinen. Ich liege hinten auf der Liegefläche, die Beine am Motor, der sich in der Mitte des Autos befindet und noch wohlige Wärme von sich gab, als ich gestern Abend einschlief. An den Wänden auf beiden Seiten ist das Gepäck verteilt. Links befinden sich zwei kleine, mit Kleidung vollgestopfte Reisetaschen, und darauf liegen Anoraks und Jacken. Rechts liegt eine kleine Sporttasche voller Bücher und CDs. Daneben ist eine leere Stelle, wo ich die Decke und den Schlafsack aufbewahre. Unter der Liegefläche befinden sich Schuhe, Lebensmittel, eine Kühlbox und Bücher vom Verlag Bjartur, die ich unterwegs verkaufen möchte. Hinter der Liegefläche befinden sich die Schaufel, der Campingkocher und die Kochutensilien. Dieser schwedische Volvo ist eine Immobilie auf Rädern. Ein Fünf-Quadratmeter-Heim. Das Wohnzimmer vorne, das Esszimmer über dem Motor, das Schlafzimmer hinten, das Lager darunter und die Küche ganz hinten. Die Toilette draußen und überall ringsum.

Der Wind pfeift ums Auto, an seinem Heulen kann man hören, wie kalt es draußen ist. Die stärksten Windstöße schütteln es ein bisschen, so dass es hin und wieder ist, als liege man in einem Zug. Ich zähle bis drei und will mich aufraffen, aber ich breche ab. Am besten noch ein bisschen liegen bleiben, das Aufwachen am ersten Morgen auf der Reise noch etwas genießen. Was eilt denn?

Seitlich an der Decke sind Netze, in die ich den Verbandskasten, Handschuhe, Schals und Landkarten hineingestopft habe. Zwischen den Vordersitzen befindet sich eine Box, die als Handschuhfach dient. Darin sind Fotoapparat, Reiseführer, Stifte und verschiedener Kleinkram. Heute Nacht fand ich heraus, dass es nicht nur angenehm ist, den Ellbogen auf dem Kasten abzustützen und die Wange beim Fahren in die Hand zu legen, dort kann man auch einen halbvollen Kaffeebecher abstellen. Es sollte sich allerdings noch herausstellen, dass es nichts bringt, einen halbvollen Kaffeebecher auf diesem Kasten zu platzieren, wenn man auf schlaglöchrigen Wegen fährt. Was für ein Ding, dieser Volvo Lappländer, Jahrgang 1981! Zwei Fliegen mit einer Klappe, mein erstes Auto, meine erste eigene Wohnung.

Er sollte nach Libyen? Ich erinnere mich nicht, wie alt ich war, aber ich erinnere mich an die Nacht, als die Amis in Libyen einfielen und ich schlafwandelte. Das einzige Mal im Leben, soviel ich weiß. Am Morgen danach, als ich nach vorn in die Küche kam, stand Papa vor dem kleinen Radio und hörte Nachrichten. Es war noch nicht bekannt, ob Gaddafi entkommen war. Papa zeigte auf meine Bettdecke, die über einem der Küchenstühle hing: »Was macht deine Decke auf dem Stuhl?« Ich sah auf die Decke und erinnerte mich nicht daran, sie dort hingelegt zu haben. Die einzige Erklärung, die ich geben konnte, war, dass Gaddafi sie sich möglicherweise auf seiner Flucht in der Nacht geliehen hatte. Jetzt, viele Jahre später, bedankte sich vielleicht jemand, indem er mir das Auto zukommen ließ.

Ich erinnere mich, ich erinnere mich nicht. Ich erinnere mich nicht an mehr von diesem Tag. Dem Monat. Jahr. Ich denke an diese Zeit und erinnere mich nur an kleine Details, zum Beispiel, als zu Hause ein Videogerät Einzug hielt, als ich eine Tür für mein Zimmer bekam, an das defekte Schloss am Briefkasten, die Schneewehe hinterm Haus, in die es so viel Spaß machte hineinzuspringen, an die blaue Pickelcreme und Joshua Tree von U2. Ich vermute, die kleinen Dinge spielen auf irgendeine undurchsichtige Weise eine Rolle. Und hoffe, dass ich mich in einigen Jahren auch an diesen Morgen erinnern werde, an die kalte Nase, den schwachen Ölgeruch, das sanfte Licht hinter den hellen Plastikgardinen.

Ich erinnere mich, erinnere mich nicht. Haben die Medien die Macht über das Gedächtnis übernommen? Wenn ich zurückblicke, sehe ich nur Schlagzeilen und Nachrichtenbilder. Ich sitze in einem Flugzeug in Schiphol in Amsterdam. Die Stewardess reicht mir den Moggi des Tages, und ich sehe, dass die Iraker Kuwait angegriffen haben. Kurz darauf sitze ich zu Hause vor dem Fernseher und sehe die Amis den Irak angreifen. Auch wenn Laxness jetzt noch nicht gestorben ist, werde ich mich zweifellos das ganze Leben lang daran erinnern, dass ich im Eyjafjörður bin, als ich die Nachricht über seinen Tod im Radio höre. Den spiegelglatten Fjord, den strahlend blauen Himmel, den Sonnenschein, den glänzenden Schnee und alles andere dieses kommenden Tages aber vergesse ich. Was bin ich? Alte Nachrichtensendungen? Vergilbte Moggis? Erinnere mich, erinnere mich nicht. Ich werde diese Reise dazu nutzen, Erinnerungen aufzufrischen.

Draußen wird eine Autotür zugeschlagen, und irgendjemand ruft: »Mach voll!« Ich zähle wieder bis drei, schlage die Bettdecke zurück, steige aus dem Schlafsack und strecke mich nach den Schuhen. Zum Zubinden ist es zu kalt. Ich greife die Zahnbürste und springe aus dem Auto. Draußen ist strahlender Sonnenschein, aber Sturm und unglaubliche Kälte. Der Laster, der heute Nacht auf dem Parkplatz stand, ist abgefahren. Auf den Stellplätzen stehen einige PKW, und zwei tanken gerade. Ansonsten liegt Ruhe über allem. Ich betrete den Tankstellenshop Hyrna. Als ich die Glastür zum Speisesaal aufdrücke, trete ich mir auf die Schnürsenkel und stolpere – hinein in die Provinz.

Niemand heißt mich willkommen!

Ich erhebe mich und finde meinen Blick wieder in dem von Geirmundur Valtýsson. Ein Zufall? Der König des Swing höchstpersönlich, gerade zwischen Chicken-Nugget zwei und drei, schaut auf mich mit einer Art Trostlächeln, das scheinbar sagt: »Okay, mein Junge, du bist auf neuem Terrain angekommen. Es kann hier etwas rutschig werden. Sieh dich vor!«

Der Geruch des frisch gewischten Fußbodens verdirbt mir den Appetit. Ich setze mich und beginne den Tag mit einem Champions-Frühstück, Kaffee und einer Zigarette.

Die meisten im Raum trinken für einen Hunderter endlos Kaffee und schauen auf den großen Fernseher über der Theke. Kristinn Björnsson kämpft im Slalom um den Skiweltcup. Und scheint ihr Mann zu sein.

»Wo kommt er her, dieser Junge? Er ist doch aus Reykjavík, oder?«

»Nein-nein-nein. Der ist aus Siglufjörður.«

»Nein, er ist aus Ísafjörður.«

»Ach, ist er aus Ísafjörður? Ach so.«

Ich mache meine Eintragungen in das Fahrtenbuch und überlege, was ich mit dem Tag anfangen soll. Finde es nicht einfach, in den Reisegang umzuschalten. Zwischen einer Reise und Urlaub besteht ein großer Unterschied. Reisende versuchen, zu erwachen und zu entdecken, Urlauber jedoch, sich zu vergessen. Reisende im eigenen Land müssen die Augen in eine vertraute Umgebung versenken, wenn sie etwas sehen möchten. Über die Touristen hingegen fällt die fremde Umgebung her. Reisende im eigenen Land sind »zu Hause« und trotzdem auf Reisen. Touristen fahren von zu Hause weg und versuchen, möglichst mühelos mit der Umgebung zu verschmelzen. Sie sind im Urlaub und möchten sich vergessen. Das ist zweifellos der Grund dafür, dass isländische Urlauber im Ausland dazu neigen, sich gegenseitig auf die Nerven zu gehen. Einen anderen Isländer zu treffen ist wie in einen Spiegel zu sehen, da kann man sich nicht mehr vergessen. Touristen sind nach außen gewandt und wollen alles betrachten außer sich selbst. Reisende wiederum befinden sich häufig auf der Suche nach sich selbst oder in Selbstbetrachtung. Obwohl Reisende hauptsächlich auf innerer Wanderschaft sind, müssen sie trotzdem unterwegs sein, weil sonst der Spiegel fehlt. Touristen sind darum bemüht, sich selbst hinter sich zu lassen, Reisende jedoch, sich selbst näher zu kommen. Das ist womöglich wie der Unterschied zwischen der Lektüre von Gesehen und gehört – der isländischen Bunten – und Unabhängige Menschen von Halldór Laxness. Die nächsten zwei Monate werde ich versuchen, unabhängige Menschen zu treffen.

Als Geirmundur aufsteht und sich einen Zahnstocher holt, werden die Verkäuferinnen verlegen und lächeln sich gegenseitig nervös an. Der König steckt sich den Zahnstocher in den Mund und geht aus dem Saal. Gleichzeitig fährt Kristinn Björnsson durchs Ziel und landet auf dem zweiten Platz.

Jemand sagt: »Guck! Der aus Ísafjörður.«

Der erste Reisende

In Borgarnes gibt es verborgene Viertel, und alles befindet sich immer irgendwie hinter dem nächsten Hügel. Der Ort ist beinah vergoldet unter dem wolkenlosen Himmel, und das Ufer liegt in versilberten Bändern von Eisformationen. Besonders das Viertel rings um das Hotel ist schön, die Häuser sind alt und die Anordnung unübersichtlich. Angenehm natürlich und ohne dieses System, das oftmals mit dem Wort Stadtviertel verwechselt zu werden scheint. Während ich im Schneckentempo durch die Straßen rolle, kommt Bewegung in einzelne Küchengardinen, ansonsten aber ist niemand auf den Beinen.

Trotz vieler ansehnlicher Einfamilienhäuser, einiger Häuserblöcke und eines großen Hotels wirkt der Ort wie etwas, das nie entstand. Oder erst noch im Entstehen begriffen ist. Ein Anfang liegt in der Luft, und die Stimmung auf den leeren Gehwegen ist die gleiche wie am Neujahrstag. Als ob sich etwas im Aufbruch befände. Wahrscheinlich nur der erste Reisende. Ich fahre eine Stunde lang herum. Egal in welche Richtung ich mich wende, den Schildern an jeder zweiten Ecke zufolge bin ich immer auf dem rechten Weg ins »Sportcenter«. Da ich keine Ahnung habe, was man in diesem Ort sonst machen kann, lande ich genau dort.

Das Sportcenter wird seinem Namen gerecht. Pokale an allen Wänden hoch, Innen- und Außenschwimmbecken, Hot Pots und dort ein junges verliebtes Pärchen. Die beiden halten sich verlegen umschlungen und scheinen sich zu bemühen um die etwas verstimmte Freundin, die neben ihnen sitzt. Es ist beinah, als wärmten sie im Hot Pot irgendein Hollywood-Klischee auf und spielten sich selbst. Nicht entspannt genug. Und die Freundin seufzt, fünfzehn Jahre alt und dabei, die Hoffnung aufzugeben, sich irgendwann auch einen Kerl zu angeln.

Okay. Ich war in der Tankstelle Hyrna, im Schwimmbad und bin durch den ganzen Ort gefahren. Was kann ich als Nächstes machen? Es ist Sonntag, die Geschäfte haben geschlossen. Es ist Winter, und auch alle Museen sind zu. Aber ich will mindestens einen Tag in Borgarnes verbringen und beschließe, ins Hotel zu gehen und noch mehr Kaffee zu trinken. Doch mir gefällt das nicht. Wenn ich Schwierigkeiten damit habe, einen Tag in Borgarnes rumzubringen, wie soll es dann erst in Hólmavík, Hvammstangi, Flateyri werden?

Im Hotel weist der Kellner mir einen Platz zu am einzigen gedeckten Tisch im menschenleeren Saal. Ich darf meine Akkus aufladen und bestelle Kaffee. Es hat etwas Unheimliches, allein in einem so großen, verlassenen Saal zu sitzen. Als ob sich alle fluchtartig in Sicherheit gebracht hätten, Gott weiß wohin. Als der Kellner mit dem Kaffee kommt, frage ich: »Nicht viel zu tun hier im tiefsten Winter, was?«

»Ja, ungewöhnlich wenig diesen Winter.«

»Wie kommt’s?«

»Du rufst dann einfach, wenn etwas ist.«

Er macht auf dem Absatz kehrt, geht mit raschen Schritten durch den Saal und verschwindet in der Küche.

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