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Liebe, Hoffnung und Verzeihen

1. KAPITEL

Nur noch ein paar Stunden, dann wären alle weg. Sie musste es durchstehen. Das hätten ihre Eltern von ihr erwartet. Beinahe hörte sie ihre Mutter halbherzig tadelnd sagen: „Na los, Annie, halt die Fahne hoch.“ Wenn sie als kleines Kind versucht hatte, sich vor etwas Unangenehmen zu drücken, war das immer einer der Lieblingssprüche ihrer Mutter gewesen.

Marianne Carr holte tief Atem und straffte die Schultern. Nachdem sie sich mit einem Blick in den Spiegel vergewissert hatte, dass der jüngste Tränenstrom keine Spuren hinterlassen hatte, verließ sie das Zimmer. Während sie die breite Treppe hinunterstieg, bemerkte sie einzelne Personen in der Eingangshalle, aber der überwiegende Teil der Gäste war im Salon. Alle sprachen mit gedämpften Stimmen, wie es sich für Beerdigungsempfänge gehörte.

Am Fuß der Treppe traf sie auf Crystal, die Haushälterin und Freundin ihrer Mutter, die schon zur Familie gehörte, so lange wie Marianne zurückdenken konnte.

„Soll ich sie jetzt ins Esszimmer bitten?“, fragte Crystal mit rot geweinten Augen.

Marianne nickte. Einen Moment drückte sie Crystal an sich. „Ohne dich wäre ich nicht damit fertig geworden. Tausend Dank! Du bist mir eine große Stütze gewesen.“

Mühsam rang die rundliche Haushälterin um Beherrschung. „Den Eindruck habe ich nicht. Ich kann noch immer nicht glauben, dass sie nie wieder zur Tür hereinkommen werden.“

„Ich weiß. Mir geht es genauso.“

Am Abend des schrecklichen Unfalls hatte die Polizei Crystal benachrichtigt. Zwei Beamte waren zum Haus gefahren. Crystal hatte sofort Marianne angerufen, die ihre Wohnung in London innerhalb von Minuten verlassen hatte. Auf dem Weg nach Cornwall flehte sie die ganze Zeit darum, sie möge nicht zu spät im Krankenhaus eintreffen.

Von Crystal wusste Marianne, dass ihr Vater am Unfallort gestorben war, ihre Mutter aber noch lebte.

Als Marianne das Krankenhaus erreichte, hatte ihre Mutter der Polizei inzwischen erzählen können, dass ihr Mann am Steuer zusammengebrochen war. Das Auto war von der Straße abgekommen und gegen einen Baum gerast.

Fünf kostbare Minuten blieben Marianne mit der Frau, die nicht nur ihre Mutter, sondern auch ihre beste Freundin war. Fünf Minuten, die für den Rest ihres Lebens genügen mussten.

Später hatte die Obduktion ergeben, dass ihr Vater einen schweren Herzinfarkt erlitten hatte und wahrscheinlich schon tot gewesen war, bevor das Auto gegen den Baum prallte.

Energisch zwang sich Marianne, nicht länger daran zu denken. Jetzt erst erkannte sie, dass Crystal sich wieder die Augen abtupfte. „Ich werde die Gäste ins Esszimmer bitten, Crystal. In Ordnung?“, schlug sie vor.

„Nein, nein. Wenn du dich zusammennehmen kannst, dann kann ich es auch“, protestierte Crystal zittrig. „Ich werde es machen.“

Ein paar Sekunden blickten sich die beiden an, jede schöpfte in ihrer Trauer Kraft aus der anderen, bevor Crystal davoneilte.

Marianne sah auf ihre Armbanduhr, ein Geschenk ihrer Eltern zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag vor sechs Jahren. Ein Uhr. Um vier wären alle Verwandten und Freunde hoffentlich weg. Als sie sich der Tür zum Salon näherte, hörte sie Tom Blackthorns Stimme. Er stand mit einem großen schwarzhaarigen Mann zusammen, den sie früher schon einmal verschwommen wahrgenommen hatte.

Nicht nur als Freund, sondern auch als Anwalt ihres Vaters hatte Tom darum gebeten, noch bleiben zu dürfen, nachdem die Gäste gegangen waren, damit er das Testament ihrer Eltern verlesen konnte. Marianne wusste jedoch, dass dies nicht der einzige Grund war. Er würde es für seine Pflicht halten, darauf hinzuweisen, dass ein riesengroßes, verwinkeltes Haus wie Seacrest eine junge Frau überforderte. Dass es vernünftiger wäre, es zu verkaufen.

Doch sie würde nicht auf ihn hören. Seacrest lag ihr im Blut. Es hatte ihrem Vater im Blut gelegen und vor ihm seinem Vater. Ihr Ururgroßvater hatte das eindrucksvolle Steinhaus oben auf der Klippe vor über hundertfünfzig Jahren erbaut. Seitdem wohnten Carrs darin. Obwohl sie es viel zu früh geerbt hatte – ihre Augen verdunkelten sich vor Schmerz –, würde Marianne es behalten, so lange sie lebte. Es war ein Teil von ihr, ein Teil ihrer Eltern.

„Ach, Annie.“ Väterlich zog Tom sie an sich.

Er kannte sie von klein auf, und Marianne musste die Tränen unterdrücken. Um gegen die Schwäche anzugehen, hielt sie sich sehr gerade und presste die Lippen zusammen.

„Ich möchte dir den Sohn eines alten Freunds deines Vaters vorstellen. Rafe Steed, Marianne Carr.“

Auf der Beerdigung hatte sie darum gerungen, trotz ihrer Trauer gefasst und beherrscht zu bleiben. Darum war sie gegen alles andere fast blind und taub gewesen. Jetzt sah sie den Mann, den sie in der Kirche und am Grab nur als eine weitere dunkel gekleidete Gestalt unter vielen anderen bemerkt hatte, zum ersten Mal richtig an.

Es lag ihr auf den Lippen, aber Marianne brachte das höfliche „Guten Tag“ nicht heraus.

Er war sehr groß und breitschultrig. Und in seinem durchdringenden Blick lag etwas, was sie entmutigte.

„Mein Vater lässt Ihnen sein herzliches Beileid ausrichten, Miss Carr. Sein schlechter Gesundheitszustand hat ihn leider daran gehindert, selbst aus den Vereinigten Staaten anzureisen. Doch er wollte Ihren Eltern die letzte Ehre erweisen“, sagte Rafe Steed.

Seine Stimme war tief, melodisch und weich, besaß aber eine stahlharte Klangfarbe.

Das kühle, beherrschte Auftreten des Manns fesselte Marianne noch mehr als seine Größe und sein gutes Aussehen. „Danke“, erwiderte sie zögernd.

Sie konnte sich nicht entsinnen, dass ihr Vater oder ihre Mutter jemanden namens Steed erwähnt hatten. Warum schickte dieser alte Freund nach so langer Zeit seinen Sohn zur Beerdigung? Das kam ihr seltsam vor.

„Ihr Vater und meiner waren Freunde? Tut mir leid, ich erinnere mich nicht an den Namen.“

„Weshalb sollten Sie?“ Rafe Steed wirkte völlig entspannt und strahlte dennoch Kraft und Macht aus. „Unsere Väter sind zusammen aufgewachsen, aber mein Vater ist mit Anfang zwanzig nach Amerika ausgewandert.“

Sogar der amerikanische Akzent klang sehr attraktiv, selbst das Fehlen jeder Freundlichkeit in seiner Stimme änderte nichts daran.

Warum mochte dieser Mann sie wohl nicht? Denn dass er sie nicht leiden konnte, erkannte sie an seinem Benehmen und dem eiskalten Blick.

„Ich verstehe.“ Das stimmte zwar nicht, nur spielte es keine Rolle, als die ganze Tragweite ihres Verlusts sie erneut niederdrückte. „Ich hoffe, er ist bald wieder gesund.“

„Mein Vater stirbt, Miss Carr, allerdings langsam.“

Bestürzt sah sie Rafe Steed an. In seinem markanten Gesicht zeigte sich keinerlei Gefühlsregung.

„Tut mir leid, das zu hören, Rafe“, mischte sich Tom Blackthorn ein. „Wir hatten in unserer Jugend eine schöne Zeit – Ihr Vater, Annies und ich. Die drei Musketiere.“

Schweigend konzentrierte sich Rafe Steed weiter auf sie, und Marianne fragte sich, ob er Tom einfach ignorieren würde. Zu ihrer Erleichterung richtete er den durchdringenden Blick schließlich doch noch auf den Anwalt.

„Das hat man mir erzählt“, erwiderte er mit einem frostigen Lächeln.

Was für ein unangenehmer Mensch. Marianne konnte nicht fassen, dass jemand zu einer Beerdigung kam und sich so unhöflich gegenüber der Hinterbliebenen verhielt. Empört richtete sie sich zu ihrer vollen Größe von einem Meter fünfundsechzig auf. Leider war sie damit immer noch fast dreißig Zentimeter kleiner als der Sohn des alten Freunds ihres Vaters, wodurch sie sich im Nachteil fühlte.

„Bitte entschuldigen Sie mich, Mr. Steed, aber ich muss auch mit anderen Leuten sprechen“, erklärte sie kühl. Mit netten, normalen Leuten. „Wir sehen uns später, Onkel Tom.“

Von klein auf hatte Marianne Onkel Tom und Tante Gillian gesagt, obwohl sie nicht miteinander verwandt waren. Ihre Eltern waren beide Einzelkinder gewesen, daher hatte Marianne die zwei Söhne und zwei Töchter der Blackthorns als ihre Cousins und Cousinen angesehen. Da sie selbst geschwisterlos blieb, war deren Freundschaft sehr kostbar für sie gewesen. Bis heute, auch wenn bis auf den jüngsten Sohn inzwischen alle in anderen Teilen Englands lebten.

Während Marianne ihre Runde machte, war sie sich bewusst, dass Rafe Steed jede ihrer Bewegungen beobachtete. Die meisten Gäste hatten sich an Crystals köstlichem Büfett bedient und trugen einen Teller in der Hand.

„Wer ist der faszinierende, grüblerische dunkle Typ, mit dem Dad eben gesprochen hat?“, fragte Victoria, als Marianne zu der Gruppe aus Toms Kindern, ihren Partnern und seiner Frau kam. Victoria war Toms und Gillians Jüngste und das einzige Kind, das noch frei und ungebunden lebte. „Er ist neu hier, stimmt’s?“

„Victoria.“ Ihre Mutter versuchte, sie zum Schweigen zu bringen.

„Was ist? Du willst es doch auch wissen.“ Victoria lächelte Marianne an. „Dad hat nur gesagt, er sei ein alter Freund, aber Mom kennt ihn nicht. Und dabei hat sie geglaubt, alle Freunde von Dad zu kennen.“

Auch Marianne lächelte. Victoria war Single aus Überzeugung, hatte einen großen Männerverschleiß und machte Karriere beim Staat. Ehe und Kinder seien nichts für sie, hatte sie schon als Jugendliche erklärt. Feste Beziehungen wohl auch nicht. Es war allgemein bekannt, dass sie Männer verführte und dann abservierte. Und da sie eine bildhübsche Rothaarige mit blauen Augen und toller Figur war, standen die Männer Schlange, um sich von ihr das Herz brechen zu lassen.

Jetzt hatte Victoria es offenbar auf Rafe Steed abgesehen. Sie konnte ihn gern haben. „Sein Vater war ein alter Freund, nicht er“, erklärte Marianne ruhig. „Dein Vater und meiner sind anscheinend zusammen mit seinem aufgewachsen. Er heißt Steed. Rafe Steed.“

„Steed?“ Gillian stammte aus Cornwall, während Mariannes Mutter als junge Frau mit ihrer Familie aus dem Norden Englands in die Grafschaft gezogen war. „Dann muss er Andrew Steeds Sohn sein. Ja, jetzt erkenne ich die Ähnlichkeit, obwohl er einen Kopf größer ist als sein Vater. Andrew sah auch sehr gut aus – schwarzes Haar und blaue Augen. Die Kombination hat alle Mädchen in Aufregung versetzt. Dein Vater war ein heller Typ, Annie, und Andrew so dunkel. Die Mädchen haben sich ihnen an den Hals geworfen.“

„Was ist mit Dad?“, erkundigte sich Victoria.

„Oh, dein Vater war immer der Meine“, erwiderte Gillian. „Jeder wusste das.“

Wieder musterte Victoria Rafe Steed. „Er lässt dich kaum aus den Augen, Annie. Und er hat einen sehr sexy Mund. Tatsächlich ist der Mann ‚sehr‘ allerhand.“

„Victoria!“

Diesmal meinte ihre Mutter es ernst, Victoria erkannte es am Ton. „Entschuldige“, bat sie Marianne. „Ich wollte nicht respektlos gegenüber deinen Eltern sein. Du weißt, wie gern ich sie gemocht habe.“

„Schon in Ordnung“, wiegelte Marianne ab. Ihr war Victorias Natürlichkeit sogar lieber als das betretene Schweigen der meisten anderen Leute. „Warum gehst du nicht zu ihm und stellst dich vor?“, schlug sie dann vor, weil sie wusste, dass Victoria sich danach sehnte. „Dass er der Sohn eines alten Freunds deines Vaters ist, liefert dir einen Grund. Außerdem kennt er hier niemanden. Du hast einfach Mitleid mit ihm bekommen.“

„Genau das, was ich dachte.“ Erfreut ging Victoria weg.

„Dieses Mädchen.“ Gillian schüttelte den Kopf, während ihre beiden Söhne und die andere Tochter nachsichtig lächelten. „Ich weiß nicht, was Victoria an sich hat, aber die Männer werden von ihr angezogen wie die Motten vom Licht. Rafe Steed wird sie heute Abend zum Essen ausführen, denkt an meine Worte.“

Marianne erwiderte irgendetwas Unverbindliches und setzte ihre Runde fort. Von mir aus kann Rafe Steed ganz Cornwall zum Essen ausführen, sagte sie sich. Er war der unhöflichste Mensch, dem sie jemals begegnet war. Sie wollte ihn nie wiedersehen. Victoria konnte ihn gern haben. Wenn jemand so einen Mann kirre machen konnte, dann sie.

Eine Zeit lang sah Marianne absichtlich nicht zur anderen Seite des Zimmers. Als sie es schließlich wieder tat, hatte sich der Rest von Toms Familie Rafe Steed und Victoria angeschlossen. Alle plauderten lächelnd miteinander. Das Gefühl, verraten worden zu sein, verschwand so schnell, wie es gekommen war. Trotzdem hatte Marianne Tränen in den Augen, und ihr Mund zitterte.

Plötzlich brauchte sie ihre Mutter so sehr, dass es schmerzte. Sei nicht albern, befahl sie sich, ging zu den Terrassentüren und blickte über die wellige Gartenanlage, die sich bis zu der hohen Steinmauer erstreckte, die das Anwesen vom Klippenweg trennte.

Sie war siebenundzwanzig Jahre alt und hatte nach ihrer Ausbildung zur Ergotherapeutin in den vergangenen fünf Jahren in London gelebt. Dort hatte sie einen verantwortungsvollen Job in einem erstklassigen Londoner Krankenhaus. Vor langer Zeit schon hatte sie ihr Leben selbst in die Hand genommen. Sie war erwachsen.

Es half nicht. In diesem Moment hätte Marianne für fünf Minuten mit ihren Eltern alles aufgegeben, was sie besaß und war.

Immerhin blieben ihr immer noch Seacrest und Crystal. An den Gedanken klammerte sich Marianne, während sie die Tränen zurückdrängte. Und sie würde beide behalten. Sie würde hier unten in Cornwall einen Job finden und wieder zu Hause wohnen. Wenn sie sparsam lebten, könnte sie hoffentlich die Rechnungen bezahlen, die ein großes Haus mit sieben Schlafzimmern nun einmal mit sich brachte.

In der Urlaubssaison könnten sie mit Bed and Breakfast etwas dazuverdienen. Seit dem Unfall vor ein paar Tagen hatte Marianne schon öfter darüber nachgedacht. Um die Gartenanlage würde sie sich selbst kümmern, anstatt den Gärtner weiter zu beschäftigen, der einmal in der Woche für ihre Eltern gearbeitet hatte.

Wenn es sein muss, schränkte Marianne ein, während sie eine Seemöwe beobachtete, die am blauen Junihimmel flog.

Ob zum Nachlass ihrer Eltern auch Geld gehörte, wusste sie nicht. Über solche Dinge hatten sie niemals gesprochen. Es hatte keinen Grund dafür gegeben. Mit siebenundfünfzig und sechzig waren ihre Eltern noch ziemlich jung gewesen, und Marianne hatte ihren Beruf und ihre Wohnung in London gehabt. Wenn sie gelegentlich am Wochenende hergekommen war oder ihren Urlaub auf Seacrest verbracht hatte, waren Krankheit, Tod und Testamente niemals ein Gesprächsthema gewesen.

Endlich begannen die Leute, sich zu verabschieden. Dass Rafe Steed und Victoria auf sie zukamen, spürte Marianne, sobald sie losgingen. Irgendwie war sie sich seiner Gegenwart den ganzen Nachmittag über bewusst gewesen.

„Wir gehen jetzt, Annie.“ Mit aufrichtigem Mitgefühl schloss Victoria sie in die Arme. „Ruf mich an, sobald du wieder in der Stadt bist, dann essen wir zusammen zu Mittag. Ich verstehe nicht, warum wir nicht schon früher daran gedacht haben, wo wir doch beide in London wohnen.“

„Auf Wiedersehen, Victoria.“ Marianne erwiderte die Umarmung, dann reichte sie Rafe Steed die Hand. „Auf Wiedersehen, Mr. Steed. Eine gute Heimreise, und grüßen Sie bitte Ihren Vater von mir“, verabschiedete sie sich bewusst förmlich.

„Bevor ich zurückfliege, habe ich hier noch ein paar Tage geschäftlich zu tun, aber ich werde mit meinem Vater telefonieren und ihm Ihre Grüße ausrichten, Miss Carr.“

Sein Händedruck war fest. Marianne nahm den schwachen Duft seines Aftershaves wahr und den Schatten schwarzer Bartstoppeln auf dem harten, energischen Kinn. Den teuren Anzug trug er lässig und ungezwungen. Er war ein Mann, der sich mit sich und seiner Sexualität wohlfühlte – und im Bett sicher umwerfend.

Entsetzt über diesen Gedanken, der aus dem Nichts aufgetaucht war, entzog sie ihm taktlos heftig und schnell die Hand. Einen Moment blickten sie sich starr an. Rafes Gesichtszüge verhärteten sich, und Mariannes Augen wurden groß vor Verwirrung. Zum Glück war Victoria ein Stück beiseite gegangen, um sich von ihrem Vater zu verabschieden. Darum ahnte sie nicht, was eben vorgefallen war.

„Auf Wiedersehen, Miss Carr.“

Kalt, ausdruckslos. Eine verrückte Sekunde lang wollte Marianne ihn fragen, warum er sie nicht leiden konnte. Sie waren sich heute zum ersten Mal begegnet. Rafe Steed wusste nichts über sie. Zuerst hatte sie geglaubt, er verhielte sich bei jedem so. Doch als er sich mit Victoria und ihrer Familie unterhalten hatte, war er ganz anders gewesen.

Stattdessen nickte sie nur. Sie wollte nur noch, dass er ging. Dass alle endlich gingen. Aber das Testament musste verlesen werden. Wenn das geschafft war, konnte sie sich weiter damit beschäftigen, wie sie ihr Leben ändern musste, um den Verkauf von Seacrest zu vermeiden.

Leider war es nicht so einfach.

Eine Stunde später sahen Marianne und Crystal den Anwalt entsetzt an, der ihnen gegenüber am Couchtisch im Salon saß.

„Ich dachte, du wüsstest Bescheid“, seufzte Tom unglücklich. „Ich habe nicht damit gerechnet … ich meine …“ Er verstummte und setzte noch einmal zum Sprechen an. „Dein Vater hat mir versichert, er würde es dir erzählen, Annie.“

„Das hatte er wohl auch vor“, erwiderte sie wie betäubt. „Er hatte mich gebeten, nach Seacrest zu kommen. Aber ich konnte zu dem Termin nicht. Das wäre an dem Wochenende vor dem Unfall gewesen. Ich wollte nächstes Wochenende kommen … Wie ist das möglich, Onkel Tom? Wie konnte er alles verlieren?“

„Die Geschäfte laufen schon seit Jahren schlecht. Er hat immer geglaubt, dass sich das Blatt wenden würde. Eine Hypothek auf das Haus aufzunehmen, sollte nur eine kurzfristige Maßnahme sein. War es aber leider nicht. In der Gegend gibt es die Bootswerft deines Vaters und eine andere. Und zwei sind eine zu viel. Dein Vater und der andere Werftbesitzer haben sich als Konkurrenten um einen gewinnbringenden Auftrag beworben. Beide wussten, dass derjenige am Ende wäre, der den Zuschlag nicht bekommt. Der andere hat gewonnen. So einfach ist das.“

Nichts war einfach. Wie konnte nichts übrig sein? Wie konnte ihr Vater nur riskieren, Seacrest zu verlieren? Warum hatte er weiteren finanziellen Verlusten nicht vorgebeugt, indem er die Bootswerft verkaufte? Zumindest wäre Seacrest dann gerettet gewesen.

Als hätte Tom ihre Gedanken erraten, sagte er ruhig: „Für deinen Vater gehörten die Werft und Seacrest zusammen, Annie. Sie wurden von deinem Ururgroßvater zur selben Zeit gebaut.“

„Nein.“ Ihr brach die Stimme. „Nein, das Haus ist etwas anderes, Onkel Tom. Und mein Vater hätte es erkennen müssen. Seacrest ist …“ Ihr fehlten die Worte, um zu beschreiben, was Seacrest bedeutete.

„Besteht denn überhaupt keine Möglichkeit, es zu behalten?“, fragte Crystal, die schneeweiß im Gesicht war. „Ich habe fast zwanzigtausend Pfund auf der Bank. Würden sie einen Vergleich mit uns schließen, wenn ich …?“

Weil Tom nur traurig den Kopf schüttelte, sprach Crystal nicht weiter.

Ihr Angebot würde Marianne niemals vergessen. Gerührt ergriff sie Crystals Hand. „Was passiert jetzt?“

„Die Bank wird fordern, was sie als ihr Eigentum ansieht, und Seacrest zum Verkauf anbieten. Es ist ein schönes altes Haus in bester Lage. Du hast sehr viel Geld zu erwarten. Und selbst wenn du Crystals zwanzigtausend nehmen würdest, könntest du die Hypothekenrückzahlungen nicht leisten.“

„Aber wenn wir ein Bed and Breakfast draus machen? Oder sogar Abendessen anbieten? Wenn wir Seacrest in ein Hotel verwandeln?“

„Hast du eine Vorstellung von den Kosten eines solchen Projekts? Für ein Hotel sind alle möglichen Sicherheitsvorrichtungen vorgeschrieben. Ganz zu schweigen vom Umbau. Jedes Schlafzimmer müsste ein eigenes Bad bekommen.“

„Drei haben schon ein Bad.“

„Annie, wir reden hier von Zehntausenden, wenn du die Zulassung vom Fremdenverkehrsamt willst. Wo sind deine Sicherheiten für einen Kredit?“

Kämpferisch sah sie den Anwalt an. „Ich werde nicht aufgeben. Die Bankleute können mir Seacrest nicht wegnehmen.“

„Im Grunde gehört es ihnen schon.“

„Dad hätte gewollt, dass ich es ausfechte.“

Darauf erwiderte Tom nichts, er sah sie nur traurig an und legte eine Unmenge von Papieren auf den Tisch. „Lies dir das über Nacht durch. Ich verstehe ja, dass es ein Schock für dich ist. Wenn ich geahnt hätte, dass Gerald dir nichts erzählt hat, hätte ich vorher schon etwas gesagt, anstatt dich heute so damit zu überfallen. Lass es erst einmal auf dich einwirken.“

Sie wollte nicht, dass es einwirkte. Sie wollte Seacrest.

Irgendwie gelang es ihr, sich so weit zusammenzureißen, dass sie Tom hinausbegleiten und danach Crystal trösten konnte, die völlig außer sich war.

Nachdem Crystals Mann und ihre zwei kleinen Söhne bei einem plötzlich aufgekommenen Sturm ertrunken waren, als er die Jungen in seinem Fischerboot mitgenommen hatte, hatten Gerald und Diane Carr die gebrochene Frau zu sich ins Haus geholt. Sie sollte sich erst einmal erholen, bevor sie entschied, was sie machen wollte.

Crystals Haus war gemietet gewesen, und die Familie hatte keine Lebensversicherung oder andere Absicherung besessen. Kurz darauf heiratete die Haushälterin der Carrs überraschend, und irgendwie war Crystal einfach in ihre Rolle geschlüpft. Das war über dreißig Jahre her.

Und jetzt sah es so aus, als würde für Crystal zum zweiten Mal in ihrem Leben die Welt untergehen. Marianne überredete die ältere Frau, sich ins Bett zu legen, und brachte ihr einen Becher heiße Milch und zwei Aspirin.

Inzwischen war sie selbst so erschöpft, dass ihr schwindlig und schlecht war. Außerdem quälten sie bohrende Kopfschmerzen. Trotzdem setzte sie sich an den Couchtisch und begann, die Papiere durchzuarbeiten, die Tom zurückgelassen hatte.

Sie kam um die Wahrheit nicht herum.

Tränenüberströmt öffnete Marianne die Terrassentüren und betrat den Garten, der in die malvenfarbigen Schatten der Abenddämmerung getaucht war. Der Duft der Hecke aus Chinesischem Roseneibisch schwebte in dem warmen leichten Wind, und als Marianne weiterging, wetteiferten Nelken, Gartenwicken und Geißblatt um ihre Aufmerksamkeit.

Eine Amsel sang irgendwo in der Nähe aus vollem Hals, die reinen Töne hängten sich in den Wind. Weit unterhalb des Grundstücks rauschte das Meer. Marianne hörte, wie es an die Felsen schlug.

Dies war ihr Zuhause. Sie hatte immer gewusst, dass sie eines Tages zurückkehren würde. Freunde waren gekommen und gegangen, und ein- oder zweimal hatte sie sich fast das Herz brechen lassen. Aber im Grunde hatte sie sich immer vorgestellt, wieder hierher nach Cornwall zu ziehen und einen Einheimischen kennenzulernen, der Seacrest genauso lieben könnte wie sie.

Ihr Mann und sie würden in einem Haus in der Umgebung leben, und wenn sie viel älter war und ihre Eltern die Enkelkinder hatten aufwachsen sehen, würde sie das Haus erben, das sie so sehr liebte.

Marianne sank auf eine von der Sonne gewärmte Bank, deren Holz die Hitze des Tages gespeichert hatte. Fest schloss sie die Augen gegen den Schmerz. Wenn sie Seacrest verlor, dann würde sie ihre Eltern wirklich verlieren. So empfand sie es zumindest. Erklären konnte sie das nicht, denn natürlich waren sie tot. Aber hier, auf diesem Anwesen, auf dem so viele Generationen ihrer Familie gelebt hatten, fühlte sie sich ihren Eltern noch immer nahe.

Bis es völlig dunkel war, blieb sie in der abendlichen Stille sitzen. Das Laub der Bäume, die die Gartenanlage von Seacrest umgaben, raschelte leise im Sommerwind. Am samtschwarzen Himmel stieg der Mond silberhell auf, und die Sterne funkelten. Es war ein schöner Abend.

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