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Liebe 99

copyright © 2012 by Eva Wunderlich, Berlin

 

 

Personen und Handlung des Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

 

 

Größtenteils.

 

 

Inhalt

 

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Epilog

 

 

 

Prolog

 

Die Jungen bewerteten ihre BH-Losigkeit positiv. Obwohl Mrs Havelock nicht hübsch war, sondern ziemlich mollig und unscheinbar, gewann sie durch das Wiegen ihres jugendlichen, ausladenden Busens die volle Zuneigung der Schüler – und jener zahllosen Lehrer innerhalb des Kollegiums, die nie zugegeben hätten, dass sie das reizvoll fanden...

 

John Irving, Witwe für ein Jahr

 

 

Wer zum Geier hat hier die Tische gebaut?

Dominik saß an einem der kleinen Tische im „Café Waschsalon“ und versuchte irgendwie, cool auszusehen. Dies gestaltete sich dadurch kompliziert, dass die Fußenden sämtlicher Tische in alten Wäschetrommeln mündeten, was dem Ambiente des Lokals dienen sollte, in letzter Konsequenz aber eine gesunde Körperhaltung entweder unmöglich machte oder unbequemerweise erzwang. Dominik entschloss sich schließlich, wie die meisten Insassen des beinah vollbesetzten Szene-Cafés, zu einer duodirektionalen Überkreuzstellung der Beine mit gleichzeitig abgespreizter Wadenhaltung. Das sah lässig aus und führte unweigerlich zu Krämpfen.

Er bestellte einen Milchkaffee. „Ohne Sahne“, grinste er die Kellnerin an, die pflichtschuldig lächelnd den Rückzug antrat.

Verflucht, bin ich heute wieder gut drauf.

Bis der Kaffee da war, war die Nummer Ich-bin-ein-verträumter-Luftikus-und-habe-alle-Zeit-der-Welt dran. Er sah entspannt nach draußen und beobachtete den Sonnenuntergang. Der war natürlich nicht zu sehen, sondern nur eine Hausfassade, aber irgendwo um diese Zeit ging die Sonne unter, und es war der Gedanke, der zählte.

Als der Kaffee da war, wechselte Dominik gleitend über zu Süßer-Typ-der-solo-ist-sich-aber-gerne-wieder-langfristig-binden-würde. Dominik sah ja auch tatsächlich nicht schlecht aus und tat viel für seinen Körper. Vielleicht ein paar Kilo zu viel, aber sportlich. Solo war er tatsächlich, und das Wort „langfristig“ ist ja nur Definitionssache.

Mit der Tasse an den Lippen scannten seine Sensoren die Region nach weiblichen Schiffen ab. Die meisten waren nicht allein, fielen also flach. Dies galt auch für Weiber, die mit ihren Freundinnen da waren.

Bloß keine Abfuhr von einer, die im Pulk da sitzt. Nach der Lachsalve kannst du deine Manneswürde an der Kordel tragen.

Eine ganz Süße saß am Eingang, an ihren Blicken nach draußen war aber abzulesen, dass sie auf jemanden wartete. Eine ganz Nette mit Brille residierte am anderen Ende und las ein Buch. Solche Frauen waren ihm aber unheimlich.

Lesen, was denn noch? Wo lebt die eigentlich? In ‘ner Berghütte? Na, drauf gewichst. Bleibt noch diese eine da vorne. Echt hübsch, aber halt etwas...

„Hi! Dominik, oder?“

Der Angesprochene war kurz verunsichert, legte aber sofort wieder den Hebel um, als er den anderen erkannte.

„Oh, hi. Ähhh... Valentin, richtig?“

„Ja, wir haben zusammen Sozi bei Kalmus. Kann ich mich setzen, ist ein bisschen voll hier.“

Begeistert war Dominik nicht, aber es hatte auch Vorteile, wenn man nicht alleine auf Aufriss ging. Es sei denn, der andere sah besser aus als man selbst. Was das anging, war er unsicher. Er hatte Valentin bisher nur ein paarmal gesehen, besonders auffällig war er eigentlich nicht, beschied Dominik. Braune dunkelblonde Locken, blaue Augen und so eine kleine Nickelbrille. Sicher fanden das manche Frauen ganz niedlich, aber gemeingefährlich attraktiv war er nicht. Vielleicht etwas schlanker, und ein paar Zentimeter größer. Aber nicht besonders trainiert. Akzeptabel. Klar, setz dich, Mann.

„Klar, setz dich, Mann.“

Der Typ platzierte sich auf dem anderen Stuhl. Auch er musste die Positionsfindungsprozedur hinter sich bringen, aber er entschied sich für ausgestreckte Beine. Definitiv bequemer, aber eher uncool, fast kindisch.

Ach du Scheiße, was für ein Trottel. Na, mir soll’s recht sein.

Valentin bestellte einen Cappuccino. Sie redeten eine Weile über die Uni, über die Vorlesungen, die Professoren, das Fach als solches und was man mit Soziologie eigentlich anfangen kann.

„Ach, mein Alter meint halt, ich soll irgendwas studieren, damit ich was in der Hand habe“, tönte Dominik grinsend, „aber ich krieg ja eh die Firma später.“ Dass „die Firma“ lediglich ein Versandhandel für Zapfhähne war, verschwieg er elegant. Es war eh nicht wichtig, er hatte bereits all sein Geld in den Neuen Markt investiert – Intershop, Morphosys, Lycos und Web.de würden für seine Rente ab 30 sorgen.

Derweil ließ er immer wieder den Blick schweifen, ob irgendwas Brauchbares reingekommen war. Valentin richtete jedoch seine volle Konzentration auf ihn, was anfing, ihm Sorgen zu machen.

Ist der Typ schwul oder was? Mal testen.

„Wie findest du so das Weibsvolk bei uns? Eher Durchschnitt, was?“

Valentin lächelte ihn schief an. „Unterschiedlich, würde ich sagen. Werden schon ein paar geile Körbchen durch die Gegend getragen.“

Okay, alles klar. Falscher Alarm. Irrtum vom Amt. Kein Schwuler auf der Welt würde so was sagen. Die waren ja alle lieb, sympathisch, rücksichtsvoll und frauenfreundlich. Der Teufel soll sie holen.

„Wo wir schon davon sprechen“, bemerkte Valentin, „die da vorne ist glaub ich aus unserer Fakultät.“

Er deutete mit gestreckten Augenbrauen in die Richtung schräg links neben Dominik. Er meinte die Mieze, die ihm schon vorhin aufgefallen war, die zwar hübsch war, aber naja...

„Ist aber schon ‘n bisschen fett, oder?“

„Ich find sie niedlich.“

„Ja, schon, sicher.“

Er sah genauer hin. Das Mädchen blätterte schon die ganze Zeit in einer Zeitschrift rum. Sie hatte schulterlanges schwarzes Haar, das echt klasse aussah, ein hübsches rundes Gesicht mit braunen Augen und einem verflucht süßen Lächeln. Jetzt gerade lachte sie fast, offenbar amüsierte sie sich über den Lesestoff. Sie warf ihr Haar zurück, und dabei bekamen Dominik und Valentin ihr spektakuläres Blusendecolleté zu sehen.

„Gott, hat die Titten!“ flüsterte Dominik andächtig.

„Klar“, flüsterte Valentin vorsichtig, „so was kriegst du bei den dünnen Girlies nie zu Gesicht.“

Dominik war fast dankbar für diesen Satz. Er war ja nicht blind, auch er bewunderte im Sommer die üppigen Formen der molligen Frauen, die diese nun nicht mehr unter weiten Pullis verstecken konnten. Jeder tat das, und jeder dachte dabei dasselbe. Aber.

Wäre er nicht alleine mit Valentin gewesen, hätte er ihn für seinen letzten Satz natürlich lachend zur Schnecke gemacht. Aber offenbar war es jetzt gefahrlos.

„Mann, wenn du mit der zusammen bist, brauchst du nie wieder Milch für deinen Kaffee.“ Dominik hielt das für witzig, und die meisten Jungs, die er kannte, hätten jetzt gegrinst. Dieser Valentin war aber offenbar schon weiter.

„Ich werd sie mal ansprechen.“

Jetzt war Dominik sprachlos. Eine mollige Braut in der Öffentlichkeit anzusprechen, das war in seinem Katechismus so nicht vorgesehen. Klar war er interessiert an diesem Mädchen, aber es gab ja schließlich Grenzen.

Valentin stand tatsächlich auf.

Der macht das echt. Ist dem denn völlig egal, was...

Valentin schlenderte lässig rüber zu dem Prachtweib. Er ließ irgendeinen Begrüßungsspruch ab, den Dominik nicht verstehen konnte, dafür war es zu laut. Sie lächelte ihn jedenfalls an, und er setzte sich neben sie. Er fing sofort unbefangen ein Gespräch an. Von weitem definierte Dominik eine recht natürlich wirkende Netter-Typ-auf-der-Suche-nach-der-großen-Liebe-Standardnummer, aber mit einem erotischen Unterton, denn er rückte schnell ziemlich nah auf, was anscheinend kein Problem für sie war. Sie grinste ziemlich frech zurück.

Aufgeregt bestellte Dominik noch einen Kaffee. Er wusste gar nicht, wieso ihn das Ganze so faszinierte. Vielleicht, weil er selber jetzt mit dem Mädchen reden könnte, wenn er nicht... ach was soll’s. Sie ist ja nicht der große Hauptgewinn, sogar wenn der Typ sie abschleppt, und das wird er nicht. Dafür wird mich keiner blöd ansehen, wenn ich mit meiner Tusse über die Straße gehe...

Aber er machte sich was vor. Mit wachsender Frustration sah er zu, wie Valentin dem Mädchen immer näher kam. Er starrte ihr ziemlich unverhohlen in den Ausschnitt, was ihr offenbar sogar Spaß machte. Sie streckte ihre Brüste demonstrativ raus, wobei Dominik beinahe seine Tasse fallen ließ.

Scheiße, warum hab ich nicht selber, als der noch nicht... ich meine, nur mal anfassen, mehr würde ich gar nicht... das gibt’s doch nicht!

Sie küssten sich. Sie legte einen Arm um ihn, er seine Hand hinter ihren Kopf, und sie knutschten. Und Valentins andere Hand war zielstrebig dort, wo ihre Bluse sich spannte. Sie schlug ihm die Hand zwar fix weg, aber dann blieb sie auf ihrem Schenkel liegen, und die Knutscherei ging weiter.

Klar. Die dicken Weiber, die sind ja dankbar, wenn sie überhaupt einer anspricht. Ich hätte das auch geschafft, und zwar in der Hälfte der Zeit. Und sie müsste noch für meinen Kaffee bezahlen.

Völlig frustriert wollte Dominik zahlen und gehen. Da winkte Valentin ihn heran. Misstrauisch schlich Dominik hin, allein um den Busen, der irgendwie den ganzen Raum zu füllen schien, ein bisschen aus der Nähe zu bewundern.

„Was ist?“

Oh Gott, klang das beleidigt. Schnell auf cool machen.

„Na, das war ja ganze Arbeit, Mann“, grinste Dominik anerkennend, „da hat’s wohl gleich gefunkt.“

Das Mädchen lächelte amüsiert und taxierte ihn. Dominik fühlte sich unglaublich gedemütigt. Er musste unbedingt klarstellen, dass er sowieso nicht im Geringsten an ihr interessiert war, ohne beleidigt oder beleidigend zu wirken. Er war ein cooler Szene-Stecher. Damit das klar war.

„Setzt du dich bitte kurz?“ Valentin sagte es freundlich-bittend, ohne jede Gehässigkeit.

Was soll das? Was will das Arschloch?

„Klar, wieso nicht, aber ich wollte gleich los, auf die Piste, Ihr wisst schon...“

Sehr gut. Du warst eh nur hier, um einen Kaffee zu trinken. Seeehhhrrr gut.

Er setze sich so lässig, wie es die Wäschetrommel am Tischfuß zuließ. Es sah aus, als würde ein dreibeiniger Kater ein Flamingo besteigen.

„Diese Tische sind bescheuert“, kommentierte Valentin das Szenario. „Wisst ihr, was toll wäre? Ein Café mit großen, bequemen Sesseln und Couchtischen.“

„Klingt nicht übel“, stimmte Dominik zu, „vielleicht macht ja jemand mal so einen Laden auf.“

„Und verlangt dann 3 Mark pro Tasse“, meinte das Mädchen.

„Niemand wäre so bekloppt, so viel zu zahlen“, protestierte Dominik mit überheblichem Lachen.

Valentin stellte sie einander vor. „Also, das ist Eva, und er heißt Dominik...“

„Nick“, verbesserte Dominik schnell.

Eva lächelte fröhlich und taxierte ihn weiter mit diesem Blick, den Dominik nicht so recht einzuordnen wusste. Aber er hatte nichts zu verlieren, also warum großartig rummachen?

„Gefällt dir, was du siehst?“ fragte Nick etwas pikiert.

Eva grinste fröhlich. „Klar. Du bist sexy.“

Hallo, was ist denn das? Hab ich hier Chancen?

Soviel war ihm klar: Wenn er eine Chance hätte, würde er sie nutzen. Ganz egal, was die anderen sagen würden, diese Brüste waren einfach zu sagenhaft für ihn. Und dazu dieser süße Triumph, einen anderen ausgestochen zu haben. Aber er blieb auf der Hut.

„Tja, ich wünschte ich hätte eine Milliarde für jedes Mal, wenn das jemand zu mir gesagt hat.“

Eva lachte sich schief, und sogar Valentin lachte unbefangen. Der Spruch war über Jahre erprobt und war einer der wenigen, die immer funktionierten, um das Eis zu brechen. Beim Lachen wogte Evas Busen, Dominik bekam eine Erektion mittleren Grades.

Nun entstand aber eine Pause. Dominik wusste nicht, wieso die beiden ihn zu sich geholt hatten, und sie wussten offensichtlich nicht so recht, wie sie anfangen sollten. Nick fragte einfach direkt, die geringe Blutzufuhr zu seinem Gehirn lähmte seine Konzentrationsfähigkeit.

„Also Leute, was ist los? Ich meine, es sah eigentlich so aus, als wärt Ihr gern allein...“

Eva lachte wieder.

Eine echte Frohnatur. Gott, bin ich geil.

„Tja Süßer, da hast du schon recht, aber... naja...“

„Da wäre vielleicht etwas, was wir machen könnten“, druckste Valentin herum, sichtlich nervös.

„War eigentlich seine Idee, aber ich wollte das schon immer mal machen und...“

Dominik schwante etwas, obwohl er den Gedanken nicht an sich heranließ. So was gibt’s nicht. So was passiert einem im wahren Leben nicht. Und wenn doch? Was mach ich dann? So eine Gelegenheit... ach fuck, vergiss es, das ist es sowieso nicht.

„Also los, was ist es?“

Sie erklärten es ihm in kurzen Sätzen. Zwei Minuten später war der Tisch frei.

 

„Mmmmhhh... ja, sooo... weiter, Jungs...“

Sie waren in Valentins Wohnung gegangen, obwohl sie etwas außerhalb lag. Mit der Bahn ging es aber recht zügig. Und das war auch nötig, weil sich die drei am liebsten sofort die Klamotten vom Leibe gerissen hätten. Immer wieder versicherten sie sich gegenseitig, so was noch nie gemacht zu haben. Sie waren sichtlich aufgeregt, konnten selber kaum fassen, was sie da taten. Dominik war am nervösesten, aber ließ es sich nicht anmerken. Eva gefiel ihm immer mehr. Sogar ihre kräftigen Beine, die unter einem halblangen Rock hervorschauten, fanden seinen Geschmack. Die Beine waren schön geformt, stramme Waden mündeten in erstaunlich schmalen Füßen, die von hohen Absätzen getragen wurden. Normalerweise achtete er nicht auf Füße, aber diese...

Millionen Gedanken wirbelten in seinem unterversorgten Gehirn herum.

Und wenn ich’s nicht bringe? Ausgerechnet diesmal? Was ist, wenn Valentin besser ist als ich? Wenn sie auf ihn mehr steht? Wenn sie mich mittendrin wegschickt und sagt Danke, aber ich brauch einen richtigen Kerl?

Und am allerschlimmsten:

Was wenn sein Schwanz größer ist als meiner?

Nicht, dass sein Penis klein war, im Gegenteil. Aber er definierte wie die meisten Männer sein Selbstvertrauen über sein Zentralorgan, und beide waren sehr empfindlich.

Als dann die Hüllen fielen, war er erst mal schockiert. Valentin war schwer bestückt, und obendrein beschnitten, was zugegebenermaßen toll aussah. Beim zweiten Hinsehen registrierte Dominik jedoch, dass sich sein erster Eindruck vor allem auf den Durchmesser bezogen hatte. Valentins Penis war extrem dick und prall und schwankte hin und her, als er aufs Bett zuging, auf dem Eva bereits mit großen Augen wartete. Aber gar so lang war das Stück nicht, höchstens guter Durchschnitt. Dominiks ganzer Stolz war im Moment neunzehn Zentimeter lang, und er würde noch einen Zentimeter wachsen, das wusste er, wenngleich sein Umfang eher bescheiden war. Dennoch:

Schwanzparade abgenommen, Ergebnis unentschieden.

Eva sah es wohl genauso und griff sich beide Geschlechtsteile, während die Jungs ihren Körper mit Fingern, Lippen und Zungen auf Touren brachten. Jetzt gerade saugten beide ekstatisch an ihren vollen, großen Brüsten, die extrem weich waren, so dass ihre Nasen regelrecht im Fleisch versanken. Gleichzeitig waren ihrer beider Hände an ihrer Vagina angelangt. Es war ein komisches Gefühl, zu zweit eine Frau zu befriedigen, aber es war auch irgendwie lustig. Alle drei grinsten und prusteten ständig und nahmen alles nicht so recht ernst. Sie fühlten sich wie unartige Kinder, die ein verbotenes Spiel spielten.

Dominik hatte noch nie so viel Spaß im Bett gehabt. Sogar wenn er jetzt aufstehen und gehen würde, war das jetzt schon mit Abstand sein bester Sex. Dabei hätte er sich bisher für einen Womanizer gehalten, wenn das Wort nicht so altmodisch gewesen wäre. Er hatte noch nie so viel Zeit auf das Vorspiel angewendet. Schon seit zwanzig Minuten verwöhnten sie die begeisterte Eva, die längst auf den Planeten Orgasmia hochgebeamt war. Mindestens dreimal war sie schon gekommen. Dass das überhaupt möglich war – dreimal! - hatte Dominik bisher gar nicht gewusst. Er war so versunken in dieses Liebesspiel, dass er gar nicht wusste, was los war, als Eva plötzlich keuchte: „Kommt jetzt! Fickt mich!“

Valentin reagierte schneller und ergriff die Gelegenheit beim Schwanze, den er vorher schon mit einem Pariser verpackt hatte. Eva war durch das intensive Vorspiel gut geweitet, so dass er problemlos eindringen konnte. Eva riss die Augen auf und ließ einen tiefen gutturalen Stöhnlaut raus, der Dominik verlegen machte. Aber er war viel zu geil, um jetzt über seine Minderwertigkeitskomplexe nachzudenken. Atemlos sah er zum ersten Mal einem Paar beim Sex zu.

Zu den Pornos, die er sich ab und zu auslieh, war das weiß Gott kein Vergleich. Valentin war kein durchtrainierter Superhengst und vor allem Eva keine typische Sex-Puppe, aber dieser animalische Tango, dieser exzessive und doch so reale, authentische Akt war erotischer als alles was er bisher gesehen hatte.

Nicht übel, der Typ. Hat Power und Ausdauer. Muss ich mir merken, das mit den Kniekehlen.

So wie Valentin Evas Beine in seine Arme eingehakt hatte, konnte er sie offenbar ohne große Anstrengung sehr hart stoßen. Eva schwitzte stark und starrte ihn unter hektischem Keuchen voller Lust an. Die beiden hatten ihren Spaß, aber Dominik wusste nicht genau, was er jetzt tun sollte. Er überließ sich seinem Instinkt und machte sich über Evas Busen her, tat alles was er wollte, streichelte, knetete, leckte, lutschte, knabberte und biss herum, und Eva wühlte in seinen Haaren und presste sein Gesicht an ihre Brüste. Tief im Tal ihres weichen Busens fühlte er sich wie im Himmel. In der Erwachsenenabteilung.

Eva war schnell zweimal gekommen, und dann war Valentin dran. Er ejakulierte mit viel Genuss und ließ sich nach hinten fallen. Dominik konnte nicht anders und musste ihm Respekt zollen.

Also echt, ein Wahnsinnsgerät. Sieht einfach geil aus. Und die Frau hatte wohl den Fick ihres Lebens. Naja, jedenfalls bis gleich...

Dominik war sensibel genug, um zu wissen, dass Eva jetzt erst mal eine Pause brauchte. Er küsste sie, und sie küsste ihn wild, als habe er sie beglückt und nicht Valentin. Er streichelte sie zärtlich, und sie zuckte immer wieder zusammen und erschauerte, ihr ganzer Körper eine erogene Zone. Er knabberte an ihrem Hals und ihren Ohrläppchen, was sie schluchzen ließ vor Wonne. Dominik gab sich derweil technischen Erwägungen hin.

Also, von hinten macht’s Spaß, ist auch ziemlich leicht. Sie hat sicher einen großartigen Arsch. Aber dann seh ich ihre Titten nicht. Reiten kann sie jetzt nicht, die ist zu fertig. Die stabile Seitenlage ist vielleicht ein Kompromiss, aber da kommt man nicht so tief rein, und sie soll ja spüren, was ich Schönes für sie habe...

Weiter kam er nicht mit seinen Erwägungen, denn seine ganze Aufmerksamkeit wurde von etwas abgelenkt, was sich gerade in seiner Lendengegend abspielte. Erst glaubte er an eine optische Täuschung, aber es war real: Valentin lag zwischen seinen Beinen und...

„Hey! Scheiße, was soll das! Hör sofort auf!“

Dominik war hysterisch und geil zugleich. Und verwirrt. Valentin ließ seelenruhig Dominiks Penis aus seinem Mund gleiten, bearbeitete ihn aber weiter mit der Hand.

„Ganz ruhig, Kumpel... ist doch nichts bei. Hast ‘n geilen Pimmel, echt lecker.“

Und schon machte er weiter. Dominik begriff soviel wie ein Nilpferd vor der Waschmaschine. Er müsste jetzt ausrasten. Er müsste jetzt sofort diesen Typen wegstoßen. Er müsste dieser schwulen Sau klar machen, dass er an den Falschen geraten war.

Dominik rastete in keiner Weise aus. Er machte keinerlei Anstalten, Valentin wegzustoßen. Er war erregt. Und es gefiel ihm, was dieser Junge tat. Und was noch wichtiger war: Es gefiel Eva.

Die hatte sich aufgesetzt, starrte fasziniert auf den gleichgeschlechtlichen Fellatio und sagte: „Ist das geil!“ Sie sahen sich in die Augen. Eva küsste Dominik. Und er küsste sie. Es war alles klar. Es war alles so einfach.

Fünf Minuten später trieb Dominik Eva seinen bis zum Bersten geschwollenen Ständer in den Leib. Er stieß zu, als wäre er nur zu diesem Zweck auf die Welt gekommen. Er griff fest in ihre mächtigen Hinterbacken, die sie ihm willig entgegenreckte, während sie selbst Valentins Geschlechtsteil mit dem Mund verwöhnte.

Dominik war noch nie so völlig losgelöst gewesen. Alle Ängste, alle Überlegungen waren weg. Er hatte Sex noch nie so genossen. Vielleicht hatte er Sex noch nie genossen. Dies war keine Selbstbestätigung, kein Machtkampf, keine Pflichtübung.

Valentin grinste ihn an, und Dominik grinste zurück. Der Junge stand auf und stellte sich breitbeinig über das genüsslich seufzende Mädchen. Sein pralles Geschlechtsteil zitterte vor Dominiks Gesicht.

Der lachte gespielt höhnisch.

„Denkst du vielleicht, du machst mir Angst?“

Und schon war sein Mund weit offen und seine Lippen wurden gedehnt, und er wusste genau, dass er das von Anfang an gewollt hatte. Es schmeckte interessant und fühlte sich an wie... wie... nein, es gab keinen Vergleich. Darum ging es ja beim Sex.

 

Irgendwann war es vorbei.

Eva und Dominik teilten sich eine „Glückstreffer“, aber Valentin rauchte nicht. Er war wirklich ein komischer Kauz. Sie redeten über Musik und TV-Shows, über Computer und merkwürdigerweise über Schirmständer, nur nicht über Sex.

Dominik wurde freilich immer stiller.

Ach, Scheiße. Oh fuck, oh Mist, oh du heilige Scheiße.

Eva und Valentin zankten sich um einen Teil der Decke, die für drei natürlich zu klein war.

Oh Gott! Oh verfluchte abgefickte Nashornkacke!

Eva bot ihm noch einen Zug an, er lehnte ab. Wo war er stehengeblieben? Ach ja: Scheiße! Ich hab - oh fuck! Ich hab tatsächlich - shit!

Valentin stand auf und schwenkte fröhlich seinen halbsteifen Penis herum.

„Ich geh duschen. Will jemand mit?“ grinste er Dominik an.

Der sprang auf, als läge Uschi Glas im Bett. Er schnappte sich seine Klamotten und zog sich hastigst an. Er brauchte ungefähr dreißig Sekunden, bis er den verdutzten beiden voll angezogen mitteilte: „Tut mir leid, ich hab was vergessen, ich muss dringend weg! Bis dann!“

Und raus war er.

Eva und Valentin sahen sich an. Sie lachten los, und Valentin ließ sich amüsiert aufs Bett fallen, beide legten einen kurzen Ringkampf hin und küssten sich genüsslich. Wieder bei Atem kicherte Eva: „Na, das ging ja fix.“

„Hab mich schon gefragt, wie lange er braucht, bis er durchdreht“, sagte Valentin.

„Ich hätte nie geglaubt, dass er überhaupt mitmacht.“

„Ich war schon lange scharf auf ihn“, grinste Valentin, „er hat so was Machohaftes, Bulliges, so ein richtig blödes, geiles Tier.“

„Dein Plan hat jedenfalls geklappt, das ist fast unglaublich.“

„Ich wär fast nicht rechtzeitig im Café gewesen. Er ist früher dagewesen als sonst üblich. Ich hab extra diese Kellnerin angehauen, damit sie mir sagt, wann er in der Regel auftaucht, und dann kommt der so spät.“

Eva kniff ihm in den Po. „Geplant wie eine militärische Operation. Wie wollen wir sie nennen? Operation Wüstenschwanz?“

„Gott, bist du sexistisch. Wir Männer haben ja wohl noch andere Qualitäten.“

„Ja? Lass mich überlegen...“

„Ach, halt die Klappe. Kommst du mit duschen?“

„Klar. Ich bin ganz schön zerzaust. Ich liiiiieeeebe das.“

Als sie sich unter der Brause gegenseitig einseiften, fiel Eva noch eine Frage ein: „Was machen wir denn, wenn wir ihm bei ’ner Vorlesung begegnen?“

„Keine Ahnung. Aber meine Hose bleibt zu. Der Typ kann einfach nicht gut lutschen.“

„Ach, das tut mir aber leid...“

Sprach Eva, und glitt langsam nach unten.

 

 

Eins

 

Auch möchte ich bemerken, dass ich während der Ausarbeitung ständig darauf Bedacht nahm, ein für die Allgemeinheit wertvolles Werk zu schaffen.

 

Edgar Allan Poe über den Raben

 

 

Eva und Valentin hatten sich am Anfang des Sommersemesters 1999 kennengelernt. Bei einer Einführungsvorlesung in Soziologie saßen sie nebeneinander und langweilten sich fürstlich. Wie alle anderen auch waren sie eingeschüchtert, nervös und fühlten sich isoliert. Die Kölner Uni war sehr groß, man kam sich verloren vor. So gingen sie zusammen in die Mensa und saßen am gleichen Tisch, setzten sich in Seminaren und Vorlesungen zusammen und halfen sich gegenseitig. Sie gingen zusammen weg, in Kino, Kneipen und Kaufhof. Eva zeigte Valentin die Stadt, denn er lebte erst seit kurzem in Köln. Vorher war er in Bochum stationiert gewesen, wo es nett war, aber er wollte nicht sein ganzes Leben an einem Ort verbringen.

Es war im Nachhinein komisch, dass sie erst nach einem Monat zusammen im Bett gelandet waren. Es lag wohl daran, dass Eva damals wenig von ihrem Körper hielt, und Valentin ihr viel zu hübsch zu sein schien, um auf sie zu stehen. Sex war für sie beide sowieso ein sehr abstraktes Thema. Nicht dass sie Jungfrau war, aber ihre wenigen Erfahrungen waren alle nicht so berauschend gewesen, und so hatte sie sich im Grunde entschlossen, sich anderen Dingen zu widmen als dieser albernen, menschenunwürdigen Kopuliererei.

Valentin war erfahrener, wenn auch nicht der Deckhengst von der Zuchtkoppel. Eine Weile hatte er sich für schwul gehalten und auch Erfahrungen auf dem Gebiet gesammelt, aber eine Errungenschaft namens „Brüste“ trieb ihn dann doch wieder in die Arme der Frauen. Speziell ältere Frauen kreuzten immer wieder seine Geschlechtsorgane. Nicht weil er per se auf ältere Frauen stand, sondern weil sich das so ergab.

Er war eine Woche mit Eva befreundet, bis ihm zum ersten Mal auffiel, wie hübsch sie war. Eine weitere Woche verging, bis er sie sexy fand. Und eine dritte Woche zog ins Land, bis er die ersten Versuche unternahm. Und eine vierte, bis sie Ja sagte.

Die Wochen danach kamen sie beide kaum aus dem Bett. Sie waren elektrisiert, wie einfach das alles war, was ihnen vorher Angst und Komplexe beschert hatte. Wieso ging plötzlich alles so leicht? Sie dachten nicht darüber nach. Wenn sie einer gefragt hätte, ob sie ein Paar waren, hätten sie das belustigt von sich gewiesen. Sie waren genauso sehr ein Paar wie Ernie und Bert. Sie waren nicht fest zusammen. Sie waren nicht nur Freunde. Sie hielten nicht Händchen. Aber sie waren gerne zusammen, besonders im Bett. Sie hatten Spaß miteinander. Warum das totdefinieren?

 

Die Vorlesung war fast zu Ende. Professor Kalmus fand mal wieder kein Ende, aber das war in Ordnung. Es machte tatsächlich Spaß, dem Mann zuzuhören. Kalmus war beliebt bei allen Studenten, und das hatte einen einfachen Grund: Er unternahm nicht den geringsten Versuch, sich mit ihnen auf eine Stufe zu stellen. Er trug niemals irgendwelche jugendliche Kleidung, sondern seine netten altmodischen Anzüge mit Lederflecken an den Ärmeln. Er redete wie ein Erwachsener, Worte wie „hip“, „abgefuckt“ oder „voll geil“ kamen ihm nicht über die Lippen, höchstens auf ironischer Basis. Er gab nicht vor, irgendwelche Gruppen oder Sänger der Neunziger zu kennen und machte sich auch keine Mühe, das zu ändern. Er wollte den jungen Leuten nicht ihre Kultur stehlen. Allein dafür trugen ihn die Studenten auf einem Schild durch ihr Dorf.

Trotzdem interessierte er sich für seine Studentenschaft. Er führte Gespräche mit ihnen, auch über private Dinge. Er wollte möglichst viel wissen über diese neue Generation von Menschen, das merkte man, schließlich war es in gewisser Weise sein Beruf, sie zu verstehen. Ob er das tat, war unklar.

„...aber was rede ich da, das wissen Sie alles. Schnee von gestern. Vergessen Sie’s, ich hab nur wieder rumdoziert“, sprach er gerade.

Eva grinste Valentin an. Sie liebten es beide, wenn Kalmus den Faden verlor und es erst nach vierzig Minuten bemerkte. Niemand kam auf die Idee, ihn zu unterbrechen. Wenn er es dann schließlich merkte, zuckte er einfach mit den Schultern und hörte abrupt auf. Valentin grinste zurück. Dominik war nicht bei der Vorlesung. Vielleicht hatte er gleich die Uni gewechselt.

„Ich wollte sowieso noch etwas anderes ansprechen. Ich habe da ein Anliegen.“

Alle horchten auf. Kalmus stand am Rednerpult und nahm seine kleine Brille ab, rieb sich die Augen, die anscheinend im Laufe der Jahre durch die Brillenstrahlung geschrumpft waren. Wie alt er wohl war? Er sah aus wie Anfang sechzig, aber Valentin hatte den Verdacht, dass er sich absichtlich älter machte, um Autorität auszustrahlen oder so was in der Art. Das war ihm zuzutrauen.

Kalmus lächelte spitzmäusisch und setzte die Brille wieder auf.

„Wie Sie alle wissen, habe ich mehrere Abhandlungen veröffentlicht, über die jungen Generationen der Siebziger und Achtziger Jahre. Sie fanden sehr viel Beifall. Sie waren schlicht brillant. Aber was rede ich da, Sie wissen das alles.“

Allgemeines Gefeixe. Tatsächlich waren seine Aufsätze in Fachkreisen berühmt. Er hatte ungefähr ein Dutzend neuer Fachbegriffe eingeführt, die er allerdings in seinen Kursen nie benutzte. Dafür bekam man Sonderpunkte, wenn sie von einem Studenten angebracht wurden.

„Und nun, an meinem Lebensnachmittag, möchte ich mich der Generation der Neunziger zuwenden. Ihrer Generation, meine Lieben.“

Oh je, dachte Valentin. Viel Spaß.

„Ich habe bereits einige Basisstudien durchgeführt, muss aber leider sagen...“ Er räusperte sich verlegen. „Nun, ich komme nicht so recht weiter. Tappe im Dunkeln. Stehe vor einem Rätsel pyramidonalen Ausmaßes.“

Alle waren peinlich berührt. Es machte sie verlegen, dass Kalmus nichts mit ihresgleichen anzufangen wusste. Über die Gründe dafür hatte jeder so seine eigenen Vorstellungen, sie reichten von „Ja, was soll man auch sagen über unsere hohle Gaga-Generation“ bis zu „Was weiß denn der alte Sack schon über uns?“

„Ich habe den Eindruck“, fuhr Kalmus fort, „dass alle empirischen Methoden, die ich bisher so erfolgreich angewandt habe, bei dieser Altersstufe kein wirklich repräsentatives Bild ermöglichen. Ich erkenne immer nur Bruchstücke, die in keiner Verbindung zueinander stehen. Ich muss gestehen, ich weiß nicht weiter. Ich möchte Sie bitten, mir zu helfen.“

Er sah auf die Uhr. Die offizielle Vorlesungszeit war abgelaufen.

„Die Zeit ist um. Wer daran interessiert ist, mir bei meinen Nachforschungen zu helfen, möge bitte bleiben. Ansonsten: Bis nächste Woche.“

Was sollte man sagen? Er herrschte ein großartiges Wetter draußen, es war die letzte Stunde für die meisten, und außerdem hat ja jeder Spaß seine Grenzen. Alle Studenten verließen gemessenen Schrittes den Vorlesungssaal. Bis auf zwei.

„Tja, Herr Konz, Frau Riebling. Es sieht so aus, als wären wir ein sehr elitärer kleiner Geheimzirkel.“

Valentin und Eva gingen grinsend nach vorne zu dem kleinen Schreibtisch, an den sich der Professor gesetzt hatte, und senkten ihre Gesäße in zwei Sitzen daneben.

Hören wir uns mal an, was uns das ganze bringt, überlegte Valentin. Eva dachte wortwörtlich dasselbe. Sie schrieb „Ganze“ allerdings groß.

„Ich fürchte, ich bin von Ihrer Altersgruppe einfach zu weit entfernt, um sie wirklich verstehen zu können“, fing Kalmus an.

„Wie alt sind Sie eigentlich?“ Eva konnte nicht anders. Kalmus lächelte amüsiert.

„Zu alt für Sie, Fräulein Riebling. Wie dem auch sei: Ihre Generation gibt mir Rätsel auf. Jedes Mal wenn ich glaube, ich hätte einen gemeinsamen Punkt gefunden, der den größten Teil der Neunziger Jugend vereinigt, stelle ich fest, dass das nur eine Täuschung war. Das gilt sowohl für Musik, als auch für Kleidung und andere Modeerscheinungen. Und ganz besonders für Ihr Weltbild.“

„Ach, haben wir so was?“

„Interessanter Einwurf, Herr Konz, ganz recht. Diese Frage hat eine gewisse Berechtigung. Ich bin sicher, es gibt eine Menge Leute, auch Kollegen von mir, die diese Frage ohne Zögern verneinen würden.“

Valentin wurde rot. Er schämte sich abgrundtief, wenn er etwas Blödes sagte, nur um witzig zu sein. Er hätte daher einen sehr erfolglosen TV-Comedian abgegeben.

„Ich jedoch tue das nicht“, versicherte Kalmus. „Ich habe mein gesamtes Berufsleben der Erkenntnis gewidmet, dass Menschen, die in demselben Land zur selben Zeit aufwachsen, etwas haben, das sie verbindet. Wenn sich das als Irrtum herausstellt, kann ich meinen Beruf an den Nagel hängen.“

Er meinte das ernst, das war den beiden Studenten klar.

„Wie können wir Ihnen helfen?“

„Frau Riebling, ich brauche einfach Informanten. Agenten. Spione. Ich brauche Leute, die Insiderwissen weitergeben. Ich brauche junge Leute, die ihre eigene Generation unter die Lupe nehmen, aus nächster Nähe. Ich rede nicht von der sogenannten Szene oder von der Art medienwirksamer Chaoten und drogensüchtiger Endzeitphilosophen, die uns ständig als Beispiele für den Jahrgang ’99 angedient werden. Ich will wissen, wie die breite Masse dieser jungen Leute denkt und fühlt.“

Ist doch ganz einfach, dachte Valentin bitter, Ey voll Fun hier, geiles Outfit, alle Macht den Doofen. Noch Fragen?

Kalmus fuhr fort: „Möglicherweise ist das Ergebnis ganz banal. Vielleicht hat es einfach nichts auf sich mit diesem Jahrgang, und es lohnt sich gar nicht, über ihn nachzudenken.“

Bingo, stimmte Eva leise zu. Wenn der wüsste, was eine Daily Soap ist, würde er das Projekt sofort begraben und sich schaudernd in den Ruhestand begeben.

„Vielleicht...“ sinnierte Kalmus, und jetzt schien er hellwach und hochkonzentriert, „...vielleicht aber doch. Vielleicht stellt sich heraus, dass mehr hinter diesen Leuten zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig steckt, die eines Tages die Welt regieren werden. Ich kann das nur hoffen. Vielleicht machen wir eine spannende Entdeckung, die endlich Licht ins Dunkel bringt!“

Der Vortrag war beendet. Eva und Valentin sahen ihn etwas mitleidig an, was ihm aber nichts auszumachen schien.

„Wenn Ihnen diese Studie sinnlos erscheint, so sagen Sie es ruhig. Aber wenn Sie mir helfen wollen, haben Sie Ihre Scheine für dieses Semester fertig, und im nächsten können Sie es ruhig angehen lassen.“

Das klang schon interessanter.

„Also, ich bin schon daran interessiert“, sagte Eva und sah Valentin unsicher an. Der lächelte ergeben. Er wusste genau, dass das alles Zeitverschwendung war, aber vermutlich ging es nicht um allzu viel Zeit. Und sie wären für das gesamte Semester fertig. Und hätten beim Prof einen Stein im Brett, was immer das auch bedeuten mochte.

„Okay, ich bin dabei.“

„Prächtig“, strahlte Kalmus. Er klatschte begeistert in die Hände. „Betrachten Sie sich als offizielle Spione im Dienste der Soziologie.“

Er holte aus seiner Aktentasche eine Mappe hervor und entnahm ihr zwei Ausgaben eines Arbeitsblatts.

„Hier habe ich die wesentlichen Punkte nochmal aufgeführt. Fühlen Sie sich ganz frei, entscheiden Sie selbst, wann Sie was auf welche Weise angehen. Die Aufgabenstellung ist folgendermaßen zusammengefasst: Untersuchen Sie die normalen Probleme durchschnittlicher junger Leute. Haben Sie keine Angst vor Banalität. Sie müssen mich nicht beeindrucken. Mich interessiert nur die Wahrheit.“

 

Grübelnd trotteten Valentin und Eva in Richtung Ausgang. Sie überflogen das Arbeitsblatt und machten sich so ihre Gedanken.

„Was hältst du davon?“

Valentin antwortete nicht gleich.

„Eva, hast du Angst vor Banalität?“

Das Mädchen überlegte.

„Ja.“

„Ich auch. Aber ich habe das Gefühl, damit sind wir in unserer Generation“ (er sprach das Wort etwas kapriziös aus, weil er es nicht mochte) „ziemlich allein.“

„Übertreib nicht. Wir sind doch nicht die einzigen intelligenten Lebewesen unter sechsundzwanzig. Da gibt’s mindestens noch zwei oder drei Dutzend andere.“

„Ich schätze deinen Optimismus. Aber trotzdem: Das Ergebnis dieser Studie ist ja wohl jetzt schon klar, oder?“

Eva seufzte.

„Ja, wahrscheinlich. Komm, ich hab Hunger.“

 

 

Zwei

 

Der Name der Stadt ist so gleichgültig wie ihre Geschichte, die lediglich für den Tourismus, also aus kommerziellen Gründen, interessant ist. Im Übrigen könnte sie Duisburg, Essen oder Stuttgart heißen, und sie ist wie alle Städte für die Autos und die Autofahrer da...

 

Heinrich Böll über Köln

 

 

Sie entschieden sich gegen die Mensa und fuhren mit der Bahn in die Kölner Innenstadt. Die Kölner sind in dem tiefen Aberglauben verwurzelt, ihre Stadt sei eine Metropole, weshalb sie im Laufe der Jahrzehnte jeden freien Platz in der City konsequent zugebaut haben. Offenbar hält man dichtes Gedränge, unübersichtliche Wege und apokalyptische Verkehrsprobleme für untrügliche Weltstadt-Indikatoren. Auf Immigranten wie Valentin machte Köln vor allem den Eindruck einer mittleren Großstadt, die von geltungssüchtigen Provinz-Idioten regiert wurde. Auch nach einem etwas kuriosen Machtwechsel im Rathaus hatte sich das nicht gebessert. Eher im Gegentum.

Mit verwirrter Wut, die nie erlahmte, betrachtete Valentin den Verkehr um den Neumarkt herum, der sämtlichen Gesetzen der Logik standzuhalten schien.

„Mein Gott, wieso zum Schwanz fahren Autos um den Neumarkt rum? Wozu? Und dann auch noch durch die halbe Fuzo! Ich meine, da führen Straßen durch die Fußgängerzone! Was soll das?“

Eva verdrehte die Augen. Es war ständig dasselbe mit Valentin, wenn sie mit ihm durch die Innenstadt ging. Über alles musste er sich aufregen. Er war wirklich kein Kölner.

Sie wählten das kleine Eck-Lokal auf der Südseite des Neumarkts. Nicht besonders trendy, aber gutes Essen. Vor allem auch um die Mittagszeit nie besonders voll. Sie platzierten sich in einer gemütlichen Nische.

„Du verstehst das nicht“, nörgelte Valentin weiter. „Du bist dein Leben lang in Köln gewesen, da stumpft man mit der Zeit ab. Für mich ist es eine Qual. Was die Stadtplaner hier tagtäglich verbrechen! Was für Ausdünstungen der Debilität die KVB ausschwitzt, um ihren Fahrgästen das Leben zur Hölle zu machen! Diese schamlose Ausbeutung und Knechtschaft der gesamten rechten Rheinseite, das schafft mich einfach! Wie bescheuert muss man eigentlich sein, um...“

„Hallo! Was kann ich euch bringen?“

Eva und Valentin sahen hoch.

Oh mein Gott! dachte Eva.

Ach du heilige Scheiße! dachte Valentin.

Sie brauchten nur eine Sekunde, um sich zu fassen, aber die war schon peinlich genug. Sie hatten diesen Kellner noch nie hier gesehen, sicher war er erst ganz kurz hier. Er lächelte sie an, ein perfektes Lächeln, das besonders Eva galt. Die wurde sofort rot, und auch Valentin spürte Temperaturschwankungen. Der junge Mann sah aus wie die Reinkarnation eines römischen Gottes. Allerdings nicht Bacchus oder Jupiter, sondern eher der Gott des Multiorgasmus.

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